LNCrawler

Himmelblaufahrten [1973]

The Beast Out Of The Sea — www.fanfiktion.de · All chapters

Himmelblaufahrten [1973]

Lyrics: The Flood by Take That

* * *

[III] Himmelblaufahrten

Although no one understood

We were holding back the flood

Learning how to dance the rain

We were holding back the flood

They said we'd never dance again

[August 1973]

„Halt, halt, halt.“ Ted zieht an ihr vorbei und stellt sich wie ein X in die Tür, sodass sie nicht passieren kann. Es war eine lange Woche und sie trägt die letzte Kiste, in der sich ihre Bücher befinden, die zum ersten Mal seit Jahren wieder ihre eigentliche Größe erreicht haben. Obschon sie an Weihnachten noch nicht endgültig gewusst hat, dass sie ihr Elternhaus nie wieder sehen würde, hat sie vorsichtshalber trotzdem ihr halbes Zimmer eingepackt und lediglich die Möbel und die Kleider, die sie nicht mehr mag, zurückgelassen. Und die Schneekugeln, mit denen sie die Illusion eines bewohnten Zimmers erzeugt hat, sodass Wretcha, die Elfe ihrer Mutter, nicht auf den Gedanken kommt, ihre Eltern darüber zu informieren, dass ihr Zimmer quasi leersteht und nur noch ein Gerüst ist.

„Was soll das jetzt? Wir sind fast fertig.“ Die Kiste wird schwerer und sie lässt sie so weit nach unten sinken, dass es sinnvoller wäre, sie komplett abzustellen, doch das wäre eine Kapitulation. Und sie wird nicht kapitulieren. Nachdem Ted und seine Cousins in den letzten Wochen alles dafür getan haben, das Häuschen seiner Urgroßtante Gertrude – die seit rund einem Jahrzehnt in Frieden ruht und ein winziges, verwohntes Häuschen zurückgelassen hat – wieder bewohnbar zu machen, kann sie es kaum erwarten, sich endlich hier niederzulassen und nicht mehr so halb auf dem Bauernhof von Teds Großeltern zu leben. Im Großen und Ganzen hat Teds Familie sehr viel besser auf ihre Hochzeit und die Ankündigung ihrer Tochter reagiert, als Andromeda jemals zu träumen gewagt hätte, aber es hat sich trotzdem von Nacht zu Nacht komischer angefühlt, in dem Gästezimmer zu schlafen und aus ihrem Koffer zu leben und einen Sommer zu verleben, der in ein Paralleluniversum gehört, in dem sie einfach nur eine Freundin ist, die Ted in den Ferien besucht, der ihr aus Prinzip Gesellschaft im Gästezimmer leistet, anstatt in dem Zimmer direkt unter dem Dach zu schlafen, in dem er seine Kindheit verlebt hat.

„Eben. Wir sind fast fertig.“ Ted grinst und sie stellt die Kiste ab, denn sie weiß nicht, was dieses Grinsen bedeutet, aber sie weiß, dass es nicht schnell gehen wird. „Bereit?“

„Nein.“

„Oh… echt nicht?“

„Ich habe keine Ahnung, was du hier gerade planst, Edward.“

„Komm mir nicht mit Edward .“

„Das ist nun einmal dein Name.“ Ted schmollt und sieht dabei plötzlich wieder so sehr wie der Drittklässler aus, dessen suizidaler Schokofrosch aus dem Fenster des Hogwarts-Express gesprungen ist, dass sie ganz einfach nachgeben muss. „Wofür soll ich bereit sein?“

„Für unseren Schwellenmoment.“

„Was ist denn bitteschön unser Schwellenmoment ?“

„Na, es gehört sich doch, eine Braut über die Schwelle zu tragen.“

„Teddy… ich weiß, dass Zeit gerade ein merkwürdiges Konzept ist und die letzten Wochen ein Wirbelsturm waren, aber du hast doch hoffentlich mitbekommen, dass du mich nicht heute, sondern letzten Sonntag geheiratet hast.“

„Natürlich habe ich das mitbekommen… aber da war keine geeignete Schwelle in der Nähe und für diesen Schwellenmoment gibt es nur eine Chance und die wollte ich nicht vergeuden… also darf ich?“

„ Darfst du? Was willst du… oh… oh nein, du wirst mich ganz sicher nicht hochheben! Weißt du, wie schwer ich geworden bin? Wenn du es nicht weißt, werde ich es dir sagen, ich habe mich nämlich letzte Woche auf eine Waage gestellt und mich von Candice vermessen lassen!“ Candice – der sie einst Unrecht getan hat und sie sogar so viel von Handarbeit versteht, dass sie in einer Schneiderei arbeitet und eines von Andromedas hellen Sommerkleider mal eben so in ein Hochzeitskleid verwandelt hat – war eine denkbar freundliche Schneiderin und hat ihr Bestes getan, um Andromedas Bauch zu kaschieren, doch das ändert nichts daran, dass Andromeda die Maße gesehen hat, die Candice auf einen kleinen Block gekritzelt hat… und danach hat sie eine morbide Neugierde auf die Waage getrieben.

