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Dein Lächeln ist nicht nett gemeint

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Dein Lächeln ist nicht nett gemeint

Ich begrüße euch zu einem weiteren Kapitel von "Stummer Schrei nach Liebe" und wünsche euch viel Spaß beim Lesen.

Dein Lächeln ist nicht nett gemeint

Dirk schaut dem großen Blonden hinterher, als dieser das Zimmer verlässt.

War das nicht der gleiche, der ihn nach seinem Fall von der Brücke aus dem Fluss gezogen hat?

Sollte es tatsächlich möglich sein, dass ihn ein und der selbe Mensch gleich zweimal gerettet hat? Aber eigentlich ist er noch viel zu müde, um über solche Zufälle nachzudenken. Am liebsten würde der Schwarzhaarige jetzt einfach wieder einschlafen. Sein Kopf tut weh, sein gesamter Körper schmerzt im Prinzip und er fühlt sich total erschöpft.

Mühevoll dreht er sich auf den Rücken und versucht krampfhaft wach zu bleiben, doch es zieht ihm immer wieder die Augen zu. Erst das leise Klicken der Tür lässt ihn wieder hochfahren.  Vor dem Bett steht Jan, mit einem Lächeln auf den Lippen und einem Tablett in den Händen.

„ Entschuldige bitte. Ich wollte dich nicht erschrecken... Aber ich hab hier deinen Kaffee und... ich hab mir erlaubt, dir eine Kleinigkeit zum Essen zu machen,“ erklärt er und tritt an die Bettkante heran.

„ Ich sollte mich bei dir entschuldigen,“ nuschelt Dirk plötzlich und sorgt damit, dass Jan mitten in der Bewegung, die Tasse vom Tablett zu nehmen, inne hält. Die Verwirrung ist ihm mehr als nur deutlich ins Gesicht geschrieben.

„ Warum solltest du das?“

„ Na, wie es scheint, belästige ich dich jetzt schon das zweite Mal... Du warst es doch, der mich aus dem Fluss gezogen hat... Oder etwa nicht?“

„ Doch schon aber was hat das damit zu tun?“ wundert sich der Blonde.

„ Ich... ich sollte... besser gehen,“ gibt der Kleinere zurück und macht Anstalten, sich tatsächlich aus dem Bett zu erheben, indem er sich vorsichtig an den Rand der Matratze schiebt. Augenblicklich greift Jan ein.

„ Kommt gar nicht in Frage! Du bleibst hier, bis es dir wieder besser geht,“ legt er entschlossen fest.

„ Aber ich will dich nicht stören... Du hast doch sicher noch was besseres zu tun, als... dich mit mir... rum zu ärgern,“ kontert Dirk mit leiser und schwacher Stimme. Daraufhin schüttelt der Blonde energisch mit dem Kopf und reicht ihm endlich die Tasse, die er die gesamte Zeit in der Hand gehalten hat.

„ Jetzt trinkst du erst einmal deinen Kaffee und isst eine Kleinigkeit. Über alles andere können wir auch später noch sprechen...“ Kurz zögert er danach. Dirk nimmt in der Zeit einen kleinen Schluck aus der Tasse und mustert ihn unauffällig aus dem Augenwinkel. Deutlich kann er erkennen, dass dem Blondes noch etwas auf der Zunge liegt und er sich nur noch nicht so richtig zu trauen scheint , es auch auszusprechen. Es vergehen ein paar sehr schweigsame Sekunden, bis Jan sich dazu durchringen kann, mit seinem Anliegen heraus zu rücken.

„ Hör mal... Ich würde gern etwas schlafen wollen und es ist mitten in der Nacht... aber... ich wollte eigentlich nicht schon wieder... auf der Couch schlafen...“

„ Dann schlaf ich dort, wenn du willst, dass ich unbedingt hier bleibe,“ unterbricht ihn der Schwarzhaarige sofort. Ihm ist es unglaublich peinlich, dass Jan nur wegen ihm auf sein Bett verzichten muss. Und das schon zum zweiten Mal. Wieder will er sich aus dem Bett erheben und schlägt dafür die Decke zur Seite. Jedoch ändert er seine Meinung schlagartig wieder, als er bemerkt, dass er nur noch eine Unterhose und sein T-Shirt trägt.

