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Auslese des Feuerkelchs

The Curse Of The Heirs - Every Darkness Has An Origin — www.fanfiktion.de · All chapters

Auslese des Feuerkelchs

Hey :) Wow, schon sechs Sterne und das erst am Anfang der Geschichte *-* Vielen herzlichen Dank dafür. Mit dem Wochenteiler geht es auch wieder weiter und heute erwartet uns „Die Auslese des Feuerkelchs“. Aber vorher gibt es noch ein paar andere Hürden zu bewältigen ;) Viel Spaß beim Weiterlesen!

Liebe Grüße,

eure Melody

~~~ 12 Auslese des Feuerkelchs

Lucinda PoV

Der Traum begann wie so oft mit Dunkelheit. Nicht jener friedlichen Dunkelheit einer sternlosen Nacht, sondern einer lebendigen. Einer Dunkelheit, die atmete.

Ich stand allein in einem langen Korridor aus schwarzem Stein. Die Wände schienen sich zu bewegen, als würden Schatten unter ihrer Oberfläche kriechen. Kalte Luft strich über meine Haut.

Vor mir hallten Schritte. Langsam. Gemessen. Unaufhaltsam. Ich wusste sofort, wem sie gehörten. >>Tom. <<

Meine eigene Stimme klang fremd. Die Schritte verstummten. Am Ende des Ganges erschien eine Gestalt. Groß. Dürr. Mit roten Augen. Voldemort. Mein Bruder.

Er stand regungslos da und dennoch fühlte es sich an, als würde die ganze Welt vor ihm zurückweichen. >>Du bist zu spät, Lucinda.<< Seine Stimme kam von überall gleichzeitig. >>Immer zu spät.<<

Ich wollte meinen Zauberstab ziehen. Mich bewegen. Irgendetwas tun. Doch mein Körper gehorchte mir nicht. Neben Voldemort erschien plötzlich eine weitere Gestalt. Ein Junge. Schwarze Haare. Grüne Augen. Harry.

Er lag regungslos auf dem Boden. Ein kalter Schock durchfuhr mich. >>Nein.<<

Voldemort lächelte. Dieses grausame, emotionslose Lächeln, das ich seit Jahrzehnten verabscheute. >> Du ka nnst ihn nicht retten.<<

Die Dunkelheit begann sich auszubreiten. Sie kroch über Harry hinweg. Über den Boden. Auf mich zu. Und dann sah ich etwas. Einen Kelch. Blaues Feuer. Flammen tanzten in der Finsternis. Plötzlich schoss ein einzelner Zettel daraus hervor. Ein Name stand darauf. Doch bevor ich ihn lesen konnte, zerriss die Dunkelheit die Szene. Ich hörte Voldemorts Lachen.

Dann erwachte ich.

Keuchend setzte ich mich im Bett auf. Mein Nachthemd klebte an meinem Rücken. Der Schlafsaal lag still da. Pansy und Daphne schliefen tief und fest. Nur das Mondlicht fiel durch die Fenster und tauchte die grünen Vorhänge in silberne Schatten.

Ich presste eine Hand gegen meine Brust. Mein Herz raste. Zu oft hatte ich von Tom geträumt. Zu oft hatten sich diese Träume später als Warnung erwiesen.

Seit meiner Rückkehr nach Hogwarts verfolgte mich ständig das Gefühl, dass etwas näherkam. Etwas Dunkles. Etwas Vertrautes. Etwas, das ich nur zu gut kannte. Voldemort.

Vielleicht war es nur Einbildung. Vielleicht auch nicht. Doch tief in meinem Inneren wusste ich es besser. Mein Bruder lebte noch. Irgendwo. Irgendwie. Und er wartete.

Ich starrte noch lange an die steinerne Decke des Schlafsaals. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Der Traum hatte sich anders angefühlt als gewöhnliche Albträume. Klarer. Schärfer. Als hätte ich nicht geträumt, sondern einen flüchtigen Blick auf etwas geworfen, das bereits seinen Anfang genommen hatte.

