Bin einfach nur da, einfach nur da
Bin einfach nur da, einfach nur da
Für alle, die sich bei dem letzten Kapitel etwas gewundert haben, kommt hier nun die Aufklärung.
Was ist während Dirk's "Ausflug" ins Geisterhaus wirklich geschehen.
Viel Spaß beim lesen.
Bin einfach nur da, einfach nur da
Als Jan aus seinem kurzen Schlaf erwacht, ist es draußen schon fast dunkel. Ein Blick zur Uhr auf seiner HiFi-Anlage verrät ihm, dass er volle vier Stunden geschlafen hat, es ist kurz nach 18.00 Uhr. Gähnend und die langen steifen Glieder reckend stemmt sich der Blonde von seiner Couch hoch und streckt knackend den Rücken durch.
„ Verdammt. Und ich dachte immer du bist bequem,“ murmelt er mit einem Blick zu seinem Sofa. Anschließend wendet er sich in Richtung Küche. Sein Magen knurrt laut und protestierend. Der Blonde steht gerade vor dem Herd, um sich das Essen von gestern, Kartoffelsuppe mit Brokkoliröschen anstelle von Fleisch oder Würstchen, warm zu machen. Jan ist Pescetarier und isst somit nur Fisch aber kein Fleisch.
Da fällt ihm plötzlich ein, warum er überhaupt auf dem Sofa gelegen hat. Mitten in der Bewegung, dem Umrühren im Topf, hält er inne und lauscht in die Stille der Wohnung. Aber er kann nichts hören.
Ist das jetzt gut oder schlecht?
Jan wird nervös.
Was ist, wenn etwas mit seinem ' Patienten ' passiert ist?
Sofort lässt er den Holzlöffel los, schaltet den Herd aus und schiebt den Topf von der heißen Herdplatte. Mit eiligen aber halbwegs gefassten Schritten verlässt er die Küche, geht durch den Flur und bleibt dann etwas unschlüssig vor der Schlafzimmertür stehen. Soll er einfach reingehen?
Was ist wenn der Schwarzhaarige gerade fast nackt neben dem Bett steht?
Immerhin hat er ihn bis auf die schwarze Unterhose ausgezogen. Er will den Kleineren nicht bloßstellen. Also klopft er vorsichtig an. Jan kommt sich dabei schon etwas seltsam vor, schließlich ist das ja sein eigenes Schlafzimmer.
Als keine Reaktion kommt, klopft er ein weiteres Mal, dieses Mal etwas lauter und eindringlicher. Wieder folgt keine Antwort. Jan entschließt sich einfach einzutreten, immerhin hat er sich angekündigt. Langsam öffnet er die Tür und schielt hinein.
Doch kaum steckt er seinen Kopf durch den schmalen Spalt, schlägt ihm eine unglaubliche Wärme und stickige Luft entgegen. Besorgt schiebt der Große das Türblatt weiter auf und betritt dem Raum vollständig. Langsam nähert er sich den Bett und schon in einigen Schritten Entfernung kann er den schweren Atem unter der Bettdecke vernehmen. Ihm ist augenblicklich klar, dass das nicht normal oder gesund sein kann, also setzt er einen Fuß vor den anderen und tritt näher an der Bett heran. Unter der Decke kann er deutlich die schwarzen Haare hervor lugen sehen und er sieht auch, wie sich die Decke unter den schweren Atemzügen hebt und senkt.
Vorsichtig lässt sich Jan auf der Bettkante nieder und sieht sich einen Moment das Gesicht, das ihm zugewandt auf dem Kissen liegt, an. Ein seichtes Lächeln bildet sich auf seinen Lippen. Auch wenn sich die Züge unter dem, noch immer anhaltenden Fieber verzogen haben und ein paar Schweißperlen auf der Stirn glänzen, so gefällt es ihm doch sehr.
Der Schwarzhaarige, dessen Namen er immer noch nicht kennt, ist im Grunde genau sein Typ und er beschließt plötzlich, dass er ihn auf jeden Fall näher kennenlernen möchte, sobald es ihm wieder besser geht.
Aber dazu muss es ihm erst einmal besser gehen, was aber im Moment nicht des Anschein hat. Im Gegenteil.
