Traumreisen
Traumreisen
[6] Traumreisen
It opened its mouth to blaspheme God, and to slander his name and his dwelling place and those who live in heaven.
[03. August 2020]
Als Andromeda nach elf Stunden sonnenschweren Schlafes mit einem trockenen Mund erwacht und in die Küche tappt, glaubt sie, dass sie eine Erscheinung hat. Am Esstisch sitzt Teddy mit glühenden Haaren. Wann immer seine Haare so rot wie Feuer werden, ist davon auszugehen, dass Teddy zornig oder trotzig oder beides ist. Trotzdem versucht Andromeda sich an einer zivilisierten Begrüßung.
„Guten Morgen, mein Schatz.“
„Du hast ja wohl nicht mehr alle Einhörner auf der Koppel!“ Teddy schreit nicht, aber das tut er sehr selten. Wenn Teddy wütend ist, artikuliert er sich besonders deutlich, fast schon scharf. „Für wen um alles in der Welt hältst du dich, dass du Prudence so fertig machst?!“
„Prudence und ich haben eine ganz normale Unterhaltung geführt.“
„Eine ganz normale Unterhaltung, die sie völlig aus der Bahn geworfen hat!“
„Als wir auseinander gegangen sind, hat sie einen gefassten Eindruck auf mich gemacht.“
„Weil sie eine famose Schauspielerin ist.“ Teddys Haare verdunkeln sich, sodass es nicht länger so aussieht, als würde sein Kopf in Flammen stehen. Diese Nuance ist zweifelsohne nicht ihr zu verdanken, sondern Prudence geschuldet, an die Teddy heute lieber denkt als an sie. „Wieso fragst du sie über ihre Eltern aus?“
„Möchtest du einen Kaffee?“
„Gern.“ Teddy rümpft die Nase und macht dabei ein strenges Gesicht, sodass sie nur ja nicht auf den Gedanken kommt, dass diese Unterhaltung so leicht beendet werden kann.
Andromeda schleicht in die Küche und stellt fest, dass Erwin entgegen seiner Gewohnheit keine ganze Kanne Kaffee aufgesetzt hat. Neben der Spüle entdeckt sie lediglich eine saubere Tasse und einen ebenso sauberen Teller. Als sie gestern Abend aus Hogwarts zurück gekehrt ist, hat Erwin im Garten gesessen und mit einem Glas Wein auf sie gewartet, doch sie ist direkt ins Bad gelaufen, um sich zu entstauben. Währenddessen hat sie rasch gemerkt, wie ungemein erschöpfend der Tag war und ist nur nochmal zum Fenster gegangen, um Erwin unten im Garten eine gute Nacht zu wünschen.
Sie ist dankbar für die Minuten, in denen sie neben dem Boiler steht und dem Wasser dabei zusieht, wie es sich erhitzt. Langsam und bedächtig setzt sie den Filter auf, löffelt das Kaffeepulver hinein und füllt die Kanne Milliliter für Milliliter. Teddy – der kein geduldiges Kind war – erwartet sie mit einem seelenruhig wippenden Bein und schenkt sich zuerst ein. Die Milch, die sie ihm anbietet, lehnt er mit einem Kopfschütteln ab. „Du trinkst deinen Kaffee neuerdings schwarz?“
„Nicht wirklich… aber ich vertrage diese Milch nicht mehr so gut.“ Teddy rümpft wieder die Nase. „Und ich bin hier für einen Abriss, nicht für Verdauungsbeschwerden.“
„Ich werde Erwin sagen, dass er beim Einkaufen in Zukunft an dich und deinen verzogenen Magen denken soll.“ Andromeda verkneift sich einen ausführlicheren Kommentar dazu, dass Teddys Ernährungsumstellung, die er gern als moralisch überlegen und überhaupt ganz und gar vollkommen darstellt, durchaus ihre Schattenseiten hat. „Also?“
„Also?“
„Mein Abriss? Kommt der noch oder warst du schon fertig? Oder gar mittendrin?“
