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Die Antastbaren

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Die Antastbaren

[4] Die Antastbaren

People worshiped the dragon because he had given authority to the beast, and they also worshiped the beast and asked, “Who is like the beast? Who can wage war against it?”

[01. August 2020]

Argus Filchs Büro riecht nach Katzenfutter und Sonnencreme. Das ist zwar eine bodenständige, aber keine gute Mischung und sie ist heilfroh, dass Gregory direkt zu dem Fenster herübergeht und die frische Luft hereinlässt. Argus Filch hat sich auf ihren Besuch vorbereitet und rund drei Dutzend eingestaubte Ordner auf seinem Schreibtisch ausgebreitet.

„Das sind die Akten aller Schüler, die zwischen 1998 und 2008 eingeschult worden sind.“ Argus Filch zieht geräuschvoll die Nase hoch. „Danach hat Gregory übernommen. Die älteren Jahrgänge sind noch im Archiv.“

„Ich bin sicher, damit werden wir eine Weile beschäftigt sein. Vielen Dank, Argus.“ Der Hausmeister nickt – und rührt sich nicht vom Fleck. Er schleppt sich lediglich zu dem Schaukelstuhl neben dem Fenster, lässt sich mit einem leisen Stöhnen in den Stuhl fallen, der ebenfalls ächzt. Diese Alltagssymphonie wird von Argus’ altersschwacher Katze ergänzt, die mit einem kehligen Maunzen auf den Schoß ihres Herrchens hüpft. Andromeda kommt sich gleich ein wenig naiv vor, weil sie kurz angenommen hat, dass Argus sie mit seinem Lebenswerk allein lassen würde. Sie umrundet den Schreibtisch und betrachtet die Aktenberge. „Ich würde sagen, wir versuchen es mit einem abgewandelten Aufrufzauber, um die Schreiben von Midfield zu finden, oder?“

Gregory schüttelt warnend den Kopf, kommt aber gar nicht dazu, etwas zu ihrem Vorschlag zu sagen, denn Argus schaltet sich ein. „Keine Hexerei!“

„Wie bitte?“

„Argus meint, dass die Unterlagen nicht mit Magie in Kontakt kommen dürfen.“ Gregory wirft ihr ein verzweifeltes Lächeln zu und Andromeda begreift schlagartig, wieso Gregory sich bislang so vage ausgedrückt hat, wenn es um Argus’ Ablagesystem ging.

„Okay… dann… dann gehen wir vor alphabetisch vor… die Akten sind doch alphabetisch sortiert?“

Gregory nickt befürwortend, Argus schweigt friedlich und krault seine schnurrende Katze zwischen den Ohren. „Die Akten sind von Argus selbstverständlich nach dem Alphabet und gelegentlich auch nach Häusern sortiert… aber das trifft auch nicht auf alle Jahrgänge zu… die postalischen Anmeldungen verstecken sich allerdings meistens am Anfang oder am Ende eines Buchstabens. Wir müssen uns also nicht die Unterlagen jeder einzelnen Person ansehen.“

„Was für ein Glück.“ Diesen Hauch von Sarkasmus kann sie sich nicht verkneifen, denn sie hat nicht vorausgeahnt, dass sie Stunden damit verbringen würde, sich durch staubige Ordner zu lesen. Doch es kommt leider gar nicht in Frage, auf der roten Liste von Argus Filch zu landen.