„ Äh ja... Sorry... aber... ich  wollte dich nicht in deinen Klamotten ins Bett packen.“

Dirk nickt nur. Danach breitet sich ein langes Schweigen zwischen den beiden jungen Männern aus. In der Zeit trinkt Dirk in kleinen Schlucken seinen Kaffee und nimmt auch einige Bissen von den belegten Broten, die Jan ihm vorbereitet hat. Der beobachtet ihn die gesamte Zeit über dabei und kann sich ein kleines Lachen nicht verkneifen, als er sieht, wie der Kleinere beim letzten Schluck aus der Tasse genießend die Augen schließt und zufrieden seufzt.

„ Was ist?“ hat Dirk das Lachen dennoch gehört.

„ Alles gut. Ich freu mich nur über deinen Appetit. Das hätte ich vor einer Stunde noch nicht erwartet. Das ist alles.“ Anschließend wird es wieder still zwischen den Beiden. Bis Dirk langsam die Augen wieder zu zu fallen drohen. In dem Augenblick ergreift der Blonde wieder das Wort.

„ Was ich vorhin eigentlich sagen wollte... Also ich würde schon gern ne Runde schlafen aber ich will dich auch nicht aufs Sofa verbannen... Also... wenn es dich nicht stört... aber auch nur dann... Wir könnten uns das Bett auch teilen,“ stottert er unbeholfen vor sich hin. Eine ganze Zeit lang sieht Dirk den Größeren einfach nur aus seinen grünen Augen an, dann zuckt er mit den Schultern und lässt sich ins Kissen fallen. Es dauert auch nicht lange, da bekommt er um sich herum nichts mehr mit und versinkt in einem traumlosen, von reiner Erschöpfung ausgelösten Schlaf.

Als er das nächste Mal daraus aufwacht ist der Raum um ihn herum, bis auf das wenige Licht, das durch die geschlossenen Vorhänge dringt, stockdunkel. Dirk kann sich noch wage daran erinnern, dass er auf dem Rücken lag. Nun ist er mit dem Gesicht zum Fenster gedreht und bis obenhin zugedeckt.

'War er das?' schießt es ihm kurz durch den Kopf. Im selben Moment spürt er eine leichte Bewegung hinter sich und er dreht den Kopf über die Schulter. Hinter ihm, nur wenige Zentimeter entfernt entdeckt er den blonden Haarschopf des Anderen. Dieser liegt ebenfalls auf der Seite, allerdings mit dem Gesicht zu Wand gedreht und somit von ihm abgewandt. Eine Hand hat er unter seinen Kopf geschoben, die andere liegt lang ausgestreckt auf der Matratze.

Dirk nimmt sich einen Moment Zeit, um den großen Körper, soweit es die Lichtverhältnisse zulassen, zu betrachten, da dieser nur um die Hüfte von der dünnen Decke verhüllt wird. Der Rest des Stoffrechteck liegt auf seinem eigenen Körper.

' Was für ein schöner Mann,' taucht plötzlich dieser Gedanke in seinem Kopf auf.

Jedoch lässt ihm sein aktueller Zustand nicht lange die Gelegenheit seine Beobachtung fortzusetzen, denn in diesem Augenblick reißt es ihm ein intensives Gähnen von den Lippen und seine Augen fallen fast zeitgleich wieder zu.

Ein weiteres Mal wird der Schwarzhaarige vom Zuschlagen einer Tür geweckt aber dieses Mal ist es nicht die Schlafzimmertür. Für Dirk klang es eher wie eine Wohnungstür. Vorsichtig und langsam richtet er sich auf und lässt seinen Blick durch den inzwischen fast schon bekannten Raum schweifen. Vor dem Fenster, das noch immer von den Vorhängen verdeckt wird, scheint die Sonne, es ist scheinbar schon mitten am Tag.

