Kein Zurück mehr
Kein Zurück mehr
So ihr Lieben,
jetzt ist es so weit... Es gibt wohl kein Zurück ;)
Ich hoffe euch gefällt das neue Kapitel :D
Liebe Grüße und viel Spaß
Eure M.
Über den restlichen Tag hinweg veränderte sich die Stimmung in Hogwarts spürbar. Es war, als läge ein feiner Schleier aus Unruhe über den Korridoren, unsichtbar für die Schüler, aber für das Kollegium kaum zu ignorieren. Irina hielt Wort. Sehr sogar.
Die Symptome kamen nun nicht mehr schleichend, sondern in Wellen. Schwindel, Übelkeit, ein plötzliches Schwächegefühl, das so rasch auftrat, dass man sich am nächstbesten Möbelstück festhalten musste. Manche Lehrer mussten ihre Unterrichtsvorbereitung unterbrechen, andere setzten sich einfach ungewohnt still an ihren Schreibtisch und warteten, bis der Spuk vorüberging. Alle versuchten, sich nichts anmerken zu lassen. Vor den Schülern wurde gelächelt, erklärt, ermahnt, doch sobald sich die Türen schlossen, sah man die Wahrheit in blassen Gesichtern und angespannten Bewegungen.
Featherstone traf es am härtesten. Bereits am frühen Nachmittag wirkte er fahrig. Seine sonst penibel ordentliche Erscheinung war nachlässig geworden, die Krawatte saß schief, der Blick sprang rastlos umher. Mehrmals blieb er abrupt stehen, presste die Lippen aufeinander und atmete flach, als müsse er gegen eine aufsteigende Welle ankämpfen.
Während er versuchte seinen Unterricht vorzubereiten stand er plötzlich auf, lehnte im Lehrerzimmer am Kamin, die Finger so fest in die Sessellehne gekrallt, dass die Knöchel weiß hervortraten. Schweiß perlte an seiner Stirn, obwohl der Raum kühl war. Als jemand ihn ansprach, fuhr er zusammen, murmelte etwas Unverständliches und verließ hastig den Raum.
Irina beobachtete all das aus der Distanz, scheinbar beiläufig, mit einem Blick, der verriet, dass sie jede Reaktion registrierte. Sie dosierte präzise, ließ die Symptome abflauen, nur um sie kurze Zeit später wieder aufflammen zu lassen. Featherstone jedoch gönnte sie keine wirkliche Erleichterung.
Je näher der Abend rückte, desto deutlicher zeigte sich seine Nervosität. Er kontrollierte ständig seine Aktentasche, legte die Hand darauf, als müsse er sich vergewissern, dass sie noch da war. Sein Blick war nicht mehr nur angespannt. Er war fast fiebrig.
Hermine sah ihn einmal aus der Ferne, wie er sich an der Wand abstützte und die Augen schloss, die Lippen bewegte, als würde er sich selbst Mut zusprechen. Für einen kurzen Moment wirkte er nicht wie ein Mann mit einem Plan, sondern wie jemand, der die Kontrolle zu verlieren drohte. Und Hermine war klar, Irina trieb ihn gezielt an den Rand.
Bis zum Abend war kein Zweifel mehr möglich – die Untersuchungen würden keine Formsache werden und Featherstone würde ihnen kaum noch etwas entgegensetzen können.
Beim Abendessen in der Großen Halle herrschte eine beinahe gespenstische Disziplin. Nach außen hin wirkte alles wie immer. Die Kerzen schwebten ruhig unter der Decke, goldenes Licht spiegelte sich in Tellern und Gläsern, das Gemurmel der Schüler erfüllte den Raum. Lachen, Besteckklirren, leise Diskussionen über Hausaufgaben und Quidditch. Hogwarts tat so, als sei alles in bester Ordnung.
