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Trübe Gewässer

The Beast Out Of The Sea — www.fanfiktion.de · All chapters

Trübe Gewässer

[9] Trübe Gewässer

Whoever has ears, let them hear.

[06. August 2020]

Die Luft ist dick und Andromeda kann das heranziehende Gewitter beinahe riechen, aber Lucius hat trotzdem darauf bestanden, dass sie die Mittagshitze nicht im Manor aussitzen, sondern den angedachten Ausflug ins Schwimmbad machen. Das sogenannte Schwimmbad ist tatsächlich eher ein See, der hübsch eingezäunt und mit langen Stegen, auf denen man in der Sonne liegen kann, begrenzt worden ist. Außerdem gibt es Umkleiden, Toiletten, einen fahrbaren Kiosk und einen nicht-fahrbaren Schuppen, in dem man sich Schwimmflossen, Taucherbrillen, Luftmatratzen und derlei Equipment für einen Tag am See ausleihen kann. Als sie an der Kasse den Eintritt für den ganzen Tag begleichen, werden sie vor der Wetterlage gewarnt, doch sie sind bei Weitem nicht die Einzigen, die es darauf ankommen lassen, von einem Gewitter überrascht zu werden.

Sie beziehen ein Stück Wiese im Schatten einer ausladenden Eiche, die mit einem dezenten Schild als Jahrhunderteiche bezeichnet wird. Unter dem Schild hängt eine gerahmte und reichlich verwaschene Schwarz-Weiß-Fotografie aus dem Jahr 1902, die belegt, dass es sich sowohl bei der Eiche als auch bei dem Naturschwimmbad um alte Giganten handelt. (Andromeda ärgert sich sehr darüber, dass sie sich automatisch vorstellt, wie begeistert Erwin ihr das Schuld vorlesen würde, wenn er hier wäre, denn er kann Lokalkolorit nochmal mehr abgewinnen als sie selbst.)

Scorpius und Lucius legen sich gar nicht erst auf ihre Decken, sondern pilgern direkt zu den Umkleiden, während Narzissa sich neben ihr ausbreitet. Ihre Schwester trägt einen Sonnenhut mit einem flatternden Band, mit dem sie nicht ganz wie sie selbst aussieht, sondern wie ein Gemälde. Nicht wie ein Gemälde, sondern wie eine Fotografie. Die Erinnerung überfällt Andromeda in dem Moment, in dem sie auch schon den Mund aufgemacht hat. „Als Kind hattest du genau so einen Hut.“

„Das kann gut sein, aber ich erinnere mich nicht mehr.“

„Wirklich nicht? Du hast ihn gehasst, das weiß ich noch genau. Unsere Mutter hat darauf bestanden, dass du ihn den ganzen Sommer lang trägst, weil sie dachte, du würdest sonst in Flammen aufgehen. Irgendwann hat sie ihn auf deinem Kopf festgehext… weißt du das wirklich nicht mehr?“

„Ich bin froh über jede pädagogische Sternstunden unserer Mutter, an die ich mich nicht erinnern kann.“ Narzissa streckt ihre Beine auf der Decke aus und legt einen Roman in ihrem Schoß ab, schlägt ihn aber nicht auf. „Ich höre ihre Stimme manchmal immer noch in den mondänsten Momenten. Neulich habe ich mir Kirschen aus dem Garten mit nach Cambridge genommen. Als ich in der Mittagspause mit einer Kollegin eine Runde über den Campus gedreht und die Kirschen gegessen habe.. weißt du, was mein erster Gedanke war?“

„ Eine Dame isst niemals mit ihren Händen. “

„Genau… ganz genau!“ Zunächst sieht ihre Schwester regelrecht triumphal aus, doch dann gehen ihre Mundwinkel nach unten. „Du hörst sie also auch?“

„Gelegentlich. Eher seltener, würde ich sagen.“

„Ich hoffe, dass Draco oder Scorpius nicht noch von irgendwelchen Kernsätzen heimgesucht werden, wenn ich schon vierzig Jahre unter der Erde bin.“

