Doppelgängerin [1981]
Doppelgängerin [1981]
Weiter geht es! Ich freue mich, dass doch einige bekannte Gesichter direkt mit dabei sind! ❤︎ Für alle, die mehr Zeit auf Pottermore verbracht haben als ich, reiche ich den Hinweis nach, dass ich hier von Informationen auf Pottermore über den Anmeldungsprozess in Hogwarts abweiche.
Diese erste Rückblende ist bereits im Jahreskalender 2025 erschienen und seither nur ganz minimal um einzelne Wörter ergänzt worden. Ich möchte außerdem nochmal darauf hinweisen, dass die Rückblenden nicht chronologisch angeordnet sein werden.
Lyrics: Can't Catch Me Now by Olivia Rodrigo
* * *
[I] Doppelgängerin
But I'm in the trees, I'm in the breeze
My footsteps on the ground
You'll see my face in every place
But you can't catch me now
[November 1981]
Am 31. Oktober 1981 war alles vorbei. Jedenfalls behaupten das die Zeitungen. Eine Woche später ist es dann tatsächlich vorbei und Andromeda hat zum ersten Mal seit Jahren – eigentlich das erste Mal in ihrem ganzen Leben – das Gefühl, frei atmen zu können.
Mit zitternden Händen liest sie die Berichte über die Verhaftung und den Prozess der Lestranges und ist jedes Mal erleichtert, wenn sie den Namen Bellatrix Lestrange liest. Denn Bellatrix Lestrange ist eine Fremde, mit Bellatrix Lestrange hat sie nie die halbe Nacht wach gelegen und sich Gruselgeschichten erzählt, mit Bellatrix Lestrange hat sie nie Schnapspralinen aus dem Vorratsschrank ihrer Großmutter gestohlen, Bellatrix Lestrange hat ihr nicht erklärt, wie man einen Tampon benutzt.
Ted und sie sprechen nicht über den Prozess oder über die Zeitungsartikel, die sie hortet wie ein Biber besonders vielversprechende Stöcke für einen Staudamm aufbewahrt. Erst als es den Geburtstag von Nymphadora, der in jedem Jahr die Adventszeit einläutet, zu planen gilt, reden sie dann irgendwie doch darüber. Ted schaut sie nicht an, sondern gießt die Weihnachtssterne, die er aus der Redaktion mitgebracht hat, während sie vor dem halb erblindeten Spiegel sitzt und ihre Haare bürstet. Das allabendliche Bürsten ist eines der wenigen Rituale aus ihrer Kindheit, das sie nie leid geworden ist.
„Wir könnten mit ihr ins Kino. Allmählich ist sie alt genug, um neunzig Minuten still zu sitzen.“ Diese Einschätzung teilt Andromeda, die sich Tag für Tag mit ihrer Tochter hinsetzt und sie im Lesen, Schreiben, Rechnen und Musizieren unterrichtet, nicht so ganz. Die einzige Stunde, in der Dora wirklich ruhig ist, sind die sechzig Minuten, die sie am Keyboard verbringen darf.
„ Oder wir gehen in die Winkelgasse.“ Andromeda kann kaum glauben, dass diese Worte aus ihrem Mund kommen. Im Spiegel sieht sie, dass sie Ted ebenfalls überrascht und auch ein bisschen erschrocken hat. „Das wünscht sie sich seit Jahren.“ Ted schweigt so lange, dass es sich nach Missbilligung anfühlt und sie merkt, wie sich Scham in ihr breitmacht. Ist sie zu leichtsinnig? Unterschätzt sie die Zauberwelt nun doch? Ist die Welt wirklich eine andere, nur weil Du-weißt-schon-wer und ihre Schwester von der Bildfläche verschwunden sind? Sie weiß, dass sie die Zauberwelt mehr vermisst als Ted, der glücklich damit ist, sich den Haushalt mit Magie zu erleichtern, aber keinerlei Ambitionen hat, die Grenzen seiner Zauberkraft auszuloten oder neue Sprüche zu lernen. Und der sie zwar bei ihrer Bewerbung für ein Fernstudium unterstützt hat, die Idee aber eigentlich doch abstrus fand. „Wir sind keine Muggel.“
„Das ist mir klar.“
„Unsere Tochter ist eine Metamorphmagierin.“ Und sie wird nach Hogwarts gehen. Daran hat Andromeda nie gezweifelt, doch sie hat die Anmeldung aufgeschoben. Es heißt zwar stets, dass Du-weißt-schon-wer sich vor Albus Dumbledore fürchtet und dass Hogwarts aus diesem Grund unantastbar ist, doch sie wollte nicht mit Ted darüber debattieren, wie sicher Hogwarts tatsächlich ist. „Wir können ihr diesen Teil der Welt nicht für immer vorenthalten.“
„Da hast du leider Recht.“ Leider. Ted lächelt, doch dieses leider ist ein weiterer Beweis dafür, dass sie mit einem Mann verheiratet ist, der als Muggel womöglich glücklicher geworden wäre. (Oder ganz einfach ohne sie.)
