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Wunschpfade

The Beast Out Of The Sea — www.fanfiktion.de · All chapters

Wunschpfade

Ich lade heute die Figurenübersicht hoch, die ich irgendwann schon mal angekündigt habe. Die Übersicht enthält natürlich keine Spoiler und hilft hoffentlich bei der Orientierung bezüglich Namen und Geburtstagen ein wenig. Die Übersicht wird immer an letzter Stelle stehen, sodass neue Kapitel ab sofort an vorletzter Stelle stehen!

* * *

[5] Wunschpfade

The beast was given a mouth to utter proud words and blasphemies and to exercise its authority for forty-two months.

[02. August 2020]

Prudence Haselby lebt im dritten Stockwerk eines magischen Apartmentkomplexes, der zwar ein wenig in die Jahre gekommen erscheint, aber nach einem blumigen Putzmittel riecht. Eines von der Art, die Nymphadora auch gern verwendet hat… wenn sie dann mal wieder von Hand geputzt hat, weil ihre Haushaltszauber meist für mehr Unordnung gesorgt haben.

Da Andromeda nicht den Ruf erwerben möchte, eine rücksichtslose Frühaufsteherin zu sein, hat sie lange gefrühstückt, zwei von Erwins Wochenendzeitungen gelesen und bis zehn Uhr gewartet, ehe sie aufgebrochen ist. Trotz dieser Maßnahmen sieht Prudence reichlich verschlafen aus, als sie ihr die Tür öffnet. Ihre müden Augen werden ganz groß und es tut Andromeda ehrlich leid, dass Prudence ihr Erscheinen so offensichtlich in Panik versetzt.

„Er ist nicht hier!“

„Wie bitte?“

„T-Teddy. Er ist eben aufgebrochen! Also habt ihr euch bestimmt genau verpasst und er steht gerade vor Ihrer Tür!“ Sie ignoriert, dass Prudence mitten im Satz die Anrede wechselt, denn das ist ganz typisch für Prudence, der Andromeda seit ihrem Hogwartsabschluss vor vier Jahren sicherlich schon zwei Dutzend Mal ihren Vornamen angeboten hat. „Er hat sich extra einen Wecker gestellt und ich wollte auch gar nicht, dass es so spät wird, aber ich wollte unbedingt zu diesem Geburtstag, weil wann wird man schon mal einfach so zu einem Geburtstag eingeladen, es feiert ja irgendwie niemand mehr so richtig Geburtstag, aber ich hätte dort keinen gekannt außer Janice und Janice meinte, es wäre kein Problem, wenn ich jemanden mitbringe und da habe ich Teddy gefragt, aber ich wusste ja nicht, dass es so spät werden würde.“ Prudence’ Neigung zu nervösen Monologen ist eigentlich auch keine Neuerung, aber es beeindruckt Andromeda doch immer wieder ungemein, wie viele Worte Prudence aneinanderreihen kann ohne dazwischen eine Atempause einzulegen.

„Ich bin nicht auf der Suche nach Teddy, der heute gewiss ganz überpünktlich und ausgeschlafen durch die Weltgeschichte spaziert.“ Andromeda zwinkert Prudence freundlich zu. „Ich wollte mich mit dir unterhalten.“

„Oh.“ Ihre Ankündigung hat zwar Prudence’ Redefluss beendet, aber besonders beruhigt sieht sieht leider nicht aus.

„Hast du schon gefrühstückt? Sonst lade ich dich gern in ein Café ein… es gibt in der Nähe doch bestimmt ein schönes Café, oder?“

„Schon.“ Prudence schaut an sich herunter – und Andromeda folgt ihrem Blick nicht, sondern übersieht ihre nackten Beine und die violetten Wollsocken – die sie Teddy selbst geschenkt hat – gekonnt. „Ich b-brauche noch so fünf Minuten.“

„Bitte, lass dir Zeit. Ich habe es wirklich gar nicht eilig.“ Plötzlich erinnert sie sich daran, dass Prudence in den vergangenen Semesterferien stets als Kellnerin gearbeitet hat. Im letzten Sommer haben Teddy und sie sich deshalb wirklich häufiger zum Frühstück getroffen, weil Prudence erst am späten Vormittag gewillt war, sich unter Menschen zu begeben. Daran hat sie gar nicht mehr gedacht, obwohl sie sich in den letzten vierundzwanzig Stunden doch so unheimlich viele Gedanken über Prudence gemacht hat. „Ich warte unten vor dem Haus. Das Wetter ist ja ganz hervorragend.“

„Fünf Minuten, ich brauche bestimmt nur fünf Minuten.“ Prudence sieht ihr nochmal ganz panisch in die Augen, ehe sie die Wohnungstür zuknallt. Ihr Fluchen ist klar und deutlich durch das weiß lackierte Holz zu vernehmen. (Prudence verflucht nicht etwa Andromeda oder die Uhrzeit oder den lieben Gott, sondern ganz allein sich selbst.)

Mit einem nicht ganz federleichten Gewissen begibt Andromeda sich die Treppen nach unten ins Erdgeschoss. Im Vorbeigehen studiert sie die Namen auf den Klingelschildern und zählt die Treppenstufen. Vor dem Haus nimmt sie sich die Klingelschilder des Nachbarhauses und die Fliesen auf dem Gehweg zwischen dem doppelten Hauseingang und dem Fußgängerweg vor. Im Gebäude nebenan ist ein Kiosk untergebracht, dessen Wände mit grüner Folie beklebt sind, auf der Kombinationen aus Sandwiches und Heißgetränken angepriesen werden.

