Haltung bewahren
Haltung bewahren
Hallo meine Lieben,
ich kanns kaum abwarten... Ich hoffe ihr köpft mich nicht für das Ende dieses Kapitels... Ich verspreche euch aber, dass es ganz, ganz schnell weitergeht ;)
Nun aber viel Spaß beim Lesen.
LG
M.
Beim Frühstück im Großen Saal lag eine spürbar andere Stimmung über dem Lehrertisch. Wo in den letzten Tagen noch Müdigkeit, Gereiztheit und angespannte Blicke geherrscht hatten, wurde nun wieder gelacht, geredet und ausgiebig gegessen. Poppy Pomfrey saß da wie die personifizierte Genugtuung und nahm mit einem zufriedenen Nicken hin, dass mehrere Kollegen ihre Tassen hoben oder ihr dankbar zulächelten.
„Ich muss schon sagen“, begann Flitwick fröhlich, während er sich ein Brötchen aufschneiderte, „ich fühle mich endlich wieder ganz wie ich selbst.“
„Ganz meine Rede“, pflichtete Sprout bei. „Diese bleierne Schwere ist komplett verschwunden.“
Poppy winkte ab, ein leichtes Lächeln um die Lippen.
„Ein paar gut gebraute Tränke und ein bisschen Geduld. Mehr war es nicht.“
Minerva beobachtete die Runde ruhig, eine Tasse Tee in der Hand. Die Erleichterung war echt und sie tat gut. Dennoch blieb ein Teil ihrer Aufmerksamkeit wachsam, wach wie ein leiser Alarm im Hintergrund. Hermine saß zwei Plätze entfernt, entspannter als in den vergangenen Morgen, aber ebenso aufmerksam.
„Hermine“, meldete sich plötzlich Slughorn zu Wort, der sich gerade genüsslich etwas Rührei auf den Teller schaufelte, „fühlst du dich denn bereit für den heutigen Unterricht?“
Hermine hob den Blick zu ihm, überrascht, aber gefasst.
„Ja, Horace. Auf jeden Fall.“
Slughorn musterte sie einen Moment lang über den Rand seiner Brille, dann nickte er anerkennend.
„Sehr schön. In diesem Fall werde ich dir die Abschlussklassen heute ganz überlassen. Ich glaube, du bist mehr als fähig, sie allein zu unterrichten.“
Für einen Herzschlag war Hermine sprachlos. Dann hellte sich ihr Gesicht sichtbar auf.
„Danke, Horace“, sagte sie ehrlich. „Das bedeutet mir viel.“
„Ha! Das hört man doch gern“, rief Slughorn zufrieden.
Neville, der neben Hermine saß, strahlte sie an.
„Das ist großartig, Hermine! Die Siebtklässler werden Augen machen.“
„Ich hoffe nur vor Staunen und nicht vor Schock“, erwiderte Hermine trocken, aber man sah ihr die Freude deutlich an.
Ein leises, missmutiges Murmeln drang vom anderen Ende des Tisches herüber.
„Unfassbar…“, knurrte Featherstone halblaut. „Als würde Begeisterung pädagogische Erfahrung ersetzen.“
Ein paar Köpfe drehten sich, andere taten demonstrativ so, als hätten sie nichts gehört. Hermine allerdings schon. Sie sah nicht einmal direkt zu ihm hin, sondern rührte seelenruhig in ihrem Tee.
„Sie haben recht, Professor Featherstone“, sagte sie sachlich. „Erfahrung ist enorm wichtig.“
Sie hob den Blick und sah ihn nun doch an, kühl und ruhig.
„Zum Glück sammelt man sie am besten, indem man Verantwortung übernimmt.“
Ein kurzer, scharfer Blickwechsel folgte. Featherstone presste die Lippen aufeinander und schwieg. Neville musste sich sichtlich beherrschen, nicht zu grinsen. Minerva nahm einen Schluck Tee und erlaubte sich innerlich ein stilles, zustimmendes Nicken. Die Ruhe am Tisch kehrte zurück, doch sie war anders als zuvor.
Minerva stellte ihre Teetasse langsam ab. Das leise Klirren reichte aus, um die Aufmerksamkeit der Kollegen auf sich zu ziehen. Gespräche verebbten, Besteck wurde zur Seite gelegt.