Der junge Mann gibt ein leises Keuchen von sich und auch sein Atem ändert sich von einer Sekunde auf die andere. Besorgt beobachtet Jan die Veränderung. Vorsichtig streckt er die Hand aus und schlägt eine Ecke der Decke zur Seite. Augenblicklich kommt ihm noch mehr Hitze entgegen, die eindeutig von dem schmalen Körper ausgeht. Seine Finger wandern zur Stirn des Schwarzhaarigen, streichen ein paar Haarsträhnen bei Seite und legen sich auf die freigelegte Hautpartie. Kaum berühren seine Fingerspitzen die Haut, zieht er sie auch schon wieder erschrocken zurück.
Die Stirn des Kleineren ist nicht nur etwas heiß. Nein, sie glüht regelrecht. Im selben Augenblick ändert sich ein weiteres Mal die Atmung des Kranken. Die Brust hebt und senkt sich nur noch flach aber dafür schon fast hektisch. Jan ist überfordert. Da kommt ihm eine Idee und er zieht sein Handy aus der Hosentasche hervor. Nach einer kurzen schnellen Google-Suche hat er eine Telefonnummer und lässt es ohne Zeitverlust klingeln.
„ Apotheke am Markt, Notfalldienst. Erna am Apart,“ meldet sich die vertraute Stimme der alten Dame.
„ Hallo Erna, Jan hier.“
„ Jan, mein Junge. Was kann ich für dich tun? Immer noch Kopfschmerzen?“ Die Frau, die von jedem Kunden geduzt wird, als gehöre sie zur Familie, kann sich stets an alle erinnern und ist immer hilfsbereit.
„ Nein, ich bin wieder fit. Ich hab ein ganz anderes Problem. Ein... Freund von mir hat hohes Fieber. Aber ich weiß nicht was ich machen soll... Erna, ich mach mir wirklich Sorgen um ihn,“ schildert er schnell die Lage.
„ Ganz ruhig, Jan. Sag mir erst mal, was du bisher festgestellt hast.“
„ Er ist sehr heiß, atmet nur ganz flach aber dafür sehr schnell und er scheint nicht aufwachen zu wollen. Schon seit über vier Stunden schläft er.“
„ Das ist nicht gut... Du musst versuchen seinen Körper runter zu kühlen. Lappen auf die Stirn, Wadenwickel und Fiebermittel sollten helfen. Im größten Notfall hilft auch noch ein Eisbad. Also kalt, nicht mit Eiswürfeln. Du solltest ihn aber unter keinen Umständen allein lassen... Und versuch ihn wach zu bekommen, denn er sollte möglichst viel trinken,“ ermahnt ihn die Apothekerin eindringlich.
„ Ja, verstanden. Wach machen, runter kühlen und viel trinken,“ wiederholt Jan.
„ Das ist wichtig! Sollte das Fieber aber auf über 41°C steigen, dann rufst du sofort! einen Rettungswagen,“ fügt sie noch hinzu.
„ Geht klar. Danke Erna.“
„ Immer wieder gern, Jan.“ Danach verabschiedet sich der Blonde höflich und wendet sich wieder dem kleinen Betträuber zu. Dessen Atem geht immer flachen und Jan entscheidet sich nun, ihn komplett aufzudecken. Er packt die Decke mit beiden Händen und schlägt sie bis zu den Füßen zurück, wo er sie ordentlich am Fußende zusammen faltet.
Auf dem verschwitzten und rot glühenden Gesicht zeichnet sich eine deutliche Anspannung ab. Die Lippen sind fest zusammen gepresst, die Augen unter den geschlossenen Lidern bewegen sich hektisch hin und her, ganz so als würde er schlecht träumen und die Stirn ist in tiefe Falten gelegt. Zudem fällt Jan auf, dass die Finger so stark in das Laken gekrallt sind, dass die Knöchel weiß hervor treten.
„ Was träumst du wohl gerade?“ murmelt der Blonde leise vor sich hin und legt ein weiteres Mal die Hand auf die Stirn. Ihm ist gerade etwas wichtiges eingefallen. Hat er überhaupt ein Fieberthermometer daheim? Hektisch springt er auf und fängt, kaum im Bad angekommen, an zu suchen. Allerdings ohne jeglichen Erfolg. Und ein weiteres Mal greift er zum Smartphone. Dieses Mal dauert es etwas länger, bis abgenommen wird.
