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Ich stell dich vor die Wahl

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Ich stell dich vor die Wahl

Hallo zusammen.

Ich hab mir doch ein paar Minuten freischaufeln können, um euch das neue Kapitel hochzuladen.

Ich stell dich vor die Wahl

Mit zügigen Schritten geht Jan, bekleidet von Rod die wenigen hundert Meter wieder zurück nach Hause und verabschiedet sich dort von ihm. Schnell das Rad aus dem Kellerabteil geholt und auf die Straße getragen, kontrolliert er noch mal, ober er auch noch beide Schlüsselbunde einstecken hat, dann macht er sich auf den Weg zu Dirk's Wohnung. Als der Polizist ihm die Adresse genannt hat war Jan schon etwas überrascht. Der Kleinere wohnt nur ein paar Straßenecken von ihm entfernt und doch sind sie sich, bis auf das eine Mal im Supermarkt und auf dem Friedhof noch nie über den Weg gelaufen. Oder ist er erst in die Gegend gezogen? Diese und andere Gedanken gehen ihm durch den Kopf als er zwischen den Fußgängern und Autofahrern seinem Weg folgt und in die Niebuhrstraße radelt.

Vor dem Haus mit der großen 38 an der Hauswand angekommen lässt er seinen Blick an der Fassade nach oben wandern. Es ist ein graues Mehrfamilienhaus aus der Zeit des 2. Weltkrieg und sieht auch so aus als hätte man seit damals nichts mehr daran gemacht. Etwas nervös sieht sich Jan auf der Straße um. Kann er sein Rad einfach hier stehen lassen oder ist es weg, wenn er wieder raus kommt? Eine alte Frau mit Kopftuch, die gerade das Haus verlässt, gibt ihm ungefragt eine Antwort auf seine ungestellte Frage.

„ Ich würde das Teil ins Treppenhaus schieben, sonst haste später nur noch die Pedalen daliegen. Wo willst'n hin Junge?“

„ Zu Felsenheimer.“

„ Der Dirk ist doch gar nicht da,“ wundert sich die Alte.

„ Ich weiß. Er war gerade in einen Überfall verwickelt und ist auf dem Weg ins Krankenhaus. Ich wollte ihm ein paar Klamotten vorbeibringen,“ klärt Jan sie auf.

„ Ach Gottchen, der arme Junge. Das ist aber lieb von dir. Dann geh hoch, 3. Etage links. Aber denk an dein Rad.“

Damit hält sie ihm die Tür auf und der Blonde nutzt die Chance.

„ Sag dem Dirk bitte liebe Grüße von der Frau Wansbeck,“ bittet sie ihn noch und lässt dann die Tür zufallen. Jan kommt gar nicht dazu nicht etwas zu erwidern. Das Rad an die Flurwand gelehnt macht er sich anschließend auf den Weg die Treppe hoch. Es riecht muffig und nach alten Zeitungen aber das ist Jan von dem Haus gewohnt, in dem er mit Rod zusammen aufgewachsen ist.

Auf der richtigen Etage angekommen wendet sich der Große in die angegebene Richtung und findet recht schnell die passende Wohnung. Hinter der Tür mit dem scheinbar selbst geschnitzten Namensschild erwartet ihn ein dunkler enger Flur, von dem gerade einmal drei weitere Türen abzweigen.

Die erste führt in ein winziges Badezimmer, in dem kaum genug Platz für die Dusche, ein WC, ein Waschbecken und einen schmalen Schrank ist. Hier sammelt Jan zügig die wichtigsten Hygieneartikel, wie Zahnputzzeug, Rasierer und Duschsachen ein. Dazu noch ein erstaunlich weiches Badetuch aus dem Schrank, dann er ist auch schon fertig hier drin und geht zurück auf den Flur. Hinter der Tür Nummer 2 findet der Blonde die Küche, die aber allem Anschein nach auch als Wohnzimmer genutzt wird. Denn neben einem kleinen Küchentisch mit vier Stühlen, der Kochzeile und einem Kühlschrank, steht auch eine Couch darin, zusammen mit einem alten Sessel und dem gegenüber auf einem flachen Sidebord ein TV-Gerät. Jan überlegt kurz, ob er hier irgendwas gebrauchen könnte, entscheidet sich aber lieber dafür nach dem Schlafzimmer zu suchen. Dirk brauch schließlich auch was zum Anziehen. Also lässt er die Wohnküche hinter sich und steuert die letzte Tür an. Dort erwartete ihn nach dem öffnen allerdings eine riesige Überraschung.

Der gesamte Raum ist schwarz. Also komplett alles. Angefangen bei den Wänden über die Decke bis hin zum Teppich. Das Bett plus Bettwäsche, Schrank, Schreibtisch, sogar die langen Gardinen sind schwarz. An der Decke hängt eine Lampe in Form eines barocken Kronleuchters nebst Glühbirnen mit Flackermodus.

„ Du musst einen sehr interessanten Innenraumdekorateur gehabt haben, Dirk“ murmelt Jan, als er sich in der Mitte des Raumes einmal um sich selbst dreht und alles auf sich wirken lässt. An der Wand rechts neben der Zimmertür steht ein großer Kleiderschrank. Er wirkt schon fast antik, mit den ganzen Schnitzereien. Der Blonde öffnet die beiden Flügeltüren und ist von dem Anblick, der sich ihm bietet, erst einmal überwältigt.

Die gesamten zwei Meter Höhe und fast vier Meter Breit sind komplett mit Regalböden bestückt und jeder Boden ist voll mit Kleidungsstücken.

Alles ist penibel sortiert, gestapelt und nach Farben geordnet.

Ganz unten liegen alle Arten von Hosen. Lederhosen, Jeanshosen, Stoffhosen und nur lange wohlgemerkt.

Dann folgen Shirts. Netzshirts, T-Shirts, Muskelshirts.

