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Kleine Kreise [1970]

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Kleine Kreise [1970]

Diese Rückblende ist eine meiner persönlichen Favoriten, weil hier endlich endlich endlich mal etwas Platz für Bellatrix und Rabastan gewesen ist, über die ich seit Wastelands leider gar nicht mehr so oft nachgedacht habe.

Lyrics: Faery Queen by Kiki Rockwell

* * *

[VI] Kleine Kreise

Daughters, daughters ran away

Lost in, lost in endless play

Ergot in their summer wheat

Fourteen faeries guide their feet

Did they, did they find the gate

Others, others swore was fake

Pulsing, prancing, stepping in

Darling faeries cannot sin

[August 1970]

„Komm runter.“ Wie üblich formuliert Bella Fragen als Befehle, während sie darauf verzichtet, sich mit einem Klopfen Einlass in Andromedas Zimmer zu erbitten. Es ist zwar nicht so, als wäre Andromeda diese fehlende Privatsphäre nicht gewöhnt, aber es erwischt sie trotzdem kalt. Am Nachmittag ist eine Eule mit einem Brief von Ted angekommen, der sich danach erkundigt, wie ihre Sommerferien verlaufen, obwohl sie ihm verboten hat, sich bei ihr zu melden. (Streng genommen hat er das auch nicht getan, denn der Brief ist nicht an sie, sondern an Ademordna Kcalb adressiert. Nicht nur ihr Spiegelbild hat darüber gelacht.) So unauffällig wie möglich schiebt sie das Pergament, auf dem sie ihre Antwort an Drawde Sknot begonnen hat, unter ein Schulbuch. Bella, der solche Heimlichkeiten normalerweise nicht entgehen, schaut glücklicherweise gar nicht in ihre Richtung, sondern ist zu ihrem Kleiderschrank herübergegangen. Sie zieht ein schwarzes Kleid mit pompösen Ärmeln und weißen Blumen hervor. „Das ist doch hübsch.“

„Das ist deins, Bella.“ Und es hat – wie so viele Stücke, an denen ihre große Schwester sich satt gesehen hat – den Weg in ihren Kleiderschrank gefunden, sodass Bella vor ihren Eltern stets damit argumentieren kann, dass ihr eigener Schrank ach so leer ist und sie unbedingt eine neue Garderobe benötigt.

„Ich weiß. Und ich habe es dir nicht vererbt, damit du es nie trägst.“

„Es passt mir nicht.“ Das ist nicht ganz gelogen, denn Bella und sie tragen nicht dieselbe Größe. Im Falle dieses Kleides spielt das allerdings keine Rolle, da es aus einem dehnbaren Material besteht.

„Zeig mal.“

„Wieso drängelst du jetzt so? Geh doch schon mal nach unten, ich komme dann gleich nach.“ Sie betrachtet Bella, die kein Kleid, sondern eine Hose und eine schlichte Bluse trägt. „Du hast dich doch selbst noch nicht mal umgezogen.“

„Doch.“ Bella streicht ihre Bluse glatt. „Unser Onkel hat gesagt, ich sehe sehr adrett aus.“

„Beim wievielten Feuerwhiskey ist er?“

„Ich weiß es nicht.“ Bella weiß es wahrscheinlich doch, denn sie hat den besten Blick dafür, wie lange es noch dauert, bis Orion von dem Salon in das kleine Kaminzimmer geführt werden muss, in dem er seinen Rausch ausschläft. „Du könntest dir aber wirklich etwas Mühe geben. Corban ist auch da.“

„Welcher Corban?“

„Yaxley.“

„Yaxley? Der Vertrauensschüler Yaxley?“

„Genau.“

„Was macht er denn hier?“

„Unsere Mutter hat ihn eingeladen.“ Bella schenkt ihr ein freudloses Lächeln. „Sie hat die Gästeliste für uns verjüngt.“

„Für uns ? Was meinst du damit?“

„Du weißt genau, was ich damit meine.“

„Verschont sie wenigstens Zissy?“ Allein schon bei dem Gedanken daran, dass ihre vierzehnjährige Schwester heute mit einer Riege potenzieller Ehemänner bekannt gemacht werden soll, dreht sich ihr der Magen um.