Am Lehrertisch jedoch spielte sich ein anderes Bild ab. Kaum jemand aß wirklich. Messer schnitten mechanisch durch Kartoffeln, Gabeln schoben Gemüse beiseite, Brot wurde gebrochen, ohne dass jemand davon abbiss. Hier und da wurde ein Bissen zum Mund geführt, eher aus Pflichtgefühl als aus Hunger und oft nach kurzem Zögern wieder zurückgelegt. Tassen mit Tee hingegen leerten sich auffallend schnell. Gesichter wurden bewusst neutral gehalten, Lächeln aufgesetzt, Gespräche geführt, die keinerlei Inhalt hatten. Man sprach über Stundenpläne, über harmlose Schülerstreiche, über das Wetter. Niemand erwähnte, wie flau ihm war, wie der Raum sich manchmal einen Herzschlag lang zu drehen schien.
Minerva saß aufrecht, wie immer würdevoll, doch ihre Hand ruhte ungewöhnlich lange um ihre Teetasse. Hermine bemerkte, wie sie zwischendurch tief einatmete, langsam, kontrolliert, so als würde sie ihrem Körper befehlen, stillzuhalten.
Poppy nippte an ihrem Tee, ihr medizinischer Blick glitt immer wieder prüfend über den Tisch, ohne dass es jemand hätte bemerken können. Pomona stocherte in ihrem Essen, schob Karotten hin und her und zwang sich zu einem freundlichen Lächeln, wenn ein Schüler in ihre Richtung sah.
Und Featherstone?
Er wirkte, als säße er auf Nadeln. Sein Teller war nahezu unberührt. Er stocherte fahrig darin herum, schnitt ein Stück Fleisch an, ließ das Messer wieder sinken. Mehrmals wischte er sich über die Stirn, sah sich um, als würde er erwarten, dass jeden Moment etwas oder jemand auf ihn zukam. Als Minervas Blick ihn kurz streifte, zuckte er merklich zusammen und senkte hastig den Kopf.
Kein Lehrer stand frühzeitig auf. Niemand wollte Aufmerksamkeit erregen. Also saßen sie alle da, bis die Schüler satt waren, bis das Stimmengewirr langsam abebbte und die ersten Schüler sich erhoben.
Erst als die Halle sich leerte und die Lehrer sich nach und nach in ihre Gemeinschaftsräume zurückzogen, lag in der Luft eine stumme Übereinkunft:
Der Schein war gewahrt. Jetzt begann der entscheidende Teil des Abends.
Die Lehrer erhoben sich langsam vom Tisch, einer nach dem anderen, bemüht, so unauffällig wie möglich zu wirken. Stühle wurden leise zurückgeschoben, Umhänge zurechtgezupft, letzte Schlucke Tee getrunken. Gerade als sich die Gruppe in Richtung der Ausgänge bewegen wollte, erhob sich Minerva.
„Einen Moment bitte.“
Ihre Stimme war ruhig, klar und doch reichte sie mühelos bis ans andere Ende der Halle. Die Lehrer hielten inne, einige drehten sich überrascht um.
„Ich bitte euch alle um ein kurzes Treffen im Lehrerzimmer.“
Kein Widerspruch. Kein Nachfragen. Nur ein kurzes Nicken hier, ein zustimmendes Murmeln dort. Gemeinsam verließen sie die Halle, ließen das warme Licht und die Stimmen der Schüler hinter sich.
Im Lehrerzimmer schloss sich die Tür hinter ihnen und mit ihr fiel ein Teil der Fassade. Minerva stellte sich an den großen Tisch, die Hände locker darauf abgelegt, der Blick wachsam.
„Ich denke, wir müssen nicht länger so tun, als sei alles in Ordnung“, begann sie. „Die Symptome, unter denen viele von uns leiden, lassen sich nicht mehr lange verbergen. Vor allem nicht vor aufmerksamen Schülern.“
Ein leises Murmeln ging durch den Raum.
