Die Wächter des Waldes
Die Wächter des Waldes
Hallo, meine Lieben :) Sorry, aber die Woche war etwas vollgepackt, deshalb geht es erst heute weiter. Aber es bleibt dafür spannend ;) Ich wünsche euch viel Spaß beim neuen Kapitel und bin gespannt auf eure Meinungen. Habt ein schönes Wochenende!
Liebe Grüße,
eure Melody
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10 Die Wächter des Waldes
Lucinda PoV
Es waren erst wenige Tage vergangen, seit Ruby und ich nach Hogwarts zurückgekehrt waren. Noch immer fühlte sich jeder Schritt durch dieses Schloss seltsam an. Für alle war ich Lucinda Stonefield – eine neue Slytherin-Schülerin im Jahrgang von Harry Potter.
Niemand durfte erfahren, wer ich wirklich war. Niemand durfte wissen, dass ich Lucinda Marilyn Riddle war. Die Zwillingsschwester des dunkelsten Zauberers aller Zeiten. Unsere Tarnung funktionierte. Doch die Erinnerungen machten es mir schwer.
Ich kannte jeden Gang, jede Treppe und jedes Fenster. Dieses Schloss war einst mein Zuhause gewesen. Hier hatte ich Freunde gefunden, gelacht, gelernt...und schließlich alles verloren. Nach dem Unterricht hielt ich es nicht länger aus.
Ich verließ das Schloss und schlenderte ohne bestimmtes Ziel über das Gelände. Fast unbewusst trugen mich meine Schritte zum Rand des Verbotenen Waldes. Sobald ich die ersten Bäume erreichte, fiel die Anspannung langsam von mir ab. Der Duft von feuchter Erde und Moos war derselbe wie damals. Der Wind rauschte sanft durch die Baumkronen.
Für einen Moment schloss ich die Augen. Hier draußen konnte ich endlich wieder frei atmen. Ein leises Rascheln ließ mich aufhorchen. Ich öffnete die Augen und blickte mich suchend um. Zwischen den Ästen eines jungen Baumes lugte ein winziges Gesicht hervor. Ein Bowtruckle.
Unwillkürlich breitete sich ein Lächeln auf meinem Gesicht aus. >>Na, hallo.<<
Kaum hatte ich gesprochen, erschienen zwei weitere kleine Baumhüter. Dann noch einer. Schließlich beobachtete mich eine ganze Schar neugieriger Bowtruckles aus den Zweigen.
>>Ihr seid aber neugierig.<< Langsam ging ich in die Hocke und streckte vorsichtig eine Hand aus. >>Keine Angst, ich tue euch nichts.<<
Die kleinen Wesen schienen sich untereinander zu beraten. Schließlich löste sich einer von ihnen aus der Gruppe und kletterte behutsam den Stamm hinunter. Ich hielt vollkommen still. Mit seinen langen Ästchenfingern berührte er vorsichtig meine Hand, ehe er mutig auf meine Handfläche kletterte. >>Na siehst du.<<
Ganz behutsam strich ich ihm über den winzigen Kopf. Ein zufriedenes Zirpen erklang. Offenbar überzeugte das auch die anderen.
Innerhalb weniger Augenblicke kletterten mehrere Bowtruckles auf mich. Einer setzte sich auf meine Schulter, ein anderer balancierte über meinen Arm, während ein dritter neugierig durch mein dunkles Haar strich.
Ich musste leise lachen. >>Ganz wie früher.<<
Es fühlte sich an, als wären keine Jahrzehnte vergangen. Schon während meiner ersten Schulzeit hatte ich jede freie Minute mit Bowtruckles verbracht. Sie waren immer zu mir gekommen, ganz gleich, wo ich mich aufhielt. Für sie spielte es keine Rolle, wer mein Bruder war oder welches Schicksal auf mir lastete. Sie sahen nur mich.
Ich ließ mich an den Stamm einer alten Eiche sinken und verbrachte die Mittagspause mit den kleinen Waldbewohnern. Sie spielten zwischen den Zweigen, kletterten über meine Arme und Schultern oder rollten sich auf meinem Schoß zusammen. Zum ersten Mal seit unserer Rückkehr nach Hogwarts fühlte ich mich nicht wie eine Fremde. Hier draußen war alles noch genauso wie früher.
>>Na, wenn das nich' mal'n Anblick is'.<<
Die tiefe Stimme ließ mich aufblicken. Hagrid kam mit Fang aus dem Verbotenen Wald zurück. Seine Armbrust hing über der Schulter, doch als sein Blick auf mich fiel, blieb er wie angewurzelt stehen. Mehrere Bowtruckles hatten es sich inzwischen auf meinen Schultern, meinen Armen und sogar auf meinem Kopf bequem gemacht.
Einen Moment lang sagte Hagrid gar nichts. Dann breitete sich ein breites Grinsen auf seinem Gesicht aus. >>Ich hätt's wissen müssen.<<
Ich erwiderte sein Lächeln. >>Hallo, Hagrid.<<
Er kam auf mich zu und schüttelte schmunzelnd den Kopf. >>Kaum bist du wieder in Hogwarts, ham die kleinen Kerlchen dich schon wieder gefunden.<<
>>Oder ich sie<<, entgegnete ich grinsend.
>>Nee<<, sagte Hagrid überzeugt. >>Bowtruckles suchen sich ihre Menschen aus. Und bei dir war das schon immer so.<<
Einer der kleinen Baumhüter kletterte von meiner Schulter auf meinen Kopf. Hagrid lachte laut. >>Ganz genau wie früher! Weißte noch? Ich hab dich damals kaum ohne einen Bowtruckle gesehen.<<
Ich lachte ebenfalls. >>Ich glaube, Professor Beerey war manchmal kurz davor, mich mitsamt ihnen aus dem Gewächshaus zu werfen.<<
>>Dafür hat Professor Dumbledore immer behauptet, die Kleinen würden sich vorbildlich benehmen<<, erwiderte Hagrid belustigt.