„Dann bist du eben schwer geworden.“

„Du hättest wenigstens für einen kurzen Moment so tun können, als wäre es dir entgangen.“

„Damit ich mir anhören darf, was für ein grottenschlechter Lügner ich bin? Auf gar keinen Fall.“ Ted sieht wild entschlossen aus, als er auf sie zugeht und zögert tatsächlich keine Sekunde, bevor er sich seinen Rücken ruiniert und sie auf seine Arme hievt.

Unwillkürlich umklammert sie seinen Hals. „Das wirst du bereuen. Deine Wirbelsäule wird nie wieder dieselbe sein.“

„Pscht.“ Teds Gesicht ist knallrot angelaufen, nachdem er die beiden Stufen bewältigt hat, die hoch zu der Eingangstüre führen. Trotz seiner sichtlichen Anstrengung bemüht er sich um eine feierliche Miene und sie weiß gar nicht, wie sie so viel Tapferkeit honorieren könnte, als er sie ganz vorsichtig wieder auf ihre eigenen Füße stellt. „Auch nicht schwerer als ein Karton Bücher.“

„Du bist wirklich ein grottenschlechter Lügner.“

„Ich wusste, dass du das jetzt sagen würdest.“

„Und weißt du auch, was ich als Nächstes sagen werde?“

„Nein, aber ich hoffe, es ist so etwas wie Ich kenne einen sehr guten Chiropraktiker, der um die Ecke wohnt .“

„Du bist wirklich selbst Schuld.“

„Jaja, wie immer.“

„Und ich liebe dich über alles.“

Ted lächelt und wischt sich schwerst unauffällig eine Schweißperle aus dem Gesicht. „Ich liebe euch auch über alles.“

* * *

Im ersten Moment erkennt sie die Frau, die hinter Ted zur Tür reinkommt, überhaupt nicht. An ihrem Hochzeitstag hat sie Nora Tonks zum ersten und zum letzten Mal gesehen – und sie kann leider nicht gerade behaupten, dass sie sich an mehr als ihre blonden Locken, die sie an Ted vererbt hat, erinnern könnte. Die Hochzeit war ein irrsinniges Unterfangen, denn aus ihrem Vorhaben, eine Feier im kleinsten Kreis abzuhalten, ist ein ausuferndes Dorffest auf dem Bauernhof von Teds Großeltern geworden, die mit einem Lächeln im Gesicht zugelassen haben, dass ihr Garten von sechs Dutzend ausgelassenen Teenagern aus der näheren und weniger nahen Umgebung gestürmt wird.

Hinter seiner Mutter, die sich mit einem kühlen Blick in dem unfertig eingerichteten Zimmer umschaut, schenkt Ted ihr ein zerknirschtes Lächeln. Dieses Lächeln ist keine befriedigende Erklärung, aber zumindest ein Hinweis darauf, dass Ted nicht geplant hat, seine Mutter herzubringen und ihr absichtlich nichts von diesem Vorhaben zu erzählen.

Teds Mutter rümpft ihre Nase. „Es riecht immer noch nach Gertrude.“

„Wir lüften ja auch erst seit drei Tagen, Mum.“ Selten hat sie Ted so kurz angebunden erlebt. Ohne seiner Mutter eine Tasse Tee oder ein Glas Wasser anzubieten, nimmt er einen der Umzugskartons, in dem sich ein Rest ihrer Bücher befindet, die sie noch nicht sortiert hat, und trägt ihn nach oben.

Wenn es nicht ebenfalls unhöflich wäre, jemandem hinterher zu brüllen, dann würde sie ihm nachrufen, dass es verflucht unhöflich ist, sie hier mit seiner Mutter stehen zu lassen. Doch sie hat sie keine andere Wahl als sich ein Lächeln abzuringen und zu ignorieren, dass sich im Laufe des Nachmittags sicherlich mehr als eine Staubmaus in ihren Haaren verfangen hat, die sie längst einmal wieder schneiden müsste. Das hat sie schon gedacht, bevor Candice sie bei der Vorbereitung auf die Trauung darauf hingewiesen hat, dass sie ein fabelhaftes Serum gegen trockene Spitzen hat.

„Guten Tag.“ Nora Tonks rümpft erneut ihre Nase und Andromeda spürt richtig, wie sie unter der Musterung ihres Gastes Zentimeter um Zentimeter schrumpft. „Kann ich Ihnen eine Tasse Tee anbieten?“

„Danke, aber ich bleibe nicht lang. Mein Zug geht in einer Stunde. Ich bin nur hier, weil ich in Bournemouth nie einen anständigen Zahnarzt gefunden habe.“ Teds Mutter schreitet durch das Zimmer und Andromeda fühlt sich neben dieser langbeinigen, schlanken Frau wie ein aufgedunsener Zwerg. „Wann ist es so weit?“

