Hinterste Winkel
Hinterste Winkel
[7] Hinterste Winkel
It was given power to wage war against God’s holy people and to conquer them. And it was given authority over every tribe, people, language and nation.
[04. August 2020]
Theodore Greengrass ist ergraut, ansonsten jedoch unverändert. Andromeda ist keine Stammkundin der Portschlüsselzentrale und sie könnte so spontan nicht sagen, wann sie den Sohn von Gerald Nott – der seinem Vater abgesehen von der markanten Blässe kein Stück ähnelt – zuletzt gesehen oder gesprochen hätte. Theodore Greengrass, dessen Sinn für Humor sich bereits während der Abschlussprüfungen angedeutet hat, erhebt sich für sie und verbeugt sich aufsehenerregend tief. „Welch hoher Besuch, Mrs. Goyle.“
Die Anrede mit dem Namen, der seit über zehn Jahren in ihren amtlichen Dokumenten eingetragen ist und bei dem sie doch kaum jemals gerufen wird, irritiert sie… und es ist nicht zu übersehen, dass sie Theodore Greengrass mit dieser Irritation ein große Freude macht. „Es freut mich auch, Sie zu sehen, Mr. Greengrass. Wie geht es Ihnen?“
„Ich kann nicht klagen. Im Gegensatz zu meinem Töchterchen, das zum ersten September angeblich eine hundert Zoll lange Abhandlung über Entwaffnungszauber einreichen muss.“
„Das erscheint mir nur ganz leicht übertrieben.“
„Neunundneunzig Zoll also?“
„Mitsamt Fußnoten, die akademischen Maßstäben entsprechen.“
„Nichts ist schlimmer als unterforderte Zwölfjährige.“ Theodore Greengrass’ Mundwinkel zucken. „Womit kann ich dienen?“
„Ich würde gern heute Nachmittag, am liebsten um Viertel nach eins… oder sagen wir lieber, um zwanzig nach eins, mit einem Portschlüssel in die Winkelgasse reisen.“
„Können Sie schon sagen, von wo aus der Portschlüssel genutzt werden wird?“
„Liverpooler Umland. Benötigen Sie eine genaue Adresse?“
„Nicht doch, die Angabe reicht völlig. Ich nehme an, dass Sie nicht allein portschlüsseln werden? Auf wie viele Personen ist der Transport ausgerichtet?“
„Zwei Erwachsene und ein Kind.“
„Ich möchte darauf hinweisen, dass minderjährige Personen seit der Gesetzesänderung von 2017 nur im Beisein einer erziehungsberechtigten Person oder einer anerkannten Aufsichtsperson portschlüsseln dürfen. Ist diese Bedingung erfüllt?“
„Ja, diese Bedingung ist erfüllt. Aber nur so aus Neugierde, was ist unter einer anerkannten Aufsichtsperson zu verstehen?“
„Medizinisches Personal, beim Ministerium angemeldete Begleitpersonen von Kindern, die körperlich oder geistig beeinträchtigt sind und im Allgemeinen das pädagogische Personal von magischen oder misch-magischen Bildungs- und Erziehungseinrichtungen.“ Theodore Greengrass hat, während er diese Auflistung wenig schwungvoll herunterbetet, einen Schal mit langen Fransen aus dem Schrank hinter sich genommen und angefangen, das Accessoire mit seinem Zauberstab zu bearbeiten. „Einfache Fahrt?“
„Wie bitte?“
„Soll der Portschlüsseln auch zur Rückreise verwendet werden?“
Andromeda versucht, sich daran zu erinnern, wie lange die letzten Erstbesuche in der Winkelgasse gedauert haben. Zuletzt hat sie im Februar eine angehende Erstklässlerin – Penny Cowper – begleitet, deren älterer Bruder, Paul, bereits seit drei Jahren nach Hogwarts geht und die sie nur der Form halber begleitet hat. Da es sich bei der Mutter um einen Squib und bei dem Vater um eine nicht-magische Person gehandelt hat, war sie vor allem für den Transport unverzichtbar. Die Cowpers haben sich jedoch ohne zu Zögern für eine begleitete Reise über das Flohnetzwerk entschieden, da sie bei den vergangenen Besuchen in der Winkelgasse überein gekommen sind, das ihnen das Portschlüsseln suspekt ist. (Zu diesem Schluss kommen Bernadette und Beatrix vermutlich auch noch im Laufe des Tages, doch Andromeda wüsste nicht, wie sie gleichzeitig mit Bernadette und Beatrix von einem Kamin in den nächsten flohen sollte.) Da die Cowpers sich in der Winkelgasse bereits auskannten, hätte der Besuch rein theoretisch kürzer ausfallen können, doch sie haben sehr viel Zeit in der Magischen Menagerie verbracht, um eine möglichst freundliche Eule für ihre Tochter auszuwählen. „Der Zeitpunkt der Rückreise ist schwer einzuschätzen. Würden Sie einer Erwachsenen und einer Heranwachsenden ohne magische Reiseerfahrung eher eine Disapparation oder das Flohnetzwerk empfehlen?“
