Zwischen Ruhm und Misstrauen
Zwischen Ruhm und Misstrauen
Hallo, meine Lieben :) So, wir starten in eine neue Woche und zwar mit einem neuen Kapitel Vielen Dank für den vierten Stern *-* und an „Feenbrise“ für das schöne Review und auch heute bleibt es ereignisreich. Die Mission unserer beiden Hexen beginnt, was keineswegs ohne Hindernisse bleibt. Ich wünsche euch viel Spaß beim Weiterlesen und einen guten Start in die erste Augustwoche ;)
Liebe Grüße,
eure Melody
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Zwischen Ruhm und Misstrauen
Lucinda PoV
Der nächste Morgen begann mit einer Überraschung, auf die ich gut und gerne hätte verzichten können. Noch bevor ich überhaupt richtig wach geworden war, starrten mich Daphne Greengrass und Pansy Parkinson an, als hätte ich über Nacht beschlossen, den Schwarzen See leerzutrinken.
>>Also ehrlich, Stonefield...<<, begann Pansy und verschränkte die Arme. >>Fünfzehn Punkte für Slytherin. In der ersten Zaubertränkestunde bei Professor Snape.<<
Daphne nickte anerkennend. >>Das schafft normalerweise niemand. Schon gar keine Neue.<<
Ich seufzte innerlich. Na wunderbar. Genau das hatte ich vermeiden wollen. >>Es war nur ein Schlaftrank<<, entgegnete ich möglichst beiläufig und band mir die Krawatte.
>>Nur ein Schlaftrank?<<, wiederholte Pansy ungläubig.
>>Ein erweiterter Schlaftrank.<<, verbesserte Daphne sie sofort. >>Selbst Marcus aus der siebten Klasse hat letztes Jahr dafür einen halben Kessel gesprengt.<<
>>Und Snape verteilt Punkte ungefähr so großzügig wie Filch Weihnachtsgeschenke<<, ergänzte Pansy trocken.
Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. >>Vielleicht hatte er einfach gute Laune.<<
Beide Mädchen sahen mich an, als hätte ich gerade behauptet, Professor Snape würde heimlich Einhörner streicheln. >>Professor Snape? Gute Laune?<<
Pansy prustete los. >>Der war vermutlich nur überrascht, dass überhaupt jemand seinen Unterricht überlebt hat.<<
Ich hob ergeben die Hände. >>Dann einigen wir uns darauf.<<
Innerlich fasste ich jedoch einen Entschluss. Das durfte sich nicht wiederholen. Zu viel Aufmerksamkeit war das Letzte, was ich gebrauchen konnte. Zaubertränke gehörte seit jeher zu meinen größten Leidenschaften, aber wenn ich weiterhin derart auffiel, würde früher oder später jemand Fragen stellen. Und Fragen konnten gefährlich werden.
Eine halbe Stunde später setzte ich diesen Entschluss bei Professor Snape in die Tat um. Ich hielt mich mit Fachwissen zurück. Lauschte stumm seinen Erklärungen und schrieb konzentriert mit, wenn er etwas an die Tafel schrieb.
Der Unterricht verlief zunächst erstaunlich ruhig. Zumindest bis sich die Kerkertür mit einem lauten Knall öffnete. Alle Köpfe drehten sich gleichzeitig um. Castor Thornbloom schlenderte herein. Zu spät. Natürlich.
Sein rotblondes Haar war völlig zerzaust, als hätte er eben erst das Bett verlassen. Die grün-silberne Krawatte hing schief um seinen Hals und seine Robe war halb geöffnet. Mehrere Mädchen kicherten sofort. Der Grund dafür ließ sich kaum übersehen. Mitten an seinem Hals prangte ein auffällig roter Kussfleck.
