Fußnoten
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Hinweis: Es wird eine kleine Upload-Pause geben, da ich keinen Internetzugang habe. In der ersten Juliwoche geht es hier weiter :)
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[2] Fußnoten
The beast I saw resembled a leopard, but had feet like those of a bear and a mouth like that of a lion. The dragon gave the beast his power and his throne and great authority.
[30. Juli 2020]
„Und dann hat sie angefangen zu weinen.“
„Wer hat geweint? Die Mutter oder die Tochter?“
„Erst die Tochter, aber dann auch die Mutter.“ Andromeda schließt die Augen und hält ihr Gesicht in die Sonne. In ein paar Minuten wird sie sich nach einem Schattenplatz sehnen, doch für den Moment genießt sie es, mit Erwin die sonnenbeschienene Allee entlang zu schlendern, die sie zum Schloss Drummond führt, das auf einer Anhöhe liegt und von üppigen Gärten umschlossen ist. Erwin hört ihr geduldig dabei zu, wie sie den vergangenen Tag Revue passieren lässt und bringt die eine oder andere Nachfrage an. Nachdem sie ihn gestern Abend darum gebeten hat, sie in Ruhe zu lassen, damit sie eine Chance hat, die Achterbahnfahrt mit Beatrix und Bernadette Black zu verarbeiten, kommt es ihr ein bisschen so vor, als würde sie ihm diesen detaillierten Bericht schulden. Zugleich muss sie sich immer wieder daran erinnern, dass sie all diese persönlichen Details über das Leben der anderen Familie Black eigentlich gar nicht so ungehemmt preisgeben dürfte.
„Wie war ihr Name nochmal?“
„Bernadette, aber sie nennt sich Bernie.“
„Bernadette Black. Sehr klangvoll, wirklich sehr klangvoll.“
„Stimmt.“ Sie schwenkt ein bisschen nach links, sodass sie in den Genuss des Schattens kommt, der von den Lindenbäumen geworfen wird. Erwin folgt ihre Schwenk, obwohl sie einander nicht an der Hand halten und sie ihn auch prima verstehen würde, wenn sie nicht direkt nebeneinander laufen würden. (Denn entgegen Erwins Annahme, dass es Gott und die Welt in die Schlossgärten von Drummond zieht, sind ihnen bisher nur ganz vereinzelt Schlossgartenfans entgegen gekommen. Die meisten davon joggend und mit Kleidung in Signalfarben bekleidet.)
„Hast du in Erwägung gezogen, dass sie eine Verwandte von dir sein könnte?“
„Kurz.“ Als sie gestern Abend zwei Stunden in der Badewanne damit verbracht hat, ihre Gedanken zu wälzen, konnte sie früher oder später gar nicht anders als darüber nachzudenken. „Ich habe sie nicht gefragt, wie alt sie ist, aber Bernadette ist mindestens 30, aber höchstens Mitte 40. Das bedeutet, sie ist vor 1990 geboren. Ich kenne alle männlichen Verwandten von mir, die zwischen 1975 und 1990 in der Lage gewesen wären, ein Kind zu zeugen… und ich kann mir bei niemandem eine Affäre mit einem Muggel vorstellen. Und wenn, dann wäre der Familienname wohl kaum mitgegeben worden.“
„Und eine Generation davor? Könnte ihr Vater ein uneheliches Kind sein? Von deinem Vater oder deinem Onkel?“
„Das kann ich nicht ausschließen… aber auch in diesem Fall würde ich mich wundern, wenn der Familienname an ein uneheliches Kind weitergegeben worden wäre. Also ich denke, das ist wirklich eher ein Zufall. So selten ist der Name ja gar nicht. Unter Muggeln, meine ich. Es muss hunderte Familien namens Black allein in Großbritannien geben. Vielleicht sogar tausende. Und keine von ihnen hat etwas mit meinen Vorfahren zu tun.“
„Nun ja, nun ja.“
„Nun ja?“
„Beatrix Black ist eine Hexe. Folglich stammt sie auch nicht aus einer Muggelfamilie.“
„Es könnte ein Zufall sein.“
Erwin schweigt und sie weiß, dass sie gleich eine Unterhaltung führen werden, die sie schon etwas zu oft geführt haben. Denn im Gegensatz zu ihr hält Erwin daran fest, dass Zauberkraft etwas ist, das über kurz oder lang vererbt werden kann, sodass es keine Hexe und keinen Zauberer gibt, der wahrhaftig von Muggeln abstammt. „Der Name kann ein Zufall sein… aber irgendeinen magischen Vorfahren wird sie wohl haben. Vielleicht hat die Zauberkraft eine Handvoll Generationen übersprungen. Das kann ja durchaus vorkommen.“
„Oder sie ist von nichts und niemandem vererbt, sondern ein hübscher genetischer Zufall.“
„Vererbung kennt keine Zufälle.“ Erwins Tonfall lässt eigentlich keine Widerrede zu, aber sie hat nicht die geringste Lust, tiefer in diese Debatte einzusteigen, die ihr niemals gänzlich lösbar vorkommen wird.