Sie schlägt, halbwegs wahllos, den ersten Ordner auf. Gwyneth Meyers ist die erste Schülerin, deren Steckbrief sie anlacht. Die forsche Gryffindor, die vor einigen Jahren ihre UTZ-Prüfungen absolviert hat, hat mit ihrer akribischen Projektarbeit über die Reinblutkultur auf der japanischen Shakotan-Halbinsel einen bleibenden Eindruck bei Andromeda hinterlassen. Da sie nicht ganz ohne System vorgehen möchte – und da sie sich daran erinnert, dass Gwyneth Meyers Vater eine Buchhandlung in der magischen Innenstadt von Cardiff führt – legt sie den Ordner wieder ab und greift sich seinen Nachbarn. Zufrieden stellt sie fest, dass sie es dort mit Ezra Arlington zu tun bekommt, der ebenfalls 2008 in Hogwarts eingeschult worden ist und stets als Erster auf den Kurslisten aufgeführt worden ist. Daran erinnert sie sich auch noch recht gut, da Ezra selbst seinen Nachnamen stets so ausgesprochen hat, dass aus dem A ein E geworden ist. Völlig falsch klang das, aber Andromeda hat die Aussprache dennoch übernommen, da sie grundsätzlich davon ausgeht, dass die Kinder am besten wissen, wie ihre Namen ausgesprochen werden.

Gregory übernimmt den Ordner mit Gwyneth Meyers und so arbeiten sie sich in einvernehmlichen Schweigen durch das Jahr 2008. Gregory kommt ein wenig schneller voran als sie, doch sie möchte ihm deshalb keine mangelnde Gründlichkeit unterstellen. Vielmehr unterstellt sie sich selbst Nostalgie, denn sie ertappt sich immer mal wieder dabei, wie sie in Erinnerungen an besonders kuriose Situationen aus dem Unterricht schwelgt und nicht so zügig umblättert wie sie könnte. Gregory hat sich bereits die Erstklässler aus dem 2007er-Jahrgang vorgenommen, als Andromeda plötzlich genau das findet, wonach sie gesucht hat. Sie hätte beinahe aus Reflex zu den Unterlagen von Henry Hoang weitergeblättert, als sie die Angabe förmlich anspringt. Das ist zwar nicht ganz so aufschlussreich wie ein Schrieb aus dem Sekretariat des Bildungsministers, aber doch eines der Schlagworte, nach denen sie Ausschau gehalten hat.

Sie blinzelt und überfliegt die restlichen Informationen zu Prudence Haselby, deren Akte nicht gerade hauchdünn ist. Vor allem Filius Flitwick war in den ersten drei Schuljahren sehr bemüht, Prudence’ Lernschwäche zu dokumentieren und darauf hinzuweisen, dass es in der Familie Unstimmigkeiten gibt und Prudence nicht bei ihren Eltern lebt, sondern von ihrer Tante und ihrem Onkel aufgenommen worden ist, die fortan auch erziehungsberechtigt sind. Diese Informationen sind allesamt nicht neu für Andromeda, denn Prudence ist eine der ältesten und engsten Freundinnen von Teddy, der mit ihr häufig über Prudence’ Familie gesprochen hat. Das letzte Gespräch zu diesem Thema hat erst im Winter stattgefunden, nachdem Teddy sich – weder zum ersten, noch zum letzten Mal – von einer seiner Freundinnen getrennt hat, die es nicht tragbar fand, dass er eine beste Freundin hat, bei der er gelegentlich übernachtet. Über die romantischen Irrungen und Wirrungen in Teddys Leben wird sie zwar liebend gern auf dem Laufenden gehalten, doch im Gegensatz zu diesen amüsanten Dramen sind die Familiengeschichten von Prudence nichts, worüber man sich freuen könnte. Vorsichtig entfernt sie die Seiten von Prudence’ Akte aus dem Ordner und legt sie auf der freien Ecke des Schreibtischs ab.

Gregory schaut aus dem Jahr 2007 auf. „Du hast etwas gefunden?“

„Keine Meldung von Midfield, aber eine Schülerin, über deren Vater nichts bekannt ist.“ Andromeda erinnert sich daran, wie viel Zeit auch Gregory mit Prudence in der Bibliothek verbracht hat. „Prudence Haselby.“

„Ah… ja… stimmt.“

„Mir war eben kurz so, als müsste ich eigentlich mehr als diese Akte wissen… aber Prudence weiß selbst nicht, wer ihr Vater ist, oder?“