>>Und Professor Kesselbrand hat einfach so getan, als würde er sie gar nicht sehen.<<
Für einen Moment lachten wir beide. Es fühlte sich an, als wäre die Zeit stehen geblieben. Als wären nicht Jahrzehnte vergangen. Hagrids Lächeln wurde schließlich etwas sanfter. >>Es is' schön, dich wieder hier zu haben, Lucinda.<< Seine Worte trafen mich mitten ins Herz. >>Professor Dumbledore hat mir erzählt, dass du zurückkommst. Ehrlich gesagt hab ich mich riesig gefreut.<<
Ich schluckte den Kloß hinunter, der sich in meinem Hals gebildet hatte. >>Ich freue mich auch, dich wiederzusehen.<<
Hagrid nickte zufrieden. Sein Blick wanderte zu den Bowtruckles, die friedlich auf mir herum kletterten. >>Sie ham dich jedenfalls kein bisschen vergessen.<<
Ich sah lächelnd zu den kleinen Geschöpfen hinunter. >>Nein.<< Ein Bowtruckle legte seine winzige Hand um meinen Finger. Ich lächelte gerührt. >>Manche Freundschaften überdauern selbst Jahrzehnte.<<
Hagrid nickte zustimmend. >>Und das gilt nicht nur für die Bowtruckles.<<
Ich sah ihn an. In seinen Augen lag dieselbe Herzlichkeit wie damals, als ich noch ein junges Mädchen gewesen war. Für ihn war ich nie Tom Riddles Zwillingsschwester gewesen. Ich war einfach Lucinda. Und genau das ließ Hogwarts sich zum ersten Mal seit meiner Rückkehr wieder wie ein Zuhause anfühlen.
Ich nickte und sah Hagrid einen Moment lang schweigend an. Es tat gut, diese Worte zu hören. Nicht, weil sie etwas an meiner Vergangenheit änderten, sondern weil sie mich daran erinnerten, dass es Menschen gab, die mich nie nach meinem Nachnamen beurteilt hatten.
Fang stupste meine Hand mit seiner feuchten Nase an und wedelte träge mit dem Schwanz. Ich kraulte ihm lächelnd den Kopf. >>Na, du bist aber ein kleiner Riese.<<
Hagrid lachte schallend. >>Der frisst eben für drei.<<
Während wir sprachen, schienen die Bowtruckles jedes Gefühl von Vorsicht endgültig verloren zu haben. Einer hatte sich inzwischen gemütlich in meinen Haaren niedergelassen und klammerte sich an eine dunkle Strähne, als wäre sie ein Ast. Zwei weitere saßen auf meinen Schultern und beobachteten Hagrid mit ihren glänzenden schwarzen Knopfaugen. Der Kleinste von allen hatte es sich sogar auf meinem Schoß bequem gemacht und schlief zusammengerollt wie ein winziges Blatt.
Ich konnte nicht anders, als sanft zu lächeln. >>Ihr macht es euch ja richtig gemütlich.<<
Der Bowtruckle auf meiner Schulter gab ein zufriedenes Zirpen von sich und legte seinen schmalen Kopf gegen meinen Hals. Seine winzigen Ästchenfinger hielten sich an meinem Pullover fest. Mein Herz wurde plötzlich ganz leicht.
Wie oft hatte ich früher hier gesessen? Stundenlang. Mit Büchern über Zaubertränke auf dem Schoß, während die kleinen Baumhüter um mich herumgeturnt waren. Damals hatte ich geglaubt, die Zukunft läge offen vor mir. Dass Tom und ich irgendwann vielleicht doch wieder zueinanderfinden würden.
Wie naiv ich gewesen war.
Ein leises Kichern entrang sich dennoch meiner Kehle, als einer der Bowtruckles versuchte, meinen Ärmel hochzuklettern und dabei mehrfach abrutschte. >>Na komm...<<, murmelte ich und hielt ihm einen Finger hin.
Sofort packte er zu und ließ sich nach oben ziehen. Kaum hatte er meine Hand erreicht, streckte er beide Ärmchen triumphierend in die Höhe, als hätte er gerade einen Berg bezwungen. >>Angeber.<<
Hagrid schüttelte amüsiert den Kopf. >>Ich hab noch nie erlebt, dass se bei irgendwem so zutraulich sind. Normalerweise verschwinden se sofort, wenn Menschen auftauchen.<<
>>Vielleicht erinnern sie sich einfach.<< Ich betrachtete die kleinen Geschöpfe liebevoll. >>Oder sie spüren, dass ich sie vermisst habe.<<
Fast schien es, als verstünden sie jedes Wort. Mehrere Bowtruckles begannen aufgeregt zu zirpen, während einer ganz vorsichtig meine Wange berührte. Für einen flüchtigen Augenblick vergaß ich alles. Den Fluch. Tom. Meine Mission. Die Lügen. Es gab nur diesen friedlichen Wald, das Rascheln der Blätter und die winzigen Geschöpfe, die mich behandelten, als wäre ich nie fort gewesen.
Schließlich wanderte mein Blick beinahe automatisch zum Himmel. Die Sonne stand inzwischen deutlich höher. >>Oh...<<
Hagrid folgte meinem Blick. >>Mittag is' fast vorbei.<<
Ich seufzte leise. >>Dann muss ich wohl zurück.<<
Sofort verstummten die Bowtruckles. Mehrere kleine Gesichter richteten sich gleichzeitig zu mir auf. Derjenige auf meinem Kopf lugte sogar über meine Stirn nach unten, als wolle er überprüfen, ob ich das wirklich ernst meinte.
