Wir haben nur dies eine Leben
Wir haben nur dies eine Leben
Hallo zusammen.
Ohne langes Gerede, hier schon das 2. Kapitel.
Viel Spaß beim lesen.
Wir haben nur dies eine Leben
Sicht Jan:
„ Schluss für heute Rod. Das Wochenende wartet,“ ruft Jan quer durch den Laden in Richtung Labor. Von dort kommt auch sofort ein Poltern und eine Antwort.
„ Bin schon fertig. Ich räum nur noch schnell den Entwickler runter in den Keller, dann können wir los.“
In aller Ruhe beginnt der Blonde seine Tasche zusammen zu packen, schaltet die Lichter im Hauptraum aus und geht in langen Schritten auf die Ladentür zu. Als ein weiteres Poltern ertönt schüttelt er lachend den Kopf.
„ Räumst du das Zeug weg oder verwüstest du das Lager?“
„ Bin nur über was gestolpert. Alles gut.“
„ Ich warte draußen auf dich. Vergiss nicht die Hintertür abzuschließen.“ Ohne eine Antwort abzuwarten verlässt Jan das Geschäft und atmet die doch noch recht kühle Abendluft tief ein. Auch wenn es langsam auf den Sommer zugeht, wollen die Temperaturen einfach noch nicht steigen. Und so ist es tagsüber kaum wärmer als 15°C, doch jetzt am späten Nachmittag kühlt es sich noch mehr ab.
Als er hinter sich das Klappern von Schlüsseln hören kann, dreht sich Jan um und beobachtet seinen besten Freund. Der etwas kleinere Mann mit dem südländischen Aussehen ist schon seit Kindheitstagen sein Freund. Seit dieser damals mit fünf Jahren gemeinsam mit seiner Familie aus Chile hierher gekommen war. Auch wenn sie ein paar Jahre Altersunterschied haben, verstanden sie sich von dem Moment an, als Rodrigo's Familie ins gleiche Wohnhaus gezogen ist, als wären sie Brüder.
Später gingen sie auf die gleiche Schule, waren in den selben Vereinen und teilen, seit Rod zwölf ist, das gleiche Hobby. Da war es nur logisch, dass sie irgendwann gemeinsam dieses Geschäft eröffnet haben. Jan hebt den Kopf und ließt den Text, der an der Schaufensterscheibe steht.
'Vetter und Gonzáles -- Ihr Fototeam für jeden Anlass'
Rod macht Natur-und Werbefotos, während Jan sich auf Portrait-und Hochzeitsfotographie spezialisiert hat. Und bei allem, was sonst noch so anfällt, teilen sie sich rein.
„ Hast du am Wochenende schon was spezielles vor? Oder gehst du wieder ungeplant an die Sache ran?“ wird Jan aus seinen Gedanken gerissen.
„ Weiß noch nicht genau. Für morgen ist noch ein kurzes Shooting in der Nähe der Brücke geplant. Ansonsten wollte ich einfach mal die Füße hochlegen und meinen neuen Roman endlich mal anfangen,“ überlegt Jan kurz.
„ Da fällt mir ein, ich wollte heute noch nach einem geeigneten Platz für morgen suchen. Hast du Lust nochmal mitzukommen? Du hast dafür das bessere Auge.“
„ Kein Problem. Ich muss heute eh über die Brücke. Mein Wagen ist fertig und ich kann ihn aus der Werkstatt holen.“
Gemeinsam schlendern sie den Fußweg entlang, reden über Gott und die Welt, lästern über völlig überschminkte Frauen in ihren 50ern, die versuchen wieder wie 20 auszusehen oder schweigen auch einfach nur.
An der Brücke angekommen trennen sich ihre Wege. Rod sucht am Flussufer und Jan auf der Brücke nach einem passenden Hintergrund für das morgige Shooting.
Langsam geht Jan auf der Fahrbahnmitte entlang rückwärts, um sich ein Bild von den Lichtverhältnissen zu machen. Da die Benutzung für Autos schon seit einigen Jahren nicht mehr gestattet ist, kann er sich das auch problemlos erlauben, ohne Gefahr zu laufen von hinten überfahren zu werden.
Als er glaubt den richtigen Winkel gefunden zu haben, holt er sein Handy aus der Tasche und ruft Rod an.
„ Hey, ich glaub, du kannst aufhören zu suchen. Ich werde die Fotos hier oben zwischen den Pfeilern machen,“ erklärt er seine Entscheidung.