„Als Mitarbeiter der Portschlüsselzentrale würde ich natürlich zu einem flexiblen Portschlüssel raten… aber als Privatperson rate ich zum Flohnetzwerk. Ich nehme an, es geht um eine künftige Erstklässlerin?“
„Ganz genau.“
„Dann kann es nicht schaden, wenn sie vor ihrem ersten Schultag schon mal einen Kamin von Innen gesehen hat. Früher oder später wird sie dann ja in magischen Haushalten zu Gast sein oder ins Ministerium müssen und da ist das Flohen doch immer noch die beliebteste Transportmöglichkeit.“
„Guter Punkt… aber was sind flexible Portschlüssel?“
„Portschlüssel, die mit den Nutzern und Nutzerinnen an die Portschlüsselzentrale zurückgeleitet werden. Sobald ein Portschlüssel, der nur für eine Strecke aktiviert worden ist, sich verbraucht hat, landet er wieder bei uns. Es gibt die Möglichkeit, Portschlüssel so einzurichten, dass sie zu einem beliebigen Zeitpunkt ein zweites Mal verwendet werden können. In diesem Fall landen die Reisenden jedoch immer bei uns. Die Flexibilität bezieht sich also nur auf den Zeitpunkt der Rückreise, nicht jedoch auf den Zielort.“
„Das klingt gar nicht verkehrt. Von hier aus hätte ich dann ja auch wieder die Möglichkeit, die Rückreise nach Liverpool mit einem weiteren Portschlüssel zu buchen, oder nicht?“
„Natürlich. Das ist dann aber nicht gerade günstig.“
„Die Kosten werden von Hogwarts übernommen.“
„Ich wollte es nur erwähnt haben. Eine Ihrer Kolleginnen, die im vergangenen Monat ein ähnliches Unterfangen wie Sie geplant hat, hat sich darüber doch sehr wortreich empört.“
„Handelt es sich bei dieser Kollegin rein zufällig um Bathsheda Babbling?“
„Ich darf keine Informationen über die Aufträge anderer Kunden und Kundinnen der Portschlüsselzentrale mit Ihnen teilen.“
„Aber genau das haben Sie gerade eben erst getan.“
„Ein Moment der Schwäche.“ Theodore Greengrass schenkt ihr ein knappes Lächeln, ehe er den Schal auf seinem Schreibtisch eingehend mit seinem Zauberstab abklopft. „Sie wüssten nicht rein zufällig, ob Gregory derzeit noch im Lande oder schon im Urlaub ist?“
„Er ist ab Freitag im Urlaub, soweit ich weiß.“
„Gut für ihn.“
„Aber sicherlich nicht den gesamten August.“ Andromeda ist sich nicht ganz sicher, ob Theodore Greengrass hier eine echte Auskunft von ihr benötigt oder ob er nicht bloß untypisch konkreten Smalltalk betreibt, sodass sie es dabei belässt. Die Verzauberung des Schals, der für sie wie ein ganz gewöhnlicher Schal aussieht, ist ohnehin interessanter als alles, worüber sie sich aus dem Stand mit Theodore Greengrass unterhalten könnte.
* * *
Weder Bernadette Black noch ihrer Tochter bekommt das Portschlüsseln allzu schlecht. Oder zumindest bleibt keine Zeit für eine ausführliche Beschwerde, denn sobald sie in die Winkelgasse eintreten, sind Beatrix und Bernadette gleichermaßen fasziniert. Natürlich bemüht Bernadette sich darum, die Fassung zu bewahren, während sie Mühe haben, Beatrix davon zu überzeugen, dass sie zuerst zu Gringotts müssen, um Pfund gegen Galleonen einzutauschen. Ein Besuch bei dem Zauberstabmacher, der sich Ollivanders Geschäft angenommen hat, der Kesselmacherei und Flourish & Blotts sind Pflichtübungen, die Beatrix nicht wirklich auslasten, sodass sie den Gang zu Madam Malkin oder Twilfitt & Tattings gedanklich ans Ende des Nachmittags setzt, damit die Schneiderinnen es nicht mit einer unaufhörlich hüpfenden Elfjährigen zu tun kriegen.
