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Von Dämonen und der Liebe [2002]

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Von Dämonen und der Liebe [2002]

Lyrics: good girls by Josie Edwards

* * *

[VIII] Von Dämonen und der Liebe

Good girls die young, don't you know they got 'em?

All lined up with names on their coffins

Mary Beth died with stars in her eyes

I've been runnin' from her ghost all my life, oh

[März 2002]

Das Restaurant, das Erwin ihr vorgeschlagen hat, liegt in Edinburgh und ist damit für sie näher als für ihn. Trotzdem erwartet er sie bereits. Nicht im Restaurant selbst, sondern vor dem Eingang. Bei nahezu jedem Treffen liegt ihr die Frage auf der Zunge, wie lange er auf sie gewartet hat. (Sie verspätet sich zwar niemals um mehr als fünfzehn Minuten, doch die akademische Viertelstunde reizt sie regelmäßig aus, während er immer mindestens fünf Minuten zu früh dran ist.)

„Guten Tag, Andromeda.“ Erwin bietet ihr seine Hand an und sie gönnt ihm das Händeschütteln, auf das er enorm viel Wert legt. „Sagt dir meine Wahl zu? Ich war mir nicht sicher, ob du es vielleicht nicht sowieso bereits aus deiner Studienzeit kennst. Ein ehemaliger Klient von mir hat es mir bereits in den Achtzigern empfohlen, aber ich bin nie hergekommen.“

„Während meiner Studienzeit bin ich allerhöchstens in Cafés oder Bäckereien gewesen. Für Drei-Gänge-Menüs war mir unser Geld zu schade.“ Mit Erwin über Geld zu sprechen, ist stets ein wenig merkwürdig. Denn obwohl sie nicht darauf wetten würde, dass sein Verlies in Gringotts wirklich so viel besser gefüllt ist als ihres – in dem Narzissa regelmäßig absolute Unsummen einzahlt, wann immer sie irgendeine Immobilie aus dem Nachlass der Familie Lestrange veräußert hat – besteht er jedes Mal darauf, die Rechnung zu begleichen. „Deine Galleonen können wir aber gern hier lassen.“ Sie betrachtet die Fassade des Lokals, die sich kaum von den anderen Mauern in Edinburgh unterscheidet. Die Fenster sind zur Hälfte mit goldgelben Vorhängen verdeckt, doch sie hat trotzdem eine gute Sicht auf ein Ölgemälde, das an der Wand über einer Sitznische angebracht worden ist. „Es sieht gemütlich aus.“

Nachdem sie das Lokal so deutlich abgesegnet hat, setzt Erwin sich in Bewegung und hält ihr die Tür auf. Wie üblich hat er einen Tisch reservieren lassen. (Andromeda hat noch nie in ihrem Leben irgendwo einen Tisch reserviert. Und die wenigen Male, die sie deshalb wirklich keinen Platz erhalten hat, ist sie ganz einfach woanders hingegangen ohne sich zu grämen.) Solche Abweichungen von gemachten Plänen gibt es bei Erwin nicht und sie weiß auch nach über drei Jahren, in denen sie etliche Mahlzeiten gemeinsam eingenommen haben, noch nicht, ob sie diese Eigenart von ihm schätzt oder ob sie es nicht doch ganz schrecklich findet.

Üblicherweise zieht er auch ihren Stuhl zurück, doch ihr Stuhl ist in diesem Fall eine der gemütlichen Sitzbänke, die sie durch das Fenster sehen konnte, sodass er keine Sitzmöbel bewegen, sondern lediglich abwarten kann, bis sie zuerst Platz nimmt.

„Wie geht es dir? Wie war deine Woche?“

„Abwechslungsreich. Teddy hat seinen ersten Salto gemacht, die Schlossküche hat sich an einer Linsensuppe nach nordindischem Rezept versucht, die viel zu scharf für die Mägen der breiten Masse gewesen ist und eine Schülerin, deren Familie in Neuseeland lebt, hat ein Referat über die dortige magische Infrastruktur gehalten.“

„Ich hoffe, die Linsensippe und das Referat sind nicht auf denselben Tag gefallen?“

„Glücklicherweise nicht.“ Die Bedienung nähert sich ihrem Tisch, sodass sie sich ihre Gegenfrage aufhebt. Sie studieren die Speisekarte in einträchtiger Stille und wie so oft ist sie diejenige, die sich zuerst entschieden hat. Bis Erwin die Speisekarte sinken lässt, beobachtet sie ihn eingehend. Sie erinnert sich noch gut daran, wie sie sich bei ihren ersten Abendessen über sein nachlässiges Auftreten gewundert hat, das so gar nicht mit ihrer Vorstellung von ihm vereinbar gewesen ist. Mittlerweile ist sie sich sicher, dass diese Nachlässigkeit eigentlich Kalkül ist. Je genauer sie auf die Einzelheiten achtet, desto mehr wird sie in ihrer Annahme bestärkt, dass er eigentlich doch sehr auf sein Erscheinungsbild achtet. Seine Nägel sind stets sauber und akkurat geschnitten. Seine Augenbrauen sind nicht gezupft und in Form gebracht wie ihre eigenen, doch sie stehen auch nicht so wild ab wie etwa bei Filius Flitwick oder Argus Filch. Seine Kleidung ist schlicht und pragmatisch und sie bekommt ihn selten in einem Hemd zu sehen, sondern meist in Pullovern oder Oberteilen mit langen Ärmeln, die betont unauffällig sind. Betont unauffällig und frei von Falten oder Flecken oder losen Fäden und kleinen Löchern.