„ Das ist gut. Hier unten wäre es sowieso scheiße geworden. Zu dunkel und zu wenig Bauwerk für den Hintergrund... Wartest du auf mich?“
„ Na klar doch.“ Während er die drei kurzen Wort sagt, dreht er sich um und erstarrt augenblicklich. Keine zehn Meter von sich entfernt sieht er eine dunkle Gestalt auf dem Geländer der Brücke hocken, mit den Füßen zur Flussseite. Sofort registriert er, was hier vor sich geht.
„ Scheiße Rod, komm schnell her. Hier ist, glaube ich, ein Springer.“
„ Verflucht! Ich bin schon auf dem Weg.“
Jan nimmt das Handy vom Ohr und geht langsam auf die Person zu, bis er nahe genug an sie herangekommen ist, um sie notfalls packen zu könne. Inzwischen kann er auch erkennen, dass es sich bei der Person um einen jungen Mann handelt, der etwa in seinem Alter sein dürfte.
„ Hey Kleiner, mach keinen Scheiß... Komm bitte wieder vom Geländer runter,“ spricht er ihn vorsichtig an. Doch obwohl er seine Bitte leise und auch ruhig hervor bringt, sieht er deutlich das erschrockene Zusammenzucken, das durch den schwarzgekleideten Körper geht. Gleich darauf beobachtet er, wie eine Hand vom Geländer abrutscht und der junge Mann mit dem Oberkörper nach vorn kippt. Als er letztlich ganz vom Geländer fällt, verfängt sie der lange schwarze Mantel in einer der Streben und Jan stürzt nach vorn, in der Hoffnung, den Anderen noch zufassen zubekommen.
In dem Moment als er die Absperrung erreicht und nach unten schaut, kann er sehen der Schwarzhaarige mit dem Kopf gegen einen der Tragpfeiler knallt und anschließend aus den Ärmeln des viel zu großen Kleidungsstück gleitet. Hilflos und voller Entsetzen kann Jan nichts anderes tun, als den tiefen Fall des Mannes mit den Augen zu verfolgen. Dieser starrt ihm mit weit aufgerissenen grünen Augen entgegen. Dann schlägt er auf dem Wasser auf und Jan reißt es einen verzweifelten Schrei von den Lippen.
„ Nein! Bitte nicht!“
Innerhalb von Sekunden ist der kleinere Körper unter Wasser verschwunden und Jan denkt nicht mehr nach. Ohne zu zögern zückt er sein Handy erneut.
„ Rod, er ist erschrocken und runter gefallen. Ich spring hinterher. Du holst dein Auto und wartest am Wehr auf uns.“
Er wartet gar nicht erst auf eine Antwort seines Partners, sondern legt sein Handy bei Seite, schlüpft aus Jacke und Schuhen und schwingt sich über die Brüstung. Mit den Füssen voran durchbricht er die Wasseroberfläche und fängt sofort an zu schwimmen. Als er den Kopf wieder über Wasser hat, kann er tatsächlich in einiger Entfernung den scheinbar leblosen Körper in den Fluten treiben sehen. Schnell setzt er sich in Bewegung und nähert sich dem Anderen. Mit Erleichterung stellt er fest, dass der mit dem Rücken auf der Oberfläche liegt und schon mal nicht mit dem Gesicht nach unten Gefahr laufen muss, Wasser einzuatmen.
Innerhalb von ein paar Minuten hat er ihn erreicht, dreht sich auf den Rücken und zieht den Schwarzhaarigen nahe an seine Brust. Am Ufer kann er Scheinwerfer dem Fluss folgen sehen und weiß instinktiv, dass es sich dabei um Rod handeln muss. Auf seinen besten Freund ist eben immer absolut Verlass, auch wenn er sich später für seinen Sprung von der Brücke bestimmt noch eine gewaltige Standpauke wird anhören müssen. Aber wenn er es schafft den jungen Mann in seinen Armen zu retten, dann ist es ihm das auf jeden Fall auch wert.
Mit kräftigen Beinschlägen bewegt er sie Stück für Stück mit der Strömung immer weiter in Richtung Uferböschung. Kurz vor dem Wehr hat Jan es endlich geschafft und wieder festen Boden unter den Füssen. Er rappelt sich auf, packt den sichtbar Kleineren unter den Armen und zieht ihn auf die Rasenfläche neben dem Fluss. Im gleichen Moment kommt auch Rod bei ihm an und wirft ihm seine Jacke, die Schuhe und das Handy hin. Auch der schwarze Ledermantel landet neben ihm im Gras.
