Auftakt
Auftakt
Es war still in Minervas Wohnung, eine dieser stillen Nächte, in denen selbst das Knistern des Kamins zu laut wirkte. Draußen lag Hogwarts ruhig und ahnungslos, doch hier drinnen war von Ruhe wenig zu spüren.
Hermine saß auf dem Sofa, ein Bein untergeschlagen, den Blick fest auf Minerva gerichtet. Minerva hingegen ging unablässig auf und ab, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, die Stirn in Falten gelegt. Jeder Schritt war präzise, fast militärisch. Wie ein untrügliches Zeichen dafür, wie sehr es in ihr arbeitete.
„Minerva“, sagte Hermine schließlich sanft. „Du läufst jetzt schon seit zehn Minuten dieselbe Strecke.“
Minerva blieb stehen, drehte sich zu ihr um.
„Ich weiß.“ Ein kurzes, angespanntes Lächeln. „Ich versuche zu denken.“
„Du zerdenkst“, korrigierte Hermine ruhig und klopfte neben sich auf das Sofa. „Komm her.“
Einen Moment zögerte Minerva, dann gab sie nach und setzte sich, allerdings so aufrecht, als würde sie jeden Augenblick wieder aufspringen wollen. Hermine legte sofort eine Hand auf ihre, warm, fest.
„Der Plan ist gut“, sagte sie leise. „Wir haben alles bedacht. Irina weiß, was sie tut. Poppy auch und du hast klare Regeln gesetzt.“
Minerva schnaubte leise.
„Und trotzdem reicht ein einziger Fehler. Ein falscher Moment. Wenn Featherstone misstrauisch wird…“
Sie brach ab. Hermine verschränkte ihre Finger mit Minervas.
„Dann brechen wir ab. Genau das hast du gesagt.“
Minerva sah sie an, lange.
„Ich hasse es, dich in diese Lage gebracht zu haben.“
„Nein“, widersprach Hermine sofort. Ihre Stimme war ruhig, aber bestimmt. „Das hast du nicht. Featherstone hat das getan.“
Sie rückte näher, lehnte ihre Stirn kurz an Minervas Schulter.
„Ich will, dass es aufhört. Ich will, dass wir uns nicht ständig zueinander schleichen müssen und ich will einfach nur dich.“
Minerva atmete tief ein, dann langsam wieder aus. Ein Teil der Spannung wich aus ihren Schultern.
„Ich habe so viele Entscheidungen getroffen, bei denen ich wusste, dass sie Konsequenzen haben würden“, murmelte sie. „Aber das hier...“
Hermine lächelte weich.
„Das hier ist etwas persönliches.“
Sie hob den Kopf, sah Minerva direkt an.
„Und genau deshalb lohnt es sich, dafür zu kämpfen.“
Minerva hob eine Hand, strich Hermine eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Du bist erstaunlich ruhig.“
„Nur äußerlich“, gab Hermine ehrlich zu. „Aber ich vertraue dir und unserem Plan.“
Ein leiser Moment entstand, getragen von Nähe und dem Wissen, dass sie auf derselben Seite standen. Minerva zog Hermine schließlich in ihre Arme, hielt sie einen Augenblick lang fest.
„Montag“, sagte sie leise.
„Montag“, bestätigte Hermine.
Und während der Kamin weiter vor sich hin brannte, wussten beide: Diese Nacht würde keine Antworten bringen, aber vielleicht genug Ruhe, um die kommende Herausforderung zu bestehen.
Die Nacht zog sich hin, zäh und rastlos, als wolle sie selbst nicht vergehen. Hermine lag dicht an Minerva geschmiegt, doch der Schlaf kam nur in kurzen, flüchtigen Wellen. Immer wieder glitt sie an die Oberfläche zurück, halb wach, halb gefangen in Gedanken, die sich im Kreis drehten. Bilder von Featherstones Aktentasche, vom Ministerium, von verschlossenen Türen und unausgesprochenen Drohungen drängten sich ihr auf. Jedes Mal, wenn sie die Augen schloss, hatte sie das Gefühl, etwas Wichtiges zu übersehen.