Castor grinste selbstgefällig. >>Verzeihung, Professor<<, sagte er vollkommen unbeeindruckt. >>Ich wurde...aufgehalten.<<
Das Kichern im Raum wurde lauter. Professor Snape hingegen sah ihn an, als überlege er ernsthaft, ob Mord im Schulgesetz mittlerweile erlaubt war. Langsam legte er die Kreide beiseite. >>Mr Thornbloom.<< Allein die Art, wie er den Namen aussprach, ließ die Temperatur im Kerker gefühlt um zehn Grad sinken. >>Es ist außerordentlich beruhigend zu wissen, dass Ihre Prioritäten offensichtlich...eindeutig gesetzt sind.<<
Castor lächelte noch immer. >>Vielen Dank, Professor.<<
>>Das war kein Kompliment.<< Mit wehendem Umhang trat Snape auf ihn zu. >>Zwanzig Punkte Abzug für Slytherin wegen Zuspätkommens. Und da Sie offenbar genügend Freizeit besitzen, um sich derart... intensiv...Ihren gesellschaftlichen Verpflichtungen zu widmen, werden Sie heute Abend drei Stunden nachsitzen.<<
Castors Grinsen bekam einen kleinen Riss. >>Drei Stunden?<<
>>Möchten Sie vier daraus machen?<<
>>Nein, Professor.<<
>>Ausgezeichnet. Setzen Sie sich. Und falls ich während des Unterrichts noch einmal dieses selbstzufriedene Grinsen sehen sollte, finden wir gewiss weitere Beschäftigungen für Sie.<<
Castor ließ sich wortlos auf seinen Platz fallen. Kaum hatte Snape ihm den Rücken zugedreht, grinste er jedoch erneut. Diesmal deutlich vorsichtiger. Ich musste mir ernsthaft auf die Lippen beißen. Ruby fing meinen Blick auf der anderen Seite des Raumes ein und schüttelte amüsiert den Kopf.
Offenbar hatte Professor Fledermaus seinen Meister gefunden.
In der zweiten Zaubertränkestunde fiel mir etwas auf, das mich zunehmend beschäftigte. Harry Potter.
Ich hatte bereits erwartet, dass Professor Snape streng unterrichtete. Doch was ich nun beobachtete, war etwas anderes. Er schien Harry regelrecht im Visier zu haben. Kaum beantwortete Harry eine Frage nicht schnell genug, folgte bereits die nächste Spitze. >>Offenbar verlassen Sie sich wieder auf pures Glück, Potter.<<
Oder: >>Ich hätte angenommen, dass selbst Sie inzwischen gelernt hätten, eine Asphodelwurzel von einem Rettich zu unterscheiden.<<
Ron verzog jedes Mal empört das Gesicht. Hermine hob ständig die Hand, durfte jedoch kaum antworten. Harry selbst versuchte, ruhig zu bleiben. Ich beobachtete die Szene schweigend. Das war keine gewöhnliche Strenge.
Es wirkte...persönlich.
Warum? Diese Frage ließ mich während des gesamten Unterrichts nicht los. Als die Stunde beendet war, traf sich mein Blick kurz mit Ruby. Sie hatte offenbar dieselbe Beobachtung gemacht. Ein kaum merkliches Stirnrunzeln genügte. Wir mussten nicht darüber sprechen.
Kaum hatten wir die Kerker verlassen, holte Ruby zu mir auf. Das Stimmengewirr der anderen Schüler verklang allmählich hinter uns, während wir den Korridor entlanggingen. Einige Augenblicke schwiegen wir beide. Schließlich war Ruby die Erste, die das Wort ergriff. >>Ist dir aufgefallen, wie Professor Fledermaus Harry behandelt<<
Ich nickte langsam. >>Leider ja.<<
>>Das war mehr als nur Strenge.<<
>>Genau das denke ich auch.<<
Ich ließ den Blick nachdenklich über die vorbeiziehenden Steinmauern gleiten. >>Er scheint Harry regelrecht im Visier zu haben. Jeder kleine Fehler wird kommentiert, jede Antwort infrage gestellt. Das wirkte...persönlich.<<
Ruby verzog nachdenklich das Gesicht. >>Harry hat sich allerdings erstaunlich gut beherrscht. Ich hätte ehrlich gesagt erwartet, dass er irgendwann zurückschießt.<<
>>Vielleicht hat er längst gelernt, dass das nichts bringt.<<
Einen Moment gingen wir schweigend nebeneinander her. Ich dachte an Harrys Gesichtsausdruck während des Unterrichts. Er wirkte weder trotzig noch überheblich. Eher...resigniert. Als wäre diese Behandlung längst zur Gewohnheit geworden. Dieses Bild gefiel mir überhaupt nicht.
>>Behalte Harry im Auge<<, sagte ich schließlich ernst.