Hagrid schmunzelte. >>Was haste jetzt als Nächstes?<<
Ich räusperte mich leicht. >>Zaubertränke.<<
Kaum hatte ich das ausgesprochen, lachte Hagrid herzhaft. >>Na dann...viel Glück.<<
Ich hob fragend eine Augenbraue. >>So schlimm?<<
>>Professor Snape hat nich' umsonst den Ruf als Schrecken der Kerker.<< Hagrid grinste breit. >>Der bringt selbst ausgewachsene Zauberer ins Schwitzen. Also würd ich an deiner Stelle lieber keinen Kessel explodieren lassen.<<
Ich musste unwillkürlich lachen. >>Das hatte ich eigentlich nicht vor.<<
Insgeheim regte sich jedoch Neugier in mir. Professor Severus Snape…
Schon bei unserer ersten flüchtigen Begegnung hatte ich das Gefühl gehabt, hinter seiner kalten Fassade etwas anderes wahrzunehmen. Etwas, das sich nicht greifen ließ. Vielleicht täuschte ich mich auch einfach.
Schließlich erhob ich mich langsam. Sofort machte sich Protest bemerkbar. Ein Bowtruckle klammerte sich fester an meinen Ärmel. Ein anderer umschlang meinen Finger mit beiden Ästchenarmen. Der kleine Schläfer auf meinem Schoß blinzelte verschlafen, als hätte er gerade bemerkt, dass sein gemütliches Plätzchen verschwinden wollte.
Ich lächelte entschuldigend. >>Tut mir leid, aber Unterricht ist leider Pflicht.<<
Missmutiges Zirpen erfüllte die Lichtung. Ich musste lachen. >>Ich weiß. Ich finde das auch ungerecht.<< Behutsam setzte ich einen nach dem anderen zurück auf den Baumstamm. Keiner von ihnen wollte freiwillig loslassen. Der Kleinste kletterte sogar sofort wieder auf meinen Schuh. >>Du bist aber hartnäckig.<<
Ich ging erneut in die Hocke und strich ihm sanft über den winzigen Kopf. >>Ich verspreche euch etwas.<< Die Bowtruckles wurden augenblicklich still. >>Ich komme wieder. Sobald ich Zeit habe, besuche ich euch. Und dann verbringen wir den Nachmittag zusammen. Einverstanden?<<
Mehrere leise, helle Zirplaute erklangen beinahe gleichzeitig. Es klang fast wie Zustimmung. Der Kleinste legte noch einmal seine winzige Hand um meinen Finger, ehe er schließlich den Stamm hinaufkletterte. Nach und nach folgten ihm die anderen, blieben jedoch auf den unteren Ästen sitzen und beobachteten mich aufmerksam. >>Bis bald, meine kleinen Freunde.<<
Ich hob lächelnd die Hand zum Abschied. Die Bowtruckles erwiderten das mit einem aufgeregten Rascheln und fröhlichem Zirpen, während sie zwischen den Zweigen hin und her kletterten.
Hagrid stemmte seine Armbrust wieder über die Schulter. >>Na los, Lucinda. Sonst biste gleich am ersten Schultag zu spät bei Snape. Und glaub mir, das will wirklich keiner erleben.<<
Schmunzelnd nickte ich. >>Danke, Hagrid. Für alles.<<
>>Immer gern.<<
Gemeinsam verließen Fang und er die Lichtung, während ich mich auf den Weg zurück zum Schloss machte. Als ich den Waldrand erreichte, drehte ich mich noch einmal um. Zwischen den Blättern entdeckte ich mehrere winzige Gestalten, die mir nachwinkten. Ein warmes Gefühl breitete sich in meiner Brust aus.
Vielleicht hatte ich in Hogwarts tatsächlich noch immer einen Ort, an dem ich einfach nur Lucinda sein durfte. Und mit diesem Gedanken machte ich mich auf den Weg zu meiner ersten Stunde bei Professor Snape – dem gefürchteten Meister der Zaubertränke.
***
Der Kerker war kühl.
Nicht unangenehm kühl, sondern wohltuend. Dicke Steinmauern schirmten das Sonnenlicht fast vollständig ab und tauchten den Raum in ein dämmriges Halblicht. Überall standen Regale voller Gläser, Fläschchen und seltsam aussehender Zutaten. Getrocknete Pflanzen hingen kopfüber von der Decke, während dutzende Kessel ordentlich auf den Arbeitstischen verteilt waren.
Ich sog die Luft tief ein. Rosmarin. Asphodel. Wermut. Gemahlene Mondsteine. Der unverwechselbare Duft verschiedenster Trankzutaten erfüllte den Raum. Unwillkürlich musste ich lächeln.
>>Na endlich sieht sie mal glücklich aus<<, bemerkte Ruby schmunzelnd.
>>Riechst du das denn nicht?<<
Sie schnupperte kurz. >>Es riecht nach...Kräutern.<<
Ich schüttelte den Kopf. >>Es riecht nach Möglichkeiten.<<
Ruby musterte mich einen Moment. >>Du bist wirklich verrückt.<<
>>Möglich.<<
>>Definitiv.<<
Ich zuckte nur mit den Schultern. Von allen Unterrichtsfächern war Zaubertränke schon immer mein Lieblingsfach gewesen. Es besaß etwas Beruhigendes. Alles folgte klaren Regeln. Geduld, Präzision und Wissen entschieden über Erfolg oder Misserfolg. Nicht Emotionen. Nicht Glück. Nur Können.
