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Geschlossene Wunden

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Geschlossene Wunden

[3] Geschlossene Wunden

One of the heads of the beast seemed to have had a fatal wound, but the fatal wound had been healed. The whole world was filled with wonder and followed the beast.

[31. Juli 2020]

Als Gregory Goyle die Tür des Hauses, das vor zwei Jahrzehnten noch Erwins Haus gewesen ist, öffnet, guckt er ein bisschen so, als würde er damit rechnen, dass sie hergekommen ist, weil er seine Abschlussprüfung in Verteidigung gegen die dunklen Künste nochmal ablegen muss. Weniger begeistert über ihren Besuch ist nur Seamus Finnigan, den sie am Ende des Flures entdeckt. Er trägt keine richtige Hose und auch kein T-Shirt, sondern nur eine kurze Hose, die bei jungen Leuten vielleicht als Pyjama gilt. Er errötet und winkt ihr ganz flüchtig, ehe er auf dem Absatz kehrt macht und das Stockwerk wechselt.

„Guten Morgen, Gregory.“ Sie hebt ihre Stimme ein wenig. „Guten Morgen, Seamus.“ Seamus erwidert nichts, sondern verschwindet aus ihrem Sichtfeld. „Bitte entschuldige, dass ich mich nicht angekündigt habe. Ich möchte dich nur eine Kleinigkeit fragen. Wenn du zehn Minuten für mich erübrigen kannst?“

„Kann ich.“ Gregory räuspert sich. „Ich wäre heute Nachmittag auch in Hogwarts gewesen. Ich dachte eigentlich, ich hätte in dem Kalender im Lehrerzimmer eingetragen, wann ich in den Ferien da bin.“

„Oh bestimmt hast du das getan.“ Andromeda schenkt ihm ein entschuldigendes Lächeln. „Ich muss gestehen, dass ich heute noch gar nicht im Schloss gewesen bin, sondern mich direkt auf den Weg hierher gemacht habe.“

„Dann geht es nicht um Hogwarts?“

„Doch, im weitesten Sinne geht es um Hogwarts.“ Gregory schaut sie erwartungsvoll an – und sie findet keinen guten Anfang. „Darf ich mich kurz setzen?“

„Natürlich. Wohnzimmer oder Küche, ganz wie du magst.“

„Ach, ich komme gern mit in die Küche. Ich will gar nicht zu viele Umstände machen.“

Gregory nickt, anstatt ihr zu versichern, dass sie ihm keine Umstände macht. Denn selbstverständlich macht sie ihm Umstände. „Ich habe heute keinen Tee gekocht, weil es so warm werden soll, aber wir haben Orangensaft da.“

„Ich brauche nichts.“ Sie tritt in die Küche und sieht den gut gedeckten Frühstückstisch. „Ich bin zu früh dran. Ich war schon so lange wach und dein Vater ist ja ohnehin im Morgengrauen auf den Beinen, da habe ich gar nicht mehr auf die Uhr gesehen, tut mir leid.“

„Macht nichts.“ Gregory schaut sie wieder so erwartungsvoll und aufmerksam an – und ihr fehlen schon wieder die Worte. Das ist ein schreckliches Gefühl und sie holt der Einfachheit halber direkt die Akte von Beatrix Black aus ihrer Tasche.

Sie legt den Steckbrief vor Gregory ab und deutet auf sein Kürzel. „Ich habe vorgestern den Erstkontakt absolviert und einige Fragen mit nach Hause genommen. Vor allem habe ich aber mich über das Datum der Anmeldung des Kindes gewundert. Ihre Mutter ist muggelstämmig und wusste bis zur Kontaktaufnahme nichts von der Zauberwelt. Trotzdem ist ihre Tochter schon seit Jahren in Hogwarts angemeldet.“ Sie tippt mit ihrem Fingernagel auf den Vermerk von Gregory. Anmeldung in Hogwarts am 07. August 2009 – postalisch. !!! „Dieser Vermerk von dir hat mich darauf schließen lassen, dass du diese Widersprüchlichkeit ebenfalls bemerkt hast.“

„Ehm… ja, scheint so.“ Gregory sieht verlegen von dem Vermerk auf. „Ich kann mich offen gestanden nicht so gut erinnern. Aber wenn das im Sommer 2009 gewesen ist… dann müssten Argus und ich noch beide verantwortlich für die Anmeldungen gewesen sein. Bei postalischen Anmeldungen habe ich die Briefe immer direkt in die Akten gelegt, aber Argus hatte dafür ein eigenes System, das ich rückwirkend nicht verändert habe… obwohl das übersichtlicher wäre, aber Argus und Veränderungen…“