„Wie auch immer… Bernadette ist jedenfalls sehr betrübt, dass ihre Tochter in einem anderen Land zur Schule gehen soll. Und Beatrix ist darüber fast noch betrübter… obwohl sie auch dieses Glitzern in den Augen hatte, als ich ihr eröffnet habe, dass sie einen eigenen Zauberstab bekommen wird.“ Sie kickt einen kleinen Stein aus dem Weg, der unter einem Lindenbaum im Gras landet. „Ich habe das schon ein paar Mal erlebt, aber ich bin trotzdem jedes Mal überrascht, wenn ich daran erinnert werde, dass sich nicht alle Kinder darüber freuen, ihre Eltern ein halbes Jahr lang nicht sehen zu müssen… wie war das bei dir? Hast du dich darauf gefreut, nach Hogwarts zu kommen?“
„Oh ja, ich habe mich gefreut. Aber ich fand es schrecklich, als Gregory dann gehen musste. Und schrecklich erleichtert war ich auch, aber dafür fand ich dann wiederum mich selbst schrecklich.“
„Wieso warst du erleichtert?“
„Ich habe mir damals viel zu wenig Zeit für Gregory genommen. Ich war öfter bei der Arbeit als zuhause, obwohl ich genau wusste, dass es falsch ist, ihn mit einer Frau, die er – genau wie ich – erst seit wenigen Monaten kennt, allein zu lassen. Darum war ich froh, als die Zeit für Hogwarts gekommen ist.“
„Gregory ist aber gut mit seiner Stiefmutter ausgekommen, oder? Ich habe ihn nie ein schlechtes Wort über sie verlieren hören.“
„Gregory hat Emma sehr geschätzt – und sie ihn umgekehrt genauso. Aber das war nicht mein Verdienst, sondern reines Glück. Und ich wäre nicht öfter zuhause gewesen, wenn sie einander das Leben schwer gemacht hätten.“
Sie widerspricht ihm nicht, denn sie kennt den damaligen Erwin nicht, sondern muss den heutigen Erwin beim Wort nehmen, wenn er sagt, dass er nicht immer so häuslich gewesen ist. Anstatt also Partei für einen Mann zu ergreifen, den sie nicht kennt, streckt sie ihre Hand nach einem Mann, den sie sehr gut kennt, aus. Erwin nimmt ihr Angebot an und führt sie mit der allergrößten Begeisterung durch den Obstgarten von Schloss Drummond.
Im Gegensatz zu ihr, die eigentlich nur die Aussicht genießt, hat Erwin allerlei zu erzählen. Über die Kirschen, die überreif sind, über die Äpfel und Pflaumen, die noch einige Wochen brauchen – und natürlich über die Weinreben, die hinter dem Schloss an einem Steilhang wachsen. Sie erklimmen einen wesentlichen Teil dieses Hangs und Andromeda bedauert sich selbst für ihre Ausdauer, die besser sein könnte, als da plötzlich ein Querweg und eine Bank sind.
Erwin lächelt und bedeutet ihr mit einer Geste, dass sie auf dieser Bank Platz nehmen soll. Darum lässt sie sich kein zweites Mal bitten. Sonderlich gemütlich käme ihr die hölzerne Rückenlehne an einem anderen Tag wohl nicht vor, doch nach dem Anstieg ist es eine echte Wohltat, sich anzulehnen und ihre Beine auszustrecken. Und die Aussicht über die Ländereien von Drummond zu genießen, die von dem Hang aus natürlich noch ein wenig schöner ist.