Langsam schob ich den Ärmel meines Nachthemdes zurück. Das schmale, schwarze Symbol an meinem rechten Handgelenk war kaum sichtbar. Dennoch brannte es leicht. Nicht schmerzhaft. Eher...warnend.

Ich strich mit den Fingerspitzen darüber. >>Du bist näher, nicht wahr?<<, flüsterte ich in die Dunkelheit.

Tom konnte mich nicht hören. Zumindest hoffte ich das. Seit Jahrzehnten trainierte ich meine Okklumentik beinahe täglich. Gedanken zu verschließen war längst kein Zauber mehr für mich, sondern ein Reflex. Eine zweite Natur. Und trotzdem...

Seit meiner Rückkehr nach Hogwarts wurde das Brennen häufiger. Es war, als würde der Fluch selbst spüren, dass sein anderes Ende langsam wieder stärker wurde. Ich schloss die Augen. Bitte... l ass Harry aus allem heraus.

Doch tief in meinem Inneren wusste ich bereits, dass dieser Wunsch vermutlich vergeblich war.

***

Als der Morgen graute, hatte ich vielleicht eine Stunde geschlafen. Wenn überhaupt. Der Traum ließ mich einfach nicht los.

Immer wieder sah ich den Feuerkelch vor mir. Die blauen Flammen. Harry, regungslos am Boden. Und Tom, dessen kaltes Lächeln mir selbst im Wachzustand einen Schauer über den Rücken jagte. Ich zwang mich schließlich aufzustehen.

Ein Blick in den Spiegel verriet mir sofort, wie kurz die Nacht gewesen war. Blasse Haut. Leichte Schatten unter den Augen. Mit einem tiefen Atemzug richtete ich meine Schultern auf. Für die anderen durfte ich nicht müde wirken. Nicht verunsichert. Nicht ängstlich. Ich musste Lucinda Stonefield bleiben. Die verschlossene Slytherin, die sich nichts anmerken ließ.

Nachdem ich mich angezogen hatte, verließ ich gemeinsam mit Daphne und Pansy den Gemeinschaftsraum. Beide unterhielten sich angeregt über den bevorstehenden Tag, während ich kaum ein Wort sagte.

In der Großen Halle herrschte bereits geschäftiges Treiben. Der Duft von frischem Toast und Kaffee lag in der Luft, Eulen flatterten zwischen den Tischen hindurch und überall wurde über das Trimagische Turnier gesprochen.

Ich setzte mich an den Slytherin-Tisch, schenkte meinem Frühstück jedoch kaum Beachtung. Stattdessen glitt mein Blick wie von selbst zum Gryffindor-Tisch. Harry.

Er unterhielt sich mit Ron und Hermine, wirkte für den Moment völlig unbeschwert. Unwillkürlich atmete ich etwas ruhiger aus.

Bitte bleib heute einfach nur ein Schüler...

Doch das beklemmende Gefühl in meiner Brust wollte nicht weichen. Der Traum hatte sich zu echt angefühlt. Nicht wie eine Erinnerung. Nicht wie ein gewöhnlicher Albtraum. Sondern wie eine Warnung.

Ich war über den Fluch mit Tom verbunden. Wenn sich in mir etwas regte, dann selten grundlos. Du planst etwas...

Ich senkte den Blick auf meinen Teller. Ich weiß nur noch nicht was.

>>Lucinda?<<

Ich blinzelte und wurde aus meinen Gedanken gerissen. Pansy sah mich neugierig an. >>Du bist heute ja noch schweigsamer als sonst.<<

Daphne grinste. >>Wahrscheinlich überlegt sie schon, wer Champion von Hogwarts wird.<<

>>Cedric Diggory<<, meinte Pansy überzeugt. >>Er ist älter als wir, talentiert und jeder scheint ihn zu mögen.<<

Daphne schüttelte den Kopf. >>Ich setze auf einen Slytherin. Vielleicht Marcus oder Adrian. Es wird höchste Zeit, dass unser Haus mal wieder zeigt, was es kann.<<

>>Und was meinst du, Lucinda?<<, fragte Pansy.