„Das ist so eine Sache für sich, das verstehe ich schon. Aber meinst du, du könntest diese postalische Anmeldung für mich auftreiben?“

„Ich kann gleich heute Nachmittag mal danach schauen.“

„Das wäre wirklich ganz wunderbar.“

„Lief der Erstkontakt denn nicht gut?“

„Doch, doch, im Großen und Ganzen war es wohl ein erfolgreicher Kontakt.“

„Aber?“

„Ach, eigentlich gibt es nichts daran auszusetzen. Ich habe bloß ein eigenartiges Gefühl.“ Andromeda zwingt sich zu einem Lächeln. „Wahrscheinlich langweile ich mich bloß. Dein Vater hat schon angemerkt, dass mir die Ferien wieder schlecht bekommen.“ Gregory lächelt ebenfalls, aber es sieht auch etwas gezwungen aus. „Wann darf ich mit deinem Gegenbesuch rechnen? Oder soll ich lieber ins Schloss kommen?“

„Ich komme bei euch vorbei. So gegen fünf oder sechs Uhr, denke ich.“

„Schön, das passt mir gut. Heute Nachmittag wollte ich Narzissa besuchen, aber dein Vater hat schon gesagt, es ist ihm zu warm für einen Ausflug, er ist also auf jeden Fall da.“ Sie verkneift sich die Ergänzung, dass Erwin sich darüber freuen würde, Gregory auch mal wieder zu sehen, denn sie möchte sich in die manchmal etwas undynamische Dynamik der beiden nicht einmischen. (Außerdem findet sie, dass Erwin auch mal proaktiv sein und sich bei Gregory einladen könnte, anstatt darauf zu warten, dass Gregory von sich aus auf die Idee kommt, seinen Vater einzubestellen.)

* * *

Normalerweise würde Narzissa nicht entgehen, dass Andromeda neben der Spur ist, doch ihre Schwester ist selbst ein wenig außer sich. Im Gegensatz zu Andromeda ist sie allerdings außer sich vor Freude, weil Scorpius die kommende Woche im Manor verbringen wird. Narzissa unterbricht sich immer wieder mitten im Satz, weil ihr irgendein Lebensmittel in den Sinn kommt, das sie unbedingt noch holen muss, weil Scorpius sich dafür begeistern kann. Die Einkaufsliste, die vor ihnen liegt, ist länger als so manche Hausaufgabe ihrer Siebtklässler. „Er bleibt doch nur eine Woche, oder?“

„Zehn Tage.“

„Und pro Tag sind zehn Mahlzeiten geplant?“

Narzissa lässt sich von ihren zahnlosen Sticheleien nicht beeindrucken, sondern ergänzt ihre Liste um einen weiteren Punkt. „Scorpius ist im Wachstum. Da braucht er viele Nährstoffe.“

Da kann Andromeda nur schwerlich widersprechen, denn sie bezeugt nicht selten fasziniert, wie ganze Wagenladungen von Rührei in aller Herrgottsfrühe auf den Tellern männlicher Teenager landen. „Was macht Draco in der Zeit? Hat er eine Dienstreise? Oder eine Konferenz?“ Es ist einigermaßen untypisch für Draco, Scorpius’ Sommerferien nicht für Ausflüge oder Reisen mit seinem Sohn zu nutzen.

„Das hat er jedenfalls behauptet.“

„Du glaubst ihm nicht.“

„Ich weiß , dass die Jahresversammlung des Verbunds für Magische Arzneimittelkunde bereits im Juni stattgefunden hat. Lucius erhält nach wie vor eine Einladung, da die Person, die für die Post zuständig ist, noch immer nicht begriffen hat, dass es effizienter wäre, eine offen formulierte Einladung an die gesamte Familie zu schicken, anstatt jeden Mr. Malfoy einzeln zu adressieren.“

„Bestimmt ist das eine formale Vorgabe.“

„Eine ineffiziente Vorgabe.“

„Wie ich gerade sagte…“ Andromeda weiß, dass Tratsch kein guter Charakterzug ist, aber vor allem in Gesellschaft ihrer Schwester kann sie sich oft nur schwer zusammenreißen. „Du nimmst weiterhin an, dass er eine Freundin hat.“

„Ich hoffe es. Andernfalls hätte er sich ein sehr eigenartiges Parfüm zugelegt.“

Andromeda muss sich ein Lachen verbeißen, denn es ist höchst ironisch, dass diese Bemerkung ausgerechnet von Narzissa kommt, die seit Jahrzehnten nach Vanille riecht, weil Lucius Malfoy mit Vanilleseife aufgewachsen und dieser Duftnote stets treu geblieben ist. „Dein Verdacht liegt immer noch auf Miss Patil?“