„Um eine mögliche Ausbreitung auf die Schülerschaft zu vermeiden“, fuhr Minerva fort, „halte ich es für notwendig, dass sich heute noch alle Kolleginnen und Kollegen von Madam Pomfrey untersuchen lassen.“
Gerade als Poppy zustimmend den Kopf neigte, ertönte Featherstones Stimme, schärfer als nötig.
„Oder“, warf er ein und verschränkte die Arme, „man sollte vielleicht in Betracht ziehen, dass Schüler für diesen Zustand verantwortlich sind. Es wäre nicht das erste Mal, dass… unüberlegte Experimente—“
Minerva sah ihn ruhig an.
„Das ist durchaus möglich“, sagte sie gelassen. „Aber im Moment reine Spekulation. Sicher sind wir uns nicht und genau deshalb ordne ich die Untersuchungen an. Für alle. Um die Spekulationen kümmere ich mich zu einem anderen Zeitpunkt.“
Einige Lehrer wirkten erleichtert, andere skeptisch, doch die meisten nickten schließlich. Niemand hatte wirklich die Kraft für eine längere Diskussion. Featherstone hingegen presste die Lippen aufeinander. Seine Finger trommelten nervös auf der Tischkante, sein Blick huschte von Gesicht zu Gesicht. Die ohnehin vorhandene Unruhe in ihm schien sich noch zu steigern, als hätte Minervas Anordnung etwas in ihm in Bewegung gesetzt, das er kaum noch kontrollieren konnte. Hermine bemerkte es sofort. Featherstone war nicht einfach nur unzufrieden. Er hatte Angst.
Minerva richtete sich ein letztes Mal auf und ließ den Blick über das Kollegium gleiten.
„Dann bitte ich euch alle, Poppy jetzt direkt in den Krankenflügel zu begleiten“, sagte sie ruhig. „Je schneller wir Klarheit haben, desto besser.“
Poppy nickte und öffnete bereits die Tür. Einer nach dem anderen setzten sich die Kollegen in Bewegung. Featherstone zwang sich zu einem dünnen Lächeln.
„Natürlich“, sagte er betont gelassen und schloss sich der Gruppe an, doch keiner der Eingeweihten entging, wie er die Aktentasche noch enger an sich zog, als hinge sein Leben davon ab. Sein Blick huschte unruhig durch den Raum, suchte nach einem Ausweg, nach einem Vorwand und Zeit. Minerva beobachtete ihn genau. Als die Kollegen den Raum verließen, blieb sie einen Moment zurück. Hermine trat näher, so dicht, dass nur Minerva ihre Worte hören konnte.
„Bist du wirklich bereit?“ fragte sie leise.
Minerva wandte den Kopf, sah Hermine an. Keine Unsicherheit mehr in ihrem Blick, nur Entschlossenheit.
„Ja“, antwortete sie ruhig. „Ich tue es für dich und für uns.“
Hermine schluckte.
„Es gibt kein Zurück mehr.“
Minerva schüttelte kaum merklich den Kopf.
„Nein. Morgen steht das Ministerium hier. Das ist unsere letzte Chance.“
Sie legte Hermine kurz die Hand an den Arm.
„Es wird schon gut gehen“, fügte sie leise hinzu.
Hermine nickte.
„Ich bin hier. Egal, was passiert.“
Minerva wollte gehen, doch Hermine packte ihr Handgelenk.
„Hermine…“
„Ich liebe dich Minerva.“
Die Schulleiterin schenkte ihr ein warmes Lächeln.
„Und ich liebe dich.“
Minerva atmete einmal tief durch, dann folgte sie den anderen hinaus. Ihre Schritte waren ruhig, kontrolliert. Featherstone ahnte es nicht oder wollte es nicht ahnen, aber der Moment, in dem er glaubte, die Kontrolle zu haben, war vorbei.
Im Krankenflügel herrschte gedämpfte Betriebsamkeit. Die Betten waren vorbereitet, Tränke standen bereit und der vertraute Geruch von Heilkräutern lag in der Luft. Poppy übernahm sofort die Kontrolle, sachlich und ruhig, wie immer.