Ich zwang mich zu einem kleinen Lächeln. >>Ich glaube, der Feuerkelch wird seine Wahl schon gut begründen können.<<

>>Das klingt unglaublich diplomatisch<<, stellte Daphne trocken fest.

Ich zuckte mit den Schultern. >>Vielleicht überrascht er uns ja alle.<<

Die beiden begannen sofort weiter darüber zu spekulieren, wer die besten Chancen hatte, während ich erneut einen flüchtigen Blick zu Harry hinüberwarf. Er bemerkte mich nicht. Zum Glück. Denn je länger ich ihn ansah, desto stärker wurde dieses ungute Gefühl. Etwas würde geschehen. Nicht irgendwann. Schon bald. Und ich hoffte inständig, dass ich mich zum ersten Mal seit langer Zeit irrte.

Der Unterricht bei Professor Moody anschließend begann wie immer ungewöhnlich. Er humpelte zwischen den Tischen hindurch, sein Holzbein schlug bei jedem Schritt dumpf gegen den Boden. Klack. Klack. Klack.

Sein magisches Auge drehte sich unaufhörlich. Es sah durch Wände. Durch Bücher. Und manchmal hatte ich das Gefühl...es wollte bis auf den Grund meiner Seele blicken.

Ich saß neben Ruby und schrieb gerade die Überschrift meiner Pergamentrolle, als ich spürte, wie sich das blaue Auge direkt auf mich richtete. >>Miss Stonefield.<<

Ich hob den Blick. >>Ja, Professor?<<

Moody blieb unmittelbar vor meinem Tisch stehen. >>Sie wirken ungewöhnlich gelassen.<<

Ich lächelte höflich. >>Ist das etwas Schlechtes?<<

Ein schiefes Grinsen zog über sein vernarbtes Gesicht. >>Nicht unbedingt.<< Er beugte sich ein Stück nach vorne. >>Aber meistens verbergen die ruhigsten Menschen die gefährlichsten Geheimnisse.<<

Mein Herz setzte für einen Augenblick aus. Äußerlich lächelte ich weiter. >>Dann müsste Hogwarts voller gefährlicher Menschen sein.<<

Ein leises Lachen ging durch den Klassenraum. Moody lachte nicht. Sein normales Auge musterte mich. Das magische Auge drehte sich einmal vollständig und blieb erneut auf meinem Gesicht stehen. >>Schlagfertig.<< Er nickte langsam. >>Gut.<<

Dann ging er weiter. Ich atmete erst wieder richtig, als er einige Reihen entfernt war. Ruby warf mir einen flüchtigen Seitenblick zu. Ich schüttelte kaum merklich den Kopf. Nicht jetzt.

Während der restlichen Stunde fiel mir auf, dass Moody immer wieder zu mir hinübersah. Nicht zufällig. Bewusst. Er stellte mir mehr Fragen als jedem anderen Schüler. Fragte nach Gegenzaubern. Nach Flüchen. Nach Verteidigungsstrategien. Nach ungewöhnlichen magischen Situationen. Ich beantwortete jede einzelne ruhig und sachlich. Nicht zu viel. Nicht zu wenig. Genau so, wie Lucinda Stonefield antworten würde. Nicht wie Lucinda Riddle.

Als schließlich die Stunde beendet war, blieb ich noch einen Moment sitzen.

Er beobachtet mich.

Nicht wie ein Lehrer. Wie jemand, der versuchte, ein Rätsel zu lösen. Und ich hatte nicht vor, ihm die Antwort zu liefern. Während die anderen den Raum verließen, fasste ich einen stillen Entschluss.

Wenn Moody glaubt, mich prüfen zu können...

… dann werde ich ihn ebenfalls beobachten.

Ruby wartete bereits draußen auf mich. Normalerweise begrüßte sie mich mit einem Lächeln. Heute nicht. Ihre Schultern hingen leicht. Sie wirkte abwesend.

>>Ruby?<<

Sie blieb stehen. >>Ich habe Post von Sirius bekommen.<<

Allein sein Name genügte. Ihre Augen wurden weich.