Im dritten Fach befinden sich Hemden mit verschiedenen Desigs, von ganz schwarz zu Totenkopfmotiven bis hin zu welchen mit... Rüschen in dunkel lila?!

Regal vier beherbergt, säuberlich geordnet in Körben, Gürtel, Halstücher und Halsbänder, lange Handschuhe - solche, die viktorianische Damen getragen haben, die bis über den Ellenbogen gehen und aus Spitze sind. Und auch Schmuck ist hier zu finden, sowie Ketten für die Hosen, Lederarmbänder und Halsketten und auch ein ganzer Korb nur für Ringe, alles aus Silber oder Edelstahl. Als nächstes flogen Unterhosen und Strümpfe. Wobei gerade die Unterhosen ein sehr eindeutige Sprache sprechen. Es gibt enge Boxershorts, knappe Pantys und auch einige sehr reizvolle Strings.

Ganz oben findet Jan Jacken und Mäntel. Auch hier wieder sehr extravagante Modele. Jeansjacken, Lederjacken, Samtmäntel, Ledermäntel. Kurze, längere und zum Teil auch richtig schwere Mäntel.

„ Ich glaube, wir sollten uns wirklich dringend mal unterhalten, Dirk. Du wirst von Minute zu Minute immer mysteriöser.“

Jan entscheidet sich für 3 Pantys in rot und schwarz. Dazu noch zwei relativ schlichte T-Shirts, eine Jogginghose plus eine dunkelblaue Jeans und eine schwarze Lederhose. Letzte hält er sich aus einem Reflex heraus selbst an die Hüfte.

„ Wie zum Teufel passt du da rein?“ murmelt er in seinen nicht vorhandenen Bart. Die Klamotten und Waschsachen packt er in eine kleine Reisetasche, die er oben auf dem Schrank entdeckt hat.

Als er die Schranktüren gerade wieder schließen will fällt ihm die Fotogalerie auf, die an der Innenseite hängt. Aufmerksam betrachtet er sich einige davon. Sie zeigen Dirk mit einer ebenfalls schwarzhaarigen jungen Frau. Sie hat auch die selben intensiv grünen Augen wie der Schwarzhaarige. Seine Schwester? Schulterzuckend will er den Schrank nun aber wirklich schließen, da fällt eines der Bilder runter und segelt langsam zu Boden. Erschrocken bückt sich der Blonde danach und hebt es wider auf. Es ist  mit der Rückseite nach oben gelandet und Jan kann den Text darauf lesen.

' Alles liebe zu unserem 28.sten Geburtstag, Brüderchen.' steht dort zusammen mit dem Datum von letztem Dezember. Dirk ist also gerade mal zehn Monate älter als er selbst. Plötzlich piep sein Handy in der Hosentasche. Eilig steckt Jan das Foto zurück an seinen Platz, schließt den Schrank und zieht das nervige Gerät hervor.

' Lass dir Zeit. Ich hab gerade im Plan nachgesehen - Dein nächster Fototermin ist erst wieder in drei Tagen, am Dienstag. Melde dich aber bitte zwischendurch mal. L.G. Rod.' Ein Lächeln schleicht sich auf die Lippen den großen Mannes, denn er weiß ganz genau, dass er eigentlich morgen früh, auch wenn Sonntag ist, zu einem Shooting müsste. Sein Partner hat ihm mal wieder den Rücken freigeräumt, damit er sich mit dem Schwarzhaarigen beschäftigen kann.

„ Du bist einfach spitze Rod. Wie soll ich das nur wieder gut machen?“ Und genau das schreibt er ihm auch zurück. Ein Blick auf die Uhr auf seinem Handy sagt ihm dann allerdings, dass er schon viel länger hier ist, als er eigentlich eingeplant hat. Es ist schon 13.00 Uhr und er wollte doch eigentlich im Krankenhaus sein, wenn sie Dirk nach der Erstversorgung in der Notaufnahme in sein Zimmer bringen würden.

Hastig greift er nach der Reisetasche, löscht nach einem letzten Blick durch den schwarzen Raum das Licht im Schlafzimmer und begibt sich direkt zur Wohnungstür. Mit flinken Füßen bewegt sich der Blonde durch das Treppenhaus nach unten. Dort angekommen ergibt sich allerdings ein kleines Problem für ihn. Sein Rad hat keinen Gepäckträger, wodurch er genötigt ist, die Tasche mit einer Hand festzuhalten und mit der anderen zu lenken.

„ Wird schon gehen. Ist ja nicht so weit bis ins Krankenhaus,“ grummelt er und bugsiert den Drahtesel durch die Haustür ins Freie und auf die Straße. Elegant schwingt er sich auf den Sattel und lenkt sein Gefährt nach anfänglichem Schwanken sicher durch die Straßen der Großstadt.

Nach etwas mehr als einer halben Stunde erreicht Jan endlich die Notaufnahme und ist doch recht außer Puste. Das Fahrrad sicher angeschlossen macht er sich mit der Tasche über der Schulter auf den Weg zum Empfang.

„ Hallo, ich wollte zu Felsenheimer. Ist der schon auf Station?“ fragt er mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen an die Frau hinter dem Tresen gewandt.  Diese schaut ihn einen Moment mit einem undefinierbaren Blick an, bevor sie sein Lächeln leicht erwidert.

„ Und sie sind wer?“

„ Oh Entschuldigung. Vetter. Jan Vetter. Der Rettungssanitäter, der meinen Freund hergebracht hat, wollte Bescheid geben, dass ich noch komme,“ erklärt der Blonde schnell. Die Finger der Frau fliegen daraufhin flink über eine Tastatur und das Gesicht zeigt die unterschiedlichsten Emotionen. Von Erkennen über Mitleid bis hin zu Unglaube kann Jan alles sehen.