„Wie bitte?“

„Ach, nun spart euch doch die Märchen. Das Hochzeitskleidchen war geschickt genäht, aber dieses Hemd ist es nicht.“ Andromeda sieht an sich herunter und muss Teds Mutter leider Recht geben. Das Hemd, das nicht ihr gehört, sondern einem Onkel von Ted, spannt über ihrem Bauch. Bisher war sie zu geizig, um ihr Geld für neue Kleider auszugeben, zumal ihr die meisten Sachen im nächsten Sommer hoffentlich wieder passen werden und sie ausreichend bequeme Strickpullover für den bevorstehenden Herbst hat, doch vermutlich sollte sie doch in einige neue Stücke investieren, um nicht wie eine wandelnde Altkleiderspende auszusehen. „November, würde ich tippen?“

„November oder Dezember, da ist sich die Ärztin nicht ganz sicher.“

Nora Tonks seufzt und begutachtet eine weiße Orchidee, die sie vom Pastor – der nicht nur der Pastor, sondern auch der Inhaber der Gärtnerei im Nachbardorf ist – zur Hochzeit bekommen haben. „Ted ist ein lieber Junge, aber besonders clever war er leider noch nie.“

Bis zu diesem Moment hat Andromeda sich darum bemüht, sich keine vorschnelle Meinung über Nora Tonks zu bilden, doch mit diesem Satz hat sie endgültig verloren. Denn genau so hätte ihre eigene Mutter das auch gesagt. Haargenau so hatte ihre Mutter das schon einmal in einem Gespräch mit Walburga gesagt, als die Rede auf Narzissa gekommen war, die sehr viel klüger war als ihre Mutter oder ihre Tante, die ihren intelligenten Witz erst nach dem dritten Glas Goldlack entdeckte, jemals begreifen würden. „Ich finde Ted sogar ziemlich clever.“

„Oh sicher, sicher, er ist ja auch auf dich hereingefallen.“ Nora Tonks seufzt und schaut sich den Kaktus an, den sie von Teds Cousin Brandon bekommen haben, der sich dafür besonders lustig fand. „Ich kenne Mädchen wie dich.“

„Nichts für ungut, aber das wage ich zu bezweifeln.“ Andromeda verhakt ihre Finger ineinander und bemüht sich um einen freundlichen, neutralen Tonfall. „Außerdem kennen wir uns ja noch nicht besonders gut, nicht wahr?“

„Das mag sein, aber daran wird sich nichts ändern, solange ihr in diesem Nest lebt. Oder erwartet ihr von mir, dass ich diese Höllenstrecke ein ums andere Mal auf mich nehme, um mir anzusehen, wie mein Sohn von dir an der Nase herumgeführt wird?“

„Ich glaube, Ted erwartet gar nichts mehr von Ihnen… und ich kann auch nicht gerade sagen, dass ich mich auf ein Wiedersehen freue.“ Andromeda verschwendet keine Kraft für ein erzwungenes Lächeln mehr. „Wieso sind Sie eigentlich hergekommen?“

„Ich wollte mich vergewissern, dass diese Hochzeit kein ausgeklügelter Scherz von meinem Vater war.“ Nimmt diese Person wirklich an, dass Ted Großeltern ein Fest von solchen Ausmaßen auf die Beine gestellt hatten, um sie aus Bournemouth herzulocken? Konnte man sich wirklich für den Mittelpunkt des Universums halten? In solchen Dimensionen denkt nicht einmal ihre eigene Mutter. „Was halten deine Eltern von dem ganzen Theater?“

„Ähnlich viel wie Sie, vermute ich.“

„Du vermutest es?“

„Meine Mutter hat uns noch keinen Hausbesuch abgestattet.“ Im Obergeschoss poltert es und wenn Andromeda es nicht besser wüsste, dann würde sie vermuten, dass Ted den Kleiderschrank aus massivem Kiefernholz geboxt hat. „Vielleicht wollen Sie an die frische Luft gehen? Das Wetter ist ja herrlich.“

„Du schmeißt mich raus?“

„Ich habe Sie nicht eingeladen. Ted hat Sie mitgebracht wie Strandgut… und ich denke, wenn er sich mit Ihnen auseinandersetzen wollen würde, dann wäre er auch hier geblieben.“

„Ich verstehe schon, wieso er sich für dich entschieden hat. Er hat immer jemanden gebraucht, der für ihn reden kann, wenn er die Zähne nicht auseinander bekommt.“ Nora Tonks seufzt ein letztes Mal, ehe sie ihre Tasche nimmt und zur Tür heraus spaziert.

Kaum hat sie das Haus verlassen, zweifelt Andromeda auch schon daran, ob sie wirklich hier war. Ob sie nicht bloß ein böser Geist gewesen ist. Ob sie in den letzten Tagen nicht ganz einfach eine Staubmaus zu viel eingeatmet hat.