Die Gegend, in der Prudence lebt, erinnert sie ein bisschen an die weniger vorzeigbaren Ecken von Oxford. In den Neunzigern hat dort eine Cousine von Ted gewohnt, die sie immerhin zweimal in ihrer Wohnung besucht haben, weil Ted der Meinung war, dass sie unmöglich einen Ausflug nach Oxford unternehmen können, ohne Libby zu besuchen. Ob Libby wohl noch lebt? Andromeda würde nicht sagen, dass sie Libby näher stand als irgendeinem anderen Mitglied von Teds Familie, aber doch hat sie – wann immer sie in den vergangenen zwanzig Jahren mit dem Gedanken gespielt hat – nochmal den Kontakt zur Familie Tonks zu suchen, Libbys Gesicht vor sich gesehen. Doch schließlich hat sie sich nie dazu durchringen können, denn einen Brief an Libby oder einen anderen Cousin von Ted oder gar an seine Mutter zu schreiben, hätte bedeutet, dass sie die Botin wird. (Und ist es nicht gnädiger, seine Familie an Weihnachtsfesten über den verschollenen Ted sinnieren zu lassen? Ist es nicht dankbarer, sich auszumalen, wie Ted am anderen Ende der Welt auf Tischen tanzt und nicht an England denkt, anstatt mit Sicherheit zu wissen, dass er tot – aber nicht einmal begraben – ist?)

Andromedas Gedanken gleichen nicht den weißen Schäfchenwolken am Augusthimmel, sondern düsteren Gewitterwolken, als Prudence aus dem Haus tritt. Ihre Wangen werden von nervösen rosaroten Flecken verziert, die ganz hervorragend zu dem ebenso rosafarbenen Sommerkleid passen. Andromeda hat schon oft beobachtet, wie Teddys Farbe sich der farbenfrohen Garderobe von Prudence angleichen.

„Bitte entschuldigen Sie, dass es so lange gedauert hat.“ Prudence bindet ihre langen, blonden Haare, die nicht so glatt wie sonst sind, in ihrem Nacken zusammen.

„Ich muss mich entschuldigen. Ich hätte nicht annehmen sollen, dass du auch so früh auf den Beinen bist wie ich. Kellnerst du diesen Sommer wieder?“

Prudence nickt. „Gestern Abend hatte ich aber frei, da war nur dieser Geburtstag und… ja, ich war wirklich aufgeregt. Die Gastgeberin war eine Kommilitonin, die ich erst im letzten Semester kennengelernt habe… und ich habe gar nicht damit gerechnet, dass sie mich gleich einladen würde. So eng sind wir nämlich gar nicht befreundet, eigentlich haben wir bloß dieses eine Referat zusammen gehalten und… egal, das ist ja auch völlig egal. Worüber wollten Sie denn mit mir reden?“

„Über deine Mutter.“ Prudence erbleicht und Andromeda weiß, dass sie lieber noch ein bisschen Smalltalk betrieben hätte. „Du musst mir auch nicht Rede und Antwort stehen, wenn das kein Thema ist, über das du dich unterhalten kannst oder willst... aber wo ich dich nun schon aufgescheucht habe, würde ich dich so oder so gern zum Frühstück einladen.“

„Okay.“ Prudence sieht weiterhin verunsichert aus, deutet aber auf eine blau-weiß gestreifte Markise auf der gegenüberliegenden Straßenseite. „Dort drüben gibt es wirklich gute Scones… es gibt aber keinen normalen Kaffee. Also keinen Kaffee mit normaler Milch.“

„Einhornmilch also?“ Andromeda weiß, dass sie Prudence mit so einem Scherz vollkommen verfehlen wird, aber sie stellt sich einfach vor, wie Erwin darüber lachen würde. „Ich bin anormaler Milch gegenüber aufgeschlossen – auch wenn Teddy sicherlich gern etwas anderes behauptet.“

Prudence widerspricht ihr nicht, sondern lächelt nur etwas verlegen und drückt auf die Schaltfläche der Ampel. Der Verkehr ist überschaubar, doch Andromeda respektiert, dass Prudence keinen Fuß auf die Straße setzt, ehe die Ampel ihnen signalisiert, dass sie die Straße kreuzen dürfen.

Das Café ist bereits ziemlich gut besucht, denn sie sind natürlich nicht die Einzigen, die an einem Sonntagvormittag auf den Gedanken kommen, das Frühstück außer Haus einzunehmen. Die Plätze im Außenbereich sind allesamt belegt oder reserviert oder mit Sperrband dekoriert, sodass sie sich ins Innere des Cafés begeben müssen, in dem es ordentlich laut und ziemlich kalt ist. Die Kälte ist nicht direkt unangenehm, aber so eindeutig künstlich, dass Andromeda förmlich spürt, wie ihr Körper davon verwirrt wird.

Sie folgt Prudence, die zielstrebig an der Theke vorbeigeht und einen Tisch im hinteren Bereich des Cafés aussucht. In dem verwinkelten Sitzbereich ist es merklich leerer und dementsprechend leiser, aber auch nochmal etwas kälter. (Doch wenn Andromeda morgen mit einem steifen Nacken aufwacht, dann sei es drum. Gegen solche sommerlichen Lappalien wird das Angebot der Dorfapotheke wohl etwas ausrichten können – oder eine von Erwins geheimnisvollen Eigenkreationen.) Jeder zweite Tisch ist mit demselben Absperrband dekoriert, das auch im Außenbereich verwendet worden ist. Der Anblick irritiert Andromeda einige Sekunden, doch dann erinnert sie sich schlagartig daran, dass die Muggelwelt seit einigen Monaten mit einer Infektionskrankheit zu kämpfen hat, die durch verschiedene Regeln und Maßnahmen unterbunden werden soll. In der magischen Presse ist davon seltener die Rede, während die nicht-magischen Zeitungen, die Erwin gelegentlich kauft, voll davon sind.