„Zissy ist ausquartiert worden und darf mit unserer Großmutter zu Abend essen.“

„Gut.“ Andromedas Erleichterung ist für einen seligen Augenblick länger als das Unbehagen, mit dem sie an die nächsten Stunden denkt. „Hast du noch so eine adrette Bluse?“

„Das ist keine Bluse, sondern ein Hemd.“

„Wo ist der Unterschied?“

„Blusen sind für Mädchen, Hemden sind für Männer.“ Bella zupft an dem gerüschten Kragen des Hemdes, das für Andromeda nicht unbedingt nach gediegener Herrenmode aussieht, sondern eher nach etwas, das ein Piratenkönig tragen würde. „Auf dem Dachboden gibt es doch diese Truhe mit den Sachen, die Onkel Alphard nie mitgenommen hat.“

„Onkel Alphards Bauch ist so rund wie eine Christbaumkugel.“

Bella zuckt mit den Schultern und streicht wieder über das ohnehin schon glatte Hemd. „Früher muss er schlanker gewesen sein.“ Bella hält erneut den Bügel mit dem geblümten Kleid hoch. „Das steht dir bestimmt wirklich gut. An mir hing das immer so herunter.“

„Du wirst nicht ohne mich nach unten gehen?“

Ihre Schwester lächelt, weil sie verstanden wird und Andromeda erhebt sich von ihrem Schreibtischstuhl, um das Kleid anzunehmen, das Bella ihr darbietet wie eine stolze Schneiderin.

* * *

Ihre Schwester hat nicht übertrieben, als sie behauptet hat, dass sich das Publikum verjüngt hätte. Im Salon entdeckt sie die bärtig gewordenen Gesichter junger Männer, denen sie in den vergangenen vier Schuljahren dabei zugesehen hat, wie sie ihren Abschluss in Hogwarts erlangen. Einige fremde Gesichter sind dabei, natürlich auch einige Freunde und Bekannte ihres Onkels, die sie bereits bei zahlreichen Abendessen im Grimmauldplatz getroffen hat. Ihre Mutter macht unangenehm viel Aufsehen darum, Andromeda und Bella mit allen Gästen namentlich bekannt zu machen – auch mit denen, die sie eigentlich längst kennen. Nicht einmal bei Rabastan, der im letzten Schuljahr in den Stillarbeitsstunden oft neben ihr gesessen hat und mit dessen Familie sie seit Jahren verkehren, macht sie eine Ausnahme. Rabastans Grinsen macht die Peinlichkeit ein bisschen erträglich, doch als er sich nach vorn beugt, um ihren Handrücken mit einem angedeuteten Kuss zu bedenken, möchte sie trotzdem am liebsten im Boden versinken. Ihre Wangen fühlen sich so an, als hätte sie Feuer gefangen und sie ist heilfroh, dass es im Salon keinen Spiegel gibt, der ihr zeigen kann, wie kirschrot ihr Gesicht geworden ist. Im Gegensatz zu ihr gelingt es Bella, Haltung zu bewahren. Sie wird stets zuerst vorgestellt – das nimmt ihre Mutter sehr genau – und tritt Rabastan beherzt auf den Fuß, als er zum Handkuss ansetzt. Es ist schlimm – aber noch schlimmer wäre es, wenn sie allein hier stehen und sich präsentieren lassen müsste. Sie dankt es Bella trotzdem nicht, dass sie dafür gesorgt hat, dass sie zusammen nach unten gehen, sondern spricht so wenig wie möglich.

„Und das ist meine zweitjüngste Tochter, Andromeda.“ Ihre Mutter verwendet jedes Mal exakt dieselben Formulierungen und Andromeda ertappt sich dabei, dass sie nicht einmal mehr versucht, sich die Namen und Gesichter der Gäste zu merken. Die Stimme ihrer Mutter ist wie das Summen einer lästigen Mücke an einem lauen Sommerabend. Sie verzieht ihren Mund in regelmäßigen Abständen zu einem Lächeln und bietet ihre Hand für die Andeutung eines Kusses an. „Andromeda, das ist Mr. Erwin Goyle. Er hat uns im vergangenen Sommer bereits einmal beehrt.“ Automatisch streckt Andromeda ihre Hand aus und wird von einem festen, aber kalten Händedruck an Stelle des warmen Ausatmens oberhalb ihrer Fingerknöcheln überrascht.

„Es freut mich sehr, Sie wiederzusehen, Miss Black.“ Aufgeschreckt hebt sie ihren Blick und starrt auf die Knöpfe eines hellblauen Hemds. Sie legt den Kopf ein Stück in den Nacken. Der Mann, dessen Name ihr schon wieder entfallen ist, fällt nicht nur durch sein Begrüßungsritual, sondern auch durch seine Körpergröße auf.