Doch dann ist da Ted, der sich immer noch halb hinter dem Geländer der Treppe versteckt und ein ganz rotes Gesicht hat. „Ist sie wieder weg?“ Andromeda nickt und wendet Teds liebste Strategie an. Sie stellt keine Fragen, sondern wartet geduldig ab, bis die Antworten ganz von selbst kommen. „Es tut mir leid, dass ich dich mit ihr allein gelassen habe. Ich bin ihr auf dem Rückweg vom Markt ganz zufällig begegnet. Ich hatte keine Ahnung, dass sie heute im Ort ist und ich dachte, es wäre nett und zivilisiert von mir, sie zum Bahnhof zu bringen, aber dann hat sie plötzlich davon angefangen, dass sie bisher ja kaum ein Wort mit dir wechseln durfte… und mir war eigentlich schon klar, dass sie dich nicht wirklich kennenlernen, sondern nur ein bisschen Gift verspritzen will, aber wenn ich sie jetzt nicht mitgebracht hätte, dann wäre das bloß an Weihnachten passiert und so haben wir das auch hinter uns gebracht… also du hast es hinter dich gebracht. Ich hätte dich warnen sollen, aber ich wusste nicht so genau, wie ich dir erklären kann, dass meine Mutter schwer genießbar ist.“

„Schwer genießbar?“

„Ungenießbar. Eigentlich ist sie absolut ungenießbar… ich weiß auch gar nicht, wieso ich immer wieder versuche, das zu relativieren… aber ja, es ist schwierig mit ihr. Und irgendwie auch furchtbar. Und ich hasse es, schlecht über sie zu reden, obwohl es nichts Gutes zu sagen gibt. Deshalb sage ich meistens gar nichts. So wie du.“

„So wie ich?“

„Du redest auch nie so richtig über deine Eltern und ich nehme an, das hat dieselben Gründe?“

Es sollte sie nicht so sehr entsetzen, wie spielend leicht Ted sie durchschaut, denn sie kennen sich lange und sie kennen sich gut, aber trotzdem waren sie vielleicht noch nie so ehrlich miteinander. „Riecht es hier wirklich noch nach deiner Großtante?“

„Total.“

„Ist das dieser schwere Rosenduft, von dem es gestern noch hieß, ich würde ihn mir nur einbilden?“

„Ja.“ Ted stolpert mit einem reumütigen Gesichtsausdruck die Treppe nach unten und zieht sie in eine Umarmung, die sie schon in der Sekunde gebraucht hätte, in der seine Mutter behauptet hat, dass sie genau wüsste, was für eine Art von Mädchen Andromeda wäre.

„Wenn du mich nochmal mit schwer genießbaren Verwandten von dir allein lässt oder behauptest, dass ich mir etwas nur einbilde, reiche ich die Scheidung ein.“

„Es tut mir leid. Ich… ich bin eben kein Gryffindor.“

„Ich bin auch keine Gryffindor!“

„Aber doch nur wegen deines Namens. Sonst hätte der Hut genau gewusst, wo du und deine Nerven aus Stahl hingehören.“

„Ich habe keine Nerven aus Stahl.“

„Ich hätte sie schon beim ersten Naserümpfen angebrüllt.“

„Du hast gelauscht? Du hast dich vor ihr versteckt… und dann trotzdem gelauscht?“

Ted nickt und lehnt sich gegen sie. „Ich weiß, dass das überhaupt keinen Sinn ergibt… wollen wir vielleicht einfach nach oben gehen und den Rest deiner Bibliothek sortieren?“

„Ich habe zwei Bücherregale, das geht wohl kaum als Bibliothek durch.“

„Jede Bibliothek fängt mal mit zwei Regalen an.“ Ted platziert einen Kuss auf ihrer Stirn… und noch einen… und noch einen. „Es tut mir leid, dass ich so ein Feigling bin. Es tut mir ehrlich leid.“

„Du bist kein Feigling.“

„Doch.“

Andromeda widerspricht ihm nicht nochmals, denn sie weiß nicht, ob sie Ted nicht doch auch ein bisschen feige fände, wenn sie länger darüber nachdenken würde. Und darüber will sie eigentlich gar nicht weiter nachdenken, denn man muss nicht immer nach dem Teufel im Detail suchen. Ted ist hier bei ihr und da gehört auch Mut zu. Und mehr Mut braucht kein Mensch. Zu viel Mut macht nämlich auch immer ein bisschen dumm.

* * *

Andromeda sitzt auf dem Bett, bewundert ihre prall gefüllten Bücherregale, zwischen die sogar noch ein Spiegel gepasst hat, in dem sie sich selbst dabei zusehen kann, wie sie ihre Haare bürstet. Eine einigermaßen freudlose Angelegenheit ist das, denn ihre Spitzen erinnern sie an eine Gänsefeder, mit der besonders ruppig umgegangen worden ist. „Teddy? Haben wir eine Schere?“

Ted steht in dem kleinen Badezimmer auf der anderen Seite des Flurs und rasiert seinen nicht vorhandenen Bart. Er hat ihr, so ganz nebenher, erzählt, dass er auf dem Markt mit dem Herausgeber der Lokalzeitung ins Gespräch gekommen ist, der auf der Suche nach jemanden ist, der die Zeitungen mittwochs und samstags vor Sonnenaufgang austrägt. Für Andromeda klingt das nicht nach einer Tätigkeit, bei der es auf eine ordentliche Rasur ankommt, doch Ted hat entschieden, dass er sein vorzeigbarstes Selbst sein möchte, wenn er morgen nochmal ganz offiziell bei dem Herausgeber vorspricht und seinen Vertrag unterzeichnet.