* * *
Nymphadora hüpft auf und ab wie ein Flummi und reißt sich die Mütze vom Kopf, sobald sie den nicht-magischen Teil der Londoner Innenstadt verlassen haben. Da beinahe ein Jahrzehnt vergangen ist, seit Andromeda zuletzt in der Winkelgasse gewesen ist, hat sie keinen der Seiteneingänge gewählt, deren Öffnungszeiten sich früher mit schöner Regelmäßigkeit verändert haben, sondern den Tropfenden Kessel aufgesucht. Das Gasthaus schließt niemals seine Türen, der Schankraum ist zu keiner Stunde leer, die Theke ist immer besetzt. (Jedenfalls erzählt man sich das, Andromeda selbst war nie zu nachtschlafender Zeit hier und weiß deshalb nicht, ob es um vier Uhr morgens nicht doch wie ausgestorben ist.)
Ted geht einen Schritt hinter ihr. Er hat seine Skepsis gegen den Ausflug in die Winkelgasse nicht überwunden, doch er hat sich bereit erklärt, sie zu begleiten. Darüber freut Andromeda sich ungefähr so lange, bis sie auf einen Schlag drei Zauberstäbe im Gesicht hat. Neben ihr hüpft Dora weiterhin auf und ab und schaut sich mit großen Augen an dem fremden Ort um, ohne zu bemerken, dass ihre Ankunft für Irritationen gesorgt hat.
Die Stabspitzen in ihrem Sichtfeld gehören zu zwei Zauberern und einer Hexe, denen die Wut und die Verwirrung ins Gesicht geschrieben stehen. Ihre Wut teilt Andromeda, denn es ist ihr wirklich irgendwie gelungen, zu vergessen, wie sehr sie ihrer älteren Schwester ähnelt, deren Gesicht in den letzten Wochen auf so vielen Titelseiten abgedruckt worden ist. Die Hexe bemerkt zuerst, dass sie einem Irrtum erlegen ist und lässt ihren Zauberstab sinken.
„V-Verzeihung, ich habe Sie verwechselt.“ Sie reibt sich ungläubig durch die Augen.
Einer ihrer Begleiter tut es ihr gleich und packt seinen Zauberstab weg. „Das war wohl das gefürchtete Gläschen zu viel…“
Der dritte Mann starrt sie an und in seinem Blick entdeckt sie eine unausgegorene Mischung aus unverhohlenem Hass und ebenso unverhohlener Neugier. „Ich weiß, wer du bist.“ Ich weiß, wer deine Familie ist. Ich weiß, dass vergiftetes Blut durch deine Adern fließt.
„Leider kann ich nicht dasselbe behaupten, Sir.“ Sie hört, dass Dora sich leise zu Wort meldet, doch sie versteht nicht genau, was ihre Tochter nuschelt. Sie drückt ihre Hand ein bisschen fester, damit Dora weiß, dass sie nicht vergessen worden ist. „Wenn Sie wohl so freundlich wären, mein Kind und mich nicht zu bedrohen?“
Erst jetzt bemerkt der Mann, dass sie nicht allein, sondern in Begleitung einer Achtjährigen ist, deren Haare die Farbe von Zuckerwatte haben. Hastig packt er seinen Zauberstab zur Seite und zieht sich murmelnd zurück. Hinter ihr atmet Ted auf und tippt ihr sanft auf die Schulter.