„ Was gibt’s Jan? Alles in Ordnung mit deinem Schlafgast?“ meldet sich sein Partner mit einer Mischung aus Sorge und Freude in der tiefen melodischen Stimme.
„ Hallo, Rod. Nee, nicht wirklich. Er schläft immer noch und sein Fieber scheint weiter zu steigen. Aber genau da liegt auch mein Problem. Ich kann es nicht überprüfen, denn ich hab kein Thermometer hier.“
„ Ich verstehe schon. Ja, ich hab eins Zuhause. Ich wollte nachher sowieso noch mal einkaufen gehen, da kann ich es dir vorbei bringen. Gib mir aber 30 Minuten, dann bin ich bei dir,“ unterbricht ihn der Dunkelhaarige mit einem Grinsen in der Stimme und Jan atmet erleichtert auf.
„ Danke, Kumpel.“
„ Kein Ding, Jan. Lässt du den Schlüssel stecken? Ich hab deinen nämlich nicht bei mir und dann brauch nicht erst zu klingeln.“
„ Ja, mach ich. Bis gleich, Rod.“
Erleichtert legt Jan auf, geht in den Flur um den Schlüssel anzustecken. Anschließend verschwindet er kurz in der Küche, um ein Geschirrtuch zu holen. Unter dem Wasserstrahl in der Spüle durchtränkt er es mit der eiskalten Flüssigkeit und kehrt in sein Schlafzimmer zurück. Dort angekommen streicht er sanft einige der feuchten Strähnen aus der Stirn der Schwarzhaarigen und legt das Tuch darauf.
In der folgenden halben Stunde wechselt er das Tuch immer wieder aus, befeuchtet es neu und beobachtet mit besorgter Mine, wie die Atmung des Unbekannten stetig schwerer geht. Als der Blonde nach etwas mehr als 30 Minuten hört, wie sich seine Wohnungstür öffnet und wieder schließt, will er sich gerade vom Bett erheben. Allerdings ändert sich genau in diesem Moment der Gesundheitszustand des Schwarzhaarigen ein weiteres mal ins Negative.
Mit einem entsetzlich klingenden Keuchen stößt dieser Luft durch seine zusammen gebissenen Zähne aus. Jedoch kommt es nicht zu einer Umkehr. Erschrocken stellt Jan fest, dass die ausgestoßene Luft nicht wieder eingeatmet wird. Aber als plötzlich ein heftiger Ruck durch den schlaffen schmalen Leib geht, zuckt der Sitzende entsetzt zusammen und starrt ihn erschrocken an. Ein weiterer Ruck folgt und noch einer.
„ Rod! Komm her! Sofort!“ ruft Jan halblaut in Richtung Flur. Augenblicklich hört er eilige Schritte und nur Sekunden später streckt der Dunkelhaarige seinen Kopf durch die Tür.
„ Was ist... Scheiße Jan! Er hat einen Fieberkrampf!“ stellt Rod nach einem raschen Blick auf den zuckenden Körper fest.
„ Was soll ich denn jetzt mache?“ Jan ist zum ersten Mal in seinem gesamten Leben vollkommen überfordert mit einer Situation und schaut die beiden jungen Männer abwechselnd hilflos an.
„ Du musst ihn irgendwie sichern. Halte ihn fest... aber nicht zu sehr. Nur so, dass er nicht aus dem Bett fallen kann oder sich verletzt. Und versuch ihm gut zuzureden. Ich hol schnell ein Glas Wasser. Das muss er dann irgendwie zu sich nehmen.“
Trotz der angespannten und sicherlich auch gefährlichen Situation scheint sein Partner völlig ruhig zu bleiben. Jan beneidet ihn etwas um seine Gelassenheit. Aber lange hat er nicht die Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, denn da schüttelt schon die nächste Zuckung den erhitzen Körper. Ohne weitere Zeit zu verlieren legt er sich neben den Kleineren und zieht ihn vorsichtig in seine Arme. Sanft, fast schon zärtlich streicht er ihm durch die verschwitzten Haare und über die heiße Haut an den Oberarmen und der Brust. Schließlich fängt er sogar an, leise auf ihn einzureden.
