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Hey, Neighbour. Bye, Neighbour.

The Art Of Unbecoming — www.fanfiktion.de · All chapters

Hey, Neighbour. Bye, Neighbour.

Yay schon 6 Favoriten :)

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit und ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen, sobald ihr dazu kommt!

Eure Grace

=✪=

Kapitel 2 – Hey, Neighbour. Bye, Neighbour.

Es war spät, als er nach Hause zurückkehrte. Wenn man das kleine Ein-Zimmer-Apartment überhaupt als solches bezeichnen konnte – es stand nicht einmal ein Bett darin, nur ein altes Sofa, eine kleine Küche und ein Tisch mit einzelnem Stuhl. Bucky hatte seit 1943 kein Zuhause mehr gehabt. Im Krieg hatte er auf dem Boden geschlafen, auf einem Feldbett, wenn es ihm richtig gut ergangen war. Und dann hatte er sehr lange gar nicht geschlafen – außer man wollte die Kryostase als Schlaf bezeichnen; er tat es nicht.

Die vier Wände erdrückten ihn, deshalb verbrachte er die Zeit lieber draußen. Irgendwo, wo er nicht auffiel; wo nicht so viele Menschen waren. Einmal hatte er sich nachmittags in ein fast leeres Kino gesetzt und hatte dort die Stunden abgesessen, bis es zu voll geworden war.

Was sollte man schon tun?

Es war schwer vorstellbar, dass so der Rest seines Lebens aussehen würde.

Doch die Alternative war schlimmer.

Shield hatte es ihm angeboten. Nachdem der rote Raum zerstört worden war und Natasha und Yelena zu Shield übergelaufen waren, hatten sie ihm angeboten, sie zu begleiten. Natasha hatte einen Deal für ihn ausgehandelt, noch bevor er ihnen geholfen hatte; noch bevor er es geschafft hatte, aus der Gehirnwäsche auszubrechen und zum ersten Mal seit achtzig Jahren etwas zu tun, dass er wollte.

Doch er hatte abgelehnt. Bucky wollte nicht mehr kämpfen. Es war nicht gelogen, was er in der Therapie gesagt hatte; was er so viele Male zu Natasha gesagt hatte: Er wollte seine Ruhe. Bis er wusste, was er mit seinem Leben anfangen sollte. Bis er wieder wusste, wer er war.

Der Bucky aus den 40ern konnte er nicht mehr sein. Der charmante, extrovertierte, junge Mann war von einem Zug gestürzt und seinen Verletzungen erlegen; gebettet in ein eisiges Grab aus Schnee und Eis.

Zwei Jahrzehnte später, geprägt durch Folter und Manipulation, war der Winter Soldier schließlich geboren worden.

Doch auch er war gestorben in dem Moment, als Yelena seine Hand genommen und ihm gesagt hatte, dass sie nicht ohne ihren Bruder gehen würde. Der Mann, der an ihrer Seite gekämpft und sie beschützt hatte, seit sie ein kleines Mädchen gewesen war. Der Mann, der eigentlich gar keine Gefühle haben sollte, und trotzdem plötzlich winzige Anzeichen davon zeigte, seit dieses kleine, blonde Mädchen ihn mit großen, unschuldigen, tränengefüllten Augen angesehen hatte.

Vielleicht war der Winter Soldier schon damals gestorben und hatte einem neuen Menschen Platz gemacht. Einer Mischung aus dem Bucky, der er gewesen war, und der Maschine, die er sein sollte.

Nicht ganz der Mann, der er jetzt war.

Bucky wusste nicht, wer er jetzt war.

Und deswegen wünschte er sich Ruhe. Weil er niemals wusste, welche dieser vielen Identitäten in ihm als nächstes die Oberhand gewinnen würde; ob sie überhaupt noch da waren. Und Shield war nicht das geeignete Umfeld, das herauszufinden.

„Bucky?“

Die inzwischen vertraute Stimme holte ihn aus seinen zerstreuten Gedanken zurück in die Realität. Er wünschte sich, er würde nicht so zusammenzucken. Obwohl das vermutlich sogar eine gute Reaktion war; vor sechs Monaten hätte er den Mann innerhalb einer Sekunde an die Wand gepinnt, um sicherzustellen, dass keine Gefahr von ihm ausging. Vermutlich ein Messer an dessen Kehle, um ihm den Gar auszumachen, sollte er sich doch als Bedrohung herausstellen.

Wie lange hatte er vor seiner Tür gestanden, den Schlüssel schon in der Hand? Es musste eine Weile sein. Steve sah besorgt aus. Seine blauen Augen glitten immer wieder von Buckys Gesicht zu dessen Hand.

