Brutstätten [1973]
Brutstätten [1973]
Zum Gegenlesen eignet sich heute das zehnte Kapitel von Wastelands , in dem Narzissa den Juli 1973 erlebt. (Darin ist auch der Brief, den Andromeda hier nur erwähnt, vollständig ausgeschrieben.)
Lyrics: You're On Your Own, Kid by Taylor Swift
* * *
[II] Brutstätten
I looked around in a blood-soaked gown
And I saw something they can't take away
'Cause there were pages turned with the bridges burned
Everything you lose is a step you take
[Juli 1973]
Ihr Nacken schmerzt, weil sie sich permanent umdreht. Der Gang in die Winkelgasse ist ein Risiko – doch ein Leben ohne Bargeld auf Kosten von Teds Familie funktioniert für sie einfach nicht. Andromeda weiß, dass Ted und seine Verwandten nicht darauf aus sind, sie finanziell von sich abhängig zu machen, doch sie tut sich bereits schwer genug damit, sich häuslich bei seinen Großeltern einzurichten, die keine Ahnung haben, in welcher Gefahr sie sich befinden.
Teds Familie stellt keine Fragen, doch sie ist sich unsicher, ob das wirklich etwas mit Rücksichtnahme oder nicht vielmehr mit Ahnungslosigkeit zu tun hat. Bei Ted selbst ist es definitiv Rücksichtnahme oder womöglich auch Angst, denn er hätte sie längst fragen können, warum sie so unbedingt den letzten Schultag schwänzen wollte. Und den vorletzten Schultag. Und die Woche vor dem vorletzten und dem letzten Schultag. (In einem anderen Leben würde sie morgen ihr UTZ-Zeugnis entgegennehmen, doch in diesem Leben wird aus ihr keine unheimlich tolle Hexe mehr.) Doch Ted fragt nichts, er wartet darauf, dass sie von selbst auf die Idee kommt, den Mund aufzumachen und sie nimmt es sich jeden Morgen aufs Neue vor. So wie sie sich jeden Morgen verboten hat, sich in die Winkelgasse zu begeben, um sich das Geld zu holen, das ihr gehört, ehe ihre Eltern sie enterben können. Bis sie es sich dann heute Morgen eben nicht verboten hat.
Mit jedem Tag wird es wahrscheinlicher, dass Andromeda keinen Zugang mehr zum Verlies der Familie Black hat, weil Zissy oder irgendjemand aus Hogwarts geplappert hat, doch sie setzt ihr optimistischstes und arrogantestes Gesicht auf, als sie das Foyer von Gringotts betritt. Kaum ein Kobold schaut auf und das ist gut, denn sie schwitzt und ihr Zauberstab rutscht ihr beinahe aus der Hand, weil ihre Hände nicht nur verschwitzt sind, sondern obendrein zittern. Die Absätze ihrer Schuhe erzeugen ein beinahe unnatürlich lautes Geräusch auf dem Marmorboden und sie bereut es, keine Turnschuhe angezogen zu haben, sondern Sandaletten, die sie zusammen mit ihrer Tante Walburga gekauft hat. Doch ihre Familie hat ihr beigebracht, dass es bei einem Besuch in Gringotts darum geht, Haltung zu bewahren und die Kobolde daran zu erinnern, dass sie zwar ihre Galleonen verwalten dürfen, aber dabei doch nicht mehr sind als Diener der Zauberwelt. (Obschon Andromeda Kobolde nicht besonders mag und jedes Mal froh darüber gewesen ist, wenn sie einen anderen Menschen in Gringotts entdeckt hat, ist sie sich nicht sicher, ob sie einem besonders gewieften Kobold im Falle des Falles wahrhaftig überlegen wäre.)
Als sie den Gang durch das langgezogene Foyer hinter sich gebracht hat, entdeckt sie hinter dem Empfang einen jungen Mann anstelle eines grimmigen Kobolds. Ihr entfährt ein erleichtertes Seufzen – doch dann schaut er von seinen Unterlagen auf und ihr gefriert das Blut in den Adern. Sie kennt sein Gesicht, obwohl sein Name ihr vorübergehend entfallen ist. Sein Name ist allerdings auch unwichtig. Wichtig ist nur, dass er ein Freund von Corban Yaxley und Thorfinn Rowle ist, die sich auch bei angeblich unpolitischen Abendessen, zu denen ihre Familie eingeladen worden ist und eingeladen hat, sehr deutlich positioniert haben.
„Guten Tag, Miss Black.“ Und natürlich kann er sich auch an sie erinnern. Natürlich tut er nicht so, als würde er sie nicht kennen. „Möchten Sie eine Einzahlung oder eine Auszahlung tätigen?“
„Eine Auszahlung.“
„Dann benötige ich Ihren Zauberstab.“
Es fühlt sich wie eine Falle an, doch Andromeda überreicht ihm ihren Stab und wischt ihre klammen Handflächen an ihrem Rock ab. Diese Bewegung erinnert sie daran, wie unbequem auch dieses Kleidungsstück bereits geworden ist. Der Bund drückt gegen ihren Bauch, der sich noch nicht so verräterisch gerundet hat wie sie meint, wann immer sie einen Spiegel passiert, aber diesen Rock sollte sie trotzdem nicht mehr lange tragen, wenn sie das Küken nicht zerquetschen will.
Der Mann hat sich erhoben, um ihren Zauberstab zu prüfen und sie erschreckt darüber, wie groß er ist. Eigentlich müsste sie daran gewöhnt sein, denn Ted und seine Cousins sind auch nicht klein, doch der Mann vor ihr erscheint ihr wie ein Riese. Als er Andromeda ihren Zauberstab zurückgibt und dabei mit seinen Fingerspitzen ihren Handrücken streift, zuckt sie unwillkürlich zusammen. „Welchen Betrag möchten Sie ausführen, Miss Black?“
„Den höchstmöglichen Betrag.“
Die Augenbrauen des Mannes wandern kaum merklich nach oben und sie kann nicht anders, als einen Blick über ihre Schulter zu werfen. Doch natürlich stehen weder ihre Mutter noch ihr Vater im Foyer. Niemand ist hinter ihr her. Noch nicht. „Der höchstmögliche Betrag liegt bei eintausend Galleonen. Möchten Sie eintausend Galleonen aus Ihrem Verlies ausführen?“
„Ich möchte eintausend Galleonen aus meinem Verlies ausführen.“
„Darf ich Sie zu Ihrem Verlies begleiten oder möchten Sie an den Kollegen Maeron verwiesen werden, der Ihrem Verlies üblicherweise zugeteilt ist? Er ist heute ebenfalls im Haus.“
„Oh nein, nur keine Umstände. Sicherlich kennen Sie den Weg ebenfalls?“ Es ist unwahrscheinlich, dass er sie an seinen Kollegen abgibt, um ihre Eltern zu alarmieren, aber sie möchte trotzdem kein Risiko eingehen.