„ Sicher, sie sind angemeldet. Aber wie ich hier sehen kann, musste Herr Felsenheimer mit Beruhigungsmittel behandelt werden und wird wohl noch schlafen. Am besten sie gehen auf Station und reden mit dem zuständigen Arzt. Der wird ihnen sicher mehr Auskunft geben können,“ eröffnet sie ihm.

„ Oh... Okay... Dann danke erstmal,“ nickt er verstehend und marschiert in die angegebene Richtung.

Schon als er den Flur auf der richtigen Etage entlang zum Schwesternzimmer geht, kann er im Vorbeilaufen Dirk's Namen an einer der Türen lesen und schon wieder erscheint ein Lächeln auf seinen Lippen.

Bereits einige Schritte von seinem Ziel entfernt hört Jan die Stimmer eines älteren Mannes, der eilig Anweisungen gibt. Vor der Tür bleibt er stehen und klopft an den Rahmen. Sofort drehen sich ihm drei Köpfe entgegen. Ein Mann in weißem Kittel, eindeutig der Stationsarzt, eine junge Rothaarige und eine Frau mittleren Alters schenken ihm ihre Aufmerksamkeit.

„ Ähm... Hallo... Vetter ist mein Name. Ich wollte zu Dirk Felsenheimer und am Empfang wurde mir gesagt, ich solle  mich beim zuständigen Arzt melden.“

Die beiden Frauen drehen sich zeitgleich wieder ihren Arbeiten zu, während der Mediziner mit einem wissenden Blick auf ihn zutritt und ihm die Hand entgegen streckt.

„ Guten Tag. Ich bin Dr. Schmitke. Bitte kommen sie doch erst einmal mit in mein Büro. Dort können wir in Ruhe reden,“ stellt sich der Mann vor und geht nach einem festen Händedruck voraus.

Wenig später sitzt Jan dem Alten an dessen Schreibtisch gegenüber.

„ Also, da sie als Kontaktperson eingetragen sind, kann ich mit ihnen auch offen reden...“ beginnt er auch sogleich und übergeht dabei gekonnt Jan's erstaunten Gesichtsausdruck. „ … Also ihr Freund hat an der dritten und vierten Rippe einige heftige Prellungen abbekommen. Aber wir konnten zum Glück weder dort noch an seinem Schädel einen Hinweis auf Frakturen finden. Die Nase ist ebenfalls nur geprellt aber nicht gebrochen. Nach ihrem Hinweis bei den Sanis haben wir ihn auch auf etwaige Infektionen untersucht. Die Auswertung des Bluttest ist noch nicht ganz abgeschlossen aber wir haben bereits die Bestätigung, dass er mit einer mittelschweren Grippe zu kämpfen hat, die aber auch schon am abklingen ist. Die Entzündungszeichen zeigen aber an, dass er einen schweren Fieberschock überstanden haben muss. Ansonsten sind seine Werte soweit stabil. Aber auf Grund der Prellungen und der Infektion haben wir ihm Beruhigungsmittel gegeben. Dann hat sein Körper mehr Ruhe zum heilen und auskurieren. Er wird also noch einige Zeit schlafen aber wenn sie wollen, dann können sie gerne zu ihm gehen.“

Die Informationen prasseln so schnell auf Jan ein, dass er fast nicht nach kommt. Das wichtigste, dass er aber aus dem Monolog heraus gehört hat ist, dass es Dirk soweit doch gut geht und er zu ihm kann.

Nach gerade einmal zehn Minuten verabschieden sich die beiden voneinander und der Blonde kann es irgendwie kaum noch erwarten, Dirk endlich zu sehen. Auch wenn er doch etwas Angst davor hat. Leise und vorsichtig betritt er das Zimmer des Schwarzhaarigen und ist als erstes einmal froh, dass es ein Einzelzimmer ist. Doch als er um die Ecke herum geht, die durch das kleine Badezimmer gebildet wird und Dirk in seinem Bett liegen sieht, muss der Große schwer schlucken.

Er hat ja bereits bei sich zuhause gesehen, dass Dirk sehr schlank ist aber hier in diesem Bett wirkt der Ältere fast schon zerbrechlich. Die sonst so helle Haut ist noch blasser, was gerade durch die vielen Tattoos noch mehr verstärkt wird, die einen starken Kontrast bilden. Auch wenn das Gesicht wegen der Medikamente recht entspannt wirkt, kann Jan deutlich den Kampf der letzten Tage darauf sehen. Die geschlossenen Augen sind eingefallen, die Haut hat einen ungesunden Grauton und die geprellte Nase sticht mit einer seltsamen Farbpalette aus rot, blau und leicht violett heraus. Mit einem leisen Seufzen lässt sich Jan in den Besucherstuhl fallen und betrachtet den schlafenden Mann vor sich eingehend. Und ein weiteres Mal stellt er dabei fest, dass er ihm gefällt. Dirk sieht, mal abgesehen von seinem aktuellen Gesundheitszustand, verdammt gut aus.

„ Ich glaube langsam, du hast Recht Rod. Da ist wirklich mehr als nur Neugier und Freundschaft,“ murmelt er in seinen nicht vorhandenen Bart. In dem Augenblick geht die Tür auf und die rothaarige Schwester betritt das Zimmer.

„ Lassen sie sich von mir nicht stören. Ich will nur schnell die Werte von ihrem Freund überprüfen.“

Jan nickt nur. Die junge Frau macht sich an die Arbeit. Alles wird fein säuberlich notiert und  mit einem zufriedenen Brummen ist sie auch schon fast wieder draußen, als sie noch mal inne hält.

„ Wenn sie wollen, können sie die Sachen in den Schrank legen. Aber ich bezweifle, dass er sie vor morgen früh brauchen wird,“ deutet sie auf die Tasche, die Jan vor dem Bett angestellt hat. Überrascht schaut der Blonde zu ihr auf.