„ Hey Kleiner... Bitte mach jetzt nicht schlapp... Hörst du mich?... Du musst durchhalten... Gib jetzt nicht auf... Bitte kämpfe...“ Immer wieder wiederholt er diese Worte und es scheint tatsächlich zu helfen. Der Körper in seinen Armen entspannt sich zu Sehens. Und nach einem letzte starken Krampfen in seiner rechten Hand, die er zur Faust geballt hat, lockert sich auch diese langsam und er saugt endlich wieder tief die Luft in seine Lungen, um danach wieder relativ normal und gleichmäßig weiter zu atmen, auch wenn es immer noch angestrengt klingt.
„ Oh Fuck... Gott sei Dank,“ stößt Jan erleichtert hervor, nachdem sich der gesamte Körper endlich wieder ganz beruhigt hat.
„ Alles Gut?“ ertönt die geflüsterte und deutlich besorgt klingende Stimme von Rod aus Richtung Türe und Jan hebt den Kopf um ihm erleichtert zuzunicken.
„ Ja, scheint so.“
„ Hier, das Wasser. Versuch ihm etwas davon einzuflößen. Er braucht bestimmt dringend etwas. Das Thermometer hab ich erst einmal ins Bad gelegt,“ erklärt der Dunkelhaarige.
„ Oh man, Das kann ich doch nie wieder bei dir gut machen, Rod... Danke.“
„ Jetzt übertreib mal nicht so, Jan. Ich weiß doch wie du bist. Aber ich werde dich mit Vergnügen daran erinnern, wenn ich mal wieder was vor habe und du mich vertreten musst,“ grinst der Stehende verschlagen.
„ Ich hau erst mal wieder ab, sonst gibt es bei mir am Wochenende nur trockenen Toast und Leitungswasser. Melde dich, sollte doch noch was sein.“
Rod lässt den Blonden gar nicht erst zu Wort kommen, sondern dreht sich einfach um und verlässt das Schlafzimmer, sowie kurz darauf auch die Wohnung.
Der Große bleibt einfach sitzen, hält den erhitzten Körper weiterhin in seinen Armen und lauscht in die Stille seiner Wohnung, die nur durch die schnellen schweren Atemzüge des Kranken unterbrochen werden.
Bestimmt eine Stunde ändert er nichts an seiner Position, streicht ab und zu geistesabwesend über die nackte Brust oder die Arme des Anderen. Bei einer dieser Bewegungen stellt er aber nach einiger Zeit erneut eine Veränderung fest.
Eine Gänsehaut überzieht nicht nur die tätowierten Arme sondern den ganzen Körper und der Kleinere fängt an zu zittern, versucht sich unbewusst aus der Umarmung zu winden. Doch Jan lässt ihn nicht. Er löst nur kurz einen Arm und greift damit nach seinem Handy. Eine weitere Google-Suche verrät ihm schließlich, dass es sich bei den Symptomen um Schüttelfrost handeln muss. Zu seinem Glück kann er auch nachlesen, wie er sich zu verhalten hat.
Ganz vorsichtig schiebt er den, für ihn immer noch Unbekannten aus seinen Armen und steig umsichtig aus dem Bett. Kaum hat er sich von ihm gelöst, hat sich der Schwarzhaarige zu einer kleinen engen Kugel eingerollt. Die Knie sind an die Brust gezogen, die Arme darum geschlungen, so liegt er nun fast wie ein Baby schutzlos auf der, plötzlich riesengroß wirkenden Matratze. Das leichte Zittern in den Gliedern entgeht Jan auch nicht. Sofort fasst er nach der Decke, legt sie über den schmalen Körper und drückt sie an den Seiten darunter fest. Danach macht er sich eilig auf den Weg in seine Küche.
Tee, hat Dr. Google gesagt. Er muss heißen Tee machen. Die Chance nutzt der Blonde gleich aus und macht für sich selbst auch einen mit. Die beiden Tassen in der Hand balancierend schlurft er langsam durch den Flur, um nichts zu verschütten. Vor seinem Schlafzimmer angekommen bleibt er aber wie angewurzelt stehen. Er hört eine tiefe Stimme.
„ … Nein...“ Langsam tritt Jan näher an die Tür heran und späht durch den Spalt.
„ Warum machst du das?“ dringt es geflüstert und verzweifelt klingend unter der Decke hervor und Jan schiebt sich leise in den Raum. Doch entgegen seiner ersten Annahme, der Kleinere wäre endlich aufgewacht und telefoniert vielleicht, liegt dieser immer noch eingerollt und mit geschlossenen Augen unter dem Stoffberg.
