Ich komm nicht raus - Ein Geisterhaus
Ich komm nicht raus - Ein Geisterhaus
Und wie siehts aus?
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Ich komm nicht raus - Ein Geisterhaus
Schon seit Stunden, so kommt es ihm zumindest vor, wandert er nun durch diese leeren dunklen Räume eines Hauses, das er nicht kennt. Es herrscht eine unglaubliche Hitze innerhalb dieser Mauern und der Schwarzhaarige hat das Gefühl, bei lebendigem Leibe gekocht zu werden. Seine Schritte sind mittlerweile schwer und gehen schleppend. Seine Kräfte verlassen ihn Zusehens immer mehr. Wenn er nicht bald einen anderen Menschen oder wenigstens den Ausgang findet, wird er noch wahnsinnig werden, da ist er sich ziemlich sicher.
Als er gerade wieder einen Raum durch den Durchgang in der Wand, Türen gibt es hier nicht, wechselt, ertönen plötzlich dumpfe Geräusche. Sie erinnern ihn stark an die Geräusche, die Hans' Stiefel verursacht haben, als diese immer wieder auf seinen Brustkorb trafen. Bei jedem 'Bamm' zuckt er verängstigt zusammen.
Ist Hans etwa auch hier irgendwo in diesem verfluchten Haus?
Hat er bereits ein neues Opfer gefunden?
Panik macht sich in seiner Brust breit, seine Schritte werden noch langsamer und sein Atem wird dafür schneller und hektischer. Dennoch kann er es nicht verhindern, dass ihn seine Füße immer weiter in die Richtung führen, aus denen die Geräusche kommen. Mit jedem weiteren Schritt werden sie lauter und deutlicher. Aber er will doch gar nicht dort hin. Er will nicht sehen, was ihn dort erwarten wird. Trotzdem tragen ihn seine Füße immer näher heran. Das Licht verändert sich unmerklich. Es wird dunkler und wirkt nun irgendwie trüber.
Als Dirk um eine weitere Ecke biegt mischt sich unter die dumpfen Schläge plötzlich eine Stimme. Es ist ein stetiges Murmeln zuhören aber er kann nicht verstehen, was gesprochen wird, nur dass die Stimme definitiv aggressiv klingt ist ihm klar.
Ein weiterer Versuch doch noch die Richtung zu ändern scheitert kläglich. Er schafft es einfach nicht, seine Beine dazu zu bringen umzukehren, noch nicht einmal stehen bleiben kann er. Die anfänglich leichte Panik, die sich langsam in seiner Brust ausgebreitet hat, wird immer schlimmer. Inzwischen rast sein Herz in einem wilden und ungesunden Rhythmus und hämmert hart gegen seine Rippen. Fast hat er das Gefühl es könne entweder durch die Knochen brechen oder einfach seinen Dienst einstellen und stehen bleiben oder auch ganz schlicht und ergreifend platzen.
Auch seinen Atem kann der junge Mann nicht mehr wirklich kontrollieren. Gingen seine Atemzüge zu Beginn der Geräusche noch schwer und schnell, so steht er jetzt kurz vor dem Hyperventilieren. Er kann nur noch flach und kurz den benötigten Sauerstoff in seine Lungen einsaugen und es scheint jedes Mal weniger zu werden. Für ihn fühlt es sich so an, als liegt ein Tonnen schweres Gewicht auf seinem Brustkorb und drückt ihn unbarmherzig zusammen, hindert seine Lungen daran, sich vernünftig auszudehnen. Der langsam eintretende Luftmangel macht es ihm unmöglich, sich richtig zu konzentrieren. Zudem fällt ihm entsetzlicher weise auf, dass ihm schwindlig wird und am Rand seines Sichtfeldes entstehen dunkle Schatten, in denen immer wieder kleine Lichtpunkte aufflackern.