Auf dem Nachttisch neben seinem Kopfkissen steht ein neu befülltes Tablett. Darauf ein Teller, wieder mit belegten Broten, eine Schüssel mit kleingeschnittenem Obst und eine Thermoskanne samt Tasse.

Nachdem Dirk kurz an dem Inhalt gerochen hat, schleicht sich ein leichtes Lächeln auf seine Lippen. Jan hat ihm anscheinend neuen Kaffee gekocht, denn die Flüssigkeit in der Kanne ist noch dampfend heiß. Auf der Bettkante sitzend und mit den Beinen baumelnd, ist die erste Tasse Kaffee schnell geleert. Auch zwei der insgesamt vier Brote sind schnell verschwunden und selbst am Obst bedient er sich etwas. Danach lässt er sich erst einmal einfach nach hinten fallen und bleibt still und reglos liegen.

Aus einem der anderen Zimmer kann er eine leise Unterhaltung zwischen zwei Männern hören aber da die Türen geschlossen sind kann er nichts genaues verstehen. Und eigentlich interessiert es ihn auch nicht so wirklich, deswegen schließt er erneut die Augen und entspannt sich etwas.

Nach 30 Minuten, in denen Dirk einfach nur vor sich hin gedöst hat, meldet sich bei ihm ein dringendes Problem. Er muss auf's Klo. Auf unsicheren Beinen schleicht er zur Türe, öffnet sie vorsichtig und leise und lauscht in den Flur. Die Stimmen aus dem Nachbarraum sind jetzt deutlich lauter aber immer noch unverständlich für ihn. Mit einem Schulterzucken tritt der Schwarzhaarige auf den Gang. Von seinem letzten Besuch her, weiß er noch, dass sich das Bad gleich nebenan ist. Hier findet er auch wieder seine Sachen, genau wie beim letzten Mal, auf dem Stuhl liegend vor.

Nachdem er der Natur ihren Lauf gelassen hat, tritt Dirk ans Waschbecken heran und wirft dabei einen Blick in den Spiegel darüber. Erschrocken macht er einen Schritt zurück. Er sieht schlimm aus. Die Haare sind strähnig und kleben an seinem Kopf. Die Augen wirken eingesunken und der schwarze Kajal ist nicht nur etwas verwischt. Seine Wangen sind eingefallen und seine Lippen trocken und rissig. Alles in allem sieht er aus, wie ein kranker Junkie oder wie der sprichwörtliche Tod auf zwei Beinen und er beschließt sich wieder ins Bett zu legen.

In dem Moment, als Dirk die Badezimmertür einen Spalt breit öffnet, geht auch den Flur runter eine Türe auf und die Schritte von zwei Personen sind zu hören. Ebenso wird die Unterhaltung nun deutlich verständlich.

„ Du musst ihn unbedingt los werden, Jan.“ Die Stimme kennt Dirk nicht, dafür aber die zweite, die auf diese Aussage eingeht.

„ Das weiß ich selbst, Rod. Aber das ist leichter gesagt als getan.“

„ Im Ernst, Jan. Der ist doch völlig kaputt und wird dich nur unnötig Zeit und Geld kosten. Von deiner Gesundheit will ich da gar nicht erst anfangen.“ Die Stimme, eine recht dunkle und rauchige, redet energisch weiter und Dirk schließt seine Tür soweit, dass nur noch ein ganz kleiner Spalt bleibt. Auch wenn es unhöflich ist andere zu belauschen, so kann es der Schwarzhaarige dennoch nicht lassen. Er ist einfach zu neugierig.

„ Ich werde ihn so bald wie möglich rausschmeißen. Aber im Moment stört er mich nicht.“

„ Natürlich stört er. Er nimmt wertvollen Platz weg, den wir viel besser nutzen könnten,“ widerspricht dieser Rod.