Mit besorgter Mine betrachtet er das von Entsetzten verzogene und eigentlich so schöne Gesicht des Schwarzhaarigen. Auf unsicheren Beinen tritt Jan näher an das Bett heran und lässt seinen Blick über den, von der Decke verborgenen Körper schweifen. Das Zittern scheint stärker geworden zu sein. Vorsichtig stellt er die beiden Tassen auf dem Nachttisch ab, bleibt neben der Matratze stehen und betrachtet noch einen Moment den schmalen Leib, der sich unter der Decke abzeichnet. Dann überwindet der Blonde seine Starre und steigt behutsam wieder ins Bett. Ein Rat von Dr. Google lautete auch Wärme. Der Betroffene muss gewärmt werden. Sei es nun mit einer Wärmflasche, weiteren Decken oder auch mit dem Körper einer anderen Person.
Die Decke scheint jedenfalls nicht zu reichen und eine Wärmflasche besitzt er nicht. Und er will auch nicht schon wieder Rod anrufen müssen, nur damit dieser ihm eine vorbeibringt. Das kann er nun wirklich nicht von seinem besten Freund verlangen. Auch wenn der gebürtige Chilene ihm gerne allerhand Gefallen erweist, so kann er dessen Gutmütigkeit nicht noch ein weiteres Mal in Anspruch nehmen. Das wäre einfach zu viel des Guten.
Also kriecht er spontan mit unter die Decke und zieht den schlanken, zitternden Körper nahe an seinen eigenen heran und schlingt seine Arme um ihn. So liegen die beiden jungen Männer still da. Der eine mit geschlossenen Augen und am gesamten Körper zitternd und der Andere mit deutlicher Sorge im Blick, leicht geröteten Wangen, den Kleineren haltend.
Nach etwa zwei Stunden spürt Jan plötzlich, wie sein Shirt langsam aber sicher feucht wird und schiebt es anfangs auf den Schweiß, der den Anderen mittlerweile überzieht. Doch als er ein leises Schluchzen vernehmen kann, regt er sich vorsichtig und schiebt den Schwarzhaarigen etwas von sich weg. Erschrocken muss er mit ansehen, wie sich eine Unzahl an Tränen ihren Weg über die roten Wangen bahnt. Auch das Schluchzen wird etwas lauter. Sofort schließt er die Arme wieder um ihn und fängt an, ihm leicht über den Rücken zu streichen. Doch die Geräusche werden immer lauter.
„ Hey Kleiner... Warum weinst du denn?... Bitte beruhig dich... Es ist alles in Ordnung... Hier tut dir niemand etwas... Ich pass auf dich auf...“ beginnt Jan leise auf den Schwarzhaarigen einzureden, verstärkt das Streicheln des Rückens nochmals.
Das Zittern durch den Schüttelfrost scheint sich etwas gelegt zu haben. Nur noch ab und zu wird der junge Man von einem einzelnen Beben erschüttert. Eine weitere halbe Stunde streichelt der Blonde ihm über den Rücken und die Arme.
Schon fast etwas beruhigt will Jan endlich selbst ein wenig die Augen schließen. Auch wenn er am Nachmittag bereits über vier Stunden geschlafen hat, fühlt er sich im Moment wie gerädert. Die ganze Aufregung hat ihn einfach fertig gemacht. Er ist erschöpft. Doch gerade als er sich etwas näher an den Anderen schmiegt, seine Nase in den schwarzen Haaren versenkt, regt sich dieser leicht.
Ganz vorsichtig bewegt er den Kopf. Aber aus der anfänglich kaum wahrnehmbaren Bewegung wird schnell ein sehr deutliches Kopfschütteln. Dazu fängt er erneut an, leise vor sich hin zu murmeln. Angestrengt lauscht Jan den undefinierbaren Worten... bis er endlich etwas verstehen kann.
„ Oma... Du... Wieso?...“ Verwirrt blickt Jan ihn an.
„ Das geht nicht...“ Scheinbar träumt der Kleinere gerade von seiner Oma. Von seiner 'verstorbenen' Oma. Ein fieser Stich trifft das Herz des Großen, als er daran denkt, wie er den Schwarzhaarigen auf dem Friedhof gesehen hat. Am Grab der Frau stehend. Was muss nur gerade in ihm vorgehen? Wie verzweifelt muss er sein, dass er jetzt sogar von ihr träumt? Ein weiteres Mal zieht er den unbekannten jungen Mann fest an sich und streichelt ihm über die nackten Arme.