>>Geht es ihm gut?<<

Sie nickte. >>Ja.<< Ein kleines Lächeln erschien auf ihren Lippen. >>Er schreibt, dass alles ruhig ist. Zumindest im Moment.<< Sie zog den Brief aus ihrer Tasche. >>Aber...ich vermisse ihn.<< Ihre Stimme wurde leiser. >>Es ist merkwürdig. Man weiß, warum man getrennt ist und trotzdem fühlt es sich falsch an.<<

Ich legte ihr behutsam eine Hand auf die Schulter. >>Er vermisst dich genauso.<<

Sie lachte leise. >>Das schreibt er tatsächlich ungefähr fünfmal.<<

>>Dann solltest du ihm glauben.<<

Ruby schwieg einen Augenblick. >>Manchmal frage ich mich, ob wir jemals ein normales Leben führen können.<<

Ich schmunzelte. >>Du bist eine der klügsten Hexen, die ich kenne.<<

Sie verdrehte gespielt die Augen. >>Jetzt übertreibst du aber.<<

>>Nein. Du findest für Probleme Lösungen, an denen andere längst verzweifeln würden. Du gibst niemals auf – und genau deshalb bewundere ich dich. Selbst wenn du es selbst manchmal vergisst.<<

Sie senkte kurz den Blick. >>Sirius sieht das genauso.<<

>>Dann solltest du ihm glauben.<<

Für einen Moment kehrte ihre alte Wärme zurück. >>Danke.<<

Wir gingen schweigend nebeneinander durch die Gänge. Nach einigen Minuten erzählte ich ihr von meinem Traum. Vom Korridor. Von Tom. Von Harry. Vom Feuerkelch. Je weiter ich sprach, desto ernster wurde ihr Gesicht.

Als ich endete, sagte sie lange nichts. >>Das gefällt mir überhaupt nicht.<<

Ich nickte. >>Mir auch nicht.<<

>>Du bist über den Fluch mit ihm verbunden.<<

>>Ja.<<

>>Vielleicht hast du gesehen, was sich bereits zusammenbraut.<<

Ich blieb stehen. >>Genau das befürchte ich.<<

Ruby blickte mich besorgt an. >>Lucinda, wenn Voldemort jemals erfährt...<<

>>...dass ich lebe?<< Ich lächelte schwach. >>Dann haben wir ganz andere Probleme.<<

Sie schüttelte sofort den Kopf. >>Nein.<<

>>Ruby.<<

>>Nein.<< Sie trat einen Schritt näher. >>Du kennst ihn besser als jeder andere Mensch. Wenn er auch nur den kleinsten Hinweis bekommt...<<

Ich hob meine rechte Hand. >>Deshalb trainiere ich meine Okklumentik seit über fünfzig Jahren.<< Ich sah sie fest an. >>Tom wird niemals erfahren, dass ich überlebt habe. Nicht durch meine Gedanken.<<

Ruby atmete langsam aus. >>Ich weiß, wie gut du bist<<, sagte sie und ich fuhr bereits fort.

>>Meine Sorge gilt ohnehin jemand anderem.<<

>>Harry.<<

Ich nickte. >>Der Feuerkelch war Teil meines Traumes.<<

Ruby presste die Lippen zusammen. >>Dann hoffen wir, dass es nur eine Warnung war.<<

Ich erwiderte nichts. Denn Hoffen allein hatte noch nie gereicht. Auch wenn sie im Grunde ein fester Bestandteil unseres Alltags geworden war. Zumindest im Bezug darauf, eines Tages meinen Bruder zu vernichten.

***

Nach dem Gespräch mit Ruby brauchte ich frische Luft.

Zu viele Gedanken schwirrten mir durch den Kopf und keiner davon führte zu einer Antwort. Deshalb zog ich mich während der Mittagspause in den Innenhof zurück. Die milde Herbstsonne schaffte es kaum, die kühle Luft zu vertreiben, und doch war sie angenehmer als die stickigen Gänge des Schlosses.