Andromeda überlässt es Prudence, ein Gespräch zu beginnen und studiert gründlich die Frühstückskarte. Die Auswahl ist gut, aber doch überschaubar, sodass es nicht glaubwürdig wäre, wenn sie ihre Nase länger als fünf Minuten in die Karte stecken würde. Sobald sie den Kopf hebt, schaut Prudence, die ihre Karte nicht einmal aufgeschlagen hat, sie erwartungsvoll an. „Hast du etwas gefunden? Dann gehe ich nach vorn und bestelle für uns.“

„Kommt denn niemand zum Tisch?“ Prudence schüttelt den Kopf, obwohl Andromeda sich ihre Frage auch hätte sparen können. Sie lebt schließlich auch nicht hinterm Mond. Sie weiß schon, dass es vor allem in der nicht-magischen Welt in vielen Restaurants und Cafés üblich geworden ist, an der Theke oder gar an einem Automaten eine Bestellung aufzugeben. In Pubs hat sich dieses Prinzip zwar schon vor Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten durchgesetzt, aber Andromeda findet es manchmal doch ernüchternd, dass Bedienung am Tisch keine Selbstverständlichkeit mehr ist. „Einen Milchkaffee.“

„Mit welcher Milch? Hafer? Oder lieber Soja?“

„Da richte ich mich nach dir… und dann würde ich noch diese Haferflocken mit Blaubeeren nehmen.“

„Du meinst die blaue Frühstücksbowl?“

Andromeda nickt und versucht, nicht mit den Augen zu rollen. Denn sicherlich ist diese Sprache, die junge Menschen für Frühstücksvarianten gefunden haben, auch nicht alberner als die Namen für irgendwelche Gerichte, die vor dreißig Jahren serviert worden sind. Während Prudence ganz beflissen zur Theke geht, wird Andromeda klar, dass sie nun eigentlich doch am Tisch bedient worden ist – wenn auch von Prudence statt von einer Mitarbeiterin des Cafés.

Als Prudence zurückkehrt und ihre Geldbörse, die so gelb wie ein klassisches Quietscheentchen ist, in ihrer Handtasche verstaut, wird Andromeda klar, dass sie direkt noch einen Einsatz verpasst hat. „Du hast schon bezahlt?“

Prudence nickt und hebt abwehrend die Hände, als Andromeda zu ihrer eigenen Tasche greift. „Lass nur. An der Kasse war eine meiner Nachbarinnen. Von ihr bekomme ich immer Mitarbeiterinnenrabatt. Außerdem hast du mich indirekt schon ganz ganz oft eingeladen, weil du Teddy finanzierst.“ Diese Anmerkung freut Andromeda mehr als sie gedacht hätte. Sie ist zwar nicht davon ausgegangen, dass sie Teddy zum Geiz erzogen hat, aber es ist trotzdem gut zu hören, dass er nicht nur seine Dates einlädt, bei denen er einen guten ersten oder zweiten Eindruck hinterlassen möchte, sondern sich auch Prudence gegenüber großzügig und anständig zeigt. (Andromeda weiß, dass es ein bisschen naiv ist, wenn sie Teddy und seine beharrlichen Behauptungen, dass Prudence seine beste Freundin ist, aber nicht mehr und auch nicht weniger ist, einfach so beim Wort nimmt. Doch sie möchte Teddy auf keinen Fall von sich wegstoßen, weil sie ihre Neugierde nicht zügeln kann. Diesen Fehler hat sie bei Dora gemacht – als ihre fünfzehnjährige, bis über beide Ohren verliebte Tochter einmal ganz beiläufig erwähnt hat, dass sie mit Charlie Weasley im Eberkopf gewesen ist. Auf diese kleine Erwähnung hat Andromeda bedeutend zu engagiert reagiert… und danach hat Dora nie wieder von einer Verabredung oder einem Freund erzählt, bis Remus Lupin auf der Bildfläche erschienen ist.) „Ich habe übrigens zuletzt an Weihnachten mit meiner Mutter gesprochen. Wir reden überhaupt nur sehr selten miteinander. Deshalb glaube ich nicht, dass ich dir weiterhelfen kann. Rebecca, also meine Tante, besucht sie regelmäßiger.“

Andromeda macht sich in Gedanken eine Notiz, dass es sinnvoll sein könnte, Rebecca Bulstrode zu kontaktieren… obschon sie Prudence als Quelle noch nicht ganz aufgeben möchte. „Ich habe eigentlich auch erstmal nur eine einzige Frage… die sich mit Ja oder Nein beantworten ließe. Aber ich möchte dich natürlich auch nicht belästigen… und für den Hinweis auf deine Tante bin ich schon sehr dankbar. Das hilft mir auch weiter.“

„Rebecca und Jacob sind gerade verreist. Sie kommen erst im September zurück nach England.“ Prudence unterbricht sich und nimmt ein grünes Getränk entgegen, das ihnen – ein bisschen bedient wird also doch – von einer Kellnerin gebracht wird, bei der Prudence sich namentlich bedankt. Andromeda bedankt sich ebenfalls, schaut aber etwas verwirrt auf die Eiswürfel, die sich in ihrem Kaffee befinden. Prudence, die eine gute Beobachterin ist, entgeht ihre Irritation nicht. „Oh entschuldige, du wolltest einen warmen Kaffee, oder? Ich sage Fiona gleich Bescheid und-“

„Bleib bitte sitzen.“ Andromeda greift nach ihrem Glas, in dem sich nicht nur Eiswürfel, sondern auch ein gläserner Strohhalm und irgendein Pulver befinden, das im besten Fall einfach nur Kakaopulver ist. „Ich bin mir sicher, es schmeckt so auch sehr gut. Und es soll ja wieder warm werden.“ Sie nimmt demonstrativ einen Schluck von dem Kaffee, der nicht schlecht, aber ganz anders als erwartet schmeckt. Prudence sieht so gestresst aus, dass sie reflexartig ihren Daumen nach oben reckt. Das ist eine Angewohnheit aus der Zeit, in der Ted sich ein internationales Kochbuch zugelegt und ihr die unmöglichsten Dinge aufgetischt hat. Da Ted stets begierig auf Feedback war und Andromeda es kategorisch ausschließt, mit vollem Mund zu sprechen, hat sie sich diese etwas dämliche Geste angeeignet. Prudence starrt sie und ihren ausgestreckten Finger an… und kichert in ihr grünes Getränk. „Ganz vorzüglich, wirklich… also, deine Tante und dein Onkel sind im Urlaub?“

„Ja. Brighton ist ihnen im Sommer mittlerweile zu voll, deshalb haben sie das Strandhaus Millicent und mir überlassen. Millicent hat dort den Juli verbracht und heute Nachmittag machen wir die Übergabe. Also das klingt jetzt sehr formal… wir treffen uns eigentlich zum Grillen und so. Unser Grandpa kommt auch dazu.“