„Es tut dir also kein bisschen leid, dass du Prudence ihr freies Wochenende versaut hast?“
„Ich habe ihr höchstens das halbe Wochenende verdorben.“
„Es tut dir echt nicht leid.“
„Ich kann dir versichern, dass ich gründlich darüber nachgedacht habe, ob ich Prudence mit meinem Anliegen behelligen möchte.“
„Ach ja… was heißt denn gründlich ? Hast du dir wochenlang den Kopf zerbrochen?“ Andromeda schweigt geständig und Teddy verzieht das Gesicht, als er an seinem Kaffee nippt. „Hast du vielleicht Zucker da?“
„Du kennst den Weg in die Küche.“
Teddy springt zunächst ganz dynamisch auf, schlurft dann aber betont genervt in die Küche, sodass sie kurz erwägt, ob sie hier eventuell einen Rückfall in Teddys Pubertät erleben darf. So einen letzten, lang aufgehobenen Schub. Aus der Küche ertönt ein Geräusch der Empörung. Teddy kehrt ohne Zucker, aber mit einem Milchkarton zurück, der Andromeda noch nie zuvor unter die Augen gekommen ist. „Du hast ja doch Hafermilch im Haus!“
„Ich habe die gewiss nicht gekauft.“ Und Erwin traut sie so einen Kauf außerhalb hoher Feiertage eigentlich auch nicht zu. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um ein Überbleibsel von Weihnachten. „Schau lieber auf das Verfallsdatum, ehe du dich zu sehr freust.“
„Das Zeug hält doch ewig.“
„Es stand also nicht ganz hinten im Schrank über der Spüle?“
„Doch.“ Teddy dreht den Milchkarton in seiner Hand und triumphiert. „Ha! August 2020. Da bin ich ja genau rechtzeitig dran.“
Nicht ganz unbesorgt sieht sie dabei zu, wie Teddy seine Tasse mit der falschen Milch auffüllt. Es sind Momente wie diese, in denen sie sich immer noch schwer zuständig fühlt und vergisst, dass Teddy ein Erwachsener ist, der ganz allein die Verantwortung für sein Wohlbefinden trägt. „Du kommst gerade von Prudence?“
Teddy nickt und guckt sie so herausfordernd an, dass sie lieber gar nicht zu fragen wagt, ob Prudence eigentlich ein Sofa in ihrem kleinen Apartment unterbringen konnte. Auf die leisesten Erkundigen danach, welche Rolle Prudence in seinem Leben spielt, reagiert Teddy entweder ganz schlicht patzig oder mit dem Vorwurf, dass Andromeda ein Fossil ist und keine Ahnung davon hat, wie Menschen und zwischenmenschliche Beziehungen im einundzwanzigsten Jahrhundert funktionieren.
„Geht es ihr denn heute wieder besser?“
„Glaube schon.“
„Du glaubst es?“
„Prudence ist, wie schon gesagt, eine gute Schauspielerin.“ Teddy klingt nicht mehr ganz so bewundernd wie beim ersten Mal, als er diese Äußerung vorgenommen hat, sondern eher ein wenig unglücklich. „Wieso hast du sie in die Mangel genommen? Ist dir echt so langweilig, wenn du mal keine Überstunden leisten kannst?“
„Ich bin nicht überarbeitet. Marietta hat im vergangenen Jahr mehr Kurse denn je übernommen.“
„Wundervoll, dann kannst du ja in Rente gehen.“
„Ich bin nicht alt genug, um in Rente zu gehen… na gut, vielleicht werde ich auf dem Papier dieses Jahr alt genug, aber ich möchte mich nicht in den Ruhestand versetzen lassen. Da würde ich mich dann wirklich langweilen.“
„Erwin bringt dir bestimmt gern bei, wie man Tomaten im Winter wachsen lässt.“ Teddy grinst, denn er kann sich für Erwins botanische Monologe ebenso wenig erwärmen wie sie selbst. (Im Gegensatz zu ihr wird er von Erwin allerdings mächtig geschont.)