Ein lautes Räuspern ließ sämtliche Gespräche verstummen. Professor Snape war lautlos durch die Tür gekommen und stand nun vor seinem Pult. Sein schwarzer Umhang fiel wie dunkle Schwingen an ihm herab und seine dunklen Augen glitten langsam über die Klasse. >>Setzen.<<
Keiner widersprach. Nicht einmal Draco Malfoy. Ich nahm zwischen Daphne und Pansy Platz, während Ruby sich einige Reihen weiter hinten zu den Ravenclaws setzte.
Snape ließ seinen Blick über die Schüler wandern. >>Zaubertränke<<, begann er mit ruhiger Stimme, >>ist keine Disziplin für Menschen, die glauben, Magie bestünde aus sinnlosem Herumfuchteln mit Zauberstäben.<<
Sein Blick fiel kurz auf Neville Longbottom. Der arme Junge sackte augenblicklich etwas tiefer in sich zusammen.
>>Wer hier lediglich Explosionen produzieren möchte, kann den Raum sofort wieder verlassen.<< Niemand rührte sich. >>Sehr gut.<<
Snape schwang seinen Zauberstab. Auf der Tafel erschienen mehrere Zeilen.
Schlaftrank der erweiterten Rezeptur
Ein Raunen ging durch den Raum. Selbst einige Slytherins wirkten überrascht. Ich hingegen spürte, wie mein Herz schneller schlug. Der Schlaftrank in dieser Zusammensetzung war anspruchsvoll. Sehr anspruchsvoll.
Die Reihenfolge der Zutaten entschied über die gesamte Wirkung. Ein einziger Fehler konnte den Trank unbrauchbar machen. Genau deshalb faszinierte er mich.
>>Heute<<, erklärte Snape, >>zeigt sich, wer lesen kann...und wer lediglich Buchstaben erkennt.<<
Ich konnte mir ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen. Während alle ihre Bücher aufschlugen, begann ich bereits gedanklich, die einzelnen Arbeitsschritte durchzugehen. Siebenmal gegen den Uhrzeigersinn. Nicht acht. Mondsteinpulver erst nach dem Lavendel. Nie davor. Das Feuer durfte während der letzten Phase keinesfalls zu heiß sein.
Ich legte meine Hand auf den Kessel. Fast wie früher. Für einen winzigen Augenblick glaubte ich mich wieder Jahrzehnte zurückversetzt. Damals...
Als Horace Slughorn noch vor der Klasse gestanden hatte. Bevor Tom...
Ich verdrängte den Gedanken sofort. Nicht jetzt.
Ich entzündete das Feuer und begann. Während ich die ersten Zutaten sorgfältig abwog, drang plötzlich unterdrücktes Kichern an mein Ohr.
>>Draco.<< Pansys Stimme klang ungewöhnlich süßlich. >>Findest du nicht auch, dass mein Kessel heute besonders hübsch aussieht?<<
Draco blickte nicht einmal auf. >>Nein.<<
>>Aber—<<
>>Es ist ein Kessel.<<
Ruby, die das Gespräch offenbar ebenfalls mitbekommen hatte, begegnete meinem Blick quer durch den Raum und musste sich sichtbar das Lachen verkneifen.
Pansy ließ sich jedoch nicht entmutigen. >>Vielleicht könnten wir ja später zusammen lernen?<<
>>Warum?<<
>>Na, einfach so.<<
>>Ich brauche keine Hilfe<<, schnaubte Malfoy.
>>Ich meinte eigentlich...<<
>>Gut.<<
Draco wandte sich wieder seinem Trank zu. Ruby hatte inzwischen den Kopf gesenkt. Ihre Schultern bebten verdächtig. Gerade wollte Pansy einen neuen Anlauf wagen, als eine kalte Stimme durch den Kerker schnitt. >>Miss Parkinson.<<
Mit einem Mal war es totenstill.
Professor Snape stand keine zwei Schritte hinter ihr und verschränkte langsam die Arme vor der Brust. >>Sollte Ihnen entgangen sein, in welchem Unterricht Sie sich befinden, helfe ich Ihrer Erinnerung gern auf die Sprünge.<<
Pansy lief augenblicklich rot an. >>N-Nein, Professor.<<
>>Ausgezeichnet.<< Seine dunklen Augen ruhten einen Moment auf Draco und wanderten anschließend wieder zu Pansy. >>Denn meines Wissens nach lautet der Name dieses Faches Zaubertränke .<< Er machte eine bedeutungsvolle Pause. >>Nicht Blind Dates für hormonell überforderte Teenager .<<
Mehrere Schüler prusteten los. Sogar aus den Reihen der Ravenclaws war unterdrücktes Kichern zu hören. Pansy wäre am liebsten im Boden versunken.
>>Fünf Punkte Abzug für Slytherin wegen Störung des Unterrichts.<< Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. >>Und da Sie offenbar über reichlich freie Zeit verfügen, Miss Parkinson, schreiben Sie mir bis morgen früh einen Aufsatz über die zweihundert bekanntesten Wechselwirkungen zwischen Liebestränken und Schlaftränken.<<
Pansys Gesicht entgleiste. >>Z..zweihundert?<<
>>Haben Sie Schwierigkeiten beim Zählen?<<
>>Nein, Professor.<<
>>Dann verschwenden Sie Ihre Zeit künftig lieber mit Schreiben als mit Balzverhalten.<<
Er rauschte mit wehendem Umhang davon. Ruby hatte inzwischen beide Hände vor den Mund gepresst. Ihre Schultern zitterten so sehr, dass ich befürchtete, sie würde jeden Moment laut loslachen. Ich musste mich ebenfalls beherrschen.
