Brave New World
Brave New World
Kapitel 1 – Brave New World
Er atmete ein.
Wartete.
Atmete aus.
Er war nicht nervös.
Er war niemals nervös.
Sein Herz schlug in niedriger Frequenz.
Seine Hände waren ruhig, der Finger abwartend, ohne Ungeduld neben dem Abzug.
Die Dunkelheit und Stille waren seine Verbündeten.
Jetzt musste er nur noch warten.
Auf den einen Moment.
Den Bruchteil einer Sekunde.
Das Licht des Autos, das um die Ecke gebogen kam, blendete ihn nicht.
Er konnte das Gesicht des Fahrers nicht sehen.
Brauchte es nicht.
Er wusste, wer in dem Auto saß.
Er atmete ein.
Drückte ab.
Atmete aus.
Er war aus dem Albtraum hochgeschreckt wie schon all die Nächte zuvor. Die Erinnerung so präsent wie am ersten Tag seines Erwachens.
Es waren jetzt sechs Monate.
Sechsundzwanzig Wochen seit er den Winter Soldier hinter sich gelassen hatte.
Kaum länger, dass er sich selbst zurückbekommen hatte; seinen Namen, seine Identität, seinen freien Willen. Doch das Gefühl des Gefangenseins war noch da. Der Hauch einer eiskalten Hand um seinen Hals, die keine andere als seine eigene war.
Der Junge aus Brooklyn, der in den Krieg gezogen war und Seite an Seite mit der großartigen Captain Carter gekämpft hatte, war ihm noch weniger ähnlich, als es diese willenlose Tötungsmaschine gewesen war.
Bucky wusste nicht, wer er jetzt war.
Ein Kriegsheld, ein Überlebender oder doch nur ein begnadigter Verbrecher.
„James“, riss ihn die leicht genervte Stimme seiner Therapeutin aus seinen Gedanken.
Er drehte den Kopf, um den Blick aus dem Fenster wieder auf sie zu richten. Sie war nicht die angenehmste Zeitgenossin, doch da Therapie zwei Mal in der Woche Teil seiner Begnadigung gewesen war, hatte er einen Teufel getan und sich über die Auswahl der Ärztin beschwert. Er sollte dankbar sein, dass er nicht den Rest seines Lebens in einem Gefängnis von Shield verbrachte. Ein noch sehr langes Leben, wenn man bedachte, dass er bereits über hundert Jahre alt war und immer noch in dem Körper eines Dreißigjährigen steckte. Verdammtes Supersoldatenserum.
„James, ich habe dir eine Frage gestellt.“ Dr. Raynor blickte ihn abwartend an. „Hast du immer noch Albträume?“
„Nein.“ Die Antwort kam automatisch.
Die Frau seufzte. „Wir machen das jetzt lange genug. Ich sehe, wenn du lügst.“
Gerne hätte er die Augen verdreht, denn diese Aussage war ebenfalls eine Lüge. Sie hatte keine Ahnung, was in ihm vorging, und wenn man ihn fragte, war sie in ihrem Job völlig verkehrt. Ihr fehlte jede Art von Einfühlungsvermögen oder auch nur Freundlichkeit. Und nachvollziehen konnte sie seine Situation schon gar nicht – niemand konnte das. Alle, die er damals gekannt hatte, waren schon lange tot. Und selbst wenn nicht, wäre dort niemand, der seine Lebenserfahrung teilte. Sie alle hatten Glück gehabt: Der Krieg war schlimm genug gewesen, doch nach dem Sieg über Hydra und die Nazis, hatten sie ihr Leben weitergelebt, während die Russen ihn jahrelang gefangen gehalten, gefoltert und in diese gewissenlose Waffe verwandelt hatten.
„Du wirkst heute etwas zerstreut. Ist etwas vorgefallen?“
„Nein“, wiederholte er.
Es war immer dasselbe. Er saß seine Zeit ab, ohne wirklich etwas von sich preis zu geben. Er brauchte nicht mit einer Fremden über seine Probleme zu sprechen. Sie würde ihm ohnehin nicht helfen können. Sie würde nur wieder in ihr kleines Notizbuch schreiben, die Stirn dabei runzeln und sich vermutlich fragen, was sie falsch gemacht hatte, dass er ausgerechnet ihr zugewiesen worden war.
„James, du bist jetzt Zivilist. Es war eine Bedingung deiner Begnadigung, dass wir diese Therapie abhalten. Und dabei war nicht die Rede davon, stumm hier zu sitzen, oder mich anzulügen.“
Es war aber auch nie die Rede davon gewesen, dass er das nicht durfte.