„Merlin steh mir bei.“
„Gut, du willst also nicht in Rente… sehe ich schon ein, sehe ich schon ein. Aber es wäre trotzdem ganz nett, wenn du meine beste Freundin nicht belästigen würdest, bloß weil du ungern die Füße hochlegst und Kreuzworträtsel löst.“
„Ich werde Prudence keine weiteren Besuche abstatten… außer, um mich bei ihr zu entschuldigen.“
„Na, lass mal. Die Entschuldigung leite ich gern weiter.“ Teddy nippt zufrieden an seinem Kaffee und lehnt sich auf dem Stuhl zurück. „Verrätst du mir jetzt, was das für eine Aktion war?“
Da Andromeda eine Teilschuld daran trägt, dass Teddy eine durch und durch neugierige Person ist, fasst sie ihre Begegnung mit Beatrix Black und die daraus resultierenden Nachforschungen in aller Kürze zusammen. Teddy lauscht ihr aufmerksam und ohne sie mit Zwischenfragen zu unterbrechen. Als sie zum Ende kommt, gießt er sich seine zweite Tasse Kaffee ein. „Und ich hoffe, dir ist klar, dass du das alles gar nicht wissen darfst und dass das unter uns bleiben muss. Unter uns beiden . Prudence geht das alles gar nichts an.“
„Tut es das wirklich nicht? Ich meine, wenn sie wirklich die Tochter von Yaxley ist… dann würde das ja auch bedeuten, dass sie eine ganze Menge Halbgeschwister hat. Und es geht einen doch etwas an, wer der eigene Vater ist… und ob man Geschwister hat... oder nicht?“
„Doch, doch… aber das sind ja alles nur Spekulationen von mir.“
„Ziemlich logische Spekulationen aber irgendwie… also selbst wenn Yaxley nichts damit zu tun hat, dann ist das eben irgendwer anders, der einen komischen Sinn für Humor hat. Also diese Namen… das kann ja nicht so richtig Zufall sein.“
„Oder eben doch genau das.“ Andromeda schenkt sich selbst nochmal Kaffee nach. „Ich werde Beatrix und ihrer Mutter heute einen zweiten Besuch abstatten. Wir müssen ohnehin noch den Termin für den Einkauf in der Winkelgasse vereinbaren. Das kann ich ebenso gut persönlich wie postalisch erledigen. Persönlich ist es eigentlich noch besser, bei den beiden haben sich in den letzten Tagen bestimmt nochmal einige Fragen angesammelt.“
„Du musst dich nicht vor mir rechtfertigen, wenn du diese Leute außer der Reihe belästigst.“ Teddy bringt ein mattes Lächeln fertig, während sich eine seiner Locken, die in den letzten Minuten von ihrem zornigen Rot größtenteils in ein ruhiges Blau übergegangen sind, rosarot verfärbt. „Du musst dich nur vor mir rechtfertigen, wenn du Prudence belästigst.“
„Vielleicht sollten wir sie einmal einladen. Zu einem netten Abendessen, meine ich. Oder wir laden uns bei ihr ein. In Brighton ist es gerade sicher besonders schön.“
„Wenn du Wir sagst… meinst du dann dich und mich oder dich und Erwin?“
„Dich und mich natürlich… auch wenn Erwin sicherlich nicht stören würde.“
„Sicherlich nicht… wie geht’s ihm eigentlich so?“
„Gut, gut.“
„Ihr seid diesen Sommer gar nicht im Urlaub?“
„Bisher haben wir nichts geplant… aber das ändert sich vielleicht noch ganz spontan. Haben Prudence und du Pläne geschmiedet?“ Es ist keine drei Wochen her, dass sie Teddy diese Frage zuletzt gestellt hat, aber die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass Teddy wahrhaftig spontan ist und keinerlei Hemmungen hat, innerhalb von ein paar Tagen eine Reise zu planen – und dann auch direkt anzutreten.
„Prudence hat im August nochmal eine Prüfungsphase, deshalb machen wir vielleicht im September was, wenn sie die Klausuren auch ganz sicher durch hat und das Semester noch nicht angefangen hat.“
„Mit Vic ist nichts mehr geplant?“
„Ach… hör mir auf mit Vic.“
„Streitet ihr euch?“
„Also nicht, dass dich das irgendwas angehen würde, aber ja, tun wir. Also eigentlich streitet Vic sich mit sich selbst, aber… ach egal, das geht dich echt nichts an. Wirklich so gar nicht.“
„Ich möchte ja nur Interesse an deinem Leben zeigen.“ Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit, denn sie möchte auch eine These überprüfen, die sie in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Seitdem Teddy in seinem sechsten Schuljahr das erste Mal von Victoire Weasley als seiner Freundin – und kurz darauf zum ersten Mal von ihr als seiner Ex-Freundin – gesprochen hat, konnte sie feststellen, dass er ihre Fragen nach Victoire immer nur dann abwiegelt, wenn er besonders gern über Prudence spricht. Wann immer sie etwas länger nicht allzu viel über Prudence gehört hat, darf sie mit einer ausführlichen Antwort auf die Frage, wie es Victoire geht, rechnen. Die genaue Dynamik dahinter hat sie noch nicht begriffen, doch sie möchte daran glauben, dass Teddy die beiden jungen Frauen – bei allem Chaos – gut behandelt.