Andromeda nutzt den Moment, in dem Beatrix an dem Schaufenster von Weasleys Zauberhafte Zauberscherze klebt, um Bernadette über ihre Idee für den Ablauf des Tages zu informieren. „In der Schneiderei wird heute sowieso nur Maß genommen, die fertigen Umhänge werden Ihnen postalisch zugestellt.“
„Wieso muss eine Schuluniform maßgeschneidert werden?“
„Das ist so üblich. Aber wenn Ihnen die Kosten zu hoch sind, gibt es sicherlich auch Modelle, die bereits fertiggestellt worden sind… bei Twilfitt & Tattings ist die Maßnahme etwas hochpreisiger, aber in der Schneiderei von Madam Malkin werden die Uniformen für Hogwarts so günstig wie möglich angeboten.“
Bernadette Black zuckt ratlos mit den Schultern und Andromeda versucht, sich daran zu erinnern, wie es ihr bei ihrem ersten Besuch in der Winkelgasse ergangen ist, obwohl man das kaum vergleichen kann. Denn sie war bei ihrem ersten Besuch in der Winkelgasse – oder zumindest bei dem ersten Besuch, an den sie sich erinnern kann – vielleicht vier oder fünf Jahre alt und musste sich nicht in einem halben Dutzend Läden orientieren, sondern hat lediglich ein Eis mit ihrer großen Schwester und ihrer Tante gegessen und sich ein herrlich glitzerndes Armband bei dem Juwelier ausgesucht, den ihre Tante zu Lebzeiten ziemlich reich gemacht hat und bei dem Bellatrix und sie deshalb auch wie Prinzessinnen behandelt worden sind. Andromeda lässt ihren Blick über die Fassade von Weasleys Zauberhafte Zauberscherze wandern, in deren Ladengeschäft in den Sechzigern ein Geschäft beheimatet gewesen ist, das sich auf die Planung von Jagdausflüge in Gegenden spezialisiert hat, in denen besonders viele magische Lebensformen anzutreffen sind.
„Vielleicht erinnern Sie sich daran, dass in dem Schreiben aus Hogwarts erwähnt wird, dass Bellatrix eine Kröte, eine Eule oder eine Katze mitbringen darf.“
„Meine Tochter heißt Beatrix.“
„Das weiß ich.“
„Sie haben aber Bellatrix gesagt.“
„Oh.“ Obwohl Andromeda befürchtet hat, dass es zu diesem Versprecher kommen würde, hat sie gehofft, dass es nicht so bald passieren würde. „Verzeihung, das war keine Absicht, sondern nur die Gewohnheit. Ich kannte mal eine Bellatrix.“
„Das ist ein ziemlich ungewöhnlicher Name.“
„Das stimmt, aber es gibt viele Hexen und Zauberer, die sich damit rühmen, ihren Kindern keine allzu gewöhnliche Namen zu verleihen oder sich an irgendwelchen Moden zu orientieren.“ Andromeda wittert ihre Chance, eine Frage loszuwerden, von der sie beinahe vergessen hat, dass sie diese stellen wollte. „Wie sind Sie eigentlich auf den Namen Beatrix gekommen? So ganz modern ist das ja auch nicht.“ Sie hofft, dass ihre Frage neugierig und freundlich daher kommt… doch leider guckt Bernadette so, als hätte Andromeda ihr einen gemeinen Vorwurf gemacht.