„Wir gehen der Reihe nach vor“, erklärte sie und ließ den Blick über die versammelten Lehrer gleiten. „Beginnend mit dir, Minerva.“
Minerva nickte knapp und folgte ihr ohne Zögern in das kleine Behandlungszimmer. Die Tür schloss sich leise hinter ihnen und schirmte den Raum vom Rest der Welt ab.
Poppy deutete auf den Stuhl.
„Setz dich.“
Minerva tat es, legte die Hände ordentlich in den Schoß, auch wenn ihre Finger leicht angespannt waren. Poppy reichte ihr einen Becher mit einem klaren Trank.
„Langsam trinken“, sagte sie. „Der mildert das Schwindelgefühl. Irinas Zauber wird nicht sofort verschwinden. Auch wenn sie ihn ganz zurückzieht.“
Minerva nickte und nahm einen Schluck, verzog kurz das Gesicht und lächelte dann schwach.
„Ich werde mich nie daran gewöhnen.“
Poppy schnaubte leise.
„Das sagt jeder und jeder trinkt ihn trotzdem.“
Sie reichte ihr einen zweiten Trank, dunkler, schwerer.
„Und der hier stabilisiert dich. Fürs Erste.“
Minerva trank auch diesen, stellte den Becher ab und atmete tief durch. Einen Moment lang sagte sie nichts, sah nur auf die Holzmaserung des kleinen Tisches vor sich.
„Was ist los Minerva?“
Minerva zögerte kurz, dann seufzte sie kaum hörbar.
„Ich habe vor Hermine so getan, als wäre ich völlig gefasst.“ Ein kleines, ehrliches Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Aber wenn ich ehrlich bin… ich bin nervöser, als ich zugeben wollte.“
Poppys Blick wurde weich. Sie setzte sich ihr gegenüber.
„Das wäre auch sehr untypisch von dir, wenn es anders wäre.“
Minerva schnaubte leise.
„Ich habe keine Angst vor dem Ministerium. Oder vor Featherstone.“ Sie hob den Blick. „Ich habe Angst, dass ein einziger falscher Moment reicht, um alles zu verlieren.“
Poppy legte ihr eine Hand auf den Arm.
„Du verlierst nichts“, sagte sie ruhig. „Nicht heute. Nicht mit uns an deiner Seite.“
Minerva nickte langsam, die Anspannung in ihren Schultern ließ einen Hauch nach.
„Danke.“
Poppy lächelte sanft.
„Ruh dich einen Moment aus. Ich rufe den Nächsten rein.“
Als sie aufstand und zur Tür ging, atmete Minerva noch einmal tief ein. Draußen wartete der entscheidende Schritt.
Minerva setzte sich ruhig in den Wartebereich, die Hände gefaltet, den Blick scheinbar gelassen auf ein altes medizinisches Fachbuch gerichtet, doch sie las kein einziges Wort. Ihre Aufmerksamkeit galt einzig und allein Featherstone.
Poppy rief die Kollegen der Reihe nach auf. Einer verschwand im Behandlungszimmer, kam wenig später etwas blasser, aber erleichtert wieder heraus. Das leise Murmeln im Raum ebbte und floss, Schritte auf dem Steinboden, das Klirren von Fläschchen. Featherstone jedoch blieb nicht still. Er wechselte ständig die Sitzposition, stand kurz auf, setzte sich wieder, wischte sich mehrfach über die Stirn. Seine Aktentasche hielt er so dicht bei sich, als wäre sie ein Teil seines Körpers. Minerva beobachtete alles aus dem Augenwinkel, ohne den Kopf zu heben.
'Er sucht einen Ausweg', dachte sie. 'Einen Vorwand. Irgendetwas.'
Dann öffnete sich die Tür erneut und Poppy trat heraus.
„Aurora, du bist die nächste“, sagte sie freundlich.
Professor Sinistra erhob sich und griff nach ihrer Tasche.
