Grenzen und Funken
Grenzen und Funken
Bis zum Abend hatte sich die Nachricht wie ein Lauffeuer durch Hogwarts verbreitet. Die Portraits berichteten eifrig von jeder Szene im Klassenzimmer und spätestens beim Abendessen wusste jeder Lehrer und viele ältere Schüler über Minervas Ausbruch gegen Featherstone Bescheid. Minerva selbst gefiel das eigentlich gar nicht. Sie hatte keinen Spaß daran, dass sich Klatsch und Tratsch über sie verbreiteten, auch nicht über die imposante Art, in der sie Featherstone zurechtgewiesen hatte. Es war nicht ihre Art, sich öffentlich in Szene zu setzen, doch als sie über den langen Tisch in der Großen Halle blickte, konnte sie nicht leugnen, dass ihr ein kleiner Funke Genugtuung durch die Glieder fuhr. Featherstone saß wie festgenagelt auf seinem Platz, der Rücken etwas steifer, der Blick abwesend, als wollte er jeden Moment aus der Halle verschwinden und doch konnte Minerva sehen, dass er beobachtet wurde. Die Blicke der anderen Lehrer, der leicht verlegene Ausdruck bei einigen Schülern, alles deutete darauf hin, dass jeder wusste, was geschehen war.
Featherstone hasste es. Man konnte es ihm ansehen. Dieses stille, unangenehme Glühen des Grolls, das seine sonst so überhebliche Miene verzog. Minerva lehnte sich zurück, ihr Blick sanft, aber bestimmt. Sie wusste, dass die kleine Genugtuung, die sie spürte, nur gerecht war.
'Manchmal', dachte sie, 'kann ein klarer Standpunkt mehr bewirken als jede Strenge im Unterricht.'
Und sie wusste auch: Featherstone würde sich das merken.
Aber Minerva war bereit. Immer.
Nach dem Abendessen begab sich Minerva noch einmal in ihr Büro, um einen letzten Brief für heute zu schreiben. Sie hatte Hermine bereits eine Nachricht zukommen lassen, dass sie später zu ihr kommen würde.
Minerva hatte kaum die Tür zu ihrem Büro hinter sich geschlossen, als sie das unverkennbare Quietschen der Türscharniere hörte. Bevor sie sich umdrehen konnte, stand Featherstone bereits im Türrahmen, ein selbstgefälliges Lächeln auf den Lippen.
„Dieses Gerede über unser kleines… Intermezzo“, begann er, die Stimme gespitzt, „es macht die Runde, Minerva. Und ich muss sagen, es gefällt mir gar nicht.“
Minerva hob eine Augenbraue, die Hände noch auf den Papieren ruhend, ihre Stimme kühl wie Eis.
„Dann solltest du dich vielleicht fragen, warum sie darüber reden. Ich jedenfalls habe damit nichts zu tun.“
Featherstone trat einen Schritt näher, sein Blick hart.
„Pass auf, Minerva. Du hast heute eine Grenze überschritten.“
Minerva lehnte sich zurück, die Miene unbewegt. Ihre Stimme war leise, aber messerscharf:
„Mehrere Grenzen, Edmund, hast du heute bereits überschritten. Nicht ich.“
Sein Lächeln verzog sich zu einem schmalen Grinsen.
„Interessant“, spottete er, „dann ticke ich also genau so wie deine… Gespielin, Granger?“
Minerva ließ die Papiere sinken, stand auf und trat einen Schritt auf ihn zu. Die Kälte in ihrer Stimme ließ keinen Zweifel aufkommen.
„Wenn du es wagst, Vergleiche zwischen Hermine und dir auf diese Weise zu ziehen, dann sind wir hier nicht mehr bei Andeutungen. Du hast heute genug Schaden angerichtet, Edmund und ich dulde keinen weiteren Versuch, mich oder andere einzuschüchtern.“
Seine Augen verengten sich, sein Griff um die Kante des Türrahmens wurde etwas fester.
