Avoiding collateral damage
Avoiding collateral damage
Kapitel 4 – Avoiding collateral damage
Bucky verließ vier Tage lang nicht seine Wohnung aus Angst, er könnte Steve im Treppenhaus begegnen, bevor er bereit dazu war. Das Gespräch mit Sam hatte geholfen, auch wenn Bucky kaum Details über den Nachbarn, der „nett zu ihm war“ rausgegeben hatte. Trotzdem schämte er sich für sein Verhalten und wusste jetzt nicht, wie er das wieder gut machen konnte.
Er hatte überreagiert. Steve hatte ihn mit seiner spontanen Einladung überrumpelt. Bucky war den Umgang mit Menschen noch nicht gewohnt. Es fiel ihm immer noch schwer, die richtigen Worte zu finden oder die Worte seines Gesprächspartners richtig zu verstehen.
Er redete sich erfolgreich ein, dass seine Panik daher gekommen war, dass er Angst hatte, die Kontrolle zu verlieren und Steve zu verletzen. Dass seine verwirrenden Gefühle nur eine Reaktion davon gewesen waren. Dass er nicht wusste, wie er reagieren würde, wenn Steve irgendwann rausfand, wer er war und was er getan hatte. Würde Steve Angst vor ihm haben? Sicherlich würde er nie wieder ein Wort mit Bucky wechseln, also konnten sie es auch gleich lassen.
Er verdrängte mehr oder weniger erfolgreich den Gedanken, dass er auch Angst hatte, selbst verletzt zu werden. Dass es ihm das Herz brechen würde, etwas mit Steve aufzubauen – Freundschaft oder was auch immer sein kaputtes Gehirn sich ausmalte –, um es dann in tausend Teilen zerbrochen auf dem Boden vorzufinden, sobald Steve sein nicht so kleines, schmutziges Geheimnis herausfand.
Wie sollte das auch funktionieren? Irgendwann würde Steve sich über den Handschuh an seiner linken Hand wundern. Oder er würde fragen, warum Bucky trotz 30 Grad im Schatten einen Pullover trug.
Es konnte nicht funktionieren.
Erst seine nächste Therapiestunde zwang ihn dazu, die engen vier Wände, die sich niemals so sicher angefühlt hatten, zu verlassen. Er wusste, was geschah, wenn er eine Stunde verpasste. Und es war nicht so, als könne er sich die Zeiten aussuchen. Anzurufen und sich krank zu melden, war auch schwierig, wenn die Therapeutin wusste, dass er durch das Serum in seinen Adern nicht krank werden konnte.
Wenn ihn jemand fragen würde – was niemand tun würde, weil er keine Freunde hatte –, würde er abstreiten, dass er kurz überlegt hatte, aus dem Fenster zu klettern und über die Feuertreppe zu verschwinden. Stattdessen öffnete er leise und vorsichtig seine Wohnungstür, erstmal nur einen Spalt, damit er in den Flur sehen konnte.
Sein Verstand wusste, dass er Steve genauso gut unten auf der Treppe oder an der Haustür begegnen konnte. Doch das war seltener vorgekommen, deswegen verdrängte er diese Möglichkeit.
Er schämte sich dafür, wie erleichtert er war, den Flur leer vorzufinden.
In diesem Moment wünschte er sich, er hätte eine Therapeutin, der er wirklich vertrauen konnte. Er würde so gerne mit jemandem über Steve reden.
Er hatte sich nicht getraut, Sam zu fragen, was die Einladung und Steves gesamtes Verhalten alles bedeuten konnte. Er hatte sich schon blöd dabei gefühlt, überhaupt zu erwähnen, dass er nur so durch den Wind war, weil ein gutaussehender Mann nett zu ihm war.
Sam kannte Steve nicht. Sam wusste nicht, wie seine Augen strahlten, wenn er Bucky ansah. Wie weich sein Lächeln wurde, wenn Bucky es tatsächlich schaffte, länger als nur ein paar Sekunden den Blickkontakt aufrecht zu erhalten. Er wusste nicht, wie geborgen Bucky sich fühlte, allein durch Steves Anwesenheit.
Plötzlich wich die Erleichterung über das leere Treppenhaus einer tonnenschweren Enttäuschung.
Bucky freute sich jedes Mal wie ein kleines Kind, wenn er Steve traf. Es war das Highlight seines Tages.
Was würde passieren, wenn Bucky jetzt an Steves Tür klopfte? Würde Steve ihn hereinbitten?
Sein Verstand spielte ihm wieder einen Streich, zeigte ihm ein Bild vor seinem inneren Auge, wie der hübsche Mann ihm mit einem überraschten, aber glücklichen Grinsen die Tür öffnete. Wie Bucky, sich selbst sehend wie bei einer außerkörperlichen Erfahrung, keine Sekunde verstreichen ließ, bevor er sich in Steves starke Arme warf und ihn küsste.
Ihm wurde ganz warm und trotzdem zitterten seine Knie.