„ Sag mal bist du völlig bescheuert, Jan? Du kannst doch nicht einfach von dieser verfickten Brücke springen...“ bekommt der Blonde auch so gleich den ersten Teil seiner Predigt zu hören aber der unterbricht den Dunkelhaarigen augenblicklich.
„ Ja ja, später Rod. Hilf mir lieber.“
Mit schnellen Hangriffen hat Jan den klatschnassen Pullover hochgeschoben und legt seinen Kopf auf den Oberkörper. Dabei huscht ein kleines Lächeln über seine Lippen.
„ Sein Herz schlägt noch und das sogar recht stark. Und atmen tut er auch noch,“ stellt er erleichtert fest. Danach wendet er seine Aufmerksamkeit dem Kopf zu. Unter den langen schwarzen Haaren kann er eine dicke Beule und ein leichte Platzwunde erkennen.
„ Bis auf den Kopf scheint er in Ordnung zu sein... Kannst du uns zu mir fahren?“
„ Was? Jan, du solltest lieber den Rettungswagen oder die von der Klapse anrufen und ihn abholen lassen, statt ihn mit zu dir zu nehmen. Scheiße noch mal, der ist von der Brücke gesprungen,“ regt sich Rod auf aber Jan hält dagegen.
„ Nein, er ist gefallen. Er hat sich nur erschreckt als ich ihn angesprochen habe. Es ist meine Schuld, Rod und das will ich wieder gut machen... Also fährst du uns oder muss ich mir ein Taxi kommen lassen?“
„ Schon gut. Warte ich hab auch noch eine Decke im Kofferraum.“
Rod macht auf dem Absatz kehrt und kommt wenige Augenblicke später mit einer Art Sofadecke auf dem Arm zurück.
„ Warum hast du sowas in deinem Wagen?“ wundert sich Jan, als er sie ihm abnimmt. Der Chilene zuckt nur grinsen die Schultern.
„ Rod, du überraschst mich immer wieder. Ich dachte du hättest der Liebe abgeschworen nach dem letzten Desaster? Wen hast du...?“
„ Können wir vielleicht später über mein verkorkstes Liebesleben reden? Ich würde lieber zusehen, dass der Typ da ins Warme kommt. Und die nassen Klamotten sollte er auch schleunigst ausziehen. Außerdem hab ich keine Lust noch hier zu sein, wenn gleich die Bullen kommen. Ich bin nämlich trotz Sperrung über die Brücke gefahren. Das könnte ein fettes Bußgeld geben.“
Jan nickt nur und gemeinsam wickeln sie den Schwarzhaarigen, der sich immer noch nicht geregt hat, in die Decke und Jan trägt ihn vorsichtig zum Auto, um sich mit ihm auf die Rückbank zu setzten. Rod lässt sich hinter das Steuer gleiten und fährt zügig aber vorsichtig zur Wohnung des Blonden.
Keine zehn Minuten vergehen und der Wagen stoppt vor dem Altbau, den Jan sein Zuhause nennt.
„ Soll ich dir noch helfen, ihn hoch zu tragen?“ fragt der Jüngere, sich in seinem Sitz nach hinten um drehend.
„ Nein, das geht schon. Er ist für seine Größe erstaunlich leicht.“ er lässt seinen Blick über die, in die Decke gehüllte Person schweifen.
„ Alles gut, Jan?“ Deutlich ist die Sorge aus der Stimme des Dunkelhaarigen heraus zu hören aber der Blonde nickt nur und öffnet die Wagentür um auszusteigen.
„ Wir sehen uns am Montag im Laden.“
„ Sollte der Typ nicht in den nächsten Stunden aufwachen, dann ruf die Rettung. Versprich es mir, Jan!“ fordert Rod und Jan nickt zustimmend, dann schwingt er sich zusammen mit dem Fliegengewicht in seinen Armen aus dem Auto. Rod hebt noch kurz die Hand zum Abschied und macht sich dann selbst auf den Heimweg.