„Das ist auch mein letzter Stand.“ Gregory sieht zerknirscht aus. „Die Lage war ja etwas kompliziert… und ich habe irgendwann nochmal länger mit Millicent darüber gesprochen. Ihre Eltern haben Prudence ja bei sich aufgenommen und irgendwann auch die Vormundschaft bekommen, weil ihre Mutter nicht… nicht handlungsfähig war.“ Handlungsfähig, das ist ein gutes Wort. Präziser als zurechnungsfähig, jedenfalls in gewisser Hinsicht. „Einen Vater gab es offiziell nie… aber Millicent und ihre Eltern haben insgeheim angenommen, dass Prudence’ Mutter und Millicents Onkel… also er ist ja streng genommen nicht Prudence’ Onkel gewesen, sondern der Bruder von Millicents Vater. Während Millicents Mutter die Schwester von Prudence’ Mutter ist… aber Millicents Eltern haben auch eine gemeinsame Großmutter… oder Urgroßmutter? Ich weiß es nicht mehr genau, aber es ist alles sehr verschachtelt und Prudence hat ihren Nicht-Onkel in der Regel auch als ihren Onkel bezeichnet, obwohl das streng genommen nicht der korrekte Verwandtschaftsgrad gewesen ist. Also glaube ich. Ich müsste mir das auch nochmal genauer anschauen… oder irgendwo aufzeichnen… aber ich dachte, wir gucken nur nach Schülern und Schülerinnen aus nicht-magischen Familien? Suchen wir nicht mehr nach postalischen Anmeldungen aus dem Ministerium?“

„Doch, doch, danach suchen wir… in erster Linie.“

„Und in zweiter Linie?“

„Kinder ohne Väter sind auch nicht uninteressant. Vielleicht gibt es ja irgendwelche Gemeinsamkeiten.“

„Was für Gemeinsamkeiten?“

„Der Wohnort zum Beispiel?“

Gregory nickt ganz langsam und bedächtig… bis er schließlich damit aufhört. „Wir stochern im Nebel… oder?“

„Ich stochere im Nebel. Du bist bloß hilfsbereit.“

Gregory lächelt, doch es ist ein verzweifeltes Lächeln, und vertieft sich wieder im Jahrgang 2007. Da er bereits einen ansehnlichen Vorsprung hat, greift sie nach den Erstklässlern und Erstklässlerinnen des Jahres 2006 und wird zum ersten Mal mit der Sortierung nach Nachnamen und Häuserzugehörigkeit konfrontiert. Eine ganz erfrischende Abwechslung ist das.

* * *

Der Nachmittag zieht ins Land und bei Andromeda stellt sich bereits eine vage Ernüchterung ein, doch als sie sich gerade dem Punkt nähert, an dem sie sich eingestehen mag, dass sie womöglich wirklich bloß unfähig ist, Sommerferien auszuhalten, meldet sich Gregory zu Wort.

„Ich glaube, ich habe etwas.“ Gregory klingt nicht weniger unaufgeregt als sonst, doch Andromeda schlägt das Herz bis zum Hals. Sie schaut auf und Gregory reicht ihr die Akte von John Avery, der 2002 eingeschult worden ist. Ähnlich wie bei Beatrix Black wird der Vater als unbekannt angegeben und die Anmeldung ist nur eine knappe Woche nach der Geburt des Hufflepuffs postalisch vorgenommen worden. Der Vermerk von Argus Filch weist darauf hin, dass ein Erstkontakt unbedingt notwendig ist und sich die postalische Anmeldung in der Anlage befindet. Die Anlage ist vorhanden, der Brief von Dexter Midfield entspricht beinahe wortwörtlich dem Schreiben, mit dem Beatrix Black angemeldet worden ist.

