Ask me again
Ask me again
Kapitel 5 – Ask me again
„Steve!“ Bucky traute seinen Augen nicht, als er von seinen Füßen die Treppe hinaufschaute und den blonden Mann ein paar Meter vor sich sah.
Ein unsicheres Lächeln erschien auf dem markanten Gesicht. Es erreichte nicht seine Augen.
Buckys Herz rutschte in seinen Magen und drohte, sein Frühstück nochmal zurückkehren zu lassen.
„Hey, Buck“, grüßte Steve ihn. Wenigstens dieser sanfte, besondere Ton, wenn Steve den Spitznamen benutzte, war nicht verschwunden.
Nicht, dass er einen Spitznamen bräuchte. Bucky war ja genau genommen schon einer. Aber das war egal, denn es ging um Steve.
Es waren inzwischen zwei Wochen seit Yelenas Besuch vergangen. Bucky hatte langsam, aber sicher daran geglaubt, dass er den Mann nie wieder sehen würde. Vielleicht war er ausgezogen, ohne dass Bucky es bemerkt hatte. Er hatte sich in den letzten Tagen alles Mögliche ausgedacht.
„Lange nicht gesehen.“ Steve schien die Stille zwischen ihnen genauso unangenehm zu sein.
Er war auf Buckys Höhe stehen geblieben, schaffte es aber nicht, ihn länger als ein paar Sekunden anzusehen. Also hatte er es doch verbockt mit seiner übereilten Flucht beim letzten Mal. Er hatte sich zu viele Gedanken gemacht, die Sache falsch interpretiert und eine kleine, harmlose Einladung auf die Stufe eines Überraschungs-Heiratsantrags gesetzt. Dabei hatte Steve nur nett sein wollen; vermutlich, weil er Mitleid mit Bucky hatte. Wie kam er auch auf die absurde Idee, dass Steve ihn gernhaben könnte? Bei jemandem wie Steve hätte vielleicht der charmante James Barnes aus den Vierzigern eine Chance gehabt, aber doch nicht er.
„Ja …“, erwiderte Bucky gedehnt, den Kopf ebenfalls auf seine Füße gesenkt.
Er zog die Schultern hoch bis an die Ohren und seufzte.
„Ich hatte schon Angst, dass du sauer auf mich bist“, traute er sich zu sagen, auch wenn es dämlich klang.
„Was?“, fragte Steve verwirrt. Und plötzlich war da wieder sein unverkennbares Lächeln, als Bucky kurz den Blick hob, nur um sofort wieder auf seine Füße zu starren und das Ziehen in seinem Magen zu ignorieren.
Das war nur der Flaschenzug, der versuchte, sein wild pochendes Herz wieder an die richtige Stelle zu heben.
„Dachtest du wirklich, ich geh dir aus dem Weg?“
Bucky zuckte die Achseln und vergrub die Hände in den Jackentaschen, weil er nicht wusste, was er sonst damit anstellen sollte.
„Naja, ich hab mich ziemlich daneben benommen.“
„Was meinst du?“ Steve trat zwei Stufen nach unten, ein Versuch, von dort mit Bucky Blickkontakt aufzunehmen.
Er seufzte und löste sich schließlich von dem langweiligen Anblick seiner ausgelatschten Schuhe, um sofort von den aufmerksamen, blauen Augen in einen Bann gezogen zu werden.
Nervös biss er sich auf die Unterlippe. Zwang Steve ihn wirklich, noch detaillierter anzusprechen, für was er sich so dermaßen schämte?
„Buck, du dachtest nicht wirklich, dass ich sauer auf dich bin, weil du keinen Kaffee mit dir trinken wolltest, oder? Hältst du mich für so einen Arsch, der mit keiner Zurückweisung umgehen kann?“ Steve wirkte ehrlich überrascht.
„Ich hab dich nicht zurückgewiesen!“, entkam ihm ein Protest, von dem er selbst wusste, dass er nicht der Realität entsprach.
Sofort presste er fest die Lippen aufeinander, um nicht noch mehr zu sagen und sich damit noch weiter zum Affen zu machen.
Steve lachte leise. „Nein, hast du nicht.“
„Ich war nur überrascht“, versuchte er, sich zu erklären.
Schweigen würde es auch nicht besser machen. Bucky war ein Idiot. Das wusste Steve inzwischen, also warum länger versuchen, es zu verbergen?
Er hatte keine Ahnung, was er hier tat. Wie man richtig kommunizierte. Oder wie man sich in einer solchen Situation zu verhalten hatte, wenn der Traum eines Mannes einen mit diesem warmen, verständnisvollen Lächeln und liebevollen Strahlen in den Augen betrachtete.