Dr. Raynor würde wiederum nicht zögern, ihn zu melden, wenn er nur ein paar Minuten zu spät zur Therapie kam. Sie würde den mehr oder weniger existenten, mehr oder weniger unschuldigen Flirt mit seinem Nachbarn sicher nicht als Grund sehen, eine Stunde ausfallen zu lassen. Und ehe er sich versah, saß er hinter Gittern und Steve war nur noch eine ferne Erinnerung. Aber wenigstens wäre sie eine von den guten.
Bucky schüttelte den Kopf und schnaubte, wütend über sich selbst.
Hatte er sich diese Gedanken nicht verboten? Hatte er sich nicht in den letzten Tagen erfolgreich eingeredet, dass das nichts war, was er wollte?
War das Treppenhaus mit Gas oder Pollen oder irgendwas anderem verseucht, was sich auf diese sorgfältig aufgebaute mentale Mauer auswirkte? War der Anblick von Steves geschlossener Wohnungstür genug, um seine Meinung zu ändern?
Bucky blieb am Rande der Treppe stehen und blickte zurück. Wenn jetzt die Tür aufgehen würde …
„Hör auf!“, tadelte er sich selbst. „Vollidiot!“
Es war mitten in der Nacht, als er zurückkam. Deswegen wunderte es ihn nicht, dass der Hausflur erneut leer war. Er hatte die Zeit nach der Therapie mit einem langen Spaziergang totgeschlagen. Jetzt, wo er seine Wohnung endlich wieder verlassen hatte, konnte er sich nicht vorstellen, wieder dahin zurückzukehren. Die Einsamkeit erdrückte ihn.
Draußen war es nicht gerade besser, aber hier konnte er sich wenigstens einbilden, dass er nicht allein war. Er konnte sich von der trostlosen Tatsache ablenken, dass nur eine Katze auf ihn wartete.
Jedoch ließ ihn etwas vor der Wohnungstür innehalten. Er war sich hundertprozentig sicher, dass er die Musik nicht hatte laufen lassen, als er gegangen war. Er war sich so sicher, weil er die Musikanlage vielleicht einmal benutzt hatte, seit er in dem Apartment wohnte.
Es versetzte seinen Körper sofort in Alarmbereitschaft und reduzierte sein logisches Denken auf das nötigste. Reagieren war jetzt wichtiger als denken, auch wenn kein Auftragskiller, der etwas auf sich hielt, die Musik einschalten würde, während er auf sein Opfer wartete.
Trotzdem blieben seine Schultern angespannt, als er geräuschlos die Tür öffnete. In der Kommode am Eingang wartete das Messer, das er für Notfälle dort platziert hatte. Es fühlte sich zu vertraut in seiner Hand an, obwohl er sich bemüht hatte, in den letzten sechs Monaten nicht daran zu denken, dass es existierte.
Der Winter Soldier hatte das Steuer übernommen. Und der Winter Soldier überlegte nicht lange, sondern holte aus und warf das Messer, sobald er einen Schatten sah.
Die Einbrecherin fing die Waffe geschickt vor ihrem Gesicht ab, bevor sich ihre Lippen zu einem breiten Grinsen verzogen.
„Hi, Brüderchen!“
Bucky verdrehte die Augen, doch die Anspannung verschwand nicht vollständig. „Bist du wahnsinnig?“, fragte er. „Ich hätte dich umbringen können!“
Yelena lachte. „Denkst du.“
Das Messer, das inzwischen nicht mehr Millimeter vor ihrem Gesicht schwebte, sagte etwas anderes. Bucky konnte sich vorstellen, wie stolz sie sein musste. Nicht, dass sie ihm unterlegen war. Auch wenn ihm das Supersoldatenserum einen Vorteil verschaffte, wusste die Black Widow diesen auszugleichen. Sie kannte seine wenigen Schwächen. Bucky hatte sie schließlich trainiert, seit sie ein kleines Mädchen war.
Er stellte die Musik leiser. Bevor er jedoch fragen konnte, was sie mitten in der Nacht in seiner Wohnung verloren hatte, ergriff seine Schwester das Wort. Sie hatte sich inzwischen wieder von ihm abgewendet und hantierte in seiner kleinen Küche.
„Ich hab Makkaroni gemacht. Willst du auch?“ Yelena tauschte das Kampfmesser gegen einen Kochlöffel und rührte – sehr zufrieden mit sich selbst – in dem kleinen Topf herum, der auf der Herdplatte stand.
Er schüttelte ungläubig den Kopf, musste aber lächeln. „Hast du vor mich zu vergiften?“
Yelena blickte ihn gespielt empört an. „Hältst du mich für so langweilig?!“
Das brachte ihn zum Lachen. Er widerstand dem Drang, sie fest zu umarmen, und ging stattdessen an ihr vorbei. Ihre Vergangenheit war nicht gerade geprägt durch übermäßige Zuneigung und Zärtlichkeiten.
„Ich hole Teller.“
Es entstand ein kurzes, entspanntes Schweigen zwischen ihnen, während Bucky den Tisch deckte, ihnen Wein einschenkte, der wenigstens bei ihm keine Wirkung zeigen würde, und Yelena das fertige Essen auf den Tellern verteilte. Auch die ersten Bissen ihres kleinen, spontanen Dinners fanden ohne Worte statt.
