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Fremdkörper [1986]

The Beast Out Of The Sea — www.fanfiktion.de · All chapters

Fremdkörper [1986]

Happy Halloween! Derzeit geht es hier mit den Uploads ein wenig langsamer voran, da ich hinter den Kulissen ganz fleißig den Adventskalender vorbereite, der (man kennt es von mir) etwas umfangreicher ausfällt als anfangs geplant.

Content Note: In diesem Kapitel gibt es eine Prise Body-Horror, der Andromedas Füße beziehungsweise Fußnägel betrifft.

Lyrics: What Was Her Name by Dave Clark feat. Chicks On Speed

* * *

[IX] Fremdkörper

Her ambitions are a well kept secret

Even her friends don't know what she intends

Out of public sight, but in the public mind

What will you wear to the party tonight?

What was her name? Can she play the game?

[Oktober 1986]

Andromeda ist leicht wie eine Phönixfeder. Die Musik ist so laut, dass sie ihr eigenes Wort nicht verstehen kann, aber das macht gar nichts, denn sie strebt keine gediegene Unterhaltung mit ihren Kommilitonen an. Nachdem es drei Semester gedauert hat, ehe sie überhaupt mit jemandem ins Gespräch gekommen ist, hält sie es ohnehin für sicherer, so wenig wie möglich von sich selbst zu sprechen.

Die Clique, die sie in den letzten Wochen nicht sehr stillschweigend aufgenommen hat, besteht aus zwei Frauen und einem Mann. Die beiden Frauen, Rebecca und Pauline, haben genau wie sie einen Sprachkurs belegt, um die nötigen Französischkenntnisse für einen Aufenthalt an der Universität in Paris zu erwerben. Dank der Französischlehrerin, die großen Wert auf Gruppenarbeiten legt, sind die beiden auf Andromeda aufmerksam geworden. Während Rebecca eher zurückhaltend ist und Andromeda oft skeptisch von der Seite mustert, ist Pauline auf eine laute Art freundlich. Pauline war es auch, die Andromeda am Vormittag, als sie den Sprachkurs hinter sich gebracht haben, zu der Halloweenparty in ihrem Wohnheim eingeladen hat.

Andromeda hat keinen zweiten Gedanken daran verschwendet, ob sie den Abend wirklich mit billigem Alkohol und inmitten von Fremden, die alle rund zehn Jahre jünger als sie selbst sind, verbringen möchte. Wie durch ein Wunder haben weder Pauline noch Rebecca oder Sean – der zwar kein Französisch lernt, aber jede Woche vor dem Kursraum wartet, um gemeinsam mit Pauline und Rebecca in Bibliothek zu gehen und die Vorlesung aus dem gemeinsamen Nebenfach des Trios, Botanik, nachzubereiten – nach ihrem Alter gefragt. Andromeda weiß, dass sie dank ihrer runden Gesichtsform leicht für ein paar Jahre jünger durchgehen werden kann, doch sie macht sich keine Illusionen, dass sie von irgendjemanden ernsthaft für eine Zwanzigjährige gehalten werden könnte. Schon gar nicht von Personen, die tatsächlich zwanzigjährig sind.

Nachdem Pauline sie mit dem dritten Glas Bowle versorgt hat, ist sie gemeinsam mit Sean von der Bildfläche verschwunden. Weder Rebecca noch sie haben aneinander festgehalten, sodass Andromeda zu Liedern, die sie nicht kennt, mit Menschen, die sie ebenso wenig kennt, tanzt. (Wobei man das Gehüpfe eigentlich kaum als Tanzen bezeichnen dürfte.) Die Luft in dem Gemeinschaftsbereichs des Wohnheims ist stickig, obwohl an den offenen Fenstern geraucht und getrunken wird. Die Mischung aus Schweiß, Bowle, Knallbonbons und Parfüm ist stärker als die frische Herbstluft. Andromeda ist nicht für eine Party gekleidet, sondern hat die Ärmel ihres Strickpullovers so weit wie möglich nach oben geschoben. Natürlich schwitzt sie trotzdem, aber damit ist sie nicht allein. Die Gesichter der Unbekannten um sie herum flimmern nur so an ihr vorbei, doch irgendwann bemerkt sie trotzdem, dass neben ihr ein Mann mit blonden Locken tanzt, die sie an Ted erinnern. Der Gedanke an Ted versetzt ihr einen Stich. Der Telefonanschluss, von dem Ted sie seit geraumer Zeit überzeugen möchte, kommt ihr mit einem Mal doch fast wie eine gute Idee vor. Denn wenn sie wüsste, dass er nicht zuhause sitzt und auf sie wartet, sondern auch spontan eigene Pläne geschmiedet hat, wäre ihr Gewissen weniger schwer.