„Tust du, tust du, keine Sorge.“ Teddy spielt mit dem Deckel der Hafermilch und sie erinnert sich daran, wie er mit sieben oder acht Jahren eine Weile ganz versessen darauf war, zu lernen, wie man eine Galleone wirft und mit dem Handrücken auffängt. „Wir könnten auch mal wieder zusammen in den Urlaub fahren.“
„Das willst du doch nicht wirklich.“
„Wieso denn nicht?“ Teddy runzelt die Stirn und sieht ein bisschen gekränkt aus. Direkt tut es ihr leid, wie schnell sie ihm unterstellt hat, dass er zuletzt nur pflichtschuldig mit ihr verreist ist. Eigentlich weiß sie auch, dass dem nicht so ist. Und dass Teddy und sie mehr verbindet als Andromeda und ihre Großeltern, mit denen sie immer nur äußerst unfreiwillig Zeit verbracht hat.
„Entschuldige, ich… ich habe wohl einfach angenommen, dass es dir zu langweilig wäre, mit mir zu verreisen. Aber ich fände das sehr schön. Allerdings steht mir, wie du weißt, nur noch der August zur Verfügung.“
Teddy zuckt mit den Schultern. „Aber der August ist ja noch ewig lang, hat doch gerade erst angefangen.“
„Wo würdest du denn gern hin?“
„Weiß nicht.“
„Ach, das liegt in der Polen, nicht wahr?“
Teddy grinst über diesen müden Witz. „Warst du schon mal in Polen?“
„Nein.“
„Echt noch nie? Aber du hast doch mal in Frankreich studiert, oder?“
„Ich bin drei Monate in Frankreich gewesen… und ich möchte doch sehr hoffen, dass du dir darüber im Klaren bist, dass Polen keine Stadt in Frankreich ist.“
„Natürlich… aber ist doch quasi nebenan.“
„Du bekommst dieses Jahr einen Globus zu Weihnachten.“
„Ich habe einen Globus.“
„Ach echt? Woher?“
„Hat der Freund von Prudence’ Cousine mir geschenkt. Er hatte zwei.“
„Wieso hat man zwei Globen?“
„Er dachte, der eine wäre kaputt und hat sich einen neuen geholt. Er war aber gar nicht kaputt, das Kabel war bloß verdreht… also das ist so ein Globus, der im Dunkeln leuchtet.“
„Das klingt nach einer kuriosen Erfindung.“
„Ist eigentlich ganz praktisch… also Polen?“
„Polen?“
„Du willst nicht nach Polen?“
„Ich habe noch nie darüber nachgedacht, ob ich Polen sehen möchte.“
„Krakau soll richtig schön sein. Und Danzig. Also sagt Gabrielle jedenfalls.“
„Gabrielle?“
„Vics Tante. Die war mal mit einem Polen zusammen.“
„Deshalb auch deine geographische Verwirrung bezüglich der Nähe von Frankreich und Polen?“
„Oh ja.“ Teddy guckt so, als würde ihm ein Licht aufgehen, und nickt heftig. „Kann gut sein, dass ich das daher genommen habe.“
„Also Polen.“
„Du hast keine Lust, oder?“
„Doch, doch… aber ich muss vorher noch den Erstkontakt mit Beatrix abschließen. Und mit ihr in die Winkelgasse gehen.“
„Das könntest du ja heute machen… und ich frage mal bei Vic nach der Telefonnummer ihrer Tante und organisiere uns Reisetipps.“
„Ich dachte, Vic und du sprecht gerade nicht miteinander?“
„Wann habe ich das denn behauptet?“
„ Hör mir auf mit Vic? “
„Ach… also nur, weil Vic mir ein bisschen auf den Geist geht, heißt das ja nicht, dass wir nicht mehr miteinander reden würden.“ Teddy setzt den Deckel wieder auf den Milchkarton. „Willst du Erwin fragen, ob er mitkommt?“
„Willst du, dass er mitkommt?“
„Ist es jetzt total furchtbar von mir, wenn ich Nein sage?“
