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Sanktuarium

The Beast Out Of The Sea — www.fanfiktion.de · All chapters

Sanktuarium

[8] Sanktuarium

All inhabitants of the earth will worship the beast—all whose names have not been written in the Lamb’s book of life, the Lamb who was slain from the creation of the world.

[05. August 2020]

Andromeda hört das dezente Klopfen an der hölzernen Tür, entscheidet sich jedoch gegen eine Reaktion. Sie entscheidet es nicht wirklich, sie hat ganz einfach keine Reaktion in sich. Sie möchte ihre Schwester nicht hereinbitten. Oder ihren Schwager. Oder Scorpius. (Sie hat ihren Großneffen noch nicht zu Gesicht bekommen, doch sie weiß, dass er der gebetene Gast in Malfoy Manor ist, während sie selbst das Idyll stört.)

„Von mir aus kannst du da drinnen bleiben, bis dir die Decke auf den Kopf fällt…“ Narzissa klingt nicht direkt tadelnd, aber sie weiß, dass sie ihre Schwester gekränkt hat, als sie ohne viele Worte das Zimmer bezogen hat, in dem sie üblicherweise untergebracht wird, wenn sie eine Nacht im Manor verbringt. „… aber du musst dich nicht länger verstecken. Er war hier. Er hat nach dir gefragt… und er ist wieder gegangen.“

Andromeda spürt, wie schnell ihr Herz schlägt und setzt sich auf. Sie hat es gewusst. Sie hat gewusst, dass Erwin nicht kommentarlos hinnehmen würde, dass sie nicht nach Hause kommt. Ob er zuerst in Hogwarts nach ihr gefragt hat? Oder bei Gregory? Oder hat er gleich gewusst, dass es für sie keinen Fluchtpunkt außer Malfoy Manor geben kann? „Was hast du zu ihm gesagt?“

„Ich habe nicht gelogen.“ Narzissa seufzt hinter der verschlossenen Tür. „Aber ich habe ihm auch gesagt, dass er in meinem Haus nur dann willkommen ist, wenn er von dir oder von Gregory mitgebracht wird.“

„Danke.“

„Dafür nicht.“ Ihre Schwester seufzt wieder. „Nimmst du am Abendessen teil? Lucius fantasiert davon, den Grill einzuweihen, aber er meint, für drei Leute lohnt es sich kaum.“

„Ich dachte, Scorpius wäre so ein starker Esser geworden?“

„Er bleibt hinter unseren Erwartungen zurück.“

„Tragisch.“

„Also isst du mit uns?“

„Ja.“

„Gut. Magst du Forelle immer noch lieber als Lachs?“

„Ja.“ In ihrer Brust macht sich ein unangenehmes Ziehen bemerkbar und sie versucht, nicht daran zu denken, wie sehr Erwin sich vor nicht einmal einer Woche beim Kochen ins Zeug gelegt hat. Wie unaufregend und perfekt dieser Abend war. Wie sicher sie sich da noch gewesen ist, dass der Rest ihres Lebens aus solchen Sommerabenden mit Erwin Goyle bestehen könnte. Erwin. Das ist schon so ein verdammt großväterlicher Name. Sie schließt die Augen, presst zusätzlich noch ihre Handflächen auf ihr Gesicht und atmet zwischen ihren kleinen Finger aus und wieder ein und wieder aus und wieder ein.

* * *

Scorpius ist von ihrer Anwesenheit irritiert, gibt sich aber alle Mühe, sich nichts anmerken zu lassen. Da Scorpius nicht erst seit heute, sondern bereits seit Montag im Manor ist, sind die obligatorischen Fragen nach Hogwarts schon abgehakt und es wird über Bücher gesprochen. Und über das Wohlbefinden aller bekannten Katzen. Über das Wetter. Über die Ausflüge, die in dieser Woche noch gemacht werden wollen. Über die Brettspiele, die es zu spielen gilt.