Der Mann mit den blonden Locken öffnet den Mund und sie nimmt an, dass er mit ihr spricht. Sie deutet auf ihre Ohren und schüttelt den Kopf. Er grinst schief und deutet auf eines der offenen Fenster, an dem ein Platz frei geworden ist. Sie nickt und lässt zu, dass er ihre Hand nimmt und sie zielstrebig zu der Fensterbank führt, auf der ein überquellender Aschenbecher und eine zur Hälfte geleerte Flasche Goldlack zurückgelassen worden sind. Ihr Nachbar von der Tanzfläche holt eine Schachtel Zigaretten aus seiner Hemdtasche und bietet ihr die geöffnete Packung an.

„Ich rauche nicht.“ Kaum hat sie das Angebot abgelehnt, betrauert sie ihre Entscheidung ein wenig. Schließlich tanzt sie normalerweise auch nicht mit fremden Teenagern – wäre es da nicht konsequent, noch eine Ausnahme mehr zu machen?

„Schlau von dir. Ich will es mir auch wieder abgewöhnen.“ Der Lockenkopf grinst und zündet die Zigarette an. „Ich habe dich noch nie gesehen. Du hast hier kein Zimmer, oder?“

Andromeda schüttelt den Kopf. „Eine Bekannte hat mich eingeladen.“

„Sylvia?“

„Meine Bekannte heißt Pauline. Eine Sylvia kenne ich nicht.“

„Ah. Pauline wäre mein nächster Tipp gewesen. Die beiden sind eigentlich immer dafür verantwortlich, wenn hier neue Gesichter auftauchen.“ Er zwinkert ihr freundlich zu. „Dann bist du auch eine Botanikerin?“ Kaum hat sie zu einem Kopfschütteln angesetzt, legt er die nächste Frage nach. „Was machst du dann?“

„Zaubereigeschichte... und defensive Zauberkunst.“ Andromeda ergänzt den letzten Teil nur hastig, denn ihr Hauptfach genießt an der Universität einen fragwürdigen Ruhm.

„ Defensive Magie? Du lernst also, dich in Luft aufzulösen?“

„Unter anderem.“ Andromeda verzichtet darauf, ihren neuen Bekannten darüber aufzuklären, dass Professor Summers, die Verteidigung gegen die dunklen Künste ganz anders begreift als Andromeda es in Hogwarts gelernt hat und ihnen nicht selten Akrobatik abverlangt, keine entlaufene Zirkushexe ist, die es durch Zufall zu einem Lehrstuhl gebracht hat. „Was studierst du?“

„Arithmantik – und angewandte Mathematik auf dem nicht-magischen Campus.“

„Ah.“ Andromeda kommt keine weitere Frage in den Sinn, die sie ihrem Gegenüber stellen möchte. Nur zu gern würde sie wieder auf die Tanzfläche zurück, aber sie möchte auch nicht vollends unhöflich sein.

„Ich heiße übrigens Gabriel.“

„Das ist ein schöner Name.“ Andromeda findet ihre Reaktion vollkommen normal, doch Gabriel sieht belustigt – und irritiert aus. Es kostet sie einige entscheidende Sekunden, um zu begreifen, dass sie sich ebenfalls vorstellen sollte. „Anna.“ Das ist keine Abkürzung ihres Namens, die jemals irgendwer gebraucht hätte, doch es ist der Name, mit dem sie sich in dem Französischkurs vorgestellt hat, da sie sich nicht sicher gewesen ist, ob am Ende nicht doch jemand im Raum sitzt, der sich bei ihrem Vornamen daran erinnert, welche Familie ihre Kinder gern nach Sternbildern und Sagengestalten benennt. Dank Teds Familiennamen fällt sie nicht auf, wenn sie sich in Seminaren zu Wort meldet, doch im Zwiegespräch mit ihren Kommilitonen kann sie sich ja schlecht als Mrs. Tonks vorstellen. (Oder als Miss Tonks. So rufen sie die Dozierenden und sie korrigiert niemanden, denn sie lässt ihren Ehering ja nicht zum Spaß in ihrer Geldbörse.)