„Ich fand den Namen schön.“
„Sie haben ihn also selbst ausgesucht?“
„Wer denn sonst?“
„Verzeihung, das war eine unsensible Frage. Ich war bloß neugierig… und ich dachte, Ihnen hätte vielleicht der Gleichklang zugesagt.“
„Welcher Gleichklang?“
„Des Namens? Beatrix Black. Bernadette Black. Das klingt ja doch gut.“
„Ja… ja, das tut es wohl.“ Bernadette Black schaut sie einige Sekunden lang mit einem unnatürlich starren Blick an, ehe sie irritiert blinzelt. Das kann natürlich ein ganz individueller Tick sein, doch in Andromeda keimt erneut der ungute Verdacht auf, dass Bernadette Black in der Vergangenheit mit einem Vergessenszauber belegt worden ist. Obwohl Andromeda selbst noch nie einen Vergessenszauber ausgesprochen hat oder mit einem belegt worden ist, hat sie Einiges an Literatur darüber gelesen. Die markante Kombination aus Starren und Blinzeln ist darin oft genug erwähnt worden. Ob dieser Vergessenszauber nun so professionell und mit böser Absicht ausgeführt worden ist oder ob es sich dabei um das Werk eines verzweifelten Stümpers handelt, der sich in Bernadette verliebt hat und es darum mit dem Geheimhaltungsabkommen nicht genau genug genommen hat, kann sie natürlich nur mutmaßen. (Will sie aber gar nicht mutmaßen. Nur nicht mutmaßen.) „Ich bin übrigens allergisch gegen Tierhaare. Vor allem gegen Hunde und Katzen.“
Nun ist Andromeda diejenige, die irritiert ist. „Wie bitte?“
„Na wegen des Haustiers. Trixie kann sich unmöglich eine Katze zulegen, das würde mich umbringen. Und für eine Eule haben wir auch keinen Platz. Wie soll man denn eine Eule halten, wenn man nicht gerade in einem Hexenhäuschen mitten im Wald lebt? Was soll ich denn unseren Nachbarn erzählen, wenn bei uns eine Eule herumflattert? Außerdem sind die doch auch nachtaktiv, oder?“
„Die meisten Arten sind nachtaktiv, ja.“ Andromeda beobachtet, wie Beatrix sich langsam von den bunten Schaufenster der Weasleys löst. „Eine Kröte wäre Ihnen also recht?“
„ Mir schon… aber Trixie hat Angst vor Fröschen, seitdem sie mal einen mit dem Fahrrad platt gefahren hat. Sie mag sich nicht einmal Filme mit animierten Fröschen ansehen.“
„Ich verstehe… wie sieht es mit Ratten aus?“ Bernadette Black zieht eine angewiderte Grimasse, die nicht viel Spielraum für Interpretationen lässt. „Oder mit einem Kniesel?“
„Müsste ich wissen, was ein Kniesel ist?“
„Oh nein, natürlich nicht, Verzeihung. Kniesel sehen Katzen recht ähnlich und gelten, soweit ich weiß, auch als entfernte Verwandte… aber ich habe noch nie gehört, dass eine Hexe oder ein Zauberer gegen Kniesel allergisch gewesen wäre.“
„Ich bin aber keine Hexe.“
„Das stimmt natürlich… ich wollte damit eigentlich auch eher sagen, dass ich Kniesel für recht hypoallergen halte.“
„Braucht Trixie denn unbedingt ein Haustier? Das ist doch nicht verpflichtend, oder?“
„Nein, natürlich nicht… aber vielen Kindern hilft es, ein Tier mit nach Hogwarts zu bringen. Gegen das Heimweh… und überhaupt ist es gut, wenn Kinder lernen, die Verantwortung für ein anderes Lebewesen zu tragen und sich zu kümmern.“
„Wo bekommt man denn so einen Kniesel?“
„Wir könnten in der Magischen Menagerie einmal nachfragen, ob es derzeit einen handzahmen Kniesel gibt, der auf der Suche nach einem neuen Zuhause ist… in der Menagerie gibt es allerdings auch einige Katzen, also wäre es vielleicht besser, wenn ich Beatrix begleite. Oder wir bitten einen der Mitarbeiter, uns vor dem Geschäft auf der Straße zu beraten.“
„Ach, machen Sie nur, machen Sie nur. Ich sehe diesen Kniesel ja sowieso nur ein paar Wochen im Jahr.“ Bernadette Black wendet sich von ihr ab, doch es ist nicht zu übersehen, dass sie weint.