„Das hört sich nach sehr guten Plänen an.“

„Ja.“ Prudence lächelt nachdenklich und spielt an dem gläsernen Trinkhalm herum. „Was genau wolltest du mich denn jetzt eigentlich fragen?“

„Ach…“ Andromeda legt nochmal eine kleine Kunstpause an und trinkt einen Schluck von ihrem kalten Kaffee. „… ich war nur neugierig, ob du dich mit deiner Mutter auch mal über deinen Vater unterhalten hast. Gregory archiviert im Moment einige Schülerakten… und ich gehe ihm dabei ein wenig zur Hand.“ Das ist eher eine verdrehte Wahrheit als eine Lüge und Andromeda ist froh, dass Prudence sie damit fürs Erste durchkommen lässt. „Wir prüfen dabei alle Akten auf Vollständigkeit. Und deine Akte ist natürlich vollständig, aber mir ist ins Auge gesprungen, dass es gar keine Angabe zu deinem Vater gibt… und da hat mich die Neugierde gepackt.“

„Du bist also hergekommen, weil du eine formale Nachfrage zu meiner Schülerinnenakte hast?“ Prudence runzelt die Stirn… und Andromeda muss ihre Annahme, dass sie mit verqueren Wahrheiten durch den Tag kommt, revidieren. „Das ist kein sehr überzeugender Vorwand, um mich nach meinem Vater zu fragen.“

„Stimmt, tut mir leid.“

„Was genau tut dir jetzt leid?“

„Dass ich mir keinen besseren Vorwand überlegt habe… kannst du meine Frage trotzdem beantworten?“

„Das kommt mir unfair vor, aber… “ Prudence unterbricht sich und hat ein strahlendes Lächeln für die Bedienung übrig, die zwei Schüsseln vor ihnen abstellt. Auf Prudence’ Seite des Tisches entdeckt sie kein Müsli und auch kein Rührei, sondern etwas, das sie nur als dekonstruierte Scones bezeichnen kann. Ihr Müsli sieht zum Glück relativ normal aus – wenn man davon absieht, dass neben den Blaubeeren auch Himbeeren, Brombeeren und Johannisbeeren ihren Weg in die Schüssel gefunden haben, sodass die blaue Frühstücksbowl eher ein rot-blaue Frühstücksbowl ist. „Ich weiß nicht, wer mein Vater ist. Und meine Mutter weiß es auch nicht. Oder sie will es nicht wissen. Das weiß ich wiederum nicht.“

„Aber hast du… also hast du denn eine Vermutung?“

„Ich denke darüber nicht so gern nach...“ Prudence zuckt mit den Schultern und lässt eine Gegenfrage vom Stapel, mit der Andromeda hätte rechnen müssen. „Hast du denn eine Vermutung?“

„Ja.“

„Und teilst du diese Vermutung auch mit mir?“

„Ja… aber nicht heute. Ich möchte erst noch mit einigen anderen Leuten sprechen und etwas überprüfen, bevor ich eine unqualifizierte Vermutung mit dir teile.“

Der Blick, den Prudence für sie übrig hat, ist beinahe herablassend zu nennen. „Ich weiß, dass in meinem ersten Schuljahr darüber diskutiert worden ist, ob dieser Todesser wegen mir nach Hogwarts gekommen ist. Teddy und ich haben gehört, wie du mit Professor McGonagall, Professor Slughorn und Professor Flitwick darüber geredet hast. Professor Slughorn dachte, er wäre wegen ihm da und Professor McGonagall hat gemeint, diese Astronomieprofessorin wäre der Grund dafür. Professor Flitwick hat auf mich gesetzt und du hast gar nichts gesagt. Wahrscheinlich hast du wie Professor Slughorn auf dich selbst gesetzt.“ Prudence spießt mit ihrer Gabel die Ecke eines dekonstruierten Scone auf.

„Du bist ein sehr kluges Mädchen, Prudence.“

Prudence zuckt erneut mit den Schultern. „Teddy hat mir erzählt, dass er so was wie dein Stalker war.“

„Das ist nicht ganz richtig.“

„Also hat er dir und deinem Mann nicht ständig bedrohliche Briefe geschrieben, bloß weil er in dich verknallt war, als ihr noch zur Schule gegangen seid?“

„Das ist… also das ist nicht ganz falsch, aber ganz so eindimensional ist es auch nie gewesen. So eine simple Person ist Corban nicht.“

„Corban…“ Plötzlich verzieht Prudence das Gesicht und lässt ihre Gabel fallen. „Ich habe seinen Vornamen noch nie ohne seinen Nachnamen gehört. Das klingt so… also das klingt irgendwie ganz falsch. Corban… was ist das denn eigentlich für ein Name?“

„Ein biblischer Name. Corbin ist allerdings mittlerweile die gängigere Version davon.“

„Hm. Einer meiner Tutoren heißt Corbin. Das klingt aber direkt ganz anders, finde ich.“

„Finde ich auch.“

„Corban.“ Prudence spricht den Namen nochmal mit Bedacht aus. Oder mit Andacht. Oder mit Ekel. Da ist Andromeda sich auf Anhieb nicht ganz sicher. „Glaubst du wirklich, dass er mein Vater sein könnte?“

„Ich weiß es nicht.“

„Ich habe dich auch nicht gefragt, ob du es weißt , sondern ob du es glaubst .“ Prudence’ Spitzfindigkeit hat sie zu einer guten Schülerin gemacht, doch just in diesem Augenblick kann sich Andromeda wirklich nur wünschen, dass ihr Gegenüber mit weniger sprachlichem Feingefühl gesegnet wäre.