„Die können Sie bitte draußen lassen“, fügte Poppy ganz beiläufig hinzu. „Für die Untersuchung.“
Es war ein harmloser Satz, doch er traf Featherstone wie ein Schlag. Minerva sah, wie ihm in einem einzigen Augenblick die Farbe aus dem Gesicht wich. Seine Finger krampften sich um den Henkel seiner Aktentasche, die Knöchel traten weiß hervor. Sein Atem stockte, kaum merklich, aber für Minerva eindeutig. Sinistra nickte nur, stellte ihre Tasche neben den Stuhl und folgte Poppy ohne weiteres Zögern ins Behandlungszimmer. Die Tür schloss sich. Einen Herzschlag lang war es still. Featherstone schluckte. Sein Blick sprang zur Tür, dann zu der Tasche an Sinistras Platz und schließlich unwillkürlich zu seiner eigenen. Minerva konnte beinahe sehen, wie die Gedanken in seinem Kopf rasten.
'Jetzt begreift er, dass ihm der Boden unter den Füßen weggezogen wird', dachte Minerva.
Sie richtete sich minimal auf, hob den Blick und sah ihn an. Nur kurz, aber es reichte. Featherstone sah sie ebenfalls und zum ersten Mal seit langem lag darin kein Spott, kein überlegenes Grinsen. Nur nackte, ungeschminkte Angst.
Mit jeder Minute, die verstrich, spannte sich die Atmosphäre im Wartebereich weiter an.
Poppy arbeitete zügig, aber gründlich. Einer nach dem anderen kamen die Kollegen aus dem Behandlungszimmer zurück, setzten sich noch kurz, tranken einen letzten Trank und bemerkten dann sichtbar, dass es ihnen besser ging. Die Gesichter bekamen wieder Farbe, der Blick wurde klarer, die Schultern entspannten sich. Nach kurzem Warten durften sie gehen. Minerva blieb.
„Ich möchte sichergehen, dass es wirklich allen besser geht“, erklärte sie ruhig, jedes Mal, wenn jemand sie fragend ansah. Niemand zweifelte an dieser Begründung. Es war genau das, was man von ihr erwartete. Pomona kam schließlich heraus, etwas erschöpft, aber bereits lächelnd. Kurz darauf Hermine. Sie wirkte gefasst, kontrolliert, doch als ihr Blick Minerva traf, blieb sie einen winzigen Moment stehen. Ihre Augen hielten Minervas fest. Da lag alles drin: Sorge, Vertrauen, Mut. Ein stummes 'Ich bin bei dir.'
Minerva erwiderte den Blick kaum merklich, ein kleines Nicken, das mehr sagte als Worte. Hermine zögerte, als wolle sie etwas sagen. Dann atmete sie tief durch, drehte sich um und ging. Die Tür schloss sich hinter ihr und nun war es stiller als zuvor. Im Wartebereich blieben nur noch drei Personen zurück. Minerva, aufrecht und ruhig, die Hände gefaltet. Irina, scheinbar entspannt, zurückgelehnt, mit einem Ausdruck gelassener Wachsamkeit und Edmund. Er saß steif auf seinem Stuhl, die Aktentasche fest auf den Knien, als könne man sie ihm entreißen, wenn er nur einen Moment unaufmerksam wäre. Sein Bein wippte unkontrolliert, der Blick wanderte immer wieder zur Tür des Behandlungszimmers. Die Erleichterung der anderen hatte ihn nicht beruhigt. Im Gegenteil. Je leerer der Raum wurde, desto mehr lastete die Situation auf ihm. Kein Gespräch, kein Ablenkungsmanöver, keine Zeugen mehr. Nur Zeit und Erwartung.
Irina sah kurz zu Minerva hinüber, kaum merklich. Ihre Lippen zuckten – nicht triumphierend, sondern konzentriert.
Minerva hielt den Blick auf Featherstone gerichtet, ohne ihn offen anzustarren. Sie spürte es ganz deutlich:
Er war gefangen und er wusste es.