„Bevor wir auseinandergehen“, begann sie ruhig, mit jener Autorität, die keinen Raum für Unterbrechungen ließ, „möchte ich euch über etwas informieren.“
Mehrere Blicke richteten sich auf sie. Hermine spürte, wie sich Minervas Haltung kaum merklich straffte.
„Das Ministerium für Zauberei hat sich für heute angekündigt“, fuhr Minerva fort. „Eine kleine Delegation. Ihr solltet euch darauf einstellen, dass es im Laufe des Tages zu Rückfragen kommen kann.“
Ein leises Raunen ging über den Tisch.
„Heute?“, fragte Neville überrascht.
„Worum geht es denn?“, hakte Flitwick neugierig nach.
Minerva hob leicht die Hand.
„Nach meiner Einschätzung werden Befragungen frühestens am Nachmittag stattfinden, denn ich gehe davon aus, dass das Ministerium den regulären Unterrichtsablauf nicht stören möchte.“
Das schien einige der Anwesenden zu beruhigen. Slughorn atmete hörbar aus.
„Und… der Anlass?“, fragte Sinistra vorsichtig.
Minervas Miene blieb vollkommen neutral.
„Eine interne Angelegenheit. Routinemäßige Überprüfung, wie sie von Zeit zu Zeit vorkommt. Mehr kann ich dazu im Moment nicht sagen.“
Ihre Stimme war ruhig, aber endgültig. Hermine erkannte das Zeichen sofort — keine weiteren Nachfragen und tatsächlich wechselten einige Kollegen Blicke, entschieden sich dann jedoch dagegen, weiter zu bohren.
„Nun gut“, murmelte Slughorn. „Dann hoffe ich, sie bringen zumindest keinen Papierkram mit.“
Ein paar leise, angespannte Lacher. Featherstone saß ungewöhnlich still da. Sein Blick ruhte starr auf seinem Teller, die Finger umklammerten den Rand, als würde er sich daran festhalten. Der eben noch vorhandene Anflug von Selbstzufriedenheit war verschwunden, ersetzt durch eine kühle, wachsame Anspannung. Minerva bemerkte es, natürlich tat sie das.
„Das war’s“, schloss sie schließlich. „Geht bitte eurem Unterricht nach wie gewohnt.“
Stühle rückten, Roben raschelten. Einer nach dem anderen erhob sich. Hermine stand ebenfalls auf, warf Minerva einen kurzen Blick zu. Eine Mischung aus Vertrauen und stiller Unterstützung. Minerva erwiderte ihn kaum merklich. Niemand musste wissen, worum es wirklich ging. Es wussten ohnehin schon zu viele und Minerva war entschlossen, dafür zu sorgen, dass es nicht noch mehr wurden.
Hermine stand vorne am Lehrerpult, den Rücken gerade, die Hände locker auf den Rand des Tisches gestützt. Vor ihr saßen die Siebtklässler – konzentrierter als sonst, denn allein die Tatsache, dass sie heute ohne Slughorns direkte Anleitung unterrichtet wurden, verlieh der Stunde eine ungewohnte Ernsthaftigkeit.
„Heute beschäftigen wir uns mit dem Elixier der klaren Fokussierung“, begann Hermine ruhig. Ihre Stimme trug mühelos durch den Raum. „Ein äußerst anspruchsvoller Trank, der nicht verzeiht, wenn man Abkürzungen nimmt.“
Sie drehte sich zur Tafel und schrieb mit präziser Bewegung die Zutaten auf. Währenddessen erklärte sie jeden Schritt. Nicht nur was zu tun war, sondern warum.
„Der entscheidende Punkt“, fuhr sie fort und sah wieder in die Runde, „ist die Temperatur. Zu heiß und der Trank wird instabil. Zu kalt und er verliert seine Wirkung vollständig. Vertrauen Sie nicht der Farbe allein, achten Sie auf das Verhalten der Oberfläche.“
Einige Schüler beugten sich interessiert vor. Andere machten hastig Notizen. In der letzten Reihe saß Slughorn, die Hände auf seinem Bauch gefaltet, die Augen aufmerksam auf Hermine gerichtet. Er sagte kein Wort, aber hin und wieder nickte er kaum merklich.
„Sie arbeiten heute paarweise“, erklärte Hermine weiter. „Ich erwarte saubere Schnitte, exakte Zeitangaben und vor allem Geduld.“
Sie ließ den Blick durch den Raum wandern.