Neben ihr bewegte sich Minerva unruhig. Ihr Atem war nicht gleichmäßig, sie drehte sich mehrfach, hielt zwischendurch inne, als lausche sie in die Dunkelheit. Einmal setzte sie sich sogar auf, rieb sich die Schläfen, bevor sie leise wieder zurücksank. Hermine öffnete die Augen.
„Du schläfst auch nicht“, flüsterte sie.
„Nein“, kam die ebenso leise Antwort. „Ich fürchte, mein Kopf hat beschlossen, heute Nacht Dienst zu schieben.“
Hermine schmunzelte müde, legte eine Hand auf Minervas Brust, spürte den ruhigen, aber wachsamen Herzschlag.
„Meiner offenbar auch.“
Für einen Moment lagen sie einfach nur da, wach im Dunkeln, verbunden durch die Stille. Minerva zog Hermine näher an sich, fast beschützend.
„Egal, was passiert“, sagte sie schließlich, kaum mehr als ein Hauch, „wir gehen da gemeinsam durch.“
Hermine nickte, auch wenn Minerva es nicht sehen konnte.
Der Schlaf fand sie erst viel später – brüchig, leicht, jederzeit bereit, wieder zu verschwinden und als der Morgen graute, fühlte es sich an, als hätten sie kaum mehr als geblinzelt.
Der Morgen schlich sich leise in das Schlafzimmer, noch zögerlich, noch grau und weich. Das Licht fiel in schmalen Streifen durch die Vorhänge und für einen Moment lagen sie einfach nur da, halb wach, halb noch im Schutz der Nacht. Hermine war die Erste, die sich bewegte. Sie drehte sich ein wenig zu Minerva, musterte ihr Gesicht und musste lächeln. Dann beugte sie sich vor und küsste sie sanft, einmal, zweimal, bis Minerva die Augen öffnete und ein leises, verschlafenes Schnauben von sich gab.
„Guten Morgen“, murmelte Minerva.
„Morgen“, antwortete Hermine und rückte näher, legte eine Hand auf Minervas Seite und strich langsam, beinahe gedankenverloren über ihren Rücken.
„Es wäre so schön, wenn wir heute einfach hierbleiben könnten. Den ganzen Tag. Nichts tun. Niemanden sehen.“
Minerva lachte leise, dieses warme, vertraute Lachen.
„Das sagst du jeden Morgen.“
Hermine grinste ungeniert.
„Und eines Tages klappt es bestimmt.“
Minerva schüttelte schmunzelnd den Kopf, zog Hermine näher an sich und gab ihr einen weiteren Kuss, ruhig und zärtlich.
„Und eines Tages“, sagte sie, „werden wir es vielleicht sogar ausprobieren, aber nicht heute.“
Hermine seufzte gespielt dramatisch, kuschelte sich aber noch ein Stück näher.
„Schade eigentlich.“
Langsam glitt Hermines Hand zu Minervas Hintern und verweilte dort. Die andere bahnte sich ihren Weg über Minervas Vorderseite. Dann zog sie sich zurück.
„Sehr schade“, stimmte Minerva zu und hielt sie trotzdem noch einen Moment fest, als wollten beide diese paar Minuten Zweisamkeit so lange wie möglich ausdehnen, bevor der Tag und seine Sorgen sie wieder einholten.
Beim Frühstück herrschte in der Großen Halle die gewohnte, trügerische Normalität. Klapperndes Besteck, leise Gespräche, das Rascheln von Pergament. Minerva saß aufrecht an der Lehrertafel, doch ihre Aufmerksamkeit war geschärft wie selten.