„Ach ich weiß nicht mehr, was ich denken soll. Draco erwähnt sie ja ganz demonstrativ. Das ist so eine ganz kalkulierte Regelmäßigkeit. Und er betont dabei auch immer sehr penibel, dass sie eine Freundin von ihm ist.“ Narzissa seufzt. „Ich glaube, ihm ist das vielleicht gar nicht mehr so wichtig. Also eine Partnerschaft. Er hat ja viele Freunde. Und Freundinnen.“

„Eine Freundschaft ist aber doch etwas anderes als eine Partnerschaft.“

„Das denke ich eigentlich auch… aber eigentlich weiß ich es ja auch nicht besser. Ich bin ja mit niemandem befreundet.“

„Ach nicht? Was machen wir dann hier?“

„Du bist meine Schwester. Das ist nochmal etwas anderes.“

„Ich würde nicht hier sitzen, wenn ich dich nicht leiden könnte, Zissy.“ Andromeda muss ihre kleine Schwester nicht daran erinnern, dass sie ziemlich genau fünfundzwanzig Jahre lang kein Wort miteinander gewechselt haben, obwohl sie in dieser Zeitspanne natürlich nicht mehr und nicht weniger verwandt gewesen sind als davor oder danach. „Was ist denn mit Jonathan?“

„Jonathan ist ein Kollege.“

„Und Kollegen können keine Freunde sein?“

„Fragst du mich das gerade wirklich?“

„Ja.“

„Kannst du mir auch nur einen Kollegen von dir nennen, mit dem du befreundet bist.“

„Minerva betrachte ich als Freundin.“

„Sie ist deine Vorgesetzte.“

„Das mag sein… aber ich nehme an, dass ich mich immer noch gern mit ihr unterhalten werde, auch wenn es unsere Arbeit nicht länger erfordert.“

„Also ist sie mutmaßlich eine Freundin von dir.“

„Wenn du das so ausdrücken möchtest.“ Andromeda greift zu dem Eistee, mit dem Lucius sie bereits nach ihrer Ankunft im Manor versorgt hat. Die Eiswürfel darin haben sich längst aufgelöst. Das Getränk ist zitronig und lauwarm. Das ist keine berauschende Mischung, aber Andromeda trinkt trotzdem zwei große Schlucke. „Hättest du gern mehr Freunde?“

„Ach, eigentlich nicht. Die meisten Menschen sind auf die Dauer ja doch recht anstrengend… aber manchmal wache ich auf und habe Angst davor, dass Lucius zuerst stirbt und tagelang niemand ein Wort mit mir wechselt, sodass ich früher oder später das Sprechen verlerne.“ Narzissa verzieht das Gesicht und sieht ihrer beider Mutter dadurch erschreckend ähnlich. „Entschuldigung. Das war jetzt reichlich unsensibel von mir.“

„Ich werde es überleben.“ Wie immer. „Aber ich bin dir gern ein gutes Beispiel dafür, dass man das Sprechen nicht gleich verlernt, wenn man sich nur mit ausreichend schlechten Menschen umgibt.“ Ihr eigener Zynismus ärgert sie, doch Narzissa wirkt nicht mal überrascht.

„Du weißt, dass ich dich nicht dafür verurteile, dass du ihn geheiratet hast.“

„Nicht mehr .“ Niemand, wirklich niemand – nicht einmal die Stimme in ihrem Hinterkopf, die eigenartigerweise nicht nach Ted klingt oder wenigstens nach ihrem Vater, sondern an schlechten Tagen wie Corban Yaxley und an besonders schlechten Tagen wie Bellatrix – hat sie beharrlicher daran erinnert, dass Erwin gefährlicher ist als er aussieht, als Narzissa.