„Du glaubst wohl, dass du unantastbar bist, Minerva. Du wirst sehen, dass ich Wege finde, dich in die Schranken zu weisen.“
Minerva ließ sich einen Moment Zeit, blickte ihm unverwandt in die Augen, dann lehnte sie sich leicht vor, bis ihre Stirn fast seine berührte. Ihre Stimme war eisig ruhig, aber jede Silbe traf wie ein Schlag:
„Versuch es, aber du musst eines wissen: Wer hier Grenzen überschreitet, wird sie von mir sehr deutlich aufgezeigt bekommen. Und ich garantiere dir, dass das Konsequenzen haben wird.“
Featherstone zuckte kurz, eine flüchtige Regung von Unsicherheit blitzte in seinen Augen auf, bevor er sich zusammenraffte und das Büro schließlich widerwillig verließ.
Minerva atmete tief durch, die Schultern sanken ein wenig. Sie griff nach ihrem Zauberstab, überprüfte schnell ihre Unterlagen und murmelte sich selbst zu:
„Jetzt erst recht. Hermine und ich, wir lassen uns von ihm nicht einschüchtern.“
Minerva sah auf du Pergamente vor sich und schob sie einen Moment später zur Seite. Dann stand sie auf, nahm eine Hand voll Flohpulver und stieg in ihren Kamin. Minerva tauchte aus dem Kamin in Hermines Wohnung auf, noch leicht vom Zauber nachschwingend. Hermine stand bereits auf, der Blick sofort auf Minerva gerichtet. Schon an ihren Augen konnte sie erkennen, dass etwas vorgefallen war.
„Du siehst…“ begann Hermine vorsichtig, doch Minerva hob die Hand und lächelte schwach.
„Lass uns jetzt nicht davon sprechen“, unterbrach Minerva sie leise, aber bestimmt. „Ich will die kostbare Zeit, die wir haben, mit dir verbringen.“
Hermine nickte, ein leichtes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie trat auf Minerva zu, legte die Hände auf ihre Schultern und zog sie in eine sanfte Umarmung. Minerva erwiderte die Umarmung, spürte die Vertrautheit und Wärme, die ihr Kraft gab.
„Dann verbringen wir sie“, flüsterte Hermine, „ganz für uns.“
Minerva ließ sich in Hermines Nähe fallen, setzte sich auf das Sofa und Hermine setzte sich dicht zu ihr. Hände fanden Hände, eine Stirn berührte eine andere und für einen Moment zählten nur sie beide. Kein Featherstone, kein Ministerium, keine Sorgen, nur dieser kostbare Augenblick.
„Es tut gut, dass du hier bist“, murmelte Minerva, während sie Hermines Hand hielt.
„Immer“, antwortete Hermine leise und drückte ihre Hand sanft, als wolle sie Minerva spüren lassen, dass sie nicht allein war.
Eine Weile saßen sie einfach nebeneinander. Die Stille war warm, nicht drückend. Das Feuer im Kamin knisterte leise und Hermines Kopf ruhte an Minervas Schulter, doch Hermine kannte sie zu gut.
„Minerva“, begann sie schließlich vorsichtig, ohne den Blick zu heben, „möchtest du mir nicht doch sagen, was vorgefallen ist?“
Minervas Finger verharrten einen Moment in Hermines Haar.
„Ich sagte doch, ich möchte jetzt nicht—“
„—davon sprechen“, vollendete Hermine sanft. Dann hob sie den Kopf und sah sie direkt an. „Aber du trägst es mit dir herum. Und ich kenne diesen Blick.“
Minerva zögerte. Man konnte es deutlich sehen. Diesen inneren Konflikt zwischen dem Wunsch, Hermine zu schützen und dem Bedürfnis, ehrlich zu sein. Schließlich seufzte sie leise.
„Edmund war in meinem Büro“, sagte sie ruhig.
Hermines Haltung spannte sich sofort an.
„Er beschwerte sich über das Gerede“, fuhr Minerva fort. „Behauptete, ich hätte eine Grenze überschritten. Ich habe ihm klargemacht, dass er bereits mehrere überschritten hat.“
Hermine nickte langsam.
„Und dann?“
Minervas Blick wurde kühler.
„Dann wurde er… persönlicher. Er meinte, nach meiner Ausführung würde er genauso ticken wie meine ‚Gespielin‘.“
Einen Herzschlag lang war es still. Dann stieß Hermine leise einen anerkennenden Pfiff aus.