Andromeda versucht, sich genauer an John Avery zu erinnern, doch ihr will keine prägnante Äußerung des Schülers in den Sinn kommen. Der ehemalige Hufflepuff war durch und durch unauffällig. Lediglich an seinem ersten Schultag hat sie angesichts des Familiennamens kurz zusammengezuckt, doch nachdem der Sprechende Hut den Jungen nach Hufflepuff geschickt und dieser dort einen Zauberwürfel – bei dem es sich, anders als der Name vermuten lassen würde, um eine Erfindung der Muggelwelt handelt – ausgepackt hat, um seinen Nebenmann damit zu beeindrucken, wie schnell er diesen zurechtschieben kann, hat sie die Möglichkeit, dass es sich bei John um einen aus der Versenkung aufgetauchten Nachkommen des Todessers Jean Avery handeln könnte, ganz fix wieder verworfen.

Sie legt die Akte von John Avery zur Seite und widmet sich dem nächsten Ordner. Ihre Augen werden müde und als Argus Filch entscheidet, dass es Zeit ist, das Fenster zu schließen und Ammyt zu füttern, wird die Luft dick. Ihr Kopf ist schwer und sie ist müde und aufgekratzt zugleich. Alle paar Minuten wird die Sicherheit, dass sie hier einer großen Merkwürdigkeit auf der Spur sind, von der Befürchtung, dass sie Gespenster sieht, abgelöst.

Schlussendlich ist es wieder Gregory, der eine Entdeckung macht. Diesmal sagt er nichts, sondern schnappt nur nach Luft und legt ihr wortlos die Akte von Alessa Marta Romani-Caro vor, deren Name ihr als Zungenbrecher im Gedächtnis geblieben ist. Andromeda wirft einen Blick auf die Unterlagen der Ravenclaw, die im September 2000 eingeschult worden ist.

Name:  Alessa Marta Caro (seit 1990 Alessa Romani-Caro)

Geburtsdatum: 07. Mai 1989 in Lambaré (Paraguay) (Anmerkung von A. Filch: die Familie hält sich derzeit in der Grafschaft Devon auf, Meldeadresse im Anhang von D. Midfield)

Mutter: Emilia Caro

Vater: unbekannt (Anmerkung vom 08. Mai 2000: P. Sprout berichtete an A. Filch, dass Mr. Alejandro Romani seit Juli 1990 mit E. Caro verheiratet ist und A. Romani-Caro im dritten Quartal des Jahres adoptiert hat. Die Eheleute Caro/Romani sind Muggel.)

Anmerkung: Die Anmeldung in Hogwarts erfolgte postalisch am 10. Mai 1989.

„Das ist…“ Andromedas Mund wird ganz trocken und sie bringt es nicht über sich, die richtige Frage zu stellen. Wer war 1989 in Paraguay?

„… ein Muster.“ Gregory wechselt auf ihre Seite des Tisches und legt die beiden Akten nebeneinander. Er liest die Namen nacheinander vor. „John Avery, Alessa Caro und Beatrix Black. Das ist doch… also das kann doch nicht… das ist doch kein Zufall, oder?“

„Ich weiß es nicht, Gregory.“

„Alessa Caro… das klingt doch wie… also du hörst das doch auch, oder?“

„Alecto Carrow.“ Andromeda räuspert sich. „Natürlich höre ich das auch. Ich frage mich nur gerade, wie es sein kann, dass ich es nicht schon vor zwanzig Jahren gehört habe. Das muss an dem Doppelnamen gelegen haben, der entzerrt es ein wenig.“ Sie begutachtet die beiden Fundstücke nebeneinander und legt die Akte von Prudence Haselby dazu, die nicht so recht ins Bild passt… und die sie doch nicht ganz aufgeben möchte, weil sie Prudence Haselby, anders als John Avery und Alessa Romani-Caro, im Handumdrehen ausfindig machen könnte.

