Fünf Frauen. Ein Geheimnis.
Fünf Frauen. Ein Geheimnis.
Nach dem Abendessen füllte sich der Korridor vor dem Schulleiterturm nach und nach mit vertrauten Schritten. Der Wasserspeier ließ sie ohne Umschweife passieren, als hätte auch er verstanden, dass es heute nicht um Belanglosigkeiten ging.
Irina war die Erste, die Minervas Büro betrat, die Arme locker verschränkt, der Blick wachsam. Kurz darauf folgten Pomona und Poppy, leiser, aber nicht weniger aufmerksam. Hermine schloss die Tür hinter ihnen und blieb zunächst in Minervas Nähe stehen. Einen Moment lang sagte niemand etwas.
Minerva trat schließlich hinter ihrem Schreibtisch hervor, die Hände locker ineinandergelegt. Ihre Stimme war ruhig, kontrolliert, doch alle im Raum kannten sie gut genug, um zu wissen, wie viel es sie kostete.
„Danke, dass ihr gekommen seid.“
Sie sah jede von ihnen einzeln an.
„Hermine und ich brauchen eure Hilfe.“
Poppy verzog keine Miene der Überraschung. Stattdessen nickte sie sofort.
„Das ist keine Frage, Minerva. Ihr wisst, dass ihr auf uns zählen könnt.“
Ein sanftes, aber entschiedenes Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Immer.“
Pomona schloss sich dem Nicken an, verschränkte die Hände vor der Brust.
„Ganz genau. Was auch immer los ist, wir stehen hinter euch beiden.“
Hermine spürte, wie sich etwas in ihrer Brust löste, ein Knoten, den sie kaum bemerkt hatte. Sie warf Minerva einen kurzen Blick zu, und für einen Augenblick lag unausgesprochene Dankbarkeit zwischen ihnen.
Irina hingegen hatte sich inzwischen an den Rand eines Stuhls gelehnt, ein Bein locker über das andere geschlagen. Sie musterte die Szene mit einem kaum verhohlenen Amüsement, ein schiefes Grinsen auf den Lippen.
„Ich dachte mir schon, dass das passiert“, sagte sie schließlich. „Früher oder später.“
Ihr Blick wanderte zwischen Minerva und Hermine hin und her.
„Ihr seid nicht gerade subtil, wenn man weiß, worauf man achten muss.“
Minerva hob eine Augenbraue.
„Das soll was heißen?“
Irinas Grinsen wurde breiter.
„Dass ich damit gerechnet habe, dass ihr aktiv werdet. Und dass ihr Hilfe brauchen würdet.“
Sie richtete sich etwas auf.
„Wir wissen alle Bescheid. Edmund spielt ein gefährliches Spiel und ihr seid nicht die Sorte Menschen, die einfach abwarten.“
Ein leises, trockenes Lachen entwich Minerva.
„Das nehme ich jetzt einfach mal als Kompliment.“
„Ist es auch“, erwiderte Irina.
Dann wurde ihr Blick ernster.
„Also. Was genau braucht ihr von uns?“
Minerva atmete einmal tief durch.
„Diskretion. Aufmerksamkeit. Und—“ sie sah zu Hermine „—kluge Köpfe.“
Hermine nickte.
„Featherstone hat etwas in der Hand, das er nicht haben dürfte und wir müssen herausfinden, wo es ist, bevor er es benutzt.“
Der Raum wurde stiller. Keine der Frauen wirkte abgeschreckt – im Gegenteil.
Was auch immer Minerva als Nächstes sagen würde, sie war nicht allein und das wusste nun jede von ihnen.
Minerva nickte langsam und atmete noch einmal tief durch, als würde sie sich innerlich sammeln.
„Es geht um die Briefe des Ministeriums“, begann sie ruhig. „Ihr wisst, dass ich dort bereits vorgeladen war. Und jetzt…“ Sie zögerte kurz. „Jetzt wird weiter geprüft. Es wird sehr wahrscheinlich eine Anhörung hier in Hogwarts geben. Mit Befragungen. Nicht nur von mir.“
Poppys Stirn legte sich in Falten.
„Also hat er etwas, womit er euch unter Druck setzen kann oder womit er dem Ministerium etwas in die Hand gibt.“
„Genau das“, sagte Minerva. „Und ich will verhindern, dass er dieses Etwas noch hat, wenn sie hier auftauchen.“
Pomona verschränkte die Arme.