Mit Mühe schafft es Dirk, sich an der Wand neben sich abzustützen aber seine Füße kann er noch immer nicht dazu bringen stehenzubleiben. Langsam und quälend aber unaufhaltsam nähert er sich dem nächsten Durchgang. Seine zittrigen Finger gleiten taub über den rauen unregelmäßigen Untergrund, bis er nach einer gefühlten Unendlichkeit und für ihn doch viel zu schnell, die Ecke erreicht.
Inzwischen rauscht ihm das Blut laut in den Ohren aber die Geräusche um ihn herum kann es doch nicht übertönen. Mit einem krampfhaften und doch viel zu schwachen Luftholen späht er in den dahinter liegenden Raum und lässt seinen Blick an der Wand entlang schweifen, bis die vertraute und Gefahr bedeutende Gestalt in seinem Sichtfeld auftaucht. Augenblicklich versteift sich sein gesamter Körper und ein sichtbares Beben nimmt von ihm Besitz.
Der Dunkelblonde, der mit vor der Brust verschränkten Armen seine Augen verächtlich und angewidert auf ihn gerichtet hat, stößt sich von der Wand ab und kommt mit langsamen aber zielgerichteten Schritten auf Dirk zu. Auf seinen Lippen liegt ein diabolisches Grinsen.
„ Na du dreckige kleine Schwuchtel?! Hast du noch nicht genug und kommst jetzt freiwillig zu mir, um dir deine verdienten Schläge abzuholen?“ zischt Hans bösartig, als er keinen halben Meter vor dem Kleineren zum Stehen kommt. Erst jetzt wird diesem bewusst, dass er, trotz der offensichtlichen Gefahr den Abstand selbstständig immer weiter verringert hat. Die beiden jungen Männer stehen sich inzwischen genau in der Mitte des Raumes gegenüber, wie Dirk entsetzt feststellt. Und noch etwas fällt ihm auf.
Haben sich seine Bein bis eben noch komplett ohne sein Zutun stetig vorwärts bewegt, so verweigern sie ihm nun den Befehl zur Flucht auszuführen. Und lösen sich nicht mehr vom Boden. Genau so ist es auch mit seinen Armen, denn die hängen nur unbeteiligt an seinen Seiten herunter.
„ Dass du es wagst, mir direkt in die Augen zu schauen, du widerlicher Abschaum der Gesellschaft," knurrt der Größere eine weitere Beleidigung, die Dirk nur stillschweigend hinnehmen kann, denn auch sein Mund ist bewegungsunfähig, lediglich seine Augen zeigen eine Reaktion. Denn die huschen nervös über das Gesicht seines ehemals besten Freund. Die gesamte Situation ist extrem angespannt und Dirk spürt die drohende Gefahr fast schon körperlich, noch bevor sich Hans auch nur bewegt aber dennoch kann er nicht reagieren.
Plötzlich legt sich die linke Hand des Dunkelblonden um seinen Hals und lässt Dirk vor Schreck das letzte bisschen Luft aus seinen Lungen stoßen. Nur kommt er nicht mehr dazu, neue einzusaugen.
Die Finger an seiner Kehle drücken unbarmherzig zu, schnüren ihm den Hals ab. Gleichzeitig trifft ihn der erste Schlag hart in die Seite. Der Kleinere zuckt unter dem stechenden Schmerz zusammen, wird aber von der Hand an seinem Hals gnadenlos aufrecht gehalten. Danach hageln die Schläge in rasantem Tempo auf seinem Körper ein. Brutal hart wird er immer wieder getroffen. Brust, Rippen, Bauch, Seite, überall spürt er nur noch Schmerz.
Hat er am Anfang noch das eine oder andere Keuchen und Stöhnen bei jedem Schlag von sich gegeben, so ist es mittlerweile nur noch ein leises kaum hörbares Wimmern. Aber sein Peiniger macht keine Anstalten seine Kraft zu verringern oder gar aufzuhören. Die giftig blickenden kalten Augen sind starr auf die grünen gerichtet und bei jedem Schlag zuckt ein selbstgerechtes Grinsen über das Gesicht von Hans. Dirk kommt es wie eine Ewigkeit vor, in der sein Oberkörper von den starken Fäusten bearbeitet wird.