Dann öffnete sich die Tür. Featherstone trat ein, geschniegelt wie immer, die Aktentasche fest unter den Arm geklemmt, als wäre sie ein Teil seines Körpers. Sein Blick glitt kurz über die Halle, prüfend, berechnend. Minervas Kiefer spannte sich kaum merklich an. Für den Bruchteil einer Sekunde traf sich ihr Blick mit Irinas. Kein Wort wurde gewechselt. Minerva hob lediglich leicht das Kinn und nickte kaum sichtbar. Es war eine winzige Geste, aber eindeutig.
Irinas Mundwinkel zuckten. Sie senkte den Blick zu ihrem Teller, führte scheinbar gedankenverloren die Gabel zum Mund und ließ dabei die Finger der anderen Hand unauffällig eine Bewegung machen, die niemandem hätte auffallen dürfen. Ihre Magie floss leise, fast beiläufig, eingebettet in den Lärm der Halle. Ein Zauber, der noch kein Ziel hatte, nur eine Vorbereitung war. Ein erstes Ziehen an den Fäden.
Minerva beobachtete Featherstone aus dem Augenwinkel. Noch war nichts geschehen. Er setzte sich, stellte die Tasche sorgfältig neben sich, die Hand immer in Reichweite. Alles wirkte wie immer und doch lag etwas in der Luft – ein leises Knistern, das nur diejenigen spürten, die wussten, wonach sie suchen mussten.
Hermine bemerkte die Veränderung fast sofort. Nicht bewusst, eher wie ein Instinkt, der ansprang. Sie sah von ihrem Tee auf, ihr Blick folgte Minervas für einen Moment und dann weiter zu Featherstone. Die Aktentasche. Immer die Tasche.
Irina legte ihre Gabel beiseite und stand auf, als hätte sie sich plötzlich anders entschieden.
„Poppy“, sagte sie freundlich, „hättest du einen Moment? Mir ist beim Aufstehen gerade schwindelig geworden.“
Poppy sah sofort besorgt auf, ganz in ihrer Rolle.
„Natürlich, Irina. Setz dich besser noch einmal.“
Featherstone hob kurz den Kopf, musterte die Szene, wirkte aber unbeeindruckt. Genau wie geplant. Es war harmlos. Alltäglich. Kolleginnen, die miteinander sprachen. Minerva zwang sich, ruhig zu bleiben. Sie nahm einen Schluck Kaffee, obwohl ihr Magen sich zusammenzog. Irina war gut. Beunruhigend gut. Die Luft um den Lehrertisch schien sich minimal zu verdichten, kaum wahrnehmbar, eher ein unterschwelliges Gefühl von… Unbehagen.
Featherstone runzelte die Stirn. Er rieb sich kurz die Schläfe, als hätte ihn ein plötzliches Stechen erwischt. Dann schüttelte er den Kopf, zog die Tasche dichter an sich heran. Sein Blick glitt erneut durch die Halle, blieb einen Moment zu lange an Hermine hängen. Hermine hob eine Augenbraue. Kühl. Unbeeindruckt. Fast gelangweilt.
Irina ließ sich wieder auf ihren Platz sinken und lächelte entschuldigend.
„Schon besser“, murmelte sie und ließ ihre Magie weiterarbeiten, ganz langsam, Schicht für Schicht. Kein direkter Angriff. Nur kleine Irritationen. Ein flüchtiges Gefühl von Unruhe. Das leise Bedürfnis, sich zu bewegen. Featherstone stand plötzlich auf. Der Stuhl kratzte über den Boden. Einige Köpfe drehten sich.