„Wie meine Westentasche.“ Er trägt tatsächlich eine Weste unter seinem Umhang, doch sie bildet sich ein, dass seine Mundwinkel zucken, also sollte das vermutlich ein Witz sein. Zum Lachen ist ihr trotzdem nicht zumute und sie bringt gerade einmal ein nervöses Lächeln zustande. Sein Name ist ihr immer noch nicht eingefallen, doch sie sieht plötzlich vor sich, wie er im Garten ihres Elternhauses steht, einen Arm um Corbans Schulter legt und gemeinsam mit ihm und ihrem Onkel auf irgendeinen Unsinn anstößt. Aus welchen Jahr diese Erinnerung ist, weiß sie nicht, doch vermutlich ist es noch gar nicht so lange her wie sie meint. Seit einigen Jahren haben ihre Eltern es aufgegeben, sie mit zu allen möglichen Veranstaltungen zu nehmen, da sie dort ohnehin mit niemandem spricht, sondern lediglich schlechte Laune verbreitet… doch bei den Abendessen, die ihr Onkel und ihre Tante oder ihre Eltern höchstpersönlich ausgerichtet haben, konnte sie sich nie drücken.
Nachdem sie einen letzten Blick in das beruhigend und zugleich beunruhigend menschenleere Foyer geworfen hat, folgt sie dem Riesen in die Unterwelt. Die Luft wird kühler und es riecht nach Erde und Metall. Ihr geht ein Schauer nach dem anderen über den Rücken – doch dann sieht sie, wie der Riese seine ellenlangen Beine faltet, um in einem der Geschosse, die für Kobolde und durchschnittlich große Personen konzipiert worden sind, Platz zu nehmen… und muss ein Kichern unterdrücken. Es sieht enorm albern aus und sie kann für eine Sekunde vergessen, dass der Mann, der sie durch den Londoner Untergrund kutschieren wird, ebenso gefährlich wie ihre große Schwester oder ihre Freunde sind.
Die Fahrt ist kurz, aber heftig und bei der Vollbremsung, die ihr Kutscher hinlegt, wird sie nach vorn geschleudert. Die Stange, die eigentlich ihre Sicherheit gewährleisten soll, kracht gegen ihre Rippen und sie tastet unwillkürlich ihren Bauch ab.
„Verzeihung, wir haben eins von den frisch geölten Exemplaren erwischt. Mit denen ist man besonders schnell unterwegs.“ Er zwinkert freundlich und bietet ihr seine Hand an. Sie lässt sich beim Ausstieg helfen und begeht den Fehler, für eine Sekunde direkt in seine Augen zu sehen. Er sagt es nicht, sondern gibt sich diplomatisch, doch ihr Besuch und ihr Anliegen sind ihm nicht geheuer. Er mustert sie so gründlich, als würde er darauf warten, dass sie ein Geständnis ablegt. Doch dieses Geständnis schuldet sie ihm nicht. Dieses Geständnis schuldet sie wenn überhaupt Ted – oder vielleicht noch ihren Eltern. Nein, ihren Eltern schuldet sie gar nichts, aber einen Brief wird sie ihnen trotzdem schreiben. Morgen. Eines Tages. Übermorgen. Irgendwann eben. „Haben Sie ein Behältnis für die Galleonen bei sich?“
„Ja.“ Andromeda holt einen Stoffbeutel aus ihrer Tasche, in dem sie die letzten sieben Jahre lang ihre Schneekugelsammlung, die sie bereits an Weihnachten bei ihren Eltern zurückgelassen hat, von Rochester nach Hogwarts transportiert hat. Der Beutel ist so verzaubert, dass darin nichts zu Bruch gehen kann… und dass er nie mehr wiegt als ein Pfund.
Der Mann mustert den violetten, mit Samtblumen bestickten Stoff, den sie mit acht Jahren todschick fand, sagt aber nichts, sondern zählt mit seinem Zauberstab die eintausend Galleonen ab, um die sie ihre Familie erleichtert. Mit diesem Raubzug wird sie ihre Eltern nicht direkt arm machen, wahrscheinlich werden sie es nicht einmal bemerken, bis irgendjemand – wahrscheinlich ihre Mutter – auf die Idee kommt, sich gen Ende des Jahres einen Bericht über die Führung des Verlieses vorlegen zu lassen. Oder der Riese wird es ihnen gleich morgen mitteilen, um sich bei ihrem Onkel einzuschmeicheln, dessen Partys er sicherlich nicht nur aus Spaß an der Freude besucht.
Eintausend Galleonen sind schneller gezählt als man meinen sollte und Andromeda hat sich noch nicht einmal so richtig in dem Verlies umgesehen, also sie den Beutel mit ihrem kleinen Vermögen wieder an sich nehmen kann.
„Benötigen Sie noch etwas, Miss Black?“Der Blick des Riesen fällt auf eine Perlenkette, die gleich neben ihrer linken Hand liegt.
Das Schmuckstück hat ihrer Ururgroßtante Elladora gehört und ist angeblich in Basiliskengift und Einhornblut getränkt worden. Die Trägerin der berüchtigten Perlen wird dadurch freilich nicht unsterblich, aber ihre Großmutter hat immer gern behauptet, dass Elladora ohne die Kette nur halb so alt geworden wäre, weil sie in den schlimmsten Wirtschaften der Nokturngasse – in denen in den Zwanziger Jahren noch mehr Gift im Umlauf war als heutzutage – unterwegs zu sein pflegte. „Diese Kette möchte ich im Laufe des Sommers bei einer Hochzeit tragen. Wenn ich sie heute schon mitnehmen könnte, würde mir das bei Zeiten einen Weg ersparen.“
„Selbstverständlich.“ Mit der Spitze seines Zauberstabs hebt der Riese die Kette an und reicht sie ihr vorsichtig.