„Was genau hat Featherstone denn in der Hand?“
Minerva schwieg. Nicht aus Unwillen, sondern weil die Worte schwerer waren, als sie erwartet hatte. Ihr Blick glitt kurz zu Hermine und sie verstand sofort. Sie atmete einmal tief ein und übernahm.
„Fotos.“
Alle drei sahen sie nun an. Poppy runzelte die Stirn.
„Welche Fotos?“
Hermine zögerte einen Sekundenbruchteil, dann sagte sie offen:
„Minerva und ich haben vor einiger Zeit ein geheimes Wochenende zusammen verbracht.“
Einen Moment lang herrschte Stille und ein kleines Lächeln umspielte die Lippen der Frauen.
Dann hob Pomona langsam den Kopf.
„Das… erklärt eure gleichzeitige Abwesenheit.“
Poppy nickte langsam.
„Ich hatte mich schon gewundert, warum ihr beide plötzlich so… gleichzeitig unauffindbar wart.“
„Tut nicht so“, meinte Hermine leicht lächelnd. „Ihr drei wusstet es doch ganz genau.“
Irinas Mundwinkel zuckten.
„Ich hab’s mir gedacht“, murmelte sie trocken.
Hermine fuhr fort: „Wir haben von diesem Wochenende zwei Fotos mitgebracht. Nichts, was für irgendwen bestimmt war. Sie lagen in Minervas Schreibtisch.“ Ihr Blick wurde härter. „Und Featherstone war allein in ihrem Büro. Kurz danach waren sie weg.“
Minervas Hände hatten sich unbewusst zu Fäusten geballt.
„Er hat sie gestohlen und er weiß genau, was sie bedeuten würden, wenn sie beim Ministerium landen.“
Poppy atmete scharf aus.
„Das ist… niederträchtig.“
Pomona schüttelte den Kopf.
„Und gefährlich.“
Irina lehnte sich ein wenig weiter nach vorne, der Ausdruck in ihrem Gesicht jetzt völlig ernst.
„Also haben wir ein klares Ziel: Diese Fotos finden und zurückholen, bevor er sie benutzt.“
Hermine nickte. „Genau.“
Minerva sah in die Runde.
„Und genau dafür brauche ich euch. Denn allein kommen wir da nicht ran und wir dürfen uns keinen Fehler erlauben.“
Einen Moment lang sagte niemand etwas. Dann legte Poppy ruhig ihre Hand auf Minervas Unterarm.
„Ihr seid nicht allein.“
Pomona nickte zustimmend. „Ganz sicher nicht.“
Und Irina lächelte schmal.
„Gut. Dann lasst uns mal sehen, wie man einem selbstgefälligen Idioten den Boden unter den Füßen wegzieht.“
Einen Moment lang herrschte konzentrierte Stille im Büro. Minerva beschwor ein paar gemütliche Sessel herauf und ließ ihre Kolleginnen Platz nehmen. Sie selbst trat wieder hinter ihren Schreibtisch, stützte sich mit beiden Händen darauf ab und sah in die Runde.
„Also“, sagte sie ruhig, „wir müssen zwei Dinge gleichzeitig erreichen: Featherstone muss abgelenkt sein und jemand muss in dieser Zeit unauffällig an seine Aktentasche kommen. Wir glauben nämlich, dass er die Fotos mit sich herumträgt.“
„Das ist der Knackpunkt“, warf Hermine ein. „Er lässt sie nie aus den Augen. Nicht im Unterricht, nicht im Gang, nicht einmal beim Essen. Er hält sie, als hinge sein Leben daran.“
„Was es ja gewissermaßen tut“, murmelte Pomona trocken.
Poppy schüttelte langsam den Kopf.
„Solange die Tasche bei ihm ist, kommen wir nicht an die Fotos. Wir brauchen einen Moment, in dem er sie aus der Hand geben muss.“
Irina lehnte sich zurück, verschränkte die Arme und dachte sichtbar nach.
„Featherstone ist nicht dumm. Wenn wir zu offensichtlich vorgehen, merkt er es sofort.“ Sie sah Hermine an. „Aber er ist auch eitel. Und impulsiv.“
Hermine nickte.
„Genau das ist das Problem und vielleicht auch unsere Chance.“
Sie fuhr sich nachdenklich durchs Haar.
„Aber selbst wenn wir ihn in ein Gespräch verwickeln oder provozieren… er wird die Tasche nicht einfach abstellen.“
„Nicht freiwillig“, sagte Minerva leise.
Alle Augen richteten sich auf sie.