„Entschuldigt mich“, sagte er steif. „Ich brauche frische Luft.“
Minervas Herz schlug schneller. So früh hatte sie nicht mit einer Reaktion gerechnet. Featherstone griff nach der Aktentasche und zögerte. Ein kaum wahrnehmbarer Moment des Zögerns. Dann presste er kurz die Lippen zusammen und ging Richtung Ausgang. Minerva spürte, wie Hermine neben ihr erstarrte. Irina senkte den Blick und lächelte. Hermine verfolgte Featherstone mit den Augen, bis sich die großen Türen der Halle hinter ihm schlossen. Die Aktentasche fest unter dem Arm. Immer noch. Natürlich. Sie beugte sich leicht zu Pomona hinüber und flüsterte kaum hörbar:
„Das wäre auch zu einfach gewesen.“
Pomona nahm ruhig einen Schluck Tee, als würde sie über den Wetterbericht nachdenken. Dann lächelte sie schmal.
„Oh, wir sind noch lange nicht fertig“, murmelte sie zurück. „Und glaub mir, Irina hat noch einiges auf Lager.“
Hermine warf einen kurzen Blick zu Irina. Diese saß entspannt da, rührte langsam in ihrem Kaffee und wirkte beinahe… zufrieden. Ihre Augen funkelten jedoch verräterisch. Das war kein gescheiterter Versuch. Das war erst der Auftakt. Minerva zwang sich, wieder zu atmen. Sie wusste, dass Pomona recht hatte. Irina spielte ein langes Spiel. Featherstone war misstrauisch, ja, aber auch selbstgefällig und genau darauf baute Irina.
„Er wird die Tasche heute nicht mehr loslassen“, sagte Poppy leise, ohne aufzusehen.
„Nein“, antwortete Minerva ruhig. „Aber er wird müde werden.“
In diesem Moment öffneten sich die Türen erneut. Featherstone kam zurück, sichtbar angespannter als zuvor. Er setzte sich, legte die Aktentasche diesmal demonstrativ auf seinen Schoß und verschränkte die Arme darum, als müsse er sie vor der ganzen Welt verteidigen. Irina hob den Blick, musterte ihn einen Augenblick und ließ ganz bewusst ihre Schultern sinken. Die Magie zog sich zurück. Für jetzt. Featherstone entspannte sich minimal. Ein Fehler. Hermine lehnte sich zurück und ließ ihren Blick über die Verbündeten gleiten. Niemand sagte ein Wort, doch zwischen ihnen lag ein stilles Einverständnis. Das hier war kein gescheiterter Morgen. Es war das Vermessen des Gegners und irgendwo tief in Irinas Lächeln lag das Versprechen, dass Featherstone schon bald viel zu beschäftigt sein würde, um auf eine Aktentasche aufzupassen.
Irina wartete, bis Featherstone wieder entspannt auf seinem Platz saß, die Aktentasche wie ein verlängerter Arm fest umklammert. Dann hob sie die Hand kaum merklich, ein kleines, beinahe beiläufiges Zeichen und die Magie floss erneut. Dieses Mal streckte sie ihre Aufmerksamkeit weiter aus, über den unmittelbaren Bereich hinaus. Es war subtil, fast unsichtbar: ein winziger Zauber, der die Wahrnehmung der anderen Kollegen leicht beeinflusste. Niemand spürte etwas direkt – kein Kopfschmerz, kein Schwindel, keine plötzliche Müdigkeit. Stattdessen breitete sich ein unterschwelliges, unangenehmes Gefühl aus, eine leichte Unruhe, ein kaum erklärbares Zucken im Hinterkopf. Minerva bemerkte sofort den Effekt.
„Sehr geschickt“, murmelte sie leise zu Hermine, die neben ihr saß. „Kaum merklich, und doch spürbar.“
Hermine nickte.
„Perfekt. Niemand kann etwas sagen, weil sie es nicht wirklich spüren, aber jeder fühlt, dass irgendetwas… nicht stimmt.“
Pomona, die ebenfalls die Szene beobachtete, lächelte schmal.
„Und das Beste ist: Edmund merkt es am stärksten.“
Irina ließ die Magie noch einen Moment wirken, zog sie dann langsam zurück.