Langsam schlenderte ich über den gepflasterten Weg.

Was hast du vor, Tom?

Seit meinem Traum ließ mich diese Frage nicht mehr los. Ich kannte meinen Bruder besser als jeder andere Mensch. Er tat nie etwas ohne Plan. Nie.

Wenn mein Fluch bereits auf seine wachsende Stärke reagierte, dann bedeutete das zwangsläufig, dass er seinem Ziel näherkam. Die Auslese des Feuerkelchs...Harry...Voldemorts kaltes Lächeln...

Es musste einen Zusammenhang geben. Ich blieb kurz stehen und sah hinauf zum wolkenverhangenen Himmel. Aber welchen?

Ein lautes Gelächter riss mich aus meinen Gedanken. Ich drehte den Kopf zur Seite. Natürlich. Castor Thornbloom.

Der Slytherin stand mitten im Innenhof und hatte wie üblich eine halbe Traube begeisterter Schülerinnen um sich versammelt. Er lehnte lässig an einer Steinmauer, fuhr sich selbstgefällig durch sein rotblondes Haar und schenkte jeder Hexe genau das Lächeln, von dem er offenbar glaubte, es könne Berge versetzen.

Die Mädchen kicherten begeistert über jedes zweite Wort. Ich hingegen verdrehte nur die Augen. Hat der Junge eigentlich noch andere Hobbys als sein eigenes Spiegelbild zu bewundern?

>>Beeindruckend, oder?<<

Die ruhige Stimme neben mir überraschte mich. Ich wandte mich um.

Ein Ravenclaw mit dunkelblonden Haaren und freundlichen braunen Augen war neben mir stehen geblieben. Ich erkannte ihn flüchtig aus unserem Jahrgang, hatte bisher aber kaum ein Wort mit ihm gewechselt.

>>Anthony Goldstein<<, stellte er sich höflich vor.

Ich nickte leicht. >>Lucinda Stonefield.<<

Er lächelte. >>Ich weiß. Du bist die neue Slytherin, über die seit Schulbeginn jeder spricht.<<

>>Ach?<<

>>Keine Sorge. Nicht wegen irgendwelcher Skandale. Eher weil niemand so recht weiß, was er von dir halten soll.<<

Das überraschte mich kaum. Ich warf erneut einen Blick zu Castor. Dieser war inzwischen dabei, einer Hufflepuff-Schülerin einen Handkuss anzudeuten, woraufhin mehrere Mädchen begeistert aufseufzten.

Ich schüttelte ungläubig den Kopf. >>Er erinnert mich an einen Pfau.<<

Anthony sah mich fragend an. >>Ein Pfau?<<

>>Er schlägt permanent sein Rad, präsentiert sein schönstes Gefieder und hofft, dass möglichst viele beeindruckt sind.<<

Für einen Moment herrschte Stille. Dann brach Anthony in schallendes Gelächter aus. Mehrere Schüler sahen verwundert zu ihm herüber. Er musste sich tatsächlich kurz den Bauch halten. >>Das...<<, brachte er schließlich hervor, >>...ist vermutlich der treffendste Vergleich, den ich je gehört habe.<<

Ich konnte mir ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen. >>Freut mich, wenn ich zur allgemeinen Belustigung beitragen konnte.<<

Anthony atmete noch einmal tief durch. >>Du scheinst gegen seinen Charme erstaunlich immun zu sein.<<

>>Welchen Charme?<<

Jetzt lachte er erneut. >>Genau diese Antwort hatte ich gehofft zu hören.<<

Zu meiner eigenen Überraschung fühlte sich das Gespräch angenehm ungezwungen an. Anthony versuchte nicht, mich auszuhorchen. Er beobachtete mich nicht. Er schien schlicht ein ruhiger, höflicher Mensch zu sein, der lieber lachte als sich in den Mittelpunkt zu drängen. Für einen kurzen Augenblick vergaß ich sogar meinen Traum.