„Aber es gibt Situationen“, fuhr sie fort, „in denen selbst jemand wie Featherstone gezwungen ist, sie aus der Hand zu legen.“
Poppy hob fragend die Augenbrauen.
„Zum Beispiel?“
Minerva sah zu Irina.
„Legilimentik ist ausgeschlossen. Zu riskant.“
Irina nickte sofort.
„Ein zweites Mal in kurzer Zeit würde er bemerken und dann eskaliert alles.“
Pomona überlegte laut: „Ein offizielles Gespräch? Eine Vorladung? Wenn er glaubt, er müsse sich rechtfertigen…“
„Dann würde er die Tasche mitnehmen“, widersprach Hermine sofort. „Gerade dann.“
Wieder Stille. Dann schnippte Irina plötzlich mit den Fingern.
„Unterricht.“
Alle sahen sie an.
„Denkt darüber nach“, sagte sie ruhig. „Es gibt Orte in Hogwarts, an denen er die Tasche nicht bei sich haben darf. Labore oder andere bestimmte Klassenzimmer. Es gibt Sicherheitsauflagen.“
Poppys Augen begannen zu leuchten.
„Zum Beispiel bei Zaubertränke.“
Hermine hob langsam den Kopf.
„Keine offenen Taschen wegen der Dämpfe, alles muss aus dem Weg geräumt sein, um stolpern oder Unfälle zu vermeiden…“
Pomona nickte.
„Und wenn ein Kollege offiziell darauf besteht – aus Sicherheitsgründen – kann er sich kaum weigern, ohne Verdacht zu erregen.“
Minervas Blick wurde scharf, fokussiert.
„Das wäre keine Lüge. Das wäre eine Regel.“
Hermine atmete langsam aus.
„Dann brauchen wir nur noch zwei Dinge: den richtigen Zeitpunkt…“
Sie sah in die Runde.
„…und jemanden, der schnell genug ist.“
Irina grinste schief.
„Oh, Minerva“, sagte sie leise. „Ich glaube, wir kommen der Sache näher.“
Und während sich über dem Schreibtisch erste konkrete Ideen formten, wusste jede von ihnen:
Der nächste Schritt würde riskant sein, aber zum ersten Mal seit Tagen lag die Kontrolle nicht mehr bei Featherstone.
Hermine hielt kurz inne. Ihr Blick wanderte kurz über den Schreibtisch, dann zurück in die Runde.
„Moment“, sagte sie langsam. „So einfach ist das nicht.“
Alle sahen sie an.
„Wenn wir das über Zaubertränke machen wollen, führt kein Weg daran vorbei, Slughorn einzuweihen“, fuhr sie fort. „Es wäre viel zu auffällig, wenn ich ihm plötzlich sage, Featherstone müsse seine Tasche draußen lassen. Das wirft sofort Fragen auf. Außerdem, welchen Grund hätte er denn, um in meinen Unterricht zu kommen?“
Minerva verzog leicht das Gesicht. Sie wusste, dass Hermine recht hatte.
„Leider ja“, sagte sie schließlich. „Horace würde misstrauisch werden und Misstrauen ist in dieser Situation das Letzte, was wir brauchen.“
Poppy seufzte leise.
„Aber Horace einzuweihen…“
„…kommt nicht infrage“, beendete Minerva den Satz bestimmt. „Er ist kein schlechter Mensch. Im Gegenteil, aber er redet. Nicht aus Bosheit, sondern weil er es nicht lassen kann.“
Irina schnaubte trocken.
„Ein wandelnder Klatschkessel.“
Pomona nickte zustimmend.
„Spätestens beim zweiten Glas Met wüsste halb Hogwarts davon.“
Hermine rieb sich nachdenklich die Schläfe.
„Also fällt Zaubertränke in dieser Form raus.“
Einen Moment lang herrschte wieder Stille, schwerer diesmal. Der Plan hatte gerade an Schwung verloren. Minerva trat ein paar Schritte im Raum auf und ab.
„Wir brauchen einen Ort oder eine Situation, in der Featherstone gezwungen ist, die Tasche aus der Hand zu legen, ohne dass jemand etwas hinterfragt.“
Poppy hob langsam einen Finger.
„Medizinische Gründe.“
Alle sahen sie an.
„Nicht krank im klassischen Sinne“, erklärte sie ruhig. „Aber wenn ein Lehrer offiziell untersucht werden muss… Zum Beispiel wegen eines Zwischenfalls. Sicherheitsprotokoll.“
Irina runzelte die Stirn.