Doch völlig ohne Vorwahrung löst sie die linke Hand an seinem Hals und der Schwarzhaarige sackt haltlos zu Boden, schlägt ungebremst mit den Knien auf. Verzweifelt versucht er wieder Luft in seine brennenden Lungen zu bekommen. Allerdings wird der Versuch von einem Tritt gegen seinen Brustkorb vereitelt und mit einem weiteren leisen Wimmern kippt Dirk kraftlos auf die Seite.
Hans steht breitbeinig über ihm aber der Liegende kann ihn kaum noch erkennen. Vor seinen Augen tanzen Sterne und bunte Lichtblitze, sein Sichtfeld hat sich stark verkleinert und färbt sich an Rand langsam grau-schwarz. Als er die Bewegung von Hans' Bein bemerkt schließt er erschöpft die Augen. Dirk hat aufgegeben, wartet nur noch auf den letzten vernichtenden Schlag.
Aber der kommt nicht. Stattdessen hört der Schwarzhaarige eine Stimme flüstern. Sie scheint von ganz weit weg zu ihm durch zu dringen. Fast so, als würde sie der Wind mit sich bringen.
„ Hey Kleiner... Bitte mach jetzt nicht schlapp... Hörst du mich?... Du musst durchhalten... gib jetzt nicht auf... Bitte kämpf...“
Auch wenn die Worte nur ganz fein und leise an seine Ohren dringen, so versteht Dirk doch jede Silbe ganz genau. Er kennt die Stimme irgendwoher, kann sie jedoch nicht einordnen, aber es liegt so viel Wärme in dem Gesprochenem.
Und Dirk will kämpfen, will nicht mehr aufgeben.
Schlagartig reißt er die Augen weit auf, weicht dem nächsten Tritt aus und stemmt sich mühevoll wieder auf die Beine. Der Dunkelblonde schaut ihn einen Moment verwundert und überfordert an. Aber Dirk lässt ihn sich gar nicht erst wieder fassen. Seine Hand ballt sich wie von selbst zur Faust, dann holt er weit aus und landet einen direkten Treffer mitten auf der Nase von Hans. Der geht keuchend zu Boden aber Dirk hat nicht das Interesse weiter auf ihn einzuprügeln.
Endlich von seiner Starre befreit zieht der Kleinere tief die dringend benötigte Luft in seine Lungen, dreht sich um und steuert den Durchgang an, der ihn in den nächsten Raum führen wird. Dort angekommen, dreht sich Dirk noch einmal zu Hans herum aber dieser ist nicht mehr da. Resignierend mit den Schultern zuckend wendet er sich wieder dem Ausgang zu und geht.
Und erneut läuft er gefühlte Stunden durch die leeren Räume des Hauses. Noch immer hat er keinerlei Anhaltspunkt, wo genau er sich hier eigentlich befindet aber es ist ihm mittlerweile auch völlig egal. Er hoff einfach nur vielleicht doch noch durch Zufall auf einen Ausgang zu stoßen.
Nach weiteren 7 oder 8 vollkommen gleich aussehenden Zimmern stellt er eine kleine Veränderung fest. Es wird kälter. Mit jedem Raum, den er hinter sich lässt, fällt die Temperatur um mehrere Grad ab. Inzwischen ist es so kalt geworden, dass sich eine dicke Gänsehaut über seine nackten Oberarme zieht.
Wieso sind die eigentlich nackt?
Hatte er denn nicht seinen Mantel an?
Dirk kann sich beim besten Willen nicht daran erinnern. Also schlingt er leise murrend die Arme um seinen Oberkörper, um sich irgendwie zu wärmen. Aber es bringt nicht viel, er friert dennoch. Beim Betreten eines neuen Raum legt sich plötzlich eine eiszeitliche Kälte über ihn, dringt tief in seine Knochen ein und lässt ihn unkontrolliert zittern.