„Eine Nagelschere?“

„Nein, eine ganz normale Schere.“

„Vielleicht in der Küche.“

„Kannst du sie gleich mit hochbringen? Du gehst doch nochmal nach unten und holst etwas Wasser, oder?“ Sie will nicht zu regelmäßig die leidende Schwangere spielen… doch sie ist erschöpft. Auch wenn Ted heute sehr viele Bücher verräumt und ein altersschwaches Regal mit Hammer und Nagel stabilisiert hat, sodass es auch wirklich tragfähig ist, ist da immer noch die Visite seiner Mutter, die sie geschlaucht hat. Der penetrante Rosenduft tut sein Übriges.

Ted nimmt sich Zeit für seine Rasur, doch dann verschwindet er pflichtbewusst nach unten und kehrt nicht bloß mit einem Glas Wasser, sondern auch mit einer Orange und der gewünschten Schere zurück. Nachdem er ihr die Schere angereicht hat, gibt sie ihm das Werkzeug gleich wieder zurück.

„Kannst du meine Haare schneiden?“

„W-was? Du willst deine Haare abschneiden?“

„Nur die Spitzen. Die sind ganz kaputt.“

„Aber… also wieso gehst du nicht zu einem Friseur?“

„Ich gehe nie zum Friseur… bisher habe ich das immer unsere Elfe machen lassen.“

„Ich bin also die neue Wretcha?“

Es rührt sie ganz eigentümlich, dass er sich den Namen der Hauselfe ihrer Familie gemerkt hat, die sie im Laufe der Jahre sicherlich kein Dutzend Mal erwähnt hat. „Das ist wirklich keine große Kunst. Meine Haare sind ja nicht glatt, da sieht man gar nicht, wenn es nicht auf den Millimeter genau gerade wird. Bei Zissy hat man das immer sofort gesehen, deswegen hat sie auch immer unsere Mutter darum gebeten und nicht Wretcha.“ Sie wirft ihre Haare nach hinten und setzt sich mit dem Rücken zu ihm. „Ich werde dir auch keinen Strick daraus drehen, wenn du mich entstellst.“ Und allzu viele Menschen werden sie ohnehin nicht zu sehen bekommen, denn sie wohnen nicht mehr in demselben Dorf wie die allermeisten von Teds Verwandten, sondern etwas weiter ab vom Schuss.

„Bist du dir sicher, dass du nicht lieber in einen Friseursalon gehen willst?“

„Wieso sollte ich einem wildfremden Muggel meine Haare anvertrauen, aber dir nicht?“

„Weil der wildfremde Muggel dafür ausgebildet ist… und ich habe nicht so das dolle Augenmaß. Hat Professor Slughorn doch auch immer gesagt.“

„Professor Slughorn hat das nur gesagt, weil er dir aus Prinzip kein Ohnegleichen geben wollte.“ Sie klatscht auffordernd in die Hände. „Also leg los.“

„Ich bin wirklich die neue Wretcha… kommen da in Zukunft noch mehr hoffnungsvolle Jobs auf mich zu?“ Sie hört, wie die Schere mit einem leisen Krächzen auf und wieder zu geht. Sie schließt die Augen, denn sie möchte nicht in Versuchung geraten und einen Blick in den Spiegel riskieren, ehe Ted sein Werk vollendet hat. Sonst verunsichern ihre Spiegelbilder einander nur. „Werde ich nächsten Monat zur Kammerzofe befördert und darf dir beim Ankleiden helfen?“

„Diese Beförderung bekommst du spätestens in dem Moment, in dem ich mich nicht mehr bücken kann.“

„Und wie steht es mit dem Entkleiden? Wann darf ich da endlich wieder behilflich werden?“ Sie erstarrt zu Stein, während die Schere ein weiteres Mal krächzt und Ted leise seufzt. Seit vier Nächten liegen sie im selben Bett, doch die letzten Tage waren dermaßen anstrengend, dass sie meistens nicht einmal mehr miteinander gesprochen haben, sondern direkt eingeschlafen sind, sodass sich diese Frage gar nicht gestellt hat. Zum Glück. „Tust du jetzt so, als könntest du mich nicht hören?“

„Ich kann dich natürlich hören.“ Endlich wieder, endlich wieder, endlich wieder. „Ich… ich bin schwanger.“

„Ist mir nicht entgangen. Du bist schwanger, wir sind verheiratet und ich verunstalte deine Haarpracht. Das ist die Faktenlage.“ Ted schiebt einen Teil ihrer Haare zur Seite und gibt ihrem Nacken einen Kuss. „Ich wollte dich nicht überrumpeln.“