„Genau so“, flüsterte sie. „Kein Risiko, dass jemand Verdacht schöpft und er bleibt nervös genug, dass er die Tasche nicht aus den Augen lässt, aber auch nicht zu clever wird, um sie sofort wegzuschließen.“
Minerva lehnte sich zurück, die Finger auf ihrem Schoß verschränkt, ihr Blick ruhig, doch innerlich pochte ihr Herz schneller.
„Wenn wir das jetzt konsequent fortsetzen, haben wir bald unsere Gelegenheit.“
Hermine nickte und strich Minerva unter dem Tisch sanft über die Hand.
„Und wenn alles klappt, werden wir endlich die Kontrolle zurückhaben.“
Irina grinste leise und lehnte sich ebenfalls zurück.
„Geduld, meine Damen. Geduld und Timing. Wir bekommen unsere Chance.“
Die übrigen Lehrer bemerkten weiterhin nichts. Nur ein ungutes, vages Gefühl hing in der Luft, wie ein flüchtiger Schatten, den niemand greifen konnte und genau so sollte es sein.
Irina lehnte sich mit gesenktem Blick leicht in Minervas Richtung, sodass es niemandem auffiel.
„Leider“, begann sie mit einem Hauch von Bedauern in der Stimme, „wird es für uns alle noch ein wenig unangenehm.“
Minerva runzelte die Stirn.
„Wie meinst du das?“, flüsterte sie und nahm beiläufig ihre Tasse Tee.
„Damit der Zauber glaubhaft wirkt, müssen auch wir ihn ein klein wenig spüren. Sonst wirkt es nicht echt. Wir müssen alle diese kleine Unruhe fühlen, genau wie die anderen Kollegen.“
Hermine zog eine Augenbraue hoch. „Unangenehm, sagst du…?“
„Ja“, bestätigte Irina. „Ein seltsames Ziehen im Nacken, ein merkwürdiger Druck hinter den Augen, ein leichtes Frösteln… nichts, das auffällt, wenn wir es ignorieren, aber doch genug, um den Effekt für alle glaubwürdig zu machen.“
Poppy seufzte leise und führte ihre Gabel zum Mund.
„Also müssen wir uns selbst ein bisschen unwohl fühlen, damit er nervös wird.“
„Exakt“, sagte Irina und nickte. „Es ist ein kleiner Preis und glaubt mir, wir merken es kaum, sobald wir uns daran gewöhnt haben.“
Minerva atmete tief durch.
„Gut. Unangenehm hin oder her, es muss sein.“
Irina grinste in ihre Tasse.
„Genau. Ein bisschen Unbehagen ist ein kleiner Tribut, um ihn ins Stolpern zu bringen.“
Für einen Moment herrschte stille Einigkeit in dem Raum. Alle wussten, dass die kommenden Stunden unangenehm werden würden, doch keine zweifelte daran, dass sie das Ziel erreichen konnten, um Featherstone in eine Position zu bringen, in der sie die Kontrolle wieder zurückgewinnen würden.
Über den restlichen Tag zog sich das Gefühl wie ein leiser Schatten durch Hogwarts. Es war nichts Greifbares, nichts, worauf man den Finger hätte legen können und genau das machte es so wirkungsvoll. Immer wieder hielten Kollegen kurz inne, rieben sich die Schläfen oder atmeten etwas tiefer durch, als hätten sie gerade eine Treppe zu viel genommen.
Slughorn war einer der Ersten, der es offen kommentierte.
„Merkwürdig“, murmelte er beim Verlassen der Großen Halle, eine Hand an der Brust. „Ganz, als hätte ich zu wenig geschlafen… und das an einem Samstag.“
Neville hingegen wirkte schlicht verwirrt. Er blieb mehrmals stehen, starrte Pflanzen an, die er sonst im Schlaf hätte bestimmen können und schüttelte schließlich den Kopf.
„Ich bin heute irgendwie… neben mir“, sagte er vor sich hin.