„Ich halte es für denkbar, dass Corban mehrere Kinder gezeugt hat, zu deren Vaterschaft er sich nicht bekannt hat. Und ich halte es für wahrscheinlich, dass eine alleinstehende Hexe aus einer alten, reinblütigen Familie ihn interessiert haben könnte.“

„Könntest du dieses Wort bitte nicht benutzen?“

„Reinblütig?“

„ Gezeugt. “ Prudence zieht eine Grimasse und schiebt ihr Frühstück von sich fort. „Ich weiß, dass es kindisch ist, so empfindlich auf das Thema zu reagieren, aber meine Mutter ist so… sie ist so durchgeknallt. Und sie sieht echt gruselig aus. Es ist für mich total undenkbar, dass irgendjemand, der ihr über den Weg gelaufen ist, sie irgendwie sexy gefunden haben soll.“ Prudence schüttelt sich ein bisschen. „Ich weiß, dass das nicht der Punkt ist. Und dass sie früher normaler aussah. Und ich weiß natürlich auch, dass ich nicht so über sie reden oder denken sollte, aber ich… ach, ich weiß auch nicht. Ich rede einfach echt nicht gern über sie.“

„Das hast du gesagt.“ Prudence schließt die Augen und atmet bedächtig ein und wieder aus. „Es tut mir sehr leid, dass ich dich gedrängt habe.“

„Es muss dir nicht leid tun. Ich war ja neugierig.“

„Weil ich dich neugierig gemacht habe.“

Prudence schlägt die Augen auf und sieht überrascht aus. Hat sie Andromeda bisher also gar nicht dafür verachtet, dass sie eine unbequeme Frage gestellt hat, mit der Prudence sich ohne ihr Zutun nicht konfrontiert hätte? „Wieso hast du nicht einfach Teddy gefragt?“

„Weil es um dich ging… und weil ich mir nicht sicher war, ob er überhaupt etwas dazu sagen könnte.“

„Ich rede mit Teddy über alles.“ Das ist eine auffällige Formulierung, bei der Prudence sich vielleicht genau gar nichts gedacht hat, obwohl sie sich über ein Ungleichgewicht im Klaren ist. Denn wenn da kein Ungleichgewicht wäre, dann hätte sie doch einfach sagen können, dass Teddy und sie über alles redeten. Sie hätte von einem Wir sprechen können, hätte aus Teddy und sich selbst mit drei Buchstaben eine Einheit formen können. Doch das hat sie nicht getan und das hat vielleicht nichts zu bedeuten, aber Andromeda ist nicht dazu geneigt, Prudence zu unterstellen, dass sie nicht sehr genau weiß, was sie sagt. „Ich möchte jetzt über etwas anderes nachdenken.“ Andromeda fühlt sich in ihrer Einschätzung von Prudence ein weiteres Mal bestätigt, denn sie hätte auch sagen können, dass sie über etwas anderes reden möchte. Damit hätte sie dann jedoch verkannt, dass man über die eine Sache reden und dabei über etwas vollkommen Anderes nachdenken konnte. Und so ein Verkennen, so ein Vertun, gibt es bei Prudence nicht.

„Was trinkst du da eigentlich?“ Mit dieser zugegebenermaßen doch etwas banalen Frage hat sie Prudence hoffentlich einen Gefallen getan.

Prudence’ blaue Augen wandern über ihre Frühstücke, die sie beide vernachlässigt haben, zu ihrem Glas. „Matcha. Also das ist so ein grüner Tee, der zu einem Pulver gemahlen wird und das Pulver ist mit ganz viel Pflanzenmilch gemischt.“ Prudence dreht ihren Strohhalm, sodass Andromeda sieht, wie die grünen Partikel am Boden des Glases bewegt werden. „Teddy meint, es schmeckt für ihn nur nach Gras, aber ich mag es irgendwie lieber als Kaffee.“ Prudence schiebt ihr Glas in Andromedas Richtung. „Möchtest du probieren?“

Skeptisch holt Andromeda das Glas zu sich und schnuppert daran. Der Geruch erinnert sie an ihre Kollegin Amma Jones, die vor einigen Jahren damit begonnen hat, ihre ehemals blonden und nun ergrauten Haare mit Henna zu färben. Es dauert immer drei oder vier Tage, bis der eigentümliche Geruch sich legt und Ammas Parfüm sich durchsetzt. Obschon sie ahnt, dass sie ihrem Enkel mit seiner Beurteilung des grünen Getränks Recht geben wird, taucht sie mit ihrem eigenen Strohhalm in Prudence’ Glas ein und nimmt einen kleinen Schluck. Es kostet sie Einiges an Selbstbeherrschung, um nicht das Gesicht zu verziehen. Hastig schiebt sie das Glas zurück zu Prudence, die belustigt aussieht. „Grasig, sehr grasig.“

„Hast du schon einmal Gras gegessen?“

„Nein, natürlich nicht. Also doch, vielleicht als Kind irgendwann einmal.“ Andromeda trinkt schnell einen Schluck von ihrem Kaffee, der immer noch etwas merkwürdig schmeckt, aber immerhin eindeutig nach Kaffee.

„Also weißt du eigentlich gar nicht, wie Gras schmeckt.“

„Nein, aber ich habe eine Vorstellung von dem Geschmack von Gras. Lässt du mir das durchgehen?“

Prudence nickt großmütig.

„Sehr freundlich.“

„Fährst du in den Sommerferien gar nicht weg?“

„Nein. Erwin und ich haben nichts geplant.“

„Weil er nicht verreisen darf?“

„Er darf schon verreisen. Zumindest innerhalb von Großbritannien oder mit einer Genehmigung des Zaubereiministeriums. Wir haben nur nichts geplant.“

Prudence nickt bedächtig und tunkt ein Bruchstück ihres dekonstruierten Scone in Marmelade. „Wenn du mal ein paar Tage in Brighton am Strand liegen möchtest, kannst du gern vorbeikommen.“

„Das ist ein sehr nettes Angebot.“ Und ein unmissverständlicher Hinweis, dass Prudence sie für überarbeitet hält. Oder sie ganz einfach für ihre fehlenden Urlaubspläne bemitleidet.

* * *

Gregory führt sie mit einer Engelsgeduld durch das Schlossarchiv und weist sie nicht darauf hin, dass sie sich verrannt hat. Angesichts der Unmengen von Schülerakten hält sie nicht an der Strategie von gestern fest, sondern versucht sich an Stichproben. Diese weniger disziplinierte Vorgehensweise führt dazu, dass sie in den Jahren und Jahrzehnten springt und kreuz und quer durch die schmalen Gänge läuft, wann immer ihr noch ein Familienname in den Sinn kommt, den sie nachgucken könnte. Oder – und das ist der Kern des Elends – eine entstellte Variante eines Familiennamens, der mit in die Reihe passen könnte.