„Was machen wir jetzt?“

„Eine Pause.“ Andromeda bemüht sich um Gelassenheit, doch sie glaubt nicht, dass sie Gregory täuschen kann. „Wir sind ja immerhin schon bei den Erstklässlern von 2000 angekommen. Ich denke, das ist für heute genug… und vielleicht wäre Argus ja so freundlich, mich morgen ins Archiv zu führen, sodass ich einige andere Jahrgänge stichprobenartig überprüfen kann?“

Argus sieht nicht begeistert aus, nickt aber trotzdem. „Keine Hexerei.“

„Selbstverständlich nicht.“ Andromeda wirft dem Hausmeister ein flehendes Lächeln zu. „Dürfte ich mir wohl Duplikate dieser drei Akten hier anfertigen?“

„Keine Hexerei.“ Argus erhebt sich ächzend aus seinem Schaukelstuhl und wankt dabei bedrohlich. „Ich kann bis morgen bei Arabella Kopien anfertigen. Sie hat so ein Gerät.“

„Ich weiß. Wenn ich darf, würde ich die Akten selbst zu Arabella bringen und mir dort kopieren. Dann sparst du dir den Weg, Argus.“

Argus, der offiziell immer noch im Schloss wohnhaft ist, aber auch so halb bei Arabella Figg eingezogen ist, die ihrerseits ein Haus in Hogsmeade bewohnt, schaut sie prüfend an. „Bis morgen reicht es nicht?“

„Doch… doch, natürlich, das reicht vollkommen. Vielen Dank für die Unterstützung, Argus.“

Der Hausmeister guckt direkt etwas weniger grimmig und stützt sich auf der Fensterbank ab. Die Abendsonne fällt in den Raum, sodass sie sehen kann, wie Staubkörner und Katzenhaare durch die Luft wirbeln. Plötzlich kriegt sie den Geruch von Ammyts Abendessen gar nicht mehr aus der Nase. „Im Archiv kennt Gregory sich auch schon gut aus.“ Argus zieht geräuschvoll die Nase hoch. „Ich habe morgen meinen freien Tag. Die Kopien fertige ich noch an, aber ab dem Vormittag stehe ich nicht mehr zur Verfügung.“

„Natürlich. Gregory und ich schaffen das schon. Nochmal vielen Dank für alles.“ Sie wendet sich Gregory zu. „Begleitest du mich noch in die Eingangshalle?“

Gregory nickt, verabschiedet sich wortreich von Argus und wünscht ihm gleich dreifach einen schönen Sonntag, ehe er aus dem Hausmeisterbüro schlüpft und zu ihr aufschließt. Andromeda atmet die vergleichsweise frische Luft auf dem Korridor ein und stellt fest, dass Gregory ein wenig neugierig aussieht. „Du hast eine Theorie? Oder was soll das mit den Stichproben geben?“

„Es ist eher eine fixe Idee als eine Theorie… aber ich würde gern im Archiv nach einigen Familiennamen suchen.“

„Familiennamen von Trägern des Mals?“

„Unter anderem. Aber auch nach den Familien, die im zwanzigsten Jahrhundert noch als reinblütig galten.“

„Die Unantastbaren Achtundzwanzig?“

„Wenn ich dir nochmal fünf Punkte für Slytherin geben könnte…“

„Oh bloß nicht.“ Gregory lächelt verlegen. „Ich muss dir noch eine Sache sagen.“

„Du hast eine Gegentheorie?“

„Ehm… nein, nicht so richtig.“ Die Haupttür des Schlosses, die sich während des Schulbetriebs von Zauberhand öffnet, wird ihr von Gregory aufgehalten und sie tritt in den Innenhof. Gierig atmet sie die klare Luft ein und wird prompt von einer ausgehungerten Mücke angeflogen. Hastig wischt sie über ihre Wange und zerquetscht die Mücke. „Seamus hat ab Freitag Urlaub und wir wollten dann schon auch ein paar Tage wegfahren. Bestimmt nicht gleich am Freitag, aber wahrscheinlich schon am Samstag…“

„Verstehe. Bis Donnerstagabend darf ich also noch mit deiner tatkräftigen Unterstützung bei meiner Gespensterjagd rechnen?“