Erwin hebt den Blick von der Speisekarte. „Du bist fündig geworden?“

Andromeda nickt. „Wollen wir uns eine Flasche Wein teilen?“

„Sehr gern.“

Andromeda kann ein Schmunzeln nicht unterdrücken, denn diese Nachfrage ist ihr ganz persönlicher Test. Wann immer sie sich danach erkundigt, ob sie sich einen Wein teilen möchten, willigt er ein. Wann immer sie sich nicht danach erkundigt, sondern stattdessen Wasser, Saft oder Kaffee wählt, richtet er sich nach ihr und verzichtet ebenfalls auf ein alkoholisches Getränk. Er ist niemals derjenige, der den Konsum alkoholischer Getränke anregt. (Die einzige Ausnahme stellt sein erster Besuch bei ihr dar, doch an diesem Abend haben sie vorsätzlich über Ted gesprochen und für diese Konfrontation ist der Elfenwein – Jahrgang 1973, genau wie Dora – nicht angebracht, aber nötig gewesen.) Andromeda weiß, dass es sich bei dieser Spiegelung ihrer Bestellung um eine Methode handelt, die Erwin aus seinem Berufsleben in den Ruhestand übernommen hat. Darüber wird er sich im Klaren sein – ebenso wie ihm kaum entgehen dürfte, dass sie ihn auf seine Berechenbarkeit hin testet. „Rot oder Weiß?“

„Lieber weiß. Vielleicht ein leichter Grauburgunder? Ich muss morgen früh bei Verstand sein.“

„Gehst du zur Messe?“

Erwin lacht überraschend laut auf und wirkt selbst ganz überrascht davon, dass er sie lustig findet. Diese Überraschung teilt Andromeda mit ihm, denn sie ist keine besonders witzige Person und sie weiß gar nicht, was sie dazu gebracht hat, Erwin des Katholizismus zu bezichtigen. „Pansy besucht uns für einen Brunch, ehe wir mittags zum Cheltenham Gold Cup gehen.“ Erwin wartet kurz ab, ob sie mit dieser Information etwas anfangen kann, ehe er eine Erklärung anfügt. „Das ist ein Pferderennen.“

„Du begleitest Pansy und Gregory zu einem… Pferderennen?“

„Oh nein, Gregory kann dem Wettsport nichts abgewinnen, aber Pansy hat Sinn fürs Spekulieren. Und für extravagante Hüte.“ Es dauert einen kurzen Augenblick, bis sie den Sinn dieser Bemerkung erfasst hat, doch so wie sie es begreift, wird aus Andromedas Amüsement etwas Anderes, das sie nicht zu benennen wagt. Denn es kann ihr eigentlich vollkommen egal sein, dass Erwin morgen mit einer Einundzwanzigjährigen an seinem Arm über eine Pferderennbahn flanieren wird. Ein wenig geschmacklos darf sie es wohl finden, dass er sich für eine Frau interessiert, die nicht nur im Alter seines Sohnes, sondern zudem recht gut mit seinem Sohn befreundet ist. Doch mehr Anstoß sollte sie daran nicht nehmen. Es sollte sie keinesfalls persönlich kränken.

Die Bedienung kehrt wieder an ihrem Tisch ein und sie hört Erwin zu, wie er einen Grauburgunder auswählt. Sie nickt ganz automatisch, als er die Entscheidung mit einem fragenden Unterton vorträgt und bringt es schließlich sogar fertig, ihr Essen mit einem Lächeln im Gesicht zu bestellen, während sich ihre Eingeweide verknoten. Sie leugnet vor sich selbst seit geraumer Zeit, dass sie Erwins Einladungen zum Abendessen für jedes zweite Wochenende annimmt, weil sie seine Gesellschaft genießt. Sie sagt sich stattdessen, dass es wichtig ist, auch mal aus Hogwarts heraus zu kommen. Und dass er stets ein konstruktiver sowie informativer Gesprächspartner ist, wenn sie sich eine neue Unterrichtseinheit durch den Kopf gehen lässt. Und dass sie überhaupt nicht so eine Unmenge an Freunden hat, um wählerisch sein zu können.

Der Wein kommt in Windeseile und Andromeda wartet nicht, bis der Kellner auch Erwin eingeschenkt hat, ehe sie an ihrem Glas nippt. Der Grauburgunder ist süßer als erwartet, aber das kommt ihr gelegen, denn so hat sie einen guten Grund, um Grimassen zu schneiden. Erwin schmunzelt und winkt den verunsicherten Kellner hinfort. „Nicht nach deinem Geschmack?“

„Ist der trocken?“

„Nein. Deshalb habe ich doch extra nochmal nachgefragt.“

„Hast du? Da muss ich mit den Gedanken woanders gewesen sein.“ Andromeda nimmt noch einen Schluck. „Nun gut, ich werde mich schon dran gewöhnen. Und es auch ganz zweifelsfrei überleben.“ Sie schenkt sich selbst nochmal nach und lässt ihren Blick durch das Restaurant schweifen.