„Hat Lucius und dir eigentlich schon mal jemand gesagt, dass ihr beide etwas zu gern von eurem Ableben sprecht?“

Narzissa schmunzelt. „Ist das so? Das ist mir noch nie aufgefallen… aber wenn du es sagst, wird es stimmen.“ Sie legt sich auf den Rücken, schiebt den Roman auf ihren Bauch und den Hut in ihr Gesicht. „Das Kleid steht dir übrigens besser als mir. Magst du es behalten?“

„Für heute und morgen sehr gern.“

„Und übermorgen? Möchtest du zurück?“

„Zu meinem Kleiderschrank möchte ich.“

„Aber nicht zu Erwin.“ Narzissa stellt ihr keine Frage, sondern formuliert eine Feststellung. Dementsprechend ringt Andromeda sich auch nicht zu einer Antwort durch. „Ich kann gut verstehen, dass es schwer ist, über solche Dinge zu sprechen und du darfst natürlich auch bei uns bleiben, ohne darüber zu sprechen, was er dir angetan hat… aber du musst nicht denken, dass es mich nicht interessieren würde.“

„Ich kann nicht darüber sprechen.“

„Weil es dann erst wahr wird?“ Narzissas Gesicht liegt weiterhin unter dem Sonnenhut verborgen, sodass Andromedas Nicken sie nicht erreicht.

„Ja.“

„So funktioniert das nicht. Das weißt du selbst. Das weißt du eigentlich sogar sehr viel besser als ich.“

„Ja, das weiß ich wohl.“

„Ist es banal?“ Ihre Schwester spricht langsam und mit Bedacht. „Hat er sich eine andere Frau gesucht?“

„Nein.“ Der Widerspruch geht Andromeda zu schnell über die Lippen. (Denn es ist nicht banal. Aber er hat sich eine andere Frau gesucht. Er hat sich eine andere Frau genommen. Andere Frauen. Ohne Andromeda zu fragen. Wahrscheinlich auch ohne die anderen Frauen zu fragen.) „Doch. Das hat er auch getan.“

„Oh.“ Narzissa setzt sich wieder auf und schaut Andromeda verwundert an. „Ist sie jünger?“

„Ja.“

„Das ist… nun, ich muss sagen, das finde ich reichlich unverschämt von ihm.“ Narzissa rümpft die Nase. „Wie bist du dahinter gekommen?“

„Sie hat es mir gesagt.“

„Ach du meine Güte. Er hat nicht einmal selbst den Mut dazu gehabt?“

„Er hatte nicht vor, es mir zu sagen… und sie auch nicht. Sie wusste gar nicht, dass ich seine…“ Andromeda bringt es nicht über sich, sich als Erwins Ehefrau zu bezeichnen. „Es ist alles furchtbar und kompliziert. Und ich denke nicht, dass ich darüber sprechen kann, ohne zu weinen. Und ich möchte nicht vor Lucius und Scorpius weinen.“

„Oh, um die beiden musst du dir keine Gedanken machen, die sehen wir erst wieder, wenn das Gewitter sich bis zu uns durchringt und der See gesperrt wird.“ Narzissa schaut herüber zu dem Steg, auf dem Lucius und Scorpius sich damit abmühen, ihre Füße in knallrote Flossen zu kriegen. Sie sehen dabei gleichermaßen enthusiastisch wie verzweifelt aus. Und reichlich dämlich.

„Hat Lucius sich für Draco auch schon so zum Narren gemacht oder ist es das Alter?“

„Lucius hatte damals nicht genug Freizeit, um sich ganz dem Narrentum hinzugeben… aber es ist wohl auch das Alter.“ Auf dem Steg triumphiert Lucius über die Flossen und hilft nun Scorpius dabei, denselben Sieg zu erringen. Scorpius wehrt die Hilfe ab, sodass Lucius zwei Hände frei hat, um ihnen zuzuwinken. Ihre Schwester kichert und winkt leicht beschämt zurück. „Oh, er ist manchmal wirklich zu lächerlich.“

„Man muss ihn einfach lieben.“ Andromeda kommt selbst nicht gegen ihr Lachen an, denn es sieht urkomisch aus, wie Lucius – der in einer Badehose sowieso nichts als unseriös aussieht – mit Flossen und einer Taucherbrille samt Schnorchel ausgestattet über den Steg stolziert. Scorpius folgt ihm wie ein eifriger Schatten und bis die beiden im Wasser verschwunden sind, liegt Narzissa schon wieder rücklings auf der Decke und hält sich vor Lachen den Bauch.