Ruby sah mich fragend an. >>Du glaubst, daraus könnte noch ein größeres Problem werden?<<
>>Ich weiß es nicht.<< Ich schüttelte leicht den Kopf. >>Aber falls Professor Snape tatsächlich einen persönlichen Groll gegen ihn hegt, sollten wir vorbereitet sein. Harry hat im Moment ohnehin genug Schwierigkeiten. Das Letzte, was er gebrauchen kann, ist ein Lehrer, der ihm das Leben zusätzlich schwer macht.<<
Ruby nickte ohne zu zögern. >>Mach ich. Im Unterricht sitzt er ohnehin nicht weit von mir entfernt. Wenn etwas Auffälliges passiert, bekomme ich es mit.<<
>>Gut.<<
Ein paar Schritte später blieb Ruby plötzlich stehen. Ein schelmisches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. >>Weißt du, vielleicht müssen wir gar nicht lange rätseln.<<
Ich hob fragend eine Augenbraue. >>Wie meinst du das?<<
>>Sirius.<<
Ich blinzelte. >>Sirius?<<
>>Na klar.<< Ruby zuckte mit den Schultern. >>Professor Snape und Sirius müssten ungefähr derselbe Jahrgang gewesen sein. Wenn ich mich richtig erinnere, waren sie sogar gemeinsam in Hogwarts. Vielleicht weiß Sirius, warum Snape Harry so behandelt. Oder zumindest, wie Snape früher gewesen ist.<<
Ich dachte einen Moment darüber nach. Je länger ich darüber nachdachte, desto sinnvoller erschien mir der Vorschlag. Wenn jemand etwas über Severus Snapes Vergangenheit wusste, dann vermutlich jemand, der ihm während der Schulzeit begegnet war. >>Das ist tatsächlich keine schlechte Idee<<, gab ich schließlich zu.
Ruby grinste zufrieden. >>Ich wusste doch, dass dir der Einfall gefällt.<<
>>Wir sollten ihn bei Gelegenheit danach fragen.<< Ich verschränkte nachdenklich die Arme. >>Je mehr wir über Professor Snape wissen, desto besser können wir ihn einschätzen. Im Moment ist er für mich noch ein einziges Rätsel.<<
Ruby schmunzelte. >>Und wir wissen ja inzwischen, wie sehr Professor Fledermaus Rätsel mag.<<
Ich musste unwillkürlich lachen. >>Dann wird es höchste Zeit, dass wir anfangen, auch sein eigenes zu lösen.<<
Mit diesem Gedanken setzten die beiden ihren Weg fort, ohne zu ahnen, dass die Vergangenheit zwischen Sirius Black und Severus Snape weitaus tiefere Wunden hinterlassen hatte, als sie sich in diesem Augenblick vorstellen konnten. ***
Am Nachmittag rückte schließlich das Gesprächsthema schlechthin wieder in den Mittelpunkt. Der Feuerkelch.
Die Große Halle war ungewöhnlich belebt. Überall diskutierten Schüler darüber, wer sich wohl als Champion bewerben würde. Ein Name fiel besonders häufig.
Cedric Diggory.
Als der Hufflepuff-Schüler entschlossen auf den Feuerkelch zuging und seinen Zettel hineinwarf, brandete lauter Applaus auf. Cedric lächelte bescheiden. Er wirkte sympathisch. Mutig. Und genau deshalb zog sich plötzlich etwas in meiner Brust zusammen.
Ich konnte nicht erklären warum. Aber mein ungutes Gefühl kehrte zurück. Es war dieselbe innere Warnung, die mich schon bei Moody begleitet hatte. Fast unbewusst umklammerte ich den Ärmel meiner Robe.
>>Lucinda?<<, fragte Ruby leise.
>>Ich weiß nicht...<<, murmelte ich.
>>Was?<<
Ich beobachtete die blauen Flammen des Feuerkelchs. >>Irgendetwas stimmt nicht.<<
Noch während ich sprach, öffnete sich erneut die Tür der Großen Halle. Igor Karkaroff trat ein. Sofort verkrampfte sich mein Magen.
Mein Blick blieb unweigerlich an dem ehemaligen Todesser hängen, der mit ruhigen Schritten den Raum betrat und einige Lehrer höflich begrüßte. Er kannte mich nicht. Wie auch?
Als Tom begann, seine Anhänger um sich zu scharen, galt ich bereits seit Jahrzehnten als tot. Und dennoch...
Allein seine Anwesenheit genügte, um alte Erinnerungen wachzurufen. Ich wusste genau, wem dieser Mann einst die Treue geschworen hatte. Meinem Bruder.
Einem Zauberer, dessen Ideologie unzählige Leben zerstört hatte.