Mittlerweile hat das Zittern in dem schmalen Körper komplett nachgelassen. Er liegt völlig entspannt und ruhig da und atmet langsam und gleichmäßig.
„ Komm schon, Kleiner. Mach die Augen auf... Du musst wirklich langsam wieder aufwachen,“ flüstert Jan und legt ihm zärtlich eine Hand an die Wange, nachdem er ihn wieder etwas von sich geschoben hat. Sanft streicht er ihm über die markanten Wangenknochen und lässt anschließend die Hand darauf liegen. Der Blick des Blonden liegt die gesamte Zeit auf den Gesichtszügen des Anderen. Dessen Augen zucken unter den Lidern unruhig hin und her. Auch der Atem wird kurzzeitig wieder ein wenig hektischer.
Es vergehen noch ein paar Minuten, in denen Jan weiterhin geduldig mit der einen Hand über die inzwischen nur noch leicht warme Wange und mit der anderen über den Arm streichelt. Aus einem Impuls heraus stupst Jan mit seiner Nase gegen die des Schwarzhaarigen. Als er danach wieder in das Gesicht des Kleineren blickt, kann er erstaunt und mit einem Hauch von Freude beobachten, wie sich die Augenlider kurz gequält öffnen aber sofort wieder zu fallen. Es soll nochmals fast zwei Minuten dauern, bis es zu einem erneuten Versuch kommt. Dieses Mal sind die Lider deutlich länger offen, auch wenn es wieder nur ein paar wenige Sekunden sind.
„ Hey... Hörst du mich?“ flüstert Jan und versucht den Anderen dazu zu animieren, zu reagieren.
„ Hmmh...“ kommt es für Jan etwas überraschend zurück.
„ Es wird wirklich langsam Zeit, dass du wieder zu dir kommst. So lange kann doch keiner pennen,“ versucht es der Blonde mit einem schlechten Witz. Und tatsächlich heben sich die Mundwinkel ganz leicht an, also setzt Jan noch einen drauf.
„ Wenn du jetzt wach bist, koch ich dir auch noch einen neuen Tee.“
Ein Geräusch, das ganz weit entfernt an ein Kichern erinnern könnte, dringt über die etwas geöffneten Lippen. Weiterhin den Arm mit den Fingerkuppen entlang fahrend, sieht Jan dem Anderen ins Gesicht.
„ Wenn du etwas anderes haben möchtest, dann musst du es mir sagen, Kleiner.“
„ … Dirk...“ bekommt er als schwache Antwort zurück und Jan stutzt.
„ Was?“
„ Ich... bin Dirk.“
„ Dirk. Schön zu wissen... Ich bin Jan... Und willst du Tee?“ geht Jan auf das seltsame Gespräch ein.
„ Hast du... eventuell... auch Kaffee?“
Das ist der Moment, in dem der Blonde in ein lautes und erleichtertes Lachen ausbricht. Durch das Geräusch überrascht öffnet Dirk nun endlich und vor allem dauerhaft die Lider.
„ Hey. Willkommen zurück unter den Lebenden, Dirk,“ setzt Jan noch nach.
„ Wie... wie lang... war ich denn weg?“ fragt der Schwarzhaarige verwundert nach und Jan muss kurz überlegen und nachrechnen.
„ Also, wir sind jetzt seit kurz nach halb zwei bei mir... plus die Fahrt hier her und alles davor?... Ich würde sagen so in etwa elf Stunden,“ rechnet er halblaut vor sich hin.
„ Wurde echt langsam Zeit, dass du wieder zu dir kommst. Ich hab mir zwischendurch wirklich ernsthaft Sorgen um dich gemacht,“ fügt er noch ernst hinzu.
„ Tut mir leid,“ ist alles, was erst einmal von Dirk zurück kommt, denn Jan ist schon dabei, sich von ihm zu lösen und aus dem Bett zu klettern.
Ist heute etwas kürzer als ich es mir eigentlich gedacht hatte aber es wird demnächst wieder Kapitel geben, die um einiges länger ausfallen werden.
Bis es soweit ist, lass ich aber erstmal mit dem hier allein und wir lesen uns vielleicht schon in der nächsten Woche wieder.
Eure kleine Fledermaus.