„ Warum erst morgen früh?“ will er wissen.

„ Die Beruhigungsmittel werden noch eine ganze Zeit lang wirken und in fast allen Fällen gehen die Patienten anschließend direkt in einen normalen Schlaf über. Also wird er auch bis morgen schlafen,“ klärt sie ihn auf.

Jan nickt wieder und zehn Minuten später ist alles aus der Tasche in die schmalen Schrankfächer gewandert und der Blonde sinkt wieder auf den Stuhl zurück, den er sich noch etwas näher an das Bett heranzieht. Mit dem Kopf auf die linke Hand gestützt döst der Große für einige Zeit ein. Das gleichbleibende und monotone Piepen der Überwachung macht ihn einfach schläfrig. Erst als ein weiteres Mal dir Tür aufgeht wird er wieder wach.

„ Herr Vetter, guten Abend. Entschuldigen sie, ich wollte sie nicht aufwecken aber ich mir erlaubt, für sie ein kleines Abendessen abzuzweigen,“ flüstert die Schwester. Es ist eine andere als beim ersten Mal.

„ Ähm... Bitte, Jan... Abendessen?“ ist der Blonde verwirrt.

„ Ja, es ist bereits 19.00 Uhr,“ lächelt die junge Frau.

„ Oh... Ja, dann danke.“

„ Kein Problem.“

„ Wie lange darf ich eigentlich noch bleiben?“ Inzwischen ist Jan wieder halbwegs wach.

„ Naja, wenn man es genau nimmt... Bis vor zwei Stunden,“ grinst sein gegenüber, hebt aber sofort die Hände.

„ Das hier ist ein Einzelzimmer und wenn sie sich ruhig verhalten, dann können sie auch gern bis morgen früh bleiben. Ihr Freund wird sich bestimmt freuen, wenn er aufwacht und sie sind da.“

„ Er ist nicht...“ fängt Jan an, wird aber augenblicklich unterbrochen.

„ Alles gut. Ich verrate niemanden was,“ zwinkert die Frau und Jan kann nur mit dem Kopf schütteln.

Nachdem die Schwester das Zimmer wieder verlassen hat, macht sich der Große regelrecht ausgehungert über das spärliche Abendessen her. Aber für ihn soll es reichen. Anschließend macht er es sich soweit bequem, dass er immer Kontakt zu dem Schwarzhaarigen halten kann, auch wenn er selbst einschlafen sollte. Und genau so soll es auch keine drei Stunden später kommen.

Es ist mitten in der Nacht, als er von der Nachtschwester geweckt wird, die die Werte den Schwarzhaarige erneut kontrolliert.

„ Junger Mann, wollen sie nicht lieber zu Hause schlafen? Ihr Freund wäre bestimmt nicht so glücklich, wenn er morgen wach wird und sie mit dicken Augenringen und steifen Muskeln sieht.“ Auch sie ist erstaunlich freundlich zu ihm. Mit einem müden Murren nickt der Blonde und erhebt sich umständlich.

Als Jan einige Zeit später daheim in seinen Flur tritt hat er sofort ein schlechtes Gewissen, auch wenn er sich das nicht so richtig erklären kann. Aber das Gefühl lässt ihn nicht zur Ruhe kommen. Also entschließt er sich nur schnell unter die Dusche zu springen und sich umzuziehen.

Keine zwei Stunden später ist er schon wieder im Krankenhaus.

„ Doch nicht daheim schlafen?“ lächelt die Nachtschwester, als er durch den Flur schleichen will.

„ Ich würde doch gern hier bleiben, wenn das möglich ist,“ lächelt Jan sein liebenswürdigstes Lächeln.

Zurück im Zimmer von Dirk zieht er sich den Sessel wieder näher an das Bett heran, lässt sich darauf nieder und legt den Kopf in den Nacken. Er hat schon des Öfteren irgendwo auf einem Stuhl geschlafen und weiß wie er es sich halbwegs bequem machen kann, ohne am nächsten Morgen mit steifen Nacken wach zu werden. Und so dauert es nicht lange und der Große schläft erneut ein.

Am nächsten Morgen wird Jan von dem schneller werden Piepen des Herzmonitors geweckt. Die gesamte Nacht hat er das gleichmäßige Geräusch in seinem Unterbewusstsein mitbekommen aber nun hat sich der Rhythmus geändert, ist hektischer geworden. Als er die Augen öffnet stellt er fest, dass er mit dem Klopf auf der Matratze und mit der Hand auf der Brust von Dirk liegt und diese auch noch sanft darüber streicht. Als sich das Geräusch ein weiteres mal beschleunigt zieht er erschrocken die Hand zurück und richtet sich auf. Keine zehn Sekunden später geht die Zimmertür auf und die rothaarige Frau tritt ein. Sofort erhebt sich Jan aus dem Stuhl.

„ Was ist denn los? Ist was passiert?“ fragt er diese und deutet auf das medizinische Gerät, das noch immer schneller piept.

„ Nein, soweit ich das beurteilen kann, befindet sich ihr Freund in der Aufwachphase oder ist bereits wach.“

Mit diesen Worten zieht sie eine kleine Stablampe aus ihrem Kittel, hebt vorsichtig eines von Dirk's Augenlidern hoch und leuchtet  hinein.

„ Na Herr Felsenheimer? Wollen wir nicht mal die Augen öffnen, wenn wir schon wach sind?“ schmunzelt sie und Jan kann ein kleines Kopfschütteln und ein leises Brummen von dem Schwarzhaarigen wahrnehmen. Die Schwester dreht sich ihm wieder zu.