„Mutig“, murmelte sie trocken. „Oder lebensmüde.“
Minerva hob eine Augenbraue.
„Ich habe ihm deutlich gesagt, was ich von dieser Wortwahl halte.“
„Das glaube ich sofort“, sagte Hermine mit einem schmalen Lächeln. „Und ich wette, er sah nicht mehr ganz so selbstsicher aus.“
„Für einen Moment nicht“, bestätigte Minerva.
Hermine lehnte sich zurück und schüttelte leicht den Kopf.
„Er legt es wirklich darauf an.“
„Ja.“
Minervas Stimme war ruhig, aber darin lag nun keine bloße Verärgerung mehr, sondern Einschätzung.
„Er testet Grenzen“, sagte sie. „Er provoziert gezielt. Er will, dass wir die Kontrolle verlieren.“
Hermine verschränkte die Arme locker vor der Brust.
„Dann sollten wir ihm diesen Gefallen wohl nicht tun.“
Ein kleines, stolzes Lächeln erschien auf Minervas Lippen.
„Genau das habe ich mir auch gedacht.“
Hermine beugte sich leicht vor, ihre Stirn berührte Minervas.
„Wir bleiben klüger als er“, sagte sie leise. „Und geduldiger.“
Minerva legte ihre Hand an Hermines Wange.
„Geduld“, murmelte sie, „war noch nie seine Stärke.“
„Und genau das wird ihm zum Verhängnis werden“, entgegnete Hermine ruhig.
Für einen Moment sahen sie sich einfach nur an. Nicht ängstlich, nicht verunsichert, sondern entschlossen. Was auch immer Featherstone plante, sie würden bereit sein. Hermine lehnte sich wieder an Minerva, ihr Blick wanderte gedankenverloren zum Kamin.
„Weißt du“, begann sie leise, „eigentlich liebe ich den Dezember.“
Minerva zog eine Augenbraue hoch.
„Eigentlich?“
Ein schwaches Lächeln huschte über Hermines Lippen.
„Ich mag die Stimmung. Die Lichter im Schloss. Die Vorfreude der Schüler. Dieses leise Knistern in der Luft, wenn es draußen kälter wird.“
Sie seufzte.
„Aber dieses Jahr…“ Sie schüttelte leicht den Kopf. „Dieses Jahr bedeutet Dezember vor allem: gemeinsam unterrichten mit Featherstone.“
Minervas Hand strich beruhigend über ihren Rücken.
„Nur für eine begrenzte Zeit.“
„Ich weiß.“ Hermine verzog den Mund. „Und ich werde professionell bleiben, aber ich habe keine Lust, jeden Tag mit dieser unterschwelligen Spannung zu beginnen.“
Einen Moment war sie still. Dann hob sie plötzlich den Kopf und begann zu lächeln.
„Andererseits“, sagte sie und ihre Augen bekamen diesen vertrauten, lebendigen Glanz, „bedeutet Dezember auch etwas anderes.“
Minerva musterte sie aufmerksam.
„Oh?“
„Ferien.“
Das Wort hing warm zwischen ihnen. Minervas Gesicht entspannte sich sichtbar.
„In der Tat.“
„Keine gemeinsamen Unterrichtsstunden“, fuhr Hermine fort. „Keine ständigen Begegnungen im Lehrerzimmer. Kein gezwungenes Nebeneinanderstehen vor einer Klasse.“
„Und deutlich weniger Portraits, die alles kommentieren“, ergänzte Minerva trocken.
Hermine lachte leise.
„Ganz genau.“
Sie rückte näher.
„Vielleicht sollten wir uns auf diesen Teil konzentrieren.“
Minerva legte die Stirn an Hermines.
„Ich halte das für eine ausgezeichnete Strategie.“
„Ein paar Tage nur für uns“, murmelte Hermine. „Ohne Provokationen. Ohne Drohungen.“
„Ohne Edmund“, sagte Minerva ruhig.
Hermine nickte. Dann lächelte sie wieder, diesmal breiter.
„Siehst du? Vielleicht liebe ich den Dezember doch noch.“
Minerva erwiderte das Lächeln.