Der Nachtisch – Zitronentörtchen, die natürlich niemand anderes als Lucius gebacken hat – geht nahtlos in eine Partie Hexchen-Ärgere-Dich-Nicht über und Andromeda ist froh, dass dieses Spiel seinem Namen niemals alle Ehre macht und sich irgendwie doch immer wieder jemand ärgert, sodass es nicht zu einer zweiten Runde kommt. Scorpius schlägt den Wechsel zu Drachenmanöver vor und das ist der Moment, in dem Lucius sich ausklinkt und verkündet, dass er seine abendliche Runde bei den Pfauen drehen wird. „Leihst du mir eine Hand?“

Andromeda merkt nicht gleich, dass Lucius diese Frage nicht etwa an Scorpius, sondern an sie richtet. Natürlich hat sie ihrem Schwager in der Vergangenheit schon den Gefallen getan und sich die Pfauen vorführen lassen, doch sie möchte nicht glauben, dass sie dabei einen allzu interessierten Eindruck bei Lucius hinterlassen hat. Die Frage verblüfft sie leider dermaßen, dass sie schon aufgestanden ist, ehe sie darüber nachdenken kann, ob sie heute wirklich noch einen Pfauenschnabel aus der Nähe sehen mag.

Sie ist schon auf halbem Wege zu dem Gehege der Pfauen, als sie nochmal einen Versuch unternimmt, sich von diesem Vorhaben zu distanzieren. „Ich habe gar kein gutes Händchen für Vögel.“

„Ich weiß.“ Lucius dreht sich nicht zu ihr um, sondern schickt einen Leuchtzauber voraus, obwohl die Sonne noch nicht vollständig untergegangen ist. „Ich wollte dir nur die Gelegenheit geben, dich wieder zurückzuziehen.“

„Oh.“

„Ich weiß nicht, ob Zissy es dir so direkt gesagt hat, aber sie ist froh, dass du hier bist.“ Nun dreht Lucius sich doch zu ihr um. „Wahrscheinlich hat sie es dir nicht gesagt, aber es bedeutet ihr sehr viel, dass du zu ihr gekommen bist… und dass du dich hier sicher fühlst.“

„Ich…“ Andromeda weiß nicht, was das für ein Reflex ist, der sie zu einem Widerspruch ansetzen lässt, denn es stimmt ja. Sie fühlt sich hier sicher. „Ich bin ebenfalls froh, dass ich hier bin… aber ich will euch auch nicht zur Last fallen. Oder eure Pläne mit Scorpius durchkreuzen.“

„Mach dir deshalb bitte keine Gedanken.“ Lucius mustert sie nachdenklich. „Ich weiß, dass wir uns nicht so nahe stehen, dass ich ein Anrecht darauf hätte, dich zu dem Zustand deiner Ehe zu befragen… aber ich hoffe, du bist dir bewusst, dass Zissy sich dieses Anrecht einräumen wird.“

„Ich weiß… aber danke für die Warnung. Oder was auch immer das gerade gewesen ist.“

„Es war eine Warnung.“ Lucius räuspert sich. „Ich würde dann jetzt hier abbiegen.“

„Ich komme mit.“ Ihre Entscheidung überrascht sie selbst, doch sie sehnt sich nicht gerade nach dem Moment, in dem sie wieder auf dem Bett liegen und an die Decke starren wird. „Die frische Luft wird mir sicher gut tun.“

„Ganz wie du meinst.“

„Außerdem muss ich Zissy ohnehin noch um etwas zum Schlafen bitten.“ Die gestrige Nacht hat sie in der Bluse verbracht, die sie für den Ausflug in die Winkelgasse ausgewählt hat. Dieselbe Bluse trägt sie auch jetzt wieder – und allmählich wird der Stoff, trotz zweifacher Reinigungszauber, unangenehm auf der Haut.

Lucius nickt und richtet kein weiteres Wort an sie. Sie lauscht seinen Dialogen mit den Pfauen und kommt einmal mehr zu der Erkenntnis, dass ihr Schwager ein wunderlicher Mensch ist. Und absolut nicht die Person, für sie sie ihn lange Jahre gehalten hat.