Ebenso vorsichtig nimmt sie die Kette entgegen und rechnet eine Sekunde lang damit, von der schrecklichen und semi-unsterblichen Elladora heimgesucht zu werden, doch es passiert genau gar nichts, sodass Andromeda die Kette achtlos in ihrer Rocktasche verschwinden lässt. „Vielen Dank. Das wäre dann alles.“
Voller Erstaunen darüber, wie reibungslos dieser Vormittag verläuft, nimmt sie erneut in dem Geschoss Platz. Dieses Mal hält sie sich gut fest, doch das ändert nichts daran, dass sie von links nach rechts geschleudert wird, sondern führt lediglich dazu, dass ihre Finger sich verkrampfen. Die Rückfahrt dauert länger als der Hinweg und ist bedeutend kurviger. Die mittlerweile allzu vertraute Übelkeit meldet sich und sie tippt ihren Kutscher vorsichtig auf die Schulter. Sie kann zwar nicht verhindern, dass sie sich erbrechen muss, aber sie kann zumindest dafür sorgen, dass sie dabei nicht in den Tod stürzt, weil sie eine besonders scharfe Kurve nehmen. Das Geschoss kommt zum Stillstand, sie lehnt ihren Kopf aus dem Wagen und befördert ihr halb verdautes Frühstück hinab in die Dunkelheit. „Bitte entschuldigen Sie, ich habe einen schwachen Magen.“ Einen schwachen Magen und einen willensstarken Fötus, der nichts von Schlangenlinien bei gefühlten hundert Meilen pro Stunde hält. Ihr Kutscher verzieht keine Miene, sondern schickt einen Reinigungszauber hinterher. Ganz so als würde er das jeden Tag machen. Womöglich passiert es auch einfach jeden Tag. Bei all den Kurven wäre es jedenfalls kein Wunder. „Wir können dann weiter.“
Den Rest der Strecke fahren sie mit gedrosseltem Tempo und sie kann sich ganz in Ruhe umsehen. Bisher hat sie noch nie darauf geachtet, wie verwinkelt Gringotts tatsächlich ist, weil sie immer viel zu aufgeregt war, wenn ihre Eltern sie mit zu dem Verlies genommen haben.
Als sie wieder aus dem Geschoss klettert, ist die Übelkeit nicht ganz verschwunden, aber erträglich. Einen zarten Grünstich hat sie sicherlich immer noch – oder der Riese hat irgendetwas anderes an ihrem Gesicht auszusetzen. „Möchten Sie ein Glas Wasser? Oder einen Tee?“
„Wie bitte?“
„Ich kann Ihnen einen Kräutertee machen, der gegen die Übelkeit hilft… ich bin selbst nicht ganz schwindelfrei.“ Nach diesem beiläufigen Eingeständnis bemerkt sie, dass er ebenfalls reichlich blass um die Nase geworden ist. Ehe sie sich danach erkundigen kann, wieso jemand, der diese Achterbahnfahrten nicht verträgt, ausgerechnet in Gringotts arbeitet, bekommt sie ihre Antwort auch schon. „In der Regel bin ich nicht am Empfang oder für die Fahrten zuständig, aber ich vertrete diese Woche einen Kollegen, der sich Urlaub genommen hat, um den Hogwartsabschluss seiner Tochter gebührend zu feiern.“
Innerlich geht Andromeda in Deckung, denn sicherlich lenkt ihr Kutscher das Gespräch nicht rein zufällig auf die Tatsache, dass in dieser Woche das Schuljahr in Hogwarts endet. „Ein Glas Wasser nehme ich gern, bei Tee bin ich wählerisch.“ Er nickt ab und führt sie in ein Wartezimmer, ehe er verschwindet und mit einem Glas Wasser wiederkommt. Das Glas ist hübsch, ziemlich aufwändig verziert, doch das Wasser schmeckt genauso wie überall anders auch. Diese Normalität des Wassers ist irgendwie beruhigend und flößt ihr den nötigen Mut ein, um den zweiten Teil ihres Anliegens vorzutragen.„Wäre es möglich, einen Teil der Galleonen in eine andere Währung einzutauschen?“
„Sicher. Welche Währung benötigen Sie?“
„Pfund.“ Da ist Schweigen. Da ist ein Zögern, das sich gefährlich anfühlt. Ihr Mund ist wie ausgetrocknet, obwohl sie das Wasserglas in einem Zug geleert hat. „Falls das nicht möglich ist, kann ich auch-“ Mich an eine unsolide Wechselstube in der Nokturngasse wenden, in der ich eine horrende Gebühr dafür bezahlen muss.
„Doch, doch, das ist möglich, sicher ist das möglich. Welche Summe soll eingewechselt werden?“
„Achthundert Galleonen.“ Es ist nicht realistisch, dass sie in den nächsten Wochen und Monaten irgendetwas mit Galleonen bezahlen wird.
„Sehr gern. Der aktuelle Wechselkurs ist eins zu sechs.“
„Ah.“ Andromeda hat keine Ahnung, was das bedeutet oder ob das ein guter oder schlechter Kurs ist. Danach fragen möchte sie allerdings auch nicht – aber das scheint auch gar nicht notwendig zu sein, denn ihr Gegenüber kann scheinbar Gedanken lesen.
„Das bedeutet, dass Sie für eine Galleone sechs Pfund erhalten. Das ist etwas besser als der durchschnittliche Kurs des vergangenen Jahres, der fünfeinhalb Pfund pro Galleone entsprochen hat.“
„Ah. Gut.“
„Wenn Sie sich von der Fahrt erholt haben, würde ich Sie bitten, mir zu folgen. Ich darf Ihnen das Geld nicht im Wartebereich oder im Foyer aushändigen.“
Andromeda erhebt sich so rasch wie möglich und trägt das schöne, leere Glas etwas unbeholfen mit sich herum. Im Foyer hat sich eine kleine Schlange gebildet und am Empfang sitzen nun zwei Kobolde, die dem Riesen zunicken, als er sie eine schmale Treppe hinauf in das erste Obergeschoss von Gringotts führt. Ihr ist nicht ganz wohl dabei, sich wieder aus dem bekannten Foyer zu entfernen und einen neuen Winkel des Gebäudes kennenzulernen, doch sie hat keine andere Wahl.