„Ich weiß, dass ich voreingenommen war. Ich wollte nur nicht, dass dir dasselbe Schicksal wie Diana blüht.“

„Er hat sie nicht umgebracht.“

„Nicht direkt.“ Wenn Narzissa so angefressen klingt, dann fällt es schwer, sich in Erinnerung zu rufen, dass sie Andromeda gerade eben noch um Verzeihung gebeten hat. „Ich werde ihm nie vergeben, dass er nicht besser auf sie aufgepasst hat.“

„Er wird sich das auch nie vergeben.“

„Ich weiß. Das ist der einzige Grund dafür, dass ich ihn nicht vollkommen verachte.“

„Deine Verachtung ist also unvollkommen?“

„Ich kann durchaus anerkennen, dass er sich verändert hat. Trotzdem wird es nie fair sein, dass er lebt und alt werden darf, während ich seit dreißig Jahren keine beste Freundin mehr habe.“

„Ich wiederhole mich nur ungern… aber was ist mit mir?“

„Du bist immer noch meine Schwester.“

„Und das gilt nichts und wieder nichts?“

„Das gilt, aber es ist nicht dasselbe.“ Narzissa seufzt und lässt den Stift in ihrer Hand kreisen, bei dem es sich nicht um einen klassischen Federkiel, aber auch nicht um einen profanen Kugelschreiber handelt, sondern um ein mischmagisches Produkt. „Meinst du, Scorpius trinkt mittlerweile Kaffee? Hast du ihn schon Kaffee trinken sehen?“

* * *

Zurück in Hogsmeade wird sie bereits von Gregory erwartet, der vor der Tür stehen geblieben ist wie ein ungebetener Gast. „Hat dein Vater dich nicht hereingelassen?“

„Er ist nicht da… jedenfalls hat er nicht auf die Klingel reagiert. Aber ich bin ja auch etwas früh dran und ich dachte, er hätte dich vielleicht doch begleitet.“ Gregory fährt mit seinem Fingernagel über eine rostige Ecke des Klingelschildes und Andromeda ahnt, dass dieses Schild im Laufe des Sommers eine Generalüberholung erfahren wird. „Wie geht es Narzissa… und Lucius?“

„Recht gut. Sie stellen sich auf einen langen Besuch von Scorpius ein.“ Andromeda nimmt an, dass Gregory ein wenig mehr über Dracos Urlaubspläne – und vor allem über seine Urlaubsbegleitung – weiß als dessen Mutter, doch sie sieht auch ein, dass es unangebracht wäre, Gregory auszufragen. „Wollen wir uns hinten in den Garten setzen?“

„Ich würde lieber ins Haus gehen. Wir besprechen schließlich Personendaten, die vertraulich sind. Das muss nicht das halbe Dorf hören.“

„Du glaubst doch nicht wirklich, dass wir die Hecken nicht verzaubert haben?“

„Die Hecken ?“

„Oder die Ansammlung von Bäumchen, die laut der Definition deines Vaters eine Hecke darstellen, auch wenn sie weder ganz blickdicht noch ganz formschön sind.“ Andromeda nimmt den Weg um das Haus, den Erwin als natürliche Grenze zwischen seinen gepflegten Gemüsebeeten und der Wildwiese erachtet. Obwohl sie Erwins Hochbeete und Rabatten durchaus bewundert, zieht sie die Hälfte des Gartens vor, die nicht gehegt und gepflegt wird.

Die kleine Terrasse, auf der Gregory und sie sich niederlassen können, grenzt an eines der beiden Gewächshäuser. Als sie ins Haus geht, um eine Karaffe mit Wasser zu holen, nimmt sie aus dem Augenwinkel einen Schatten hinter den Milchglaswänden des Gewächshauses wahr, der sie veranlasst, ein drittes Glas auf das Tablett zu stellen.

Bei ihrer Rückkehr auf die Terrasse haben Gregory und Erwin einander gefunden – und versichern sich gegenseitig, was für ein schöner Tag es gewesen ist, was für ein lauer Sommerabend. Gregory erkundigt sich höflich nach Erwins aktuellen Projekten und Andromeda spürt, wie ihr allmählich die Geduld ausgeht. Sie rückt die Stühle an dem kleinen Tisch möglichst geräuschvoll zurück. Gregory versteht und setzt sich gleich neben sie, während Erwin mit seinen Händen, die mit Dünger oder Blumenerde oder weiß der Himmel was für einer Substanz in Kontakt gekommen sind, ins Haus trottet und dabei hoffentlich keine Umwege macht, sondern direkt zur Spüle geht. Oder besser noch unter die Dusche.