„Ist alles in Ordnung? Hast du ethische Bedenken bezüglich Pferderennen?“

Andromeda zuckt zusammen. Wie hat sie ganz naiv annehmen können, dass er ihre Verstimmung nicht bemerken und die richtigen Fragen stellen würde? „Ich habe in meinem ganzen Leben noch keinen zweiten Gedanken an Pferderennen verschwendet… ich bin nur überrascht, dass du so eine Veranstaltung mit Pansy besuchst. Ich habe immer angenommen, dass sie Gregorys Freundin wäre und nicht deine.“

„Ich schätze Pansy sehr. Sie ist eine intelligente und sympathische Frau, von der ich noch viel lernen kann.“

„Aha.“

„Im Herbst hat sie mir beispielsweise beigebracht, wie ich eine Mütze häkeln kann. Und einen kleinen Teppich für das Schlafzimmer.“ Erwins Enthusiasmus für diese neu erworbene Fähigkeit ist aufrichtig, aber Andromeda ist weiterhin von einer vagen Übelkeit ergriffen. Es ist bei Weitem nicht das erste Mal, dass Pansy Parkinson in Erwins Anekdoten über seinen Alltag Erwähnung findet. Wie kann es sein, dass sie seinen schwärmerischen Unterton so lange überhört hat? „Und an Weihnachten haben wir uns daran versucht, ein Rouladen-Rezept von Gregorys Mutter so anzupassen, dass Pansy auch mitessen kann. Sie ist ja Vegetarierin.“

„Ich weiß.“ Andromeda klammert sich an ihrem Weinglas fest. „Ich durfte im Jahr davor ein Weihnachtsessen mit ihr verbringen.“ Nur zu gut erinnert sie sich an das Essen, zu dem Pansy sich selbst eingeladen hat. Als sie ohne Vorwarnung aus dem Kamin in Lucius’ und Narzissas Salon gestiegen ist, waren alle Anwesenden überrascht. Einschließlich Draco.

„Natürlich, natürlich.“ Erwin nippt nun ebenfalls an seinem Wein und scheint zufrieden mit der Süße. „Unter dieser Trennung hat sie ja wirklich noch lange gelitten, noch ganz lange.“

„Oh sicherlich, ganz ganz irrsinnig lange.“ Erwin runzelt die Stirn und sie wünschte, sie hätte den Mund gehalten. „Verzeihung, der Sarkasmus war unangebracht.“

„Du kannst sie nicht leiden?“

„Doch, doch. Sie ist, wie du gesagt hast, eine intelligente, junge Frau.“ Es war nicht ihre Absicht, ihn nachzuäffen, aber das ist es, was ein Glas süßer Wein auf leeren Magen mit ihrem Mundwerk anstellt. „Ich muss nochmals um Verzeihung bitten. Ich habe heute noch nicht viel gegessen und der Hunger macht mich garstig.“

„Sollen wir noch eine Vorspeise bestellen? Oder um etwas Brot bitten?“

„Etwas Brot wäre gut für mich.“

Erwin nickt, winkt gekonnt die Bedienung her und ordert nicht nur Brot mit Aioli, sondern auch eine große Portion Oliven. Beides lässt nicht lange auf sich warten und Erwin schiebt den Brotkorb von der Mitte des Tisches in ihre Richtung, sobald der Kellner sich entfernt hat. Er selbst nimmt seine Gabel und pickt eine der mattschwarzen Oliven auf. „Ich komme mir ein wenig albern dabei vor, aber vielleicht ist es doch erwähnenswert, dass ich rein freundschaftliche Gefühle für Pansy hege.“ Erwin sieht ihr nicht in die Augen, sondern zerkaut die Olive, während sie spürt, wie ihr ganzes Gesicht warm wird. Sicherlich hat sie schon fast dieselbe Farbe wie die Salsa bekommen, die mit dem Aioli gebracht worden ist. „Ich kann mich irren, aber ich habe den Eindruck, dass du mich eben missverstanden haben könntest. Darum wollte ich das nochmal ansprechen.“

„Wie sind die Oliven?“

„Dezent, aber gut.“ Er schiebt die Schale herüber, sodass sie eine Olive aufgabeln kann, ohne sich über den halben Tisch zu lehnen. „Du dachtest wirklich, dass ich einer Einundzwanzigjährigen nachstellen würde.“ Das sollte eine Frage sein, doch bei Erwin klingt es eher wie eine Feststellung.

„Es spielt keine Rolle, was ich angenommen habe. Du darfst nachstellen, wem immer du willst.“

„Sie könnte meine Tochter sein. Rein mathematisch sogar meine Enkeltochter.“

„Und trifft nicht dasselbe auf Gregorys ehemalige Stiefmutter zu? Also Ersteres.“

„Emma mag bedeutend jünger als ich sein, aber sie geht mittlerweile auch auf die Vierzig zu.“ Erwin, auf dessen sechzigsten Geburtstag sie im vergangenen Monat noch angestoßen haben, räuspert sich verlegen. „Ich sehe selbst, dass ich nicht allzu glaubwürdig bin, wenn ich das sage, aber ich habe mich nie vorsätzlich nach deutlich jüngeren Frauen umgesehen. Das hat sich einfach so ergeben.“

