Don’t do anything stupid
Don’t do anything stupid
Kapitel 6 – Don’t do anything stupid
Dass Bucky nervös war, wäre untertrieben. Seine Hand war schwitzig und zitterte, als er die Straße zum Café hinunterging. Es war vermutlich besser – unpersönlicher – als in Steves Wohnung. Das sollte ihn beruhigen. Sollte helfen, sich zu entspannen. Aber die Räder in seinem Kopf treten sich immer weiter und immer schneller. Die Art, wie Steve mit ihm sprach, und der Inhalt seiner Worte sagten so viel mehr als nur Freunde. Er war zwar alt und sehr lange nicht unter Menschen gewesen, aber sein altes Ich erinnerte sich noch daran, was flirten war. Er hatte es andauernd getan – immer als ein respektvoller Gentleman und natürlich an Frauen gerichtet, aber dennoch. Er war weder blind noch taub. Nur verwirrt. Sehr verwirrt.
Früher, als es noch völlig unzumutbar gewesen war, das gleiche Geschlecht auch nur so anzulächeln, wie Steve ihn anlächelte, war alles so viel einfacher gewesen. Da hatte es gar nicht zur Wahl gestanden, ob ein anderer Mann Gefühle für ihn haben könnte oder nicht. Jetzt überlegte Bucky ständig hin und her. Woher sollte er wissen, ob Steve nicht einfach zu allen seinen Freunden so war? Woher sollte er wissen, ob er an Männern interessiert war oder ob es nur seine Art war, charmant und freundlich zu sein?
Wenn Steve eine Frau wäre, würde Bucky nicht daran zweifeln, dass es zwischen ihnen knisterte. Aber Steve war nun mal keine Frau.
Ihm fiel ein Stein vom Herzen, als er den Mann vor der Tür zum Café stehen sah.
Es war zehn Minuten vor neun. Bucky war zu früh, obwohl er genau wusste, dass es von der Haustür nur ein paar Schritte bis zu ihrem Treffpunkt waren. Bucky war trotzdem zehn Minuten zu früh. Aber Steve war schon da.
„Hey, Buck.“ Steve schenkte ihm ein Lächeln und zeigte zur Tür. „Wollen wir?“
Bucky nickte. Sein Hals war zugeschnürt vor Nervosität, doch er konnte sofort spüren, wie sein Körper etwas entspannte in Steves Nähe. Er hatte diese besondere Ausstrahlung, dass man gar nicht anders konnte, als sich gut und sicher zu fühlen. Als wären Steves Augen ein Scheinwerfer, die Bucky jedes Mal in warmes Licht hüllten, wenn sie ihn ansahen.
„Hast du lange gewartet?“, fragte er, als er seine Stimme endlich wiederfand.
„Nur ein paar Minuten, aber ich war ja auch viel zu früh.“ Steve zuckte die Achseln. „Wollen wir uns ans Fenster setzen?“
Bucky nickte. Ob er Steve den Stuhl zurückziehen sollte? Nein, das machte man sicher nicht mehr. Außerdem war er keine zierliche Dame. Er konnte für sich selbst einstehen. Oder wünschte er es sich trotzdem, weil er eben nicht immer für sich selbst kämpfen wollte?
Bucky erinnerte sich, dass er sich manchmal gewünscht hatte, es würde sich auch mal jemand um ihn kümmern, anstatt immer nur geben zu müssen; immer derjenige zu sein, der an alles dachte und die Damen unterhielt und dafür sorgte, dass alle glücklich waren. Manchmal alle außer ihm selbst.
„Buck?“
Bucky hob den Kopf. Wie lange stand er schon neben dem Tisch, während Steve sich längst gesetzt hatte. Mit roten Wangen setzte er sich schnell hin und drehte den Kopf sofort aus dem Fenster, um die vorbeifahrenden Autos zu zählen und damit sein pochendes Herz zu beruhigen, das ihm schon wieder das Atmen schwer machte.
Warum musste er so komisch sein? Warum konnte er nicht einfach normal sein? Das war früher doch so einfach gewesen …
„Hey, schon okay, wenn du nervös bist.“
Das ließ sein Gesicht Feuer fangen. Bucky überprüfte seine Reflektion in der Fensterscheibe, dass es bei der Metapher blieb.
„Ich bin nicht nervös“, log er, was die Sache nur noch schlimmer machte. „Ich hatte nur schon sehr lange kein Date mehr.“
Oh nein, das hatte er gerade nicht wirklich gesagt, oder?
„Ich meine, nicht, dass das hier ein Date ist. Also … jedenfalls nicht, wenn …“
Konnte sich bitte ein Loch im Boden auftun und ihn verschlucken? Oder vielleicht hatte Shield doch noch eine Zelle in einem weit entfernten Hochsicherheitsgefängnis für ihn frei. Irgendwo, wo Steve ihn nicht besuchen könnte. Nicht, dass Steve ihn im Gefängnis besuchen würde.