„Wollen wir nicht vielleicht doch lieber—“
„Nein.“ Andromeda schüttelt seine Hand ab und dirigiert Dora vor sich her durch das Wirtshaus, das ihr unnatürlich ruhig vorkommt. Sie bemerkt die Blicke der Gäste, an denen sie vorbeikommen, doch niemand erhebt seinen Stab. Man wundert sich entweder still oder leise flüsternd über das Erscheinen einer Doppelgängerin.
„Können wir dahin?“ Dora zeigt auf die Menagerie, deren Schaufenster genau wie früher mit dunkelblauen Vorhängen verschlossen sind. Doch vor diesen Vorhängen hat jemand Weihnachtskugeln und Lametta aufgehangen. Der Weihnachtsschmuck stößt bei den Katzen des Hauses auf große Begeisterung.
„Aber klar, wir können uns heute alles anschauen, was du möchtest – du darfst nur nicht loslassen.“ Diese Regel kennt Dora, denn wann immer sie unterwegs sind, pochen Andromeda und Ted darauf, dass sie bei einem von ihnen an der Hand geht und keine Alleingänge unternimmt. Das klappt für gewöhnlich ganz gut, doch die Verlockungen der Winkelgasse sind nicht mit einem schnöden Supermarkt oder einem Muggelspielplatz zu vergleichen, deshalb betont Andromeda es lieber nochmal.
Ted, der sich scheinbar auch angesprochen fühlt, greift nach ihrer anderen Hand. Das ist eine nette Geste, verhindert allerdings auch, dass sie ihren Zauberstab griffbereit halten kann, falls es zu ernstzunehmenden Drohgebärden kommt.
Dora befreit sie von der Unannehmlichkeit, Ted ihre Hand zu entziehen, weil sie ihre Nasenspitze und alle zehn Finger an die Scheibe presst, hinter der die Katzen spielen. Diesen Regelverstoß kann sie durchgehen lassen und sie ertappt sich dabei, wie sie seufzt. Anstatt sich danach erkundigen, ob dieses Seufzen eher glücklich oder doch unglücklich ist, legt Ted einen Arm um sie. Obwohl sie noch nicht ganz entspannt ist, lehnt sie sich gegen seine Schulter. Die Normalität dieses Moments ist unerwartet rührend und sie muss sich eine kleine Träne aus dem Augenwinkel wischen, als Dora sich mit leuchtenden Augen zu ihnen umdreht.
„Findet ihr nicht auch, dass die Tigerkatze total einsam aussieht?“
* * *
Nach der Reservierung der Tigerkatze – die eigentlich ein Tigerkater ist – kann der Glanz der Winkelgasse Dora nur noch milde beeindrucken. Sie essen Apfelstrudel im Eiscafé der Fortescues und hören Dora dabei zu, wie sie nach dem perfekten Namen für den Kater sucht, vor dessen schwierigem Charakter die Hexe in der Menagerie sie sicherlich nicht umsonst gewarnt hat. Während Dora selig ist, sieht Andromeda schon vor sich, wie sie sich mit Kadavern und versauten Polstermöbeln herumschlagen muss, doch der Nagetierfriedhof, der unvermeidlicherweise in ihrem Vorgarten entstehen wird, ist natürlich kein zu hoher Preis für Doras Freudentaumel.
Ihre Reue gilt vielmehr dem Fensterplatz, den sie ausgewählt haben, denn es gibt immer wieder Passanten, die an dem Eiscafé vorbeigehen, ihren Blick gewohnheitsmäßig schweifen lassen und dann ruckartig den Kopf umdrehen. Natürlich könnte sie sich einreden, dass der Regenbogen auf Doras Kopf der Grund für dieses Übermaß an Aufmerksamkeit ist, doch diese Selbstlüge bringt sie nicht fertig.