Mit den Augen schweift er durch den neuen und doch gleich aussehenden Raum und sein Blick bleibt an einem großen vertrauten Gegenstand in der Mitte hängen. Ein glückliches Lächeln legt sich auf seine Züge und seine Schritten beschleunigen sich unbemerkt.
Denn in der Mitte des ansonsten leeren Raum steht, in einem wunderschönen Dunkelrot mit silbernen Akzenten, sein heißgeliebtes Schlagzeug. Das Instrument hat er sich von über zehn Jahren zu seinem 18. Geburtstag von seinen gesamten Ersparnissen gekauft und seitdem wie ein wertvolles Juwel gepflegt und beschützt. Doch plötzlich bleibt er wie angewurzelt ein paar Schritte davon entfernt stehen.
Was macht das Schlagzeug hier?
Es wurde ihm doch nach einem Auftritt zerstört. In dem Moment, als ihm dieser Gedanke kommt, wird ihm gleich noch kälter, als es die Umgebungstemperatur gekonnt hätte. Noch während er versucht, eine halbwegs vernünftige Erklärung dafür zu finden, nimmt er einen Schatten im Augenwinkel wahr und dreht den Kopf langsam in die entsprechende Richtung. Im Durchgang zum nächsten Raum steht Markus. Der Mann, den er bis vor wenigen Wochen noch als die Liebe seines Lebens bezeichnet hätte. Bis zu dem Moment als der ihm, Dirk, ins Gesicht gesehen und gesagt hat, dass er keine Lust mehr auf ihn hat und schon längst einen neuen Partner hat.
„ Oh... Dirk,“ kommt es mit deutlicher Abwertung und Abneigung in der Stimme von dem Dunkelhaarigen. Langsam schlendert sein Ex auf das schöne Instrument zu und streicht mit den Fingerspitzen über eines der Becken. Dirk hält erschrocken die Luft an.
„ Was hast du vor, Markus?“ dringt seine Stimme nur gepresst über seine Lippen und auf denen des anderen Mannes zeigt sich ein fieses Grinsen.
„ Du hast so ein kostbares Stück überhaupt nicht verdient.“
Es ist ein simpler Satz aber Dirk verpasst er einen tiefen Stich und er zieht scharf die Luft durch seine zusammengepressten Lippen. Ohne ihn aufhalten zu können, zaubert Markus einen großen schweren Hammer hinter seinem Rücken hervor.
„ Ich werde es genauso zerstören, wie ich auch die schon zerstört habe,“ knurrt sein Exfreund und schon in der nächsten Sekunde trifft der Hammerkopf auf die große Basstrommel in der Mitte. Das Fell reißt und der Rest des Instruments erzittert unter dem Schlag. Die Becken surren leise und die Basstrommel gibt ein grausames Geräusch von sich. Für den Kleineren klingt es wie ein Schmerzensschrei.
„ Nein!...“ flüstert Dirk und entlässt so die angehaltene Luft mit einem Mal.
„ Doch Dirk!... Genauso!“ ist alles, was noch von Markus kommt. Danach schlägt er ein Teil nach dem anderen des einst so schönen und stolzen Instrument in kleine undefinierbare Stückchen. Dirk ist während der, nur wenige Minuten andauernden Zerstörung auf die Knie gesunken, hat die Finger tief in seine schwarzen Haare gegraben und muss hilflos mit ansehen, wie ein Bestandteil nach dem anderen in Trümmern auf dem Boden landet.
„ Warum machst du das?“ haucht er verzweifelt und erntet dafür nur ein abfälliges Schnauben und einen bösartigen Kommentar.
„ Ich sagte doch schon, dass du so etwas schönes und wertvolles nicht verdient hast. Du hast gar nichts Positives verdient.“ Ohne weiter auf den Knienden zu achten, werden auch noch die letzten erkennbaren Teile in Schrott verwandelt. Als sein Werk vollendet ist, lässt Markus den Hammer achtlos fallen und tritt auf den Schwarzhaarigen zu.