„Du musst dich vor mir nicht dafür rechtfertigen, dass du eine Frau geheiratet hast, der du zwei Jahrzehnte Lebenserfahrung voraus hattest. Du musst dich vor mir überhaupt nicht für dein Privatleben rechtfertigen. Wo kämen wir denn dahin?“

„Ich weiß es nicht… wo kämen wir hin?“ Auf seinem Gesicht breitet sich ein nervöses Lächeln auf. „Andromeda, ich-“

„Bring diesen Satz nicht zu Ende. Ich bitte dich. Sag es einfach nicht. Ich… ich kann das nicht hören.“

„Du weißt es also längst.“

„Ich weiß überhaupt nichts. Ich will nichts wissen. Ich möchte einfach nur ein Abendessen ohne das Geplapper von hunderten Kindern im Hintergrund genießen.“

Erwin schenkt ihrem Wunsch Gehör und wechselt augenblicklich das Thema, doch sein Beinahe-Geständnis sitzt mit ihnen am Tisch wie ein ungebetener Gast. Andromeda kann sich nicht darüber freuen, wie ausgezeichnet das Brot ist und wie herrlich schnulzig die spanischen Serenaden sind, die vom Band laufen. Sie geben sich alle Mühe, ein Gespräch am Laufen zu halten, indem sie sich den Schlagzeilen der Woche widmen. Genau wie sie hat Erwin eine Handvoll Tages- und Wochenzeitungen abonniert – jedoch abgesehen vom Tagespropheten nicht genau dieselben Zeitungen – sodass es immer ergiebig ist, die Highlights ihrer Abonnements zu vergleichen. Heute könnte es auch ergiebig sein, wenn Andromedas Verstand nicht davon in Anspruch genommen wäre, Erwins Worte wieder und wieder durchzugehen. Wo kämen wir hin? Sie versucht, sich auf das zu konzentrieren, was er ihr über ein Sportereignis der Muggelwelt zu erzählen weiß, doch sie kann ihn kaum hören, das Echo in ihrem Kopf ist zu laut. Du weißt es also längst.

„Vielleicht muss ich es doch hören!“ Andromeda ist sich darüber im Klaren, dass sie ihn mitten im Satz rüde unterbrochen hat, doch Erwin wirkt nicht verärgert, sondern lediglich irritiert. „Vielleicht sollten wir doch mal darüber reden.“

„Worüber?“

„Darüber, was wir hier eigentlich tun.“

„Ich habe angenommen, dass wir zu Abend essen.“

„Erwin…“

„Du hast eben gesagt, ich soll mich dazu nicht weiter äußern. Diesen Wunsch respektiere ich.“

„Jetzt möchte ich aber, dass du dich dazu äußerst.“ Sie schaut auf ihre Hände herab und stellt erschrocken fest, dass sich ihre Fingernägel in dem dicken, weißen Tischtuch vergraben haben. „Was bedeutet dir das hier?“

„Alles.“

Das ist nur ein einzelnes Wort. Fünf Buchstaben sind das. Doch diese fünf Buchstaben reichen vollkommen aus, um ihre Welt aus den Angeln zu heben. „Das ist so eine schlechte Idee. Das ist so eine wahnsinnig schlechte Idee. Wahnsinn ist das. Du kannst nicht einfach… ich kann nicht… wir können doch nicht…“

„Ich kann mir denken, dass du dich deinerseits in einer moralischen Zwickmühle befindest und darum beneide ich dich nicht.“ Erwin nimmt sich das letzte Stück von dem Brot, das sie bislang beide aus Anstand verschmäht haben, und tunkt es in den Rest Soße, der von seinem Hauptgericht übrig geblieben ist. „Ich kann dir allerdings auch versichern, dass meine Gefühlslage nicht einmal halb so kompliziert ist.“

„Das ist alles zu verstrickt. Und du bist… du bist ganz einfach…“ Andromeda weiß nicht, wann sie das letzte Mal so mit sich gerungen hat. Wann sie sich zuletzt so schwer damit getan hat, die richtigen Worte zu finden.

„… keine gute Partie?“

„Nein. Also ja, das bist du wirklich nicht. Jedenfalls nicht für mich.“ Sie holt tief Luft und zählt  in Gedanken bis Fünf, ehe sie wieder ausatmet. „Ich sollte nicht einmal mit dir hier sitzen. Ich sollte dich nicht… mögen.“ Mögen. Das ist kein ganz neutraler Begriff, doch mögen kann man vieles. Man kann nicht nur objektiv schöne Dinge mögen. Man kann auch Gewitter und Tintenkleckse und schlecht geschriebene Bücher mögen. Vielleicht kann man also auch einen schlechten Menschen irgendwie mögen.

„Soll ich um die Rechnung bitten oder möchtest du noch eine Nachspeise?“

„Ich glaube, ich würde mir lieber die Beine vertreten.“

Erwin nickt und verschlingt den Rest des Brotstücks, ehe er den Kellner heranwinkt. Sie leert ihr Weinglas, während Erwin die Rechnung begleicht und versucht, ihre porösen Nerven zu beruhigen.