Der Apfelstrudel ist hervorragend, aber als es gegen die Scheibe klopft, stellt sich bei Andromeda eine gewisse Übelkeit ein. Plötzlich weiß sie, wieso die Menagerie keine Schaufenster hat. Sie hält den Blick stur auf ihren Teller gerichtet, doch es klopft ein zweites Mal und Ted rutscht nervös auf seinem Stuhl herum. Beim dritten Klopfen fühlt sich schließlich auch Dora gestört und schaut aus dem Fenster. Auf ihrem Gesicht breitet sich ein Lächeln aus und sie winkt fröhlich. In Andromedas Brust zieht sich etwas zusammen. Einerseits ist sie stolz auf ihr freundliches und wohlerzogenes Kind – doch andererseits würde sie Dora am liebsten befehlen, sich auf ihre Hände zu setzen.
„Jetzt habt ihr ihn verpasst.“ Dora schaut sie voller Mitleid an und sie tauscht einen verunsicherten Blick mit Ted. „Da war ein ganz lustiger Mann. Seine Haare waren genauso blau wie meine!“ Dora, deren Haarfarbe sich den Sitzbänken im Eiscafé angepasst hat, mustert sie mit zusammengekniffenen Augen. „Ihr seid heute irgendwie komisch.“ Sie schauen sich erneut an und Dora reckt triumphierend das Kinn in die Luft. „Da! Schon wieder.“
„Es tut uns leid, Sonnenschein.“ Ted entschuldigt sich, doch er liefert keine Begründung und natürlich gibt Dora sich damit nicht zufrieden. Beleidigt schiebt sie den Rest Vanilleeis auf ihrem Teller herum.
Als Andromeda gerade erwägt, das lang aufgeschobene Gespräch über ihre Eltern, ihre Schwestern und alles, was dazu gehört, anzugehen, öffnet sich die Tür des Eiscafés und eine Ganzkörperklammer verfehlt sie nur knapp. Dora, deren Saftglas von dem Fluch in Scherben geschlagen wird, schreit auf und dann steht die Zeit still. Jedenfalls kommt es ihr so vor, denn während das gesamte Eiscafé verstummt und Rafael Fortescue hinter der Theke zu Stein erstarrt scheint, bewegt sie sich schneller und müheloser denn je. Als hätte jeder Muskel ihres Körpers auf so eine Offensive gewartet.
Der Zauberstab, der sie verfluchen wollte, gehört zu einer Hexe, deren Gesichtszüge ihr vertraut sind. Auf den Bildern, die im Tagespropheten abgedruckt worden sind, sah sie allerdings bedeutend jünger aus. Und nicht ganz so müde. Bevor Augusta Longbottom ihren Zauberstab ein zweites Mal schwingen kann, entwaffnet Andromeda sie und streckt ihre Hand aus.
„Mein aufrichtiges Beileid für Ihren Verlust.“
„Sie… Sie sind gar nicht…“ Augusta Longbottom, die von ihrem Sohn und ihren Neffen stets als Naturgewalt beschrieben worden ist, schlägt sich entsetzt die Hand vor den Mund. In ihren Augen, unter denen dunkle Schatten liegen, stehen Tränen. „Und ich hätte fast… oh Merlin… ich… ich habe nur Ihre Haare gesehen und… oh Merlin und Morgana…“
„Wollen Sie sich einen Augenblick hinsetzen? Bei uns ist noch ein Platz frei.“ Sie deutet auf den Tisch, an dem Dora mit kugelrunden Augen sitzt. Ted ist kalkweiß und die Scherben erinnern sie erst daran, dass sie sich gar nicht versichert hat, ob Dora unverletzt ist. Sie läuft zu dem Schlachtfeld herüber und kniet sich neben ihre Tochter. „Schau mich mal an, mein Schatz, hat dich eine Scherbe erwischt?“ Dora schüttelt mechanisch den Kopf, aber Andromeda hebt sie trotzdem aus dem Stuhl heraus und setzt sie auf ihre Hüfte so wie früher, als sie noch ein Kleinkind war. Dafür ist sie eigentlich längst zu schwer, doch in diesem Augenblick merkt sie kaum, wie viel Pfund sie da hebt. „Du hast dich nur erschrocken, ja?“
„Jaha.“ Dora klingt ungewohnt kleinlaut und Andromeda gibt ihr einen behutsamen Kuss auf den Kopf. Die blaue Haarpracht ist von dunklen Locken abgelöst worden, die Dora direkt älter und sehr viel ernsthafter aussehen lassen. (Und wie eine Black.)