„Guten Abend, Sir.“ Sie mustert ihn kurz und versucht dabei, sein Alter zu schätzen. Das ist nicht ganz leicht, da er anders als viele andere Männer keinen modischen Bart trägt, aber nach einem zweiten Blick kommt sie trotzdem zu dem Schluss, dass er mindestens zehn Jahre älter als sie selbst sein muss. Wenn nicht sogar fünfzehn. Oder zwanzig. Ihr Mund verzieht sich nochmal ganz automatisch zu einem Lächeln, ehe sie ihren Blick senkt und darauf wartet, dass ihre Mutter sie weiter zu dem nächsten Mann führt, der in der Welt von Druella Black als gute Partie gilt.

* * *

Kaum ist die Vorstellungsrunde überstanden, hat sie Bella an Rodolphus Lestrange verloren, der eine private Werbeveranstaltung für die Universität von St. Petersburg für ihre Schwester abhält. Obwohl Bella noch ein ganzes Jahr in Hogwarts vor sich hat, zweifelt Andromeda nicht daran, dass ihre Schwester längst den Plan gefasst hat, Großbritannien bei der erstbesten Gelegenheit zu verlassen, ehe ihre Mutter den ernsthaften Versuch unternehmen kann, Bella mit einem der Männer zu verheiraten, die sie hier und heute zu diesem Zweck versammelt hat.

Andromeda hat sich auf die Fensterbank des Salons gesetzt und sich dafür einen tadelnden Blick von ihrer Mutter eingefangen, doch keine zehn Hippogreife können sie dazu bringen, auf dem Sofa neben dem Mann namens Walden Macnair Platz zu nehmen, dessen Zähne so schwarz wie ihr Nachname sind und von dessen Umhang ein unangenehm süßlicher Geruch ausgeht. In Gedanken schreibt sie ihren Brief an Ted weiter und studiert das Gebaren der Männer.

Einige von ihnen schauen immer wieder zu herüber, während die meisten zufrieden damit zu sein scheinen, sich miteinander zu unterhalten. Das wundert sie überhaupt nicht, denn sie hat an solchen Abenden nur selten erlebt, dass ein Mann und eine Frau angeregt miteinander gesprochen hätten. Außerdem hat ihre Mutter keinen Zweifel daran gelassen, dass sie ihre Töchter an den Mann bringen möchte, sodass es großen Mut – und die Bereitschaft, sich von ihrer Mutter gründlich in die Mangel zu nehmen lassen – erfordern würde, Andromeda in ein Gespräch zu entwickeln.

Nachdem Andromeda ungefähr fünf verschiedene Enden für ihren Brief durchgegangen ist und einen ganzen Teller mit Kirschküchlein gegessen hat, kann sie nicht länger ignorieren, die warm und stickig und langweilig dieser Abend ist. Sie begutachtet ihre Fingernägel, die sie zuletzt in der Prüfungsphase lackiert hat. Ob sich jemand daran stören würde, wenn sie nach oben geht, um sich ein Fläschchen Nagellack zu holen? Sicher, der beißende Geruch würde nichts zur Verbesserung der Luft beitragen, doch darum scheren sich die Männer mit ihren Pfeifen und ihrem Feuerwhiskey und ihren müffelnden Umhängen ja auch nicht.

Sie ist schon auf der Treppe, als sie einen Pfiff hört. Sie ärgert sich, dass sie auf das Geräusch reagiert, noch bevor sie Rabastans Grinsen zu sehen bekommt. „Wie ein braves Hündchen.“

„Was willst du?“

„Mit dir bis ans Ende der Welt fliehen… oder wenigstens nach oben?“ Rabastan lockert seine gepunktete Krawatte, die ohnehin schon eher unordentlich gebunden war. „Da drinnen kann ja kein Mensch durchatmen… und du guckst so, als hättest du große Pläne?“

„Ich muss zur Toilette… und dann komme ich wieder nach unten. Sonst wird meine Mutter sich bis zum ersten September keine Gelegenheit entgehen lassen, um mich daran zu erinnern, dass ich sie schwer enttäuscht habe.“

„Und meinst du, ich darf mich zu dir setzen – oder muss ich dann direkt mit einem Verlobungsring aufwarten?“