>>Professor Fledermaus<<, murmelte Ruby kaum hörbar in meine Richtung, >>hat heute wirklich gute Laune.<<
Ich senkte den Blick auf meinen Kessel, damit niemand bemerkte, wie sich ein kleines Schmunzeln auf mein Gesicht schlich. >>Ich fürchte<<, flüsterte ich zurück, >>das war bereits seine freundliche Seite.<<
Ruby musste sich so stark zusammenreißen, dass ihr beinahe der Löffel in den Kessel fiel. Ich schüttelte kaum merklich den Kopf und widmete mich wieder meinem Kessel.
Zwei fein gehackte Baldrianwurzeln. Langsam einrühren. Nicht hastig. Der Trank nahm bereits den richtigen silbrig-blauen Farbton an. Perfekt.
Ich griff nach den getrockneten Lavendelblüten, zerdrückte sie zwischen den Fingern und ließ sie langsam in die Flüssigkeit rieseln. Ein angenehmer Duft stieg auf. Jetzt. Mondsteinpulver. Vorsichtig. Nicht zu viel.
Ich rührte exakt siebenmal gegen den Uhrzeigersinn. Der Trank begann leicht zu schimmern. Ein zufriedenes Lächeln erschien auf meinem Gesicht. Es funktionierte. Natürlich funktionierte es. Zaubertränke fühlten sich für mich nie wie Unterricht an. Sie waren vielmehr...Kunst.
Nein. Etwas noch Schöneres. Sie waren Harmonie. Alles griff ineinander wie ein präzises Uhrwerk. Keine Hektik. Kein Chaos. Nur Konzentration. Ich bemerkte gar nicht, wie sich Schritte näherten. Erst als ein Schatten auf meinen Kessel fiel, blickte ich auf.
Professor Snape stand direkt neben mir. Sein Gesicht blieb wie immer regungslos. Er sagte nichts. Seine dunklen Augen wanderten lediglich zwischen meinem Trank und meinen Händen hin und her. Ich arbeitete einfach weiter.
Ließ die letzten Tropfen Mohnextrakt in den Kessel gleiten. Einmal umrühren. Das Feuer löschen. Der silbrige Nebel, der aufstieg, war fein und gleichmäßig. Genau so sollte es sein.
Snape hob langsam eine Augenbraue. >>Miss Stonefield.<<
Ich sah zu ihm auf. >>Ja, Professor?<<
>>Wo haben Sie gelernt, einen Schlaftrank dieser Schwierigkeit herzustellen?<<
>>Im Unterricht.<<
>>Dieser Trank wird gewöhnlich mehrere Schuljahre später behandelt.<<
>>Dann habe ich wohl etwas vorausgelesen.<<
Das entsprach sogar der Wahrheit. Nur verschwieg ich, dass dieses Vorauslesen ungefähr fünfzig Jahre zurücklag. Sein Blick blieb auf meinem Kessel liegen. Er nahm eine Kelle, schöpfte etwas von dem Trank heraus und betrachtete aufmerksam dessen Konsistenz.
Kein Wort fiel. Die gesamte Klasse beobachtete uns inzwischen. Sogar Pansy hatte aufgehört, Draco anzuschmachten.
Schließlich stellte Snape die Kelle wieder ab. >>Exzellente Viskosität.<< Mein Herz machte einen kleinen Sprung. >>Die Farbe entspricht exakt der Idealrezeptur.<< Er hielt kurz inne. >>Keine Klumpenbildung.<< Seine dunklen Augen ruhten erneut auf mir. >>Beeindruckend.<<
Im Kerker wurde es mucksmäuschenstill. Ich war mir ziemlich sicher, dass dieses Wort in Professor Snapes Wortschatz ungefähr so häufig vorkam wie Sonnenschein in seinen Gemächern. >>Fünfzehn Punkte für Slytherin.<<
Neben mir japste Pansy überrascht. Selbst Draco blickte nun kurz von seinem Kessel auf. Ich spürte, wie sich unwillkürlich ein Lächeln auf mein Gesicht schlich. Nicht wegen der Punkte. Sondern weil ich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder dieses Gefühl empfand.
Diese aufrichtige Freude. Nicht über einen Sieg. Nicht über eine gelungene Mission. Sondern einfach darüber, etwas zu tun, das ich von Herzen liebte. Snape schien meinen Gesichtsausdruck einen Moment lang zu mustern. Etwas veränderte sich kaum merklich in seinem Blick. Nur für den Bruchteil einer Sekunde. Fast wirkte es, als überrasche ihn meine ehrliche Begeisterung mehr als der gelungene Trank selbst. Dann setzte er seine gewohnte Miene wieder auf, drehte sich wortlos um und schritt zum nächsten Kessel.
Ruby begegnete meinem Blick erneut. Sie hob beide Daumen und grinste breit. Ich schüttelte schmunzelnd den Kopf. Vielleicht war Hogwarts doch nicht nur ein Ort voller Schatten. Vielleicht gab es hier auch Augenblicke, die einen für kurze Zeit vergessen ließen, weshalb man überhaupt hier war.
Als die Glocke das Ende der Stunde verkündete, herrschte im Kerker sofort geschäftiges Treiben. Stühle wurden zurückgeschoben, Bücher eingepackt und Kessel geleert. Überall unterhielten sich die Schüler über den ungewöhnlich schwierigen Trank oder darüber, wie viele Hauspunkte Professor Snape diesmal wieder verteilt – oder abgezogen – hatte.
