Dear Anxiety
Dear Anxiety
Kapitel 8 – Dear Anxiety
Er hatte gewusst, dass sie hier wieder aufeinandertreffen würden. Der Soldier hatte sich Zutritt verschafft und er hatte gewartet. Ruhig und ohne eine Reaktion starrte er auf den Mann in der blauen Uniform, der ihm auf dem schmalen, metallenen Gang gegenübersteht.
Er hält inne. Nicht aus Überraschung. Er hat genauso damit gerechnet. Sondern aus Hoffnung. Hoffnung, dass Bucky ihn erkennt.
Und Bucky schreit. Er tritt, schlägt um sich, rüttelt an den Gitterstäben seines mentalen Gefängnisses, die sich nicht mal ein bisschen bewegen. Der Soldier ist stärker als er. Das war er schon immer.
„Menschen werden sterben, Bucky“, zerschnitt Steves Stimme die angespannte Stille. „Ich kann das nicht zulassen.“
Hier unten war von dem Tumult, der an Deck des Helicarrier tobte, nichts zu spüren.
Steves Augen flehten ihn an. „Bitte, zwing mich nicht dazu.“
Der Soldier hörte sein Bitten, doch es traf auf taube Ohren. Ohren, die nur Befehlen gehorchten. Und er hatte seinen Befehl – klar und deutlich.
Es waren dieselben Worte, die Bucky aus seinem Gefängnis schrie.
„Bitte, zwing mich nicht. Bitte, verletz ihn nicht!“
Doch nicht mal ihn hörte der Soldier. Er hatte Bucky noch nie zugehört.
Der Ausdruck in den blauen Augen veränderte sich. Und dann setzte Steve sich in Bewegung. Der Schild schoss durch die Luft, doch der Soldier hatte keine Schwierigkeit, ihn mit seinem Metallarm abzuwehren.
Er zog seine Waffen und feuerte. Mehrere Schüsse wurden abgewehrt, doch ein Kugel streifte Steve an der Seite. Trotzdem schaffte er es, den Soldier mit einem kräftigen Stoß von sich zu werfen. Sein Rücken kollidierte schmerzhaft mit der Metallsäule in seinem Rücken und die Pistolen fielen zu Boden, durch die Löcher im Metallgitter und hinunter in die Glaskuppel.
Doch der Assassine zögerte nicht, zückte stattdessen ein Messer und setzte erneut zum Angriff an. Ihre Bewegungen waren schnell, ihre Kräfte ausgeglichen. Wütend warf der Soldier sich auf seinen Gegner und gemeinsam stürzten sie über das metallene Geländer. Das Glas erbebte unter ihrem Aufprall, doch es hielt stand.
Steve hatte sich kaum aufgerappelt, als der Soldier bereits wieder auf ihn losging. Doch diesmal schlug er nicht zurück. Er wich aus, blockte, doch er startete keine Gegenangriffe mehr.
„Hör auf!“, rief er stattdessen, nachdem er es geschafft hatte, dem metallenen Arm nicht nur auszuweichen, sondern ihn festzuhalten. „Du kennst mich.“
„Ja, Steve“, schrie Bucky und rüttelte erneut an dem Käfig, der zum ersten Mal leicht nachgab.
Das schien den Soldier nur noch wütender zu machen.
„Tue ich nicht!“, schrie er und holte zu einem heftigen Schlag aus, der Steve direkt ins Gesicht traf.
Der taumelte zurück, richtete sich aber wieder auf.
„Dein Name ist James Buchanan Barnes“, versuchte Steve es weiter.
„Halt den Mund!“
Noch ein Schlag.
„Steve, hör auf. Wehr dich. Verdammt, wehr dich!“, rief Bucky aus seinem Innersten, doch noch immer hatte der Soldier die Kontrolle.
„Du bist mein Freund.“
„Du bist mein Auftrag!“ Erneut warf der Soldier sich auf ihn und brachte ihn zu Boden, wo er wieder und wieder auf seinen Gegner einschlug.
„Dann bring es zu Ende“, flüsterte Steve, das Gesicht bereits an mehreren Stellen aufgeplatzt und blutend. „Ich steh das mit dir durch.“
Der Soldier holte zum finalen Schlag aus. Er würde ihn töten. Der Soldier würde Steve töten. Und Steve würde einfach es zulassen. Und Bucky konnte nur zusehen.