Erst nachdem das dynamische Duo ganz definitiv aus ihrem Blickfeld gepaddelt ist, fängt ihre Schwester sich allmählich. Ihre Wangen schimmern rosig und sie wischt sich ein Lachtränchen aus dem Augenwinkel. „Puh, Verzeihung, ich wollte mich heute eigentlich ganz deinem Elend widmen.“

„Lass nur, ich bemitleide mich selbst schon genug.“

„Das glaube ich dir nicht.“ Narzissa stupst mit ihrem nackten Fuß gegen Andromedas Wade. „Du hast nie Mitleid mit dir selbst. Dazu bist du gar nicht gnädig genug.“

„Ich bin aber auch zu blöd.“

„Ach was, das bist du nicht. Bist du wirklich nicht.“ Narzissa greift nach ihrer Hand. „Magst du vielleicht einfach mal ganz von vorn erzählen?“

„Ich weiß nicht, wo der Anfang ist.“

„Dann leg im Mittelteil los. Ich kann dir schon folgen.“

Andromeda versucht sich an einer möglichst strukturierten Nacherzählung der vergangenen Woche. Ihre Schwester unterbricht sie nicht mit Nachfragen oder Kommentaren, sondern nickt nur immer wieder, um ihr zu signalisieren, dass sie zuhört, auch wenn sie sich wieder auf die Decke gelegt und sich den Sonnenhut über die Stirn gezogen hat. „… und dann hat Bernadette sich in der Winkelgasse auf einmal wieder an den Namen von Beatrix’ Vater erinnert… also nur an den Vornamen. Aber wie viele Zauberer namens Erwin gibt es schon?“

„Mehr als einen, würde ich denken.“ Narzissa hat sich wieder aufgesetzt und mustert sie nachdenklich. „Es könnte ein unglücklicher Zufall sein?“

„Klar. So wie Beatrix Black, John Avery und Alessa Caro auch unglückliche Zufälle sind.“

„Nein, das sind sicherlich alles keine Zufälle… aber es muss ja auch nicht zwingend einen Zusammenhang geben. Oder doch, bestimmt gibt es einen Zusammenhang… aber womöglich war es auch ein geschmackloser Scherz? Oder eine der Prüfungen des dunklen Lords?“

„Wie meinst du das jetzt?“

„Er hat all seine Anhänger geprüft, aber nicht alle auf dieselbe Weise. Männer wie Rabastan oder Fenrir Greyback oder Henry Crabbe waren für ihn wie… Vorschlaghammer… und Rammböcke. Männer wie Corban oder eben auch Erwin hat er anders behandelt. Aber sein Vertrauen mussten sie sich trotzdem verdienen und ich persönlich könnte mir gut vorstellen, dass er von ihnen mit Blick in die Zukunft verlangt hat, für Nachkommen zu sorgen.“

„Beatrix Black ist 2009 geboren. Über zehn Jahre nach dem Tod von Voldemort. Wie soll das also ein Auftrag gewesen sein?“

„Du hast schon Recht, das geht nicht ganz auf… aber wie ist es mit den anderen beiden? Vielleicht ist Alessa Caro die Tochter von Amycus Carrow? Und womöglich hat Jean Avery einen Sohn in die Welt gesetzt? Ist das nicht denkbar?“

„Doch, doch… sicherlich ist das denkbar .“

„Aber du glaubst, Erwin hätte eine Handvoll außerehelicher Kinder in die Welt gesetzt? Obwohl er insgesamt dreimal verheiratet war und immerhin während zwei dieser Ehen durchaus noch im richtigen Alter gewesen wäre, um Kinder zu zeugen?“