„ Patienten, die aus einem Betäubungsmittelschlaf aufwachen, sind manchmal etwas mürrisch und unleidlich. Aber ich mach das schon. Sie können sich ja in der Zwischenzeit erst einmal was zum Frühstück oder eher zum Mittag in der Cafeteria holen,“ erklärt sie und Jan versteht den Wink. Er nickt , greift sich seine Jacke und verschwindet aus dem Zimmer.

Allerdings holt er sich in der hauseigenen Cafeteria nur einen Tee und ist Minuten später schon wieder in dem Flur, der zu Dirk's Zimmer führt. Hier trifft er auf die Schwester von eben, die gerade ein Tablett mit abgedecktem Essen zu eben jenem Zimmer balanciert.

„ Ich kann ihm das Essen auch bringen. Dann haben sie mehr Zeit für was anderes,“ schlägt der Blonde freundlich vor und nimmt ihr das Tablett auch schon ab.

„ Das wäre sehr lieb. Und ihr Freund freut sicher auch eher über sie als  über mich,“ lacht die junge Frau und  wendet sich ab um ins Schwesternzimmer zurück zu kehren. Jan schüttelt über die Äußerung ' ihr Freund' nur schmunzelnd den Kopf und betritt wieder den Raum. Als sein Blick auf den Schwarzhaarigen in seinem Bett fällt, der allem Anschein nach schon wieder schläft, wird aus seinem Schmunzeln ein echtes Lächeln.

Vorsichtig stellt er das Essen auf dem kleinen Tisch neben dem Bett ab. Dann zieht er den Stuhl wieder näher - wer schiebt den eigentlich immer so weit weg -, zieht ein Buch aus seiner Umhängetasche und lässt sich darauf nieder. Das Buch hat sich der Blonde im Geschenkeshop des Krankenhauses besorgt. Es beinhaltet wunderschöne Fotografien aus Indien und Bhutan. Jan ist fasziniert von den Aufnahmen, schlägt die Beine übereinander und studiert die Bilder hochkonzentriert. Doch trotz der spannenden Fotos bekommt er mit, dass er angestarrt wird. Das Kribbeln auf seiner Haut ist eindeutig.

„ Bis ich so spannend anzusehen, dass du mich beobachten musst?“ murmelt Jan und erkennt im Augenwinkel, dass er den Schwarzhaarigen erschreckt hat.

„ Entschuldige,“ nuschelt dieser und schaut ertappt auf seine Finger.

„ Es gibt keinen Grund sich zu entschuldigen. Ich hatte jetzt schon genug Zeit dich zu beobachten. Da hast du auch das gleiche Recht dazu,“ versucht Jan die Situation zu entschärfen. Mit einer möglichst entspannten Bewegung legt er das Buch bei Seite und wartet, ob Dirk noch etwas sagen will, da er den Eindruck hat, als überlege sich der Schwarzhaarige seine nächsten Wort ganz genau. Aber es soll noch einige Minuten dauern, bis er sich dazu durchringen kann. In der Zeit beobachtet Jan ihn unauffällig.

„ Die Schwester sagte, dass... dass du die ganze Nacht hier warst... Kannst du... mir sagen, wie ich hier her gekommen bin? Das letzte was ich noch weiß ist, dass ich auf Hans getroffen bin... Danach ist alles irgendwie so... verschwommen, schwarz?“

Jan ist von dem plötzlichen, wenn auch gestotterten Redefluss so überrascht, dass er sich erst einmal sammeln muss. Nachdem er sich auf seinen Knien abgestützt und nach vorn gebeugt hat, fasst er den Kleineren ins Auge.

„ Naja. Ich weiß nicht was vor unserem Eintreffen geschehen ist aber viel kann es eigentlich nicht gewesen sein, denn es dürften keine fünf Minuten vergangen sein, zwischen deinem Verschwinden aus meiner Wohnung und dem Moment, in dem ich es bemerkt hatte... Darüber würde ich auch gern noch mit dir reden wollen... Aber das können wir auch später noch machen...“ Die Antwort auf diese Frag interessiert ihn wirklich brennend. Aber im Moment will er Dirk nur schildern, was vorgefallen ist. Denn nach dessen leisen:

„ Ja... sorry deswegen,“ hat er gespürt, dass ihm das sehr peinlich ist und er hat nicht vor, ihn zu sehr zu bedrängen und lenkt erst einmal davon ab.

„ Ist ja jetzt auch erst einmal egal... Jedenfalls...“ In den nächsten 15 Minuten erzählt Jan, wie er die Geschehnisse erlebt hat. Dabei tauchen immer wieder Bilder vor seinem inneren Auge auf. Dirk, der zusammengesunken und mit blutiger Nase an der Hauswand lehnt. Dirk, der gestützt von einem Polizisten und einem Sanitäter auf wackeligen Beinen zum Rettungswagen geführt wird. Und zum Schluss das Bild des Schwarzhaarigen in seinem Krankenbett, mit eingefallenen Wangen und Augen und so klein und zerbrechlich wirkend.

„ ... Anschließend hat Rod mich wieder zu mir  nach Hause bekleidet, ich hab mein Rad geholt und ich bin dann zu dir nach Hause, um für dich ein paar Sachen zusammen zu packen.“

Nachdem er seinen Bericht mit einem Kloß im Hals beendet hat, legt sich erneut Schweigen über das Zimmer. Aber dieses Mal hält es nur wenige Sekunden an.

„ Und danach bist du einfach hier geblieben?...“ fragt der Liegende nach.

„ Ja,“ kommt es ohne großes Überlegen über seine Lippen und er stellt mit einem Schmunzeln fest, dass er es deutlich hinter der in Falten gelegten Stirn des Schwarzhaarigen arbeiten sehen kann, bis dieser ihn direkt ansieht.

„ … Warum?“ Die Frage klingt ehrlich verwundert. Ganz so, als wäre es ein Ding der Unmöglichkeit. Jan muss eigentlich nicht wirklich über eine Antwort nachdenken aber dennoch wählt er seine nächsten Wort mit Bedacht.