Die Tür zum Behandlungszimmer öffnete sich und Poppy trat hinaus. Ihr Blick fiel sofort auf die verbliebenen drei.
„Edmund“, sagte sie sachlich. „Du bist als Nächster dran.“
Featherstone fuhr hoch, als habe man ihn aus einem Albtraum gerissen. Er stand auf, etwas zu hastig und griff die Aktentasche fester. Sie hing nun beinahe verkrampft an seiner Seite. Poppy drehte sich bereits um, blieb dann aber stehen, als sie bemerkte, dass er sich nicht rührte.
„Wenn es geht heute noch“, meinte sie.
Ihr Blick glitt zur Tasche, als er einen Schritt in ihre Richtung machte.
„Die kannst du hier lassen“, sagte sie ruhig. „Während der Untersuchung brauchst du sie nicht.“
Featherstones Gesicht spannte sich.
„Das… das ist nicht nötig“, entgegnete er schnell. „Ich behalte sie lieber bei mir.“
Poppy hob eine Augenbraue.
„Doch. Ist es.“
Ihre Stimme blieb ruhig, bekam aber diesen festen Unterton, den man besser nicht ignorierte.
„Taschen haben in einem Behandlungszimmer nichts zu suchen. Hygiene.“
„Ich—“ Featherstone schluckte. „Das sind wichtige Unterlagen.“
„Und du wirst auch fünf Minuten ohne deine Papiere auskommen“, erwiderte Poppy nun deutlich schärfer. Ein Hauch von Ungeduld schwang mit. „Oder hast du vor, sie während der Untersuchung zu lesen?“
Ein paar Sekunden vergingen. Zu viele. Schweiß stand Featherstone auf der Stirn. Er wischte sich hastig darüber, sein Blick huschte von Poppy zu Irina, dann ungewollt zu Minerva. Die Zwickmühle war ihm ins Gesicht geschrieben. Langsam, zögernd, als koste es ihn jede Faser seines Willens, beugte er sich vor und stellte die Aktentasche neben den Stuhl ab. Der dumpfe Klang, mit dem sie den Boden berührte, hallte für Minerva lauter nach, als er es eigentlich hätte tun dürfen. Featherstone richtete sich wieder auf, presste die Lippen zusammen und zwang sich zu einem Nicken.
„Gut“, murmelte er.
Poppy drehte sich um und ging voran. Featherstone folgte ihr, steif, angespannt, ohne sich noch einmal umzusehen. Die Tür zum Behandlungszimmer schloss sich hinter ihnen. Im Wartebereich blieb die Aktentasche zurück.
Und Minerva wusste:
Jetzt gab es kein Zurück mehr.
Minerva stand sofort auf. Kein Zögern, kein Innehalten. In zwei ruhigen Schritten war sie bei der Aktentasche, als hätte sie diesen Weg schon hundertmal geprobt.
„Irina“, sagte sie leise, ohne den Blick von der Tasche zu nehmen.
Die Verteidigungslehrerin stand bereits auf.
„Ich weiß. Ich achte darauf, dass niemand kommt und beobachte seine Gedanken.“
„Bitte… ganz vorsichtig Legilimentik. Ich muss wissen, wenn er die Behandlung abbricht.“
Irina nickte ohne eine Sekunde zu verlieren.
Verstanden.“
Sie stellte sich nahe an die Tür des Krankenflügels, den Rücken scheinbar entspannt an die Wand gelehnt, die Sinne jedoch messerscharf.
Minerva beugte sich hinunter, zog ihren Zauberstab und ließ ihn langsam über die Tasche gleiten, um sie auf Verteidigungszauber zu prüfen.
Protego? Nichts.
Fluchabwehr? Ebenfalls nichts.
Ein bitteres, inneres Auflachen.
'Was für ein Idiot', dachte sie kalt.
Seine Nervosität hatte ihm offenbar jede Vorsicht geraubt. Sie öffnete die Tasche.