Nachdem Gregory sich mit dem altbewährten System des gestrigen Tages durch drei Ordner geblättert hat, ist er nach oben in die Schlossküche entschwunden, um sie mit zwei großen Gläsern Wasser zu versorgen. Die Gläser sind so riesig, dass selbst Gregory sein Glas mit beiden Händen halten muss. Diese erzwungene Pause tut gut und Andromeda rechnet es Gregory hoch an, dass er ihr – im Gegensatz zu Prudence Haselby – nicht auf den Kopf zusagt, dass sie Urlaub braucht. Denn das muss sie wirklich nicht zweimal an ein und demselben Tag zu hören kriegen.

„Wonach suchen wir eigentlich?“ Gregory schaut nicht sie an, sondern sein Wasser. „Also ich kann es mir ja eigentlich denken, aber manchmal bin ich bei sowas ja auch komplett auf dem Holzweg, also… ja, kannst du es einmal laut aussprechen?“

„Kinder ohne Väter. Wir suchen Kinder ohne Väter… weil ich vermute, dass Corban noch mehr Kinder haben könnte als bisher bekannt ist.“

Gregory nickt und sieht dabei kein bisschen überrascht aus. „Gab es nicht vor ein paar Jahren diese Sammelklage von zehn Hexen, die Unterhalt verlangt haben?“

„Ja, diese Sammelklage gab es… hast du die Berichterstattung darüber bis zum Ende verfolgt?“

„Nicht wirklich, ich habe das irgendwie aus den Augen verloren.“

„Du – und alle außer einem Reporter des Spektrum Zaubergamot , der einige Monate nach den großen Schlagzeilen einen Artikel darüber verfasst hat, dass die Sammelklage nie bis vor den Gamot gegangen ist, sondern zurückgezogen worden ist. Der Grund dafür ist, dass die Sammelklage sich als ein Scherz unter Freundinnen entpuppt hat, der außer Kontrolle geraten ist.“

„Ein… Scherz?“

„Die Idee, einen angeblich stinkreichen Todesser zu verklagen, kam bei einem Junggesellinnenabschied auf. Die Trauzeugin der werdenden Braut war Anwältin und hat vor der versammelten Runde einen Witz darüber gerissen, dass man eigentlich an das Vermögen der elitären Insassen von Askaban gehen müsste. Und so kam eins zum anderen. Als die Medien dann Wind von der Sammelklage bekommen haben und den Klägerinnen klar geworden ist, dass sie sich strafbar machen würden, wenn sie ihr Vorhaben verfolgen, ist die ganze Angelegenheit so zügig wie möglich unter den Teppich gekehrt worden. Der Artikel im Spektrum Zaubergamot ist in der Ausgabe zum Jahresabschluss erschienen und hat den Vorfall als eine der größten Kuriositäten des Jahres gewürdigt.“

„Verstehe… also hat er offiziell eigentlich gar keine Kinder?“

„Offiziell nicht… aber ich hatte vorletztes Jahr die Gelegenheit, mich mit Flora Carrow zu unterhalten. Sie ist anlässlich der zwanzigsten Gedenkfeier nach Hogwarts gekommen.“

„Ich erinnere mich. Sie hat eine kurze Rede gehalten.“

„Genau. Danach wollte sie nicht lange im Schloss bleiben, aber sie hat mir gestattet, sie zurück nach Hogsmeade zu begleiten. Sie hat nicht viel dazu gesagt, aber mir bestätigt, dass ihre Schwester und sie finanziell unterstützt worden sind. Bereits vor, aber auch nach der Inhaftierung ihrer Mutter. Die Überweisungen sind von einem Konto erfolgt, das auf die Namen der beiden eingerichtet worden ist. Allerdings nicht in Großbritannien, sondern in Zürich.“

„Zürich? In der Schweiz?“

„Genau. Floras Schwester, Hestia, ist einmal vor Ort gewesen und hat versucht, mit der Bank in Kontakt zu treten. Dort wusste erst niemand etwas… und als sie dann an den richtigen Angestellten geraten ist, hat der sich mit Anlauf auf dem nächsten Fenster gestürzt.“

„Was?! Er ist aus dem Fenster gesprungen? Ist er gestorben?“

„Erfreulicherweise nicht. Er ist im Limmat gelandet. Nachdem er herausgefischt worden ist, konnte er sich allerdings nicht einmal daran erinnern, jemals in einer Bank gearbeitet zu haben.“

„Das ist ja übel.“

„Sehr übel… und es entspricht bedauerlicherweise genau Corbans Handschrift.“ Andromeda schaut sich den Stapel mit den Akten an, die ihr genau gar nichts verraten haben. „Deshalb möchte ich den guten Dexter Midfield auch erst als allerletzte Maßnahme kontaktieren. Falls Corban ihn als seine persönliche Brieftaube instrumentalisiert hat, um Kinder in Hogwarts anzumelden, dann ist anzunehmen, dass er sich wieder abgesichert hat, als er Zugriff auf Mr. Midfields Verstand hatte.“

„Wenn du dir so sicher bist, dass Corban hinter diesen Anmeldungen steckt… wonach suchst du dann eigentlich noch?“

„Nach den Ausmaßen. Sind es nur diese drei Kinder, die wir gestern gefunden haben? Sind es dreizehn Kinder? Sind es dreißig? Und wie passt Prudence ins Bild? Gehört sie überhaupt ins Bild? Und wann hat es angefangen? Wer ist das erste Kind gewesen? Die Letzte muss Beatrix Black sein. Sie ist im Juli 2009 geboren. Sieben Monate, nachdem er gefasst worden ist. Also hat er ihre Mutter wahrscheinlich ein paar Wochen vor seiner Festnahme… getroffen. Und Dexter Midfield instruiert. Wobei er, je nachdem wie die Unterwerfung im Detail greift, Midfield auch postalisch kontaktiert haben könnte. Den Inhaftierten ist es schließlich nicht verboten, Briefe zu schreiben…“