Ob Karkaroff seine Vergangenheit inzwischen bereute oder nicht, spielte in diesem Moment kaum eine Rolle. In meinen Augen blieb er einer jener Menschen, die Tom freiwillig gefolgt waren, als andere noch die Möglichkeit gehabt hatten, sich gegen ihn zu stellen.
Unwillkürlich verspannte sich mein ganzer Körper. Ruby bemerkte es sofort. Ohne ein Wort zu sagen, legte sie ihre Hand sanft auf meinen Unterarm. Eine kleine Geste. Mehr brauchte es nicht. Ich schloss für einen Augenblick die Augen und atmete langsam aus.
>>Alles in Ordnung?<<, flüsterte sie.
Ich nickte kaum merklich. >>Ja...<<, antwortete ich leise. Dann sah ich erneut zu Karkaroff hinüber. >>Ich kann nur nicht begreifen, dass ausgerechnet ein ehemaliger Todesser heute als Ehrengast durch Hogwarts läuft.<<
Ruby folgte meinem Blick. Ihre Miene wurde ernst. >>Vielleicht ist genau das die Strafe für Menschen wie ihn<<, sagte sie ruhig. >>Jeden Tag mit der eigenen Vergangenheit leben zu müssen.<<
Ich antwortete nicht. Vielleicht hatte sie recht. Vielleicht auch nicht. Doch eines wusste ich mit Gewissheit: Es fühlte sich falsch an, einen Mann unter demselben Dach zu wissen, der meinem Bruder einst freiwillig gefolgt war. Und dieses Gefühl ließ sich nicht so einfach abschütteln.
Zum Glück folgte anschließend eines unserer Lieblingsfächer.
Alte Runen.
Professor Bathsheda Babbling begrüßte uns freundlich und begann bereits nach wenigen Minuten mit einer anspruchsvollen Übersetzungsaufgabe. Noch bevor die meisten Schüler überhaupt den ersten Satz entschlüsselt hatten, hob Ruby die Hand.
Professor Babbling lächelte erfreut. >>Miss Chadwick?<<
Ruby erklärte nicht nur die Übersetzung, sondern stellte zusätzlich einen Zusammenhang zu einem deutlich älteren Runensystem her. Professor Babblings Augen begannen regelrecht zu leuchten. >>Hervorragend!<< Sie trat näher an Rubys Tisch. >>Diese Verbindung erkennen viele Studenten nicht einmal im sechsten Schuljahr. Außergewöhnlich kombiniert. Zehn Punkte für Ravenclaw.<<
Ruby lächelte bescheiden. Als wäre das nichts Besonderes. Ich hingegen musste schmunzeln. Genau das war Ruby. Sie dachte niemals nur einen Schritt voraus. Sondern gleich zehn. Wo andere einzelne Zeichen sahen, erkannte sie Muster. Wo andere Rätsel fanden, entdeckte sie Lösungen.
Schon damals hatte sie Formeln verstanden, die selbst gestandene Alchemisten vor Schwierigkeiten stellten. Und ohne ihren außergewöhnlichen Verstand...gäbe es mich heute nicht mehr.
Sie hatte den Fluch erschaffen, der mich nach Toms Todesfluch an das Leben zurückband. Seit jenem Tag trug sie die Last dieser Entscheidung gemeinsam mit mir – und hatte nie auch nur einen einzigen Moment bereut, mich gerettet zu haben.
Während Professor Babbling Ruby noch immer lobte, lächelte ich unwillkürlich. Nein. Eine bessere Freundin hätte ich mir niemals wünschen können. Und für unsere Mission, Tom Riddle endgültig zu vernichten, gab es niemanden, dem ich lieber mein Leben anvertrauen würde als Ruby Chadwick.
***
Der Weg zur nächsten Stunde verlief erstaunlich ruhig. Zumindest so lange, bis wir den Verwandlungssaal betraten. Kaum hatte Castor Thornbloom den Raum betreten, schien ein Teil der weiblichen Schülerschaft jegliche Konzentration auf Professor McGonagalls Unterricht verloren zu haben.
>>Castor!<<, rief ein Mädchen aus Hufflepuff fröhlich.
>>Hast du heute Nachmittag schon etwas vor?<<, fragte eine Ravenclaw-Schülerin mit einem vielsagenden Lächeln.