„Mein letztes Date ist auch schon ziemlich lange her“, unterbrach Steve sein peinliches Gestotter.
Bucky blickte ihn unsicher an.
Steve grinste. „Und ich bin total nervös.“
„Wirklich?“, fragte er überrascht. „Warum?“
Sein Gegenüber schnaubte leise. „Weil du sehr widersprüchliche Signale sendest.“
„Hab ich gar nicht gemerkt.“
„Das dachte ich mir schon.“ Steve lehnte die Ellenbogen auf den Tisch und stützte den Kopf auf die Hände. „Wie wäre es also, wenn wir erstmal einfach nur Kaffee trinken, ohne dem Ganzen unbedingt einen Namen aufdrücken zu müssen?“
Bucky nickte erleichtert. „Klingt gut.“
„Und, Buck …“, jetzt wirkte Steve plötzlich unsicher, „ich weiß, wir kennen uns noch nicht so gut, aber wenn du Fragen hast oder Zweifel, dann musst du nicht versuchen, die Antworten allein in diesem hübschen Kopf zu finden. Du kannst mit mir reden.“
Wieder wurde er rot. Hatte Steve ihn gerade wirklich hübsch genannt?
„Ich werd‘s versuchen“, murmelte er.
Ein großer Teil von ihm war dankbar, dass im nächsten Moment die Kellnerin kam, um ihre Bestellungen aufzunehmen. Sonst hätte er wohl für nichts garantieren können. Die Worte wollten raus, als hätte nur dieses Angebot des offenen Ohrs gereicht, um die Flut an Gedanken ausbrechen zu lassen.
Der kleinere Teil seines Verstandes war enttäuscht. Vielleicht wäre es gut. Es war so viel einfacher, sich nicht allein den Kopf zu zerbrechen, wenn der Mensch, der ihm die Antworten auf seine Fragen geben konnte, direkt vor ihm saß.
Aber nachdem sie beide eine Tasse Kaffee und einen Teller Waffeln bestellt hatten – die gingen zu jeder Tageszeit und Bucky hatte wegen seiner Nervosität das Frühstück ausgelassen – war sein Kopf wieder klarer und das Gewicht auf seiner Zunge verschwunden.
„Wie war Malibu?“, fragte er also statt den tausend anderen Dingen, die eigentlich viel wichtiger wären.
Steve lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Es war großartig. Mein Freund Tony, er ist ein verrückter Kerl. Er ist stinkreich, also war die Hochzeit ein gigantisches Event. Ich hatte ihn seit zwei Jahren nicht mehr gesehen, deswegen bin ich etwas früher eingereist. Und natürlich hat er mich in seiner Villa untergebracht für die Zeit. Es war … eine Erfahrung.“ Er lachte. „Aber es hat wirklich viel Spaß gemacht und seine Frau Pepper ist klug, wunderschön und wirklich sehr nett. Unbedingt in der Reihenfolge.“
„Du kanntest sie vorher nicht?“
„Nein, Tony und ich haben uns nicht häufig gesehen seit dem College. Er arbeitet extrem viel und die Entfernung hat es nicht gerade einfach gemacht. Er hat Pepper vor drei Jahren kennengelernt. Aber wir haben es nicht geschafft, uns vorher zu treffen.“
„Was hast du studiert?“
„Sehr neugierig, Mr. Barnes.“ Steve grinste. „Darf ich auch mal eine Frage stellen?“
„Entschuldige.“
„Nein, ist schon gut. Ich würde nur gern auch etwas über dich erfahren.“
„Ich bin langweilig.“
„Da widerspreche ich.“
Die Kellnerin brachte ihre Bestellung und Bucky nutzte sofort die Chance, seine Finger mit der warmen Porzellantasse zu beschäftigen, während Steve einen Bissen von seinen Waffeln nahm und glücklich seufzte.
„Wow, die sind lecker.“
Bucky nahm sich einen Moment, ihn nur zu betrachten. Er war immer noch der Steve, den er immer im Hausflur traf, aber irgendwie entspannter, offener und vertrauter. Als wären sie nicht eigentlich Fremde, die nur ein paar Mal oberflächlich geredet hatten, sondern jahrelange beste Freunde – unzertrennlich seit der Kindheit.
„Okay, du gewinnst“, führte Steve schließlich ihr Gespräch fort. „Ich hab Kunst studiert. Aber nach zwei Jahren wurde mir klar, dass ich das zwar wirklich gerne mache, es mir aber als Job nicht vorstellen kann. Ich hab es trotzdem durchgezogen, weil ich es nicht leiden kann, Sachen nicht zu Ende zu bringen.“
„Das passt irgendwie zu dir.“
„Findest du?“
Bucky nickte.
„Jetzt bist du dran.“
„Ich weiß nicht, was ich erzählen soll“, gestand er. „Ich war nicht auf dem College.“
„Erzähl mir irgendwas. Hast du Familie?“
„Ich habe zwei Schwestern.“