Ordnung. Zu viel Ordnung. Pergamente, fein säuberlich gestapelt. Notizen. Bücher. Ein Tintenfass. Alles harmlos. Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Sie griff tiefer hinein, wühlte nun weniger bedacht. Ein Fach nach dem anderen. Nichts. Kein Umschlag. Keine Fotos.
„Nein…“, murmelte sie kaum hörbar.
Sie begann von vorn. Schneller jetzt. Ihre Finger zitterten minimal, als sie jedes Pergament anhob, jede Seite prüfte. Leere. Nur Leere. Panik kroch ihr den Rücken hinauf.
„Minerva.“ Irinas Stimme war plötzlich direkt neben ihr. Leise. Dringlich. „Er denkt darüber nach, die Behandlung abzubrechen. Jetzt.“
Minervas Kopf schnellte hoch. Die Worte trafen sie wie ein Schlag.
„Dann… dann hat er sie nicht hier“, flüsterte sie, die Stimme ungewohnt scharf. „Er hat die Fotos nicht hier.“
„Was? Das ist unmöglich.“
Für einen Moment drohte Minerva die Fassung zu entgleiten. Irina reagierte sofort. Sie kniete sich neben Minerva, zog ihren Zauberstab und richtete ihn ruhig auf die Tasche.
„Doch“, sagte sie leise. „Er hat sie hier. Aber nicht so, wie du suchst.“
Sie sprach einen Zauber – die Worte fremd, alt, fließend wie eine andere Sprache. Minerva kannte ihn nicht. Einen solchen Zauberspruch hatte sie noch nie gehört. Ein leises Klicken ertönte. Die Tasche zuckte minimal und plötzlich zeichnete sich im Inneren ein schmales, bislang unsichtbares Fach ab. Minervas Atem stockte. Irina griff gezielt hinein und zog einen kleinen Umschlag hervor.
„Da sind sie“, sagte sie ruhig.
Ohne zu zögern steckte sie den Umschlag in ihre Robe, ließ das Fach verschwinden, schloss die Tasche und packte Minerva am Handgelenk.
„Komm.“
Keine Sekunde zu früh. Die Tür zum Behandlungszimmer öffnete sich. Featherstone trat heraus, blasser denn je, die Miene angespannt, das Hemd noch halb geöffnet.
„Edmund! Wir sind hier noch nicht fertig“, ertönte Poppys Stimme hinter ihm.
Sein Blick fiel sofort auf die Tasche. Er griff danach, hastig, prüfend, als würde er instinktiv spüren, dass etwas geschehen war.
Dann drehte er sich um und verschwand, ohne ein Wort, ohne jemanden anzusehen, fast fluchtartig aus dem Krankenflügel. Minerva stand reglos da, Irinas Griff noch an ihrem Arm, das Herz hämmernd, die Knie weich.
Es war vorbei. Die Fotos waren wieder da und Featherstone hatte nichts mehr in der Hand.
Poppy trat aus dem Behandlungszimmer und sah die zwei sofort prüfend an.
„Und?“ fragte sie leise, aber eindringlich. „Hat es geklappt?“
Minerva schloss für einen kurzen Moment die Augen, als würde erst jetzt die Spannung aus ihrem Körper weichen. Dann atmete sie tief aus und nickte.
„Ja.“
Irina zog den kleinen Umschlag aus ihrer Robe und reichte ihn Minerva.
„Unversehrt an die Eigentümerin zurück.“
Minerva nahm ihn mit beiden Händen, als wäre er etwas Zerbrechliches oder etwas, das sie beinahe gekostet hätte, alles zu verlieren. Ohne nachzudenken trat sie vor. Sie nahm Poppy fest in den Arm.
„Ich danke dir“, sagte sie erleichtert und löste sich von ihr.
Dann schloss sie Irina fest in die Arme.
„Danke“, sagte sie leise, ehrlich. „Ich weiß nicht, wie ich dir das jemals zurückzahlen soll.“
Irina erwiderte die Umarmung kurz, fast brüderlich.