Professor Sinistra klagte über ein unangenehmes Druckgefühl hinter den Augen und zog sich früher als sonst in den Astronomieturm zurück, „um frische Luft zu schnappen“, wie sie es nannte.
Doch niemand traf es so deutlich wie Featherstone.
Er war fahrig, reizbar, sein sonst so selbstsicheres Auftreten bekam Risse. Mehrmals griff er sich an den Kragen, als bekäme er schlecht Luft und seine Laune wurde mit jeder Stunde schlechter. Die Aktentasche wich ihm keinen Zentimeter von der Seite. Selbst als er sich setzte, hielt er sie fest zwischen den Füßen oder auf dem Schoß, die Hand stets darauf, als könnte sie ihm jemand entreißen.
Minerva beobachtete all das aus der Distanz, äußerlich ruhig, innerlich angespannt. Irinas Zauber wirkten. Vielleicht sogar besser, als ihr lieb war.
Beim Mittagessen lag eine spürbare Erleichterung über dem Schloss. Kein Unterricht, keine Verpflichtungen für den Tag. Ein stilles, kollektives Aufatmen.
„Merlin sei Dank ist Samstag“, hörte Minerva Slughorn sagen, als er sich verabschiedete. „Ich glaube, wir brauchen alle ein wenig Ruhe.“
Irina begegnete Minervas Blick auf dem Flur und hob kaum merklich eine Augenbraue.
Es funktioniert, sagte diese kleine Geste.
Doch Minerva wusste: Das hier war nur das Vorspiel. Der wahre Moment würde erst noch kommen.
Der Samstag senkte sich ungewöhnlich still über Hogwarts. Ohne Unterricht wirkte das Schloss fast träge, als würde es selbst versuchen, sich von dem unterschwelligen Unbehagen zu erholen. Die Gänge waren leerer als sonst, Schritte hallten länger nach, die Schüler hatten sich in ihre Gemeinschaftsräume oder in die Bibliothek zurückgezogen und selbst die Porträts schienen weniger gesprächig.
Minerva nutzte den Tag, um sich in Arbeit zu flüchten – Berichte, Stundenpläne, alles, was ihren Geist beschäftigte, doch immer wieder glitt ihr Blick unwillkürlich zur Tür, als würde sie erwarten, dass Featherstone jeden Moment auftauchte. Tat er nicht.
Hermine hingegen begegnete ihm zufällig auf dem Weg zur Bibliothek. Featherstone sah deutlich mitgenommen aus. Seine Augen lagen tiefer, die sonst so akkurat gebundene Krawatte saß schief. Die Aktentasche hielt er immer noch bei sich, nun allerdings verkrampft, fast aggressiv. Als er Hermine bemerkte, blieb er stehen. Er schien aufzuschrecken, als er sie bemerkte.
„Sie schon wieder“, knurrte er. „Genießen Sie es, andere aus dem Gleichgewicht zu bringen?“
Hermine blieb stehen, verschränkte ruhig die Arme.
„Ich bringe niemanden aus dem Gleichgewicht. Manche stehen einfach nicht so sicher, wie sie glauben.“
Sein Blick verengte sich. Für einen Moment schien er etwas sagen zu wollen, dann presste er die Lippen zusammen, schüttelte den Kopf und stapfte weiter. Die Tasche schlug dabei hart gegen sein Bein.
Hermine sah ihm nach.
'Er ist erschöpft', dachte sie. 'Und unvorsichtig.'
Am Nachmittag trafen sich Minerva, Hermine, Irina, Poppy und Pomona kurz im Gewächshaus.
„Er hält durch“, sagte Pomona leise.
„Aber es kostet ihn Kraft“, ergänzte Poppy. „Das sieht man.“
Irina nickte zufrieden.
„Gut. Genau da wollen wir ihn haben. Müde Menschen machen Fehler.“
Minerva atmete langsam aus.