Als sie vor dem Restaurant stehen, hilft Erwin ihr in ihren Mantel und mustert sie unangenehm gründlich. Sie ist sich sicher, dass er genau sehen kann, wie schlecht es um ihre Fassung bestellt ist. Wie wenig es noch braucht, um sie vollends aus dem Takt zu bringen. „Soll ich dich zu dem nächstgelegenen Kamin begleiten oder wolltest du hier spazieren?“

„Hier. Hogsmeade habe ich ja ständig vor der Nase.“

„Gut. Dann verabschiede ich mich.“ Er bietet ihr seine Hand an. „Es war wie immer sehr schön, dich zu sehen.“

„Du möchtest keinen Spaziergang mehr machen?“

„Doch. Aber ich möchte mich nicht aufdrängen.“

„Du drängst dich nicht auf. Ich würde mich freuen, wenn du mich begleiten würdest.“ Vor allem ist sie sich sicher, dass ihre Chancen, nicht auf den Straßen von Edinburgh in Tränen auszubrechen oder wie eine Verrückte zu schreien, bedeutend besser stehen, wenn er an ihrer Seite ist. Denn sie wird keinesfalls vor ihm weinen. Oder schreien. Diese Blöße könnte sie sich nie geben. Zu so einem Betrug wären ihren Tränendrüsen und Stimmbänder niemals fähig.

„Wenn das so ist, folge ich dir natürlich gern. Weißt du schon, wo du hingehen möchtest?“

Andromeda schüttelt aufrichtig den Kopf, denn Edinburgh ist ihr zwar fremd geworden, aber doch noch so vertraut, dass sie keinen Blick für Sehenswürdigkeiten oder Sehenswertes hat. „Bist du schon einmal hier gewesen?“

„Noch nie.“

„Gibt es dann etwas, das du gern sehen würdest?“

„Die Universität.“

„Die Universität?“

„Ja. Ich wüsste gern, wo du studiert hast.“

Andromeda würde von sich selbst nicht behaupten, dass sie den weltbesten Orientierungssinn hat, doch ihre Füße lassen sie nicht im Stich. Ganz zuverlässig tragen ihre Beine sie durch die schmalen Gassen, erinnern sich an regengeschützte Abkürzungen, bis sie schließlich den Campus erreichen. Wie üblich hat Erwin keinerlei Schwierigkeiten, mit ihr Schritt zu halten, sondern schlendert sogar ein bisschen. Das Hauptgebäude der magischen Universität hat sich kein bisschen verändert, doch auf dem Rasen, den sie akkurater gestutzt in Erinnerung hatte, stehen zwei junge Frauen und üben Transformationen ihrer Gesichter ein. Es sieht ein wenig unheimlich aus, wie sie einander mit Tarnzaubern belegen, doch es ist auch ein ungeheuer faszinierendes Spiel, sodass sie sich ganz unwillkürlich den Hals verrenkt, um zu sehen, was die Frau mit den hellroten Haaren als Nächstes aus ihrer Knollennase machen wird. Sie rempelt gegen Erwin, der stehen geblieben ist. „Willst du ihnen gern zusehen? Da vorn ist eine Bank.“

„Ich möchte nicht, dass sie sich beobachtet fühlen.“

„Wenn sie unbeobachtet sein wollten, würden sie wohl nicht in aller Öffentlichkeit ihre Hausaufgaben erledigen, oder?“ Da hat Erwin einen ganz guten Punkt, doch Andromeda fühlt sich trotzdem wie ein Zaungast, als sie auf der Bank Platz nimmt und das transformative Spiel verfolgt. Erwin tut es ihr gleich und gibt immer wieder Laute des Erstaunens von sich. Besonders beeindruckt ist er, als die Rothaarige eine Pirouette dreht und dabei zwanzig Zentimeter an Körpergröße gewinnt. „Solche Spielereien sind mir immer abgegangen.“

„Das sind keine Spielereien , sondern Tarnzauber.“

„Verzeihung, Professor.“ Erwin schmunzelt und sie wird verlegen, weil sie tatsächlich in eine tadelnde Tonlage verfallen ist, die sie sich eigentlich für Hogwarts aufhebt. „Aber du hast natürlich vollkommen Recht. Solche Zauber sehen immer leichter aus als sie sind. Ich habe in meiner UTZ-Prüfung die Aufgabe bekommen, mir einen sechsten Finger herbei zu zaubern und bin ganz kläglich gescheitert, weil meine Vorstellungskraft dafür nicht ausgereicht hat.“

„Und trotzdem wollten sie dich in Gringotts haben?“

„Die Arbeit dort war recht gut mit fünf Fingern pro Hand zu erledigen.“

„Das ist mir schon klar. Aber ich hätte gedacht, dass man in Gringotts Wert auf Tarnzauber legt.“

„Enttarnung war die Priorität, nicht Tarnung.“ Aus dem Augenwinkel bemerkt sie, dass Erwin seinen Blick von den Studentinnen gelöst hat und stattdessen in ihre Richtung sieht. „Dir sind Tarnzauber sicher nie schwer gefallen.“

„Wie kommst du darauf?“

„Abgesehen davon, dass deine Kompetenzen in defensiver Magie ein kleiner Hinweis sind… deine Tochter war ein Metamorphmagus. Dein Enkel beherrscht ebenfalls Metamorphmagie. Und ich würde doch annehmen, dass diese Form der Magie von deiner Seite gekommen ist und nicht von Edwards, oder?“