„ Schon gut. Du hast gewonnen. Ich werde mich bis heute Abend darum kümmern, dass er verschwindet.“

„ Danke, Jan.“

„ Ja klar. Und jetzt beweg deinen Arsch wieder ins Arbeitszimmer, ich will da weiter machen, wo wir stehen geblieben sind.“

Kurz darauf fällt eine Tür ins Schloss und der Rest der Unterhaltung entzieht sich Dirk's Ohren.  Aber er hat auch so schon genug gehört. Er wusste es doch. Er ist hier unerwünscht, also wird er daran ganz schnell etwas ändern. Dabei war er davon ausgegangen, dass er dem Lächeln des Blonden vertrauen könnte. Das war dann ja wohl eine Fehleinschätzung.

Mit hängenden Schultern zieht er sich komplett ins Badezimmer zurück und überlegt, was er jetzt machen kann oder soll. Sein Blick streift seine Klamotten.

„ Und wieder ein 'zum zweiten Mal',“ murmelt er leise und betrübt vor sich hin, während er beginnt sich anzuziehen.

Keine fünf Minuten später steht er in voller Bekleidung wieder an der Tür um sie zu öffnen, dieses Mal aber noch vorsichtiger und späht hinaus. Als keiner der anderen Beiden zu sehen ist, schleicht er sich leise und schnell durch den Flur. Wenn er hier nicht erwünscht ist, dann wird er auch keine Sekunde länger hier bleiben.

Ohne die Wohnungstür hinter sich zu schleißen, verlässt er die Bleibe des Blonden und steigt, so schnell es sein geschwächter Zustand zulässt die Treppe runter.

Auf der Straße angekommen wendet sich der Schwarzhaarige nach rechts und steuert zielstrebig aber langsam seine eigene Wohnung an. Doch kaum ist er bei der nächsten Straßenkreuzung angekommen, hört er, wie jemand hinter ihm seinen Namen ruft.

„ Hey Dirk, warte doch mal.“

Aber der Angesprochene reagiert gar nicht darauf, sondern läuft einfach stur weiter. Weg, er will nur noch weg von dem Blonden und dem anderen Mann. Diese Entscheidung soll er allerdings keine zehn Sekunden später bitterlich bereuen. Denn der junge Mann biegt in seiner Eile blind um eine Hausecke und stößt dort prompt mit jemanden zusammen. Doch bevor er überhaupt dazu kommt, sich bei demjenigen dafür zu entschuldigen, sieht er nur noch eine geballte Faust auf sich zu kommen. Innerhalb von einem Sekundenbruchteil explodiert ein höllischer Schmerz mitten in seinem Gesicht, verteilt sich dort rasend schnell in seinem gesamten Kopf und er geht ungebremst zu Boden. Als er verwundert den Blick heben will, erhebt sich über ihm ein bedrohlicher Schatten.

„ Du miese kleine Ratte. Endlich läufst du mir mal wieder über den Weg. Darauf freu ich mich schon seit fast zwei Wochen,“ zischt es eisig über ihm. Hans! Und er sieht stinksauer aus.

„ Na, hast du dich schön bei meinem Chef über mich beschwert? Wegen dir bin ich meinen Job los.“

Und wieder rauscht der Schmerz durch seinen Körper. Dieses Mal auf Höhe seiner Rippen, so dass es ihm die Luft aus den Lungen drückt.

„ Ich hab...nichts gemacht... wirklich, Hans,“ keucht er schwer.

„ Das kannst du deiner Oma erzählen. Ach halt, die Alte ist ja schon tot. Tja, Pech, dann wird dir wohl niemand glauben.“

Wieder ein Tritt, jetzt in den Magen.

„ Du bist der Einzige, der einen Grund gehabt hätte. Wobei ich das bei so einer dreckigen kleinen Schwuchtel nicht verstehe.“ Erneut ein Tritt in die Rippen und gleich noch ein weiterer gegen den Kopf. Inzwischen bekommt er kaum noch Luft und sieht alles verschwommen. Hans packt ihn am Kragen seines Shirts und zieht ihn zu sich heran.