„Ich habe den Brief gefunden.“ Ohne Umschweife holt Gregory einen Brief aus seiner Tasche, der auf einer Schreibmaschine getippt worden ist. „Absender ist ein Angestellter namens Dexter Midfield. Ich habe auch mal bei Argus nachgehört, was es mit diesen postalischen Anmeldungen von muggelstämmigen Kindern auf sich hat und laut Argus ist das nicht total häufig, aber immer mal wieder vorgekommen. Jedenfalls konnte er mit dem Namen Midfield sofort etwas anfangen. Der muss jahrzehntelang im Ministerium gearbeitet haben, aber es scheint so, als wäre dieser Brief hier eine seiner letzten Amtshandlungen gewesen. Jedenfalls habe ich in den Unterlagen, die ich allein verwaltet habe, keine Anmeldungen mehr von ihm gefunden.“ Gregory räuspert sich und senkt seine Stimme. „Argus war nicht gerade Feuer und Flamme, als ich ihn danach gefragt habe… ich glaube, er befürchtet, dass du auf ihn zukommen und seine Aktenordnung strapazieren könntest.“

„Das könnte durchaus passieren… darf ich mal?“ Sie deutet auf das Schreiben, das Gregory immer noch festhält.

„Klar.“

Er schiebt ihr den Brief zu und Andromeda ärgert sich darüber, wie schlecht ihre Augen geworden sind – und wie nachlässig sie mit ihrer Lesebrille umgeht, deren aktueller Aufenthaltsort ihr entfallen ist. Die Schreibmaschinenbuchstaben sind unangenehm klein und sie muss den Brief eine Armeslänge von sich halten, um ihn entziffern zu können.

London, den 08. August 2009

Sehr geehrte Professor McGonagall,

sehr geehrter Mr. Filch,

hiermit möchte ich die am 29. Juli 2009 geborene Beatrix Black für die Einschulung am 01. September 2020 in Hogwarts anmelden. Die derzeitige Meldeanschrift der Familie finden Sie auf der Rückseite.

Hochachtungsvoll

Dexter Midfield

in Vertretung des Ministers für Magische Ausbildung

„Der Minister für Magische Ausbildung… 2009 war Lancel Tuft im Amt, oder?“

„Ja. Aber laut Argus ist Midfield nicht nur Tufts Sekretär gewesen. Er hat diesen Posten unabhängig von der jeweiligen Wahlperiode bekleidet, nehme ich an. Ich kenne mich da nicht so genau aus, aber die Verwaltungsangestellten werden ja nicht jedes Mal neu besetzt, wenn die Ministerien neu vergeben werden… oder?“

„Ganz recht, das wäre ja ein ungemeiner Aufwand.“ Andromeda betrachtet den kurzen, fast schon nichtssagenden Brief. Woher wusste Midfield bereits vor elf Jahren, dass Beatrix Black eine Hexe ist? Darauf kann sie sich immer noch keinen Reim machen. „Hat Argus rein zufällig auch eine Theorie dazu, von dem Midfield die Mitteilung darüber erhält, wann eine Hexe oder ein Zauberer in einer nicht-magischen Familie geboren wird?“

„Danach habe ich ihn nicht gefragt… vielleicht redest du mal direkt mit ihm?“

Andromeda weiß, dass es ungerecht ist, Gregory als Briefeule zwischen Argus und ihr einzuspannen, doch der Hausmeister und sie sind nie miteinander warm geworden. Deshalb zweifelt sie daran, dass er sich besonders viel Mühe geben wird, ihre Fragen zu beantworten. „Oder wir setzen uns zu dritt zusammen? Wäre das möglich… oder hast du im Moment sehr viel zu tun?“

„Es geht so.“

„Könnten wir Argus dann gleich morgen behelligen?“

„Von mir aus. Aber erst nachmittags. Vormittags hat er einen Termin im St. Mungo, zu dem ich ihn begleiten soll.“

„Hoffentlich nichts Ernstes?“

Gregory schüttelt den Kopf. „Nichts Bedrohliches, nur ein dringend nötiger Gang zur Zahnheilerin. Poppy hat sich geweigert, sein Gebiss zu verpfuschen und den Termin für ihn vereinbart, weil er sonst am Ende wieder nicht geht.“

„Und die Eskorte übernimmst du, weil Argus sonst schwänzt?“

„Er floht nicht gern allein… und ich habe der Einfachheit halber auch mal einen Kontrolltermin vereinbart. Ich bin zwar erst Anfang des Jahres dort gewesen, aber schaden kann es ja nicht.“

„Gewiss nicht. Da hast du mal wieder sehr pragmatisch gedacht.“ Gregory sieht verlegen aus und sie erinnert sich daran, wie unheimlich leicht Gregory Komplimente mit Kritik verwechselt. „Bleibst du uns zum Abendessen erhalten?“

„Gern. Seamus hat einen Spätdienst und die Schlossküche hat mit Grünkohl gedroht.“

„Grünkohl? Ist das nicht eher ein Wintergemüse?“ So viel weiß sie selbst als Laie in Gemüsegartenangelegenheiten.

Gregory nickt bekräftigend. „Darum finde ich es ja so bedrohlich.“