Castor fuhr sich selbstgefällig durch sein ohnehin schon zerzaustes rotblondes Haar und schenkte ihnen sein charmantestes Grinsen. >>Für euch finde ich bestimmt Zeit.<<
Mehrere Mädchen kicherten gleichzeitig. Ich tauschte einen Blick mit Ruby.
>>Beeindruckend<<, murmelte sie.
>>Hm?<<
>>Dass er trotz des Nachsitzens noch genügend Energie besitzt, um weiter Mädchen zu sammeln.<<
Ich musste mir ein Grinsen verkneifen. >>Vielleicht gehört das zu seinen Hobbys.<<
>>Oder zu seinem Stundenplan.<<
Noch bevor Castor auf die nächste Einladung reagieren konnte, erklang eine trockene Stimme. >>Mr Thornbloom.<<
Mit einem Schlag verstummte der gesamte Klassenraum. Professor McGonagall stand vorne am Pult. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Ihre Brille funkelte gefährlich. >>Da Sie offenbar über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügen, mehrere Gespräche gleichzeitig zu führen, nehme ich an, dass Sie ebenso mehrere Aufgaben gleichzeitig bewältigen können.<<
Castor lächelte unsicher. >>Professor...?<<
>>Ausgezeichnet.<<
McGonagall hob ihren Zauberstab. Mit einem kurzen Schwung verwandelte sich Castors Stuhl. Plötzlich bestand die Sitzfläche nicht mehr aus Holz. Sondern aus rosafarbenem Samt. Die Rückenlehne bog sich elegant nach oben und bildete ein riesiges Herz. Auf beiden Armlehnen erschienen goldene Rosen. Der gesamte Stuhl erinnerte eher an einen pompösen Liebesthron als an ein Schulmöbel.
Für einen Sekundenbruchteil herrschte absolute Stille. Dann brach der Klassenraum in schallendes Gelächter aus. Selbst einige Slytherins mussten sich die Bäuche halten.
Castor starrte fassungslos auf seinen neuen Sitzplatz. >>Professor...<<
McGonagall lächelte kühl. >>Ich hielt diese Sitzgelegenheit für angemessener. Schließlich verbringen Sie offenbar einen Großteil Ihrer Aufmerksamkeit mit romantischen Angelegenheiten.<<
Erneut lachte die Klasse. Castor lief sichtbar rot an.
>>Sie dürfen selbstverständlich wieder auf einem gewöhnlichen Stuhl Platz nehmen... sobald Sie mir bewiesen haben, dass Sie während meines Unterrichts mehr Interesse an Verwandlung als an Ihren Verehrerinnen besitzen.<<
Selbst Ruby bekam kaum noch Luft vor Lachen. Ich musste mich ebenfalls zusammenreißen. Professor McGonagall hatte Castor mit einer Eleganz bloßgestellt, die selbst Professor Snape vermutlich anerkennend zur Kenntnis genommen hätte.
Castor setzte sich schließlich widerwillig auf den herzförmigen Thron. Das Gelächter wollte gar nicht mehr enden. Ich bemerkte sogar, wie McGonagalls Mundwinkel für den Bruchteil einer Sekunde zuckten. Vielleicht besaß selbst sie einen Sinn für Humor.
Nach Unterrichtsende verabschiedeten sich Ruby und ich kurz voneinander. Sie musste noch in die Bibliothek. Ich wollte den kürzeren Weg durch den Ostkorridor nehmen. Gedankenverloren lief ich um eine Ecke. Im selben Augenblick kam mir jemand mit erstaunlicher Geschwindigkeit entgegen. >>Vorsicht!<<
Ich machte instinktiv einen Schritt zur Seite. Gerade noch rechtzeitig. Der andere ebenfalls. Wir kamen beide abrupt zum Stehen. Für einen Moment blickten wir uns schweigend an. Harry Potter.
Ich erkannte ihn sofort. Die schwarzen Haare. Die runde Brille. Und die blitzförmige Narbe auf seiner Stirn. Auch Harry musterte mich. Sein Blick fiel sofort auf meine grün-silberne Krawatte. Slytherin. Ich konnte beinahe sehen, wie seine anfängliche Überraschung einer deutlichen Vorsicht wich.
>>Entschuldigung<<, sagte er knapp. Seine Stimme war höflich. Aber reserviert.
Ich nickte leicht. >>Schon gut.<<
Für einen Augenblick sagte niemand etwas. Ich konnte den Blick kaum von ihm lösen. Das war also Harry. Der Junge, für dessen Schutz Ruby und ich nach Hogwarts zurückgekehrt waren. Der Sohn von Lily und James Potter.