„Er schreibt dir Briefe?“

„Nicht mehr. Ganz am Anfang schon. Mittlerweile bekomme ich nur noch Geburtstagskarten, die mit Namen von toten Dichtern unterschrieben sind und nach der Nordsee riechen. Aber auch nicht in jedem Jahr.“

Obwohl Gregory und sein Vater sich eigentlich nicht besonders ähnlich sehen, kann sie sich basierend auf Gregorys beunruhigter Miene problemlos ausmalen, wie Erwin gucken würde, wenn sie ihm von den Geburtstagskarten erzählen würde. „Hast du mal mit meinem Dad darüber geredet? Also nicht über die Karten, sondern über die Kinder. Ich habe ihn nämlich mal danach gefragt... also das war noch, bevor er gefasst worden ist. Da hat er auch von den Carrow-Zwillingen gesprochen… und von einem Mann, der in den USA lebt und dort an irgendeiner Universität arbeitet.“

„Daniel Doherty.“

„Ich glaube, das war der Name… von ihm weißt du also?“

Andromeda nickt, auch wenn sie nicht viel mehr über diesen Mann weiß, dessen Name ganz eindeutig von seiner Mutter ausgewählt und nicht als gemeiner Wortwitz angelegt worden ist. Die Erinnerung an Joy Doherty, die sie einmal bei einer Konferenz in den frühen Neunzigern getroffen hat, löst ein eigenartiges Gefühl in ihrer Brust aus. Damals hätte sie nicht einmal im Traum daran gedacht, dass die charismatische Professorin, die sie so eifrig in ihrer Abschlussarbeit zitiert hat, irgendetwas mit Corban zu tun haben könnte. Erst Jahre später hat sie von Lucius und Narzissa erfahren, dass Joy Doherty mindestens drei Jahre lang Corbans Partnerin war und noch dazu im Privaten eine Verfechterin der Reinblutideologie gewesen ist, während sie sich in akademischen Kontexten stets neutral präsentiert hat und dabei sicherlich nicht nur von Andromeda für eine Hexe mit modernen Ansichten gehalten worden ist. Es kann noch kein ganzes Jahr her sein, seitdem sie den Nachruf auf Joy Doherty gelesen und sich nochmal gründlich geschämt hat, weil sie einst so unsagbar viel von dieser Hexe gehalten hat. (Während sie an ihrer Abschlussarbeit gesessen hat, gab es Abende, an denen sie mit den Essays von Joy Doherty zu Bett gegangen ist. Sie hat Ted manchmal sogar daraus vorgelesen. Er hat beflissen genickt und sie nie unterbrochen, weil es nicht seine Art gewesen ist, ihr etwas kaputt zu machen, für das sie sich begeistern kann.)

„Darf ich dir etwas vorschlagen?“ Gregory klingt zaghaft, aber nicht unsicher.

„Gern.“

„Bevor du hier unten eine ganze Staubmaus einatmest, könnte es doch sinnvoll sein, nochmal mit der Mutter von Beatrix Black zu sprechen… und sie vielleicht einfach mal zu fragen, wie sie auf den Namen gekommen ist. Vielleicht ist es ja doch nur ein merkwürdiger Zufall.“

„Und ich dachte kurz, ich hätte dich überzeugt.“

„Du hast mich überzeugt.“ Gregory spielt nervös an dem Schlüsselband an seinem Gürtel herum. „Leider.“

„Leider?“

„Ich denke nicht gern über Corban Yaxley nach.“ Gregory sieht verlegen aus und errötet sogar ein bisschen. „Ich hatte ja eigentlich gar nicht so besonders viel mit ihm zu tun, aber er ist mir trotzdem unter die Haut gegangen. Vielleicht liegt es daran, dass ich noch so jung war, als ich ihm begegnet bin… aber es kam mir irgendwie immer so vor, als hätte er es auf mich abgesehen… also nicht auf dieselbe Art natürlich, wie er dich im Visier hatte…“

„Oh, das würde ich nicht einmal ausschließen.“ Andromeda beneidet Gregory um sein Schlüsselband, denn nun werden auch ihre Hände nervös. „Ich habe Narzissa bei der Verwaltung des Lestrange-Erbe unterstützt. Es gibt einige Briefwechsel zwischen Corban und  Rabastan, in denen sie sich freimütig über eure Generation ausgetauscht haben. Narzissa wollte wegen Draco nichts davon lesen und hat mir die Dokumente zur Auswertung für den Unterricht überlassen. Besonders viel Verwertbares stand darin nicht. Über Corbans Interesse an der Zauberkraft und Muskelkraft junger Männer zu referieren, wäre nichts als geschmacklos gewesen… aber dieses Interesse war vorhanden.“ Gregory wird blass um die Nase und Andromeda entscheidet, ein Detail nachzureichen, das sie eigentlich unterschlagen wollte. „Sein Hauptinteresse galt allerdings nicht dir, sondern Vincent. Sowohl Corban als auch Rodolphus gegenüber muss dein Vater behauptet haben, dass du kein besonders begabter Zauberer bist… was natürlich nicht stimmt.“

„Ich weiß. Also ich weiß, dass er das behauptet hat. Die Erinnerung an diese Unterhaltung zwischen Corban und ihm durfte ich mir mal ansehen… aber ich wusste nicht, dass er… also ich wusste, dass Vincent manchmal außerhalb des Schulgeländes unterwegs gewesen ist. Ich habe da absichtlich nicht so genau nachgefragt… und ich glaube, ich möchte auch jetzt nicht mehr darüber erfahren. Aber danke, dass du das für mich eingeordnet hast… und dass ich jetzt weiß, dass mein komisches Bauchgefühl bezüglich Corban vielleicht doch nicht so falsch gewesen ist. Das ist… also ich weiß nicht, ob das wirklich gut zu wissen ist… jedenfalls ist es nicht schlecht zu wissen.“

„Es tut mir leid, dass ich dich in deinem Urlaub da reingezogen habe.“

„Ich habe erst am Freitag Urlaub.“

„Aber du hättest den Nachmittag zuhause verbringen können, oder? Du bist hier, weil ich dich darum gebeten habe.“