Andromeda schüttelt den Kopf. „Du kannst diese Frage nicht richtig oder falsch beantworten, mein Schatz.“
„Dann würde ich ihn lieber nicht dabei haben… also du weißt ja, dass ich ihn gut leiden kann, aber ich fände es besser, wenn wir einfach nur zu zweit etwas unternehmen würden. Das haben wir lange nicht mehr gemacht.“
„Stimmt vollkommen.“
„Außer du willst ihn ganz dringend dabei haben… und er wollte schon immer mal nach Polen?“
„Das wage ich zu bezweifeln.“
„Habt ihr noch nie darüber geredet, welche Länder ihr noch so bereisen wollt?“
„Wenn du mich so fragst… nein, ich glaube, haargenau diese Unterhaltung haben wir tatsächlich nie geführt. Wir haben eher von Urlaub zu Urlaub geplant… und natürlich gibt es Orte, über die Erwin gesagt hat, dass er sie sehen möchte. Aber Polen war nie Thema.“
„Hm.“
„Aber wir fahren so oder so zu zweit. Und falls Erwin ganz grün vor Neid wird, dann müssen wir eben Reisepläne für den nächsten Sommer schmieden.“
„Und wenn es keinen nächsten Sommer gibt?“
„Wie bitte?“
„Ich meine ja nur… Erwin ist schon echt alt.“
„Er ist noch nicht einmal achtzig Jahre.“
„Sage ich ja, er ist uralt.“
„Wie dem auch sei… ich denke, er hat noch einige gute Sommer vor sich.“
Teddy, den sie nicht zum Aberglauben erzogen hat, klopft mit ernster Miene dreimal auf die hölzerne Platte des Esstischs.
* * *
Bernadette Black ist nicht erfreut darüber, sie wiederzusehen, schlägt ihr aber auch nicht die Tür vor der Nase zu. Da Teddy sie zu einem Mittagessen im Drei Besen überredet hat, dem Erwin sich nicht anschließen wollte, da er eine Sendung im Radio verfolgen möchte, ist der Nachmittag bereits angebrochen, als sie sich auf den Weg nach Liverpool gemacht hat. Seit ihrem ersten Besuch bei Bernadette und Beatrix Black ist nicht einmal eine ganze Woche vergangen und doch hat sich die Dynamik zwischen Mutter und Tochter spürbar verändert. Während Bernadette ihr nur widerwillig einen Platz im Wohnzimmer anbietet, hüpft Beatrix auf und ab. Sie trägt einen rosafarbenen Tüllrock, in dem sie mit ihren langen, blonden Haaren wie eine Primaballerina aus dem Bilderbuch aussehen würde, wenn auf ihrem T-Shirt kein Dinosaurier mit weit aufgerissenem Maul zu sehen wäre. Die Aufschrift unter dem Motiv ist verblichen, doch Andromeda ist sich einigermaßen sicher, dass es sich bei dem Oberteil um den Fanartikel zu einem Film handelt, den sie mit Ted und Dora in den frühen Neunzigern im Kino angesehen hat.
„Gehen wir heute in die Winkelgasse?“ Beatrix hüpft nicht mehr, sondern blinzelt sie beinahe schüchtern an. „Bitte? Ich will so gern in die Winkelgasse. Ich habe meinen Brief aus Hogwarts nochmal ganz gründlich gelesen und darin steht, dass ich eine Eule mit nach Hogwarts bringen darf. Oder eine Katze! Geht auch beides?“
„Trixie… es ist sehr unhöflich von dir, unseren Gast nicht zu begrüßen.“
„Oh.“ Beatrix’ Wangen werden schlagartig rot. „Entschuldigung, Professor Tonks… und guten Tag, Professor Tonks.“
„Guten Tag, Beatrix.“ Andromeda weiß, dass sie ihre künftige Schülerin streng genommen nicht mit ihrem Vornamen ansprechen sollte, doch sie hat bereits für sich entschieden, dass es genügen muss, wenn sie am ersten September damit beginnt, Beatrix als Miss Black zu bezeichnen.