Steve hatte schon in der Wohnung neben seiner gewohnt, als Bucky eingezogen war. Nach eigener Aussage wohnte er hier, seit er das Studium beendet hatte; also schon seit ein paar Jahren. Er hatte Bucky schon an seinem ersten Tag im Hausflur abgefangen und sich ordnungsgemäß vorgestellt. An seinem zweiten Tag hatte er Bucky Kekse vorbeigebracht, die auf keinen Fall selbstgebacken sein konnten. Jedes Mal, wenn sie sich begegneten, hatte er ein Lächeln und eine nette Begrüßung und ein bis zwei aufrichtige, aufmerksame Fragen parat. Und trotzdem hatte Steve nie gefragt, warum Bucky selbst im Sommer immer einen dünnen, schwarzen Handschuh über seiner linken Hand trug.

„Hi, Steve“, er zwang sich zu einem Lächeln, das sich auch nach sechs Monaten falsch auf seinem Gesicht anfühlte.

Vermutlich nicht mal sechs Monate – am Anfang hatte er gar nicht gewusst, wie das überhaupt ging. Er erinnerte sich nicht, wann er es das erste Mal geschafft hatte, aber er wusste, dass Steve derjenige gewesen war, der ihn dazu gebracht hatte. Auch wenn Yelena und Natasha es beharrlich versucht hatten.

„Alles in Ordnung?“ Steves Stimme nahm diesen sanften, einfühlsamen Ton an, den Bucky inzwischen sehr gut kannte.

Er nickte. „Langer Tag.“

Das sagte er eigentlich immer – vor allem an den Tagen, an denen er Therapie hatte. Wenn es wenigstens etwas bringen würde, wäre es vielleicht nicht so kräftezerrend.

Steve lächelte. „Kann ich mir vorstellen.“

Nein, konnte er nicht. Aber Bucky mochte es irgendwie, dass er es trotzdem sagte, einfach, um nett zu sein. Er sagte es auch nicht, als ob es wahr wäre, sondern eher in einer Art, als würde er Bucky verstehen, egal was er sagte. Der Gedanke jagte ihm jedes Mal einen ängstlichen Schauer über den Rücken.

Steve aus dem Weg zu gehen, war von Anfang an unmöglich gewesen, obwohl Bucky sich wirklich angestrengt hatte. Der Mann schien einen Sensor zu haben, wann er die Wohnung verließ oder abends wieder zurückkam. Und er hatte immer einen passenden Grund, warum er ausgerechnet jetzt im Treppenhaus war. Auch jetzt hatte er einen Wäschekorb mit sorgfältig gefalteter Kleidung unter den Arm geklemmt.

Er musste gesehen haben, wie Bucky bewegungslos vor seiner Wohnungstür gestanden hatte, als er die Treppe aus dem Keller hochgekommen war. Bucky verzog das Gesicht bei der Erkenntnis.

„Ich glaube, Alpine hat dich vermisst“, unterbrach Steve die Stille, die langsam unangenehm wurde.

Trotzdem konnte Bucky sich immer noch nicht bewegen. Er hatte es noch nicht einmal geschafft, seine Tür aufzuschließen.

„Oh“, machte er nur.

„Sie saß vorhin vor meinem Fenster und hat miaut. Ich hab sie gefüttert. Ich hoffe, das ist okay?“

Alpine war seine Katze. Bucky hatte sie in der Gasse hinter dem Haus gefunden, etwa einen Monat, nachdem er hier eingezogen war. Sie war ein Streuner genau wie er. Entgegen seiner Paranoia hatte er ihr sogar eine Katzenklappe ins Fenster zur Feuertreppe eingebaut, damit sie kommen und gehen konnte, wir ihr beliebte. Sie war also genau genommen gar nicht seine Katze. Aber sie war auch sonst niemandes Katze, also hatte er irgendwann für sich entschieden, dass sie jetzt seine Katze war.

Vor ungefähr zwei Monaten hatte sie dann angefangen, regelmäßig an Steves Fenster zu sitzen. Manchmal sah Bucky die schneeweiße Katze an und fragte sie, ob sie das mit Absicht machte, weil sie wollte, dass er bei Steve klingeln musste, um sie zu holen. Nicht, dass sie ihm antworten würde. Oder, dass sie eine Ahnung davon hatte, was er über Steve dachte oder fühlte. Nicht einmal Bucky hatte eine Ahnung, was er fühlte.