„Dann sorgen wir dafür“, sagte sie leise, „dass er genau so wird, wie wir ihn brauchen.“
Draußen heulte der Wind um die Türme von Hogwarts, kündigte den Winter an, doch im Schein des Kaminfeuers fühlte sich der kommende Dezember plötzlich nicht mehr wie eine Bedrohung an, sondern wie ein Versprechen. Minerva betrachtete sie einen Moment nachdenklich, dann legte sich ein feines, beinahe schelmisches Lächeln auf ihre Lippen.
„Wenn wir gerade schon beim Dezember sind …“, begann sie ruhig, „hast du eigentlich schon Pläne für Weihnachten?“
Hermine zuckte leicht mit den Schultern.
„Nicht wirklich. Ich habe noch nichts Spezielles geplant.“ Sie musterte Minerva aufmerksam. „Und du?“
Minerva schüttelte langsam den Kopf.
„Nein. Als Schulleiterin werde ich vermutlich hierbleiben müssen. Es sind immer einige Schüler über die Feiertage im Schloss und irgendjemand muss schließlich dafür sorgen, dass alles in geordneten Bahnen verläuft.“
Der Ton war sachlich, doch ein Hauch von Bedauern lag darunter. Hermine hingegen begann zu grinsen. Ohne ein weiteres Wort beugte sie sich vor und küsste Minerva sanft, aber bestimmt.
„Das trifft sich hervorragend“, murmelte sie dicht an ihren Lippen. „Denn auch ich werde sicherlich in Hogwarts bleiben.“
Minerva blinzelte überrascht, dann breitete sich ein warmes, echtes Lächeln auf ihrem Gesicht aus. Ihre Hand hob sich beinahe automatisch und strich Hermine zärtlich über die Wange.
„Das trifft sich in der Tat sehr gut“, sagte sie leise.
Ihr Blick wurde weicher.
„Dann werden die Feiertage dieses Jahr vielleicht… angenehmer als erwartet.“
Hermine legte ihre Hand über Minervas.
„Du hast also etwas mehr freie Zeit?“
Minerva nickte.
„Und deutlich weniger offizielle Verpflichtungen“, ergänzte Minerva.
„Also mehr Zeit für uns“, sagte Hermine leise.
Minervas Daumen zeichnete eine sanfte Linie über Hermines Wange.
„Oh ja.“
Hermine lächelte zufrieden.
Ein plötzliches, dumpfes Klopfen gegen das Fenster ließ beide aufblicken. Hermine runzelte die Stirn.
„Um diese Uhrzeit?“
Es war längst dunkel, das Schloss ruhig geworden. Post kam gewöhnlich am frühen Morgen, nicht spät am Abend.
Minerva erhob sich und öffnete mit einer kleinen Handbewegung das Fenster. Eine Eule flatterte herein, sichtlich erschöpft und ließ einen Brief direkt in Hermines Schoß fallen, bevor sie sich auf der Lehne eines Stuhls niederließ. Hermine drehte den Umschlag in ihren Händen. Dann erstarrte sie einen Augenblick.
„Oh“, murmelte sie leise.
Minerva sagte nichts, doch ihr Blick senkte sich unwillkürlich auf den Absender. Ihre Haltung wurde minimal steifer. Hermine erkannte die Handschrift sofort. Caleb.
Sie spürte es beinahe körperlich, dieses kaum wahrnehmbare, aber sehr reale Zucken in Minervas Miene. Kein Vorwurf. Kein Wort. Nur ein flüchtiger Schatten in ihren Augen.
Eifersucht.
Ganz leise. Ganz kurz.
Hermine lächelte sanft. Ohne den Umschlag zu öffnen, rückte sie dichter an Minerva heran, setzte sich neben sie auf das Sofa und nahm ihre Hand.
„Hey“, sagte sie leise.
Minerva hob den Blick, gefasst wie immer, aber Hermine kannte sie inzwischen zu gut.
„Ich weiß, wie das aussieht“, sagte Hermine ruhig. „Aber du musst dir keine Gedanken machen.“
Minerva atmete aus.
