Quietly dangerous
Quietly dangerous
Kapitel 7 – Quietly dangerous
Es war einfach, mit Steve zu reden. Es war still, wie die ungestörte Wasseroberfläche eines Bergsees. Und genauso gefährlich wie das tiefe Wasser, das man vom Ufer aus nicht einsehen konnte.
Bucky erzählte von Yelena und Natasha, natürlich ohne den Hintergrund ihrer Beziehung und ihres schwierigen Lebens preiszugeben, und Steve erzählte von seiner Mutter Sarah, die ihn allein großgezogen hatte, nachdem sein Vater sie vor Steves Geburt verlassen hatte.
Sie saßen bis zum Mittag in den gemütlichen Café und redeten. Hauptsächlich war es Steve, der redete, aber zwischendurch entlockte er auch Bucky die ein oder andere Geschichte.
Es war so angenehm, dass Bucky sich nach einer Weile nicht einmal mehr zur Tür umdrehte, wenn er hörte, wie diese geöffnet wurde. Er vergaß seine Umgebung und ließ für eine kurze Weile seine Mauern fallen. Dass hatte er, seit er frei war, in diesem Ausmaß noch nie getan.
„Ich würde das gern wiederholen“, kündigte Steve vorsichtig an, als neben Bucky die Straße zu ihrem Haus hinunterlief.
So wie er die Hände in den Hosentaschen vergrub und die Schultern etwas hochzog, sah er aus wie ein Schuljunge, der etwas ausgefressen hatte und nicht wusste, ob er gleich Ärger bekommen würde. Bucky hatte als Kind häufig so ausgesehen. Auch wenn es immer noch schwierig war, sich an Dinge vor dem Krieg zu erinnern.
Bucky musterte ihn von der Seite. „Ehrlich?“
Steve lachte leise auf. „Ist das für dich wirklich so eine Überraschung?“
Dann veränderte sich jedoch der Ausdruck in seinen Augen und Unsicherheit ließ die Lachfalten an seinen Augen verschwinden. Bucky mochte diesen Anblick nicht.
„Oder hattest du keine schöne Zeit?“
Verwirrt starrte Bucky ihn an. „Was?“
„Naja, ich meine …“
„Nein!“, antwortete er schnell. „Also, doch. Ich fand es sehr schön.“
Die Erleichterung in Steves Augen war beinahe lachhaft. Wie konnte er nur eine Sekunde glauben, Bucky hätte die Zeit nicht genossen? Das war der beste Vormittag seit einer sehr langen Zeit.
Er überraschte sich selbst, dass ihm für einen Moment entfallen war, dass Steve das nicht wissen konnte. Er kannte Buckys Geschichte nicht. Und diese Erkenntnis warf einen dunklen Schatten über diese wunderbaren Stunden. Irgendwann würde Steve es herausfinden.
„Oh Mann, du machst mich fertig“, holte der ihn aus seiner Gedankenspirale, bevor Bucky zu tief sinken konnte. „Ich bekomm deinetwegen noch einen Herzinfarkt.“
„Was?“
Steve schnaubte. „Warum bist du so überrascht, dass ich mich nochmal mit dir treffen will, wenn du auch Spaß hattest?“
Bucky senkte den Kopf und zuckte die Achseln.
„Keine Ahnung“, seufzte er. „Ich bin nicht gut in sowas.“
„In was?“ Steve blieb stehen, um ihn direkt anzusehen, anstatt nur von der Seite zu versuchen, mit ihm Blickkontakt aufzunehmen.
Wieder zuckte er die Achseln, während er von unten herauf Steve ansah. „Normal zu sein?“
Er machte eine kurze Pause, bevor er anfügte. „Freunde zu sein?“
Beides klang so sehr nach einer Frage, dass Bucky über sich selbst die Augen verdrehen könnte.
Steve lächelte. „Das ist okay. Mir fällt das manchmal auch schwer.“
„Wirklich?“
Er nickte. „Ja, wirklich. Warum sollte ich dich anlügen?“
Und da war der Stein in seinem Magen wieder. Bucky senkte den Kopf.
„Menschen lügen.“
Steve stieß ihn mit der Schulter an, bevor er die letzten Schritte vor Bucky lief, um ihm die Haustür zu öffnen.