Ich hingegen blieb noch einen Augenblick an meinem Arbeitsplatz stehen. Mein Blick ruhte auf dem inzwischen leeren Kessel. Unwillkürlich strich ich mit den Fingern über den kalten Rand. Es war lange her, dass ich mich so...leicht gefühlt hatte. Fast beschwingt. Ein Gefühl, das ich nach all den Jahrzehnten kaum noch kannte. >>Lucinda?<< Ich blinzelte. Ruby stand bereits neben mir und hatte ihre Tasche geschultert. >>Du lächelst.<<
>>Tue ich das?<<
>>Und wie.<<
Ich konnte es nicht einmal abstreiten. >>Es hat einfach Spaß gemacht.<<
Ruby musterte mich einen Moment, ehe sie breit grinste. >>Ich wusste gar nicht, dass man beim Brauen eines Schlaftrankes so glücklich aussehen kann.<<
>>Man kann.<<
>>Offenbar.<<
Gemeinsam verließen wir den Kerker und reihten uns in den Strom der Schüler ein. Ich bemerkte kaum, wohin meine Füße mich trugen. In Gedanken war ich noch immer bei den Zutaten. Bei den feinen Bewegungen. Dem Schimmer des Trankes. Und...bei Professor Snape.
Ich runzelte leicht die Stirn. >>Was?<<
Ruby sah mich mit einem Ausdruck an, den ich nur zu gut kannte. Sie hatte irgendeinen Unsinn im Kopf. >>Nichts.<<
>>Ruby.<<
>>Gar nichts.<<
>>Du grinst.<< Ich blieb stehen. >>Raus damit.<<
Sie verschränkte grinsend die Arme. >>Na schön.<< Ich ahnte Schlimmes. >>Unser werter Professor Fledermaus...<<, setzte sie an, als ich den Satz auch schon vollendete.
>>...hat Unterricht gehalten.<<
>>Nein.<< Sie schüttelte den Kopf. >>Der hat dich beobachtet.<<
Ich schnaubte. >>Er hat meinen Trank bewertet.<<
>>Nein.<<
>>Doch.<<
>>Lucinda.<<
>>Ruby.<<
>>Der Mann hat dich angesehen, als hätte gerade jemand ein Einhornfohlen im Kerker ausgesetzt<<, brachte sie hervor.
Ich hob eine Augenbraue. >>Das bezweifle ich.<<
>>Ich nicht.<<
>>Er hat lediglich festgestellt, dass mein Trank gelungen ist<<, meinte ich und setzte mich wieder in Bewegung, doch Ruby grinste nur noch breiter.
>>Und anschließend konnte er kaum den Blick von dir lösen.<<
>>Er hat vermutlich überlegt, ob ich irgendwo geschummelt habe.<<
Ruby lachte. >>Du bist hoffnungslos.<<
>>Realistisch.<<
>>Blind.<<
>>Sachlich.<<
>>Professor Fledermaus findet dich interessant.<<
Ich musste unwillkürlich lachen. >>Das glaube ich sogar.<<
Ruby blinzelte überrascht. >>Moment...wirklich?<<
>>Natürlich.<<
Sie sah mich einen Moment sprachlos an. >>Du gibst es also zu?<<
>>Nicht das, was du gerade denkst.<< Ich schüttelte amüsiert den Kopf. >>Severus Snape interessiert sich nicht für Menschen.<<
>>Sondern?<<
>>Für Geheimnisse.<<
Ruby legte den Kopf schief. >>Und komplizierte Rätsel.<< Langsam begann sie zu grinsen.
Ich seufzte. >>Er versucht herauszufinden, warum ausgerechnet eine Schülerin, die angeblich neu an Hogwarts ist, einen Trank braut, den gewöhnlich ältere Jahrgänge kaum fehlerfrei hinbekommen.<<
>>Du meinst also...<<
>>…ich bin für ihn kein interessantes Mädchen.<< Ich deutete mit dem Daumen auf mich. >>Ich bin ein interessantes Geheimnis.<<
Ruby betrachtete mich einen Moment nachdenklich. >>Weißt du...<<
>>Hm?<<
>>Das klingt erschreckend plausibel.<<
>>Eben.<<
Sie grinste trotzdem wieder. >>Schließt das eine das andere aus?<<
Ich warf ihr einen vielsagenden Blick zu. >>Du gibst wirklich nie auf.<<
>>Nicht, wenn ich dich ärgern kann.<<
Ich schüttelte schmunzelnd den Kopf. >>Dann wünsche ich dir weiterhin viel Erfolg.<<
>>Den werde ich haben.<<
>>Davon bin ich überzeugt.<< Ich musste leise lachen. >>Ach, Ruby...<<
Sie grinste mich noch immer an, als wäre sie felsenfest davon überzeugt, gerade die größte Verschwörung Hogwarts' aufgedeckt zu haben. Ich schüttelte schmunzelnd den Kopf. >>Vergiss Professor Fledermaus für einen Moment. Ich muss dir etwas zeigen.<<
Ruby runzelte überrascht die Stirn. >>Mir zeigen?<<
Ich nickte geheimnisvoll. >>Komm einfach mit.<<
>>Jetzt machst du mich neugierig.<<
>>Das ist auch der Plan.<<
Sie schloss rasch zu mir auf. >>Geht es um unsere Mission? Hast du schon etwas herausgefunden? Einen Hinweis in Slytherin?<<
>>Nein.<<
>>Etwas über Vold...<<, setzte sie an, doch ich unterbrach sie.