„Du erinnerst mich an jemanden, Annie.“

„Anna.“

„Oh, das habe ich schon verstanden. Ich finde aber, du siehst eher wie eine Annie aus.“

„Aha.“ Andromeda dämmert plötzlich, dass Gabriel versucht, einen Flirt auf die Beine zu stellen. Die angebotene Zigarette und die Art, wie er sich beim Reden nach vorn lehnt, hätten ihr schon ein Hinweis sein können, doch nun ist sie sich ganz sicher. „Ich gehe wieder tanzen.“ Gabriel nickt beflissen und drückt seine Zigarette aus. Sie erstarrt kurz und verflucht sich dafür, dass sie keine eindeutige Ausdrucksweise gewählt hat, denn natürlich kann er diese Aussage auch als Einladung interpretieren. „Also eigentlich… ich muss mal zur Toilette.“ Das ist nicht mal gelogen. Sobald sie an eine Toilette gedacht hat, erinnert ihre Blase sie daran, dass sie drei Gläser Bowle getrunken hat. „Wo sind die Toiletten?“

Anstatt ihr eine verbale Wegbeschreibung zu liefern, bietet er ihr wieder seine Hand an. Da sie weder mit voller Blase vom Fleck weg apparieren noch sich einnässen möchte, lässt sie sich von ihm an die Hand nehmen und um die improvisierte Tanzfläche herum auf den Flur des Wohnheims führen. Am Ende des Gangs entdeckt sie dezent beschilderte Toiletten, doch die Tür zur Damentoilette ist verschlossen. Hinter der Tür hört sie, wie sich eine arme Seele erbricht. Gabriel vernimmt das Würgen ebenfalls und führt sie ein Stockwerk weiter nach oben. Die Etage ist ein wenig anders aufgebaut – es gibt keinen Gemeinschaftsbereich, sondern Apartments, deren Türen teilweise weit offen stehen oder mit Kleidungsstücken dekoriert sind. Die Toilette ist allerdings nicht besetzt, sodass Andromeda keine Zeit verliert.

Sie ist nicht nur dankbar für die Örtlichkeit, sondern auch für die Ruhe. Fernab von der Musik klart ihr Verstand auf und sie realisiert, wie durch und durch absurd sie sich verhält. Nachdem sie ihre Hände gewaschen und behelfsmäßig an ihrem Pullover abgetrocknet hat, kramt sie ihre Geldbörse hervor und steckt sich ihren Ring an.

Als sie aus der Toilette tritt und sieht, dass Gabriel auf sie gewartet hat, macht sie kurzen Prozess und hebt ihre Hand, sodass er den Ring sehen kann. „Ich bin verheiratet. Außerdem bin ich diesen Monat zweiunddreißig Jahre alt geworden. Meine Tochter geht in Hogwarts in die zweite Klasse und feiert in ein paar Wochen ihren dreizehnten Geburtstag.“

Gabriel starrt sie mit großen Augen an, fängt sich aber bemerkenswert schnell. „Ach krass.“

„Ja… ich dachte, ich erwähne das lieber so früh wie möglich. Also nur für den Fall, dass du… ach, einfach nur damit wir uns nicht missverstehen.“

„Ehm… danke… und wow, du siehst echt deutlich jünger aus.“ Er streicht sich nervös durch die Haare. „Also ich habe mir schon gedacht, dass du ein paar Jahre älter als ich sein wirst, weil wir uns nicht aus Hogwarts kennen, aber es hätte ja auch sein können, dass du einfach auf einer anderen Schule gewesen bist… wow. Zweiunddreißig. Mein Cousine ist dieses Jahr fünfunddreißig geworden und die sieht… naja, also sie sieht jetzt auch nicht steinalt aus, aber sie würde hier auffallen. Du fällst gar nicht auf. Wieso fällst du nicht auf?“

„Vielleicht bin ich einfach eine unauffällige Person?“

„Klar. Total dezent bist du.“ Sein Blick wandert zu ihren Haaren, denen sie ein helles, fast schon grelles Blond verleiht, wann immer sie in Edinburgh unterwegs ist. Das erfordert zwar eine gewisse Anstrengung, die sie oft lieber in die Übungen stecken würde, aber sie kann einfach nicht riskieren, mit Bellatrix verwechselt zu werden. Es vergehen zwar mittlerweile ganze Wochen und Monate, in denen keine Fotografien ihrer Schwester abgedruckt werden, doch Andromeda möchte nichts riskieren. (Gar nicht selten träumt sie von Doras erstem Ausflug in die Winkelgasse – nur dass ihre Träume selten so glücklich verlaufen wie der Tag selbst.) Also legt sie es eher darauf an, mit Narzissa verwechselt zu werden, deren helles Haar stets dafür gesorgt hat, dass sie niemand mit Bellatrix verglichen hat, obwohl die beiden exakt dieselben Augen haben. „Aber auch heftig, dass deine Tochter schon in Hogwarts ist. Hast du wegen ihr erst später mit dem Studium angefangen?“

„Unter anderem.“

„Aber stark. Also finde ich stark, dass du das so gemacht hast. Echt stark.“ Gabriel nickt bekräftigend und sie stellt erleichtert fest, dass bei ihm wirklich jegliches Interesse an ihrer Person verflogen zu sein scheint.