„Auf jeden Fall. Ich finde das ja auch alles merkwürdig und interessant… aber für so ein Abenteuer im Archiv kann ich von Seamus kein Verständnis erwarten.“

„Wann wollen wir uns dann morgen auf unsere abenteuerliche Reise begeben? Sicherlich hast du noch andere Pflichten?“

„Naja… ich wollte mich um den Rasen im Stadion kümmern. Wenn ich den bis September wachsen lasse, wird das eine Heidenarbeit. Morgen soll es ja vormittags trocken und nicht ganz so warm sein, aber für den Nachmittag hat Argus’ Knie Regen angesagt.“

„Argus’ Knie? Ist er nebenberuflich etwa noch Wetterfrosch?“

„Ich habe das anfangs auch nicht so ernst genommen, aber seitdem sie ihn an der Kniescheibe operiert haben, hat er da einen ganz akkuraten Radar. Arabella und ich haben schon spekuliert, ob seine Heilerin vielleicht eine geborene Wetterhexe war, die dann aber den Berufszweig verfehlt hat.“ Gregory ist mit jeder Silbe anzuhören, wie viele Sympathien er für Arabella, Argus und Argus’ altersschwache Gelenke übrig hat… und sie beneidet ihn ein wenig darum, wie aufrichtig er sich für den knurrigen Hausmeister erwärmen kann. „Wie wäre es, wenn du zum Mittagessen ins Schloss kommst? Für morgen ist ein Kartoffelsalat angesagt.“

„Ohne Grünkohl?“

„Ohne Grünkohl.“

„Dann sehen wir uns mittags.“ Um ein Haar hätte Andromeda verkündet, dass sie den Vormittag dann ganz Prudence Haselby widmen kann, doch dieses Vorhaben lässt sie sich lieber nochmal durch den Kopf gehen. Denn auch, wenn Prudence’ Akte ihr heute zweifelsohne ins Auge gesprungen ist, wäre es fahrlässig, die komplizierte Dynamik der erweiterten Familie Bulstrode mit den anderen vaterlosen Kindern in einen Hexenkessel zu werfen.

* * *

Erwin erwartet sie an einem gedeckten Tisch in einem Hemd und in einer Hose ohne Grasflecken. Dieser Anblick ist einigermaßen ungewohnt und sie wird direkt ein wenig skeptisch. „Haben wir etwas zu feiern? Hast du die hundertste Tomate der Saison geerntet?“

„Du hast gute Laune.“ Erwin streicht ihr eine Locke aus dem Gesicht und macht dabei ein Gesicht, als wäre diese Geste etwas ganz und gar Feierliches. „Neue Erkenntnisse?“

„Nicht so richtig, eher neue Gespenster.“

„Neue Gespenster? Gibt es so etwas denn überhaupt? Liegt es nicht in der Natur der Sache, dass Gespenster etwas Althergebrachtes sind?“

Dieser philosophisch anmutende Exkurs noch vor dem Abendessen irritiert sie. „Hattest du schon ein Glas Wein oder wo nimmst du das her?“

„Ich musste doch sicherstellen, dass der Wein zur Forelle passt.“

„Wir essen Fisch? Seit wann essen wir Fisch?“

„Mir war danach.“

„Dir ist nie danach.“ Andromeda beschleicht ein böser Verdacht. „Warte mal, hast du im Dorf etwa wieder Bathsheda getroffen und sie auf einen Tee eingeladen?“ Als Erwin und Bathsheda Babbling sich zuletzt beim Postamt über den Weg gelaufen sind, hat er Bathsheda, die Andromeda seit dem ersten September 1998 und nun seit einigen Jahren auch Erwin mit falscher Freundlichkeit begegnet, aus lauter Panik für eine Teestunde eingeladen. Diese Einladung konnte Bathsheda, die nicht nur fälschlich freundlich sondern auch elend neugierig ist, natürlich nur annehmen, sodass Andromeda innerhalb von wenigen Stunden das ganze Wohnzimmer entfremden musste, sodass Bathsheda dort keinerlei persönlichen Gegenstände vorfindet. Diese Teestunde, die letztendlich nur knappe vierzig Minuten gedauert hat, weil dank Andromedas Vorarbeit wirklich nichts für Bathsheda zu holen war, ist nichts, was Andromeda jemals wiederholen möchte.

