Kapitel 1
Kapitel 1
Eifrig notierte sie die neuesten Informationen ihres vorherigen Patienten in dessen Akte. Die Tür öffnete sich und kündigte den nächsten Patienten an. „Nehmen Sie schon einmal Platz auf der Liege“, murmelte sie, während sie sich von ihrer gebückten Haltung aufrichtete. Das leise Rascheln der Kleidung ihres Patienten verriet, dass er ihrem Befehl folgte. Sie legte die Akte auf den linken Stapel ihres Schreibtisches, die später von der Schwester einsortiert werden würde. Ohne den Namen auf der Vorderseite zu lesen, nahm sie die nächste Akte und blätterte zu den noch unbeschriebenen Seiten.
Als sie schließlich ihren Blick auf ihren Patienten richtete, begegnete ihr ein schiefes Grinsen, und sie konnte nicht verhindern, dass ein warmes Lächeln ihre Lippen umspielte. Wahrscheinlich wurden ihre Wangen leicht rosa, denn das war ihre übliche Reaktion. „Ich bin hier, um mich vorschriftsmäßig nach meiner Mission untersuchen zu lassen“, erklärte er mit seiner ruhigen, tiefen Stimme, die den Raum erfüllte. Sakura setzte sich auf den rollenden Hocker und glitt mit den Füßen zu ihrem Patienten. Sie legte seine Akte offen neben ihm auf der Liege ab.
„War deine Mission erfolgreich?“, fragte sie, während sie sich Handschuhe überstreifte und ihm bedeutete, seinen engen, schwarzen Pullover auszuziehen. Die Augen ihres Patienten blitzten kurz auf, und ohne zu zögern zog er das Kleidungsstück aus. Ein nackter Oberkörper kam zum Vorschein, schlank, doch muskulös, mit präzise ausgeprägten Konturen, die von jahrelangem Training zeugten. Die helle Haut war makellos, abgesehen von einigen älteren, feinen Narben, die Geschichten von seinen Kämpfen erzählten. Adern zeichneten sich unter der Haut ab und verliehen seinem Erscheinungsbild eine beeindruckende Präsenz. Seine dunklen Haare waren nun ein wenig zerzaust, und in Sakuras Augen wirkte sein Oberkörper fast wie die Arbeit eines Bildhauers. Sie schluckte unmerklich; nein, natürlich war das hier nicht neu für sie, aber bei diesem Patienten fiel es ihr schwer, kühl und unbeeindruckt zu reagieren.
„Tzz, was denkst du denn?“, antwortete er in leicht neckischem Ton und beantwortete ihre Frage mit einer Gegenfrage.
Sakura begann, zuerst sein Gesicht mit ihren Händen zu untersuchen und erhob sich von ihrem Hocker. Grünes Chakra leuchtete auf, und langsam fuhr sie mit leichtem Abstand zu seinem Gesicht umher, dabei konzentrierte sie sich auf ihre Hände und nicht auf seine dunklen Augen, von denen sie wusste, dass diese bereits herausfordernd suchten.
„Ich vermute, sie war erfolgreich, wie immer“, antwortete sie leise und legte nun ihre Hände auf seine Schläfen, um eine Gehirnerschütterung oder Schlimmeres am Kopf auszuschließen. „Hn“ war die einzige und typische Antwort ihres Gegenübers. Sakura führte ihren Weg unbeirrt fort und strich nun mit ihren Händen über seinen Hals und Nacken, dann über seinen Brustkorb, um Lungen, Herz und Rippen zu untersuchen. Weiter unten kontrollierte sie Magen, Leber, Darm, weitere Muskeln und alle wichtigen Chakrapunkte.
„Gab es Probleme mit deinem Arm?“, fragte sie, während sie nach der Akte griff, um erste Notizen einzutragen, und sich kurz wieder auf den Hocker setzte. „Nein“, antwortete er knapp. Ihr Blick glitt zu seinem linken Arm, der ebenso wie Narutos aus den Zellen des ehemaligen Hokage Hashirama Senju gefertigt war. Doch im Gegensatz zu Narutos war Sasukes Arm nicht bandagiert, sodass man ihn leicht für einen echten Arm halten könnte. Er sah nicht nur täuschend echt aus, sondern fühlte sich auch so an. Alle Nervenbahnen, Chakraströme, Sehnen, Muskeln, Knochen und Blutgefäße verliefen durch diesen Arm und waren fest mit seinem Körper verbunden. Sakura stand auf, legte die Akte erneut beiseite und trat näher an ihren Patienten heran. Er musste seinen Kopf kaum in den Nacken legen, da er auch im Sitzen eine beeindruckende Größe hatte. Fest sah sie ihm in die Augen – Grün traf auf Schwarz.
„Schließ bitte deine Augen, ich möchte sie untersuchen“, erklärte sie ihr Vorhaben. „Das wird nicht nötig sein“, brummte er. Sakura stemmte ihre linke Hand in die Hüfte: „Ich möchte nicht jedes Mal dieses Gespräch führen. Ich bin deine Ärztin und ich....“Noch ehe sie weitersprechen konnte, legte ihr Patient seine linke Hand um ihre rechte Hüfte und zog sie dichter zu sich, während er seine Beine öffnete, damit sie zwischen diesen stehen konnte. Um sicherer zu stehen, legte sie ihre Hände auf seine Schultern ab und sah an ihm herunter, während er seinen Kopf seitlich gegen ihren Oberkörper drückte. „Es ist viel zu lange her, dass ich dich sah“, brummte er gegen ihre Kleidung. Sakura, völlig perplex über diesen kleinen emotionalen Ausbruch, schaute weiterhin verdutzt an sich herunter. Ohne ein weiteres Wort stand der Mann von der Liege auf, und sie ließ automatisch ihre Hände von ihm ab und trat einen kleinen Schritt zurück, um ihm Platz zu machen.