Der Raum, in dem sie schließlich stehen bleiben, ist nicht besonders groß, aber hell. Aus dem Fenster heraus kann sie die bunten Fassade der Spiegelgasse sehen. Das Gerät, das den Raum ausfüllt, erinnert sie an eine altmodische Waage. Genauer gesagt an eine Seelenwaage, an ein altägyptisches Totengericht, das sie erst vorgestern in einem Film gesehen hat, den Ted und sie auf dem Fernseher seiner Großeltern angeschaut haben. (Ted meint, es wäre kein besonders guter Film gewesen, doch Andromeda war sehr beeindruckt.)
„Ich benötige die achthundert Galleonen.“ Sie überreicht dem Riesen, der sicherlich professioneller und zügiger zählen kann als sie, den Beutel und sieht fasziniert dabei zu, wie er mit seinem Zauberstab die korrekte Menge an Galleonen abzählt und in eine der Waagschalen befördert. Das Gerät setzt sich in Bewegung und das Muggelgeld, das den achthundert Galleonen entspricht, flattert in die andere Schale. Zunächst kommt nur bunt bedrucktes Papier, das die Schale kaum bewegt, doch dann ergießt sich ein Sturzbach aus Münzen in die Schale, die mit einem sanften Donnergrollen auf dem Boden aufkommt. Der Riese zählt gewissenhaft durch und befördert das Geld zu den verbliebenen Galleonen in ihren Beutel, den er ihr vorsichtig überreicht. Schließlich zückt er einen Block und stellt ihr handschriftlich – wohlgemerkt mit einem Kugelschreiber, nicht mit einer Feder – eine Quittung aus. „Darf ich Sie um eine Unterschrift bitten?“
„Eine Unterschrift? Sie haben doch schon meinen Zauberstab geprüft.“
„Die Auszahlung aus dem Verlies und das Einwechseln Ihres Geldes sind zwei verschiedene Vorgänge, die ich gleichermaßen dokumentieren muss… also nicht im eigentlichen Wortsinne gleichermaßen . Bei der Ausgabe von nicht-magischen Währungen sind wir dazu angehalten, eine Quittung auszustellen, da wir das Geld von nicht-magischen Banken erhalten und unsere Buchführung dementsprechend in nicht-magischer Form vorlegen müssen.“ Der Kugelschreiber in seiner Hand klickt, ehe er ihr den Stift und die Quittung überreicht. „Also darf ich bitten?“
Andromeda unterschreibt mit ihren Initialen, obwohl sie bislang immer ihren vollständigen Namen in Schreibschrift zu Papier gebracht hat, wann immer eine Unterschrift verlangt worden ist. Das weiß der Mitarbeiter von Gringotts natürlich nicht, er nickt zufrieden und händigt ihr ein Duplikat der Quittung aus. „Vielen Dank, Sir.“
„Sehr gern, Miss Black.“ Er hält ihr die Tür auf und lässt ihr den Vortritt, doch sie war so nervös, dass es ihr nicht gelungen ist, sich zu merken, welche der Treppen sie genommen haben. Er nötigt sie nicht dazu, ihre Orientierungslosigkeit zu gestehen, sondern übernimmt ganz selbstverständlich die Führung und bringt sie nicht nur zurück ins Foyer, sondern ganz bis zum Ausgang. „Auf Wiedersehen, Miss Black.“
„Auf Wiedersehen, Sir.“ Die Lüge kommt ihr spielend leicht über die Lippen. Sie muss nur noch durch die Tür gehen, dann kann sie aus der Winkelgasse verschwinden und bei Ted landen und gemeinsam mit ihm überlegen, welche Miete sie seinen Großeltern zahlen können.
* * *
Ted interessiert sich nicht dafür, wo sie gewesen ist, sondern winkt ihr mit einem großen Umschlag, auf dem das Wappen von Hogwarts prangt. Er steht im Garten und trägt einen Sonnenhut, mit dem er aussieht wie ein Cowboy. (Andromeda hat vor vier Tagen zum ersten Mal von Cowboys gehört, wieder ist ein Abend mit dem Fernseher von Teds Großeltern schuld.) Sie winkt zurück und schultert den Beutel mit ihrem Vermögen möglichst lässig.
„Sie sind da! Unsere Zeugnisse sind da!“
Ted hält ihr seine Abschlussurkunde und sein UTZ-Zeugnis unter die Nase und sie bemerkt, dass er nicht ganz sicher stehen kann. Diesen unsicheren Stand schiebt sie auf die Karaffe, die auf dem kleinen, etwas rostigen Gartentisch neben dem Aschenbecher steht, in dem seine Großmutter ihre Zigarette ausdrückt. Teds Großmutter, die wie üblich kein Wort mehr als nötig spricht, lächelt still und schenkt Andromeda ebenfalls ein Glas aus der Karaffe ein, in der sich mit Sicherheit keine normale Limonade befindet, sondern irgendein fermentiertes Verbrechen. Sie nimmt das Glas an und kann es zum Glück bereits wenige Sekunden später schon wieder abstellen, als Ted ihr den Umschlag in die Hand drückt.
Sie setzt sich nicht hin, sondern überfliegt das Zeugnis im Stehen. Ohnegleichen Ohnegleichen Ohnegleichen. In einer anderen Welt hätte diese Zeugnis ihr die Türen einer renommierten Universität geöffnet, doch in dieser Welt ist es ein wertloses Stück Papier. Sie zwingt sich zu einem Lächeln und zeigt Ted, der neugierig auf und ab wippt, das Zeugnis.
„Das war ja wieder so klar.“ Obwohl sie direkt neben seiner Großmutter stehen, gibt er ihr einen Kuss. „Mein kleines Genie.“
„Ich bin nicht klein.“ Sie bohrt ihren Ellenbogen in seine Seite, doch natürlich ist Ted davon kein bisschen beeindruckt. Er schlingt ganz unbekümmert einen Arm um sie und bringt sie dazu, mit ihm durch den Garten zu hüpfen. Das Glas mit der nicht so kinderfreundlichen – oder kükenfreundlichen – Limonade steht auf dem rostigen Tisch und gerät in Vergessenheit.
Der beigelegte Brief von Professor Dumbledore, der sie dazu beglücktwünscht als die beste Hexe ihres Jahrgangs abgeschlossen zu haben, wird erst am Abend gelesen, als Andromeda ihr Zeugnis mit einem sorgfältigen Zauberspruch gegen Eselsohren und Risse schützt, bevor sie es am Boden ihres Koffers unter ihrer Winterkleidung begräbt.