„Sie dürfen beginnen.“
Ein leises Klirren erfüllte den Raum, als Kessel entzündet wurden. Kräuter wurden geschnitten, Flüssigkeiten abgemessen. Hermine ging langsam zwischen den Tischen umher, beugte sich hier vor, korrigierte dort eine Handbewegung, stellte leise Rückfragen.
„Nicht rühren“, sagte sie sanft, aber bestimmt zu einem nervösen Schüler. „Warten Sie, bis sich der Dampf gleichmäßig verteilt.“
Die Schüler reagierten aufmerksam, respektvoll. Niemand nahm die Aufgabe auf die leichte Schulter. Slughorn beobachtete all das mit wachsender Zufriedenheit. Ein kaum merkliches Lächeln huschte über sein Gesicht, als Hermine einer Schülerin erklärte, wie sie einen bereits leicht gekippten Trank noch retten konnte. Hermine selbst spürte, wie die anfängliche Anspannung langsam nachließ. Hier, zwischen Kesseln und Zaubertrankdämpfen, war sie sicher. Kompetent. Ganz bei sich. Für diesen Moment zumindest rückte das Ministerium in weite Ferne.
Nachdem der letzte Kessel der Siebtklässler sauber verschlossen war, klatschte Hermine einmal leise in die Hände, um die Aufmerksamkeit wieder auf sich zu ziehen.
„Gut“, sagte sie. „Die Hausaufgaben.“
Ein kollektives Seufzen ging durch den Raum, doch sie ließ sich davon nicht beirren.
„Bis Mittwoch verfassen Sie eine zweiseitige Ausarbeitung über alternative Stabilisatoren für das Elixier der klaren Fokussierung. Keine reinen Abschriften aus Libatius Borage, ich erwarte eigene Überlegungen.“
Einige Gesichter hellten sich auf, andere verzogen sich. Hermine notierte die Aufgabe an der Tafel, entließ die Schüler schließlich mit einem knappen, freundlichen Nicken und begann, die Arbeitsflächen zu überprüfen.
Kaum war der Raum halbwegs aufgeräumt, öffnete sich die Tür erneut und mit ihr zog ein völlig anderes Energielevel ein. Die Zweitklässler. Sie plapperten, stolperten, lachten, drängelten sich um die Tische, während bereits der erste Kessel scheppernd gegen einen Stuhl stieß.
„Ranzen unter die Tische“, sagte Hermine ruhig, aber deutlich.
Ein Teil der Klasse reagierte sofort, der Rest erst nach einem zweiten, etwas strengeren Blick.
„Wir atmen jetzt einmal tief durch“, fuhr sie fort. „Alle.“
Überraschend viele machten tatsächlich mit. Hermine nutzte den Moment.
„Heute brauen wir einen Beruhigungstrank der ersten Stufe. Einfach, aber nur, wenn man sich auch entsprechend benimmt.“
Ein leises Kichern, dann wieder Bewegung. Sie begann zu erklären, wurde jedoch bereits nach dem ersten Schritt unterbrochen.
„Professor Granger, warum riecht das nach Pfefferminze?“
„Professor Granger, darf man auch zwei Blätter nehmen?“
„Professor Granger, meiner dampft schon!“
Hermine hob die Hand.
„Stopp. Einer nach dem anderen.“
Ihre Stimme war nicht laut, aber klar und sie wirkte. Langsam kehrte Ordnung ein. Sie wiederholte die entscheidenden Schritte geduldig, zeigte das richtige Zerschneiden der Blätter, erklärte, warum Rühren gegen den Uhrzeigersinn wichtig war. Immer wieder musste sie zur Ruhe mahnen, doch sie verlor nie die Kontrolle. Mit der Zeit wurden die Bewegungen der Kinder sicherer. Das anfängliche Chaos wandelte sich in konzentriertes Arbeiten, begleitet von leisem Murmeln und dem gelegentlichen Auflodern einer Flamme. Hermine ging von Tisch zu Tisch, lobte hier, korrigierte dort, lächelte, wenn ein Trank tatsächlich die richtige, sanft blaue Farbe annahm.