Erwin setzt sich neben sie und stellt seinen Rucksack zwischen ihnen ab. Ehe Andromeda sich versieht, hat Erwin ihr eine Thermoskanne in die eine und eine Banane in die andere Hand gedrückt. „Ehm… danke?“
„Oder hättest du lieber ein Sandwich?“
„Hast du die ganze Küche eingepackt?“
„In dem Bericht über das Gelände ist ausdrücklich angemerkt worden, dass es kein Café gibt, das fußläufig erreichbar wäre.“ Erwin präsentiert ihr eine Packung mit gesalzenen Erdnüssen, die Andromeda ein wenig ratlos annimmt. „Magst du keine Erdnüsse?“
„Ich weiß es nicht.“
„Du weißt nicht, ob du Erdnüsse magst?“
„Ich habe mir nie welche gekauft. Ted war gegen allerlei Nüsse allergisch… und in Hogwarts wird in der Regel nicht mit Erdnüssen gekocht oder gebacken, weil die Wahrscheinlichkeit zu hoch ist, dass ein Kind allergisch darauf reagiert.“
Erwin schaut auf die blaue Packung in seiner Hand. „Denkst du, du bist allergisch?“
„Wahrscheinlich nicht… aber ich glaube, ich möchte das nicht hier und jetzt ausprobieren, sondern lieber in einer gesicherten Umgebung.“
„Ich habe einen Bezoar dabei.“
„Natürlich hast du einen Bezoar dabei.“ Andromeda wundert sich kein bisschen über diese Auskunft, denn Erwin ist sehr eigen, wenn es um seine Hausmittel geht. Die Hälfte seiner Vorratskammer ist nicht mit haltbaren Lebensmitteln gefüllt, sondern mit Wein und dubiosen Kräutermischungen, die angeblich den Gang zu einem Heiler in neun von zehn Fällen überflüssig machen. Neben diesen Kräutermischungen gibt es außerdem eine ansehnliche Sammlungen von Bezoaren in verschiedenen Größen – und von verschiedenen Ziegenarten. Die Unterschiede der Bezoare sind Andromeda nicht ganz klar und sie hat es sich bisher lieber verkniffen, Erwin allzu genau zu seinen Studienobjekte zu befragen. „Ich nehme trotzdem lieber ein Sandwich.“
„Ganz wie du meinst. Pute oder Mozzarella?“
„Mozzarella.“
* * *
Die Sonne ist längst untergegangen, doch Andromeda ist immer noch warm. Es kommt ihr so vor, als hätte ihre Haut den Sonnenschein gespeichert. Um nicht ins Schwitzen zu geraten, schiebt sie ihre Decke von sich. Nicht ganz ohne Neid schaut sie zu Erwin herüber, der sich auf die Seite gedreht hat und ganz friedlich eingeschlafen ist.
Sie konzentriert sich auf den Leuchtzauber, der an der Zimmerdecke schwebt, bis es wieder so hell ist, dass sie etwas lesen kann. Anstatt sich dem Debütroman von Rolf Scamander zu widmen, auf den sie dank einer Rezension im Klitterer aufmerksam geworden ist, greift sie nach den Unterlagen von Beatrix Black.
Die Akte der zukünftigen Erstklässlerin ist unverändert dünn – nebst Steckbrief befindet sich darin nur der kurze Bericht über den mehr oder minder erfolgreichen Erstkontakt, den Andromeda gestern Abend verfasst hat. Sie überfliegt die stichpunktartigen Sätze und wird von dem unguten Gefühl geplagt, dass sie den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen kann.
Sie nimmt sich erneut den Steckbrief vor und liest die Eckdaten des Lebens von Beatrix Black halblaut, bis Erwins Seufzen sie aufschreckt. „Du arbeitest doch nicht etwa mitten in der Nacht?“
„Es ist gerade einmal elf Uhr… und ich kann sowieso nicht einschlafen.“
Erwin dreht sich zu ihr um und blinzelt sie mit einem wachen Auge an. „Möchtest du Musik hören?“
Andromeda schüttelt den Kopf, obwohl sie das Angebot zu schätzen weiß. Im Gegensatz zu Erwin, der innerhalb von Sekunden und in völliger Stille einschlafen kann, lässt sie gern das Radio laufen, wenn sie im Bett liegt. Die Musik und die leisen Stimmen der Nachtmoderatoren sorgen dafür, dass ihre eigenen Gedanken nicht so laut sind und sie zur Ruhe kommen kann.
„Was liest du denn da?“
„Nur nochmal die Unterlagen von Beatrix.“ Andromeda legt den Steckbrief ab und schaut auf den Vermerk von Gregory. „Ich finde es wirklich eigenartig, dass sie so kurz nach ihrer Geburt in Hogwarts angemeldet worden ist, obwohl ihre Mutter bis gestern nichts von Hogwarts gewusst hat.“
„Dafür könnte jemand vom Ministerium verantwortlich gewesen sein. Womöglich ist es eine auffällige Geburt gewesen?“
„Darüber habe ich auch schon nachgedacht… aber wie unwahrscheinlich ist das denn? Hat man von so einem Fall überhaupt schon mal gehört? Mischen die Vergissmichs sich da überhaupt ein?“
„Vielleicht ist Beatrix’ Vater auch ein Vergissmich. Das würde auch erklären, wieso ihre Mutter sich an nichts und niemanden erinnern kann.“ Erwin gähnt gleich zweimal, während er diese brillante und beneidenswert logische Schlussfolgerung zieht.