„Oh Bernadette, so habe ich das wirklich nicht gemeint.“
„Gehen Sie einfach mit Trixie in diese Menagerie. Ich warte hier.“ Bernadette drückt Andromeda ihre Geldbörse in die Hand, ohne sie anzusehen. „Ich brauche sowieso einen Moment für mich.“
„Es tut mir leid, Bernadette… ich… ich…“ Andromeda weiß nicht, was sie sagen soll, denn wie könnte sie Bernadette Black mit Worten begreiflich machen, dass Hogwarts ihr nicht ihre Tochter stehlen wird? Wie kann sie ihr das Gefühl nehmen, dass Beatrix ihr entrissen wird? „Ich werde jetzt mit Beatrix in die Menagerie gehen. Die Menagerie ist das Geschäft mit den verhangenen Schaufenstern, quasi gegenüber der Buchhandlung… und ich möchte Sie nochmal daran erinnern, dass Sie Ihre Tochter und den Kniesel, den sie sich vielleicht gleich aussuchen wird, ganz regelmäßig besuchen können.“
„Bitte gehen Sie, ja?“ Bernadette schnieft leise. „Ich will nicht, dass Trixie mich schon wieder weinen sieht. Sie hat sich in den letzten Tagen schon angewöhnt, mich zu trösten und ich will sie nicht vollkommen parentifiziert nach Hogwarts schicken.“
„Parentifiziert?“
„Kennen Sie den Begriff nicht? Ich dachte, Sie wären Pädagogin?“
„Doch, ich kenne den Begriff. Ich denke nur nicht, dass Parentifizierung innerhalb von einer Woche stattfinden kann.“
„Wahrscheinlich nicht.“ Bernadette holt eine Packung Taschentücher aus ihrer Handtasche und putzt sich leise die Nase. „Ich möchte trotzdem nicht, dass sie mich ständig so erleben muss. Sie freut sich so über all das… und ich bin ja auch froh, dass sie sich darüber freut und es nicht genauso schrecklich findet wie ich. Aber ich brauche hin und wieder einen Moment, in dem ich es einfach nur schrecklich finden kann.“
„Ich verstehe… dann treffen wir uns wieder hier oder vor der Menagerie… oder vielleicht in dem Eiscafé dort drüben? Ich würde Beatrix und Sie gern auf einen Eisbecher einladen… oder vielleicht einen Eiskaffee für Sie?“
„Ist der Eiskaffee magisch?“
„Nein, aber sehr lecker.“
* * *
Nachdem Beatrix eine kleine Ewigkeit damit verbracht hat, die Herde vernachlässigter Minimuffs zu begutachten, die gleich im Eingangsbereich der Menagerie einen recht großen Käfig bewohnen, ist sie kurz entschlossen, als die Mitarbeiterin der Menagerie ihr einen hellbraunen Kniesel mit nur drei Pfoten vorführt. Das augenscheinlich lädierte Tier ist ebenso augenscheinlich zufrieden damit, von Beatrix auserkoren worden zu sein und lässt sich nicht nur hinter den Ohren, sondern auch unterm Bauch kraulen. Beatrix quiekt verzückt und bespricht den verliebten Kniesel, während Andromeda die Galleonen, die Bernadette ihr mitgegeben hat, an die Mitarbeiterin der Menagerie weiterreicht.
„Ein schönes Paar sind sie.“ Die Frau, die fast so blond wie Beatrix ist, schmunzelt und offenbart damit zum ersten Mal, wie alt sie bereits ist. Bisher hätte Andromeda geschätzt, dass sie etwa in Dracos Alter sein könnte, doch nun korrigiert sie ihre Schätzung locker zehn Jahre nach oben. „Bekommt Ihre Enkelin sie als Begleiterin für Hogwarts?“
„Meine Schülerin. Aber ja.“
„Oh, Entschuldigung. Sie haben so vertraut miteinander gewirkt.“ Die Verkäuferin mustert sie neugierig. „Darf ich fragen, welches Fach Sie in Hogwarts unterrichten? Meine Nichte ist dieses Jahr fertig geworden.“
„Ich bin eine der beiden Professorinnen für Verteidigung gegen die dunklen Künste.“
„Ah! Also dann Professor Edgecombe?“
„Tonks.“
„Oh.“ Das Lächeln der Verkäuferin verrutscht und Andromeda muss sich das Lachen verkneifen, denn es ist nicht das erste Mal, dass sie Verwandten von Schülern oder Schülerinnen oder Ehemaligen ansehen kann, dass zuhause nicht in den höchsten Tönen von ihr gesprochen wird. „Was könnte eine frischgebackene Knieselbesitzerin Ihrer Meinung nach noch so gebrauchen? Sind Kniesel von handelsüblichem Katzenfutter zu überzeugen, das in nicht-magischen Geschäften erworben werden kann?“
„Oh, lieber nicht. Wir raten nicht-magischen Elternteilen eher zu Kartoffeln, Möhren und Nüssen.“
„Nüsse?“
„Die Nährstoffe entsprechen zu drei Vierteln dem Futter, mit dem wir unsere Schützlinge versorgen.“ Die Verkäuferin lächelt verschwörerisch. „Handelsübliche Katzenminze kommt aber bei fast allen gut an.“
„Verstehe… und Fleisch ist überflüssig? Ich dachte immer, Kniesel wären von Natur aus Jäger.“
„Oh, das sind sie auch. Aber ihr Organismus benötigt kein Fleisch. Sie jagen zum Spaß, könnte man sagen.“
„Zum… Spaß ?“
„Kniesel sind komplexe Geschöpfe. Wenn Sie eine Literaturempfehlung möchten, dann kann ich Ihnen gern eine Liste mit Titeln zusammenstellen, die nebenan bei Flourish & Blotts bestellbar oder sogar vorrätig sind.“
„Danke, aber ich denke, ich werde in der Bibliothek von Hogwarts sicherlich fündig.“
„Aber gewiss.“ Das verkniffene Lächeln der Verkäuferin verrät ihr, dass hier jemandem eine Provision flöten gegangen ist.