„Sehr gut“, sagte sie schließlich und ließ den Blick über die Klasse schweifen. „Das ist für viele von Ihnen der erste Trank, der wirklich so aussieht, wie er soll.“
Einige Kinder strahlten vor Stolz. Als die Stunde sich dem Ende näherte, waren die meisten Kessel erfolgreich abgeschlossen und die Klasse merklich ruhiger als zu Beginn. Hermine atmete innerlich auf. Sie hatte sie im Griff gehabt und während sie die letzten Anweisungen gab, wusste sie: Egal, was der Nachmittag bringen würde, sie war bereit.
Während Hermine mit ruhiger Stimme Anweisungen gab, saß Minerva an ihrem Schreibtisch und brachte kaum eine Zeile zustande. Die Unterlagen vor ihr waren ordentlich gestapelt, jedes Schreiben des Ministeriums fein säuberlich abgeheftet, jede Antwort präzise formuliert. Sie hatte alles gesagt. Mehrfach. Schriftlich wie mündlich. Sachlich, korrekt, unangreifbar. Und doch trommelten ihre Finger unruhig auf dem dunklen Holz. Sie stand auf, ging zum Fenster, sah hinaus auf den Innenhof. Schüler lachten, liefen schnell zur nächsten Stunde, völlig unbeeindruckt von dem, was sich über ihren Köpfen zusammenbraute. Hogwarts funktionierte. Wie immer. Und genau das machte die Situation so absurd.
'Was wollen sie noch hören?', fragte sie sich.
Minerva drehte sich wieder um, ging ein paar Schritte, blieb stehen. Ihre Gedanken kreisten nicht um ihre eigenen Aussagen, ihrer war sie sich sicher. Sie fürchtete nicht, sich zu widersprechen oder einen Fehler zu machen. Was ihr Unbehagen nährte, war etwas anderes. Sie hatte keine Kontrolle darüber, wen das Ministerium befragen würde. Keine Kontrolle darüber, wie gefragt würde. Und erst recht keine darüber, wie ihre Kollegen reagieren würden.
Pomona würde loyal sein, da war sie sich sicher. Poppy ebenso – diskret, professionell. Irina… Irina würde klug antworten, vorsichtig. Aber nicht alle waren so berechenbar. Ein Name drängte sich ihr auf, unerwünscht und hartnäckig. Featherstone.
Minerva presste die Lippen zusammen. Sie wusste nicht, was er sagen konnte oder wollte. Er würde sich nicht zurückhalten. Er würde versuchen, Andeutungen zu machen, Zweifel zu säen, Fragen aufzuwerfen, die nie hätten gestellt werden müssen. Sie ließ sich wieder in ihren Stuhl sinken und schloss für einen Moment die Augen.
'Du kannst das nicht kontrollieren', sagte sie sich streng. 'Und du darfst es auch nicht versuchen.'
Was zwischen ihr und Hermine war, war kein Vergehen. Kein Skandal. Kein Machtmissbrauch, egal wie sehr manche es verdrehen wollten. Sie wusste das. Hermine wusste es. Und doch reichte Wissen allein manchmal nicht aus, wenn andere ihre eigenen Geschichten erzählten. Minerva atmete tief durch, richtete die Schultern und öffnete die Augen wieder. Was auch immer kommen würde, sie würde ruhig bleiben. Klar. Aufrecht. Wie immer. Aber das mulmige Gefühl in ihrer Brust blieb.
Beim Mittagessen zeigte Minerva nach außen hin die gewohnte Ruhe. Sie saß aufrecht am Lehrertisch, führte beiläufige Gespräche, nickte hier, stellte dort eine sachliche Frage zum Stundenplan – alles so, wie es immer war. Wer sie nicht gut kannte, hätte nichts Ungewöhnliches bemerkt, doch innerlich blieb die Unruhe. Die Kollegen verhielten sich tatsächlich vollkommen normal. Pomona erzählte etwas über ihre Gewächshäuser, Slughorn schwärmte von Hermines gelungenen Unterrichtsstunden, Neville hörte aufmerksam zu und lachte an den richtigen Stellen. Es war beinahe tröstlich, wie alltäglich alles wirkte. Beinahe. Minervas Blick glitt unwillkürlich zu Featherstone und da war es. Er wirkte… zufrieden. Zu zufrieden. Er aß mit Appetit, machte sogar einen flapsigen Kommentar, lachte leise über einen eigenen Witz. Es war kein offenes Triumphieren, nichts Greifbares, aber Minerva kannte Menschen gut genug, um den feinen Unterschied zu spüren. Diese Art von guter Laune war keine Erleichterung. Sie war Erwartung.