„Denkst du, ich kann das herausfinden?“
„Bestimmt kannst du das, Liebling… aber wieso solltest du das herausfinden wollen ?“
Andromeda schweigt, denn natürlich hat sie kein Recht, sich in die Privatangelegenheiten der anderen Familie Black einzumischen. Selbst wenn Erwin mit seiner Theorie einen Volltreffer gelandet haben sollte, würde es ihr niemand danken, wenn sie ins Zaubereiministerium marschiert und sich danach erkundigt, welcher Mitarbeiter vor elf Jahren das Gedächtnis eines schwangeren Muggels gelöscht hat. So eine unfriedliche Familienzusammenführung braucht niemand. Und doch juckt es sie in den Fingern. „Warum ausgerechnet Beatrix?“ Sie spricht mehr mit sich selbst als mit Erwin, doch er reagiert trotzdem mit einem fragenden Brummen. „Warum heißt sie ausgerechnet Beatrix?“
„Warum sollte sie denn nicht so heißen?“
„Der Name ist nicht gerade populär.“
„Vielleicht ist sie nach einer Großmutter oder Tante benannt? Oder ihre Mutter fand die Alliteration erstrebenswert.“ Erwin gähnt und dreht sich wieder um, sodass sie es mit seinem Hinterkopf zu tun bekommt. Darüber ist sie eigentlich ganz froh, denn sie weiß nicht, ob sie ihm in die Augen sehen möchte, wenn sie den nächsten schrecklichen Gedanken loswird.
„Aber es ist so nah dran.“
Erwin dreht sich nicht um, doch sie sieht, dass er sich anspannt. „Du denkst, es ist eine Reminiszenz an deine Schwester?“
„Ja. Und ich weiß, dass es unwahrscheinlich ist und dass ich egozentrisch bin, aber es fühlt sich so persönlich an. So verflucht persönlich.“
„Wenn es persönlich gemeint gewesen wäre, wieso dann die Abweichung von Bellatrix zu Beatrix?“
„Der Subtilität wegen.“
„Du meinst also, der Vater von diesem Mädchen wäre ein subtiler Verehrer von Bellatrix, der irgendwie voraussehen konnte, dass die Kontaktaufnahme mit seiner Tochter ausgerechnet in deinen Zuständigkeitsbereich fallen würde?“
„Wenn du es so sagst, dann klinge ich wirklich wie eine egozentrische Spinnerin.“
„Du spinnst nicht… aber du siehst womöglich das ein oder andere Gespenst.“ Erwin tastet hinter seinem Rücken nach ihrer Hand und sie verschränkt ihre Finger mit seinen. „Ich weiß, dass dir in den Sommerferien die Ablenkung fehlt und dass dein Verstand immer auf der Suche nach kruden Verknüpfungen ist, aber ich glaube wirklich nicht, dass es sich lohnt, wenn du deinen Schönheitsschlaf über Beatrix Black verlierst.“
„Es wäre unprofessionell, wenn ich sie nochmal besuchen und ihre Mutter fragen würde, wie sie auf den Namen gekommen ist… oder?“
„Würde dir das denn Frieden bringen?“
„Vielleicht.“
„Dann wäre es mir eine Freude, wenn unser nächster Ausflug uns nach Liverpool führen würde.“
„Danke.“
„Dafür nicht.“
„Ich würde vielleicht doch gern das Radio einschalten, wenn es dich nicht stört?“
Erwin antwortet ihr nicht, sondern drückt nur dreimal ganz sanft ihre Hand, ehe er sie loslässt. Andromeda verstaut die Unterlagen von Beatrix Black in der Schublade ihres Nachttischs und schwingt sich aus dem Bett, um zu dem kleinen Radio herüberzulaufen, das auf der Fensterbank steht. Sie dreht die Lautstärke herunter und sucht nach einem Sender, auf dem möglichst wenig moderiert wird. Als sie auf der Frequenz des Magischen Rundfunks gelandet ist, hält sie kurz inne, doch der MRF kommt erst nach Mitternacht ohne Zwischenmoderationen aus. Nachdem sie einen halben Schlager von Celestina Warbeck mitgenommen hat, landet sie bei einem nicht-magischen Sender, der mit Disco Inferno bis zum Morgengrauen und ohne Unterbrechungen wirbt. Andromeda stellt den Sender ein, legt sich wieder ins Bett, zieht die Decke halb über sich und lauscht der bombastischen Popmusik der Achtziger – und Erwins Schnarchen.