„Wie bist du eigentlich zu den Pfauen gekommen?“

„Wie meinst du das?“

„Na, wie kommt man dazu, ausgerechnet Pfauen zu halten?“

„Die Pfauen waren vor mir da. Meine Urgroßmutter hat sicherlich doppelt so viele gehabt.“

„Deine Urgroßmutter? So lange ist das schon ein Thema in deiner Familie?“

Lucius nickt und schmunzelt. „Der erfreulichste Teil des Erbes… die Begeisterung überspringt allerdings dann und wann eine Generation. Oder zwei. Bei Scorpius habe ich noch Hoffnung, dass er die Schar eines Tages übernimmt. Oder ein Kind in die Welt setzt, das Freude daran hat. Auch wenn ich das dann wohl nicht mehr erleben werde.“

„Du planst also dein baldiges Ableben?“

„Oh nein, ein Plan ist das nicht… aber meine Vorfahren sind nicht gerade für ihre Langlebigkeit bekannt. Meinen Vater habe ich jetzt schon um einige Jahre übertroffen. Meinen Großvater sowieso.“

„Dein Vater war an Drachenpocken erkrankt, nicht wahr?“

„Dennoch… manchmal frage ich mich schon, womit gerade ich es verdient habe, meinen Ruhestand so ausreizen zu dürfen.“ Lucius füllt nochmal einen Eimer Wasser in den Brunnen, in den die Pfauenvögel mit ihren langen Hälsen eintauchen. „Das ist nun natürlich keine Beschwerde. Ich staune nur. Ich staune schon seit zwanzig Jahren darüber.“

„Du dachtest, du würdest den jungen Heldentod sterben?“

„Oh nein, nein, um Himmels Willen.“ Lucius schüttelt den Kopf und hebt abwehrend die Hände. „Ich hätte einfach gedacht, dass mein Überleben irgendjemandem zu unbequem sein würde. Aber hier stehe ich und darf darüber schwadronieren, wie lang das Leben ist. Ist das nun skurril oder unfair?“

„Beides, denke ich.“ Andromeda verschränkt die Arme vor der Brust und sieht davon ab, sich bei Lucius zu entschuldigen. „Ich würde mich gern auch darüber wundern, dass ich Ted und Dora um mehr als zwei Jahrzehnte überleben darf. Aber meistens hasse ich mich nur dafür. An manchen Tagen mehr, an anderen dann wieder weniger. Aber niemals nicht.“

„Niemals nicht… und heute? Wie steht es heute um deinen Selbsthass?“

„Nicht so gut.“ Sie lehnt sich vorsichtig gegen ein Regal, in dem sich sich säckeweise Pfauenfutter befindet. „Heute hasse ich mich nicht bloß dafür, dass ich lebe und atme, sondern dafür, dass ich dumm genug war, einem Mann zu vertrauen, bei dem sich alle verschätzt haben.“

„Du sprichst von Erwin?“

„Von wem denn sonst?“ Andromeda schaut auf ihre Fingernägel herab und entdeckt ein Stückchen Nagelhaut, an dem sie ganz wunderbar zupfen und rupfen könnte, wenn sie allein wäre. „Ich dachte wirklich, ich würde ihn kennen. Das muss wahrer Größenwahn gewesen sein.“

„Ich bin mir sicher, dass du zu den Menschen gehörst, die Erwin am besten kennen. Gregory mag da noch einen kleinen Vorsprung haben… aber niemand kennt einen so wie das eigene Kind, das ist nun einmal so.“

„Ich habe mich verschätzt. Ich habe mich so verschätzt.“

„Möchtest du wirklich ausgerechnet mit mir darüber sprechen?“

„Nein, eigentlich nicht.“

„Ich gehe und löse Zissy ab, dann könnt ihr reden.“

„Nein… nein, bitte nicht.“ Andromeda bohrt ihren Zeigefinger zwischen ihre Rippen und versucht, sich auf das unangenehme Piksen zu konzentrieren. „Mit ihr möchte ich auch nicht reden. Ich kann mir ja denken, was sie sagen wird.“