Da sie ihm nicht dabei zusehen möchte, wie er nach einem Weg sucht, um ihre Unterhaltung so zügig wie möglich zu einem Ende zu bringen, kommt sie ihm zuvor. „Gibt es im Wohnheim einen Anschluss ans Flohnetzwerk?“

„Klar.“

„Und kannst du mir den Kamin zeigen?“

Gabriel nickt wieder ganz schwungvoll – und geht voraus. Diesmal greift er nicht nach ihrer Hand und lässt ihr auch nicht den Vortritt auf der Treppe. Sie folgt ihm ins Treppenhaus. Sie spazieren an der Party vorbei und er bringt sie ins Untergeschoss des Gebäudes, in dem sich gleich zwei Kamine befinden. „Nimm lieber den hier rechts. Der andere hat manchmal Schluckauf.“

„Danke für den Tipp. Und dafür, dass du mir den Weg gewiesen hast.“ Sie bedient sich an der Dose mit dem Flohpulver, das ihr eher gräulich als grünlich vorkommt. Wahrscheinlich werden ihre Hände den Rest der Woche bestialisch jucken. „Es war nett, dich kennenzulernen, Gabriel.“

„Gleichfalls, Anna.“ Er ringt sich nochmal ein ziemlich überzeugendes Lächeln für sie ab. „Gutes Flohen – und frohes Samhain.“

„Frohes Samhain.“ Andromeda verschluckt sich beinahe an der Vokabel, die aus Gabriels Mund nicht wie ein Fremdwort klang, während sie wie üblich über die Betonung gestolpert ist. Dafür müsste sie sich vermutlich gar nicht geißeln, denn nichts an dieser Party war sonderlich traditionell oder andächtig. Gabriel winkt ihr nochmal, während sie die grünen Flammen heraufbeschwört und in den Kamin ihres Vertrauens floht.

Es ist einigermaßen ironisch, dass ausgerechnet der Anschluss im Grimmauldplatz Nummer 12 zu dem Kamin geworden ist, den sie ansteuert, doch die zentrale Lage des Hauses kann mit Anschlüssen an offizielleren Stellen – wie etwa der Winkelgasse oder dem Zaubereiministerium – mithalten. Als ihre Tante Walburga, die letzte Bewohnerin des Hauses, im vergangenen Sommer das Zeitliche gesegnet hat, ist das Haus in den Besitz von Sirius übergegangen, der in seiner Zelle reichlich wenig mit einem Grundstück anfangen kann.

Der Kamin ist – der Nachlässigkeit des Testaments ihrer Tante sei Dank – nicht abgemeldet worden und wird zudem von Kreacher, der Hauselfe, regelmäßig von Staubmäusen befreit. Wie üblich verbringt Andromeda keine Minute länger als nötig in dem Haus. Das Tuscheln der Gemälde begleitet sie zur Tür heraus und sie ärgert sich darüber, dass sie auf das Flohnetzwerk ausweichen musste. Wenn sie nur ein Glas Bowle getrunken hätte, dann wäre zumindest eine Disapparation innerhalb Englands noch zu verantworten gewesen, doch so ist sie auf ihre Füße angewiesen. Und auf den öffentlichen Personennahverkehr der Muggelwelt. Sie hat Glück und muss gar nicht lange auf einen Zug warten, der sie aus London herausbringt. Die Fahrt nach Uxbridge dauert nicht einmal eine halbe Stunde, doch in Uxbridge angekommen, sieht sie sich mit einem langen Fußmarsch konfrontiert. Sie passiert gleich mehrere Telefonzellen in der Bahnhofshalle und verflucht sich doppelt und dreifach dafür, dass sie sich bis heute gegen diesen Telefonanschluss gewehrt hat.

Nachdem sie den Busfahrplan nochmal gründlich studiert und zu der wenig überraschenden Erkenntnis gekommen ist, dass nach acht Uhr abends kein Bus mehr in die ländlicheren Gebiete fährt, ringt sie mit sich, ob es sehr unverantwortlich wäre, einen wehrlosen Taxifahrer mit einem Verwechslungszauber zu belegen. Wahrscheinlich hätte Ted sogar ausreichend Pfund griffbereit, sodass sie die Rechnung für eine Fahrt durch das Moorland begleichen könnte.