„ Ich weiß nicht genau... Ich glaube dafür gibt es verschiedene Gründe... Ich wollte wohl sicher gehen, dass mit dir alles soweit in Ordnung ist. Du hast ganz schön was abbekommen bei der Schlägerei. Dazu noch dein Fieber vom Tag davor. Ich hab mir Sorgen gemacht. Dann wollte ich von dir wissen, warum du schon wieder einfach heimlich aus meiner Wohnung verschwunden bist. Dafür muss es doch einen vernünftigen Grund geben und den würde ich gern von dir erfahren... Und zum Schluss... naja... Ich... Ich mag dich... Irgendwie... Ich würde mich freuen, wenn... ich dich etwas näher kennenlernen könnte...“ Der Blonde ist von sich selbst überrascht. Zum einen kennt er sich nicht so schüchtern und zurückhaltend und zum anderen entspricht das Gesagt voll und ganz der Wahrheit.

„ Oh... Okay?!...“

' Wie, mehr hast du jetzt nicht dazu zu sagen?' schießt es Jan etwas enttäuscht durch den Kopf. Aber was hat er schon erwartet? Dass Dirk ihm freudestrahlend um den Hals fällt?

„ Wer ist eigentlich dieser Rod?“ reißt ihn der Kleinere aus seinen Gedanken und Jan blinzelt ihn verwirrt an.

„ Was? Achso Rod, also eher Rodrigo. Er ist mein Partner und mein bester Freund seit... hm im Prinzip schon immer.“ Es freut ihn, dass Dirk sich scheinbar doch für ihn und sein Leben interessiert. Aber dann fällt ihm der Blick des Schwarzhaarigen auf.

' Ist das etwas... Enttäuschung? Aber warum? Womit sollte ich dich jetzt enttäuscht haben? Ich hab doch nur...' In dem Moment fällt der Groschen bei ihm.

„ Nein, nicht so wie du jetzt vielleicht denkst. Rod ist mein bester Freund seit er damals als Kind ins gleiche Haus gezogen ist und er ist schon seit einigen Jahren mein Geschäftspartner. Wir haben ein kleines Fotostudio zusammen,“ versucht er schnell das scheinbare Missverständnis aus der Welt zu schaffen.

„ Deshalb auch das Buch? Beruf kein Hobby?" Dirk deutet mit dem Kopf in die Richtung seines Nachtschrankes.

„ Hobby zum Beruf gemacht trieft es in diesem Fall wohl am ehesten,“ kichert der Blonde und stellt begeistert fest, dass selbst Dirk jetzt lächelt, wenn auch nur sehr schwach.

„ Dachtest du er ist mein fester Freund?“ Aus dem Grinsen wird jetzt ein herzliches und warmes Lachen aber dann schiebt sich erneut ein dunkler Gedanke in seinen Geist und er wird wieder erst.

„ Aber nochmal zurück zum Thema... Also...“ Er weiß nicht so richtig, wie er das jetzt ansprechen soll, ohne den Liegenden vielleicht zu verletzten.

“ Sorry aber ich muss das jetzt einfach fragen... Warum bist du abgehauen?... Schon wieder?“ Aufmerksam beobachtet Jan, während er diese Frage stellt jede noch so kleine Regung des Schwarzhaarigen und ihm entgeht das schuldbewusste Zusammenzucken nicht.

„ Du musst natürlich nicht darauf antworten. Das ist ganz allein deine Sache... Nur... Es interessiert mich eben.“

Besorgt muss er feststellen, dass sich Dirk in seinem Bett immer weiter von ihm wegschiebt.

' Was hab ich nur falsch gemacht? ' wundert er sich im Stillen. Allerdings soll er vorerst keine Antwort erhalten, denn genau in diesem Moment öffnet sich die Zimmertür und eine Gruppe von Männern strömt herein.

„ Guten Tag Herr Felsenheimer. Mein Name ist Dr. Schmitke, ich bin der zuständiger Stationsarzt. Das sind meine Kollegen Dr. Thomsen und unser Assistenzarzt Geyer. Schön sie in wachem Zustand anzutreffen, nachdem sie zur Morgenvisite noch nicht wieder ansprechbar waren,“ schleudert der Älteste von ihnen gutgelaunt in den Raum.

„ Herr Vetter, wenn ich sie bitten dürfte, für die Dauer der Untersuchung draußen zu warten? Sobald wir fertig sind können sie wieder zu ihrem Freund,“ bittet er höflich.

Aus dem Augenwinkel bekommt er das verwirrte Gesicht von Dirk mit und beschließt die Situation für ihn zu entschärfen.

„ Kein Problem, Doktor. Ich hol mir in der Zwischenzeit einen Tee in der Cafeteria.“

Noch bevor Dirk auch nur ein Wort sagen kann, fällt die Türe hinter ihm zu und Jan steht auf dem Flur, atmet tief durch.

„ Das lief ja wirklich fantastisch,“ grummelt er sarkastisch vor sich hin. Unruhig läuft er auf dem Flur auf und ab. War es ein Fehler, Dirk so direkt auf sein Verschwinden anzusprechen? Oder war es eher die Offenheit, dass er ihn näher kennenlernen will, die den Kleineren so verschreckt hat? Egal was es nun gewesen ist, Jan hat es gründlich versaut. Darüber ist er sich vollkommen im Klaren.

Mit einem unzufriedenen Schnauben wendet er sich der Treppe zu und marschiert mit hängenden Schultern in die Cafeteria. Mit einer Tasse Tee in der Hand verzieht er sich in die hinterste Ecke des großen Raumes und holt, noch immer vor sich selbst genervt, das Handy aus der Hosentasche.

Er braucht dringend den Rat von einem Profi und da kommt nur eine Person in Frage.