„ Hätte dir dein Blondie auf dem Friedhof nicht den Arsch gerettet oder wären hier nicht so viele Leute, dann wäre das Thema mit dir schon längst durch und ich müsste mir keine Gedanken mehr machen, ob ich irgendwo in der Stadt deiner elende Fresse begegnen werde. Aber ich bekomm dich schon noch irgendwann mal allein zu fassen und dann war's das für dich,“ flüstert der Dunkelblonde mit bösartiger Stimme dicht an Dirk's Ohr, bevor er zu einem weiter Schlag ausholt. Panisch kneift der Kleinere die Augen zusammen. Es folgt ein dumpfer Aufprall. Allerdings bleibt der erwartete Schmerz dieses Mal aus. Vorsichtig öffnet er ein Auge wieder und schielt nach oben.

In einer geringen Entfernung steht Hans und wird von einem Dunkelhaarigen mit auf den Rücken gedrehten Armen festgehalten, während Jan daneben steht und scheinbar hektisch in sein Handy spricht. Alle drei haben ihm den Rücken zugedreht und es scheint keiner von ihnen auf den Schwarzhaarigen zu achten.

Mit einiger Mühe und vor Schmerz verzerrtem Gesicht stemmt sich Dirk an der Wand nach oben und versucht ein paar wankende Schritte zu gehen. Beim ersten Schritt stößt er ein leise Zischen zwischen den zusammen gebissenen Zähnen hervor und ganz langsam bewegt er sich immer weiter von den drei Männern fort, stets mit einer Hand als Stütze an der Hausmauer.

Doch plötzlich legt sich eine Hand auf seine Schulter, was ihn erschrocken herum fahren lässt. Vor ihm steht eine alte weißhaarige Frau, deren stahlgrauen Augen besorgt auf sein Gesicht gerichtet sind.

„ Hallo? Junger Mann? Geht es ihnen gut?“ fragt sie zaghaft.

„ Hmh... Alles gut,“ nuschelt Dirk, während er erneut Jan und die zwei, etwas kleineren Männern im Blick behält. Er will nur hier weg und das möglichst ohne ein weiteres Mal die Aufmerksamkeit vom Blonden auf sich zu ziehen.

„ Nichts ist gut! Sie bluten! Sie brauchen dringend eine Arzt!“ stößt die Frau plötzlich lautstark mit geschockter Stimme hervor. Augenblicklich lenkt sie mit ihren Sätzen das Interesse des Blonden wieder auf ihn. Als sich dessen Blick auf den Schwarzhaarigen richtet, senkt er verlegen die Augen und reißt sich, grober als beabsichtigt, von der Alten los, dreht sich um und setzt seinen Weg scheinbar unbeirrt fort.

Allerdings schafft er kaum fünf Schritt, da ertönt auch schon die Stimme von Jan hinter ihm.

„ Verdammt, Dirk. Jetzt warte doch mal. Was ist denn los mit dir?“ Aber der reagiert gar nicht darauf sondern geht einfach weiter. Immer schneller werden seine Schritte, bis er schließlich fast rennt. Er will doch schlicht und ergreifend nur noch weg. Weg von der alten Frau, die ihn erschrocken ansieht. Weg von Hans, dessen kalten und bösartigen Blick er deutlich in seinem Rücken spüren kann. Und weg von Jan, für den er nur ein kaputter, platzraubender Niemand ist. Weg von allem hier und nur noch zurück in seine eigene kleine schützende Wohnung, in der er sich, wenn es nach ihm ginge, bis zum Ende der Zeit verstecken kann.

Allerdings machen ihm da seine blutende Nase, die schmerzenden Rippen und sein vom Fieber angeschlagener Allgemeinzustand einen fetten Strich durch die Rechnung. Immer wieder strauchelt er und wird nach kaum 30 Schritten zusehens langsamer. Bis er schließlich ganz stehen bleiben muss. Schwer atmend und mit den Händen auf den Knien abgestützt lehnt sich Dirk an die Hauswand hinter sich. Sein Herz rast, sein Atem geht schnell und abgehakt. Stück für Stück rutscht der Schwarzhaarige an der Mauer nach unten in Richtung Boden, bis er auf dem kalten Stein sitzt und seine Arme um seine angewinkelten Beine schlingen kann. Den Kopf darauf abgelegt blendet er alles um sich herum aus. Und das schafft er in diesem Moment auch sehr gut. Dementsprechend schreckt er auch extrem zusammen, als er von einer fremden Stimme angesprochen wird.