* * *
„Ich habe meinen Eltern einen Brief geschrieben.“
Ted wirft seine Zeitschrift quasi von sich und setzt sich auf seinem Bett auf. Seine Großeltern haben sie in einem Gästezimmer untergebracht, das sehr geräumig und schön ist, doch die Ausstattung mit den beiden Einzelbetten ist irritierend. Obwohl Ted und sie in Hogwarts selbstverständlich auch nie die Gelegenheit hatten, in demselben Bett zu schlafen, fühlt es sich jetzt irgendwie merkwürdig an. Meistens legt sie sich abends zu ihm und kuschelt sich an ihn, bis er eingeschlafen ist, denn er schläft immer zuerst ein. „Das ist alles. Mehr wollte ich nicht erzählen.“
„Oh… okay… und was steht in diesem Brief?“
„Dass sie sich keine Sorgen um mich machen müssen. Dass es mir gut geht.“ Und ein Duplikat ihres Zeugnisses hat sie angefertigt – damit auch niemand daran zweifeln kann, wie viel Potenzial sie hier verschenkt. „Dass es dich gibt.“
„Dass es mich gibt?“
„Wenn ich weiter ein Geheimnis aus dir machen wollte, hätte ich ja einfach zu ihnen zurückgehen können.“ Sie umarmt eines der Kissen, die als Kopfkissen nichts taugen, sondern bloß dekorativ sind. Wenn sie keine Angst hätte, Teds Großeltern zu kränken, würde sie das Kissen permanent verwandeln, doch so macht sie sich die Mühe jeden Abend und jeden Morgen aufs Neue. „Ich liebe dich.“ Es ist nicht das erste Mal, dass sie diese Worte zu Ted sagt, aber er strahlt so, als wäre es eine weltbewegende Premiere.
„Ich liebe dich auch.“ Ted, der viel zu gut für diese Welt ist, räuspert sich und sie weiß genau, dass er gleich etwas ziemlich Dummes sagen wird. Weil er keine Ahnung hat, wie ungut die Welt ist, in der ihre Eltern leben. „Vielleicht fänden sie es ja halb so wild.“
„Du hast wirklich noch nie eine Zeitung gelesen, oder?“
„Doch, klar.“ Als Beweis hält er das Magazin hoch, auf dessen Cover ein Bär abgedruckt ist, der sich nicht rühren kann, weil er von einem Muggel fotografiert worden ist.
„Der Tagesprophet berichtet jede Woche von muggelstämmigen Personen oder Muggeln, die spurlos verschwinden. Sie könnten dreimal so viele Artikel bringen, wenn die Redaktion nicht bestechlich wäre und die Familien, die diese Menschen verschwinden lassen, nicht das nötige Geld hätten, um eine ausgiebige Berichterstattung zu verhindern.“ Ted sieht sie verständnislos an. „Ich will nicht, dass du einer dieser Artikel wirst. Oder dass deine Großeltern als einer dieser Fälle enden.“
„Hältst du wirklich so wenig von deinen Eltern?“
„Es geht doch nicht nur um meine Eltern. Es geht um meine Schwester, es geht um den Mann meiner Schwester und den Schwager meiner Schwester und um meinen Onkel, meine Tante, meine Großeltern und all ihre Freunde. Ich glaube ja auch nicht, dass meine Mutter dir höchstpersönlich ein Haar krümmen würde, aber ich lege meinen Zauberstab nicht dafür ins Feuer, dass niemand aus der Familie Black Freude daran hätte, dich zu jagen.“
„Ich habe ihnen doch nie irgendetwas getan.“
Das wäre genau der richtige Moment, um Ted zu erzählen, dass der Autor des Buches, in dem er einen Verhütungszauber entdeckt hat, nicht seine sieben Sinne beisammen hatte, sondern ziemlichen Drachenmist zu Papier gebracht hat. Es wäre aber auch genau der falsche Moment, denn sie will nicht, dass Ted darüber nachdenkt, wie tödlich sie und ihre Familie sind, wenn er zum ersten Mal von ihrem Küken hört. Deshalb zuckt sie lieber nur mit den Schultern, legt das schreckliche Kissen zur Seite und umarmt stattdessen Ted, der ihr auf seinem Bett so viel Platz macht, dass er förmlich mit der Wand verschmilzt.
* * *
„Wollen wir heute schwimmen gehen?“
„Schwimmen? Wo denn?“ Andromeda wirft einen Blick auf den kleinen Teich, den Teds Großvater hinter seinem Haus angelegt hat. Darin könnte nicht einmal eine der vorwitzigen Katzen aus der Nachbarschaft oder ein besonders dummes Huhn ertrinken.
„In der Nähe ist ein See.“
„Was bedeutet in der Nähe ?“ Seitdem Ted erst letzte Woche behauptet hat, dass es um die Ecke eine alte Mühe gäbe, die in ein kleines Café verwandelt worden ist, und sie sage und schreibe anderthalb Stunden mit den grauenerregenden Fahrrädern – die laut Ted das optimale Fortbewegungsmittel sind – unterwegs waren, fühlt es sich sicherer an, diese Nachfrage zu stellen.
„Zwanzig bis dreißig Minuten.“
„Zu Fuß?“
„Mit dem Fahrrad.“
Sie stöhnt gequält auf. Auf ihrem Schoß steht ein Korb mit verschiedenen Wollresten, die Teds Großmutter für sie aufgetrieben hat, als sie bemerkt hat, dass Andromeda nervöse Finger hat und an ihren Nägeln kaut. Und an ihrer Nagelhaut, sobald keine Nägel mehr übrig sind. Die Aussicht darauf, den Tag mit Stricknadeln zu verbringen und ein Paar Söckchen oder eine Mütze für ihr Küken, das im Winter zur Welt kommen und deshalb bestimmt sehr viele Söckchen und Mützen brauchen wird, gefällt ihr eigentlich dreimal besser als ein Ausflug ins Ungewisse. Doch es ist warm und es ist Sommer und wer weiß, wann sie das nächste Mal in einem See schwimmen kann. „Ich habe gar keinen Badeanzug.“
„Macht nichts, die Freundin von meinem Cousin leiht dir was.“
„Candice?“ Ted hat vier Cousins, die sie in den letzten Wochen alle mehrmals gesehen hat und über deren eher wenig aufregende Leben sie sich so viel wie möglich gemerkt hat, um nicht unhöflich zu sein.