>>Nein.<<
>>Dann verstehe ich überhaupt nichts mehr.<<
Ich lächelte nur und führte sie durch das Schloss hinaus auf das Gelände. Ruby musterte mich inzwischen misstrauisch. >>Lucinda, wenn das wieder einer deiner dramatischen Überraschungsmomente wird...<<
>>Ist es nicht.<<
>>Sicher?<<
>>Absolut.<<
Sie verschränkte die Arme. >>Du wirkst allerdings verdächtig glücklich.<<
Ich konnte nicht verhindern, dass mein Lächeln noch etwas breiter wurde. >>Vielleicht bin ich das ja auch.<<
Ruby blieb abrupt stehen. >>Moment, du bist glücklich? In Hogwarts? Freiwillig?<<
Ich lachte. >>Jetzt komm endlich.<<
Kopfschüttelnd folgte sie mir bis an den Rand des Verbotenen Waldes. Kaum betraten wir die ersten Schatten der alten Bäume, veränderte sich die Atmosphäre. Das Stimmengewirr der Schüler verklang hinter uns, stattdessen erfüllten Vogelrufe und das leise Rauschen der Blätter die Luft.
Ruby sah sich aufmerksam um. >>Also gut, was genau suchen wir hier?<<
Ich antwortete nicht. Stattdessen blieb ich vor einer alten Eiche stehen. Ein sanftes Lächeln legte sich auf meine Lippen. >>Ich bin wieder da<<, sagte ich leise in den Wald hinein.
Ruby warf mir einen fragenden Blick zu. >>Lucinda...?<<
Im selben Moment erklang ein bekanntes Rascheln. Dann noch eines. Und noch eines. Zwischen den Ästen tauchten winzige Gestalten auf. Erst zwei. Dann fünf. Dann ein ganzes Dutzend.
Ruby riss überrascht die Augen auf. >>Bowtruckles...<<
Kaum hatten die kleinen Baumwächter mich erkannt, brach unter ihnen regelrechte Aufregung aus. Fröhliches Zirpen erfüllte den Wald. >>Oh nein...<<, murmelte ich lachend. Zu spät.
Der erste Bowtruckle sprang beherzt vom Ast direkt auf meine Schulter. Ein zweiter landete auf meinem Kopf. Ein dritter hangelte sich an meinem Ärmel empor. >>Na wartet doch mal...!<< Meine Worte gingen im fröhlichen Durcheinander unter.
Innerhalb weniger Sekunden wurde ich regelrecht belagert. Mehrere kleine Ärmchen klammerten sich an meinen Pullover. Einer balancierte geschickt über meinen ausgestreckten Arm, während ein anderer mit sichtlicher Begeisterung durch meine langen dunklen Haare kletterte, als hätte er dort den bequemsten Baum des Waldes gefunden. Ein besonders mutiger Bowtruckle setzte sich sogar direkt auf meine Nase.
Ich begann schallend zu lachen. >>Du machst es dir ja bequem!<<
Das kleine Wesen zirpte zufrieden und bewegte sich keinen Zentimeter. Ein weiterer hatte inzwischen meinen Finger umklammert und schmiegte seinen winzigen Kopf dagegen. >>Ihr habt mich also wirklich vermisst...<<, sagte ich gerührt.
Die Antwort bestand aus einem Chor fröhlicher Zirplaute. Ruby stand vollkommen regungslos daneben. Sie beobachtete, wie mittlerweile bestimmt fünfzehn Bowtruckles gleichzeitig versuchten, einen Platz auf mir zu ergattern.
>>Bei Merlin...<<, murmelte sie.
Ich sah grinsend zu ihr auf. >>Na? Was sagst du jetzt?<<
Ruby schüttelte langsam den Kopf. >>Ich wusste, dass du eine besondere Verbindung zu ihnen hast...<< Sie deutete auf meine inzwischen völlig von Bowtruckles besetzten Schultern. >>...aber das hier ist keine Verbindung mehr.<<
Gerade kletterte einer der Kleinsten auf meinen Kopf und streckte triumphierend beide Ästchenarme in die Höhe. Ruby konnte sich das Lachen nicht länger verkneifen. >>Das ist ein regelrechter Überfall!<<
>>Ja...<<, erwiderte ich schmunzelnd, während ich einem der kleinen Geschöpfe liebevoll über den Kopf strich. >>...und ich glaube, ich habe keine Chance, mich dagegen zu wehren.<<
Fast gleichzeitig rückten die Bowtruckles noch ein Stück näher an mich heran, als wollten sie unmissverständlich klarmachen, dass sie keineswegs vorhatten, mich so schnell wieder gehen zu lassen. Und während Ruby lachend den Kopf schüttelte, empfand ich Freude über diesen unbeschwerten Augenblick, von welchen es in den letzten Jahren viel zu wenige gegeben hatte.
***
Severus PoV
Die letzten Schüler hatten den Kerker längst verlassen. Nur das leise Knacken der Fackeln durchbrach die Stille, während Severus Snape schweigend zwischen den Arbeitstischen entlangging. Mit einer flüchtigen Bewegung seines Zauberstabs säuberten sich einige Arbeitsflächen von selbst, leere Phiolen schwebten zurück in die Regale und mehrere Kessel reihten sich ordentlich entlang der Wand auf. Sein Blick blieb schließlich an einem einzigen Kessel hängen. Lucinda Stonefield.
Er trat näher heran und betrachtete den Rest des Schlaftranks, der noch am Boden schimmerte. Die silbrig-blauen Schlieren bewegten sich langsam durch die Flüssigkeit, genau so, wie es die erweiterte Rezeptur vorsah. Keine Trübung. Keine falsche Färbung. Nicht einmal ein leichter Geruch nach verbranntem Baldrian, wie er selbst bei fortgeschrittenen Schülern häufig entstand.
Makellos.