„Das Risiko liegt allein bei dir.“

Rabastan nickt und setzt sich auf die unterste Stufe der Treppe. Es ist unmissverständlich, dass er dort auf sie warten wird, aber sie beeilt sich deshalb nicht gerade. Sie geht zur Toilette, obwohl sie eigentlich gar nicht muss, steckt drei Fläschchen Nagellack und eine Feile in ihren Strumpf, schminkt ihre Lippen nach und ordnet ihre Locken neu. Obwohl sie sicherlich eine Viertelstunde vertrödelt, hat Rabastan sich nicht vom Fleck gerührt. Er steht auf und bietet ihr für die letzte Treppenstufe seine Hand an. Sie ignoriert das Angebot und kehrt zielstrebig zu ihrem Platz auf der Fensterbank zurück. Er folgt ihr und setzt sich neben sie. Dabei hält er immerhin genügend Abstand ein, sodass sie die drei Nagellackfläschchen neben sich aufreihen kann.

Rabastan beobachtet kommentarlos, wie sie ihre Nägel feilt und hält ihr das Fläschchen mit dem hellgrünen Nagellack hin, den sie noch nie aufgetragen und erst letzte Woche für Hogwarts gekauft hat, weil er wunderbar mit ihrer Schuluniform harmonieren wird. „Der passt nicht zu meinem Kleid.“

„Aber zu dir.“

„Aha.“ Sie nimmt Rabastan das Fläschchen ab und er schnappt sich dafür die Nagelfeile. „Ich wusste gar nicht, dass du unter die Modeberater gegangen bist.“

„Ich habe viele Qualitäten, die dir unbekannt sind.“ Rabastan wirft ihr nicht vor, dass sie ihn in Hogwarts ignoriert, wann immer sie kann. Selbst bei den Mahlzeiten, bei denen sie nebeneinander sitzen, lässt sie sich nur selten dazu hinreißen, mit ihm über irgendetwas anderes als den Unterricht zu sprechen.

Andromeda kann nicht einmal so genau sagen, was Rabastan an sich hat, das sie davon abhält, sich auf seine Versuche, sich mit ihr anzufreunden, einzulassen. Er ist nicht unfreundlich oder gemein. Sein Sinn für Humor ist geschmacklos, aber wenigstens ist er nicht immer so todernst wie sein Bruder, der stets so guckt, als wäre er gerade auf einer Beerdigung gewesen. Er sieht auch nicht schlecht aus, das kann man wirklich nicht sagen, doch irgendetwas stößt sie ab. Obschon sie nicht erwartet, heute Abend noch eine grandiose Erkenntnis zu haben, betrachtet sie ihn dabei, wie er mit überschlagenen Beinen auf der Fensterbank thront und seinen Daumennagel mit ihrer Feile bearbeitet. Alles an diesem Anblick ist ein schreiender Gegensatz zu den Männern, die breitbeinig und aufrecht im Salon verteilt stehen, möglichst tiefe Züge von ihren Pfeifen oder Zigarren nehmen und wahrscheinlich noch nie eine Nagelfeile verwendet haben. Und dann hat sie vielleicht doch eine Offenbarung, die ihr eines Tages von großem Nutzen sein könnte. „Welchen von ihnen würdest du dir aussuchen, wenn du die Wahl hättest?“

Rabastan erstarrt und da weiß sie, dass sie einen Volltreffer gelandet hat. Da spielt es auch keine Rolle mehr, dass Rabastan sich besonders aufrecht hinsetzt und sich betont gelassen seinem Zeigefinger widmet. „Wo ist deine Schwester heute Abend eigentlich?“

„Gleich da vorn. Benötigst du eine Brille?“

„Es ging mir um die bezaubernde Narzissa. Sie fehlt hier.“

„Sie verbringt den Abend mit unseren Großeltern.“

„Narzissa wäre meine erste Wahl. Corban meine Zweite.“ Rabastan verzieht keine Miene und wirkt nicht im Mindesten beschämt über sein Geständnis, sodass sie ihren Ohren zuerst gar nicht trauen mag.

„Hast du das gerade wirklich gesagt?“

„Ich kann es auch kaum glauben.“ Rabastans trockener Tonfall passt kein Stück zu dem, was er da gerade sagt und Andromeda ist zutiefst verwirrt. Eben war sie sich noch ganz sicher, dass sie etwas Entscheidendes über ihn begriffen hat, doch nun ist sie verunsichert. Schließlich muss nicht jeder Mann, der etwas von Nagelpflege versteht, direkt an anderen Männern interessiert sein.