„Dafür sind Verbündete da.“
In diesem Moment öffnete sich die Tür erneut. Hermine blieb einen Herzschlag lang stehen, ließ den Blick über die Szene gleiten – den Umschlag in Minervas Hand, Irinas Nähe, Poppys entspannte Haltung. Dann entspannte sich ihr Gesicht schlagartig.
„Ah“, sagte sie trocken. „Das erklärt einiges.“
Minerva trat sofort einen Schritt von Irina zurück, etwas verlegen, aber sichtbar erleichtert. Hermine verschränkte die Arme vor der Brust und ging langsam auf Minerva zu, ein leichtes Schmunzeln auf den Lippen. Ihr Blick glitt kurz zu Irina, dann zurück zu Minerva.
„Ihr könnt wirklich froh sein“, sagte sie scheinbar nachdenklich, „dass ich nicht eifersüchtig bin.“ Sie zog eine Augenbraue hoch. „Sonst wäre ich bei dieser Umarmung gerade ziemlich verärgert.“
Minerva setzte zu einer Erklärung an.
„Hermine, ich…“
Weiter kam sie nicht. Hermine trat näher und drückte ihr einen festen, warmen Kuss auf die Lippen – ohne Rücksicht auf Zuschauer. Als sie sich löste, lehnte sie die Stirn kurz an Minervas.
„Ich bin einfach froh“, sagte sie leise. „Dass es vorbei ist.“
Minerva lächelte, ein echtes, tiefes Lächeln, das die Erschöpfung nicht mehr ganz verbergen konnte.
„Das bin ich auch.“
Poppy räusperte sich dezent, aber mit einem zufriedenen Funkeln in den Augen. Irina grinste offen. Die Gefahr war gebannt.
Featherstone war entwaffnet. Und zum ersten Mal seit Tagen fühlte sich Hogwarts wieder ein kleines Stück sicherer an.
Poppy lehnte sich ein wenig zurück, musterte den Umschlag in Minervas Hand und grinste dann unverhohlen.
„Na gut“, sagte sie neugierig, „jetzt will ich aber doch wissen, wofür wir hier gerade halbe Herzinfarkte riskiert haben.“ Sie nickte in Richtung Umschlag. „Was sind das eigentlich für Fotos?“
Minerva hob den Blick, sichtlich ertappt und sah zu Hermine. Für einen Moment sagte keine von beiden etwas. Hermine lächelte sanft, ruhig.
„Die Entscheidung liegt bei dir.“
Minerva zögerte. Einen Herzschlag lang. Dann seufzte sie leise – nicht unglücklich, eher ergeben.
„Ach, was soll’s“, murmelte sie. „Nach allem, was passiert ist…“
Sie öffnete den Umschlag und zog die beiden Fotos hervor. Poppy und Irina traten näher. Auf den Bildern waren keine Skandale zu sehen. Keine Unangemessenheit. Nur zwei Frauen an einem ruhigen Ort, fern von Hogwarts. Minerva, die selten so entspannt wirkte, Hermine an ihrer Seite, lachend, vertraut, ein Moment eingefangen, der eindeutig ihnen gehörte.
Poppy lächelte sofort, weich, beinahe gerührt.
„Merlins Bart“, murmelte sie. „Ihr zwei seid so ein hübsches Paar.“
Irina nickte zustimmend.
„Und diese Fotos… die zeigen keinen Skandal.“ Sie sah Minerva an. „Sie zeigen einen ganz besonderen Moment.“
Hermine schob sich näher, legte den Arm um Minervas Taille und küsste sie kurz auf die Wange – leicht, selbstverständlich, ohne jede Unsicherheit.
„Genau das“, sagte sie grinsend. „So sehe ich das auch.“
Minerva spürte die Wärme dieser Geste, die Selbstverständlichkeit, mit der Hermine zu ihr stand. Ihr Lächeln wurde breiter, freier als zuvor. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte es sich an, als hätten sie nichts mehr zu verbergen.