„Also erzähl mir von deinem letzten Albtraum.“
Er schnaubte. „Ich sagte doch, ich hatte keinen.“
Seine Gegenüber seufzte tief. „Hör zu, eines Tages wirst du dich jemandem öffnen müssen. Und du wirst verstehen, dass manche Menschen dir wirklich helfen wollen, und dass du ihnen vertrauen kannst.“
„Ich vertraue Menschen.“
Sie provozierte ihn immer wieder, als wolle sie eine Reaktion von ihm, die ihn am Ende doch ins Gefängnis brachte. Denn an seine tiefsten Gedanken würde sie damit nicht kommen. Vielleicht war es genau das. Vielleicht glaubte sie nicht, dass er diese Gnade verdient hatte. Sie wäre damit nicht die Einzige. Nicht einmal die Einzige in diesem Raum.
Er hatte zwei Regeln, an die er sich halten musste, damit diese „Zivilist-Sache“ funktionierte:
1. Nichts Illegales tun.
2. Niemandem verletzen.
Und er hielt sich an diese Regeln. Es war einfach. Er hatte nie jemanden verletzten wollen. Und er wollte selbst nicht mehr verletzt werden. Er wollte untertauchen und jedem Ärger aus dem Weg gehen. Er wollte seine Zeit absitzen, solange sie auch dauern würde. Jahrzehnte lang hatte er nur auf Befehle gehört. Das war vorbei. Er könnte machen, worauf er Luste hatte. Doch jetzt wusste er gar nichts mit sich und mit der Ruhe anzufangen; mit der zweiten Chance, die er bekommen hatte. Er hatte so viel verpasst.
Die Welt, in der er erwacht war, war eine ganz andere als die Welt, die er zurückgelassen hatte. Diese zwei Regeln zu beachten, war im Moment sein geringstes Problem.
Er wollte normal sein; ein normaler hundertjähriger Eremit ohne Familie und Freunde. Er hatte eine Katze – das sagte wohl alles. Und nicht einmal das hatte er seiner Therapeutin erzählt.
„Noch eine Lüge.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust.
Woher sollte sie wissen, dass es diesmal keine Lüge war? Er hatte ihr nie von den Menschen erzählt, die immer wieder versuchten, ihn aus seinem sicheren, kleinen Kokon zu holen. Von Natasha und Yelena, seinen Schwestern, denen er seine Freiheit zu verdanken hatte. Von Sam, der mehr Feingefühl im kleinen Finger hatte als die Frau vor ihm im ganzen Körper. Oder von Steve, seinem Nachbar, der sich langsam aber sich in Buckys Herz geschlichen hatte, auch wenn Bucky vehement versuchte, das zu verhindern.
Er vertraute Menschen. Er vertraute nur der Therapeutin nicht.
„Du bist allein. Du bist hundert Jahre alt. Du hast keine Geschichte, keine Familie …“
„Wollen Sie mich wütend machen, Doc?“, fragte er, seine regelmäßigen Gedanken zum ersten Mal aussprechend.
Er war heute nicht in der Stimmung für ihre Schimpftiraden. Er hatte sich dieses Leben nicht ausgesucht. Er hatte diese Begnadigung nicht verdient. Aber er tat alles dafür, um das Beste aus der Situation zu machen. Es wäre schön, wenn sie das auch tun würde.
„Das ist wirklich unprofessionell.“
Sie starrte ihn nur nieder und klickte mit ihrem Stift.
„Okay“, seufzte Bucky.
Er hasste dieses Geräusch. Es war zu leise, um ihn zu triggern, aber zu laut in dem sonst stillen Raum, um ihm nicht auf die Nerven zu gehen. Sein ganzer Körper war noch immer im Alarmmodus. Und er hasste es, wie sogar dieses harmlose Geräusch ihn beinahe zusammenzucken ließ und seine Muskeln sich sofort anspannten.
„Ich versuche es“, meinte er ehrlich. „Das ist neu für mich. Ich bin von einer Schlacht zur nächsten gerannt, achtzig Jahre lang. Ich will nur meine Ruhe.“
„Blödsinn.“
„Wie können Sie das sagen?“
„Ich war Soldatin“, betonte sie. „Ich habe viele Tote gesehen. Ich weiß, wie traumatisierend und erdrückend diese Erfahrungen sind. Und allein zu sein, ist dann die schlimmste Folter.“
Sie verstand es nicht. Sie würde es nie verstehen. Er wollte nicht allein sein. Aber es war nun mal für alle das Beste. Denn wenn er allein war, konnte er auch niemanden verletzen. Und wenn er allein war, konnte ihn auch niemand mehr verletzen.
=✪=
Hallo ihr Lieben,
wie schön, dass ihr hergefunden habt. Ich arbeite endlich mal wieder an einem größeren Projekt in einem Fandom, das ich sehr lange sehr vermisst habe.
Und ich hoffe / freue mich darauf, bekannte Namen zu lesen :)
Die Idee selbst ist bestimmt schon zwei Jahre alt, aber ich hab sie letztens wieder ausgegraben und plötzlich hat es Klick gemacht.
Ich hoffe, der Anfang gefällt euch und ihr bleibt dabei. Und natürlich würde ich mich sehr über Feedback freuen.
Das Cover zu dieser Geschichte findet ihr auf meinem Profil.
Liebe Grüße
eure Grace