Und augenblicklich schnürte sich mir die Kehle zu. Vor meinem inneren Auge blitzte ungewollt das grüne Licht des Todesfluchs auf. Lily. James. Mein Bruder. Tom. Er hatte ihnen jede Zukunft genommen. Und ich...ich hatte ihn damals nicht aufhalten können.
Ein stechendes Schuldgefühl durchfuhr mich. Natürlich trug ich keine Verantwortung für seine Taten. Und dennoch fühlte es sich jedes Mal so an, als würde ein Teil dieser Schuld auf meinen Schultern lasten.
Harry konnte nichts davon wissen. Für ihn war ich lediglich eine neue Schülerin aus Slytherin. Eine weitere Fremde. Vielleicht sogar eine potenzielle Feindin.
Ich zwang mich, jede Regung aus meinem Gesicht zu verbannen. Keine Gefühle. Keine Unsicherheit. Nur die ruhige, unnahbare Fassade, die ich mir für meine Rolle aufgebaut hatte.
Harry schien auf eine Reaktion zu warten. Als keine kam, nickte er knapp. >>Dann...bis später.<<
Ich erwiderte lediglich das Nicken. >>Bis später.<<
Er setzte seinen Weg fort. Nach wenigen Schritten drehte er sich noch einmal flüchtig um. Vielleicht aus Misstrauen. Vielleicht aus Neugier. Dann verschwand er hinter der nächsten Ecke. Ich blieb noch einen Moment regungslos stehen. Mein Blick ruhte auf dem leeren Korridor.
Leise atmete ich aus. >>Es tut mir leid...<<, flüsterte ich kaum hörbar.
Die Worte galten niemandem außer mir selbst. Harry hatte sie längst nicht mehr hören können. Doch sie brannten mir auf der Seele. Noch nie zuvor war mir meine Mission so deutlich vor Augen geführt worden.
Ich musste diesen Jungen beschützen. Nicht nur, weil Dumbledore es von mir verlangte und ich es Sirius versprochen hatte. Sondern weil ich es der ganzen magischen Welt schuldig war, wenigstens einen kleinen Teil des Leids wiedergutzumachen, das mein Bruder über Harry Potter und viele andere gebracht hatte.
***
Ruby PoV
Die Nacht war längst über Hogwarts hereingebrochen. Der gesamte Ravenclaw-Turm schlief tief und fest. Auch ich hätte mir nach dem langen Tag ein wenig Erholung gewünscht, doch stattdessen stürzte ich in den Albtraum einer Erinnerung herab, die mir den schlimmsten Tag erneut vor Augen führte…
Es hatte nach Regen gerochen. Der Himmel über London war grau gewesen, als Dumbledore mich wortlos durch die Gänge des Zaubereiministeriums führte. Die Auroren warfen uns misstrauische Blicke zu, doch niemand wagte es, dem Schulleiter den Weg zu versperren.
Ich wusste kaum noch, wie ich gelaufen war. Alles in mir hatte nur einen einzigen Gedanken gekannt. Sirius.
Vor einer schweren Stahltür blieb Dumbledore stehen. Er legte mir behutsam eine Hand auf die Schulter. >>Ihr habt nur wenige Minuten. <<
Ich nickte stumm. Mehr brachte ich nicht hervor. Die Tür wurde geöffnet. Ein kalter Luftzug schlug mir entgegen. Dann sah ich ihn.
Sirius saß auf einer schmalen Pritsche in einer kahlen Zelle. Seine Kleidung war zerrissen, sein Gesicht von Blut und Schmutz gezeichnet. Dunkle Ringe lagen unter seinen Augen, als hätte er seit Tagen nicht geschlafen. Aber als sich unsere Blicke trafen , da lächelte er. Ein erschöpftes, schmerzvolles Lächeln. >>Ruby...<<
Ich hielt es keine Sekunde länger aus. >>Sirius!<<
Ich rannte los. Die wenigen Schritte bis zu ihm kamen mir wie eine Ewigkeit vor, ehe ich mich in seine Arme warf. Er fing mich auf, als hätte er auf nichts anderes gewartet. Sofort brachen alle Dämme.