„Also bist du nicht…“

„Wieso interessiert es dich eigentlich auf einmal, wer oder was oder wie ich bin? Sonst stellst du mir doch auch keine persönlichen Fragen, sondern beschränkst dich darauf, mit mir über Verwandlungstheorien und Sternenkarten zu plaudern.“ Rabastan dreht sich zu ihr um und sieht ihr geradewegs in die Augen. „Sind wir jetzt etwa plötzlich Freunde, weil wir beide ein Geheimnis haben, für das so gut wie niemand in diesem Raum Verständnis hätte?“

„So gut wie niemand? Was meinst du damit?“

„Für mich und meine Schwäche hätte zum Beispiel Corban gewiss Verständnis. Was er von deiner Schwärmerei für ein Schlammblut hält, möchte ich lieber nicht wissen.“ Nun ist sie diejenige, die in eine Schockstarre verfällt und Rabastans Mundwinkel zucken. „Dachtest du wirklich, du wärst so undurchschaubar?“

„Du weißt nichts über mich.“

„Ich weiß nichts über dich, du weißt nichts über mich, niemand weiß irgendetwas über irgendjemanden.“ Aus seinem Grinsen wird ein Lächeln. „Dein Geheimnis ist sicher verwahrt.“

„Ich habe keine Geheimnisse.“

„Es ist schade, dass du mir nicht vertraust.“ Er lässt einen Seufzer des Bedauerns von sich hören. „Wir könnten so viel füreinander tun.“

„Falls du damit andeuten möchtest, dass du doch mit einem Verlobungsring aufwarten möchtest…“

„Ach, so weit würde ich nicht gehen. Aber so eine handfeste Verabredung in Madam Puddifoots Café hat noch niemandem geschadet.“

„Hogsmeade ist sehr weit weg.“

„Wir sprechen uns also im Oktober wieder?“

„Ich benötige keine falschen Verabredungen… aber einen guten Freund könnte ich gebrauchen.“

Rabastan runzelt die Stirn und dieses Stirnrunzeln scheint ihr zur Abwechslung mal wieder eine aufrichtige Reaktion von ihm zu sein und kein halbes Theaterstück. „Du willst keine Verabredungen, aber direkt einen ganzen Freund?“

„Keinen festen Freund, meine ich. Einfach nur einen Freund, einen guten Freund.“

„Aber du vertraust mir nicht.“

„Stimmt.“

„Nenn mich naiv, aber ich habe stets angenommen, dass Vertrauen sozusagen die Basis für eine Freundschaft ist. Für Geschäftliches oder Romantisches vielleicht nicht unbedingt, aber wenn wir von Freundschaft sprechen?“

„Wenn du nicht mit mir befreundet sein möchtest, dann kannst du es einfach sagen.“ Andromeda staunt darüber, wie gekränkt sie ist. Hat sie denn wirklich angenommen, dass es etwas zu bedeuten hat, dass Rabastan hier neben ihr sitzt und etwas von sich preisgibt? „Dann musst du aber auch nicht meinen Schatten spielen… oder meine Sternenkarten abschreiben!“

„Ich habe noch nie von dir abgeschrieben . Ich habe mich lediglich inspirieren lassen…“ Sie tut Rabastan nicht den Gefallen, etwas zu dieser Schönfärberei zu sagen. „… und ich könnte wohl auch eine gute Freundin gebrauchen.“

„Du traust mir also?“

„Keine drei Meter weit… aber was nicht ist, kann ja noch werden, oder?“

„Das klingt wie ein Neujahrsvorsatz.“

„Vielleicht sogar schon ein Vorsatz für das neue Schuljahr.“ Rabastan lehnt sich auf der Fensterbank zurück. „Ich wünsche, Narzissa wäre hier.“

„Was hast du heute nur immer mit Narzissa?“

„Ich mag sie eben.“

„Seit wann?“

„Immer schon.“ Rabastan schenkt ihr ein reizendes Lächeln. „Eines Tages werde ich mich auch öffentlich zu dieser Schwäche bekennen. Und dann wird eine gute Freundin mich sicherlich auch darin bestärken, Narzissa zu einem rosaroten Kakao auszuführen.“ Für ein, zwei, drei Sekunden lehnt Rabastan seinen Kopf ganz vertrauensvoll gegen ihre Schulter. Leider sind diese drei Sekunden, in denen Rabastan Lestrange sich wie ein anschmiegsames Kätzchen verhält, genau dieselben drei Sekunden, in denen Corban Yaxley einen Blick über seine Schulter wirft und sie ins Visier nimmt. Als er sich erneut seinem Gesprächspartner – Thorfinn Rowle, dessen Schnurrbart beinahe so markant ist wie sein Lispeln – zuwendet, sitzt Rabastan wieder anständig neben ihr.