Erwin gluckst. „Was du dir wieder für Sorgen machst, mein Liebling. Ich habe lediglich einen alten Bekannten getroffen, der mich davon überzeugen konnte, dass so eine geräucherte Forelle mein Leben um zehn Jahre verlängern wird.“

„Das halte ich für eine dezente Übertreibung… aber schön, dass Goodwin dich wieder inspirieren konnte.“ Goodwin Marsh ist ein langjähriger Freund von Erwin, der allerdings nur einmal im Jahr einige Wochen auf dem Festland einkehrt und in diesem Zeitraum alle Verwandten und Bekannten aufsucht, die er nur dann zu sehen bekommt, wenn er seine Tätigkeit als Leuchtturmwärter auf der Isle of White an irgendeinen Studenten abgibt, der sich mit einem ungewöhnlichen Ferienjob etwas dazuverdienen mag. „Wie geht es ihm denn so?“

„Gut, gut… er ist verliebt.“

„Verliebt? In wen denn? Eine Möwe?“ Andromeda weiß nicht, wie alt Goodwin Marsh genau ist, doch sie schätzt ihn einige Jahre jünger als Erwin, vielleicht sogar ein wenig jünger als sich selbst.

„Eine Sirene.“

„Eine Sirene? Eine echte Sirene?“

Erwin schüttelt schmunzelnd den Kopf und zieht den Stuhl am Esszimmertisch für sie zurück. Das hat er früher, als sie noch nicht zusammen gewohnt und sich nur gelegentlich zum Abendessen getroffen, häufiger gemacht. Es ist nicht gerade eine Angewohnheit, deren Aussterben sie sehr bedauert, aber es ist trotzdem nett, dass er sich so bemüht. (Etwas verdächtig, aber trotzdem nett. Wenn sie zu Bett gehen, ohne dass Bathsheda Babbling Erwähnung findet, wird sie sich über diese vornehmen Allüren ganz sorglos freuen.)

„Eine falsche Sirene also?“

„Eine rothaarige Fremdenführerin, die alle vierzehn Tage mit einer Gruppe wetterfester Touristen auf Muschelsuche an der Küste entlang marschiert und sich zum Feierabend eine Kanne Tee mit ihm teilt.“ Erwin schenkt erst ihr und dann sich selbst ein Glas Weißburgunder ein.

„Und ich nehme an, ihre roten Haare qualifizieren sie als Sirene?“

„Diese Bezeichnung kommt übrigens nicht von mir, sondern von Goodwin persönlich.“

„Natürlich kommt sie von Goodwin persönlich.“ Andromeda spürt, wie ihr ein kalter Schauer über den Rücken geht, als Erwin im Vorbeigehen wieder über ihre Wange streicht. „Habe ich etwas im Gesicht?“

„Nein.“ Er lächelt entschuldigend. „Ich habe dich nur vermisst.“

„Wir haben uns zuletzt beim Mittagessen gesehen.“

„Und darf ich dich nicht trotzdem vermisst haben?“

„Doch.“ Andromeda lässt ein wenig verblüfft zu, dass Erwin ihre Hand nimmt und einen Kuss auf der Innenfläche platziert. „Du bist dir sicher, dass du nur ein Glas Wein hattest?“

„Vielleicht waren es auch zwei… der Grauburgunder, den Goodwin mir ans Herz gelegt hat, war mir ein wenig zu schwer.“

„Ihr habt also eine Weinprobe abgehalten?“

Mit einem schuldbewussten Lächeln gibt Erwin ihre Hand frei. „So eine Weinprobe in deiner Abwesenheit ist dir doch wohl allemal lieber als die Teestunde mit Bathy , oder?“