Andromeda zuckt zusammen – so wie jedes Mal, wenn irgendjemand Teds Namen in den Mund nimmt. Anstatt Erwin eine Antwort zu liefern, schließt sie ihre Augen und konzentriert sich ganz auf ihre Haarspitzen. Außerhalb von Hogwarts verzichtet sie darauf, die Größe ihrer Nase und die Farbe ihrer Haare zu verändern, sodass Erwin sie nur mit ihrer dunklen Naturhaarfarbe kennt, aber doch nicht mit den silbrigen Locken, die sie in Hogwarts trägt, um die gröbste Ähnlichkeit mit Bellatrix zu vermeiden. Als er nach Luft schnappt, weiß sie, dass ihr Trick geglückt ist. Sie öffnet die Augen und begutachtet ihre Spitzen, die nun ebenso hellrot und glatt sind wie die Haarpracht der Studentin, die sich auf dem Rasen austobt.

„Das hast du mir verschwiegen!“ Erwin lacht überrascht auf und streckt seine Hand aus – ganz so, als wolle er überprüfen, dass ihre Haare nicht nur eine rein optische Täuschung sind wie so viele Tarnzauber.

„Überraschung?“

„Kann ich dich jemals so richtig kennen? Kenne ich dich überhaupt?“

„Oh, jetzt wirst du mir aber dramatisch.“ Andromeda schüttelt ihren Kopf und gibt die Konzentration, mit der sie den Zauber aufrecht erhalten hat, auf so wie man eine Feder loslässt, die man gut festgehalten hat.

Erwin sieht nachhaltig beeindruckt aus. „Kannst du dir auch einen Schnurrbart stehen lassen?“

„Das habe ich noch nie probiert, aber vielleicht würde das sogar gehen.“ Sie schlägt ihre Beine übereinander und findet es fast schade, dass sie ihm direkt aufzeigen muss, wie begrenzt ihre Kräfte sind. „Ich bin keine sonderlich starke Metamorphmagierin. Vor allem nicht im Vergleich zu Dora oder Teddy. Auf meine Haare kann ich besonders gut einwirken, auf meine Nase und meine Ohren auch. Mit meinen Augen tue ich mich aber schon schwerer. Als Dora ihre Fähigkeiten akribisch trainiert hat, war sie in der Lage, sich in das Spiegelbild einer vollkommen fremden Person zu verwandeln, sei es nun Mann oder Frau… oder Kobold.“

„Das ist sehr beeindruckend.“

„Mittlerweile könnte sie sich wahrscheinlich in ein Einhorn verwandeln.“ Der Gedanke an all das, was aus Dora hätte werden können, schnürt ihr ganz unerwartet die Kehle zu. Sie versucht, so ruhig wie möglich zu atmen und dem Ziehen und Zerren in ihrer Brust nicht nachzugeben. Ihre Anspannung kann Erwin kaum entgehen, doch er rührt sich nicht. Als sie ein leises Schluchzen nicht daran hindern kann, ihren Mund zu verlassen, fährt er zusammen.

„Darf ich deine Hand halten?“

Andromeda vermeidet jede zu schnelle Bewegung und nickt ganz vorsichtig. Mit demselben Übermaß an Vorsicht greift er nach ihrer Hand und schließt ihre Finger mit seinen ein. Es ist keine große Geste, aber doch tröstend. Bloß reicht der Trost nicht weit, denn sie sieht wieder Dora vor sich, die sie zu hastig umarmt, Teddy einen Kuss gibt, ihre Stiefel schnürt und für immer verschwindet. „Ich hätte sie nicht gehen lassen dürfen. Als sie vor mir stand und mir gesagt hat, dass Remus und sie nach Hogwarts müssen, hätte ich sie einfach nicht gehen lassen dürfen.“

„Das war ihre Entscheidung, nicht deine.“

„Ich war ihre Mutter. Ich hätte sie beschützen müssen. Wieso habe ich sie nicht beschützt? Wieso habe ich das nicht geschafft?“ Diese Fragen verfolgen sie normalerweise nur in den Nachtstunden, in denen sie in ihrem Bett liegt und keine Ruhe finden kann. „Du hast Gregory beschützt.“

„Gregory war noch ein Kind. Nymphadora war eine Erwachsene. Sie war eine ausgebildete Aurorin und eine kompetente Hexe.“

„Trotzdem war sie mein Kind !“ Andromeda weiß, dass sie nicht logisch argumentiert, aber der Dämon mit seinen drei Köpfen – die Verzweiflung und die Schuld und die Machtlosigkeit – der sie in den ersten Monaten so oft überfallen hat, greift nach ihr und hält sie in seiner grausamen Umklammerung. „Ich hätte sie retten müssen. Ich hätte nicht nur sie retten müssen. Ich hätte Bella aus dem Verkehr ziehen müssen, als ich die Gelegenheit dazu hatte.“

„Andromeda, du bist nicht für das verantwortlich, was deine Schwester oder deine Tochter getan haben.“