„Also können wir heute in die Winkelgasse gehen?“
Ehe Andromeda diese mit Dringlichkeit vorgetragene Frage beantworten kann, hat Bernadette Black auch schon den Kopf geschüttelt. „Du weißt genau, dass ich heute noch arbeiten muss… und dass du hoch zu Margaret sollst.“ Bernadette Black schaut Andromeda an und sie bildet sich ein, dass sie in den Augen von Beatrix’ Mutter eine gewisse Angriffslust entdeckt. „Oder bin ich als Nicht-Hexe etwa nicht in die Winkelgasse eingeladen?“
„Eltern von künftigen Erstklässlern und Erstklässlerinnen sind ausdrücklich in der Winkelgasse willkommen.“
„Na, da habe ich aber Glück gehabt.“ Bernadette verschränkt ihre Arme vor der Brust und da bemerkt Andromeda erst, dass sie eine gestärkte, weiße Bluse von der Art, wie sie kaum jemand in einer Freizeit wählt, trägt. „Ich muss in einer Stunde bei der Arbeit sein. Das wird wohl kaum für einen Abstecher nach London reichen. Auch nicht mit Ihrem Zeckenpulver.“
„Flohpulver… aber Sie haben natürlich vollkommen Recht, so ein Ausflug in die Winkelgasse braucht Zeit. Ich bin auch eigentlich hergekommen, um diesen Ausflug zu planen… und um mögliche Fragen, die in den letzten Tagen entstanden sind, zu beantworten.“
„Oh, ich habe hundert Fragen!“ Beatrix schaut ihre Mutter aus großen Augen an. „Kann Professor Tonks nicht statt Margaret heute Abend auf mich aufpassen?“
„Ich glaube kaum, dass Professor Tonks heute nichts Besseres zu tun hat. Außerdem hat Margaret dich beim Abendessen fest eingeplant. Sie hat mir heute Morgen im Wäschekeller erzählt, dass sie extra eine ganze Wassermelone für euch beide gekauft hat.“
„Ist Margaret eine Angehörige?“
Beatrix antwortet nicht, sondern schmollt ganz gründlich, doch Bernadette nimmt sich ihrer Anfrage an. „Margaret ist nur eine Nachbarin, aber Trixie ist für sie wie eine Enkeltochter.“
„Ich verstehe… nun, wann wäre ein Ausflug in die Winkelgasse denn machbar? Ich bin in den nächsten Tagen zeitlich recht flexibel. Es sind ja schließlich Sommerferien.“
„Morgen habe ich frei… aber es wäre mir lieb, wenn Sie nicht vor elf Uhr hier wären. Ich habe heute die Spätschicht und werde kaum vor Zwei ins Bett kommen.“
„Das ist gar kein Problem. Ich bin, wie gesagt, zeitlich sehr flexibel… und dann wäre ich vielleicht so gegen ein Uhr hier? Wäre das gut?“
„Ganz wundervoll.“ Bernadette Black bedenkt sie mit einem Lächeln, das zwar gezwungen, aber auch routiniert wirkt. In Verbindung mit der gestärkten Bluse bringt dieses Lächeln Andromeda zu der Schlussfolgerung, dass Bernadette Black wahrscheinlich in der Gastronomie tätig ist. Oder hinter irgendeinem Empfangstresen.
„Darf ich fragen, was Sie beruflich machen?“
„Ich arbeite in einem Hotel. Normalerweise habe ich die Frühschicht und bin bei der Arbeit, während Trixie in der Schule ist. Zurzeit übernehme ich aber die Vertretung für die Kollegin in der Spätschicht.“ Die Haltung von Bernadette hat sich verändert und es ist nicht schwer zu erraten, dass sie davon ausgeht, dass Andromeda ihr einen Vorwurf machen wird, weil sie abends zur Arbeit geht und ihre Tochter bei einer Nachbarin zurücklässt. „Wieso ist das wichtig für Sie und Hogwarts?“
„Es ist nicht wichtig, ich war bloß neugierig.“ Andromeda hofft, dass ihr Lächeln echter aussieht als das, was sich derzeit auf Bernadette Blacks Gesicht abspielt. „Dann sage ich mal Auf ganz bald ?“
„Bis morgen, Professor Tonks!“ Beatrix strahlt sie an und da ist es plötzlich doch ganz leicht, die gemischten Gefühle ihrer Mutter zu ignorieren und sich von der Vorfreude des Mädchens anstecken zu lassen. Andromeda wiederholt ihren Abschiedsgruß noch einmal und entscheidet sich dagegen, in dem Apartment der Blacks zu apparieren.