Hinter der Theke löst sich Rafael Fortescue aus seiner Schockstarre, eilt zu ihrem Tisch herüber und nimmt sich der Scherben an. Augusta Longbottom, deren Zauberstab sie immer noch festhält und dessen Spitze sich in Doras Bein bohrt, bestellt auf den Schreck einen Grog mit Kicherkirschen und erkundigt sich danach, womit sie ihnen eine Freude machen kann. Dora fordert einen viel zu großen Eisbecher, der so aussieht wie der Globus, mit dem sie gestern Vormittag die Länder Südamerikas gelernt haben, Andromeda bittet um einen Tee und Ted knirscht freudlos mit den Zähnen.
Der Schock sitzt dem ganzen Café in den Knochen und Andromeda hat sich nie sichtbarer gefühlt. Wie einen Schutzschild hat sie Dora auf ihren Schoß genommen. Ihr entgeht nicht, dass Augusta sehr selten blinzelt und keine Augen für ihren Grog, wohl aber für Dora hat. „Wie alt ist sie?“
„Ich bin acht. Seit heute!“ Es erleichtert sie, dass Dora wieder ganz wie sie selbst klingt und sie merkt richtig, wie sich ihre eigene Anspannung löst.
„Ui, dann ist wohl nicht nur eine Entschuldigung, sondern eine Gratulation angebracht. Meine ganz herzlichen Glückwünsche zum Geburtstag, junge Dame.“ Augusta lehnt sich nach vorn und reicht Dora ihre Hand, die prompt durchgeschüttelt wird. Schmunzelnd denkt Andromeda an den Tag zurück, an dem sie Dora erklärt hat, dass erwachsene Menschen sich zur Begrüßung gern die Hand geben – und wie sie daraufhin wochenlang allen die Hand schütteln wollte. Sei es die Postbotin, der Kassierer im Supermarkt oder irgendein Hundebesitzer, den sie auf der Straße getroffen haben. Es war eine sehr anstrengende, aber auch sehr reizende Phase. „Gab es denn auch schon eine Bescherung?“
Diese Frage kommt genau richtig und Dora weiht ihre neue Freundin ungehemmt in ihre komplexen Überlegungen zum Thema Katzennamen ein. Es ist eine ergiebige Debatte und Andromeda staunt darüber, wie umgänglich sie Augusta findet. Wenn da nicht immer wieder die Blicke von anderen Tischen wären oder Teds Unbehagen, dass sich durch das Wippen seines Beins äußert, dann könnte sie glatt vergessen, warum Augusta sich zu ihnen gesellt hat.
Augusta ordert nach dem Grog noch einen Kaffee hinterher, ehe sie sich von ihnen verabschiedet und verspricht, Dora ein Tütchen mit Katzenminze zu schicken, die in ihrem Garten wächst und von ihren eigenen Stubentigern sehr geschätzt wird. Es ist etwas absonderlich, kein Wort über Frank und Alice Longbottom oder den Prozess zu verlieren, doch letzten Endes ist es wohl richtig so. Als sie schon mit einem Bein zur Tür raus ist, präsentiert Augusta ihnen noch zwei Fotografien von ihrem Enkel, der so klein und rotbäckig ist, dass es ihr glatt die Kehle zuschnürt. Nachdem Augusta mit ihren beiden Beinen gegangen ist, bleibt ein beklommenes Gefühl.