„Und was wird sie sagen?“

„ Ich habe es dir doch gleich gesagt. “

„Sie würde dich trotzdem… trösten.“

„Ich brauche keinen Trost, ich brauche einen Zeitumkehrer.“

„Wer nicht, wer nicht.“

„Was würdest du ändern, wenn du könntest?“

„Das ist eine rhetorische Frage, oder?“

„Nein, die ist ganz ernst gemeint.“

Lucius verzieht keine Miene und hebt seinen linken Arm, an dessen Handgelenk sich immer noch ein dunkler Schatten abzeichnet. „Und du? Wohin würdest du die Zeit umkehren wollen?“

„Ich würde mir einen schönen Sommertag in den späten Achtzigern ausgucken und Bella den Hals umdrehen.“

„Und damit hättest du besser leben können?“

„Ich denke schon.“

„Es lebt sich nicht gut nach so etwas.“ Lucius hat sich, jedenfalls ihr gegenüber, nie dazu bekannt, einem Menschen das Leben genommen zu haben. Vor dem Zaubergamot hat er alle möglichen Untaten gestanden, doch keinen Mord. Körperverletzung, Betrug, die Entführung minderjähriger Personen, den Missbrauch seines Zugriffs auf die Personalakten des Ministeriums… und Beihilfe zum Mord, aber keinen eigenhändig verübten Mord.

„Ist das ein Geständnis?“

„Nicht doch.“ Lucius bringt ein müdes Lächeln zustande. „Ich versuche, im einundzwanzigsten Jahrhundert zu leben… und nur an ausgewählte schöne Momente des zwanzigsten Jahrhunderts zurückzudenken.“

„In Verblendung lebt es sich also gut?“

„Besser als in ständiger Trauer jedenfalls. Oder mit ständigem Selbsthass.“

„Letzte Woche habe ich mich noch nicht ständig gehasst.“ Andromeda spürt, wie Tränen über ihre Wangen laufen und sie weiß, dass sie sich spätestens im morgigen Morgengrauen dafür schämen wird, ausgerechnet vor Lucius in Tränen ausgebrochen zu sein. Doch sie kann nicht anders. Ihre Augen können nicht anders. „Ich wollte mich gar nicht in ihn verlieben. Ich wusste von Anfang an, dass das eine schlechte Idee ist. Ich wusste auch im Mittelteil noch, dass es eine Dummheit ist. Aber dann habe ich es doch zugelassen.“

„Möchtest du ein Taschentuch oder ein Glas Feuerwhiskey?“

„Mehr hast du nicht im Angebot?“

„Oder eine Umarmung?“ Lucius breitet hilflos seine Arme aus und sie überrascht sich selbst damit, wie dringend sie dieses Angebot nötig hat. Wie schnell sie sich ihm an den Hals wirft. Er ist kleiner, so viel kleiner, als Erwin und als Ted und sie weiß nicht, wann sie zuletzt von einem Mann gehalten worden ist, der kaum größer als sie selbst ist. (Teddy einmal ausgenommen, doch Teddy wird für sie nie ein erwachsener Mann sein, egal wie alt er werden mag.) Ein Teil ihres Verstandes ist vollkommen damit beschäftigt, sie unaufhörlich daran zu erinnern, wie seltsam es ist, bei Lucius Trost zu suchen, doch diese Merkwürdigkeit ist alle Male angenehmer als die ständige Erinnerung an Bernadette Blacks Flüstern. Erwin. Das ist schon so ein verdammt großväterlicher Name.

Lucius weicht nicht zurück, doch schließlich setzt Andromedas Schamgefühl sich durch und sie befreit sich von seinen Armen. „Danke. Das…“ Das hat gut getan wäre eine Lüge, denn sie fühlt sich noch etwas erbärmlicher als zuvor. Aufgefangen und erbärmlich. Keine gute Mischung. „Das habe ich gebraucht.“ Das ist keine Lüge, fühlt sich aber so an. (Denn sie hätte eine Umarmung von Erwin gebraucht, nicht von Lucius. Erwin ist überhaupt die einzige lebende Person, bei der sich so eine Umarmung nicht irgendwie falsch anfühlen würde.)