„Noch ein Tag.“
„Noch ein Tag“, bestätigte Hermine und nahm Minervas Hand ganz kurz, verborgen zwischen Blättern und Töpfen.
Der Sonntag würde entscheidend sein und der Montag würde alles verändern.
Als Pomona schließlich wieder zu ihren Pflanzen zurückkehrte und auch Irina und Poppy das Gewächshaus verließen, senkte sich eine angenehme Stille über den Raum. Nur das leise Rascheln der Blätter und das entfernte Tropfen von Wasser waren zu hören. Minerva und Hermine blieben noch einen Moment stehen.
„Gut, dass wir kurz allein sind“, sagte Hermine leise und drehte sich zu Minerva. „Ich wollte—“
Weiter kam sie nicht. Plötzlich schwankte sie, griff ins Leere, als hätte der Boden unter ihr kurz nachgegeben.
„Whoa—“
Minerva reagierte sofort, packte sie am Arm und zog sie zu sich.
„Hermine!“ Ihre Stimme war scharf vor Sorge. „Alles in Ordnung?“
„Ja… ja“, murmelte Hermine und lachte kurz, etwas atemlos. „Okay, das war… unerwartet.“
Minerva ließ sie nicht los.
„Setz dich“, sagte sie bestimmt und führte sie zu einer niedrigen Bank zwischen zwei großen Pflanzen.
Erst als Hermine sicher saß, kniete Minerva sich vor sie, musterte ihr Gesicht.
„Schwindel?“ fragte sie leise.
Hermine nickte, strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Nur kurz. Offenbar bin ich doch nicht ganz immun gegen Irinas… Kunstwerke.“
Minervas Stirn legte sich in Falten.
„Ich wusste, dass es unangenehm wird, aber—“
„Hey“, unterbrach Hermine sie sanft und legte eine Hand auf Minervas.
„Alles gut. Wirklich.“ Dann grinste sie schief. „Und wenn ich dafür kurz das Gleichgewicht verliere, hoffe ich sehr, dass es sich am Ende lohnt.“
Minerva seufzte leise, aber ein kleines Lächeln schlich sich auf ihre Lippen.
„Du bist unmöglich.“
„Ich weiß“, erwiderte Hermine zufrieden.
Minerva setzte sich neben sie, immer noch nah genug, um sie notfalls halten zu können. Für einen Moment schwiegen sie, atmeten den warmen, erdigen Duft des Gewächshauses ein.
„Sag mir bitte sofort Bescheid, wenn dir wieder schwindlig wird“, sagte Minerva schließlich.
Hermine nickte ernsthaft, zumindest für zwei Sekunden. Dann beugte sie sich leicht zu Minerva.
„Aber nur, wenn du mich wieder so auffängst.“
Minerva schüttelte den Kopf, schmunzelnd, und legte schützend einen Arm um sie.
Hermine beugte sich langsam vor, der Blick weich, fast verspielt. Minerva erkannte die Bewegung sofort und wich ein kleines Stück zurück.
„Hermine“, sagte sie mahnend, wenn auch leise. „Das können wir nicht tun. Nicht jetzt und ganz sicher nicht hier.“
Hermine hielt inne, dann grinste sie schelmisch.
„Minerva“, flüsterte sie, „wir sind im hintersten Eck des hintersten Gewächshauses. Wenn sich hier jemandher verirrt, dann höchstens eine sehr neugierige Topfpflanze.“
Minerva wollte etwas erwidern, doch Hermine hob bereits die Hand, strich sanft über ihre Wange. Die Berührung war zärtlich, vertraut, genau die Art von Nähe, die Minervas Widerstand gefährlich ins Wanken brachte.
„Nur ganz kurz“, murmelte Hermine.
Dann küsste sie sie sanft, vorsichtig. Kein Drängen, kein Übermut. Nur Wärme.
Minerva seufzte leise gegen ihre Lippen, bevor sie den Kuss für einen Herzschlag erwiderte. Dann löste sie sich, die Stirn an Hermines gelehnt.