„Ich mache mir keine Gedanken.“
„Doch“, erwiderte Hermine sanft. „Ein kleines bisschen.“
Sie verschränkte ihre Finger mit Minervas.
„Liebling, du weißt, wie ich zu Caleb stehe. Nur Freundschaft, mehr nicht.“
Minervas Schultern entspannten sich spürbar unter dieser ruhigen Gewissheit.
„Das weiß ich. Es überrascht mich nur“, sagte sie schließlich ehrlich. „Dass er schreibt.“
Hermine nickte.
„Mich auch.“
Hermine hob ihre verschränkten Hände leicht an und küsste Minervas Handrücken. Minervas Blick wurde weich. Der Schatten verschwand, als hätte Hermine ihn einfach fortgewischt.
„Verzeih mir“, murmelte Minerva leise. „Ich bin nicht stolz darauf, dass ich meine Gefühle nicht immer unter Kontrolle habe.“
Hermine beugte sich vor und küsste sie sanft auf die Lippen.
„Du bist perfekt, so wie du bist und ich liebe alles an dir.“
Ein leises, fast verlegenes Lächeln erschien auf Minervas Gesicht. Dann blickten sie beide auf den ungeöffneten Brief in Hermines Hand, die andere Hand immer noch mit Minervas verschränkt. Das Pergament wirkte plötzlich schwerer als es war.
„Willst du ihn denn nicht lesen?“ fragte Minerva ruhig.
Hermine betrachtete den Umschlag einen Moment länger.
„Natürlich“, sagte sie schließlich. „Aber wir lesen ihn gemeinsam.“
Und so saßen sie dicht beieinander, Schulter an Schulter, während der ungeöffnete Brief zwischen ihnen lag. Hermine brach das Siegel. Das Pergament entfaltete sich mit einem leisen Rascheln. Minervas Hand blieb in ihrer, warm und präsent. Hermine warf ihr einen kurzen Blick zu, dann begann sie zu lesen.
„Liebe Hermine,“
ich hoffe sehr, dass es dir gut geht und auch Professor McGonagall.“
Minervas Augenbraue hob sich minimal, doch sie sagte nichts. Hermine las weiter:
„Ich war die letzten Wochen beruflich auf Reisen und habe erst vor wenigen Tagen von den Anhörungen im Ministerium erfahren. Es tut mir aufrichtig leid, dass ich davon nicht früher wusste. Hätte ich es geahnt, hätte ich euch beide sofort gewarnt oder zumindest meine Unterstützung angeboten.“
Hermine spürte, wie Minervas Finger sich leicht fester um ihre schlossen, nicht angespannt, eher aufmerksam.
„Ich hoffe sehr, dass ihr alles gut überstanden habt und dass sich die Lage inzwischen beruhigt hat. Bitte glaube mir, dass ich in Gedanken bei dir war, auch wenn ich physisch nicht anwesend sein konnte.“
Hermine machte eine kurze Pause, dann las sie den letzten Abschnitt.
„Solltest du Zeit und Interesse haben, würde ich dich gern in den nächsten Tagen besuchen. Es wäre schön, dich zu sehen und persönlich zu erfahren, wie es dir geht. Gib mir einfach Bescheid, ob und wann es dir passt.
Herzliche Grüße,
Caleb.“
Stille. Nur das leise Knistern des Feuers war zu hören. Hermine senkte langsam das Pergament. Minerva schwieg einen Moment, ihr Blick ruhte nachdenklich auf dem Brief.
„Er klingt… aufrichtig“, sagte sie schließlich ruhig.
„Ja“, stimmte Hermine zu. „Das tut er.“
Sie faltete den Brief sorgfältig zusammen, legte ihn auf den Tisch vor ihnen und lehnte sich wieder an Minerva.
„Was denkst du?“, fragte sie leise.
Minerva atmete langsam aus. Ihre Stimme war ruhig, ohne Schärfe.
„Ich denke, dass er sich sorgt. Und dass er höflich genug ist, uns beide zu erwähnen.“
Ein feines, fast ironisches Lächeln spielte um ihre Lippen. Hermine lächelte zurück.
