Schachmattheit [1970]
Schachmattheit [1970]
Lyrics: School Nights by Chappell Roan
* * *
[V] Schachmattheit
I wanna be a kid with you
Talk slow on a school night
And you can disregard my virgin ears and say what you like
You wanna win me over now?
[April 1970]
Mit einer routinierten, möglichst gelassenen Bewegung lässt Andromeda die Tüte Zuckermäuse in ihrer Schultasche verschwinden. Aller gespielten Gelassenheit zum Trotz hat Priscilla Robinson – mit der sie sich nicht nur einen Schlafsaal, sondern in Zauberkunst sogar ein Pult teilen muss – genau mitbekommen, was sich unter ihrem gemeinsamen Tisch zugetragen hat.
„Schon niedlich.“
„Wie bitte?“
„Na, was dein Verehrer da abzieht.“ Priscilla grinst verschwörerisch. Als ob sie Freundinnen wären. Aber sie werden nie Freundinnen sein und Andromeda weiß sehr genau, dass sie nach Hogwarts nie wieder ein Wort mit diesem Mädchen wechseln will. Insgeheim weiß Priscilla das wahrscheinlich auch, doch sie verhält sich trotzdem gern so, als hätten Andromeda und sie so etwas wie eine Vertrauensbasis, die darüber hinausgeht, dass sie einander nicht das Shampoo klauen.
„Ich habe keinen Verehrer.“
„Nee, na klar, du wirst von Peeves mit Süßigkeiten beschenkt.“
„Das sind meine eigenen Sachen. Ich habe sie am Freitag in der Pause ausgepackt und dann hier vergessen.“
„Du lügst.“ Priscilla lächelt, doch ihr Tonfall hat sich kaum merklich verändert. Sie ist gekränkt und sie kann es nicht verstecken und plötzlich ist Andromeda zu erschöpft, um sich noch eine Notlüge auszudenken.
„Na und?“
„Du lügst, weil du genau weißt, was deine Schwester davon halten würde, dass du ein Schlammblut ranlässt.“ Hat sie Priscilla für zu selbstbezogen gehalten, um tatsächlich zu merken, was im Leben anderer Menschen vor sich geht? Hat sie Priscilla für so dumm gehalten wie sie aussieht? Hätte sie es besser wissen können? Ja, ja, dreimal ja. „Nur zu eurer Information: Ihr seid kein bisschen unauffällig.“
„Komm mit.“ Kurzentschlossen fasst Andromeda einen Plan und steht auf. Priscilla blinzelt sie irritiert an. „Ich muss dir dringend etwas erzählen.“ Sie ekelt sich vor sich selbst, weil sie ihre Stimme so verstellen kann, dass Priscilla auf sie hereinfällt wie ein Wichtel, der mit Honig gefangen wird.
„Der Unterricht fängt gleich an.“
„Professor Flitwick ist doch sowieso noch nicht da… und es dauert nicht lange.“
Priscilla zögert kurz, doch dann steht sie auf. Ihre Neugierde ist zu groß, ihr Vertrauen in Andromeda genauso. Mit einem Mal ist Andromeda froh, dass sie vier Jahre lang nicht die Energie dafür aufgebracht hat, Priscilla überdeutlich klarzumachen, wie wenig sie von ihr hält. Bis jetzt hat sie es nicht gewusst, doch nun wird ihr klar, dass es für etwas gut war, dass sie Priscillas Geplapper bis jetzt ertragen hat.
Sie biegt in die nächstgelegene Mädchentoilette ab und bevor Priscilla den Mund aufmachen kann, hat sie ihren Zauberstab gezückt. Sie prüft, ob alle Kabinen unbesetzt sind und hält den Stab danach einfach weiter fest. „Ich will dir ein Geheimnis erzählen… aber du musst mir versprechen, dass du niemandem davon erzählst… in Ordnung?“
„Natürlich nicht.“
„Versprich es mir.“
„Ich verspreche es dir.“ Andromeda schwingt ihren Zauberstab und Priscilla kreischt, doch es ist zu spät. Sie läuft zu dem Spiegel herüber und streckt ihre Zunge heraus, die ganz normal aussieht, aber wahrscheinlich immer noch juckt. „Was hast du getan? Was hast du mit mir gemacht?“
„Nichts… also noch nichts.“ Andromeda kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. „Du hast mir versprochen, dass du niemals mit irgendeiner Menschenseele darüber sprechen wirst, was du über Ted und mich weißt oder auch nur zu wissen glaubst… und dafür will ich dir ganz herzlich danken.“
„ Was hast du getan?“
„Brich dein Versprechen und finde es heraus… oder hängst du etwa sehr an deiner Zunge?“
„An meiner Zunge … da-das darfst du nicht!“ Auf Priscillas Hals entdeckt sie einen roten Fleck… zwei rote Flecken… und sicherlich ist es gemein, sich darüber zu freuen, dass sie ihrer Zimmergenossin schon vor der ersten Stunde derartig zusetzt, aber es ist ein herrlicher Anblick. „Damit werde ich zu Madam Pomfrey gehen!“
„Womit? Mit deinem Ausschlag?“
„Ich habe keinen… oh, du bist so ein Miststück!“ Andromeda, die mit einer schlimmeren Beleidigung gerechnet hat, zuckt mit den Schultern und Priscilla schnaubt. „Und das alles nur wegen eines Schlammbluts aus Hufflepuff, das dir billige Süßigkeiten schenkt? Ich dachte echt, du hättest mehr Stil.“
„Und ich dachte, du… also ehrlich gesagt denke ich gar nicht so oft über dich nach.“
„Miststück.“
Andromeda lächelt und mit diesem Lächeln kehrt sie zurück ins Klassenzimmer. Professor Flitwick, der seinen Bücherturm erklimmt, nickt ihr freundlich zu und tadelt sie nicht für ihre Verspätung. Auch für Priscilla, die wenige Sekunden später ins Klassenzimmer huscht, hat er keine Rüge übrig. Lediglich als Priscilla ihr Pult ausräumt und damit in die erste Reihe neben Lucius Malfoy umzieht, runzelt er die Stirn. Er wirft ihr einen fragenden Blick zu, doch sie lächelt einfach noch ein bisschen weiter und breitet sich mit ihren Sachen auf der frei gewordenen Hälfte des Tisches aus.