„Soll ich dir Zissys Kleiderschrank zeigen? Sie hat gewiss nichts dagegen, wenn du dich einfach an ihren Sachen bedienst. Sie macht sich ja nicht viel aus Kleidung.“

Andromeda möchte gerade widersprechen, doch dann wird ihr klar, dass Lucius vollkommen Recht hat. Ihre Schwester ist niemals schlecht, aber auch selten ausgefallen angezogen, sondern trägt kaum jemals ein buntes Kleidungsstück. Spontan kann Andromeda sich an das eine oder andere Stück in einem hellen Blau oder einem unaufdringlichen Grün erinnern, doch fernab davon ist die Garderobe ihrer Schwester frei von Farben. Oder Extravaganz.

Sie lässt sich von Lucius durch das Manor führen, bis sie schließlich in einem Schlafzimmer stehen, das in einen begehbaren Kleiderschrank führt, in dem sich nicht nur die Kleidung ihrer Schwester, sondern auch Lucius’ Sachen befinden. Die Sichtung von Narzissas Schlafbekleidung ist ernüchternd. Ihre Schwester muss der einzige Mensch auf Erden sein, der ausschließlich Nachthemden trägt. Nicht, dass Andromeda grundsätzlich etwas gegen Nachthemden einzuwenden hätte, doch die Nachthemden ihrer Schwester sind entweder langärmelig und für den tiefsten Winter geeignet – oder nahezu durchsichtig und dazu bestimmt, mit einem Morgenmantel getragen zu werden. Andromeda begutachtet eines der ärmellosen, weißen Nachthemden und zweifelt augenblicklich daran, ob sie darin atmen kann. Ihre Schwester ist zwar nicht wesentlich kleiner, aber doch schlanker als sie.

„Hast du etwas gefunden?“ Lucius hält einen diskreten Abstand ein und lehnt an der Fensterbank im Schlafzimmer, direkt neben dem Zugang zu dem Ankleidezimmer.

„Ich denke schon.“ Andromeda greift nach dem Nachthemd, das sie eingehend begutachtet hat und in dem sie sich nicht angezogen fühlen wird. „Danke.“ Sie nimmt das Nachthemd an sich und geht hastig an ihrem Schwager vorbei. „Gute Nacht, Lucius.“

„Gute Nacht.“

Andromeda fühlt sich wie eine Einbrecherin, als sie durch das Manor geistert, bis sie den Flur gefunden hat, auf dem das Zimmer liegt, in dem Draco früher gewohnt hat… und auch heute noch gelegentlich übernachtet. Die Tür öffnet sich mit einem leisen Quietschen und sie staunt darüber, wie bewohnt das Zimmer wirkt. Genau wie in dem Raum, in dem sie sich einquartiert hat, findet sich kein Staubkorn. Die dezent gemusterte Tagesdecke auf dem Bett ist ordentlich ausgebreitet, aber sieht nicht wie eine Möbelabdeckung aus. Hoffnungsvoll geht Andromeda zu der Kommode herüber und findet einen niedrigen Stapel mit insgesamt nur zwei oder drei T-Shirts vor. Genau wie seine Mutter trägt Draco eher gedeckte Farben, doch das schlichte graue T-Shirt mit kurzen Armen ist genau die Art von Kleidungsstück, auf die sie spekuliert hat. Draco ist stämmiger als sein Vater, sodass sie zuversichtlich ist, dass sie in dem Oberteil wird atmen können. (Da es entschieden zu weit gehen würde, sich an Dracos Unterwäsche zu bedienen, schließt sie die Schublade der Kommode wieder und wappnet sich dafür, ihre Unterhose zum dritten Mal der Behandlung mit einem Reinigungszauber zu unterziehen. Und nicht darüber nachzudenken, dass sie sich sonst jeden Abend und jeden Morgen den Luxus frischer Unterwäsche gestattet.)