„Hast du aber.“

„Es tut mir leid. Ich dachte nur, wir könnten mal darüber reden… ich verstehe nämlich nicht so ganz, wieso wir nicht mehr… also ich war nach dem Umzug auch nur müde, Schwellenmoment hin oder her, und nach der Hochzeit war es sowieso ungünstig, weil wir noch nicht aus diesem Gästezimmer raus waren… aber günstig war es auch in Hogwarts nie… und vielleicht bilde ich mir das auch nur ein, aber du warst in den letzten Wochen irgendwie so… anders. Und ich weiß, dass die Situation angespannt war und dass du dich bei meinen Großeltern nicht so wohl gefühlt hast und dass du dein ganzes Leben über den Haufen geworfen hast und ich will auch kein Arsch sein… ich verstehe, dass das gerade alles irgendwie viel ist, aber ich… also ich dachte, wir könnten zumindest mal darüber reden.“

„Könnten wir – wenn du mich auch mal zu Wort kommen lassen würdest.“

„Sorry, ich… ich wollte nur erklären, wo ich stehe… und dass ich nicht zu unsensibel bin, um zu merken, wie heftig die letzten Wochen für dich waren. Ich habe das gemerkt. Obwohl du es wie üblich meisterhaft überspielt hast.“

„Ich halte dich nicht für unsensibel… und ja, die letzten Wochen waren hart. Aber es war auch schön und ich bin froh, dass wir jetzt da sind, wo wir sind… aber ich fühle mich trotzdem noch nicht besonders wohl.“

„Mit mir?“

„Mit diesem Haus, das nach einer Person riecht, die ich nie kennenlernen konnte. Und mit meinem Körper, in dem eine Person wächst, die wir noch nicht kennenlernen können. Manchmal wache ich auf und vergesse, dass ich nicht mehr allein in meinem Körper bin und dann fällt es mir ganz plötzlich wieder ein… und ich erschrecke mich dann immer noch ein bisschen. Und ich weiß nicht… also ich glaube, ich kann nicht mit dir schlafen, bevor ich mich nicht mehr vor mir selbst erschrecke. Und ich weiß nicht, wann dieses Erschrecken aufhört. Vielleicht hört das auch nie wieder auf.“

„Kann ich denn irgendetwas dafür tun, dass du dich nicht mehr vor dir selbst erschreckst?“

„Ich glaube, das braucht einfach Zeit. Tut mir leid.“

„Das muss dir doch nicht leid tun.“ Ted lässt die Schere fallen und schlingt seine Arme um sie. „Wir haben Zeit. Wir haben Unmengen von Zeit.“

„Wenn wir so viel Zeit haben, wieso hast du dann gefragt?“ Endlich wieder, endlich wieder, endlich wieder.

„Einfach so. Oder darf ich das nicht fragen? Können wir nicht darüber reden?“

„Doch.“

„Aber es wäre dir lieber, ich hätte nichts dazu gesagt?“

„Ja.“

„Wieso wäre dir das lieber?“

„Weil es sich jetzt so anfühlt, als würde ich dich warten lassen… und als wäre ich dir etwas schuldig.“ Diese Worte sind unbequem und diese Worte sind wahr und sie nimmt sie nicht gern in den Mund.

„Bist du nicht.“

„Doch. Als Ehefrau habe ich eheliche Pflichten.“

„Das war jetzt aber hoffentlich ein Witz?“ Ted klingt nicht nur entgeistert – er sieht auch entgeistert aus, als er sie loslässt und umdreht, sodass sie gezwungen ist, ihm direkt in die Augen zu sehen. „Das war ein Scherz, oder?“

„Ich weiß nicht so genau.“

„Wie kannst du das nicht so genau wissen?“

„Keine Ahnung, Ted. Ich weiß eben gerade nicht besonders viel. Ich bin verwirrt und ich bin müde und ich fühle mich furchtbar.“

„Ich will nicht, dass du dich furchtbar fühlst.“

„Ich will das auch nicht, aber ich kann doch nichts daran ändern.“

„Soll ich unten auf dem Sofa schlafen?“ Das Sofa wollten sie eigentlich als Erstes entsorgen, denn es besteht Grund zur Vermutung, dass dieses Polstermöbel für den hartnäckigen Geruch verantwortlich ist.

„Nein, du musst nicht… ich will dich in meiner Nähe haben. Ich will mit dir zusammen in diesem Bett schlafen. Ich will auch mit dir schlafen. Ich kann nur nicht. Ich… ich kann es einfach nicht. Tut mir leid.“

„Du musst dich dafür wirklich nicht entschuldigen. Ich habe das Thema nicht angeschnitten, weil ich eine Entschuldigung von dir möchte oder um dich unter Druck zu setzen. Ich wollte einfach nur… ich wollte einfach nur über diese Kluft reden.“

„Diese… Kluft?“

„Es fühlt sich so an, als hätte sich in den letzten Wochen irgendetwas zwischen uns geschoben. Und ich verstehe nicht, wieso du dich plötzlich so weit weg anfühlst, obwohl du genau hier bist und uns eigentlich gar nichts mehr trennt.“ Ted malt mit seiner Fingerspitze eine Schlangenlinie auf ihr Bein. „Ich weiß natürlich nicht, wie du dich fühlst oder was du im Spiegel siehst, aber für mich bist du immer noch dieselbe Andromeda. Mit etwas schlechter geschnittenen Haaren als sonst, aber abgesehen davon bist du immer noch dieselbe.“