„Du machst es mir nicht leicht“, sagte sie mit einem kaum hörbaren Lächeln.
Hermine grinste zufrieden.
„Das war nie der Plan.“
Minerva schüttelte den Kopf, doch ihre Hand blieb an Hermines Wange liegen. Für einen kurzen Moment war alles andere vergessen – Ministerium, Featherstone, Pläne und Risiken.
Dann räusperte sich Minerva leise.
„Komm. Bevor ich vergesse, warum Zurückhaltung manchmal doch eine Tugend ist.“
Hermine lachte leise, stand auf, diesmal ohne zu schwanken.
„Schon gut“, sagte sie. „Wir holen das nach. Zu einem besseren Zeitpunkt. An einem besseren Ort.“
Minerva sah sie von der Seite an.
„Darauf bestehe ich.“
Sie trennten sich wieder, jeder auf einem anderen Weg zurück ins Schloss, die vertraute Nähe bewusst wieder gegen Distanz eingetauscht. Minerva hielt Haltung, wie immer, den Rücken gerade, den Schritt ruhig. Niemand sollte ihr ansehen, wie angespannt sie innerlich war, doch kaum hatte sie den kühleren Steinflur erreicht, traf es sie mit voller Wucht.
Ein plötzliches Ziehen hinter den Augen, als hätte jemand das Licht zu grell aufgedreht. Der Boden schien für einen Moment nachzugeben, der Gang vor ihr verschwamm. Minerva blieb abrupt stehen, legte instinktiv eine Hand gegen die Wand.
„Nicht jetzt“, murmelte sie leise durch zusammengebissene Zähne.
Ihr Atem ging flacher. Sie schloss kurz die Augen, zwang sich zur Ruhe und genau in diesem Moment hörte sie schnelle Schritte.
„Minerva?“
Poppys Stimme. Erleichterung durchzuckte sie fast schmerzhaft. Poppy war sofort bei ihr, legte ihr eine Hand an den Arm, die andere prüfend an Minervas Schulter.
„Setz dich. Sofort.“
„Es geht schon“, begann Minerva automatisch, doch Poppy ließ diesen Tonfall nicht gelten.
„Das sagt ihr alle. Setz. Dich.“
Sie führte Minerva zu einer Fensterbank, ließ sie Platz nehmen und musterte sie mit dem geschulten Blick einer Heilerin.
„Schwindel. Druck im Kopf. Übelkeit?“
Minerva atmete langsam aus.
„Ein wenig. Ich fürchte, Irinas… Maßnahmen zeigen jetzt auch bei mir Wirkung.“
Poppy verzog den Mund.
„Das war anzunehmen.“
Sie zog ein kleines Fläschchen aus der Tasche.
„Nichts Starkes. Nur etwas, um die Symptome abzufedern.“
Minerva nahm einen Schluck, verzog kaum merklich das Gesicht.
„Das Zeug schmeckt abscheulich.“
„Wirkt aber“, entgegnete Poppy trocken.
Dann wurde ihr Blick weicher.
„Du bist sehr angespannt, Minerva. Mehr als du zugibst.“
Minerva schwieg einen Moment. Dann nickte sie. Poppy legte ihr kurz die Hand auf den Unterarm.
„Du musst nicht alles allein tragen. Nicht dieses Mal.“
Minerva sah auf, dankbar.
„Danke.“
Nach ein paar Minuten ließ der Schwindel nach. Minerva richtete sich wieder auf, sammelte ihre Haltung ein wie eine zweite Haut.
„Ich komme zurecht“, sagte sie ruhig.
Poppy lächelte wissend.
„Natürlich tust du das. Wir sehen uns später.“
Minerva nickte, wartete, bis ihr Blick wieder klar war und setzte ihren Weg fort. Der Zauber wirkte. Der Preis war spürbar.