„Das müsste glaubwürdig sein.“
Pomona überlegte laut.
„Oder eine magische Störung. Etwas, das Aufmerksamkeit erfordert. Chaos, aber kontrolliert.“
Hermine sah Minerva an.
„Ohne weitere Personen einzuweihen.“
Minerva blieb stehen. Ihr Blick wurde scharf, berechnend.
„Hogwarts bietet genug Ablenkungen“, sagte sie leise. „Die Frage ist nur, welche davon wir lenken können.“
Irina grinste langsam.
„Ich kenne da ein paar sehr überzeugende Ablenkungszauber.“
Poppy hob warnend die Hand.
„Nichts, was Schüler gefährdet. Ich bin nicht scharf darauf, den Krankenflügel voller Kinder zu haben, die durch einen 'Zwischenfall' erkrankt sind.“
„Selbstverständlich nicht“, erwiderte Minerva sofort.
Hermine atmete tief durch. Sie sah in die Runde, eine nach der anderen.
„Dann muss es etwas sein, das Featherstone ernst nimmt… ohne zu merken, dass er geführt wird.“
Für einen Moment lag Spannung in der Luft. Dann sagte Pomona leise:
„Was, wenn er glaubt, dass er die Kontrolle hat und sie genau in diesem Moment verliert?“
Minervas Mundwinkel hoben sich minimal.
„Dann“, sagte sie ruhig, „machen wir es erst recht so.“
Und der Plan begann, eine neue, gefährlich elegante Form anzunehmen. Irina hob leicht das Kinn, ein Ausdruck stiller Zufriedenheit in ihrem Gesicht.
„Gut“, sagte sie ruhig. „Dann spreche ich es aus.“
Alle Augen richteten sich auf sie.
„Ich kenne mehrere Ablenkungszauber, die stark genug sind, um eine magische Unregelmäßigkeit vorzutäuschen. Es ist nichts Gefährliches und nichts Dauerhaftes“, erklärte sie. „Aber überzeugend genug, dass man aus reiner Vorsicht entscheidet, alle Lehrkräfte kurz medizinisch zu überprüfen. Rein routinemäßig, versteht sich.“
Pomona zog eine Augenbraue hoch.
„Alle Lehrkräfte.“
Irina grinste schief.
„Natürlich. Wenn nur er untersucht wird, können wir ihn auch gleich auf eine Tasse Tee einladen, um ihm die Tasche zu klauen.“
Hermine verschränkte die Arme, dachte kurz nach und nickte dann langsam.
„Ja, wir müssen es alle tun. Das würde erklären, warum niemand ausgeschlossen wird. Featherstone könnte keinen Verdacht schöpfen, wenn es alle betrifft.“
Minerva wandte sich nun zu Poppy. Ihr Blick war ernst, offen, ohne Druck.
„Poppy“, sagte sie ruhig, „ich muss dich das fragen, auch wenn ich die Antwort zu kennen glaube. Bist du wirklich bereit, da mitzumachen? Das hier bewegt sich… nahe an einer Grenze.“
Poppy zögerte keine Sekunde. Sie richtete sich etwas auf und sah Minerva fest an.
„Minerva, ich arbeite seit Jahrzehnten in dieser Schule. Ich habe Kinder zusammengeflickt, Lehrer aus dem Krankenflügel gezerrt und mehr politische Dummheiten des Ministeriums gesehen, als mir lieb ist.“
Ein leises, aber entschiedenes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.
„Wenn ein Kollege seine Position missbraucht, um zu bedrohen und zu diskriminieren, dann ist das keine Grenze mehr. Dann ist es meine Pflicht.“
Minerva nickte und wandte sich Pomona und Irina zu.
„Und ihr seid auch bereit dazu?“
Die beiden Hexen lächelten und nickten
„Danke.“
Pomona seufzte leise.
„Gut. Also eine offizielle Untersuchung. Poppy übernimmt. Irina sorgt für den Auslöser.“
Hermine sah zwischen ihnen hin und her.
„Und während Featherstone untersucht wird…“
„…ist die Aktentasche unbeaufsichtigt“, beendete Irina den Satz ruhig. „Zumindest für einen Moment.“
Minerva schloss kurz die Augen, dann öffnete sie sie wieder.
„Dieser Moment muss reichen.“
Hermine trat einen Schritt näher zu ihr und griff nach ihrer Hand, die sie kurz drückte.