Während Andromeda sich noch über sich selbst ärgert, kurbelt auch schon das erste Taxi, das vor dem Bahnhof geparkt steht, die Scheibe herunter. Hinterm Steuer sitzt eine Frau mit dunklen Haaren und dunklen Augen, die in ihrem Alter sein könnte. „Guten Abend, Madam. Sie sehen so aus, als hätten Sie noch eine Landpartie vor sich?“

„Das ist… nicht ganz richtig.“ In ihrer Magengegend drückt es ganz unangenehm und sie macht einen Schritt rückwärts. Die Frau sieht freundlich aus und sie klingt auch freundlich, aber irgendetwas an ihr ist Andromeda einfach nicht geheuer. „Ich warte auf meinen Freund. Er holt mich ab, aber er ist leider nicht der Pünktlichste.“

„An so einen bin ich auch mal geraten.“ Die Frau lächelt und beobachtet, wie Andromeda noch einen Schritt rückwärts geht – und dabei prompt gegen eine Bordsteinkante stolpert.

Sie verliert das Gleichgewicht, kann sich aber noch an der Tafel mit den Busfahrzeiten abstützen. Ohne sich weiter zu erklären, dreht sie sich um und geht zielstrebig die Straße entlang. Bei der ersten Gelegenheit biegt sie in eine Gasse ab und disappariert. Lieber verliert sie einen Fuß oder ihre Nase als ihr Leben.

Im ersten Moment ist sie sich nicht sicher, ob sie wirklich zersplittert oder nur ungünstig gelandet ist. Vorsichtig schaut sie auf ihre Füße herab, die nicht in einem ungünstigen Winkel verdreht sind oder abstehen. Das sind die guten Nachrichten. Die schlechte Nachricht ist die fehlende Spitze ihres Stiefels, die mit einem Fehlen ihrer Zehennägel einher geht. Der Verlust ihrer Nägel wird nicht nur schmerzlich von ihrem Nervensystem kommuniziert, sondern ist auch ein reichlich unappetitlicher Anblick. Sie wendet den Blick ab und zieht in Erwägung, der Übelkeit nachzugeben und sich zu erbrechen. Es erscheint ihr mit einem Mal sowieso unvermeidlich, dass sie sich heute noch übergeben wird, also kann sie es auch eigentlich schnellstmöglich hinter sich bringen.

„Dromeda?“ Ted steht am Fuß der Treppe und reibt sich verschlafen die Augen. Sobald er sieht, dass sie keine ganz lässige Figur macht, sondern sich zusammengekauert an der Wand abstützt und möglichst nicht auf ihre Füße schaut, kommt Leben in ihn. „Bist du verletzt? Hat dich jemand angegriffen?“

„Zersplittert.“ Sie beißt sich fast auf die Zunge. Irgendetwas in ihrem Nervensystem ist noch nicht wieder richtig verschaltet worden. „Zehennägel.“

„Oh… oh . Das sieht aber fies aus.“ Teds Stimme ist weich wie Samt und sie spürt seine Hand auf ihrer Schulter. „Darf ich dich ins St. Mungo bringen oder wird davon abgeraten, nach einer Zersplitterung Seite an Seite zu apparieren?“

„Ich weiß es nicht mehr. Diese Prüfung ist schon so lange her.“ Ihr linker Arm zuckt unkontrolliert.

Ted kneift besorgt die Augen zusammen. „Ich bringe dich ins St. Mungo. Warte kurz, ich hole meinen Zauberstab. Hast du deinen Zauberstab bei dir oder soll ich deine Hexenkarte suchen, damit du dich ausweisen kannst?“

„Mein Zauberstab steckt in meinem Stiefel.“

„Gut. Ich bin gleich wieder da, Liebling.“ Ted gibt ihr einen Kuss auf den Scheitel, rast die Treppe hoch und kehrt nicht nur mit seinem Zauberstab, sondern vollständig bekleidet zurück. Über dem Bund seiner Jeans entdeckt sie das Muster seiner Pyjamahose. Diese Sichtung entlockt ihr ein kleines Lächeln, denn natürlich trägt Ted ausgerechnet heute die Pyjamahose mit den tanzenden Gespenstern, die Dora für ihn ausgesucht hat und die er tapfer anzieht, obwohl die Hosenbeine viel zu kurz sind und der Stoff schon knapp unter seinen Knien endet.

Die Seit-an-Seit-Apparation ist eine elende Angelegenheit und es würde Andromeda nicht wundern, wenn sie das St. Mungo Hospital mit einem Fuß weniger verlässt. Während Ted der Hexe am Empfang verdeutlicht, dass es sich um einen Notfall handelt, füllt sich ihr Kopf mit Watte, bis sie schließlich auf einer weichen Wolke landet.