„Genau. Brandon und sie kommen auch.“
„Und der Rest?“
„Der Rest muss arbeiten.“ Ted bleibt neben ihr stehen und wickelt eine ihrer Haarsträhnen um seinen Finger. „Keine Sorge, es wird keine große Runde... und Bran und Candice werden auch nicht erwarten, dass wir die ganze Zeit gepflegte Konversation betreiben. Die wollen auch einfach nur in der Sonne liegen und Grandpas Arbeitsaufträgen entkommen.“ Ted beugt sich vor und gibt ihr einen Kuss auf den Kopf. „Also bist du dabei?“
„Wie lange würde es dauern, wenn wir laufen würden?“
„Locker eine Stunde… oder mehr. War das Fahrrad wirklich so furchtbar? Du sahst da drauf eigentlich ganz verkehrstüchtig aus.“
„Ich habe mich aber nicht verkehrstüchtig gefühlt… und meine Beine tun immer noch weh von diesem Berg, den du mir verschwiegen hast!“ Der Berg war eher ein Hügel, doch Ted hat sie zu spät mit dem Prinzip Gangschaltung vertraut gemacht, sodass sie es sehr viel schwerer als nötig hatte.
„Dann musst du wohl bei mir mitfahren.“
Der Platz auf dem Gepäckträger von Teds Fahrrad ist auch nicht unbedingt bequem, doch sie kann ihre Beine ausruhen und muss sich lediglich an ihn klammern. Besonders grandios findet sie diese Art der Fortbewegung nach wie vor nicht, doch sie kann schon zugeben, dass es etwas für sich hat, das Gesicht in die Sonne zu halten und dabei den Fahrtwind zu genießen, der die ansonsten drückende Wärme angenehm werden lässt. Solange sie nicht zu viel darüber nachdenkt, was alles passieren könnte, wenn ihre Schwester erst einmal anfängt, sich auf die Suche nach Ted und ihr zu machen, dann geht es ihr fast gut. Dann kann sie auch beinahe vergessen, dass sie immer noch ein gigantisches Geheimnis mit sich herumschleppt.
Der See ist in einem Wäldchen versteckt und sieht so aus wie das Motiv auf einer Postkarte. An einem anderen Uferstück entdeckt sie eine Gruppe junger Frauen, die wie Hühner auf der Stange aufgereiht in Klappstühlen sitzen und identische Sonnenbrillen tragen. Es sieht eigentlich ganz lustig aus und Ted imitiert sehr gekonnt ein Huhn, doch sie kann plötzlich gar nicht darüber lachen. In einem anderen Leben könnte sie eines von diesen Hühnchen mit Sonnenbrille sein. In einem anderen Leben könnten Bella und Zissy auch zu diesen Hühnchen gehören.
„Aye!“ Brandon kommt aus dem See und stürzt sich auf den komplett trockenen Ted, der sein Fahrrad gegen einen Baum gelehnt hat und den Angriff über sich ergehen lassen muss. Candice, deren Haare auf wundersame Weise trocken geblieben sind, bleibt neben ihr stehen. Sie trägt keinen Badeanzug, sondern einen Bikini. Der Bikini hat ein Blumenmuster, das Andromeda durchaus hübsch findet, aber keine Träger. Wie ohne Magie alles an seinem Platz bleibt, ist ihr ein Rätsel.
„Teddy meinte, du hast keinen Bikini?“
Andromeda nickt hilflos, obwohl sie auf gar keinen Fall einen Bikini tragen wird. Selbst wenn er Träger hat. In einem Badeanzug und in normalen Sommerkleidern kann sie die kleine Wölbung ihres Bauchs verstecken, doch in einem Bikini wird jeder sofort sehen können, was Sache ist. „Ich kann heute leider nicht schwimmen gehen. Ich habe meine Periode, aber ich wollte es nicht sagen, als wir mit Teds Großeltern beim Frühstück saßen.“
„Verstehe, verstehe… also wenn du einen Tampon brauchst…“
„Nein, nein, ich… ich bin ganz zufrieden damit, einfach nur hier zu sitzen. Ich habe mir ein Buch mitgenommen. Und etwas zu stricken.“
Candice, deren Mutter ihr sicherlich nicht mehr Stricken, Sticken und Häkeln beigebracht hat, weil es wichtig für eine gute Hexe ist, sich in geschlossenen Räumen beschäftigen zu können, scheitert an einem glaubwürdigen Lächeln. „Ganz wie du meinst.“ Sie läuft herüber zu zwei bunten Handtüchern, die nebeneinander am Ufer des Sees liegen und trocknet sich mit dem einen ab, während sie auf dem anderen sitzt.
Ted, der sich eine Badehose mitgebracht hat, zieht sich hinter demselben Baum um, an dem er sein Fahrrad abgeschlossen hat. Trotz dieser Bemühungen zieht er die Aufmerksamkeit der Mädchen am anderen Ufer auf sich, die so laut kichern und johlen, dass es so klingt, als würden sie gleich neben ihnen stehen. Ted macht einen gleichermaßen verlegenen wie geschmeichelten Eindruck, verliert aber keine Zeit, sondern läuft zu ihr herüber und legt einen Arm um ihre Schultern. „Hat Candice dir was zum Schwimmen mitgebracht?“
„Ja, aber ich glaube, ich will lieber lesen und nur ein bisschen die Füße ins Wasser halten… wenn das für dich in Ordnung ist?“
„Wieso sollte das denn für mich nicht in Ordnung sein?“
„Ich will keine Spielverderberin sein.“
Ted runzelt die Stirn und sie ist über die Maßen erleichtert, dass er sie in Gedanken scheinbar noch nicht als Spielverderberin gebrandmarkt hat. Er streichelt über ihren Arm und gibt ihr einen Kuss, der bei den Mädchen am anderen Ufer für ausgelassene Beschwerderufe sorgt. „Wenn du dich genierst, dich vor den Anderen umzuziehen, dann biete ich dir aber natürlich Deckung. Mit vollem Körpereinsatz.“
Sie lacht, denn Teds Einsatz ist nichts als süß und sie weiß, dass sie hier einen viel schöneren Nachmittag haben könnte, wenn sie sich ausnahmsweise mal keine Sorgen machen würde. Doch sie kann die Gedanken an ihre Eltern, die nicht auf ihren Brief reagiert haben, natürlich nicht, und ihr Küken, das immer noch ein Geheimnis ist, einfach nicht abschütteln. „Du bist lieb.“
„Ich weiß.“ Ted lächelt selbstzufrieden und gibt ihr noch einen Kuss. „Wenn du erlaubst, gehe ich dann rein und lasse mich bei den Grazien blicken.“
„Kennst du die etwa?“
„Die Dame in dem grünen Bikini hat in der Grundschule immer ihre Mathehausaufgaben gegen meine Englischhausaufgaben getauscht… und die hohle Nuss mit dem besonders großen Hut ist meine Cousine. Libby. Du hast sie letzte Woche mal getroffen?“
„Oh.“ Mit dem gigantischen Strohhut und der Sonnenbrille sieht Libby Tonks wie ein grundlegend anderer Mensch aus, aber eigentlich hätte sie sich schon denken können, dass Ted wieder alles und jeden kennt.