„Ich bin ein schlechter Lügner. Das war schon immer mein Problem.“
Sie trafen sich ein paar Mal in den nächsten Wochen. Bucky begegnete Steve immer noch regelmäßig im Hausflur. Sie unterhielten sich ein paar Minuten und dann ging jeder seiner Wege. Wenn es zuvor schon Buckys Tageshighlight gewesen war, seinem Nachbarn zu begegnen, wusste er nicht, was es jetzt war. Er spürte ein seltsames Kribbeln in seiner rechten Hand, jedes Mal, wenn er sich von Steve entfernte. Wie ein Taubheitsgefühl. Von den Gefühlen in seiner Magengegend wollte er gar nicht anfangen.
Bucky hatte sich noch nie so gefühlt. Es war ein Wunder, dass er sich nicht komplett zum Affen machte. Aber mit Steve war es so verdammt leicht.
Er entlockte Bucky Informationen über sich, ohne zu drängen. Manchmal ohne, dass Bucky es in dem Moment merkte.
Es war gefährlich. Aber zum ersten Mal, seit er sein Bewusstsein zurückerlangt hatte, fühlte er sich gut. Und er ließ nicht zu, dass die Angst ihm dieses gute Gefühl wieder wegnahm. Jetzt noch nicht.
„Du hast dich verändert“, bemerkte Sam eines Abends, nachdem sie gemeinsam ein paar Runden in Park nahe des Gemeindezentrums gedreht hatten.
Es war nicht wirklich Training für Bucky, wenn er sich an Sams Tempo anpassen musste, doch er genoss die Gesellschaft und die frische Luft. Seine Wohnung fühlte sich noch immer leer und beengend an und gerade in den letzten Tage war immer wieder dieser beängstigende Gedanke. Dass es so einfach wäre, die Wohnungstür zu öffnen, die paar Schritte durch den Flur zu gehen und bei Steve zu klingeln. Sam über den Asphalt zu jagen und damit aufzuziehen, dass er nicht mit seiner Supersoldaten-Geschwindigkeit mithalten konnte, war die besser Option; die sichere.
„Wovon sprichst du?“
„Davon.“ Sam zeigte auf ihn, nachdem er seine Wasserflasche geöffnet und einen Schluck getrunken hatte. „Du lächelst. Das ist neu.“
Bucky verdrehte die Augen.
„Im Ernst, ich hab dich noch nie lächeln sehen. Und jetzt machst du es schon zum zweiten Mal an einem Abend.“ Sam grinste breit. „Etwas hat sich verändert.“
„Das muss der Sauerstoffmangel sein. Du halluzinierst.“
„Und du machst Witze.“ Sam verschränkte die Arme vor der Brust. „Das hat nicht zufällig mit diesem Nachbarn von dir zu tun, der so nett ist?“
Bucky wandte den Blick ab. Seine Wangen fühlten sich plötzlich heiß an, weshalb er dankbar dafür war, dass die Dunkelheit bereits über die Stadt gezogen war.
Ein Teil von ihm hatte gehofft, Sam hätte es vergessen. Aber er hätte wissen müssen, dass er sich so etwas merkte. Er kannte den Veteranen inzwischen genug, um mit weiteren Fragen rechnen zu müssen.
War es ihm tatsächlich anzusehen oder nahm Sam ihn auf den Arm?
Seiner Therapeutin war keine Veränderung aufgefallen, aber das wunderte ihn nicht. Sie müsste sich wirklich für ihn interessieren, um das zu merken. Außerdem war es immer noch ein leichtes, ihr etwas vorzuspielen. Seine Mauer zog sich hoch, noch bevor er das Gebäude betreten hatte, in dem sie ihre Praxis hatte.
Sam war anders. Er achtete auf so etwas. Deswegen war er auch gut in dem, was er tat. Deswegen konnte er Menschen wirklich helfen.
Manchmal hätte Bucky auch gern so eine Berufung. Eine Chance, die Sünden, die er als Winter Soldier begangen hatte, wieder gut zu machen.
„Es ist spät. Lass uns gehen.“
Sam lachte. „Oh, nein, so leicht kommst du mir nicht davon, mein Freund.“
Bucky blickte ihn über die Schulter an. Yelena nannte ihn manchmal so, auch wenn es zwischen ihnen etwas anderes war. Sie war nicht seine richtige Schwester, aber sie fühlte sich an wie Familie. Jedenfalls kamen sie und Natasha dem am nächsten.