„Ich verwandle mich in einen Scone auf zwei Beinen.“

„Ich mag Scones. Und deine Beine.“ Gegen ihren Willen lacht Andromeda über dieses etwas schäbige Kompliment, doch das Kichern bleibt ihr im Halse stecken, als Ted nochmal nachlegt. „Oder hat es dir nie Spaß gemacht?“

„W-was? Wie kommst du darauf?“

„Brandon und John haben letztens darüber geredet… weil Johns neue, aber eigentlich gar nicht mehr so neue Freundin… naja, sie tut immer noch so, als wäre sie schwer zu haben… und die beiden sind ja eigentlich schon erwachsen. John ist fünf Jahre älter als ich und sie ist sogar noch ein Jahr älter als er… und dann haben Brandon und er darüber geredet und John hat behauptet, dass es den meisten Mädchen wohl gar nicht so viel Spaß macht und sie nur manchmal so tun… und vielleicht war das wieder nur Gerede, das weiß man bei John nie so genau… aber falls es immer nur darum ging, mir einen Gefallen zu tun und du das alles eher so mittelprächtig fandest, dann würde ich darüber gern jetzt sprechen und nicht in zehn Jahren.“

„Ich fand es nicht… mittelprächtig. Für mich war das auch schön.“ Andromeda spürt, wie ihre Wangen warm werden. Über Verhütung haben Ted und sie gesprochen, sogar ziemlich direkt und mehr als einmal, aber so konkretes Feedback hat er noch nie von ihr eingefordert. „Auch wenn ich noch nicht so genau sagen kann, ob es mir das wert war. Ich… ich wollte eigentlich nie heiraten und Kinder kriegen. Schon allein aus Prinzip nicht.“

„Aus Prinzip?“

„Von allen Frauen in meiner Familie wird erwartet, dass sie jung heiraten und viele reinblütige Babys kriegen. Meine Mutter hat meinen Schwestern und mir schon vor unserer Einschulung in Hogwarts gesagt, welche unserer Mitschüler sich später einmal als Ehemänner eignen würden. Natürlich ging es dabei nie darum, dass wir Spaß haben. Über Sex hat sie nie mit uns geredet, das wäre ihr gar nicht eingefallen, aber für mich war immer klar, dass meine Eltern sich nach meinem Abschluss darum kümmern werden, dass ich die Ehefrau von jemandem werde, der ihnen zusagt.“ In Teds Blick liegt so viel Mitleid, das sie weder ertragen noch gebrauchen kann, dass sie lieber die Augen schließt und sich gegen ihn lehnt. „Ich fand es immer schön, wenn wir zusammen waren. Aber ich fand eigentlich am schönsten, wie nah ich mich dir gefühlt habe. Und wie fest du mich danach immer gehalten hast. Und wie du jedes Mal daran gedacht hast, eine Feder mitzubringen, die du für mich in ein Kissen verwandeln kannst, obwohl es im Raum der Wünsche mehr als genügend Kissen gab… eben nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass es vielleicht doch plötzlich kein Kissen mehr gibt.“

„Das war eine Kleinigkeit.“

„Für mich nicht.“ Andromeda hält ihre Augen geschlossen, obwohl sie die Bilder von ihrem Onkel, der nicht ihre Tante, sondern eine ihrer falschen Freundinnen am Arm packt und in sein Arbeitszimmer schubst. Sie ist wieder zehn und hockt neben Sirius auf der Treppe im Grimmauldplatz und sieht dabei zu, wie die Frau, die ihnen zu Weihnachten immer Zauberstäbe aus Schokolade schenkt, weil sie weiß, wie sehr sie sich auf den Besuch bei Ollivander freuen, sich vor ihrem Onkel auf den Boden kniet. Die Tür des Arbeitszimmers ist nicht geschlossen, denn es ist ein offenes Geheimnis, dass Orion Black der Herr des Hauses ist und dass der Herr des Hauses tun und lassen kann, was er will. Ihre Tante kann im Salon sitzen und Feuerwhiskey trinken und über den Hauself und die Regierung schimpfen und Regulus dazu zwingen, das Zanderfilet zu essen, das ihm nicht schmeckt, doch sie kann nichts dagegen tun, dass ihr Ehemann sich an einer anderen Frau befriedigt. Sie wird diese Frau trotzdem wieder in ihr Haus einladen, an ihren Tisch. Sie wird diese Frau ihr Leben lang als eine Freundin bezeichnen und sie höchstens im Stillen hassen können. „Ich kenne keine Männer, die sich für den Komfort von den Frauen interessieren, mit denen sie schlafen. In der Welt, in der meine Familie lebt, spielt das Wohlbefinden von Frauen keine Rolle. Es geht nur um Geld und um Hierarchien… und um Blut.“

„Das ist aber nicht die Welt, in der wir leben.“ Teds Hand streichelt über ihren Rücken und sie ist mal wieder so kurz davor, sich in einen Springbrunnen zu verwandeln. Seitdem Ted auf ihr vor beide Knie gegangen ist und sie gefragt hat, ob sie ihn heiraten möchte, hat sie sicherlich zwei Dutzend Mal hemmungslos geweint.