Langsam geht sie auf die selbstvergessene Beatrix und den Kniesel zu und kniet sich neben die beiden. „Hast du dir schon einen Namen überlegt?“
„Sherlock!“
„Wie Sherlock Holmes?“
Beatrix nickt bekräftigend und streichelt andächtig über das Köpfchen ihres neuen Haustieres.
„Ich glaube, es handelt sich um eine Knieseldame.“
„Na und?“ Beatrix schaut sie ausdruckslos an und Andromeda hebt abwehrend die Hände, denn sie fühlt sich prompt an eine langwierige Diskussion mit Teddy erinnert, der seine erste Eule auch unbedingt Sir Lancelot nennen wollte, obwohl es sich dabei um ein Weibchen gehandelt hat. „Was ist, wenn Mum doch allergisch ist und ich Sherlock wieder zurückbringen muss?“
„Falls deine Mutter wirklich allergisch gegen Kniesel sein sollte, dann darf Sherlock eben ein wenig früher als du nach Hogwarts kommen und ihr trefft euch dort am ersten September wieder.“ Dieses Versprechen ist Andromeda viel zu leicht über die Lippen gekommen, doch Beatrix strahlt sie an und sie rechnet kurz damit, dass die Elfjährige ihr um den Hals fällt, doch dann schlingt sie stattdessen beide Arme um den Kniesel, der sich nicht dagegen wehrt, sondern zufrieden schnurrt. (Wenn Andromeda an die Kniesel zurückdenkt, die bisher ihren Lebensweg gekreuzt haben, dann hegt sie den starken Verdacht, dass Sherlock Holmes mindestens eine handzahme Hauskatze zu ihren Vorfahren zählen kann.)
* * *
Bernadette reagiert skeptisch, aber nicht allergisch auf Sherlock Holmes, die artig auf dem Schoß ihrer Tochter sitzt und Beatrix daran hindert, ihre Eisschokolade zu verzehren. Doch insgesamt wirkt Bernadette nicht so, als würde sie sich in dem Eiscafé der Familie Fortescue, das sich kaum von einer nicht-magischen Lokalität unterscheidet, allzu deplatziert fühlen. Zumindest trinkt sie den Eiskaffee, isst die drachenförmige Waffel, die darin gesteckt hat – und holt eine kleine, hellgrüne Schachtel heraus, die Andromeda erst als E-Zigarette einordnen kann, als Bernadette sie an ihren Mundwinkel führt. Beatrix rümpft ganz demonstrativ ihre Nase und dreht sich auf ihrem Stuhl weg, sagt aber nichts weiter dazu. Dieser stumme Tadel erinnert Andromeda an Zissy, die auch immer besonders großartige Grimassen gezogen hat, wenn ihr Vater und ihr Onkel ihre Zigarren ausgepackt haben, während sie selbst noch beim Dessert gewesen ist.
„Und wie geht es jetzt weiter?“ Bernadette pustet den Rauch in Richtung des Nebentischs, der von zwei betagten Zauberern besetzt wird, die selbst vor einem gut gefüllten Aschenbecher sitzen.