„Und mein guter Freund wird mir sicherlich bei Zeiten erläutern, was er über Corban Yaxley weiß.“

Rabastan lacht auf. „Willst du die ganz schmutzigen Details oder willst du nur wissen, ob er sich nach mir oder nach dir den Hals verrenkt?“

„Letzteres wäre ein guter Anfang.“

„Nach dir.“ Rabastan schmunzelt. „Ich bin leider nicht so ganz sein Typ.“

„Aber er ist… wie nennt man das?“

„Weltoffen? Begeisterungsfähig? Orientierungslos? Nicht so heterosexuell wie man auf den ersten Blick meint?“ Rabastan lehnt sich zu ihr herüber, als wollte er in ihr Ohr flüstern wollen. Doch er flüstert nicht, er senkt seine Stimme auch nicht. Das muss er aber auch gar nicht, denn im Salon ist es laut genug, sodass sie auf ihrem Fensterplatz eine unübliche Redefreiheit genießen. „Bisexuell, man nennt es bisexuell.“

„Und er ist… bisexuell?“

„Das ist anzunehmen?“

„Er hat es dir also nicht gesagt?“

„Wo denkst du hin?“

„Woher weißt du es dann?“

„Ich bin ein guter Beobachter.“ Rabastan schlägt die Augen nieder und sieht dabei fast verlegen aus. „Und dass ich nicht sein Typ bin, weiß ich nur, weil er meiner gewesen wäre.“

„Er hat dich abgewiesen?“ Rabastan nickt und sie bewundert seinen Mut ganz unwillkürlich. Denn es braucht immer Mut, um sich in eine Situation zu bringen, in der man abgelehnt werden kann. „Soll ich dir die Fingernägel lackieren?“ Er starrt sie entgeistert an und sie kommt sich direkt blöd vor. Und kindisch. „Bella, Zissy und ich machen das manchmal, wenn eine von uns aufgemuntert werden muss. Mit bunten Fingernägeln sieht die Welt manchmal direkt ganz anders aus.“

„Das glaube ich dir zwar gern… aber zum einen ist diese Abfuhr verjährt… und zum anderen bin ich so schwul dann doch nicht. Nur weil ich mit Männern schlafen möchte, heißt das nicht, dass ich dabei wie ein Mädchen aussehen will.“

„So habe ich das auch gar nicht gemeint.“ Andromeda schraubt das Fläschchen mit dem hellgrünen Nagellack auf und widmet sich ihrem linken Daumennagel. „Wirst du ab sofort immer so unverblümt sein oder bist du heute außergewöhnlich betrunken?“ Es erschüttert sie ein bisschen, wie lange es gebraucht hat, bis sie in Erwägung gezogen hat, dass er womöglich nur so freimütig spricht, weil er nicht ganz bei sich ist. Es würde jedenfalls auch erklären, wieso es ihm nicht gelingt, im Flüsterton zu sprechen.

„ Außergewöhnlich würde ich es nicht nennen, aber betrunken bin ich.“ Er streckt seine Beine einmal aus, ehe er sie wieder überschlägt. „Du bist die Einzige, die hier nichts trinkt.“

„Ich bin fünfzehn, ich darf noch nicht trinken.“

Rabastan, der nur wenige Monate vor ihr Geburtstag hat, kichert leise. „Du bist wirklich ein braves Hündchen. Das allerbravste Hündchen der Welt.“

„Das brave Hündchen beißt dich gleich.“

„Oh bitte nicht, sonst verliebe ich mich doch noch in dich.“ Er rutscht von der Fensterbank. „Ich hole mir noch ein Glas Elfenwein. Was begehrt dein Herz?“

„Ruhe und Frieden… und eine Limonade. Mit Eiswürfeln, aber mit den kleinen, nicht mit diesen Eisklötzen für den Whiskey! Und mit einer Scheibe Zitrone.“

„Kommt sofort, Liebling.“