„ Jetzt bist du genau wie das Ding. Nichts weiter als ein Haufen Müll.“
Er gibt dem Kleineren einen leichten Schubs, der ihn auf die Seite kippen lässt, wo dieser die Beine an den Oberkörper zieht und die Arme darum schlingt und seine Stirn darauf ablegt. Ein verzweifeltes Schluchzen quält sich aus seinem Brustkorb.
„ Leb wohl, du Verlierer,“ ist das letzte, was er hört, bevor er nur noch seine eigene Stimme al klägliches Wimmern wahrnehmen kann. Erneut musste er mitansehen, wie sein über alles geliebtes Schlagzeug und sein einziger wertvoller Besitz den Trümmer-Tod erleiden muss. Dass es Markus war, der es dieses Mal zerstört hat, macht die Sache noch viel schlimmer.
Und ein weiteres Mal nimmt die Kälte in ihm zu. Inzwischen kommt es Dirk so vor, als würde flüssiges Eis durch seine Adern fließen, das sein Herz mit jeder verstreichenden Minute mehr einfrieren lässt. Es fühlt sich bereits wie ein einziger Eisklotz an, den die winzigste Berührung in tausende kleine Splitter zerspringen lassen könnte. Und er wünscht sich gerade nichts sehnlicher, als dass genau das auch passieren möge.
' Lass es zerspringen. Dann bin ich die Gefühle ein für alle mal los und ich kann dieses beschissene Leben endlich hinter mir lassen,' schleicht sich der trübe Gedanke in seinen Kopf. Der Schwarzhaarige hat längst aufgegeben und wartet nur noch auf das erlösende Ende.
Als er schwer ausatmet bildet sich vor seinem Mund eine kleine weiße Atemwolke durch die Kälte. Eine scheinbar endlose Zeitspanne liegt er dort auf dem Boden, bewegungslos eingerollt und mit geschlossen Augen. Bis sich eine feine leise Stimme in seinen Geist schleicht.
„ Oh Dirk, mein Liebling. Was machst du denn da? So kenne ich dich doch gar nicht. Was ist denn los?“
Verwirrt öffnet der junge Mann die Augen und löst ganz langsam seine verkrampfte Haltung auf. Suchend lässt der Schwarzhaarige seinen Blick durch den Raum gleiten, kann aber nichts auffälliges entdecken. Nur das zu Bruch geschlagene Instrument nimmt noch immer die Mitte des Zimmers ein. Aber dennoch kann er die Stimme noch hören. Sanft spricht sie auf ihn ein.
„ Komm schon, Schatz. Steh auf und stell dich der Welt. Ich weiß, dass es leichter gesagt ist als getan. Aber ich bin mir sicher, dass du das schaffen kannst und auch wirst.“
Quälend langsam stemmt er sich auf die Knie hoch, stützt sich mit beiden Händen auf dem Boden ab und kommt so zittrig auf die Beine.
„ So ist es gut. Mach weiter und komm zu mir. Ich warte nebenan auf dich,“ wird die Stimme in seinem Kopf jetzt eindringlicher. Wie in Trance setzt sich Dirk in Bewegung, die Arme fest um den bebenden und zitternden Leib geschlungen. Mit einem letzten Blick auf das geliebt und jetzt nutzlose Schlagzeug nähert er sich auf unsicheren Beinen dem nächsten Durchgang, der ihn in das Nachbarzimmer führen wird.
Die Tränen, die er bis eben noch mühevoll und stur zurückgehalten hat, lösen sich aus seinen Augenwinkeln und rollen stumm über seine eingefallenen Wangen, sammeln sich an seinem markanten Kinn und tropfen ungebremst auf die Erde.
Noch immer flüstert die Stimme in seinem Kopf, ermutigt ihn , auch weiterhin einen Fuß vor den Anderen zu setzen. Aber nun mischt sich eine zweite Stimme mit ein. Ist die erste Stimme weiblich und etwas kratzig, so ist die zweit eindeutig einem Mann zuzuordnen. Sie klingt sanft, warm und leicht rau.