Ich klammerte mich an ihn, vergrub das Gesicht an seiner Schulter und weinte hemmungslos. >>Nein...<<, schluchzte ich. >>Nein...das kann nicht wahr sein...<<
Seine Arme legten sich fest um mich. >>Ganz ruhig, kleine Krähe.<<
Allein dieser Spitzname ließ mich noch mehr weinen. >>Ich glaube ihnen nicht<<, brachte ich mühsam hervor. >> Nicht eine einzige Sekunde. Du wü rdest James niemals verraten, niemals Lily...niemals Harry und schon gar nicht zw ölf Muggel töten.<<
Sirius schloss für einen Moment die Augen. >>Danke.<<
Nur dieses eine Wort. Leise. Gebrochen. >>Aber es spielt keine Rolle.<<
Ich riss den Kopf hoch. >> N atürlich spielt das eine Rolle!<<
>>Nein, Ruby.<< Seine grauen Augen wirkten ungewohnt leer. >> Peter ist versc hwunden. Es gibt keinen Beweis.<< Er strich mir vorsichtig eine Haarsträhne aus dem Gesicht. >>Alle halten mich für schuldig.<<
>>Nicht ich.<< Meine Antwort kam ohne Zögern. >>Und Lucinda auch nicht.<<
Zum ersten Mal huschte ein schwaches Lächeln über sein Gesicht. >> Ihr wart schon immer klüg er als der Rest der Zauberwelt.<<
Ich schüttelte heftig den Kopf. >>Wir finden Peter.<<
>>Ruby...<<
>>Nein.<< Ich griff nach seinen Händen. >>Ich werde nicht aufgeben.<<
>> Du m usst.<< Seine Stimme wurde ungewohnt fest. >>Vergiss mich.<<
Mir stockte der Atem. >>Was...? <<
>>Vergiss mich.<< Er zwang sich zu einem bitteren Lächeln. >> I ch werde nach Askaban gebracht.<<
Allein das Wort ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Askaban. Die Dementoren. Ein Leben ohne Hoffnung. >> Meine Chancen, je mals rehabilitiert zu werden…<< Er atmete schwer aus. >> ... sind praktisch nicht vorhanden.<<
>>Hör auf.<<
>>Du bist jung.<<
>>Hör auf!<<
>> Du v erdienst ein glückliches Leben.<<
>> Ich will aber kein Leben ohne dich!<< Meine Stimme hallte durch die Zelle. Tränen liefen unaufhaltsam über meine Wangen. >> Wie kannst du ver langen, dass ich dich vergesse?<< Er schwieg. Ich nahm sein Gesicht in beide Hände. >>Ich werde dich immer lieben.<< Meine Stimme zitterte. >> Ganz glei ch, was alle anderen behaupten. Und ich werde deine Unschuld beweisen.<<
Sofort schüttelte Sirius den Kopf. >>Nein.<<
>>Doch.<<
>>Ruby<<, wollte er ansetzen, doch ich hielt daran fest.
>> Ich werde nicht zulassen, dass du für etwas bestraft wirst, das du n iemals getan hast.<<
Er zog mich erneut in seine Arme. Diesmal hielt er mich so fest, als wollte er jede einzelne Sekunde für die Ewigkeit bewahren. >>Versprich mir wenigstens eines.<<
>>Alles.<<
>> Bring d ich niemals für mich in Gefahr.<<
Ich antwortete nicht. Weil ich wusste, dass ich dieses Versprechen niemals halten konnte. Er wusste es offenbar ebenfalls. Ein trauriges Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Dann öffnete sich hinter uns die Zellentür. >>Die Zeit ist um.<<
Ein Auror trat ein. Ich klammerte mich verzweifelt an Sirius. >>Bitte...nur noch einen Moment...<<
>>Ruby.<< Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Er hob mein Kinn an. >>Ich liebe dich.<<
Meine Welt zerbrach. >>Ich liebe dich auch.<<
Noch ein letzter Kuss. Ein letzter Blick. Dann lösten die Auroren uns voneinander. Ich streckte verzweifelt die Hand nach ihm aus. >>Sirius!<<
Er lächelte noch einmal. Dann fiel die schwere Stahltür zwischen uns ins Schloss. Mit einem dumpfen Knall.
Ich fuhr keuchend hoch. Tränen liefen über mein Gesicht. Mein Atem ging stoßweise, als hätte ich gerade einen Marathon hinter mir, und mein Nachthemd klebte schweißnass an meinem Körper. Für einen Augenblick wusste ich nicht, wo ich war. Die steinernen Wände verschwammen vor meinen Augen, während mein Herz so heftig gegen meine Brust schlug, dass ich glaubte, es müsse jeden Moment zerspringen.