Ted verkündet, dass er schon einmal zur Menagerie vorgehen wird, um die Abholung des nach wie vor namenlosen Tigerkaters vorzubereiten. Ihre Beine sind eingeschlafen, doch Dora thront zufrieden auf ihrem Schoß und isst die mit Schokolade überzogenen Erdbeeren, die unter dem blauen und grünen Eis versteckt waren und wohl den Erdkern symbolisieren sollen. (Eisbecher mit Pointe, das war schon vor zwanzig Jahren das Motto der Fortescues, doch Andromeda hat um den Einfallsreichtum der Gelateria vergessen.) Immer wieder streifen Doras Finger ihre Hose und sie weiß schon, wieso sie kaum noch helle Kleidung trägt.
„Augusta war lieb.“ Andromeda nickt zustimmend, denn fernab von dem anfänglichen Angriff auf ihr Leben, war die Begegnung mit Augusta Longbottom eine positive Überraschung. „Aber sie sah so traurig aus.“ Dora dreht sich zu ihr um und Andromeda wischt ihr automatisch über die schokoladige Wange. „Warum war sie so traurig?“
„Ihr Sohn ist vor Kurzem angegriffen und dabei sehr schwer verletzt worden.“
„Stirbt er?“ Ein erstes, bedächtiges Gespräch über den Tod haben sie im letzten Jahr geführt, als ein Hündchen aus der Nachbarschaft – ein Pudel namens Mabel – plötzlich nicht mehr gesichtet worden ist.
„Nein, ich denke nicht, dass er sterben wird… aber er ist in ein Krankenhaus gekommen und er muss wahrscheinlich noch sehr sehr lange dort bleiben.“ So viel haben die Zeitungsartikel verraten, die ansonsten an Details über den Zustand der Longbottoms gespart haben. Selbst der Tagesprophet hat auf geschmacklose Spekulationen verzichtet, sondern ganz nüchtern darüber berichtet, dass Frank und Alice Longbottom mit den körperlichen wie seelischen Folgen des Cruciatusfluchs zu kämpfen haben.
„Wer hat ihn angegriffen?“ Dora zerkaut die letzte Erdbeere und hat nicht die leiseste Ahnung, dass sie ihr gerade die schwierigste Frage auf der ganzen Welt gestellt hat.
„Es gibt Hexen und Zauberer, die nicht zufrieden damit sind, welche Regeln es für Magie gibt. Sie finden es nicht richtig, dass Magie geheim gehalten werden muss.“ Dora, die es furchtbar findet, dass sie Sommer wie Winter mit Mützen unterwegs sein muss, weil sie ihre Metamorphmagie noch nicht sicher genug steuern kann, nickt verständnisvoll. „Diese Menschen sind außerdem der Meinung, dass Muggel nicht so viel Wert sind wie Hexen und Zauberer.“ Nun runzelt Dora die Stirn und diese Reaktion erleichtert sie. Für ein paar Sekunden hat sie glatt daran geglaubt, dass Doras Genetik stärker ist als alles andere. „Der Sohn von Augusta ist ein Auror. Das bedeutet, dass es sein Beruf ist, gegen solche Menschen zu kämpfen… und weil sie nicht nur mit Worten, sondern mit Magie gekämpft haben, konnte er dabei so schwer verletzt werden.“
„Er wurde also verhext?“
„Genau.“
„Und kann er nicht wieder gesund gehext werden?“
„Vielleicht… aber vielleicht auch nicht. Die Menschen, die ihn verhext haben, kannten Zaubersprüche, die sehr gefährlich sind… und man kann nicht alles so leicht reparieren wie ein zerbrochenes Saftglas.“
Dora nickt ganz bedächtig und sie glaubt schon, dass sie das Verhör überstanden hat, als Dora unter Beweis stellt, dass sie heute sehr viel mehr begriffen hat als Andromeda lieb ist. „Wieso hat Augusta uns angegriffen?“
„Oh, sie hat uns nicht… sie hat uns nur aus Versehen angegriffen.“ Diese Antwort ist nicht zufriedenstellend und sie kann nicht anders, als durch Doras Haare zu streicheln, die immer noch lockig, aber nicht mehr so dunkel wie ihre eigenen, sondern wieder zuckerwatterosa sind. „Eine der Personen, die ihren Sohn verletzt hat, sieht mir sehr ähnlich. Augusta hat uns verwechselt.“
„So wie die Männer in dem stinkenden Café vorhin?“ Diese wenig schmeichelhafte Umschreibung des Eigengeruchs des Tropfenden Kessel bringt sie unwillkürlich zum Lachen.