„ Sind sie das Opfer?“

„ Häh?... Was?... Opfer?“ reagiert Dirk mehr als nur verwirrt. Als er den Kopf hebt und die Person vor sich genauer mustert, erkennt er, dass vor ihm ein Polizist in mittlerem Alter steht und ihn aufmerksam betrachtet.

„ Ich wollte wissen, ob sie das Opfer dieses Überfalls sind,“ wiederholt er seine Frage freundlich und geduldig, nickt sich aber gleich darauf selbst zu, als er einen genaueren Blick auf das Gesicht des Schwarzhaarigen werfen kann.

„ Kommen sie mit. Dort drüben ist mein Kollege und auch ein Rettungswagen steht schon bereit. Die Herrschaften werden sich ihre Verletzungen mal etwas genauer anschauen,“ bittet der Polizist an aber Dirk ist noch nicht ganz im Hier und Jetzt angekommen. Er schaut nur in die angegebene Richtung, lässt seinen Blick über die vielen anwesenden und herum wuselnden Menschen schweifen und blickt dann wieder in das besorgte Gesicht des Uniformierten.

„ Was?...“

„ Na kommen sie. Ich helfe ihnen auch,“ lächelt der ältere Mann und streckt ihm die Hand entgegen. Auf die Füße gezogen schwankt der Schwarzhaarige kurz aber bedrohlich, bis sich ein Arm um seine Hüfte legt und ihn somit stützt. Gemeinsam machen sich die beiden auf den Weg zum Rettungswagen, bei dem schon ein Sanitäter auf ihn wartet. Daneben kann Dirk den Blonden erkennen, der sich angeregt mit dem Sani unterhält.

„ … deshalb wäre es, glaube ich, wichtig, dass sie ihn auch darauf nochmal untersuchen könnten,“ kann Dirk gerade noch hören, bevor sich Jan direkt an ihn wendet.

„ Mensch Dirk. Alles gut? Warum bist du denn einfach abgehauen? Scheiße! Was ist mit deiner Nase?“ schießt dieser gleich mehrere Fragen auf einmal auf ihn ab, wird aber sowohl vom Sanitäter als auch vom Polizisten unterbrochen.

„ Ihre Aussage haben wir ja schon. Jetzt würde uns die Sichtweise des Geschädigten interessieren,“ ermahnt ihn der Mann in der blauen Uniform, während der Mediziner Dirk am Arm fasst und vorsichtig zum Einsatzwagen führt. Der Schwarzhaarige lässt all das wehrlos mit sich machen und setzt sich in dem gelben Fahrzeug auf die Liege, immer mit starrem Blick auf seine Füße.

„ Dann wollen wir mal sehen, wie sehr es sie erwischt hat,“ murmelt der Mann vor ihm und geht routiniert seine Abläufe durch. Zwischendrin erscheint der Polizist bei ihnen und stellt Dirk allerhand, ach so wichtige Fragen, die dieser nur monoton aber korrekt beantwortet. Zum Schluss wird er noch nach seinem Wohnungsschlüssel gefragt.

„ Damit wir einen Beamten bei ihnen vorbei schicken können, der ihnen die wichtigsten Unterlagen und vielleicht auch ein paar Klamotten ins Krankenhaus nach bringt,“ lautet die schlichte Erklärung. Und auch den Schlüssel gibt Dirk ohne weiteren Kommentar an den Uniformierten weiter.

Nach über 40 Minuten sind die beiden dann endlich mit ihm fertig und unterhalten sich vor dem Rettungswagen noch einmal kurz mit Jan. Dann werden die Türen mit einem lauten Scheppern geschlossen und das Fahrzeug setzt sich mit Dirk an Bord in Richtung Klinikum in Bewegung. Der Sani sitzt neben ihm auf einem separaten Stuhl, kontrolliert seine Werte und gibt ihm noch diverse Spritzen. Eine davon muss wohl auch ein Beruhigungsmittel sein, denn mit einem Mal wird er unglaublich müde und seine Augen fallen ihm schwer zu.