Sie nimmt die drei Treppen nach unten und wirft ganz automatisch einen Blick auf die Klingelschilder. Während Bernadette ihren Vornamen nicht angibt, sondern nur B. Black auf das Schild geschrieben hat, gibt Beatrix’ Babysitterin ihren vollständigen Namen an. Andromeda hätte nicht gedacht, dass es möglich wäre, von einem Klingelschild verhöhnt zu werden, doch ihr Mund fühlt sich ganz trocken an, während ihre Augen wieder und wieder über die Klingel von Margaret Midfield wandern.
* * *
„Das war aber ein langes Mittagessen.“ Erwin klingt ungewohnt vorwurfsvoll und sie versucht sich daran zu erinnern, ob sie für heute irgendwelche Pläne geschmiedet haben, die ihr dank Teddys Überraschungsbesuch entfallen sind.
„Ich bin noch in Liverpool gewesen.“
„Ach. Also dann muss ich mich natürlich korrigieren… und dich fragen, wieso du schon wieder zurück bist? Haben die beiden Miss Blacks sich auf eine Insel in der Südsee abgesetzt?“
„Nein, sie sind an Ort und Stelle verblieben… aber ein Besuch in der Winkelgasse kommt ihnen heute nicht gelegen, darum haben wir uns für morgen verabredet.“ Andromeda schlüpft aus ihren Schuhen und reibt über ihren Fußballen. „Sie haben eine Nachbarin namens Margaret Midfield.“
„Aha?“
„Midfield. So wie Dexter Midfield. Der Ministeriumsangestellte, der Beatrix postalisch in Hogwarts angemeldet hat.“
Erwin nickt verständig. „Aber dann ist doch alles klar. Wenn Mr. Midfield ein Nachbar der Blacks ist und Beatrix’ Magie sich unmittelbar nach ihrer Geburt gezeigt hat…“
„Aber kann das denn sein? Wie viele Babys zeigen denn in der ersten Woche nach ihrer Geburt schon so sichere Anzeichen von Magie?“
„Hast du mir nicht einmal erzählt, dass Dora mit gelben Augen zur Welt gekommen ist und die Hebamme zu Tode erschrocken hat?“
„Doch, das habe ich dir erzählt… und das war auch so, aber Dora ist doch nicht der Maßstab. Teddy auch nicht.“
„Vielleicht ist die kleine Beatrix auch nicht der Maßstab?“
„Mir wäre wohl aufgefallen, wenn sie ein Metamorphmagus wäre.“
„Aber sicher wäre dir das aufgefallen, meine Liebe.“ Erwin lächelt. „Ich habe mal ein Buch darüber gelesen, welche Anzeichen es während einer Schwangerschaft dafür geben kann, dass es sich bei dem Fötus um eine ungeborene Hexe oder einen ungeborenen Zauberer handelt.“
„Wieso hast du ausgerechnet darüber ein ganzes Buch gelesen?“
„Ach, es ist mir so beim Aufräumen in die Hände gefallen. Ich glaube, es war ein Geschenk von Dianas Vater. Oder von einem ihrer Brüder? Ich weiß es nicht mehr so genau, das ist schon eine ganze Weile her… aber falls du es lesen willst, kann ich es sicherlich auftreiben?“
„Lass nur… ich mache mir sowieso schon viel zu viele Gedanken über die ganze Angelegenheit.“
Erwin schmunzelt und streicht ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Wie geht es Teddy?“
„Ganz gut, würde ich sagen… wir fahren vielleicht im August nochmal ein paar Tage weg. Nach Polen.“ Sie sucht Erwins Gesicht nach Anzeichen dafür ab, dass er sich von dieser Ankündigung gekränkt oder übergangen fühlt, doch er lächelt sogar ein bisschen.