'Er glaubt immer noch, etwas in der Hand zu haben', dachte sie kühl.
Sie sagte nichts. Kein scharfer Blick, kein Kommentar. Sie würde ihm diese Genugtuung nicht geben. Doch in ihrem Inneren zog sich etwas zusammen. Featherstone war nicht der Typ, der sich ohne Grund so sicher fühlte und wenn er sprach – davon war sie überzeugt – dann nicht zu seinen Kollegen, sondern zu den Leuten, die er für empfänglicher hielt. Dem Ministerium. Minerva legte ihr Besteck beiseite, trank einen Schluck Wasser und zwang sich, ruhig zu bleiben. Worte allein waren nichts. Andeutungen ebenso wenig. Sie klammerte sich an diesen Gedanken.
'Ohne Beweise', sagte sie sich, 'ist alles nur Gerede.'
Und dennoch hoffte sie inständig, dass genau das auch für die Beamten gelten würde. Dass sie sich nicht von Misstrauen, Moralvorstellungen oder subtilen Unterstellungen leiten ließen. Dass sie sahen, was tatsächlich vor ihnen lag und nicht das, was jemand ihnen einreden wollte. Minerva erhob sich schließlich wie gewohnt, verabschiedete sich knapp und verließ die Große Halle. Ihr Rücken war gerade, ihr Schritt fest, doch tief in ihrem Inneren bereitete sie sich bereits auf den Nachmittag vor.
Kaum hatte Minerva die Tür zu ihrem Büro hinter sich geschlossen, klopfte es. Ein leises, bestimmtes Klopfen und noch bevor sie antworten konnte, öffnete sich die Tür. Hermine trat ein. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie direkt auf Minerva zu, griff nach ihren Händen und zog sie näher. Der Kuss, den sie ihr auf die Lippen drückte, war fest, entschlossen, beinahe trotzig. Im nächsten Moment schlang sie die Arme um Minerva und hielt sie so, als wolle sie ihr den Boden unter den Füßen zurückgeben. Minerva blinzelte überrascht, erstarrte einen Moment lang und entspannte sich dann. Sie erwiderte die Umarmung, legte die Stirn kurz an Hermines Schulter und atmete tief aus.
„Was…“, murmelte sie schließlich und löste sich ein wenig, ohne Hermines Hände loszulassen, „war das denn gerade?“
Hermine sah sie an, offen und ehrlich, ohne jede Ironie.
„Ich hab gesehen, wie angespannt du beim Essen warst“, sagte sie leise. „Und ich wusste, du würdest jetzt hier sitzen und wieder alles zerdenken. Also wollte ich kurz zu dir. Dich sehen. Dich aufmuntern.“
Minervas Mundwinkel hoben sich schwach.
„Das ist sehr lieb von dir“, sagte sie ehrlich.
Hermine nickte, trat einen Schritt näher.
„Ich weiß, dass du nervös bist“, fuhr sie fort. „Aber hör mir zu, Minerva. Niemand hat mehr handfeste Beweise. Wenn heute jemand etwas sagt, dann ist es Gerede. Mehr nicht.“ Sie drückte Minervas Hände sanft. „Und aus Gerede kann man weder dir noch mir einen Strick drehen.“
Minerva sah sie lange an. In Hermines Blick lag so viel Zuversicht, so viel Vertrauen, dass es beinahe ansteckend war. Die Enge in ihrer Brust löste sich ein wenig.
„Du klingst sehr sicher“, sagte sie leise.
Hermine lächelte.
„Das bin ich auch und selbst wenn es unangenehm wird, wir stehen das gemeinsam durch.“ Sie strich Minerva sanft über den Handrücken. „Du wirst das nicht allein tragen.“
Minerva schloss für einen Moment die Augen, dann nickte sie langsam.
„Danke“, sagte sie leise. „Das… hilft mehr, als du glaubst.“
Hermine grinste leicht.
„Gut. Genau dafür bin ich hier.“
Noch einmal zog sie Minerva kurz in ihre Arme, dann löste sie sich widerwillig.