„Oder stört es dich, wenn ich mit ihnen rede? Wenn es dich stört, dann bleibe ich hier bei dir.“
„Nein, nein, geh ruhig… also schwimm ruhig.“
„Sicher?“
„Du wirst ja wohl nicht für immer da drüben bleiben.“
Ted grinst und küsst sie nochmal, ehe er durch den See krault und sich seinen Fans zuwendet, die ihn mit viel Gegacker begrüßen. Sie ignoriert den Biss ihres Gewissens und packt ihr Buch aus. (Denn Ted weiß, dass er es leichter haben könnte. Ted weiß, dass es mit ihr immer kompliziert sein wird, solange sich die Zeiten nicht grundlegend geändert haben. Ted weiß das alles, denn Ted ist kein naiver Trottel, auch wenn er gerade vor fünf Mädchen, die er aus dem Sandkasten kennt, den Olympioniken spielt und besonders rücksichtslos krault.)
* * *
Andromeda hat gar nicht gemerkt, dass sie eingedöst ist, bis ein Wassertropfen auf ihrer Schulter landet. Und auf ihrem Buch. Hastig bringt sie das empfindliche Papier in Sicherheit, ehe Ted auf die Idee kommt, sich wie ein nasser Hund zu schütteln. „Hast du schlecht geschlafen?“ Teds Hände sind kalt und streicheln über ihre Wange. „Wenn deine Matratze schlecht ist, können wir Betten tauschen.“
„Die Matratze ist völlig in Ordnung, die Wärme macht mich müde.“ Sie streckt ihre Hand nach ihm aus und freut sich, als seine Finger sich zwischen ihre schieben. „Ich würde deinen Großeltern gern etwas Geld geben.“
„Bloß nicht.“
„Sie kaufen ja auch für uns ein und wir leben auf ihre Kosten.“
„Das würde sie nur kränken. Wirklich. Sie würden nie Geld von mir annehmen. Und von dir noch viel weniger.“ Ted legt sich neben sie und streckt seine Beine aus. Sie sind zu lang für das Handtuch, sodass er seine Waden in dem sandig-erdigen Boden paniert. „Wenn du ihnen einen Gefallen tun willst, dann übernimm ab und zu das Kochen. Meine Grandma kocht nicht gern, sie tut es nur, weil es sonst jeden Tag Kartoffelbrei oder Omelett geben würde. Also wenn du kochen würdest, dann würde sie das sicherlich sehr freuen.“
„Ich kann aber gar nicht wirklich Kochen.“
„Dann werde ich dich unterrichten.“
„Als ob du Kochen kannst?“
„Hey, hey, was ist das denn jetzt für ein Unterton, Madame? Ich habe meiner Mum immer geholfen. Und nach der Schule habe ich mich früher oft selbst versorgt, wenn sie noch nicht zuhause war. Und Grandma lässt mich auch regelmäßig an den Herd.“ Teds Mutter lebt in einer winzigen Wohnung in Bournemouth und kellnert in drei verschiedenen Restaurants. Ted spricht nicht gern darüber, aber sie hat im Laufe der Jahre herausgehört, dass seine Mum sich nicht so gut mit dem Rest der Familie Tonks versteht und Ted sie kaum gesehen hat, seitdem er nach Hogwarts geht. In den Schulferien war er fast immer bei seinen Großeltern und wenn seine Mum dann mal ein paar freie Tag hatte und ihn nach Bournemouth geholt hat, dann hat sie ihn auch meistens mit zu irgendwelchen Verabredungen mit anderen Erwachsenen genommen und es nicht geschafft, einfach nur Zeit mit ihm zu verbringen.
„Tut mir leid, ich habe nicht nachgedacht… und ich gehe natürlich gern bei dir in die Lehre.“ Sie kuschelt sich an seine Schulter und entdeckt ein Muttermal, das sie noch nicht kennt, weil sie Ted auch noch nicht so unsagbar häufig ohne T-Shirt gesehen hat. Und wenn sie ihn ohne seine Kleidung gesehen hat, dann waren die Lichtverhältnisse meistens eher bescheiden.
* * *
Der Tag am See ist ihr schlecht bekommen. Dieser Nachmittag war ein Ausblick auf den Sommer, den sie haben könnten, wenn das Küken nicht wäre. Dieser Nachmittag war eine Warnung, dass sie fortan für immer die Spielverderberin sein würde, weil sie nie einfach so irgendwohin gehen können, wenn sie erst einmal Eltern sind. Sie werden nie mit Leuten in ihrem Alter ausgehen und Spaß haben und die Zeit vergessen, sondern stets die Uhr im Blick behalten oder direkt absagen. Sie werden über Nacht mindestens zehn Jahre altern und dieses Jahrzehnt nie zurückbekommen.
Andromeda hat eine vage Vorstellung davon, welche Lösungen es für ihr Problem gibt. Genauso wie sie eine vage Vorstellung davon hatte, dass es Zaubersprüche und Tränke gibt, mit denen eine Schwangerschaft verhindert werden kann. Bei der Recherche dieser Sprüche war sie schlampig – nein, schlimmer noch, sie war passiv, sie hat es Ted überlassen, sich zu informieren und darauf vertraut, dass er es schon richtig machen würde. Dieses Mal wird sie es selbst in die Hand nehmen und zu einer Ärztin gehen. Eine Heilerin wäre ihr lieber, doch sie kann einen Besuch im St. Mungo Hospital nicht riskieren. Auf dem Papier ist sie zwar volljährig, doch die Heilerin, bei der sie seit ihrer Kindheit ist, ist natürlich auch die Heilerin ihrer Mutter und ihrer Schwestern. Obendrein ist sie eine Freundin ihrer Mutter, die dank ihres übermütigen Briefes auch längst weiß, von welchem Ausmaß die Schande ist, die Andromeda über die altehrwürdige Familie Black gebracht hat.