Mit dem Fuß stößt der Große die Haustür auf, die zum Glück um diese Zeit noch nicht abgeschlossen ist und trägt das nasse Bündel in den zweiten Stock. Vor seiner Wohnungstür verlagert er kurz das Gewicht in seinen Armen auf seine Schulter, schließt die Wohnung auf und tritt die Tür anschließend von inne mit dem Fuß wieder ins Schloss. Drinnen steuert er zielsicher sein Schlafzimmer an. Ohne groß nachzudenken legt er den Schwarzhaarigen auf seinem Bett ab und beginnt ihn aus den nassen Sachen zu schälen. Als er ihm den vollgesogenen Hoody über den Kopf zieht bekommt er zum ersten Mal seit der Brücke wieder eine Reaktion von ihm. Der Kleinere stöhnt scheinbar schmerzerfüllt auf und verzieht das Gesicht. Anscheinend hat Jan unbeabsichtigt die Platzwunde an seinem Kopf gestreift aber er ist auch froh über die Regung, denn das zeigt ihm, dass doch noch Leben in dem Anderen steckt.
Jetzt etwas umsichtiger streift er das Kleidungsstück ganz ab und muss bei dem, was darunter zum Vorscheinen Kommt, schwer schlucken. Tätowierte, recht muskulöse Arme, ein ebenso bunter Oberkörper und ein sehr flacher Bauch. Aber Jan entgehen auch nicht die frischen und etwas älteren Schnittwunden an den Unterarmen. Das sind keine Wunden, wie man sie bei einem versuchten Suizid vorfinden würde, sondern deutliche Zeichen von Borderline oder Ritzen.
„ Was ist in deinem Leben nur so furchtbar schiefgelaufen, dass du dir das antun musstest?“ flüstert er leise, ist sich aber bewusst, dass er keine Antwort auf seine Frage erhalten wird. Noch nicht mal, wenn der Schwarzhaarige wach wäre. Jan reißt sich von dem Anblick los und zieht als nächstes Hose und Schuhe aus. Nach zehn Minuten liegt ein nackter, ohnmächtiger, junger Mann in seinem Bett. Seine schwarzen Haare bilden einen extremen Kontrast zu den weißen Lacken und Jan lächelt kurz.
„ Bist schon irgendwie niedlich,“ kichert er. In dem Moment dreht sich der Schwarzhaarige auf die Seite, zieht die Beine an den Körper und schlingt seine Arme darum. Mit einem Kopfschütteln breitet Jan sowohl eine warme Wolldecke als auch seine Bettdecke über dem Schlafenden aus. Danach sammelt er die nassen Sachen ein und verlässt leise den Raum.
Nebenan im Bad stopft er alles, bis auf Muskelshirt und Unterhose in den Trockner. Die beiden Teile hängt er ordentlich über die Heizung, stellt die Stiefel dazu und macht sich anschließend auf den Weg ins Wohnzimmer.
Jan ist klar, dass er heute Nacht wohl auf dem Sofa schlafen wird, also holt er schon mal Kissen und Decke aus dem Schrank, wirft alles auf seinen heutigen Schlafplatz und lässt sich dann daneben in die Polster fallen. Es ist gerade mal kurz nach halb acht aber er ist völlig geschafft. Trotzdem rappelt sich der Blonde nochmal auf. In der Küche macht er sich einen Tee und ein schnelles Abendessen. Doch noch bevor er sich darüber hermachen kann fängt er an zu zittern. Erst in dem Moment wird ihm bewusst, dass auch er sich schleunigst umziehen sollte, denn auch seine Klamotten sind klatschnass und langsam fängt er an zu frieren.
Da es bei ihm heute sowieso nur kalte Küche gibt , schnappt er sich seine Tasse und verschwindet erneut im Bad. Nach einer schönen langen und vor allem warmen Dusche und einer Kontrolle des Trockners fühlt er sich schon bedeutend besser und kann sich nochmal um seinen Gast kümmern. Da die beiden dünneren Kleidungsstück auf dem Heizkörper schon trocken sind, nimmt er diese auch gleich mit ins Schlafzimmer.
Dort stellt er erleichtert fest, dass der Fremde anscheinend friedlich schläft. Zumindest deutet der ruhige und gleichmäßige Atem darauf hin. Vorsichtig hebt er die Decke an, da er nicht möchte, dass dieser sich beim Aufwachen erschreckt, weil er nackt hier liegt. Mit viel Fingerspitzengefühl zieht er ihm erst die Panty über die schlanken Beine und anschließend das Shirt über den Kopf. So leise wie er kam, verlässt er den Raum auch wieder und schließt die Tür hinter sich.