Seine Augen blickten nun auf sie herunter, und wie gebannt sah sie in seine. Langsam legte er seine Hände auf ihre Wangen und beugte sich zu ihr hinunter. Sakura wusste sofort, was er vorhatte, also rief sie alarmierend: „Sasuke, nicht hier! Ich arbeite hier!“ „Ich weiß“, hauchte er leise, nur wenige Zentimeter von ihren Lippen entfernt. Wenn er sie nun küssen würde, könnte sie sich nicht mehr zurückhalten. Mit ihr und ihm war es wie mit zwei Magneten. Sobald ein bestimmter Abstand überschritten war, zogen sie sich gegenseitig an, und es war nur schwer, voneinander abzulassen.
„Doktor Haruno“, plötzlich erklang die Stimme der Schwester hinter Sakura. Eilig riss sie sich von Sasuke los und blickte der Schwester entgegen. Diese stammelte verlegen eine Entschuldigung und rannte bereits eilig aus dem Zimmer. Eine großartige Kunoichi war sie, doch sie hatte nicht einmal die Schritte der Schwester bemerkt, weil ihr Herz so laut in ihren Ohren schlug und Sasukes Präsenz sie so sehr eingenommen hatte. Säuerlich blies sie die Wangen auf und wandte sich wieder zu Sasuke. Dieser war bereits wieder angezogen und sie sah noch das Blitzen in seinen schwarzen Augen. Er hatte es gewusst! Natürlich hatte er die Schwester bemerkt, bevor diese überhaupt den Raum betrat.
Sie verschränkte die Arme vor der Brust und stieß dramatisch die Luft aus den Wangen. „Na toll! Wie sieht denn das aus? Du weißt genau, dass ich dabei bin, meinen Ruf aufzubauen und respektiert werden möchte. Stattdessen flirte ich mit meinem halbnackten Patienten!“ Sie schüttelte den Kopf und griff erneut nach seiner Akte. Sasuke entwich ein leises Lachen. Wütend sah sie ihn an. „Denk nicht, ich hätte das mit deinen Augen vergessen!“ Sasuke zuckte gleichgültig mit den Schultern und war bereits dabei, seine Jonin-Weste überzuziehen.
Sakura kehrte zum Schreibtisch zurück, legte die Akte ab, beugte sich leicht hinunter und schrieb die letzten Worte hinein. Sie hörte Sasukes Kleidung erneut rascheln, wahrscheinlich band er sein Stirnband um oder schnallte sein Katana auf dem Rücken. Nur einen Augenblick später stand er schon hinter ihr. Sie spürte seinen Körper dicht an ihrem und seinen Mund nah an ihrem rechten Ohr. „Wir sehen uns später“, hauchte er. „Sasuke, ich—“ und schon war seine Präsenz verschwunden. Als Sakura sich umdrehte, sah sie nur noch die Vorhänge der Fenster hinter der Liege, die sich sanft bewegten. Kann er nicht wie ein normaler Mensch die Tür nehmen? Sie schüttelte den Kopf, seufzte und legte schließlich seine Akte weg.
Bei der nächsten Akte las sie jedoch zuerst den Namen durch. Voller Freude lächelte sie. Auch diesen Patienten hatte sie lange nicht mehr gesehen. Eilig ging sie zur Tür und öffnete sie. „Naruto, du kannst nun reinkommen.“ Grinsend sprang der Angesprochene von seinem Stuhl auf und kam sogleich zu seiner Ärztin des Vertrauens gelaufen. „Sakura-Chan, es ist so schön, dich zu sehen.“ Sofort nahm er sie in eine warme und herzliche Umarmung. Sakura lächelte bei dieser Begrüßung und drückte ihren langjährigen besten Freund. Sie öffnete in der Umarmung die Augen und sah über Narutos Schulter die Schwester, die bereits vor wenigen Minuten im Behandlungszimmer war. Diese wurde rot und drehte sich eilig weg, als sie sah, dass Sakura sie bemerkt hatte. Na toll, so wird niemand denken, ich sei kompetent. Sie löste sich von Naruto und zusammen gingen sie in den Behandlungsraum.
Auch ihn untersuchte Sakura ausführlich. „Gab es Schwierigkeiten?“, fragte sie, als dieser sich wieder anzog. Ja, dunkelblaue und grüne Westen waren recht ungewöhnlich für ihn, aber auch Naruto war inzwischen kein Kind mehr und passte sich den Regeln an. Alle drei waren es spätestens seit dem Krieg nicht mehr. Naruto schüttelte den Kopf. „Nein, es war alles in Ordnung. Keine heldenhaften oder gefährlichen Alleingänge.“ Sakura nickte, aber runzelte die Stirn. Besorgnis spiegelte sich in ihren großen, grünen Augen.
„Hey, Sakura-Chan, es geht ihm gut. Es ist wirklich nichts passiert“, beteuerte Naruto. Er wusste genau, dass sich Sakura große Sorgen um Sasuke machte. Bis hierhin war ein weiter Weg gewesen, den die drei Freunde nach dem Krieg zurückgelegt hatten.