„Männer sind immer im richtigen Alter , um Kinder zu zeugen.“

„Oh, nun sei mal nicht so pingelig, du weißt genau, wie ich das gemeint habe.“

„Emma wollte keine eigenen Kinder.“ Andromeda weiß nicht allzu viel über Erwins zweite Ehefrau, denn er spricht selten von ihr. Die meisten Details über die Person Emma Marley stammen von Gregory, der seine erste Stiefmutter geschätzt und in ihrer Gegenwart noch nie ein schlechtes Wort über sie verloren hat. Lediglich über den nicht vorhandenen Kinderwunsch Emmas haben Erwin und sie irgendwann einmal direkt miteinander gesprochen. In aller Kürze. Als es eigentlich darum ging, ob Andromeda selbst sich ein zweites Kind gewünscht hätte.

„Dann würde es doch passen… oder? Wann sind die beiden anderen Kinder nochmal geboren?“

„Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger.“

„Ende der Achtziger? Wann genau?“

„Mai. Also ich müsste nochmal genau nachsehen, aber ich mir ziemlich sicher, dass Alessa Caro im Mai 1989 geboren worden ist.“

Narzissa nickt nachdenklich. „Dann passt es wirklich nicht so richtig. Diana ist erst im Januar 1989 verstorben. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass er…“ Ihre Schwester unterbricht sich, doch das ändert nichts daran, dass Andromeda sehr genau weiß, was sie sagen will.

„Du kannst dir nicht vorstellen, dass er Diana betrogen hätte, während es bei mir denkbar wäre.“

„Das… das klingt schrecklich, aber ja, das wollte ich sagen. Tut mir leid.“

„ Dir muss das ganz sicher nicht leid tun… und ich weiß, dass ich ihm nicht dasselbe bedeute wie Diana. Er bedeutet mir ja auch nicht dasselbe wie Ted. Das ist… das kann man nicht miteinander vergleichen. Das sollte man auch nicht vergleichen. Das ist für niemanden fair.“ Andromeda streckt ihre Beine aus und ignoriert das Ziehen in ihren Oberschenkeln, das sie daran erinnert, dass sie sich eigentlich mehr bewegen – und dehnen – müsste. „Ich muss mit ihm reden, oder?“

„Du musst gar nichts.“

„Ich kann mich aber nicht für immer und ewig bei euch verstecken und mich in deine Sachen zwängen.“

Narzissa begutachtet ihr eigenes Sommerkleid, das Andromeda sich an diesem Morgen ausgeliehen hat und das ihr – dank des dehnbaren Stoffgemischs – bedeutend besser passt als die Leinenbluse, die sie davor anprobiert hat. „Ich kann morgen nach Hogsmeade apparieren und eine Tasche für dich packen.“

„Das ist ein freundliches Angebot, aber das sollte ich selbst tun.“

„Dann werde ich dich begleiten.“

„Ich kann ihn nicht ignorieren. Ich habe ihn immerhin geheiratet.“

„Na und? Deshalb kannst du ja wohl trotzdem mal ein paar Wochen lang nicht mit ihm sprechen.“

„Du willst mich nicht wirklich wochenlang als Hausgast bei dir haben.“

„Das Manor ist groß genug. Wir würden auch die Quidditchnationalmannschaft unterbekommen. Mit Trainern und Ersatzfliegern.“ Narzissa lächelt. „Habe ich dir je eine Tour durch das gesamte Gebäude angeboten?“

„Hast du… und ich weiß, dass ihr nicht zu wenig Platz habt, aber ich möchte nicht feige sein.“

„Du bist nicht feige.“

„Ich gehe einer unvermeidlichen Konfrontation aus dem Weg. Ich verwehre Erwin die Möglichkeit, sich zu erklären. Ich trage eine Kopfgeburt aus.“

„Oh, das ist ein scheußliches Wort. Das hast du von Melania übernommen.“

„Kann sein.“ Andromeda seufzt und zieht ihre Beine wieder an, sodass sie ihren Kopf bequem auf ihren Knien ablegen kann. „Danke fürs Zuhören.“

„Danke fürs Erzählen.“

* * *

Das Gewitter zieht an ihnen vorbei und Andromedas ganzer Körper fühlt sich so an, als wäre ihre Haut von einer unsichtbaren Hauselfe mit Leim bestrichen worden. Nachdem Scorpius und Lucius schließlich doch zu ihrem Schattenplatz zurückkehren, überwindet sie sich und nimmt den Badeanzug ihrer Schwester – den sie bei einer kurzen Anprobe am Morgen für tragbar befunden hat – mit zu den Umkleiden. Narzissa, die sich zwischendurch bereits umgezogen hat, cremt sich nochmal ein und erwartet sie am Steg.