Zurück in seinem Wohnzimmer verrät ihm ein Blick auf die Wanduhr, dass ihn die ganze Aktion über eine Stunde gekostet hat, denn es ist kurz vor neun und Jan mittlerweile völlig erschöpft. Nachdem er sich regelrecht dazu gezwungen hat, wenigstens die Hälfte seines Abendessens zu sich zu nehmen, kuschelt er sich aufs Sofa und ist fast sofort eingeschlafen.
Der nächste Morgen beginnt trotz dass Samstag ist extrem hektisch. Jan hat am Vorabend auf Grund der Ereignisse total vergessen seinen Wecker zu stellen. Es ist bereits 10.00 Uhr und er muss in einer halben Stunde auf der Brücke sein, um noch pünktlich mit dem Shooting beginnen zu können. Schnell packt er seinen Ausrüstung zusammen, stopft sich nebenbei die Reste seines Abendessen in den Mund, flitzt anschließend ins Bad, um sich frisch zu machen und rauscht dann aus den Tür raus.
Er hätte gern nochmal nach seinem Schlafgast gesehen aber dafür ist jetzt einfach keine Zeit mehr. Dafür hat er aber immerhin noch dessen Sachen aus dem Trockner geholt und ordentlich zusammen gefaltet auf dem Stuhl im Bad abgelegt. Die Schuhe hat der darunter gestellt.
Als er gerade verzweifelt versucht seine Fahrrad durch die Haustür zu bugsieren klingelt irgendwo tief in seiner Umhängetasche sein Handy.
„ Was ist denn jetzt schon wieder?“ murmelt er vor sich hin und geht auf die Suche nach dem kleinen Gerät, nur um den Namen seines Partners auf dem Display zu lesen, nachdem er es endlich in der Hand hält.
„ Guten Morgen, Rod. Hey sei mir bitte nicht böse aber ich bin scheiße spät dran und hab echt keine Zeit mit dir zu reden. Ich melde mich nach dem Shooting." Und ohne auf eine Antwort von Rod zu warten beendet er das sehr einseitige Gespräch auch schon wieder. Er steckt das Handy dieses Mal in die Hosentasche, schwingt sich auf sein Rad und beeilt sich, endlich zur Brücke zu kommen.
Drei Stunden und ein erfolgreiches Fotoshooting später radelt Jan in rasantem Tempo zurück zu seiner Wohnung. Sowohl er als auch sein Kunde ist höchst zufrieden mit den Aufnahmen und der nächste Auftrag ist bereits gebucht.
Er ist gerade dabei den alten Drahtesel wieder in seinem Kellerabteil unterzubringen, als ihm der Anruf von Rod wieder einfällt.
„ Scheiße, ich glaub, der ist jetzt richtig sauer auf mich,“ grummelt er vor sich hin, während er bereits das Handy aus der Hosentasche zieht. Tief durchatmend wählt der Blonde die erste Nummer in seinem Telefonspeicher und wartet. Nach nur dreimaligem Klingeln meldet sich ein ziemlich angepisster Chilene.
„ Jan, du Arsch! Wenn du nochmal einfach auflegst, dann werde ich deiner Mutter sagen, dass du schwul bist und sie von dir keine Enkelkinder zu erwarten hat,“ faucht dieser auch sofort los.
„ Es tut mir leid, Rod. Wirklich. Ich hab verschlafen und musste dringend zum Termin. Sorry. Im Ernst,“ murmelt der Blonde kleinlaut, während er den Keller verlässt und die Treppen hoch steigt.
„ Hat er schon gesagt, warum er auf de Brücke saß?“
„ Ich hatte noch keine Gelegenheit mit ihm zu reden.“
„ Er war nicht wach, als du gegangen bist?“ fragt der Dunkelhaarige besorgt nach. Jan hat inzwischen seine Etage erreicht und betritt gerade seine vier Wände.
„ Nein, noch nicht. Und ich bin eben erst wieder nach Hause gekommen.“
„ Man Jan. Was soll ich nur mit dir und deinem Helfersyndrom machen? Ich würde schon gerne wissen, warum mein bester Freund von einer Brücke springt, um einen Wildfremden zu retten. Sieh zu, dass du was aus ihm heraus bekommst.“
„ Ja, mach ich aber ich will ihn auch nicht wecken. Er sah so aus, als könnte er den Schlaf gut gebrauchen.“
„ Jan?... Kann es sein, dass du mit dem Gedanken spielst, ihn bei dir aufzunehmen?“
„ Was?! Warum sollte ich?“ Der Blonde ist von der Frage sichtlich überrascht und läuft unruhig in seinem Flur auf und ab. Immer wieder huscht sein Blick zu der verschlossenen Tür, hinter der sich sein Schafzimmer befindet.