Mit Hilfe des Telefonbuchs, das Teds Großeltern besitzen, hat sie eine Arztpraxis gefunden, die in der Nähe von Exeter ist und damit nicht unerreichbar. Sie weiß, dass Exeter – im Gegensatz zu den meisten anderen Städten in Devon – eine magische Infrastruktur hat, die im Wesentlichen aus einer Apotheke und einer Druckerei besteht, in der sämtliche Bücher des Obscurus -Verlag hergestellt werden. Das weiß Andromeda auch nur, weil sie einmal zu oft durch ihre zerlesene Ausgabe von Phantastische Tierwesen & Wo sie zu finden sind geblättert hat und sich manchmal die eigenartigsten Dinge merken kann.
Ebenfalls mit Hilfe des Telefonbuchs und dem dazugehörigen Telefon hat Andromeda den ersten Anruf ihres Lebens getätigt, der nicht an Ted ging – dessen Verständnis für ihre Befangenheit hinsichtlich Telefonleitungen stets unerreicht grenzenlos gewesen ist – und hat einen Termin vereinbart. Die Stimme der Frau am anderen Ende klang jung und verständnisvoll und Andromeda hofft auf das Beste. Andromeda rechnet aber auch mit dem Schlimmsten und sie fühlt sich schlichtweg furchtbar, weil sie den ersten Schritt unternommen hat, um ihr Küken aus der Welt zu schaffen so wie man einen verbrannten Toast oder ein ausgeleiertes Haargummi entsorgt.
Sie hat das Telefonbuch nicht einmal losgelassen, sondern umklammert das dicke Buch mit den hauchdünnen Seiten, als Ted mit dem Korb voller Wollreste unterm Arm auftaucht. Er sieht sie an, wie sie in der kleinen Küche seiner Großeltern sitzt und das Telefonbuch umklammert und sie ist sich so sicher, dass er einfach mal wieder gar nichts sagen wird, doch er stellt den Korb vor ihr ab und bringt die Knäuel durcheinander, die sie eigenhändig sortiert und danach wieder verschmäht hat. Nach dem Tag am See, an dem sie ihr Strickprojekt in ihrer Tasche vergessen und stattdessen gelesen und geschlafen hat, erschien es ihr vollkommen absurd, ein Paar Söckchen für ein Baby zu häkeln, das es gar nicht geben sollte.
„Was soll das? Willst du Stricken lernen?“
„Wieso nicht? Wenn du von meinen Kochkünsten profitierst, dann darf ich ja wohl erwarten, dass du mich den Umgang mit Nadel und Faden lehrst?“ Es klingt wie ein Scherz, doch Ted ist angespannt. Er steht viel aufrechter als sonst und die Bewegungen, mit denen er sich durch den Korb voller Wolle wühlt, kommen ihr statisch vor. „Hast du schon ein Gefühl, welche Farbe passend wäre?“
„W-welche Farbe?“
„Ich fände Gelb sonst gut. Gelb ist neutral… wobei, vielleicht ist es doch nicht so neutral wegen Hufflepuff und so. Dann wäre Orange besser. Mir gefällt Orange auch… wie findest du Orange?“ Er hält ein Knäuel mit orangefarbener Wolle neben ihr Gesicht. „Passt auch gut zu deinen Haaren. Falls sie deine Haare bekommt. Oder er.“
„Wie hast du… woher weißt du…“
„Es war nur so eine Vermutung.“ Eine Vermutung, die sie ihm soeben bestätigt hat. Sie sucht in seinem Gesicht nach derselben Panik, die sie im ersten und zweiten und dritten Moment empfunden hat, doch da ist keine Panik, da ist kein Entsetzen, da ist nicht der blanke Horror, da ist einfach nur Ted, der bedächtig nach dem Ende das orangefarbenen Wollknäuels kramt. „Lila wäre doch auch cool, oder? Vielleicht kann man das auch mixen… oder meinst du, das wird zu grell? Ach natürlich meinst du, dass das zu grell wird, aber das ist ja der halbe Spaß.“
„ Der halbe Spaß? D-du freust dich?“
„Natürlich freue ich mich… warte, freust du dich nicht? Also so gar nicht?“ Ted lässt den Kopf hängen und sie kann ihm richtig ansehen, wie er ihre Heimlichtuerei der letzten Tage und Wochen in einem ganz neuen Licht sieht. „Du freust dich nicht.“
„Doch, vielleicht freue ich mich auch… aber ich habe unfassbare Angst, dass es uns und unser Leben zerstört.“ Sie schluckt, denn sie fühlt sich schon wie ein Monstrum, weil sie diesen Gedanken laut ausspricht. Sie sieht, dass Ted den Kopf schüttelt, doch sie meidet seinen Blick und schaut stattdessen auf das Muster der Tischdecke, den zerknitterten Stoff ihres Sommerkleides, das ihre Knie gerade so bedeckt und dann schaut sie plötzlich doch wieder in Teds Gesicht. Er ist nicht auf einem Knie gelandet, sondern auf beiden, doch es ist trotzdem eindeutig, was er hier beabsichtigt. „Du musst das nicht tun. Wirklich nicht.“
„Ich will aber. Und ob ich dich jetzt oder in fünf Jahren frage, spielt doch eigentlich keine Rolle.“ Sie will ihm widersprechen, doch er ist schneller. „Das war jetzt Quatsch, es spielt natürlich eine Rolle. In fünf Jahren wäre es nämlich zu spät, aber jetzt kommt die Frage hoffentlich genau richtig… also würdest du mir die Ehre erweisen und mich heiraten?“
Andromeda öffnet den Mund, doch sie hat keine Worte. Ihre Augen brennen und ihr ganzes Sichtfeld verschwimmt. Bevor Ted fragen kann, ob das Freudentränen sind oder ob er sie nur sehr erfolgreich aus der Fassung gebracht hat, nickt sie. Sie nickt so heftig, als würde ihr Leben davon abhängen.