„Aber ich bin für das verantwortlich, was ich nicht getan habe.“ Ihre Sicht ist verschwommen und ihr ist klar, dass ihre Tränendrüsen sie nun sehr wohl betrügen und sie Erwin eben doch sehen lässt, wie schwach sie ist. Wie verletzlich. „Sie war jahrelang in Askaban. Sie hatte keinen Zauberstab mehr. Ich hätte doch irgendwie dafür sorgen können, dass sie niemandem mehr schaden kann. Ich hatte so viel Zeit, um mir etwas einfallen zu lassen, aber ich habe nichts daraus gemacht. Ich habe so selten wie möglich an sie gedacht. Und wenn ich an sie gedacht habe, dann habe ich mir eingeredet, dass sie gewiss doch einen guten Kern hat oder in Askaban ohnehin das Dasein eines Gespenstes fristet und nie wieder zu Kräften kommen wird. Ich war so dumm und so naiv.“

Erwin widerspricht ihr nicht, sondern sagt stattdessen einen der schlimmsten Sätze, den sie je gehört hat. „Wenn es nicht Bellatrix gewesen wäre, dann hätte es jemand anders getan.“ Seine Stimme wird mit jeder Silbe leiser, doch er spricht klar und deutlich. „Es gab Listen. Listen mit den Namen aller aktiven Auroren. Listen mit den Namen der Mitglieder des Ordens. Listen mit den Namen von Hexen und Zauberern mit besonderen Kräften. Listen mit Namen von Personen, die als gefährlich gelten. Deine Tochter und Remus Lupin standen auf vielen dieser Listen. Wenn es also nicht Bellatrix gewesen wäre, dann wäre es ganz einfach jemand anders gewesen. Im schlimmsten Fall wäre es Greyback gewesen. Er hat aufgrund von Remus Lupins Lykanthropie großes Interesse an den beiden gezeigt.“ Erwin zögert kurz, spricht dann aber doch weiter. „Corban hat sich natürlich auch für sie interessiert.“

„Sie hatte also nie eine Chance, meinst du? Und darum darf ich nicht traurig sein?“ Andromeda weiß, dass ihr Trotz nicht gut zu Gesicht steht, doch sie nimmt den Trotz und die Wut dankbar an, denn nichts ist schlimmer als der Dämon mit den drei Köpfen.

„Doch, du darfst traurig sein, natürlich darfst du traurig sein. Trauern ist wichtig. Ich wollte damit nur verdeutlichen, dass du keine Schuld oder Verantwortung für die Handlungen anderer Personen trägst. Auch wenn es sich bei dieser Person um deine Schwester handelt.“

Er drückt ihre Hand ganz leicht und sie befreit sich von seinem Griff. „Du musst mir nicht erklären, wie ich mich zu fühlen habe.“

„Das wollte ich auch gar nicht.“

„Du kannst ja auch gar nicht wissen, wie ich mich fühle.“

„Stimmt, wissen kann ich es nicht. Ich kann ja nur vor deine Stirn schauen und nicht dahinter. Aber ich weiß, dass dich diese Schuldgefühle eines Tages auffressen werden, wenn du nicht aufhörst, darüber nachzudenken, was du alles hättest sagen oder tun können, um Nymphadoras Leben zu retten. Indem du dir immer und immer wieder vorwirfst, was du alles nicht getan hast, nimmst du dir am Ende nur selbst das Leben. Deine Tochter kannst du damit nicht zurückbringen.“

„Du erklärst mir schon wieder, wie ich mich zu fühlen habe.“

„Entschuldigung. Das möchte ich wirklich nicht. Ich kann es nur nicht ertragen, dir dabei zuzusehen, wie du es dir selbst so entsetzlich schwer machst. Du bist immer noch so jung und-“

„Jung? Ich bin doch nicht jung .“

„Aber zu jung, um dir ein Leben ohne Dämonen zu verbieten.“

Sie starrt ihn an und rechnet fast damit, dass er seinen Zauberstab auf sie richtet oder sonst ein Instrument besitzt, mit dem er ihre Gedanken lesen kann. „Verschwinde aus meinem Kopf.“

„Ich bin nicht in deinem Kopf.“

„Verschwinde!“

Erwin hebt abwehrend die Hände. „Denkst du wirklich, dass ich dich verhexen könnte ohne dass du es mitbekommst?“

„Ich war eben sehr unaufmerksam.“ Sie greift zu ihrem eigenen Zauberstab und richtet ihn auf Erwins Kinn. Er sieht nervös aus, bemüht sich aber trotzdem um ein Lächeln.

„Andromeda, ich habe dich nicht verhext, ich gebe dir mein Wort.“ Erwin schaut ihr direkt in die Augen, doch sie weicht seinem Blick aus, denn sie weiß, dass sie in seinen Augen dieselbe trügerische Aufrichtigkeit finden wird wie in seiner Stimme. „Du misstraust mir.“

„Ich misstraue mir selbst. Mein Urteilsvermögen lässt mich oft genug im Stich, wenn es um dich geht.“ Sie bohrt die Spitze ihres Zauberstabs in sein Fleisch und er verzieht keine Miene oder versucht, den Kopf in den Nacken zu legen, um dem Druck zu entgehen. „Wieso hast du keine Angst vor mir?“

„Ich vertraue dir. Und ich halte dich für klug genug, um zu wissen, dass es dir nicht besser gehen würde, wenn du dich nun doch an einem Mord versuchst. Davon würde das Gefühl, bei Bellatrix etwas versäumt zu haben, nicht verschwinden.“

„Du bist schon wieder in meinem Kopf!“

„Ist dir je der Gedanke untergekommen, dass ich dich verstehen kann, weil wir uns ähnlich sind?“