>>Stonefield!<<

Na wunderbar. Castors Stimme. Er hatte uns entdeckt. Mit selbstsicherem Grinsen löste er sich aus seiner Fangemeinde und kam direkt auf uns zu. Die Gruppe junger Hexen folgte ihm beinahe wie eine Entenschar. >>Da bist du ja. Ich wollte dich schon den ganzen Tag sprechen.<<

Ich verschränkte ruhig die Arme. >>Dann hast du jetzt ja Gelegenheit dazu.<<

>>Du solltest wirklich öfter lächeln. Das steht hübschen Mädchen ausgezeichnet.<<

Ich hob eine Augenbraue. >>Und du solltest öfter schweigen. Das steht allen anderen ausgezeichnet.<<

Anthony verschluckte sich hörbar an seinem Lachen. Castors Grinsen geriet für einen Wimpernschlag ins Wanken. Er fing sich jedoch schnell wieder. >>Du bist wirklich schwer zu beeindrucken.<<

>>Nein. Nur schwer zu langweilen. Das ist ein Unterschied.<<

Einige der umstehenden Schüler konnten sich ein Grinsen nicht verkneifen. Anthony schüttelte amüsiert den Kopf. >>Ich glaube, das war eindeutig Runde eins für Lucinda.<<

Castor musterte mich einen Moment lang. Anstatt beleidigt zu wirken, schlich sich ein herausforderndes Funkeln in seine grünen Augen. >>Wir sehen uns wieder, Stonefield. Irgendwann werde ich dich schon noch zum Lächeln bringen.<<

Ich erwiderte seinen Blick vollkommen ungerührt. >>Viel Erfolg. Du wirst ihn brauchen.<<

Mit einem übertrieben eleganten Nicken zog Castor schließlich wieder ab und seine Verehrerinnen folgten ihm auf dem Fuß. Anthony sah ihm kopfschüttelnd hinterher. >>Er gibt wirklich niemals auf, oder?<<

>>Offenbar nicht.<<

>>Dann wünsche ich dir starke Nerven.<<

Ich nickte leicht. >>Danke. Ich habe das Gefühl, ich werde sie in diesem Schuljahr noch häufiger brauchen.<<

Anthony lächelte verständnisvoll. >>Falls du irgendwann einmal eine Pause vom...Pfau brauchst – in der Bibliothek findet man mich meistens. Dort ist es deutlich ruhiger.<<

Ein unerwartetes Angebot. Ich erwiderte lediglich ein höfliches Nicken. >>Ich werde daran denken.<<

Während Anthony sich verabschiedete und Richtung Schloss ging, blickte ich ihm kurz nach. Zum ersten Mal seit meiner Ankunft in Hogwarts hatte ich mich mit jemandem unterhalten, ohne das Gefühl zu haben, geprüft, beobachtet oder bewertet zu werden. Es war nur ein kurzes Gespräch gewesen. Aber vielleicht...war genau das heute nötig gewesen.

Erst als die Abendglocke erklang und sich die Schülerschar langsam in Richtung Große Halle bewegte, wich die Leichtigkeit allmählich wieder einer spürbaren Anspannung. Heute sollte der Feuerkelch die drei Champions des Trimagischen Turniers bestimmen. Ein Ereignis, auf das ganz Hogwarts seit Wochen hin fieberte.

Tausende Kerzen schwebten unter der verzauberten Decke. Zwischen den Haustischen herrschte gespannte Erwartung. In der Mitte des Saales stand der Feuerkelch. Seine blauen Flammen tanzten ruhig. Genau wie in meinem Traum.

Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Ich konnte den Blick kaum von den Flammen lösen. Es ist derselbe Kelch...

Während sich die Große Halle nach und nach füllte und aufgeregtes Gemurmel durch die Reihen hallte, tauschten die Schüler eifrig ihre Vermutungen aus. Fast jeder hatte einen Favoriten, auf den er setzte. Ich hingegen konnte das ungute Gefühl nicht abschütteln, das sich seit dem Traum in mir eingenistet hatte.

Es war nur eine leise Ahnung. Ein kaum wahrnehmbares Ziehen in der Magengegend. Doch nach all den Jahren hatte ich gelernt, auf dieses Gefühl zu hören. Denn immer, wenn es sich meldete, folgte kurz darauf etwas, das alles veränderte.