„ Hey Kleiner... Warum weinst du denn?...Bitte beruhige dich doch... Es ist alles in Ordnung.... Hier tut dir niemand etwas... Ich pass auf dich auf...“
Beide Stimmen sind ihm bekannt. Die erste, die weibliche kennt er seit seiner Kindheit, auch wenn er sie schon seit Jahren nicht mehr gehört hat. Sie ist Wärme, Geborgenheit, Vertrauen und bedeutet bedingungslose Liebe.
Die andere ist männlich, neu, Hilfe spenden, frei von Vorurteilen und Hoffnung versprechend. Es sind die Stimmen seiner Oma und von dem Blonden, der ihn auf der Brücke angesprochen und später aus dem Fluss gezogen hat. Und Dirk ist sich inzwischen auch ziemlich sicher, dass er es war, der ihm auf dem Friedhof geholfen hat.
Mittlerweile hat er den Durchgang erreicht und linst vorsichtig um die Ecke, er will einfach keine weitere böse Überraschung mehr erleben. Davon hatte er heute definitiv schon eine zu viel. Doch, das was er dort erblickt, lässt seine Mundwinkel müde nach oben wandern. Mitten in dem kleinen Raum steht ein uralter, wackelig wirkender Holztisch. Darauf verteilt sind Tassen, Teller und Besteck und ein Kuchen steht in der Mitte des Tisches. Auf einem der beiden ebenso alten Stühlen sitzt ein kleine alte Frau mit einem liebevollen Lächeln auf den faltigen Lippen. Ihr Augen strahlen Wärme und Zuversicht aus.
„ Dirk, mein lieber Junge. Komm, setz dich zu mir.“
„ … Omi...“ haucht er völlig ungläubig, tritt trotzdem an den Tisch heran und lässt sich schwerfällig auf den freien Stuhl sinken, starrt die alte Dame dabei aus großen Augen an.
„ Du... Wieso?... Das geht doch nicht...“ stammelt er vor sich hin. Das Lächeln auf dem Gesicht der Alten wird breiter.
„ Ich weiß, ich bin nicht mehr da, nicht mehr in deinem Leben... Aber du hast mich so dringend gebraucht,“ erklärt sie wie selbstverständlich.
„ Hör zu, Dirk. Dir wird Hilfe angeboten, du musst sie nur noch annehmen. Vertrau ihm, er ist nicht dein Feind,“ spricht sie weiter.
„ Wen meinst du?“ wundert sich der Angesprochene aber seine Oma antwortet nicht auf die Frage, sie hebt nur den Zeigefinger in die Luft und legt lauschend den Kopf schief. In dem Moment erklingt wieder die männliche Stimme.
„ Komm schon, Kleiner... Mach die Augen auf... Du musst wirklich langsam mal wieder aufwachen...“
„ Er hat recht, Dirk... Wach auf... Er macht sich wahnsinnige Sorgen um dich,“ flüstert seine Oma.
„ Aufwachen? Wie meinst du das?“ Dirk ist vollkommen verwirrt.
„ Das weißt du ganz genau... Spürst du das?“
Als der Schwarzhaarige kurz den Kopf zur Seite dreht und zur Tür schielt, kann er tatsächlich eine leichte, ganz sanfte Berührung an seiner Wange wahrnehmen. Erschrocken fährt er wieder herum aber da ist nichts mehr. Kein Tisch mit Geschirr, kein zweiter Stuhl und auch seine Oma ist nicht mehr da. Was aber noch da ist, ist das Gefühl an seiner Wange und er schließt schon fast genießend die Augen.
„ Du musst aufwachen Dirk... Mach die Augen auf, mein lieber Junge,“ hört er ein letztes Mal seine Oma zu ihm sagen und er nickt sich selbst zu.
Dann öffnet er langsam und schwerfällig die Augenlider....
tbc...
Das war heute vielleicht etwas verwirrend
aber die Auflösung zu dem Ganzen gibt es dann voraussichtlich bereits nächste Woche.
Bis dahin, bleibt mir treu, einen schönen Mittwoch Abend und eine angenehme Restwoche.
Eure kleine Fledermaus