Flink arbeitet sich sein Daumen durch die Anrufliste und drückt bei der gesuchten Nummer angekommen den grünen Knopf. Es tutet aber dauert eine Weile bis sein Anruf angenommen wird.

„ Jan! Schön von dir zu hören. Was gibt’s neues?“ flötet seine kleinere Schwester fröhlich in sein Ohr und entlockt ihm damit ein fettes Grinsen.

„ Hey Julia. Auch schön deine Stimme zu hören. Waren einen paar aufregende Wochen, die letzten vier zumindest und Rod hat jetzt gefühlt 1000 Gefallen bei mir gut.“

„ Was? Wieso das denn?“

Jan schluckt schwer. Eigentlich wollte er nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen aber er braucht wirklich dringend ihre Hilfe.

„ Naja, es fing alles damit an, dass...“

In den folgenden 20 Minuten erzählt er ihr die Kurzform der Ereignisse, bis hin zu dem Moment, als der Schwarzhaarige hier im Krankenhaus endlich wieder aufgewacht ist. Dabei lässt er aber bewusst die Details, die etwas mit seinen Gedanken oder Gefühlen zu tun haben könnten, aus. Allerdings hat er mal wieder die sensiblen Antennen der Jüngeren unterschätzt, die ihn zu scannen scheinen, selbst ohne direkten Blickkontakt.

„ Und jetzt willst du von mir wissen, ob es nur wieder dein Helfersyndrom ist oder ob du dich in ihn verguckt hast,“ stellt diese nämlich nüchtern fest.

„ Naja... eigentlich... Nein. Denn da bin ich mir erstaunlich sicher... Er ist... interessant, spannend und... eigentlich sogar... richtig... niedlich?... Kann man das über einen erwachsenen Mann überhaupt sagen?“

Deutlich kann er spüren, wie seine Wangen anfangen zu glühen, deshalb erzählt er seiner Schwester schnell noch von ihrem Gespräch von vor ein paar Minuten und wie der Andere darauf reagiert hat.

„ Oh, also... das klingt für mich entweder nach Abneigung dir gegenüber oder Unsicherheit, weil er nicht weiß, wie er sein Verschwinden erklären soll,“ überlegt sie laut.

„ Und was mach ich jetzt?“ Jan weiß genau, dass er sich gerade verzweifelt anhört.

„ Ich würde sagen, gib ihm Zeit. Sag ihm noch einmal, was du dir wünschst und räum ihm dann die Möglichkeit ein, sich selbst zu entscheiden und darauf zu reagieren.“

„ Hm, hört sich vernünftig an,“ murmelt Jan.

„ Natürlich. Ich bin ja auch die vernünftigere von uns beiden. Kaum zu glauben, dass du wirklich sieben Jahre älter sein sollst als ich,“ lacht die junge Frau plötzlich los.

„ Ja danke auch, du kleines Biest.“

„ Ich hab dich auch lieb, großer Bruder. Erzähl mir später, wie es gelaufen ist.“

„ Mach ich. Danke Julchen,“ beendet Jan das Gespräch und macht sich anschließend wieder auf den Weg zurück zu Dirk's Zimmer.

Als er gerade nach der Klinke greifen will, wird ihm die Tür von inne geöffnet und die rothaarige Schwester rennt ihn fast über den Haufen.

„ Oh, Entschuldigung,“ nuschelt die Frau, bevor sie zu ihm hoch schaut und die Tür hinter sich zu zieht.

„ Ah, sie sind es Herr Vetter.“

„ Ist alles in Ordnung mit Dirk?“ ist Jan sofort besorgt, da er den Gesichtsausdruck von ihr nicht deuten kann.

„ Was? Äh ja... alles im grünen Bereich. Ich musste ihn nur zum Essen zwingen...“

„ Ist noch was?“ Jan versteht nicht, warum die Schwester so einen geknickten Blick auf den Gesichtszügen hat.

„ Ach nee. Ich ärger mich nur über mich selbst. Da finde ich mal einen Kerl sexy und traue mich ihn anzusprechen und dann stellt sich heraus, dass ausgerechnet der schwul ist und auf Blondinen abfährt,“ kichert sie und strahlt den Großen an.

„ Ach so? Das ist interessant...“ überlegt Jan laut.

„ Wie geht es ihm sonst so? Was haben die Ärzte gesagt?“ hängt er noch schnell an.

„ Soweit eigentlich erstaunlich gut. Keine Brüche, das Fieber ist weg und die Prellungen und Schwellungen an Nase und Rippen sollten in ein bis zwei Wochen  auch komplett weg sein. So wie es im Moment aussieht und es zu keinen unerwarteten Komplikationen kommt, soll er bereits morgen wieder entlassen werden,“ zählt die Schwester auf, während die beiden Richtig Schwesternzimmer schlendern. Jan nickt eifrig zu ihrer Erklärung.

„ Aber wenn ich sie so ansehe, dann sollten sie auch mal ganz dringend nach Hause und schlafen,“ kritisiert die Kleinere nach einem genaueren Blick in Jan's Gesicht.

„ Ich weiß...“ ist alles was er dazu sagt. Anschließend wechselt er gekonnt das Thema und sie reden noch eine Weile über belanglose Dinge, bevor sich der Blonde ein weiteres Mal vor der Zimmertür des Schwarzhaarigen wiederfindet.  Und dieses Mal hält ihn nichts davon ab, den Raum auch zu betreten.

Als er um die kleine Raumecke biegt, fällt sein Blick auf den Kleineren und sofort ist das Schmunzeln wieder auf seinen Lippen. Dirk liegt auf dem Rücken, hat die Augen geschlossen und scheint schon wieder zu schlafen. Und wieder stellt Jan fest, wie niedlich der Schwarzhaarige eigentlich aussieht. Aber was soll er jetzt machen? Er wollte ihm doch die, für Jan so wichtigen Sachen mitteilen. Mit einem lautlosen Seufzen holt er sich zum gefühlt hundertsten Mal den Stuhl ans Bett heran, sinkt darauf und greift nach seinem Bildband. Er wird einfach warten, bis der andere wach wird, beschließt er spontan und vertieft sich in sein Buch.