Die Große Halle war schließlich bis auf den letzten Platz gefüllt. Ich hielt meinen Blick auf den Feuerkelch gerichtet. Seine blauen Flammen tanzten beinahe hypnotisch. Ich beobachtete sie schweigend.

Ruby setzte sich neben mich. >>Bereit<<

>>Nicht wirklich.<<

>>Meinst du, es passiert etwas?<<

Ich antwortete nicht sofort. Stattdessen starrte ich weiter in die Flammen. >>Ich weiß es nicht.<<

Professor Dumbledore trat vor. Mit wenigen Worten erklärte er den Ablauf der Auslosung. Dann wurde es still. So still, dass man das Knistern der blauen Flammen hören konnte. Plötzlich schossen rote Funken aus dem Kelch. Ein Stück Pergament stieg empor.

Dumbledore fing es auf. >>Der Champion von Durmstrang...<< Er öffnete den Zettel. >>Viktor Krum.<<

Tosender Applaus erfüllte die Halle. Kurz darauf folgte Beauxbatons.

>>Fleur Delacour.<<

Erneut Jubel. Dann ein drittes Mal. Die Flammen loderten höher. Ein weiterer Zettel.

>>Der Champion von Hogwarts...<< Eine kurze Pause. >>Cedric Diggory.<<

Der Hufflepuff-Tisch explodierte beinahe vor Begeisterung. Ich lächelte. Alles schien seinen gewohnten Gang zu gehen. Vielleicht hatte ich mich geirrt. Vielleicht...

Da flammte der Feuerkelch erneut auf. Diesmal wesentlich heftiger. Die blauen Flammen färbten sich für einen winzigen Augenblick blutrot. Mein Atem stockte.

Nein...

Der Kelch spuckte ein weiteres Pergament aus. Dumbledore fing es auf. Verwirrt betrachtete er den Namen. Die gesamte Halle hielt den Atem an.

>>Harry Potter.<<

. Ich starrte nur auf Harry. Dann auf den Feuerkelch. Mein Traum. Jedes einzelne Bild. Der Kelch. Das Feuer. Harry.

Mir wurde eiskalt. Ich schloss unwillkürlich die Hand um mein rechtes Handgelenk. Das Symbol unter meinem Ärmel brannte nun deutlich stärker. Und in diesem Augenblick wusste ich mit erschreckender Gewissheit: Der Traum war keine Warnung mehr gewesen. Er hatte begonnen.

Einen Moment lang schien die Zeit stillzustehen. Dann brach in der Großen Halle das reinste Chaos aus. Verwirrte Stimmen überschlugen sich. Einige Schüler sprangen von ihren Plätzen auf, andere starrten Harry ungläubig an, als hätte er gerade vor ihren Augen Unmögliches vollbracht.

Ich nahm davon kaum etwas wahr. Mein Blick blieb auf Harry gerichtet. Er wirkte genauso überrumpelt wie alle anderen. Nein...noch überrumpelter. Er schien selbst nicht zu begreifen, weshalb sein Name eben aus dem Feuerkelch gekommen war.

Professor McGonagall eilte bereits auf ihn zu. Professor Moody erhob sich ebenso von seinem Platz, dicht gefolgt von Professor Karkaroff und Madame Maxime. Selbst Professor Snape hatte sich von seinem Stuhl erhoben. Seine dunklen Augen ruhten aufmerksam auf Harry, während seine Miene kaum erkennen ließ, was in ihm vorging.

Nur Dumbledore bewahrte nach außen seine Ruhe. >>Harry...<<, sagte er mit fester Stimme. Der Junge blickte verwirrt zu ihm auf. >>Bitte begleite Professor McGonagall. Die anderen Champions warten bereits.<<

Harry schüttelte den Kopf. >>Aber ich habe meinen Namen gar nicht...<<

>>Das werden wir klären.<<, unterbrach Dumbledore ihn ruhig.