„Sind wir das?“ Bucky biss sich auf die Unterlippe. „Freunde?“
Sam hob überrascht eine Augenbraue. „Also wenn du nachfragen musst …“
Bucky schüttelte den Kopf. „Ich bin hundert Jahre alt. Alle meine Freunde sind lange tot.“
„Nicht alle.“ Sam klopfte ihm auf die Schulter, als würde er überhaupt nicht daran denken, dass Bucky ihm mit zwei Fingern seiner metallenen Hand den Arm brechen könnte.
Er lächelte traurig. „Ich schätze, ich weiß nicht mehr, was Freundschaft ist.“
„Wer weiß das schon.“ Sam vergrub die Hände in den Taschen seiner Trainingsjacke und zuckte die Achseln, während er entspannt neben Bucky herging. „Aber wenn du morgen vor meiner Tür stehen und mich bitten würdest, dich vor der Regierung zu verstecken, würde ich es wohl machen. Ich schätze, das kann man als Freundschaft bezeichnen. Ich würde es mir sehr genau überlegen, aber am Ende würde ich es machen.“
Bucky lachte.
„Okay, wow, dieser Nachbar muss wirklich toll sein.“
Er verdrehte die Augen.
„Verrätst du mir irgendwann seinen Namen oder muss ich ihn weiter den Nachbar nennen?“
Bucky zögerte.
„Steve.“
Sofort tauchte der Anblick des Mannes vor seinem inneren Auge auf und ihm wurde warm bei dem sanften Lächeln, das ihm aus seiner Erinnerung entgegen strahlte.
„Sein Name ist Steve“, wiederholte er und seufzte.
Es war schön, in dieser Seifenblase zu leben. Wenn er Zeit mit Steve verbrachte, war es viel zu leicht, zu vergessen, dass die Realität um sie herum existierte. Die Realität, in der er ein Killer war. Die Realität, in der ein unschuldiger Mann wie Steve jemanden wie Bucky niemals so ansehen würde, wenn er die Wahrheit kennen würde.
„Steve“, wiederholte auch Sam. „Das klingt verdammt weiß.“
Bucky schnaubte. „Er ist verdammt weiß.“
„Und er macht dich glücklich.“
Bucky schüttelte den Kopf. Mit Sam über Steve zu reden, fühlte sich so viel realer an; so viel kälter. Es erinnerte ihn daran, dass er auf dem besten Weg war, sein Herz gebrochen zu bekommen. Das war eine dermaßen dumme Idee. Da er sich auf seinen Kopf schon lange nicht mehr verlassen konnte, war dieses naive Ding das Einzige, das übrig war.
„Er ist … ein guter Freund.“
„Oh, nein. Wir zwei sind Freunde. Das haben wir gerade festgelegt. Und ich bin mir sehr sicher, dass du nicht so verträumt lächelst, wenn du an mich denkst.“
Bucky runzelte die Stirn. „Verträumt? Im Ernst?“
„Im Ernst.“ Sam nickte, die Augen übertrieben aufgerissen.
Wieder schüttelte er den Kopf. „Du hast keine Ahnung, wie seltsam es für mich ist, überhaupt mit dir darüber zu reden.“
„Du hast Recht.“ Sam blieb stehen. „Das hab ich nicht. Aber du weißt, dass das inzwischen okay ist, oder?“
„Ja, schon.“ Bucky wandte sich ab, in dem Wunsch, einfach weiterzugehen und damit vielleicht auch diesem Gespräch zu entkommen.
Sam griff nach seinem Arm. Nicht fest genug, als dass es eine Reaktion hervorrufen würde, aber es reichte, dass Bucky sich anspannte und das Metall unter der Jacke laut surrte.
„Du solltest das nicht tun“, flüsterte er, nicht drohend, eher resigniert.
Sam ließ ihn sofort los und hob die Hand in einer friedvollen Geste.
Bucky schloss die Augen. „Ich … reagiere manchmal nicht gut darauf, angefasst zu werden.“
„Okay.“
„Ich will nicht, dass du Angst vor mir hast“, fügte er an, auch wenn Sam nicht danach aussah.
„Bucky“, erwiderte der eindringlich, „ist okay.“
Er nickte, wenn auch mehr zu sich selbst.
„Also, Steve“, brachte Sam das Thema zurück.
Bucky hatte gehofft, es hätte sich erledigt.
„Ihr trefft euch?“
Er nickte nur.
„Und denkst du, dass er dich auch gernhat?“
Bucky zuckte die Achseln. „Ich versuche, nicht darüber nachzudenken.“
„Warum?“
„Weil ich absolut keine Ahnung hab, was ich damit anfangen soll.“