„ Ach man Jan. Ich kann dich seit Jahren und weiß, dass du gerne Streuner mit nach Hause nimmst. Aber bis jetzt waren es immer nur verletzte Tiere und keine selbstmordgefährdete junge Männer.“
„ Ist ja gut,“ gibt sich Jan geschlagen und weiß genau, dass Rod recht hat.
„ Hör mal, wenn er nicht in den nächsten paar Stunden von allein wach wird, dann stimmt etwas nicht. Dann hat er ein größeres Problem, als nur nasse Klamotten und eine kleine Platzwunde am Kopf,“ versucht Rod auf den Größeren einzureden.
„ Bitte versprich es mir,“ fügt er noch hinzu. Jan schließt kurz die Augen und fährt sich mit der Hand durchs Gesicht.
„ Ja, ich verspreche es. Wenn er bis heute Abend nicht von selbst aufwacht ruf ich den Rettungswagen. Aber ich glaube nicht, dass das nötig sein wird.“
„ Wie kannst du dir da so sicher sein? Du bist schließlich kein Arzt.“
„ Das weiß ich selber aber ich hab ihn beobachtet und es wirkt nicht so.“
„ Was ist wenn da was in seinem Kopf kaputt gegangen ist? Was ist, wenn er ohnmächtig oder sogar ins Koma gefallen ist?“
„ Nein, ich bin mir sicher, dass er nur schläft.“ Langsam ist Jan echt genervt.
„ Scheiße, wenn der bei dir zu Hause stirbt, dann bin ich mit dran, weil ich davon wusste und nichts unternommen habe.“
„ Man Rod, jetzt geh mir nicht auf die Nerven."
„ Und ich dachte, du dankst mir das, dass ich dir dabei unter die Arme greife,“ grummelt der Dunkelhaarige jetzt etwas.
„ Jaja, natürlich bin ich froh, dass du mir geholfen hast. Du hast was gut bei mir,“ antwortet Jan kleinlaut.
„ Also noch mal zum Verständnis. Wird er wach, dann fragst du ihn aus. Wird er bis heute Abend nicht wach, dann rufst du den Notarzt. Ich werde morgen früh bei dir auf der Matte stehen und dann will ich wissen, wie es gelaufen ist.“
„ Geht klar. Bis später.“ Damit beendet Jan das Gespräch. Nachdem er noch einige Sekunden unschlüssig im Flur stehen geblieben ist, macht er nun auf dem Absatz kehrt und verschwindet in seinem Büro. Er muss sich um die Aufnahmen von heute Morgen kümmern. Das heißt, alles auf den Laptop hochladen, die Besten aussuchen, diese noch etwas bearbeiten und dann auf den Computer im Labor schicken, damit sie am Montag direkt entwickelt werden können. Da das bei über 200 Bildern, die er gemacht hat, einige Stunden in Anspruch nehmen wird, bietet sich dadurch seinem Schlafgast noch eine Chance von selbst wach zu werden. Und Jan hofft inständig, dass das auch passieren wird. Nicht nur wegen der Sache mit der unterlassenen Hilfeleistung. Nein, er will genau wie Rod wissen, was den jungen Unbekannten dort auf die Brücke getrieben hat. Und er will wissen, wie er heißt, denn das konnte er noch nicht in Erfahrung bringen, da dieser außer seinem Handy, ein paar Schlüsseln und einem schwarzen Kajalstift nichts weiter in seinen Taschen hatte.
Jan ist gerade dabei, das 45ste Bild zu löschen, als er aus dem Flur ein leises Klacken hört. Sofort ist er in Alarmbereitschaft, denn es klang verdächtig nach seiner Wohnungstür. Doch außer ihm und Rod hat nur noch seine kleinere Schwester einen Schlüssel zu seiner Wohnung. Aber beide würden ihn erst anrufen und nicht einfach ungefragt bei ihm auftauchen. Bleibt nur noch eine andere Erklärung.