Als sie die Augen wieder öffnet, ist nicht alles längst wieder gut, doch sie liegt nicht auf dem Boden, sondern auf einer Liege. Eigentlich liegt sie auch nicht wirklich auf einer Liege, sondern auf Ted, dessen Finger nervös durch ihre Haare streicheln. Diese nervösen Bewegungen passen nicht zu seiner Stimme, die ganz tief und ruhig ist. Sie kann die einzelnen Wörter nicht ausmachen, bis sie schließlich ihren Namen hört.

„Andromeda?“ Seine Finger streicheln über ihre Wange und seine Augen finden ihre. Er wartet kurz ab, übernimmt dann aber wieder die Wortführung, als ihm klar wird, dass von ihr nicht viel zu erwarten ist. „Nein, soweit ich weiß, ist Andromeda noch nie zuvor zersplittert.“

„Gut, gut, also keine Vorschädigungen?“

„Nein, ich denke nicht.“

„Hat sie in den letzten 24 Stunden irgendwelche Tränke zu sich genommen?“

„Ich weiß es leider nicht genau. Sie nimmt regulär keine Tränke zu sich… außer einem Verhütungstrank, aber den hat sie letzte Woche eingenommen.“ Teds Stimme verliert sich wieder im Nebel.

„Wie steht es mit Alkohol? Oder Rauschmitteln?“

„Es könnte sein, dass sie etwas getrunken hat.“ Ted beugt sich über sie und schnuppert an ihrem Haar. „Sie riecht ein wenig nach Rauch, also denke ich, dass sie auf einer Feier gewesen sein könnte. Es ist ja schließlich Halloween.“

„Sie denken , dass Sie auf einer Feier gewesen sein könnte ?“ Die unbekannte Stimme ist empört. „Soll das heißen, dass Sie nicht wissen, ob Ihre Frau ausgeht oder nicht?“

„Genau.“

„Aber Sie leben zusammen?“

„Das ist richtig… aber ich habe heute gearbeitet und sie war in der Uni. Deshalb haben wir zuletzt heute Morgen miteinander gesprochen. Ich habe sie abends natürlich erwartet, aber als sie nicht nach Hause gekommen ist, habe ich angenommen, dass sie ausgegangen ist… wieso ist das denn überhaupt so wichtig? Können Sie nicht einfach ihren Fuß reparieren?“

„So einfach ist das leider nicht. Wenn ich nicht weiß, ob die Patientin nüchtern ist, kann ich die Verletzung nicht ohne entsprechende Vorkehrungen behandeln. Mit Ihrer Erlaubnis würde ich gern eine Blutprobe entnehmen, um diesen Zweifel auszuräumen… Mr. Tonks?“

Ted schaut sie an und sie schaut ihn ebenfalls an, doch sie kann nichts weiter tun. Verzweifelt öffnet sie ihren Mund und bringt doch kein Wort hervor. Beunruhigt streicht Ted ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Wenn es denn sein muss… aber seien Sie bitte vorsichtig.“

„Das ist nicht mein erster Tag, Sir.“

„Entschuldigung. Ich mache mir nur Sorgen.“

„Ich an Ihrer Stelle würde mich eher darum sorgen, dass ich keinen blassen Schimmer habe, wo meine Frau sich herumtreibt.“

Andromeda beobachtet, wie sich Teds Nasenflügel vor Wut aufblähen, doch er sagt nichts und sie wird von einem Stich in ihrem Unterarm abgelenkt. Sie gibt ein leises Wimmern von sich, obwohl sie schon weitaus schlimmere Schmerzen durchgestanden hat. Teds Hände streicheln besänftigend durch ihre Haare, doch sie fühlt sich nicht getröstet. Aus ihrem Wimmern wird ein Schluchzen und sie weiß, dass sie sich wieder fangen muss, wenn sie ihre Zehennägel zurückerhalten will, doch es gelingt ihr einfach nicht.