„Ja, natürlich.“ Er biss sich auf die Unterlippe. „Danke.“

Steve nickte glücklich und zeigte auf die Wohnungstür. „Sie ist auf der Couch eingeschlafen. Willst du reinkommen und sie holen?“

Er musste hart schlucken. Normalerweise unterhielten sie sich ein paar Minuten im Flur, bevor Buckys Magen zu kribbeln begann und er schnell eine Ausrede fand, um in seiner Wohnung zu verschwinden. Um sich dann – plötzlich atemlos – an die Tür zu lehnen und erstmal die Augen zu schließen, um sein rasendes Herz zu beruhigen. Er hatte noch nie einen Fuß in die Nachbarwohnung gesetzt – Steve hatte ihn noch nie eingeladen.

Aber jetzt gerade hatte er ihn eingeladen und Buckys Magen kribbelte.

„Und wenn sie noch schläft?“, fragte er unvorbereitet.

Steves Mundwinkel zuckten noch höher und eine leichte Röte bildete sich auf seinen Wangen. „Dann setzen wir uns und trinken einen Kaffee?“

Bucky musste ihn anstarren, als hätte er den Verstand verloren. Sein Blick schien den Mann jedenfalls zu verunsichern.

„Oder Tee?“, fügte er an.

Als ob es nur das wäre. Bucky konnte weiterhin nur fassungslos starren, während sich die Räder in seinem Kopf drehten. Würde Steve weiterreden, würden sie Feuer fangen – bildlich gesprochen.

Er versuchte, die Sätze auseinander zu nehmen. Buckys Katze schlief auf Steves Couch. Es war nur höflich, ihn zu fragen, ob er sie sofort holen wollte. Und es war respektvoll gegenüber der Katze, anzubieten, abzuwarten, bis sie von selbst aufwachte. Es wäre seltsam, nur stumm nebeneinander zu sitzen und zu warten, also war auch die Einladung zum Kaffee sinnig.

Aber was, wenn es nicht logisches Denken war, das Steve diesen Vorschlag machen ließ? Was, wenn es ein Vorwand war? Was, wenn Steve ihn wirklich einladen wollte?

Und was war diese Einladung dann? Eine oberflächliche Einladung zwischen Nachbarn, die sonst nichts gemeinsam hatten? Oder eine freundschaftliche Einladung, in der Hoffnung, einige Gemeinsamkeiten zu finden? Oder etwas ganz anderes? Eine Einladung zu einem Date etwa?

Bucky hatte seit achtzig Jahren kein Date mehr.

Damals hatte ein Date aus einem Abendessen und Tanzen bestanden oder einem Jahrmarktbesuch, manchmal sogar Kino, wenn er es sich hatte leisten können. Aber heutzutage reichte Kaffee. Heutzutage war es auch völlig normal, dass Männer miteinander ausgingen.

Aber war Steve so ein Mann? Woran erkannte man so etwas? War es unhöflich, einfach zu fragen?

Und die wohl viel wichtigere Frage wäre, ob er so ein Mann war. Denn bisher war er davon ausgegangen, dass es nicht so war. Er war sogar davon ausgegangen, dass er sich zu niemandem jemals wieder hingezogen fühlen würde. Nicht, dass jemand hin lange genug ertragen würde, um das herauszufinden. Sein Körper trug zu viele Narben, und seine Seele erst …

„Hey, Buck?“

„Ich kann nicht“, kam aus seinem Mund, bevor die Räder aufgehört hatten, sich zu drehen. „Ich muss nochmal weg. Ich kann also nicht.“

Und schon machte er auf dem Absatz kehrt, die Schlüssel immer noch in der Hand, und ging an Steve vorbei zur Treppe.

„Okay“, erwiderte Steve, ein wenig vor den Kopf gestoßen.

Was tat er da? Der arme Mann meinte es vermutlich nur gut und Bucky war grundlos unhöflich und distanziert. Vielleicht war es ja doch nur logisch. Oder harmlos. Oder sogar freundschaftlich.

Ich vertraue Menschen , hatte er noch vor ein paar Stunden behauptet.

„Aber …“ Bucky drehte sich am Fuß der Treppe nochmal zu Steve um.

„Ja?“, fragte der Mann, mit diesen immer perfekt sitzenden Haaren und den hübschen, vertrauensvollen Augen und diesem verdammten hoffnungsvollen Lächeln, das Buckys Knie weich werden ließ.

„Frag mich nochmal. Irgendwann … anders.“

Irgendwann in sehr weiter Zukunft, in der Bucky hoffentlich wusste, was diese Einladung bedeutete und was er wollte, dass sie bedeutete.

Steves Lächeln wurde nur breiter. „Das werde ich.“