„Also“, eröffnete seine kleine Schwester schließlich erneut das Gespräch, „was ist mit dir? Du schreibst nicht. Du rufst nicht an.“
Bucky biss sich auf die Unterlippe. „Ich war beschäftigt.“
Das war die erbärmlichste Lüge aller Zeiten. Sie versuchte, ihm ein schlechtes Gewissen zu machen, aber das wollte er nicht zulassen. Er hatte sich ferngehalten, um seine Schwestern nicht bei ihren wichtigen, streng geheimen Weltrettungsmissionen zu stören. Er wollte Abstand von diesem Leben, doch sie waren noch immer mittendrin. Und auch wenn er es ihr niemals sagen würde, wusste er nicht, wie er damit umgehen sollte. Wie er ein normales Leben führen sollte, wenn die wichtigsten Menschen dieses Lebens noch immer regelmäßig in Gefahr schwebten. Er fühlte sich plötzlich klein und hilflos.
„Klar.“ Yelena brachte nur mit einem Wort zum Ausdruck, wie wenig überzeugend er war.
Bucky seufzte.
„Ich bin jetzt Zivilist“, erinnerte er sie.
„Und das heißt was genau? Dass du uns einfach vergisst?“
Diesmal war der Vorwurf in ihrer Stimme nicht gespielt.
„Du weißt, ich werde euch niemals vergessen.“
Keine Gehirnwäsche der Welt würde das bewerkstelligen.
Er senkte den Kopf. „Ich hab euch gesagt, ich brauche Abstand … Einen Neuanfang.“
Sie nickte. „Ich weiß.“
Kurz zog sie einen Schmollmund wie ein kleines Kind.
Bucky schmunzelte. „Hast du dir etwa Sorgen gemacht?“
Yelena schnaubte. „Ich? Sorgen? Der Ruhestand hat dein Gehirn gegrillt!“
„Ich denke, das war der KGB“, erwiderte Bucky kopfschüttelnd, aber amüsiert. „Aber schön, dass es dir auch endlich aufgefallen ist.“
Das brachte sie zum Lachen. Es war ein seltenes Geräusch, das er so sehr liebte.
„Ja, okay. Ich hab mir Sorgen gemacht!“, gab sie schließlich zu. „Du bist einfach verschwunden. Ich dachte, du meldest dich wenigstens zwischendurch mal, damit ich weiß, dass du noch lebst.“
„Ich bin nicht derjenige, der sich in Lebensgefahr begibt. Eigentlich müsste es umgekehrt sein.“
Was sollte ihm schon groß passieren? Außer gewaltige Langeweile und daran würde er schon nicht sterben.
„Also hast du dir Sorgen um uns gemacht? Dann ist es ja gut, dass ich entschieden habe, dich zu besuchen.“ Yelena lachte. „Yay! Wir leben noch!“
Er verdrehte die Augen, musste aber mitlachen. „Ich brauche mir keine Sorgen zu machen. Ich weiß, dass euch nichts kleinkriegt.“
Ihr Lächeln wurde sanft und warmherzig. „Es ist nicht dasselbe ohne dich.“
Er würde lügen, wenn er nicht wenigstens in seinen Gedanken zugab, dass er darüber nachgedacht hatte. Was machten ein paar Jahre mehr? Er kannte doch gar nichts anderes als den Krieg. Den Großteil seines Lebens hatte er mit Kämpfen verbracht. Es wäre so einfach gewesen, weiterzumachen.
„Das ist, was ich wollte.“
Sie nickte anerkennend. „Ich weiß. Wenn es jemand verdient, dann du.“
„Du auch.“
Sie wurden unterbrochen von einem empörten „Miau“ aus der Ecke. Yelenas Augen wurden groß. Es verwunderte Bucky, dass sie nicht sofort auf das Tier losging. Vielleicht hatte sie inzwischen gelernt, dass nicht alles eine Gefahr war – anders als er.
„Du hast eine Katze?“
Sie war sofort auf den Füßen, durchquerte den Raum und schnappte sich das weiße Fellknäul, um es genau zu untersuchen.
„Das ist Alpine“, stellte Bucky sie vor.
Er stand auf und holte den Futternapf aus der Küche. Normalerweise aß er mit Alpine zusammen zu Abend, dann hatte er wenigstens ein bisschen Gesellschaft.
Yelena schüttelte ungläubig den Kopf. „Ich fasse es nicht, dass du eine Katze hast! Jetzt bist du wirklich alt.“
Bucky lachte. „Weil ich eine Katze hab?“
„Ein einsamer, alter Mann.“ Yelena setzte die Katze ab, damit sie sich über das Futter hermachen konnte.
Er verdrehte die Augen.
„Wo hast du sie gefunden?“
„Ich glaube, sie hat mich gefunden“, antwortete er achselzuckend.
Yelena setzte sich wieder an den Tisch und sah ihn erneut so abwartend und neugierig an. „Ich glaube, du hast mir sehr viel zu erzählen, mein Freund.“