„Genau, die haben mich auch mit Bellatrix verwechselt.“
„Bellatrix.“ Dora spricht den Namen aus als wäre er ein Fremdwort. „Kennst du Bellatrix?“
„Nein, nicht mehr.“ Das ist keine richtige Lüge, aber natürlich auch nicht die ganze Wahrheit. Aber diese ganze Wahrheit wäre kein angemessenes Geburtstagsgeschenk für eine Achtjährige, deshalb lässt Andromeda sich nicht von ihrem Gewissen beißen und startet ein Ablenkungsmanöver. „Wollen wir mal schauen, ob wir deinen Dad und Tybalt schon abholen können?“ Nachdem Augusta sie darin bestärkt hat, dass Fabelnamen auch passable Katzennamen sein können und dass es überhaupt nicht kindisch ist, Fabeln und Märchen zu mögen, hat Dora sich mehr oder weniger darauf festgelegt, ihrem Kater einen royalen Status zu verpassen.
Dora nickt und rutscht von ihrem Schoß. Die ungeliebte Wollmütze, die sie in der Winkelgasse natürlich nicht tragen muss, auch wenn es angesichts der Temperaturen ratsam wäre, stopft sie in die Tasche ihres Anoraks. Obwohl es so länger dauert, hilft Andromeda ihr nicht, sondern wartet geduldig ab, bis Dora ihren Reißverschluss richtig geschlossen und ihre Handschuhe angezogen hat. Lediglich die schwere Glastür des Eiscafés hält sie ihr auf.
Auf der Straße, die am späten Nachmittag sogar noch etwas besser gefüllt ist, obwohl die ersten Läden schon geschlossen haben, bleibt Dora abrupt stehen. Unwillkürlich schaut Andromeda sich um und prüft, ob irgendjemand seinen Zauberstab auf ihre Tochter gerichtet und sie mutwillig versteinert hat, doch dann hört sie, wie Dora leise summt. Das tut sie gern und oft, wenn sie in Gedanken versunken ist. Erleichtert nimmt sie Doras Hand und versucht, das Pochen ihres Herzens zu ignorieren. Es ist alles andere als schön, sich einzugestehen, dass Doras harmloses Grübeln sie innerhalb von Sekundenbruchteilen in höchste Alarmbereitschaft versetzt hat. Es ist noch viel weniger schön, dass diese Reaktion nicht einmal albern oder übertrieben ist. Oder ungerechtfertigt. Das Klirren des Glases, das Augustas Zauberspruch zerschossen hat, hallt in ihren Ohren wider und es fällt ihr schwer, sich auf Dora und ihr Summen zu konzentrieren. Sie räuspert sich, doch auch das Räuspern übertönt das Echo der Scherben nicht. „Wir müssen hier links entlang, Schatz.“
„Ich weiß.“ Dora klingt ganz nachdenklich und sieht zu der Menagerie herüber, in deren Schaufenstern sich Feenlichter zu den Weihnachtskugeln und dem Lametta gesellt haben. „Vielleicht finde ich Isegrim doch besser als Tybalt… aber Wölfe mögen keine Katzen… und sie sind immer die Bösen.“ Diese Erkenntnis betrübt Dora sichtlich und sie ist unendlich erleichtert, weil der Verstand ihrer Tochter sich nicht länger mit Dingen beschäftigt, die ein Geburtstagskind nicht plagen sollten.
„Wir waren noch gar nicht in meinem Lieblingsladen.“ Sie drückt Doras Hand und deutet auf die hell erleuchtete Fassade der Buchhandlung gegenüber der Menagerie. „Wollen wir noch einen klitzekleinen Umweg zu Flourish & Blotts gehen und uns mal danach erkundigen, ob uns jemand eine Geschichte über nette Wölfe empfehlen kann?“