* * *
„Wir müssen diskreter sein.“ Ted, der zwischen dem Regal mit der Literatur über Geschichte der Zaubertranklehre und Literatur über Magische Kulturen des Orients hockt und eine Partie Zauberschach vorbereitet, lacht nur. „Ich meine es ganz ernst. Du hast keine Ahnung, was für einen Ärger wir bekommen können, wenn meine Schwestern erfahren, dass wir befreundet sind.“
„Schwarz oder weiß?“
„Was wohl?“
Ted dreht das Schachbrett und macht den ersten Zug. „Wir verstecken uns doch schon hier… wie viel diskreter willst du noch werden?“
„Ich weiß es doch auch nicht. Ich will nur nicht, dass du Schwierigkeiten bekommst.“
„Du meinst, du willst nicht, dass du Schwierigkeiten bekommst? Oder sind deine Eltern etwa auch in der Lage dazu, mir Hausarrest zu verpassen?“
„Es geht doch nicht um Hausarrest.“ Sie zieht nicht mit einem ihrer Bauern, sondern direkt mit ihrem Springer, weil Ted nicht damit umzugehen weiß, wenn sie nicht ganz klassisch eröffnet. „Wenn es nur um Hausarrest gehen würde, dann wäre es mir egal… aber meine Familie ist echt… konservativ.“
„Dann bringst du halt ab sofort Narzissa oder Bellatrix als Anstandsdame mit?“ Ted grinst nach wie vor unbeschwert und lässt seinen zweiten Bauern vorrücken. Am Valentinstag hat er sie zwar mit einer Tüte rosaroter Zuckermäuse – die nur in der Woche vor diesem Feiertag vertrieben werden – beschenkt, aber er hat noch nie versucht, sie zu küssen. Er umarmt sie nicht einmal zur Begrüßung.
„ Darum geht es nicht.“
„Und worum geht es dann?“
„Du hast keinen Stammbaum.“
Ted starrt sie an – und sie kann ihm ansehen, dass er nicht mit dieser Antwort gerechnet hat… und das ist der unwiederbringliche Beweis dafür, dass sie tatsächlich in zwei verschiedenen Welten leben. „Ist das jetzt gerade dein Ernst?“
„Ja.“ Andromeda versucht, sich nicht von der Scham überwältigen zu lassen, doch sie kann nicht übersehen, wie enttäuscht er ist. Von ihr. Und sie weiß schon genau, wieso sie diese Unterhaltung seit anderthalb Jahren aufschiebt, sondern immer nur vage Begründungen abliefert, wenn er sie fragt, wieso sie ihn nicht zurückgrüßt, wenn sie einander auf dem Korridor begegnen. „Es tut mir leid, aber… so ist meine Familie halt.“
„Und bist du halt auch so?“
Andromeda zuckt mit den Schultern.