Sie sind zwar nicht die ältesten Besucherinnen des Badesees, aber Andromeda fühlt sich zwischen den Kleinfamilien und den Grüppchen Jugendlicher mehr denn je wie eine Seniorin. Als sie an zwei Jugendlichen vorbeigehen, von denen der eine blaue Haare hat, denkt sie automatisch an Teddy und erinnert sich daran, dass sie zu Beginn der Woche noch Urlaubspläne geschmiedet hat. So eine unbeschwerte Reise nach Polen kommt ihr nun wie die reinste Utopie vor – und wie eine absolute Unmöglichkeit. Denn es ist die eine Sache, nach Malfoy Manor zu fliehen… aber bis nach Polen zu portschlüsseln, ohne ein Wort mit Erwin gewechselt zu haben, wäre schändlich. Mehr als bloß feige.

Das Wasser ist unerwartet klar und lauwarm, ein bisschen wie eine Badewanne, die man zwei Stunden zuvor eingelassen und dann vorübergehend vergessen hat. Anders als Narzissa, die in das Wasser gleitet, als würde sie jeden Tag hier verbringen, findet Andromeda es höchst merkwürdig, den Boden unter ihren Füßen nicht zu spüren. Sie hätte sich nicht für eine schlechte oder nervöse Schwimmerin gehalten, doch wenn sie sieht, wie zufrieden ihre Schwester im Wasser schwebt, während ihr irgendwie mulmig zumute ist, dann muss sie diese Selbsteinschätzung korrigieren.

„Alles in Ordnung? Hast du einen Krampf?“ Narzissa gleitet in wenigen Zügen zu ihr herüber und beobachtet besorgt, wie sie sich an der Leiter festklammert. „Du kannst doch noch schwimmen, oder?“

„Bestimmt. Aber es ist ganz schön lange her.“

„Dann geh da vorne rein. Dort solltest du noch stehen können.“ Narzissa deutet auf die Leiter am anderen Ende des Beckens. Andromeda nickt, hangelt sich an der Leiter wieder nach oben und geht etwas beschämt zu dem niedrigen Teil des Schwimmerbeckens herüber. Narzissa schwimmt ihr entgegen und braucht dabei auch nicht viel länger als Andromeda an Land.

Mit klopfendem Herzen kehrt sie ins Wasser zurück und stellt erleichtert fest, dass ihre Füße tatsächlich den Boden erreichen und ihre Schultern nicht vollständig mit Wasser bedeckt sind. Narzissa schaut sie erwartungsvoll an. „Besser?“

„Viel besser.“ Vorsichtig macht Andromeda einen Zug und ist beruhigt, als sie merkt, dass ihre Arme und Beine sich doch noch daran erinnern können, wie man sich im Wasser fortbewegt. „Seid ihr häufig hier?“

„Lucius kommt während der Saison alle zwei oder drei Tage her. Ich begleite ihn nur gelegentlich.“

„Alle zwei oder drei Tage? Ich wusste gar nicht, dass Lucius so sportlich ist.“

„Ist er auch ansonsten nicht. Also er zieht schon seine Bahnen, aber hauptsächlich ist er zum Schwatzen hier. Es gibt noch einen anderen Stammgast, der eine Falknerei hat und obendrein noch gern backt.“

„Lucius hat also einen Seelenverwandten gefunden?“

„Er hat sich mit sich selbst angefreundet… aber nennen wir es ruhig Seelenverwandtschaft.“