Professor McGonagall legte Harry behutsam eine Hand auf die Schulter und führte ihn aus der Großen Halle. Moody folgte ihnen mit seinem hölzernen Bein, während Karkaroff erbost etwas vor sich hin murmelte und Madame Maxime ebenfalls den Lehrern hinterherging.

Überall erhoben sich Stimmen.

>>Er hat geschummelt!<<

>>Das geht doch gar nicht!<<

>>Wie hat Potter das gemacht?<<

Ich hörte die Vorwürfe wie durch dichten Nebel. Mein Traum. Er war Wirklichkeit geworden. Der Feuerkelch. Harry. Genau in dieser Reihenfolge. Ich spürte, wie sich mein Magen schmerzhaft zusammenzog.

>>Lucinda...<<

Ruby stand plötzlich neben mir. Ihr Gesicht war ebenso blass wie meines. Ohne ein weiteres Wort verließen wir die Große Halle. Hinter uns hallte das Stimmengewirr noch immer durch das Schloss, doch je weiter wir uns entfernten, desto leiser wurde es. Erst im nahezu verlassenen Korridor blieben wir stehen.

Ruby sah mich ernst an. >>Du hattest recht.<<

Ich nickte langsam. >>Der Traum war eine Warnung.<< Meine Stimme klang erstaunlich ruhig. Vielleicht zu ruhig. >>Harry hat seinen Namen niemals selbst in den Feuerkelch geworfen.<<

>>Das glaube ich auch nicht<<, erwiderte Ruby ohne zu zögern.

Ich schloss kurz die Augen. Vor meinem inneren Blick erschien erneut Tom. Sein kaltes Lächeln. Seine roten Augen. >>Du bist zu spät, Lucinda...<<

Unwillkürlich ballte ich die rechte Hand zur Faust. >>Das war kein Zufall<<, flüsterte ich.

Ruby trat näher. >>Was glaubst du?<<

Ich öffnete die Augen wieder. >>Ich glaube...<< Ein schweres Gefühl legte sich auf meine Brust. >>...dass heute der erste Schritt getan wurde.<<

Ruby runzelte die Stirn. >>Der erste Schritt?<<

Ich nickte. >>Zur Rückkehr meines Bruders.<<

Zwischen uns entstand bedrückendes Schweigen. Ruby musste nichts erwidern. Sie wusste genauso gut wie ich, was das bedeutete. Wenn Voldemort tatsächlich hinter all dem steckte, dann war Harry niemals als Champion ausgewählt worden. Er war ausgewählt worden, weil jemand ihn brauchte.

Ruby straffte entschlossen die Schultern. >>Ich schreibe Sirius.<< Ich sah sie an. >>Er muss sofort erfahren, was passiert ist. Vielleicht fällt ihm etwas auf, das wir übersehen.<<

>>Ja.<<

In diesem Moment erklangen hastige Schritte auf dem Korridor. Argus Filch kam schnaufend um die Ecke, sein Schlüsselbund klimperte bei jedem Schritt. Er musterte uns mit seiner üblichen mürrischen Miene. >>Stonefield!<< Ich richtete mich auf. >>Professor Dumbledore möchte Sie umgehend sprechen. In seinem Büro. Sofort.<<

Natürlich. Ich hatte bereits damit gerechnet. Dumbledore würde wissen wollen, was ich von Harrys Auslosung hielt. Oder...ob ich mehr wusste, als ich bisher preisgegeben hatte.

Ich wandte mich an Ruby. >>Schick den Brief an Sirius. Kein Detail auslassen.<<

Sie nickte entschlossen. >>Pass auf dich auf.<<

Ein flüchtiges Lächeln huschte über mein Gesicht. >>Du kennst mich doch.<<

Dann trennten sich unsere Wege. Ruby eilte Richtung Eulerei. Ich hingegen folgte Filch durch die Gänge von Hogwarts. Mit jedem Schritt wurde das beklemmende Gefühl in meiner Brust stärker. Denn ich wusste...

Die eigentliche Prüfung hatte heute nicht für Harry begonnen.

Sondern für uns alle.