Auf dem Weg zurück in ihr Zimmer stolpert sie auf dem dunklen Flur beinahe über Scorpius, der sich darüber mindestens so sehr erschreckt wie sie selbst. Er fasst sich ans Herz wie eine alte Dame – und damit geht es ihr direkt ein wenig besser. „Ich wollte dir keinen Schreck einjagen.“

„Macht nichts, ich war nur… ich habe nicht… ich war mit den Gedanken woanders.“ Sie nickt, denn Scorpius muss sich nicht dafür rechtfertigen, wenn er mit offenen Augen träumt. „Gehst du schon ins Bett?“

„Ja, die Wärme macht mich müde.“

„Ach so.“ Scorpius nestelt ein wenig verlegen an dem Schulbuch, das er mit beiden Händen trägt, herum. „Ich wollte Grandma noch die neueste Auflage des Buchs zeigen, das Professor Flitwick im Unterricht verwendet. Sie wird darin zitiert.“

„Das wird sie sicherlich sehr freuen.“ Und es wird ihr auch ein wenig peinlich sein, aber im Grunde genommen wird sie sich doch freuen. Jedenfalls würde Andromeda das hoffen. „Und ich schaue mir das morgen auch gern an.“

„Ach, es ist sowieso nur eine Fußnote… aber ich fand es irgendwie cool. Es ist nicht einmal mir selbst aufgefallen, sondern einem Freund von mir.“

„Albus?“

Scorpius zuckt zusammen – ganz so, als wäre ihm vorübergehend entfallen, dass sie all seine Schulfreunde kennt. „Oh ja… ja, genau. Al ist das aufgefallen. Er findet solche Sachen immer.“

„Er hat einen guten Blick für Details, das habe ich auch schon bemerkt.“

„Ja… naja… ich gehe dann jetzt wieder nach unten.“

„Mach das. Bis morgen.“

„Bis morgen…“ Scorpius nickt… und rührt sich nicht vom Fleck. „Wie lange bleibst du eigentlich?“

„Ich weiß es noch nicht so genau… aber mach dir keine Sorgen wegen der Pläne, die du mit deinen Großeltern geschmiedet hast. Wegen mir muss nichts über den Haufen geworfen werden. Ich kann mich hier schon ganz gut allein beschäftigen.“

Scorpius nickt wieder und setzt sich immer noch nicht in Bewegung. „Wir wollten morgen in ein Schwimmbad gehen. Also eigentlich ist das ein See… so ein Naturschwimmbad eben. Und natürlich gehen wir auch nur dann, wenn es nicht gewittert… aber vielleicht willst du ja mitkommen?“

„Oh nein, nein, ich möchte mich wirklich gar nicht aufdrängen.“

„Würdest du ja nicht. Also ich… ich fände das schon total in Ordnung, wenn du mitkommst.“

„Scorpius, das ist furchtbar lieb von dir… aber ich kann schon verstehen, dass es für dich nicht toll ist, mich auch noch in den Ferien um dich zu haben und ständig daran erinnert zu werden, dass die Schule bald wieder losgeht.“

„Bis zum ersten September sind es noch fast vier Wochen. Das ist nicht wirklich bald.“ Scorpius runzelt die Stirn. „Außerdem freue ich mich auf das nächste Schuljahr. Also klar, ich schlafe gern aus, aber es nervt auch, dass ich gerade nicht zaubern darf. Und dass ich Al so gut wie gar nicht sehen kann.“

„Verstehe.“

„Und es ist gar nicht so schwer, zu vergessen, dass du meine Lehrerin bist. Jedenfalls nicht so schwierig, wie dich Professor Tonks zu nennen und von dir Mr. Malfoy gerufen zu werden. Das fühlt sich immer noch komisch an.“

„Ich finde es auch seltsam, aber es geht nun einmal nicht anders. Tut mir leid.“

„Weiß ich doch. Ist ja auch nicht wirklich deine Schuld.“ Scorpius zuckt mit den Schultern. „Also kommst du mit in das Schwimmbad? Es ist wirklich schön da. Es gibt auch ganz viel Schatten… also falls du auch so Angst vor Sonnenbrand hast wie Grandma.“

„Ich habe keinen Badeanzug mitgebracht, aber ich überlege es mir mal.“

„Grandma würde dir bestimmt was leihen.“

„Bestimmt wird sie das tun.“ Andromeda betrachtet das unbrauchbare Nachthemd, das sie immer noch mit sich herumschleppt – und ihr graut es prompt vor einer Sichtung der Bademode ihrer Schwester.