„Eine schöne Idee… aber warum denn gerade Polen?“
„Ach, das kann ich dir schon gar nicht mehr so genau sagen. Es hat sich irgendwie so beim Reden ergeben, dass Polen ein gutes Reiseziel für uns zu sein schien. Warst du schon mal in Polen?“
„Ein paar Mal.“
„Tatsächlich?“
„Geschäftlich. Es gibt dort mehr Kobolde als hierzulande, sodass regelmäßig Konferenzen in der Nähe der polnisch-weißrussischen Grenze stattgefunden haben. Allzu viel habe ich also nicht von dem Land gesehen. Kobolde neigen ja nicht unbedingt dazu, sich in den schönsten Gegenden auszubreiten.“ Erwin lächelt und wickelt eine besonders ausgehangene Locke um seinen Zeigefinger. „Reisetipps habe ich also keine in der Hinterhand. Ich kann nur von der Portschlüsselzentrale in Minsk abraten… aber den Umweg über Weißrussland werdet ihr wohl sowieso nicht nehmen.“
„Nein, eher nicht… wieso bist du über ein anderes Land angereist?“
„Gringotts hatte mitunter recht seltsame Bestimmungen für Dienstreisen. Anfangs habe ich noch genauer nachgefragt, aber die Antworten waren dermaßen umständlich, dass ich mich eher früher als später einfach gefügt habe.“
„Das passt gar nicht zu dir.“
Erwin schmunzelt wieder. „Mich zu fügen?“
„Nicht genauer nachzufragen.“
„Vielleicht bin ich erst im Alter durch und durch wissbegierig geworden? Nach deinem guten Vorbild?“
„Jetzt trägst du zu dick auf… schon wieder.“
„Schon wieder?“
„Erst isst du freiwillig Fisch, dann schleimst du dich ein… du bist dir ganz sicher, dass du Bathy nicht kürzlich begegnet bist?“
„Aber ganz sicher.“ Er legt seine Hand auf ihrem Rücken ab. Das ist bei Erwin die übliche Vorstufe zu einer richtigen Umarmung. „Darf ich etwa nicht mehr nett zu dir sein? Ist das ab dem elften Ehejahr nur noch an hohen Feiertagen erlaubt?“
„Ab dem… habe ich unseren Hochzeitstag vergessen?“
„ Noch nicht.“ Diese Betonung ist leider nicht ganz ungerechtfertigt, denn Andromeda ist heutzutage nicht gerade berühmt dafür, sich an Geburtstage oder Hochzeitstage zu erinnern. An Weihnachten hat sie jedes Jahr ganz zuverlässig ein Geschenk für Erwin parat… doch das liegt vermutlich auch nur daran, dass Weihnachten in Hogwarts ein großes Thema ist, sodass sie schon mit geschlossenen Augen durchs Schloss laufen müsste, um die Feiertage zu verpassen.
„Dieses Jahr denke ich bestimmt daran.“
„Bestimmt wirst du das.“
„Ein bisschen mehr Vertrauen bitte, ja?“
„Eben hieß es noch, ich soll mich nicht einschleimen… aber Kritik ist auch nicht erwünscht?“
„Ganz genau.“
„Schweigen ist also das Gebot der Stunde? Oder des ganzen Abends?“ Erwins Hand wandert über ihren Rücken und er beugt sich zu ihr herunter… und ihr ist plötzlich ganz eigenartig zumute, doch ehe sie diese Eigenartigkeit weiter ergründen kann, kitzelt es plötzlich in ihrer Nase und sie muss niesen. Erwin ist ihr schon ausgewichen, als sich ein zweites Niesen ankündigt. „Gesundheit.“
„Danke.“ Andromeda sucht ihre Kleidung nach einem Taschentuch ab, doch Erwin ist schneller und bietet ihr eines der Papiertücher an, die auf der Anrichte stehen und die sie oft an Stelle von Servietten benutzen. Das Papiertuch ist etwas rauer als handelsübliche Taschentücher, doch sie hofft, dass ihre Haut es ihr ausnahmsweise verzeihen wird. „Vielleicht sollten wir mal wieder Staubwischen.“
„Das klingt mir nach einer sehr romantischen Idee für unseren Hochzeitstag.“
Andromeda verdreht die Augen, ehe sie sich nochmal gründlich die Nase putzt. „Ich glaube, ich nehme ein Bad. Gestern Abend hatte ich keine Lust mehr, meine Haare richtig zu waschen, und jetzt schleppe ich bestimmt noch den ganzen Staub aus dem Archiv mit mir herum.“
„Bist du nach deinem Bad noch von einem Glas Wein zu überzeugen?“
„Ach nein, ich esse lieber nur eine Kleinigkeit und gehe früh ins Bett. Zum Wochenende hin soll es schon wieder so warm werden, da werde ich wieder nicht zur Ruhe kommen.“ Sie legt ihre Hand auf seinem Arm ab, stellt sich auf die Zehenspitzen und wartet ab, bis er ihr ein wenig entgegenkommt, sodass sie ihm einen Kuss auf die Wange geben kann. „Aber lass dich von mir nicht aufhalten. Goodwins Burgunder wird im Kühlschrank ja nicht besser.“