Bucky schreckte hoch. Seine Brust fühlte sich an, als würde ein Gewicht darauf liegen. Sein Hals war zugeschnürt und egal wie sehr er es versuchte, es kam nicht genug Luft in seine Lungen, um den Schwindel zu vertreiben, der die Ränder seines Blickfelds schwarz färbte. Es dauerte einen Moment, doch selbst zu realisieren, wo er war, half nicht gegen die Panik, die sich bereits in seinem ganzen Körper ausgebreitet hatte. Sein Herz fühlte sich an, als würde es gleich aus seiner Brust springen. Seine Kehle schmerzte und seine Augen füllten sich mit Tränen, die heiß über seine eiskalten Wangen liefen und drohten, ihn zu verbrennen.
Er stützte sich mit einer Hand auf dem Boden ab, während die andere auf seinem nackten Bauch lag. Doch er schaffte es nicht, sich auf die Bewegung zu konzentrieren. Er schaffte es nicht, genug Luft einzuziehen, um tief in den Bauch zu atmen.
Durch die Vorhänge kam nur spärliches Licht von draußen herein. Es war noch dunkel und nur die Straßenlaternen leuchteten zwei Stockwerke unter ihm. Wenn er sich konzentrieren könnte, würde er auch mit dem wenigen Licht in der Lage sein, Gegenstände zu erkennen. Doch die Panik ließ seine Sicht beinahe völlig verschwimmen, den Rest erledigten die Tränen.
Ein Geräusch ließ ihn zusammenzucken. Er spürte etwas Weiches an seinen Beinen, wo die dünne Decke, die er eigentlich nicht brauchte, heruntergerutscht war. Wieder das Geräusch.
Er spürte weiches Fell und eine feuchte Nase, bevor sein zerrütteter Verstand es schaffte, die Töne zuzuordnen.
„Alpine“, keuchte er in die Stille, die nur von seinem hektischen, flachen Atem und dem sanften Miauen seiner Katze durchschnitten wurde.
Mit einer zittrigen Hand hob er das Tier auf seinen Schoß und streichelte ihr über den Kopf. Alpine drückte sich in die Berührung und schnurrte.
Seine Gedanken klärten sich ein wenig.
Einatmen. Bis vier zählen.
Kurz anhalten.
Ausatmen. Bis acht zählen.
Wiederholen.
Es dauerte, doch schließlich hob und senkte sich seine Brust regelmäßiger mit tiefen Atemzügen. Die Übelkeit und der Schwindel verschwanden. Seine Sicht wurde wieder klarer und die Tränen begannen, auf seinen Wangen zu trocknen.
Er hob die weiße Katze an sein Gesicht und vergrub die Nase in ihrem Fell.
„Danke, Alpine“, flüsterte er.
Auch wenn er nicht daran glauben sollte, dachte er, dass sie ihn verstehen konnte. Dass sie es spüren konnte.
„Du hast mir gerade wahrscheinlich das Leben gerettet“, murmelte er und setzte sie erneut auf seinen Schoß, um sie weiter zu streicheln.
Alpine rollte sich zusammen, als hätte sie nicht vor, diesen Platz vor Ende der Nacht nochmal zu verlassen. Es würde Bucky nicht stören. Nach den Bildern, mit denen sein Verstand ihn diesmal gefoltert hatte, würde er keinen Schlaf mehr finden.
Normalerweise waren Buckys Albträume Erinnerungen; Bruchstücke von Missionen, von Opfern, von den Schmerzen, die er selbst hatte ertragen müssen, damit die Programmierung funktionierte.
Doch nicht dieses Mal.
Dieses Mal war anders.
Und es war glasklar, was sein Unterbewusstsein damit ausdrücken wollte.
Sogar seinem kaputten, lückenhaften Verstand war klar, dass er sich gerade mit Vollgas auf eine Katastrophe zubewegte.
Es war an der Zeit, das zu beenden. Der Traum hatte lange genug angedauert. Die Seifenblase hatte ihn beschützt vor der Realität, der er sich nicht stellen wollte.
Doch das war jetzt vorbei.
Er musste sich von Steve fernhalten, sonst würde er ihn früher oder später verletzten.
Oder Schlimmeres.
=✪=
Hallo ihr Lieben,
heute ein kürzeres Kapitel :)
Der Titel stammt von einem Lied, dass ich sehr mag: https://www.youtube.com/watch?v=llyQW5vp1ok&list=RDllyQW5vp1ok&start_radio=1
Die Musik dieser Singer/Songwriterin ist wirklich gut. Hört doch gerne mal rein.
Ich wünsche euch ganz viel Spaß beim Lesen.
Und lasst mir gern eure Meinung da!
Eure Grace