Ted gibt dieselben Geräusche von sich, mit denen er Dora beruhigt, wann immer sie sich einen neuen blauen Fleck eingehandelt oder einen schlechten Traum gehabt hat. Sie versucht, sich ausschließlich auf Teds Stimme zu konzentrieren und ihren schmerzenden Fuß zu ignorieren. Außerdem versucht sie, ihr eigenes Schluchzen zu ignorieren. Das führt allerdings nicht direkt dazu, dass sie ihre Fassung zurückerlangt – dafür braucht es die Schonungslosigkeit des Heilers, der ihre Zersplitterung versorgt hat und Ted eine Phiole mit einer hellgrünen Flüssigkeit in die Hand drückt. „Sorgen Sie dafür, dass Ihre Frau den Inhalt dieser Phiole vollständig zu sich nimmt. Falls Sie sich erbricht, erhalten Sie gegen Vorlage der leeren Phiole eine neue Dosis in unserer Apotheke. Damit ist die an den Empfangsbereich angrenzende Apotheke gemeint, in anderen Apotheken gilt die Phiole nicht als Rezept.“ Der Heiler räuspert sich. „Für den Fall, dass Sie sich über die Möglichkeiten eines stationären Entzugs informieren möchten, wenden Sie sich bitte an den Empfang oder bedienen sich eigenhändig an unserem Informationsmaterial im Foyer.“ Der Heiler räuspert sich erneut. „Ich wünsche Ihnen alles Gute, Mr. Tonks… Mrs. Tonks.“

Der Heiler verlässt sie mit zügigen Schritten zu Gunsten des nächsten Notfalls und Andromeda weiß, dass sie die Liege bald freigeben muss, doch Ted scheucht sie nicht, sondern massiert ihren Nacken. Wenn sie die Augen schließt, muss sie lediglich den scharfen Geruch der Desinfektionszauber ignorieren, um sich vorzustellen, dass sie gerade in ihrem eigenen Bett liegt. „Ich bin gar nicht so betrunken.“

„Natürlich nicht, Liebling.“

„Ich bin wirklich nicht besonders betrunken. Ich bin einfach nur traurig.“ Sie schmiegt ihr Gesicht an Teds Bauch, der nicht so weich ist wie ihr Kissen. „Ich vermisse Dora.“

„Ich auch.“

„Und ich hasse mich.“

Auf dem Flur ertönt ein grelles Heulen, das Ted das Wort abschneidet.

„Ich will nach Hause. Bringst du mich nach Hause, Teddy?“

„Natürlich.“

* * *

Der hellgrüne Trank hat nach einer seltsamen Mischung aus Fenchel, Salbei, Limettensaft und Rauch geschmeckt. Der saure Nachgeschmack und ihr pochender Fuß helfen ihr nicht gerade dabei, zur Ruhe zu kommen, obwohl sie diesen Tag unbedingt beendet wissen möchte. Es ist kein Trost, dass Ted neben ihr liegt und sich hellwach von einer Seite auf die andere wirft. Er ist locker ein halbes Dutzend Mal aufgestanden, seitdem er sich zum ersten Mal hingelegt hat. Er hat ihr ein Glas Wasser gebracht – und einen Socken für ihren unverletzten Fuß. Und noch ein Glas Wasser. Dann hat er ihr beim Aufstehen geholfen, sodass sie nochmal zur Toilette gehen konnte. Danach ist er selbst zur Toilette gegangen und hat sich die Zähne geputzt und mit Mundwasser gegurgelt und wahrscheinlich sogar Zahnseide gebraucht.

„Haben wir ein Problem?“ Ted spricht leiser als gewöhnlich und ihr Herz zieht sich zusammen, denn es ist nur selten ein gutes Zeichen, wenn Ted seine Lautstärke verliert.

„Nein… ich habe ein Problem.“ Sie dreht sich auf die Seite und greift nach seiner Hand. „Ich weiß, dass ich eben gesagt habe, dass ich mich hasse… und ich gebe zu, dass ich da etwas übertrieben habe, aber ich mag die Person, die ich gerade bin, auch nicht besonders.“

„Aber wieso nicht? Du hast dich doch so auf das Studium gefreut.“

„Ich weiß.“

„Aber es macht dir keinen Spaß? Obwohl du so gut darin bist?“

„Das Fachliche macht mir Spaß… aber in den Pausen zwischen den Veranstaltungen fühle ich mich wie eine Außerirdische. Ich habe nichts mit den Leuten gemeinsam, obwohl wir in denselben Kursen sitzen. Sobald es nicht mehr ums Fachliche geht, werde ich zu einer Lügnerin. Ich habe mich heute von zwei Frauen, die nicht mal meinen richtigen Vornamen kennen, zu einer Party einladen lassen. Ich war in einem Wohnheim mit lauter Hexen und Zauberern, die zehn Jahre jünger als wir sind und habe mich wie ein Tricksickel gefühlt. Und trotzdem hatte ich zwischendurch Spaß… bis mir wieder eingefallen ist, dass das nicht mein Leben ist.“

„Es könnte aber doch dein Leben sein. Wenn du ausgehen und tanzen willst, dann kannst du das doch tun. Ich habe da nun wirklich nichts dagegen.“