Augenblicklich springt der Blonde auf und tritt auf den Flur. Doch hier ist alles ruhig und wie immer... Bis auf die Badezimmertür. Er ist sich ganz sicher, dass sie vorhin noch geschlossen war und jetzt steht sie zur Hälfte offen.
Da er aber kein Licht in dem Raum sieht, wendet er sich seinem Schlafzimmer zu, auch wenn er sich aus irgendeinem Grund ganz sicher ist, was er dort vorfinden wird... Oder eben auch nicht. Und genau so ist es dann auch. Die Bettdecke liegt am Rand der Matratze und diese selbst ist leer. Kopfschüttelnd verlässt Jan das Zimmer wieder und steuert nun doch das Bad an.
Kaum erhellt die Deckenlampe den gefliesten Raum, fällt sein Blick auch schon auf den Stuhl. Auch dieser ist leer, genau wie das Bett. Die Klamotten des Fremden sind weg, ebenso dessen Schuhe. Aus dem Augenwinkel nimmt er aber eine schwache Bewegung wahr und als er sich umdreht entdeckt er am Spiegel klebend einen Streifen Klopapier, der von Pflaster gehalten wird. Kurz muss Jan schmunzeln.
„ Einfallsreich bist du auf jeden Fall schon mal," murmelt er leise, schnappt sich das dünne Papier vorsichtig und macht sich auf den Weg zurück in sein Büro. Erst hier findet er die nötige Ruhe um die Nachricht lesen zu können.
** Hallo Freund Mensch mein Retter .
Ich kenne dich nicht und weiß nicht wie ich dich nennen soll.
Danke fürs aus dem Fluss ziehen, auch wenn ich nicht verstehen kann, warum dich mein wertloses Leben interessieren sollte.
Und danke, dass ich hier schlafen durfte.
Ich bin weg, weil ich dir nicht weiter zur Last fallen oder dich bedrängen wollte. Da ich es für dich für das Beste halte, werden wir uns auch nicht wiedersehen.
Solltest du mich dennoch zufällig irgendwo in der Stadt treffen, dann ignoriere mich bitte einfach und geh weiter.
Leb wohl, D. **
Völlig fassungslos und geschockt lässt Jan das Stück Zellstoff sinken, nachdem er sich den Text noch ein weiteres Mal durchgelesen hatte. Wie ferngesteuert greift er nach seinem Handy und wählt erneut die Nummer seines besten Freundes.
„ Was gibt’s, Jan? Alles in Ordnung mit deinem Gast?“
„ Nein... Er ist weg,“ antwortet Jan nur monoton, kann es immer noch nicht so richtig fassen. Dann erzählt er Rod was seit ihrem letzten Telefonat passiert ist und liest ihm auch die paar Zeilen vor.
„ Scheiße, was ist denn bei dem alles falsch gelaufen?“ ist auch Rod verwundert.
„ Das selbe hab ich mich gestern Abend schon gefragt. Ich musste ihn doch ausziehen, damit ich seine Sachen trocknen konnte und da hab ich seine Arme gesehen.“
„ Lass mich raten. Einstichstellen.“ Es ist nicht als Frage gemein.
„ Nein, Rod! Warum gehst du immer gleich vom Schlimmsten aus?“
" Das ist leicht erklärt. Denn wenn man vom Schlimmsten ausgeht, dann kann es in der Realität nur noch besser werden. Also was hast du entdeckt?“
„ Zeichen von Borderline. Alte und neue Schnitte. So wie es aussah, macht er das schon eine ganze Weile.“
„ Das ist heftig. Nur an den Armen?“
„ So weit ich sehen konnte, sind nur die Unterarme betroffen.“
„ Und was willst du jetzt machen?“
„ Was wohl. Ich werde das Thema abhaken müssen. Er ist weg, wird nicht zurück kommen und er will, dass ich ihn ignoriere. Ich würde zwar schon gerne erfahren, was er auf der Brücke wollte aber...“
„ Ich versteh schon.“
„ Außerdem mach ich mir irgendwie Sorgen um ihn... Rod, du hast ihn nicht so gesehen wie ich.“
„Jan. Du kannst nicht immer alle retten. Vergiss ihn. Er ist abgehauen, also will er auch keine Hilfe.“
„Ich weiß ja nicht... Aber bestimmt hast du recht.“
Die beiden reden noch eine Zeitlang bevor sich Rod verabschiedet und Jan wieder an seine Arbeit geht.
tbc...