Severus nahm den Kessel in die Hand und ließ den Trank leicht kreisen. Nicht nur das Endergebnis war bemerkenswert. Er erinnerte sich genau an jede einzelne Bewegung der jungen Slytherin. Kein Zögern. Keine Unsicherheit. Sie hatte weder das Rezept mehrfach lesen noch die Mengenangaben kontrollieren müssen. Ihre Hände hatten gearbeitet, als wäre ihr jeder Handgriff seit Jahren vertraut. Selbst den entscheidenden Moment, in dem der Trank exakt siebenmal gegen den Uhrzeigersinn gerührt werden musste, hatte sie instinktiv getroffen. Ein Fehler, an dem selbst viele Schüler der sechsten oder siebten Klasse regelmäßig scheiterten. Und dennoch...sie war angeblich neu.
Severus stellte den Kessel langsam wieder ab. >>Merkwürdig...<<, murmelte er kaum hörbar.
Seine Gedanken schweiften unweigerlich zurück zur Unterrichtsstunde. Die meisten Schüler betrachteten Zaubertränke als notwendiges Übel. Manche arbeiteten aus Ehrgeiz, andere aus Angst vor seinen Kommentaren. Lucinda Stonefield jedoch...hatte Freude empfunden.
Nicht aufgesetzte Begeisterung, um Eindruck zu machen. Nicht den Stolz einer Schülerin, die sich beweisen wollte. Es war etwas anderes gewesen. Während sie den Trank gebraut hatte, war ihre sonst so verschlossene Haltung beinahe vollständig verschwunden. Ihre Aufmerksamkeit hatte einzig dem Kessel gegolten. Mehr als einmal hatte er beobachtet, wie ein kaum wahrnehmbares Lächeln ihre Lippen gestreift hatte, sobald ein Zwischenschritt gelang. Als hätte sie für einen kurzen Augenblick alles um sich herum vergessen.
Er erinnerte sich an ihren Gesichtsausdruck. An diese bemerkenswerte Ruhe. An die Selbstverständlichkeit, mit der sie Zutaten verarbeitet hatte, deren Eigenschaften viele Erwachsene erst nach Jahren vollständig verstanden. Sie versuchte, nicht aufzufallen. Davon war Severus inzwischen überzeugt. Doch genau dieses Bemühen hatte den gegenteiligen Effekt.
Je mehr Lucinda Stonefield sich im Hintergrund hielt, desto deutlicher hob sie sich von den übrigen Schülern ab. Nicht nur durch ihre Fähigkeiten. Sondern durch ihre Haltung. Sie beobachtete ihre Umgebung mit ungewöhnlicher Aufmerksamkeit, sprach nur, wenn es notwendig war, und schien jede ihrer Reaktionen sorgfältig abzuwägen. Fast...als hätte sie bereits gelernt, dass ein einziges unbedachtes Wort gefährlich werden konnte.
Severus verschränkte die Arme. Dann dachte er an die zweite neue Schülerin. Ruby Chadwick. Während seines Rundgangs war sein Blick eher beiläufig auf ihre Pergamentrolle gefallen. Zunächst hatte er angenommen, sie würde sich lediglich besonders gewissenhaft Notizen machen. Doch zwischen den sauber geschriebenen Zeilen waren ihm immer wieder seltsame Zeichen aufgefallen.
Kleine Kreise. Verschlungene Linien. Runenähnliche Symbole. Formeln, die keinem bekannten Notationssystem für Zaubertränke entsprachen. Er hatte sie nur flüchtig gesehen, aber sein Gedächtnis täuschte ihn nur selten. Diese Zeichen waren mit Bedacht gesetzt worden.
Nicht als Kritzeleien. Nicht aus Langeweile. Sie hatten eine Bedeutung. Welche, konnte er allerdings nicht sagen. Alchemistische Symbole vielleicht? Ein längst vergessenes Verschlüsselungssystem? Oder etwas vollkommen anderes?
Ruby Chadwick hatte die Pergamentrolle beinahe unmerklich gedreht, sobald sie bemerkte, dass er sich näherte. Ein Reflex. Unauffällig. Aber nicht unbemerkt.
Severus ließ den Blick durch den leeren Kerker schweifen.
Lucinda Stonefield.
Ruby Chadwick.
Zwei Schülerinnen, die offiziell erst seit wenigen Tagen in Hogwarts waren. Die eine beherrschte Zaubertränke auf einem Niveau, das kaum zu ihrem Alter passte. Die andere machte sich verschlüsselte Aufzeichnungen, deren Herkunft selbst ihm fremd erschien. Beide hielten sich auffällig zurück. Beide beobachteten ihre Umgebung. Beide schienen darauf bedacht, möglichst wenig über sich preiszugeben.
Er erinnerte sich an den kurzen Blickwechsel zwischen den beiden nach Unterrichtsende. Kein Wort war gefallen. Und doch hatten sie sich verstanden. Als hätten sie sich über Jahre hinweg daran gewöhnt, ohne viele Worte miteinander zu kommunizieren.
Severus nahm Lucindas Kessel ein letztes Mal in Augenschein. Ein kaum merkliches Schmunzeln huschte über sein Gesicht, ehe seine gewohnte, undurchdringliche Miene zurückkehrte. >>Ihr verbergt etwas...<<, sagte er leise in den verlassenen Kerker hinein. Seine dunklen Augen verengten sich nachdenklich. >>...und ich werde herausfinden, was es ist.<<
Mit einer knappen Bewegung seines Zauberstabs verschwand auch der letzte Kessel an seinen Platz. Der Kerker lag wieder vollkommen still da. Doch Severus wusste bereits jetzt, dass Lucinda Stonefield und Ruby Chadwick seinen Unterricht in diesem Schuljahr weit mehr beschäftigen würden als jeder Trank, den seine Schüler zu brauen hatten.