Nein...nicht schon wieder.
Dieser Traum. Immer derselbe. Ich presste die Hände gegen mein Gesicht und schloss die Augen. Doch die Erinnerungen ließen sich nicht verdrängen. >>Es ist vorbei...<<, flüsterte ich heiser.
Mit zitternden Fingern griff ich sofort nach der silbernen Halskette unter meinem Nachthemd. Der vertraute Anhänger lag kühl in meiner Hand. Ich presste ihn gegen mein Herz. >>Es ist vorbei...<<, wiederholte ich leise. >>Du bist frei... du lebst...<<
Langsam beruhigte sich mein Atem. Da... Klopf. Ich erstarrte.
Klopf. Klopf.
Verwirrt blickte ich zum Fenster. Dort saß unsere Schnee-Eule. Mit einem Brief am Bein. Mein Herz machte einen Sprung. Ich sprang aus dem Bett, öffnete hastig das Fenster und hob die Eule vorsichtig auf meinen Arm. >>Du bist ja unglaublich schnell gewesen.<<
Sanft löste ich den Brief. Schon an der vertrauten Handschrift erkannte ich den Absender.
Sirius.
Ein Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus. Mit klopfendem Herzen brach ich das Siegel.
Meine liebste Ruby,
dein Brief hat mich gestern Abend erreicht.
Ich glaube, Hedwig wäre neidisch auf eure Schnee-Eule gewesen. Sie hat mich beinahe erschlagen, so entschlossen war sie, mir deine Nachricht zu überbringen. Ich habe deinen Brief inzwischen bestimmt zehnmal gelesen. Vielleicht sogar öfter.
Es tut gut zu wissen, dass es dir und Lucinda gut geht und ihr beide sicher in Hogwarts angekommen seid. Als ich gelesen habe, dass du wieder nach Ravenclaw gekommen bist, musste ich schmunzeln. Wo sonst sollte schließlich meine kleine Bücherhexe landen? Und Lucinda...
Richte ihr bitte aus, dass ich ihr zutraue, selbst Slytherin irgendwann den letzten Nerv zu rauben. Sie wird das schon schaffen. Mach dir wegen mir keine allzu großen Sorgen. Ich komme zurecht. Nicht besonders bequem, aber immerhin besser als in Askaban.
Allein dieser Gedanke reicht aus, um jeden Morgen mit einem Lächeln aufzuwachen. Du hast mir meine Freiheit geschenkt. Das werde ich dir niemals vergessen. Du schreibst, dass du mich vermisst. Glaub mir , das beruht auf Gegenseitigkeit.
Es gibt keinen einzigen Abend, an dem ich nicht an dich denke. Manchmal halte ich sogar unbewusst Ausschau nach blonden Haaren, obwohl ich genau weiß, dass du viele Meilen entfernt in Hogwarts bist. Du hast mir ein Zuhause gegeben, Ruby. Nicht aus Stein. Nicht aus Holz. Sondern hier. Direkt in meinem Herzen.
Bitte konzentriere dich auf eure Aufgabe. Harry braucht euch. Und ich weiß, dass niemand besser auf ihn aufpassen kann als du und Lucinda. Versprich mir nur eines. Pass auch auf dich selbst auf.
Ich kenne deinen Dickkopf inzwischen gut genug, um zu wissen, dass du dich sofort in Gefahr stürzt, wenn jemand Hilfe braucht. Also hör ausnahmsweise einmal auf deinen eigenen Rat. Und wenn dir die Sehnsucht einmal zu groß wird , dann nimm die Halskette in die Hand. Ich verspreche dir, dass ich im selben Moment ebenfalls an dich denken werde.
Vielleicht trennt uns die Entfernung. Aber niemals unsere Herzen. Ich liebe dich, Ruby. Heute. Morgen. Und an jedem einzelnen Tag, der noch vor uns liegt.
In ewiger Liebe,
Dein Sirius
Ich merkte erst, dass ich wieder weinte, als einzelne Tropfen auf das Pergament fielen. Diesmal waren es jedoch keine Tränen der Verzweiflung. Sondern der Erleichterung. Ich drückte den Brief vorsichtig an meine Brust, während meine Finger gleichzeitig den silbernen Anhänger umschlossen.
Der Albtraum war Vergangenheit. Die Hoffnung dagegen...die lebte.