„Musst du nicht zurück in den Unterricht?“, fragte Minerva.
„Nein. Ich bin für heute fertig. Allerdings werde ich noch etwas arbeiten. Horace möchte mir morgen wieder die Abschlussklassen anvertrauen. Wir werden die Tränke nun wiederholen, damit alles für die Prüfungen sitzt.
Minerva nickte, nun etwas gefasster.
„Ich bin sicher, dass du das wunderbar machen wirst.“
„Und du hör auf dir Gedanken zu machen. Sie werden kommen und wir können nichts daran ändern.“
„Ich weiß und ich bemühe mich“, sagte Minerva und zwang sich zu einem Lächeln.
Hermine küsste sie noch einmal und sie verabschiedeten sich.
Als Hermine die Tür hinter sich schloss, war das mulmige Gefühl nicht verschwunden, aber es hatte seinen scharfen Rand verloren. Und für den Moment reichte das. Minerva zwang sich, den Blick wieder auf die Pergamente vor sich zu richten. Sie arbeitete, las Berichte, unterschrieb Schreiben, korrigierte Randnotizen – alles mit der gewohnten Präzision. Doch es fühlte sich mechanisch an. Die Zeit zog sich, jede Stunde schien länger als die davor.
Ein Klopfen riss sie schließlich aus ihren Gedanken.
„Herein.“
Argus Filch stand in der Tür, ungewöhnlich geschniegelt und mit einer Wichtigkeit in der Haltung, die Minerva sofort ahnen ließ, was kam.
„Professor McGonagall“, sagte er knapp, „die Delegation des Ministeriums ist soeben eingetroffen.“
Minerva richtete sich auf.
„Danke, Mr. Filch. Bitte bringen Sie die Herrschaften zu mir.“
Filch nickte, drehte sich um und verschwand wieder. Minerva stand auf, strich unbewusst ihre Robe glatt und atmete einmal tief durch. Wenig später öffnete sich die Tür erneut. Zuerst trat Kingsley Shacklebolt ein. Der Anblick seines ruhigen, souveränen Auftretens wirkte fast beruhigend. Hinter ihm folgte eine junge Frau und zwei Herren aus der Abteilung für magische Ausbildung, alle Minerva wohlbekannt – sachlich, korrekt, nicht für unnötige Dramatik bekannt. Danach eine Frau und ein Mann der Dienstaufsicht. Der Mann war Minerva ebenfalls vertraut. Die Frau hingegen nicht. Sie war elegant gekleidet, der Blick wach, aufmerksam, prüfend. Minerva brauchte keinen Namen, um zu wissen, wer sie war. Olive Lockwood, dachte sie.
„Minister“, sagte Minerva ruhig und mit der ihr eigenen Autorität, „meine Damen und Herren. Willkommen in Hogwarts.“
Kingsley lächelte freundlich.
„Vielen Dank, Minerva. Wir wissen deine Bereitschaft zur Zusammenarbeit sehr zu schätzen.“
„Selbstverständlich“, erwiderte sie knapp. „Bitte, nehmen Sie Platz.“
Sie deutete auf die Sitzgruppe vor ihrem Schreibtisch. Die Delegation verteilte sich, Kingsley blieb einen Moment stehen, um die Anwesenden einander vorzustellen. Namen fielen, Titel, Zuständigkeiten. Als Olive Lockwood genannt wurde, nickte Minerva ihr höflich zu. Lockwood erwiderte den Gruß mit einem kühlen, professionellen Lächeln. Als alle saßen, nahm Minerva selbst Platz hinter ihrem Schreibtisch. Sie faltete die Hände ineinander, den Rücken gerade, den Blick ruhig.
„Nun“, sagte sie sachlich, „ich nehme an, Sie sind nicht wegen des Wetters hier.“
Ein leises Schmunzeln ging durch einen der Herren aus der Ausbildungsabteilung. Kingsley hingegen blieb ernst, aber nicht unfreundlich.
„Nein“, sagte er. „Wir möchten die Punkte klären. Vor allem im Hinblick auf interne Vorgänge und… persönliche die Angelegenheiten.“
Minerva nickte langsam.
„Dann sollten wir beginnen.“
In ihrem Inneren spannte sich alles an, doch nach außen hin war sie die Schulleiterin von Hogwarts. Unerschütterlich. Bereit.