„Ich will aber nicht jedes Mal, wenn ich den Mund aufmache, eine Lüge erzählen.“

„Das musst du doch auch nicht.“

„Doch, muss ich. Wenn ich erzähle, wie alt ich bin und dass ich verheiratet bin, dann finden sie mich seltsam. Und wenn sie mich nicht gerade seltsam finden, dann merken sie, wie ähnlich ich einer berühmt-berüchtigten Todesserin sehe, vor der sie von ihren Eltern und Lehrern gewarnt worden sind.“

„Du maskierst dich, wenn du zur Universität gehst?“ Teds Erschütterung sorgt dafür, dass ihre eigene Geheimniskrämerei ihr nochmal etwas verwerflicher vorkommt. Schließlich hat sie in den letzten Jahren nicht rein zufällig darauf gewartet, dass sie allein mit einer spiegelnden Oberfläche ist, um ihre Metamorphmagie zu trainieren. All diese Übungen hätte sie ebenso gut in Teds Gegenwart ausführen können, doch sie wollte nicht, dass er fragt, wieso sie plötzlich so übereifrig ist, wenn es um die Stärkung dieser Magie geht, die ihr so viel schwerer fällt als Dora. Denn dann hätten sie sich doch nur wieder über Doras achten Geburtstag unterhalten – und über dieses Erlebnis in der Winkelgasse haben sie sich schon oft genug gestritten.

„Nur meine Haare. Die sind wirklich zu auffällig… aber abschneiden will ich sie nicht, das kann ich nicht. Das sähe ganz furchtbar aus.“

„Du wärst selbst kahlköpfig noch eine Schönheit.“ Ted bemüht sich um Leichtfertigkeit und dafür liebt sie ihn direkt noch ein bisschen mehr. „Wenn du andere Männer treffen möchtest, finden wir gewiss einen Kompromiss.“

„Andere Männer?“ Sie setzt sich erschrocken auf und spürt einen unangenehmen Stich in ihrer Seite, der sie unsanft daran erinnert, dass sie in den nächsten Tagen im Schongang existieren muss. „Du denkst, ich will…“

„Ich würde es dir nicht verübeln. Ich könnte es gar nicht.“

„Wieso nicht?“ Der Groschen fällt schon in der Sekunde, in der sie diese Frage stellt. „Du willst… du interessierst dich für jemanden?“ Zu ihrer eigenen Verwunderung ist sie nicht eifersüchtig oder enttäuscht, sondern sogar irgendwie erleichtert.

„Nein.“ Ted errötet. „Also nicht für eine konkrete Person. Aber manchmal, wenn ich in der Mittagspause einen Spaziergang mache und sehe, wie verflucht viele Menschen es auf der Welt gibt… dann tagträume ich ein bisschen. Wie mein Leben wohl aussehen würde, wenn ich kein Zauberer wäre und wir uns nie kennengelernt hätten. Und ich wünsche mir das nicht, ich würde Dora und dich und unser Leben für kein Geld der Welt hergeben wollen, aber manchmal ist es trotzdem interessant, sich Gedanken zu machen.“

„ Interessant .“ Andromeda lacht verzweifelt auf. „Manchmal bist du wirklich zu beneiden. Ich verliere halb den Verstand, weil ich das Gefühl habe, dass meine Haut mir nicht richtig passt… und du findest es interessant , dir ein größeres Leben vorzustellen.“

„Ein kleineres Leben. Ich würde sagen, ich stelle mir meistens ein kleineres Leben vor. Mit weniger Verantwortung… und weniger Sichtbarkeit.“

„Mit weniger Sichtbarkeit? Du fühlst dich zu sichtbar?“

„Manchmal schon. Wenn ich mit Dora unterwegs bin, dann werden wir immer angeschaut, weil sie so laut und so bunt ist. Und wenn wir beide unterwegs sind, dann werden wir auch angeschaut, weil man dich eben gern anschaut. Wenn ich allein bin, dann werde ich höchstens bemerkt, weil ich größer als die meisten Personen bin.“ Ted atmet geräuschvoll aus. „Tut mir leid.“

„Was tut dir leid?“

„Dass ich so klinge, als würde ich mir ein leises und weniger farbenfrohes Kind wünschen. Ich will Dora nicht ändern.“

„Ich weiß, dass du sie nicht ändern willst.“

„Und dich auch nicht.“

„Ich weiß.“

„Ehrlich nicht.“

„Ich habe dir schon beim ersten Mal geglaubt, Teddy. Ich glaube dir immer beim ersten Mal.“ Sie streckt ihre Hand nach ihm aus. Er verschränkt seine Finger mit ihren und sie fühlt sich nicht ganz so leicht wie auf der Tanzfläche, nicht ganz so leicht wie eine Phönixfeder, aber fast.