Auf die professionellen Fotos konzentriert, bemerkt der Große gar nicht, wie die Zeit vergeht. Es ist ruhig im Zimmer und Jan genießt es schon fast, einmal ungestört die Arbeit eines anderen Fotografen zu bewundern. Erst als sich Dirk nach beinahe einer Stunde auf die Seite dreht, wird er aus seiner Betrachtung gerissen. Statt sich aber anschließend wieder auf die Bilder zu fokussieren, lässt er nun seine Augen über die farbige Haut auf dem Oberarm des Liegenden gleiten.

Bereits am Unterarm sitzt das erste, recht auffällige Tattoo. Eine nackte Frau mit langen schwarzen Handschuhen und weißen Flügeln hängt dort kopfüber, umgeben von schwarzen... Flammen? Weiter oben, knapp über dem Ellenbogen folgt ein Totenkopf. Aber was Jan's Blick am meisten und längsten fesselt ist der riesige verzerrt wirkende Clownskopf auf dem Oberarm, der an einer Art Galaxie grenzt und in der das Wort 'Vollstark' prangt. Seine Augen saugen sich regelrecht daran fest. Wie hypnotisiert starrt er darauf. Er merkt gar nicht wie die Zeit an ihm vorbei rast, bis ihn das sanfte Vibrieren seines Handys in der Hosentasche aufschrecken lässt.

Hastig legt er das Buch auf den kleinen Beistelltisch und holt das nervige Ding hervor. 'Rod' blinkt ihm vom Display entgegen.

'Scheiße, den hab ich doch tatsächlich vergessen' sickert es siedend heiß in seine Gedanken. Aber bevor er auch nur in irgendeiner Weise reagieren kann wird der Bildschirm auch schon wieder schwarz. Rod hat aufgelegt. Noch ein paar Sekunden verstreichen, dann erhebt sich der Blonde. Er sollte seinen Partner über die aktuelle Lage informieren... Und vielleicht auch endlich mal wieder nach Hause gehen. Aber selbst in dem Augenblick wandern seine Augen wieder zu Dirk.

Aus einem Impuls heraus streckt er die Hand aus und fährt hauchzart mit den Fingerspitzen über die bunte Haut. Angefangen beim Totenkopf, streifen die Finger weiter nach oben, über den seltsamen Schriftzug, am Gesicht des Clowns vorbei bis zur Schulter, um sie dort angekommen zurück zu ziehen. Ohne darüber nachzudenken legt er ganz sanft seine Lippen darauf.

Von sich selbst erschrocken zieht er sich aber fast sofort wieder zurück. Er muss hier raus, bevor er eine noch größere Dummheit begeht. Aber er wollte dem Schwarzhaarigen doch noch etwas sagen. Kopfschüttelnd bringt er seinen Mund nahe an dessen Ohr heran.

„ Ich weiß nicht, ob du mich hörst oder nicht. Aber ich werde dich jetzt alleine lassen und nach Hause gehen. Ich will dich nicht zu sehr bedrängen, deswegen werde ich auch morgen nicht wieder her kommen. Dennoch würde ich dich gern näher kennenlernen wollen. Falls du auch Interesse daran hast, dann weißt du ja wo ich wohne. Komm vorbei, wann immer du willst. Deinen Schlüssel hab ich in den Schrank gelegt... Sollten wir uns aber nicht mehr wiedersehen, dann wünsch ich dir alles gute und diese Worte sind dann wohl mein Abschied an dich... Lebwohl Dirk,“  spricht er leise, zieht sich anschließend schnell zurück und flüchtet dann fast schon panisch aus dem Raum.

Auf dem Flur muss er erst einmal tief durchatmen.

„ Scheiße, was ist denn nur in mich gefahren?“ murmelt er und fährt sich müde und verwirrt mit der Hand übers Gesicht und in die Haare.

„ Geht's ihnen nicht gut, Herr Vetter?“

Plötzlich steht die rothaarige Schwester vor ihm und blickt besorgt zu ihm auf.

„ Was?... Nein, ich... Ich hab nur eben eine große Dummheit gemacht,“ gibt der Große zurück. Ein weiteres Mal atmet er tief ein und richtet seinen Blick auf seine Gesprächspartnerin.

„ Ich bräuchte mal einen Zettel und einen Stift,“ setzt er hinzu. Ein Plan macht sich in ihm breit. Die freundliche Frau nickt, verschwindet kurz im Schwesternzimmer und kehrt nur wenige Sekunden später zurück, um ihm einen Block und Kuli zu überreichen. Hektisch schreibt Jan ein paar Zeilen darauf, reißt den Zettel aus dem Block, faltet ihn zwei Mal zusammen und reicht ihn an die Schwester weiter.

„ Würden sie den Dirk morgen geben, wenn er entlassen wird? Aber bitte... nicht lesen.“

Nachdem die Rothaarige verwirrt nickt und das Blatt in ihrer Kitteltasche verstaut hat, wendet sich Jan ab und verlässt gleich darauf fluchtartig das Krankenhaus.

Ist ziemlich lang geworden aber es ist ja auch viel bei Jan passiert.

Wenn ihr wissen wollt, was Jan auf den Zettel geschrieben hat, dann müsst ihr wohl oder übel bis zum nächsten Kapitel warten.*grins*

Ich wünsche euch eine schöne Restwoche und vergesst nicht, am Sonntag werden die Uhren zurück gestellt.

Jippie, eine Stunde länger schlafen.

Eure kleine Fledermaus