„Wieso bist du überhaupt hier, wenn du so wenig von mir hältst?“
„Ich halte nicht wenig von dir. Ich halte sogar sehr viel von dir und… ich mag dich. Ich mag dich echt… und ich will dich nicht in Gefahr bringen.“ Andromeda schaut ihn nicht an, sondern starrt auf ihre angefangene Schachpartie. „Du weißt, dass es manchmal Angriffe auf muggelstämmige Personen gibt, oder?“
„Naja… ja, das weiß ich schon, aber das ist doch eigentlich nur diese komische Gruppe, die dieser Typ um sich versammelt hat… ich kann mir seinen Namen nie merken.“
„Voldemort.“
„Ja… genau… aber der ist ja nicht dein Vater, oder?“
„Nein. Ist er nicht. Aber die Leute, die ihm folgen… das sind dieselben Leuten, die meine Eltern zum Abendessen einladen. Zumindest teilweise. Meine Eltern würden sich ihm nie anschließen und so richtig in seiner Bewegung aktiv werden, dafür sind sie zu lethargisch, aber sie vertreten ähnliche Ansichten. Und wenn sie wüssten, dass wir befreundet sind, dann… dann kann ich nicht dafür garantieren, dass es niemanden im Umfeld meiner Familie gäbe, der es sich zur Aufgabe machen würde, dich zu... bestrafen.“
„Du darfst dich also nur mit Leuten anfreunden, die einen magischen Stammbaum vorweisen können?“
„Ja. Also… ich weiß auch ziemlich genau, welche meiner Mitschüler aus Familien kommen, die einen Stammbaum haben, der hinreichend magisch ist.“ Mit Grauen denkt Andromeda an die Stunden zurück, die sie damit verbracht hat, das Reinblüterverzeichnis auswendig zu lernen. In den Monaten vor ihrer Einschulung haben ihre Mutter und ihre Tante Walburga sie immer abwechselnd abgefragt. Jeden Mittwoch und jeden Sonnabend, wenn sie im Grimmauldplatz zum Mittagessen waren.
„Das ist… also das tut mir echt leid für dich.“
„Das tut dir echt leid für mich ?“
„Ja… also das ist ja der blanke Horror, in solchen Kategorien denken zu müssen.“
„Willkommen in meinem Leben.“ Ted lacht nicht, obwohl sie es mit ihrem Tonfall genau darauf angelegt hat. Stattdessen streckt er seine Hand nach ihr aus. Ein wenig skeptisch legt sie ihre Hand in seine. Seine Finger schließen sich um ihre und das ist kein richtiges Händchenhalten, denn sie hat ihre Hand ganz automatisch zu einer Faust geballt, die nun von ihm festgehalten wird. Er sagt nichts dazu, sondern widmet sich mit seiner freien Hand dem Springer, mit dem er einen auffallend schlechten Zug macht. „Lässt du mich jetzt gewinnen, weil du Mitleid mit mir hast?“ Ted schweigt und dieses Schweigen ist nichts weiter als ein Eingeständnis. „Ich brauche dein Mitleid nicht. Ich bin so privilegiert aufgewachsen wie man es sich nur vorstellen kann. Mir hat es an nichts gefehlt. Ich habe immer alles bekommen, was ich mir gewünscht habe.“
„Du hast eben gesagt, dass deine Eltern dir vorschreiben, mit wem du deine Zeit verbringen darfst.“
„Ja und?“
„Findest du nicht, dass das ein Mangel ist?“
„Ein… Mangel?“
„Ein Mangel von Entscheidungsfreiheit.“
„Doch.“
„Dann hattest du doch nicht alles, was du dir gewünscht hast… oder möchtest du nicht entscheiden können, mit wem du dich anfreundest? Oder mit wem du ausgehst?“ Nun ist es an Andromeda zu schweigen, denn sie weiß natürlich, dass ihr Leben alles andere als perfekt ist. Sie weiß, wie eng das Regelkorsett sitzt. Ihre Schwestern wissen es auch und sie sprechen doch nie darüber. Ihre Eltern schnüren es von Jahr zu Jahr enger und es ist nur eine Frage der Zeit, bis eine von ihnen daran erstickt. (Aber sie wird es nicht sein, das hat sie sich ganz fest vorgenommen. Bella und ihr Sturkopf werden zuerst die Nerven verlieren. Oder Zissy mit ihrem Temperament, das sie so sagenhaft gut versteckt.) „Andromeda?“ Teds Stimme klingt anders als sonst. Irgendwie bedrückt, fast ängstlich. Er wiederholt ihren Namen und erst, als er versucht, ihr seine Hand zu entziehen, bemerkt sie, dass sie ihre Finger geöffnet und ihre Nägel in seinen Unterarm gekrallt hat.
Erschrocken lockert sie ihren Griff und entdeckt die rosafarbenen Halbmonde, die ihre Nägel auf seiner Haut hinterlassen haben. „Das tut mir leid, das tut mir schrecklich leid. Ich wollte dich nicht verletzen!“ Aber das werde ich. Immer und immer wieder. „Ich muss gehen.“
„Aber du… du… du bist am Zug.“ Mit einem kleinen Lächeln deutet Ted auf die vergessene Schachpartie zwischen ihnen.
„Du wolltest mich doch sowieso gewinnen lassen.“
„Aber…“
„Aber was ?“
„Also reden wir jetzt nie wieder miteinander?“
„Ich denke, das wäre besser so.“ Sie schaut auf seinen zerkratzten Unterarm. Das kann ganz einfach kein gutes Omen sein. „Und wir sind kein Wir .“ Sie schaut nochmal auf das Schachbrett und schiebt ihre Königin mit ihrem linken Fuß drei Felder nach vorne. „Schach.“
Ein Lächeln breitet sich auf Teds Gesicht aus, bevor er seinen König ein Feld zur Seite rückt und ihn damit in Sicherheit bringt.