„Es hätte aber so sein können. Wenn wir nie ein Wort miteinander gewechselt hätten, dann…“

„Dann hättest du einen anderen Weg gefunden, um nicht Mrs. Rabastan Lestrange oder Mrs.  Viktor Nott zu werden.“

„Vielleicht hätte ich das. Vielleicht aber auch nicht. Ich bin nicht sturer als Bella und selbst sie hat sich von Rodolphus heiraten lassen, weil sie wusste, dass sie früher oder später irgendjemanden heiraten muss und er ihr weniger Steine in den Weg legt als andere Männer es tun würden.“ Ihre Erinnerungen an Bellas Hochzeit im vergangenen Sommer sind verschwommen. Bella hat sie als Trauzeugin auserkoren und sie stand direkt neben ihr und es war viel zu leicht, sich vorzustellen, dass sie diejenige ist, die in einem weißen Kleid neben Rodolphus Lestrange steht und Ja sagen muss, weil es keine andere Antwort gibt. Bella hat gestrahlt und Bella hat die Zeremonie kein Stück ernst genommen, während Rodolphus sein Ehegelübde voller Ehrfurcht vorgetragen hat. Tagsüber konnte sie noch darüber lachen, wie offensichtlich überlegen Bella ihrem Ehemann ist, der sich viel mehr aus ihr macht als umgekehrt, doch in der Nacht hat sie trotzdem geweint, weil nicht einmal Bella und ihr Sturkopf die Regeln neu schreiben konnten. „Deshalb ist es für mich eine verdammt große Sache, wenn du eine Feder mit dir herumschleppst oder wenn du mich fragst, ob ich Spaß an dem Sex habe, den wir gerade nicht einmal mehr haben.“ Obschon sie weiß, dass Bella und sie wahrscheinlich nie wieder miteinander reden werden, würde sie in jenem Moment gern wissen, ob ihre Schwester und Rodolphus jemals über solche Dinge sprechen. „Ich glaube, ich würde gerne öfter darüber reden.“

„Über den Sex, den wir nicht haben?“

„Ja. Ich glaube, ich brauche das… jedenfalls fühle ich mich gerade so normal wie seit Monaten nicht mehr.“ Sie schmiegt sich an Ted, der beharrlich über ihren Rücken streichelt… und durch ihre Haare. „Beendest du dein Kunstwerk denn noch oder muss ich morgen einen wildfremden Muggel finden?“

„Ich kann schon weitermachen… so richtig gerade wird das allerdings nicht… aber wenn ich anfange, an einer Stelle, die mir zu lang vorkommt, zu kürzen, dann sieht eine andere Strähne auch wieder falsch aus und am Ende hast du eine Glatze.“

Schweren Herzens befreit Andromeda sich aus seiner Umarmung und drückt ihm die Schere in die Hand. Er schüttelt den Kopf und begibt sich doch wieder an die Arbeit. Sie sitzt ganz gerade und lauscht dem Krächzen der Schere und dem selbstkritischen Schnalzen von Teds Zunge. Als die Schere ihr letztes Ächzen getan hat und Ted sich erschöpft auf den Rücken fallen lässt, schließt sie die Augen und stellt sich eine perfekte, goldene Linie vor, bis sie die Linie nicht nur vor sich sieht, sondern sie auch fühlt. Teds überraschtes Keuchen verrät ihr schließlich, dass ihr der Trick gelungen ist.

„Wie hast du das gemacht?“

„Hexerei.“

„Sehr witzig.“ Ruckartig setzt Ted sich auf und vergräbt seine Hände in ihren Haarspitzen, die ebenso lang wie zuvor sind, aber nicht länger vertrocknet und gespalten. „Wie hast du… was ist das hier für eine Schikane?“

„Das ist keine Schikane, das ist Magie.“ Um Ted daran zu erinnern, dass auch er zaubern kann, drückt sie ihm seinen Zauberstab, den er achtlos auf dem kleinen Tisch neben ihrem Bett abgelegt hat, in die Hand und deutet auf die abgeschnittenen Haarspitzen. Er sorgt souverän für Ordnung, mustert ihre Haare jedoch weiterhin mit der allergrößten Skepsis, sodass sie nicht widerstehen kann und sich eine hellblaue Linie vorstellt.

„Oh mein Gott. Oh. Mein. Gott. Was ist das? Wie machst du das?“

Andromeda, die sich immer noch wie eine Lügnerin vorkommt, wenn sie sich als Metamorphmagus bezeichnet, zuckt mit den Schultern und umgeht das große Wort. „In meiner Familie werden nicht ausschließlich die schlechten Dinge vererbt.“ Sie betrachtet ihre Haarspitzen, die einen ausgewaschenen Blauton angenommen haben. „Gefällt es dir?“

„Es ist ungewohnt.“

Sie hält eine Locke hoch und begutachtet sie neben seinem Gesicht. „Jetzt passe ich zu dir und deinen Augen.“

„Du passt immer zu mir.“