„Die Uniform fehlt noch, aber danach wären alle Erledigungen abgeschlossen. Falls es einen Laden gibt, der euch interessiert, begleite ich euch gern weiter. Andernfalls würde ich euch zurück nach Hause bringen.“
„Und danach? Der Unterricht in Hogwarts beginnt am ersten September?“
„Der Unterricht startet am zweiten September. Am ersten September gibt es abends ein großes Festmahl zum Auftakt des neuen Schuljahres. Die meisten Schüler und Schülerinnen reisen mit dem Hogwarts-Express an. Das ist ein Zug, der von London hoch nach Hogwarts fährt.“
„Über Liverpool?“
„Es… ehm… also es gibt eigentlich keine Zwischenhalte.“ Bernadette und Beatrix sehen gleichermaßen verwirrt aus. Das ist kein Wunder, denn die Route des Hogwarts-Express ist nichts als unlogisch. „Der Londoner Bahnhof King’s Cross galt früher für Hexen und Zauberer als unvergleichlich gut zu erreichen, da das Flohnetzwerk, mit dem viele magische Familie angebunden sind, von dort aus ausgebaut worden ist. Für die Familien, die nördlich von London wohnen und es eigentlich gar nicht so weit bis nach Hogwarts hätten, ist es streng genommen natürlich ein Umweg… aber die Fahrt mit dem Zug hat Tradition. Außerdem – und das ist wohl eigentlich viel wichtiger – ist es aber auch immer eine gute Gelegenheit, um erste Kontakte mit zukünftigen Mitschülern und Mitschülerinnen zu knüpfen. Und in den späteren Jahren ist es dann eine schöne Möglichkeit, um sich über die Ferien auszutauschen.“
„Sie erwarten also von uns, dass wir uns ein Zugticket nach London kaufen, damit Trixie dann von London weiter nach Schottland reisen kann?“ Bernadette pustet wieder eine Rauchwolke aus ihrem Mundwinkel. „Das ist doch Schwachsinn.“
„Es ist nicht ganz logisch, da stimme ich vollkommen zu. Und natürlich übernimmt Hogwarts die Kosten für die Fahrt nach London. Oder für einen Portschlüssel. Wenn ihr Gefallen am Portschlüsseln gefunden habt, werde ich gern einen Portschlüssel für den ersten September in Auftrag geben.“
„Wir möchten keine Sonderbehandlung.“
„Das ist keine Sonderbehandlung.“
„Sie nehmen sich also für alle Familien so viel Zeit?“
„Alle nicht-magischen Familien erhalten von einer Lehrkraft aus Hogwarts eine Einführung in die Zauberwelt und werden bis zum ersten Schultag begleitet. Das ganze Kollegium teilt sich diese Aufgabe, sodass jede und jeder für höchstens ein halbes Dutzend Erstkontakte pro Jahr verantwortlich ist, sodass wir uns ausreichend Zeit nehmen können.“ Sie lächelt Beatrix zu, die ihnen zwar zuhört, aber ganz zufrieden damit ist, Sherlock Holmes zu streicheln und dann und wann einen Schluck von ihrer Eisschokolade zu trinken. „Falls ihr euch einen Anschluss an das Flohnetzwerk wünscht, bin ich dabei ebenfalls gern behilflich. Andernfalls werden meine Kollegen und ich euch auch in den kommenden Schuljahren bei der Anreise nach Hogwarts unterstützen. Genau wie bei möglichen Besuchen von Ihnen, Bernadette.“
Bernadette Black verzieht keine Miene. „Ich habe eben gesehen, dass es ein Teegeschäft gibt. Das würde mich noch interessieren… dich auch, Trixie?“
„Nee.“
„Warum habe ich überhaupt gefragt?“
„Wir könnten den Laden von Madame Li gemeinsam besuchen… oder Beatrix und ich gehen schon einmal vor zu Madam Malkin und kümmern uns um die Uniformen? Oder lieber zu Twilfitt & Tattings ?“
„Das ist der teure Laden, oder?“
„Geringfügig teurer. Bei Twilfitt & Tattings verdient man Geld mit Ballkleidern und Festumhängen, die Schuluniformen sind dort an sich auch nicht unbedingt teurer. Lediglich die Maßnahme kostet ein wenig mehr… aber wir reden hier vielleicht von drei oder vier Galleonen, also rund zwanzig Pfund. Nicht von einem halben Vermögen.“
„Ist das eine Werbeveranstaltung? Kassieren Sie Provision bei Twilfitt & Tattings ? Oder bei beiden?“
„Keineswegs.“ Andromeda zwingt sich, einfach weiter zu lächeln, denn im Grunde genommen versteht sie immer noch sehr gut, woher Bernadette ihre Antipathie nimmt. „Ich persönlich ziehe allerdings tatsächlich Twilfitt & Tattings vor und rate vor allem Müttern und Töchtern dazu, da dort ausschließlich Hexen tätig sind und die Inhaberin sehr darauf achtet, dass junge Frauen sich bei ihr wohlfühlen. Nicht, dass Madam Malkin nicht auch eine hervorragende Schneiderin wäre, aber der Laden ist kleiner und verwinkelter, sodass die Anprobe oft mitten auf dem Gang oder manchmal auch halb im Schaufenster stattfindet. Das kann durchaus anstrengend sein.“
„Nun ja, mir soll es egal.“ Bernadette schaut ihre Tochter an. „Du kannst entscheiden, wo du vermessen werden möchtest. Auf diese zwanzig Pfund soll es heute nicht ankommen.“
Trixie wählt zunächst die Schneiderei von Madam Malkin aus, macht jedoch einen Rückzieher, als die amtierende Chefschneiderin ihr erklärt, dass für ihren Kniesel kein Platz in der Schneiderei ist. Bei Twilfitt & Tattings werden Trixie und Sherlock beide mit einem Glas – beziehungsweise einem Napf – Wasser begrüßt und für die Maßnahme in ein Nebenzimmer geführt. Andromeda verbleibt im Eingangsbereich, sodass Bernadette keine Schwierigkeiten hat, sie zu sehen, wenn sie aus dem Geschäft von Madam Li zurückkehrt.