„Tut mir leid, dass du das dachtest.“ Steve setzte sich auf die Treppe.
Bucky tat es ihm nach und blickte ihn von der Seite an.
„Ich war gar nicht hier in den letzten zwei Wochen. Ich war in Malibu. Einer meiner besten Freunde aus dem College hat geheiratet.“
„Oh.“ Jetzt kam Bucky sich noch dämlicher vor.
Natürlich war Steve ihm nicht aus dem Weg gegangen. Natürlich ging es nicht um ihn. Steve hatte ein Leben – ein normales Leben mit einer guten Arbeit, schönen Urlaubsreisen und Freunden, die nicht achtzig Jahre ihres inzwischen beendeten Lebens gedacht hatten, dass er tot war. Wie konnte er so bescheuert sein und die Situation auf sich beziehen? Sie waren doch nur Nachbarn.
„Wenn ich gewusst hätte, dass du dir Sorgen machst, hätte ich dir Bescheid gesagt. Aber … ich hab deine Handynummer nicht.“
Es wäre auch etwas seltsam gewesen, wenn Steve an seine Tür geklopft hätte, nur um ihm mitzuteilen, dass er verreiste. Er hatte keine Verpflichtung, Bucky zu informieren. Wie bereits erwähnt, waren sie keine Freunde. Und selbst wenn sie es wären, musste Bucky nicht wissen, wo Steve zu jeder Tageszeit war.
„Ich hab mir keine Sorgen gemacht“, murmelte er beschämt, erneut eine Lüge; erneut ein Versuch, nicht dazustehen wie ein kompletter Vollidiot. „Ich wusste nur nicht …“
„Schon okay.“ Steve stieß ihn leicht mit der Schulter an.
Bucky widerstand dem Drang, aufzuspringen und wegzulaufen. Es war nur eine leichte Berührung, die gedämpft wurde von zwei Jacken. Kein Grund, schon wieder durchzudrehen. Stattdessen zwang er sich zu einem Lächeln.
„Ehrlich gesagt, dachte ich, dass du glücklich darüber wärst, mich eine Weile nicht zu sehen“, gestand Steve nach paar Minuten der angenehmen Stille. „Ich hab dich letztes Mal ganz schön überrumpelt.“
Bucky biss sich auf die Unterlippe und zuckte die Achseln. Was sollte er dazu sagen? Er war schließlich derjenige, der Steve aus dem Weg gegangen war. Dabei war es, wie sich jetzt herausstellte, gar nicht notwendig gewesen, tagelang ängstlich in seiner Wohnung rumzuhocken, weil Steve auf der anderen Seite des Landes gewesen war. Aber nachdem diese anfängliche Panik verflogen und Steve immer noch verschwunden war, hatte Bucky ihn vermisst. Er hatte ihn sehr vermisst.
„Jetzt … bin ich nicht mehr überrumpelt“, er sprach so leise, dass er sich nicht sicher war, ob Steve überhaupt fähig war, ihn zu hören.
Aber das breite, hoffnungsvolle Grinsen war ein Indiz dafür. Jedenfalls bevor es wieder einbrach.
„Ich muss zur Arbeit.“
Bucky hätte sich selbst gerne ins Gesicht geschlagen. Schon wieder vergessen: Steve hatte ein Leben außerhalb dieses Hauses.
„Aber morgen.“ Steve drehte sich jetzt mit dem ganzen Oberkörper zu Bucky, als wolle er keine Reaktion verpassen und gleichzeitig zeigen, wie bereit er dafür war, Buckys gut verpacktes Angebot anzunehmen. „Sagen wir neun Uhr im Café unten an der Ecke? Ich lad dich ein.“
Die Hoffnung war wie eine warme Decke, die sich um seine Schultern legte und sich gefährlich sicher und kuschlig anfühlte.
„Okay.“
Steve biss sich auf die Unterlippe, doch es verbarg das Grinsen nicht. Seine Mundwinkel wollten einfach nicht gehorchen, wie es schien. „Super. Ich freu mich drauf.“
Bucky senkte verlegen den Kopf. Seine Wangen fühlten sich verdächtig warm an.
Würde sich jemand so verhalten, wenn es nur ein harmloses Kaffee-trinken unter vielleicht-irgendwann-Freunden war? Waren die Menschen heutzutage einfach so? Oder war Steve vielleicht einfach so?
„Dann lass ich dich mal in Ruhe, sonst kommst du meinetwegen noch zu spät.“
Steve stand auf, ging ein paar Stufen hinunter und drehte sich mit diesem atemberaubenden Lächeln nochmal zu Bucky um. „Das wäre es wert.“