„Kennst du den Falkenfreund auch schon?“

„ Leider nicht.“ Narzissa verdreht die Augen. „Es ist nicht so, dass ich Lucius keine erfüllenden Sozialkontakte wünsche, aber ich fürchte den Tag, an dem zwei Männer in unserer Küche stehen und über die Brutzeiten ihrer Lieblinge philosophieren, ich fürchte ihn sogar sehr.“

„Meinst du, wir haben auch eigenartige Interessen und merken es nicht?“

„Du sammelst nach wie vor die lyrischen Ergüsse von Xenophilius Lovegood, oder?“

„Das wird mir die Welt eines Tages danken!“

„Aber sicher doch.“

Ehe Andromeda ihren oftmals verteidigten Standpunkt, dass es sich bei Xenophilius Lovegood um ein unerkanntes Genie handelt, nochmal wiederholt, nutzt sie stattdessen lieber die Macht des Unerwarteten und spritzt Narzissa eine Ladung Wasser ins Gesicht.

* * *

„Was hättest du eigentlich gemacht, wenn Bernadette sich nicht erinnert hätte?“ Lucius und Scorpius, die heute wesentlich mehr Wasser getreten haben als Narzissa oder sie, haben sich früh vom Abendessen verabschiedet, um zu Bett zu gehen, sodass sie zu zweit auf der Terrasse vor dem Manor sitzen und sich an ihren Weingläsern festhalten. Als Scorpius noch mit am Tisch saß, haben sie allesamt Limonade getrunken, doch sowie ihr Enkel zu Bett gegangen ist, hat Narzissa eine Flasche Elfenwein aus dem Keller geholt.

„Ich würde gerade offensichtlich mit Erwin beim Abendessen sitzen und nicht mit dir?“

„Das meinte ich doch nicht. Wie wärst du bei deiner Recherche weiter vorgegangen? Hättest du Gregory in den Urlaub verabschiedet und dann unter der Aufsicht von Argus Filch noch mehr Schülerakten gewälzt? Oder den Bulstrodes einen Besuch abgestattet?“

„Die Bulstrodes sind im Urlaub… und Prudence wollte ich kein zweites Mal damit behelligen.“

„Also wären die Untiefen der Archive dran gewesen?“

„Wahrscheinlich. Aber ich habe auch erwogen, eine Eule an John Avery oder Alessa Caro auszusenden. Vielleicht wäre einer von ihnen für ein Gespräch zu haben… und womöglich wissen sie mehr über ihre Herkunft als Prudence. Mit Prudence’ Mutter ist es ja doch recht kompliziert… und für Bernadette Black ist die ganze Situation noch vollkommen neu. Bei John Avery und Alessa Caro bestünde ja zumindest rein theoretisch die Chance, dass sie ein gutes Verhältnis zu ihren Müttern haben oder dass innerhalb der Familien offen über die Identität ihrer Väter gesprochen worden ist. Ich meine, es muss ja nichts heißen, wenn die Angabe in der Schulakte fehlt. Die Akten werden ja spätestens nach dem Abschluss nicht weiter gepflegt, die Angaben zu den Familienverhältnissen oft nicht einmal während der Schulzeit.“

„Wenn sie Ende der Achtziger beziehungsweise Anfang der Neunziger geboren sind, dann müssten sie mittlerweile beide so um die dreißig sein.“

„Genau. Also keine Elfjährigen, deren ganze Welt gerade auf den Kopf gestellt worden ist, sondern erwachsene Personen, die womöglich sogar gern darüber reden würden.“

„ Gern? Jetzt wirst du aber optimistisch.“ Ihre Schwester lächelt gutmütig und schenkt sich nochmal etwas Wein nach. „Du bleibst also an der Sache dran?“

„Bist du etwa neugierig?“

Narzissa errötet ganz untypisch und schwenkt unschuldig ihr Weinglas, ehe sie geständig wird. „Ein bisschen neugierig bin ich vielleicht… mir fehlt der Campusklatsch aber auch mehr als ich zugeben mag.“

„Es liegt also wirklich in der Familie, dass wir mit dem Konzept Sommerpause nicht umgehen können?“

„Ist zu befürchten.“