Es ist einigermaßen anstrengend, mit einem Auge bei Beatrix zu verbleiben und zugleich auf den Trubel in der Winkelgasse zu achten, in dem eine durchschnittlich große, dezent gekleidete Frau wie Bernadette nicht gerade leicht zu erkennen ist. Trotzdem gelingt es Andromeda, Bernadette rechtzeitig zu erkennen. Sie winkt ihr durch die gläserne Tür der Schneiderei, doch Bernadette starrt ins Leere. Besorgt tritt Andromeda aus der Schneiderei und geht zu Bernadette herüber, die wenige Schritte davor zum Stehen gekommen ist. Sanft berührt sie Bernadette an der Schulter, über die ein Leinenbeutel hängt, der mit dem Logo von Madame Lis Teegeschäft verziert ist. „Bernadette? Geht es Ihnen gut?“
„Mir ist sein Name wieder eingefallen.“ Bernadettes Stimme ist nicht mehr als ein Flüstern und sie blinzelt heftig, ehe ihre Augen nach Andromeda suchen. „Mir ist sein Name wieder eingefallen. Einfach so.“
Andromeda zügelt ihre Neugierde und streicht beruhigend über Bernadettes Schulter. „Aber das ist doch gut, oder?“
„Ich… ich weiß es nicht. Es ist auch wieder so ein seltsamer Name.“ Sie schüttelt ihren Kopf heftig. „Er sah auch so seltsam aus.“
Nun geht es doch mit Andromeda durch und sie kann ihre Neugier nicht länger unterdrücken. „Sie erinnern sich auch an sein Gesicht?“
„Nur ein bisschen.“ Bernadette scheut zurück und starrt auf Andromedas Hand. Rasch zieht sie sich zurück. „Wie geht es Trixie?“
„Trixie geht es prima. Sie hat sich schon für einen Hexenhut entschieden, muss sich aber noch ausmessen lassen.“ Sie versucht sich – zum wer weiß wievielten Mal an diesem Tag – an einem beruhigenden Lächeln. „Was meinen Sie damit, dass sein Gesicht seltsam gewesen wäre?“
„Naja, nicht direkt seltsam… aber so alt.“ Bernadettes Wangen verfärben sich dunkelrot. „Ich weiß, dass es Frauen gibt, die diese Vorliebe haben, aber ich habe mich nie für Männer interessiert, die deutlich älter sind als ich. Ich habe sogar häufiger Männer getroffen, die eher ein paar Jahre jünger gewesen sind als ich. Also auch nicht viele Jahre, aber… oh Gott, er muss mindestens sechzig gewesen sein. Und das schon damals. Das heißt, er ist jetzt siebzig oder sogar noch älter! Er könnte mein Vater sein! Oder sogar mein Großvater!“ Bernadettes Stimme zittert – und mit ihr auch gleich der Rest ihres Körpers.
Andromeda überlegt krampfhaft, wie sie Trost spenden kann, ohne Bernadette auf die Pelle zu rücken, als sie plötzlich glaubt, sich verhört zu haben. „Was haben Sie da gerade gesagt?“
Bernadette spricht immer noch sehr leise und sehr zittrig, doch diesmal versteht Andromeda sie klar und deutlich. Diesmal gibt es kein Vertun. „ Erwin. Das ist schon so ein verdammt großväterlicher Name.“