„Zuhause hätte ich mich sowieso nur gelangweilt. Oder viel zu früh meinen Koffer gepackt.“

„Ich möchte dich trotzdem bald von deinem Dienst entbinden.“ Sie schaut in den schier unendlichen Gang zu all den Akten, die sie noch nicht gesichtet hat. Corban hat seinen Abschluss zwei Jahre vor ihr gemacht. Die Einsicht in die Akten vor den Einschulungen ab 1982 wird sich also nicht lohnen, denn so eine Vaterschaft vor seinen UTZ-Prüfungen traut sie ihm irgendwie doch nicht zu, auch wenn sie ihn damit eventuell kategorisch unterschätzt. Die Akten aus dem 21. Jahrhundert haben sie sich mehr oder weniger vollständig angesehen. Bleiben also noch knappe zwanzig Jahre, in denen hunderte von Hexen und Zauberern in Hogwarts eingeschult worden sind und eine Akte erhalten haben. All diese Akten gewissenhaft und im Alleingang zu sichten, wäre kein unmögliches Unterfangen, aber auch keine schöne Arbeit. Bis zum ersten September wäre sie vermutlich durch, aber dann wäre es wirklich um ihren Sommer geschehen. „Meinst du, Argus würde es wirklich merken, wenn wir ein klitzekleines Bisschen Magie anwenden?“

„Andromeda…“

„Schon gut, schon gut, es war nur so eine fixe Idee.“

„Ich kann nicht gut lügen. Und ich möchte vor allem auch nicht lügen. Schon gar nicht bei Argus. Davon bekomme ich bloß Albträume.“

„Sas verstehe ich, das verstehe ich sehr gut… aber du müsstest ja gar nicht lügen. Du bist vielleicht einfach nur zur Toilette gegangen, als ich mich ganz dreist entschieden habe, Argus’ Wünsche zu missachten. Das könnte dir niemand verdenken, nachdem du einen Liter Wasser getrunken hast. Ich habe mal irgendwo gelesen, dass die durchschnittliche Blase eines Mannes nur circa 700 Milliliter speichern kann.“

„Andromeda, ich bitte dich.“

„Alternativ könnte ich natürlich auch zu Dexter Midfield gehen und ihn nach seiner Korrespondenz mit Hogwarts befragen… aber damit würde ich sein Wohlbefinden riskieren. Du könntest also hier und jetzt das Leben eines Mannes, der jahrzehntelang ehrliche Verwaltungsarbeit verrichtet hat, retten.“

„Das ist emotionale Erpressung.“

„Ich weiß.“

„Und nur weil ich das benennen kann, heißt das nicht, dass ich darüber stehe… aber ich finde das jetzt echt nicht korrekt von dir. Argus ist dir schon richtig entgegen gekommen. Oder meinst du, dass er einfach so jeden ins Archiv lässt? Ohne dass er die ganze Zeit persönlich daneben steht? Das ist ein Vertrauensbeweis, den du gerade mit Füßen trittst.“

„Schon gut, schon gut… ich mache hier manuell weiter. Ganz in Argus’ Sinne.“

„Danke.“

„Es eilt ja auch gar nicht. Corban befindet sich bei bester Gesundheit in Askaban, Beatrix Black befindet sich bei bester Gesundheit in Liverpool. Der Sommer ist lang und langweilig, dein Vater hat sowieso keine größeren Reisepläne mehr, sondern schüttelt bloß dann und wann Tagesausflüge aus dem Ärmel…“

Gregory unterbricht sie mit einem Seufzen. „Du weißt schon, dass er auf deine Initiative wartet, oder?“

„Wie bitte?“

„Dad spricht ständig von irgendwelchen Orten, die man doch mal bereisen müsste… aber er will nichts über deinen Kopf hinweg planen… oder davon ausgehen, dass er dich den ganzen Sommer beanspruchen kann.“

„Aber das hat er doch früher auch getan.“

„Früher hast du Teddy auch ganz automatisch das ganze Jahr über gesehen, weil er in Hogwarts war und du ja genauso. Seitdem Teddy seinen Abschluss in der Tasche hat, hat Dad ganz neue Hemmungen, was Urlaubspläne angeht.“

„Oh. Das… also das habe ich nicht durchschaut.“

„Ich weiß. Deshalb dachte ich mir, ich spreche das mal an.“

„Teddy hat doch Besseres zu tun, als mit mir in den Urlaub zu fahren. Er ist doch in dem Alter, in dem er lieber mit seinen Freunden verreist!“ Andromeda kann gar nicht fassen, dass sie nicht hinterfragt hat, wieso Erwin so häuslich geworden ist, anstatt ihr von irgendwelchen Naturdenkmälern oder Wäldern zu erzählen, die man in ihrer Gänze gesehen haben muss. Jahrelang haben sie das Jahr begonnen, indem sie frühzeitig einen Antrag an das Zaubereiministerium formuliert haben, sodass Erwin bis zum Sommer offiziell gestattet worden ist, Großbritannien zu verlassen. Und doch hat sie sich keine Sekunde darüber gewundert, als diese Initiative plötzlich ausgeblieben ist. Rasch rechnet Andromeda zurück, wann sie zum letzten Mal im Sommer verreist sind. Vor drei Jahren, im Sommer nach Teddys UTZ-Abschluss, sind sie vier Wochen auf Madeira gewesen, immerhin anderthalb Wochen davon gemeinsam mit Teddy. Im Jahr danach ist Teddy mit Prudence in Dänemark gewesen, im wiederum darauffolgenden Jahr mit Victoire Weasley und ihrer Familie in Paris… und außerdem mit Prudence in Spanien… und Prag. Oder vielleicht war Prag auch wieder mit Victoire, da ist Andromeda sich auf Anhieb nicht ganz sicher. Erwin weiß das vermutlich sogar noch etwas genauer als sie. „.Gute Güte, manchmal ist dein Vater wirklich zu albern.“

Gregory stimmt ihr nicht tatkräftig zu, sondern zuckt mit den Schultern. „Sind wir das nicht alle?“