„Er wird reichen.“
Für einen Augenblick herrschte Stille, keine angespannte, sondern eine entschlossene. Fünf Frauen, vereint durch Vertrauen, Loyalität und das Wissen, dass sie etwas Richtiges taten, auch wenn der Weg dorthin riskant war.
Irina klatschte leise in die Hände.
„Dann sollten wir uns an die Details machen. Zauber, Zeitpunkt, Reihenfolge.“
Poppy nickte.
„Und ich bereite alles so vor, dass es aussieht wie eine ganz normale, leicht übertriebene Vorsichtsmaßnahme.“
Minerva sah in die Runde.
„Niemand handelt allein. Niemand improvisiert. Wenn etwas schiefzugehen droht, brechen wir ab.“
Alle nickten und während draußen Hogwarts ruhig dalag, ahnte Featherstone nicht, dass sich das Netz bereits um ihn schloss – fein gesponnen, unsichtbar und geführt von Menschen, die er unterschätzt hatte.
„Wann wollen wir die Sache durchziehen?“, fragte Hermine.
Poppy hob nachdenklich den Blick.
„Wenn wir das tun, dann schlage ich vor, wir machen es am Montag. Nach dem Wochenende.“
Pomona verzog sofort das Gesicht.
„Das gibt Featherstone zwei volle Tage. Genug Zeit, um die Fotos an das Ministerium zu schicken.“
„Oder sogar heute Nacht“, warf Hermine schnaubend ein. „Er braucht dafür keine Erlaubnis und keinen besonderen Moment. Er könnte den Brief jede Sekunde losschicken.“
Minerva schloss kurz die Augen. Als sie sie wieder öffnete, lag darin keine Illusion mehr.
„Leider hat Hermine recht. Dieses Risiko besteht die ganze Zeit. Unabhängig davon, wann wir handeln.“
Sie sah in die Runde.
„Aber wir können nicht überstürzt vorgehen. Wenn wir Fehler machen, helfen wir ihm nur.“
Ein schwerer Moment folgte, dann sagte sie ruhig, fast nüchtern: „Wir müssen das Risiko eingehen und bis Montag warten.“
Niemand widersprach. Irina hingegen lehnte sich etwas zurück, ein amüsiertes Funkeln in den Augen.
„So schlecht ist das gar nicht“, meinte sie. „Wenn ich meine Zauber nicht alle auf einmal ausführe, wirkt es natürlicher. Kleine Unregelmäßigkeiten. Nach und nach. Niemand denkt dann an Absicht.“
Minerva musterte sie einen Moment lang genauer.
„Du klingst… auffallend begeistert. Es scheint mir, als hättest du viel zu viel Spaß daran, eine medizinische Untersuchung auszulösen.“
Irinas Grinsen wurde breiter.
„Erwischt.“
Pomona schüttelte belustigt den Kopf.
„Ich ahne Schlimmes.“
„Ach, kommt schon“, sagte Irina locker. „In meiner Jugend habe ich den einen oder anderen Zauber ausprobiert, der definitiv nicht im Lehrplan stand.“ Sie hob leicht die Schultern. „Jetzt kann ich endlich wieder auf dieses versteckte Talent zurückgreifen. Ganz offiziell. Beinahe.“
Poppy schnaubte leise.
„Das klingt ja sehr beruhigend.“
Minerva seufzte, aber ein kaum merkliches Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Ich erinnere dich daran, Irina, dass wir hier keine Bühne für kreative Selbstverwirklichung eröffnen.“
Irina hob unschuldig die Hände.
„Ich verspreche Zurückhaltung.“
Minerva warf ihr einen skeptischen Blick zu.
„Ich glaube kein Wort davon.“
„Du musst mir ja nicht glauben“, entgegnete Irina grinsend. „Nur mir vertrauen.“
Hermine grinste. Sie liebte Irinas Art. Minerva richtete sich wieder auf.
„Also gut. Montag. Bis dahin verhalten wir uns vollkommen normal. Keine Andeutungen, keine Provokationen.“
Ihr Blick blieb einen Moment länger auf Hermine liegen.
„Ganz besonders du.“
Hermine zog gespielt empört eine Augenbraue hoch.
„Ich bin der Inbegriff von Zurückhaltung.“
Minerva schüttelte resigniert den Kopf.
„Unverbesserlich.“
Ein leises Lachen ging durch den Raum. Zwar nur kurz und gedämpft, aber befreiend, doch trotz des Humors wussten alle:
Das Wochenende würde lang werden und der Montag würde entscheiden, ob ihr Plan aufging oder alles verloren war.