„Er meint es nicht nur höflich. Das ist typisch für Caleb. Er ist aufrichtig und ich bin mir sicher, dass er uns geholfen hätte. Ehrlich gesagt habe ich auch völlig vergessen, dass er uns hätte helfen können. Wäre er hier gewesen wenn das Ministerium… Es hätte alles verändert.“
Minervas Ausdruck wurde weich.
„Wenn du ihn sehen möchtest“, sagte sie ruhig, „werde ich euch nicht im Weg stehen.“
Hermine verschränkte ihre Finger wieder mit Minervas.
„Ich möchte nichts tun, was dich unwohl fühlen lässt.“
Minerva schüttelte leicht den Kopf.
„Es geht nicht um Unwohlsein. Es geht um Vertrauen.“
Ein warmer Blickwechsel. Der Brief lag nun harmlos auf dem Tisch. Kein Auslöser für Streit. Kein Keil zwischen ihnen. Nur eine Entscheidung, die sie gemeinsam treffen würden. Minerva schwieg noch einen Moment, ihr Blick ruhte nachdenklich auf dem gefalteten Brief. Dann sah sie Hermine ruhig an.
„Ich denke“, begann sie bedächtig, „du solltest ihn treffen.“
Hermine blinzelte überrascht.
„Was?“
„Triff ihn“, wiederholte Minerva gefasst. „Er ist dein Freund. Du solltest ihn sehen und zwar ohne schlechtes Gewissen. Bring ihn auf den neuesten Stand. Zeig ihm, dass es dir gut geht.“
Sie machte eine kleine Pause. Ihre Stimme blieb ruhig, strategisch klar.
„Und bei dieser Gelegenheit… könnt ihr beide weiterhin den Eindruck eines glücklichen Paares aufrechterhalten.“
Hermine richtete sich auf.
„Minerva…“
„Es würde die Tarnung stärken“, fuhr Minerva fort. „Nach allem, was geschehen ist, wäre es nicht unklug, wenn Außenstehende weiterhin glauben, dass zwischen euch alles… stabil ist.“
Hermine schüttelte sofort den Kopf.
„Das gefällt mir nicht.“
Minerva hob eine Augenbraue.
„Warum nicht?“
„Weil ich dich nicht verletzen will“, sagte Hermine offen. „Und ich weiß, dass es dich verletzen würde. Vielleicht würdest du es nicht zeigen, aber ich kenne dich.“
Minervas Blick wurde weicher.
„Hermine“, sagte sie leise.
„Ich könnte es nicht ertragen, dich noch einmal bewusst in so eine Situation zu bringen“, fuhr Hermine fort. „Nicht, wenn ich weiß, dass es dich treffen könnte.“
Minerva antwortete nicht sofort. Stattdessen zog sie Hermine sanft zu sich, legte eine Hand in ihren Nacken und küsste sie langsam, ruhig, mit einer Sicherheit, die keine Zweifel ließ. Als sie sich löste, blieb sie dicht bei ihr.
„Ich liebe dich“, sagte Minerva leise.
Hermines Atem stockte kurz.
„Und ich vertraue dir“, fügte Minerva hinzu. „Was vor einigen Wochen geschehen ist, meine Eifersucht, das tut mir noch immer leid. Es war nicht richtig, so zu reagieren.“
Ihre Stirn berührte Hermines.
„Ich weiß, warum du es tust“, sagte sie leise. „Für uns.“
Hermines Augen glänzten.
„Ich liebe dich auch“, flüsterte sie.
Sie atmete tief durch.
„Und genau deshalb will ich nichts tun, das uns schadet.“
Minervas Daumen strich beruhigend über ihre Wange.
„Es wird uns nicht schaden. Er ist dein Freund und er tut es für uns. Das habe ich deutlich verstanden.“
Ein Moment des Schweigens. Dann nickte Hermine langsam.
„Gut“, sagte sie leise. „Ich schreibe ihm morgen und treffe ihn am Wochenende.“
Sie sah Minerva fest an.
„Aber nur, wenn du dir wirklich sicher bist.“
Minerva lächelte ruhig.
„Ich bin mir sicher.“
Hermine lehnte sich wieder an sie und küsste Minerva mit einer Sicherheit, die keinen Zweifel an ihrer Liebe ließ.