„Nein.“ Diese Behauptung trifft sie unvorbereitet, denn wann immer sie über Erwin nachdenkt, dann vermeidet sie es tunlichst, nach Parallelen zu suchen. „Magst du mich deshalb? Magst du mich, weil du glaubst, dass wir uns ähnlich sind?“

Er schüttelt den Kopf. „Und du? Magst du mich, weil du glaubst, dass wir uns unähnlich sind?“

„Gerade weiß ich nicht, ob ich dich wirklich mag oder ob du mich einfach nur manipuliert hast.“ Sie lässt ihren Zauberstab sinken. „Bringst du mich zum nächstgelegenen Kamin?“

„Das würde ich gern tun, wenn ich den nächstgelegenen Anschluss ans Flohnetzwerk denn kennen würde. Mir ist nur der Kamin in der Nähe des Restaurants bekannt, den ich für die Anreise gewählt habe. Wäre dir die Nutzung dieses Kamins recht?“

„Die Nutzung dieses Kamins wäre mir recht.“

„Und wäre es dir ebenfalls recht, wenn wir noch ein paar Minuten warten? Ich denke, uns wird gleich ein Finale geboten.“ Erwin nickt in Richtung des Rasens, auf dem die beiden Studentinnen sich weiterhin verausgaben. Sie haben beide hochrote Gesichter und ihre Körper beben vor Anstrengung, während sie das beachtliche Kunststück vollbringen, sich als ihr Gegenüber zu tarnen. Sie zuckt zusammen, als Erwin neben ihr applaudiert. Im Gegensatz zu ihr sind die Studentinnen nicht von dem Beifall brüskiert, sondern verneigen sich grinsend wie Schauspielerinnen auf einer Bühne.

Andromeda versucht, Erwin und sich selbst durch die Augen der beiden jungen Frauen zu sehen. Wenn man davon absieht, dass sie eben noch ihren Zauberstab in Erwins Gesicht gehalten hat, machen sie sicherlich keinen unfreundlichen oder unlauteren Eindruck. Obwohl sie streng genommen keinen Grund haben, um sich auf dem Campus aufzuhalten, werden sie von den Studentinnen offensichtlich nicht als Eindringlinge wahrgenommen. Sehen sie wie Dozierende aus? Wie Eltern, die ihr Kind an der Universität besuchen? Oder hält man sie schlichtweg für Nostalgiker, die ihre Alma mater besuchen oder ein Jubelsemester begehen?

Sie beobachtet, wie die Studentinnen ihre Sachen zusammenpacken und sich in einen Teil des Gebäudes begeben, in dem sich in den Achtzigern ein Wohnheim befunden hat, das Andromeda nur vereinzelte Male betreten hat, da sie anders als ihre Kommilitonen nie auf dem Campus wohnhaft gewesen ist. Bei ihrem Versuch, sich im Detail an die Inneneinrichtung der Wohnheimzimmer zu erinnern, entgeht ihr beinahe, dass Erwin sich zu ihr herüber gelehnt hat und an ihrem Kopf schnuppert. Sie dreht sich zu ihm und er sieht so ertappt aus, dass sie sich die Frage im Grunde genommen sparen könnte. Doch sie möchte ihm heute nichts ersparen. „Hast du gerade an meinen Haaren gerochen?“

„Ja.“

„Und findest du nicht, dass dieses Verhalten einer Erklärung bedarf?“

„Das war wegen des Eigengeruchs von Metamorphmagie… also ich habe vor einigen Jahren mal einen Aufsatz darüber gelesen und darin war die Rede von einem Eigengeruch. Der Geruch war auch recht genau beschrieben und ich war neugierig.“

„Wie wurde der Geruch denn beschrieben? Jetzt bin ich aber neugierig.“

„Sulfur. Also der Geruch wurde mit Schwefel verglichen.“

„Ah. Und? Rieche ich nach faulen Eiern?“

„Nein, du riechst sehr gut.“ Erwin wählt seine Worte meist mit Bedacht und sie hat selten den Eindruck, dass sein Mund schneller ist als sein Verstand, doch nun guckt er so, als hätte er ihr das nicht so direkt ins Gesicht sagen wollen. Seine Wangen röten sich sogar ein bisschen. Das passiert ihm nie, wann immer er ihr absichtlich ein Kompliment macht.

„Dankeschön.“ Andromeda versteckt ihr Schmunzeln gar nicht vor ihm, als sie sich von der Bank erhebt. Fragend streckt sie ihre Hand aus. „Würdest du mich jetzt wohl zu dem einzig dir bekannten Kamin in der Gegend bringen?“

„Es wäre mir eine Freude.“ Erwin erhebt sich rasch und sieht verunsichert auf ihre ausgestreckte Hand herab. Es freut sie mehr als es sollte, dass er sich scheinbar nicht entscheiden kann, ob es sich bei ihrer Geste um ein Angebot oder eine Falle handelt. Sie lässt ihre Hand sinken, doch ehe sie ihre Finger in der Tasche ihre Mantels vergraben kann, schnappt er hastig nach ihrer Hand und hält sie fest, aber nicht zu fest, bevor er zu einer seiner geliebten Wortwiederholungen ansetzt, die sie heute Abend fast schon vermisst hat. „Es wäre mir eine Freude, Andromeda.“