Im Augenblick zunehmend
Im Augenblick zunehmend
Hallo, meine Lieben :) Tut mir leid, aber gestern war ich unterwegs und daher geht es erst heute weiter. Am Wochenende werden wir dann Sonntag unser magisches Abenteuer fortsetzen. Auch heute wird es wieder spannend und ereignisreich in Hogwarts. Wünsche euch viel Spaß beim Lesen und freue mich auf eure Feedbacks.
Liebe Grüße,
eure Melody
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Im Augenblick zunehmend
Lucinda PoV
Am nächsten Morgen wachte ich mit dem seltenen Gefühl auf, dass der gestrige Tag tatsächlich hinter mir lag. Rita Kimmkorn war fort. Meine Geheimnisse waren sicher. Dumbledore hatte hoffentlich verstanden, dass ich keinerlei Interesse an weiteren journalistischen Überraschungsangriffen hatte. Und mit etwas Glück konnte ich mich endlich wieder wichtigeren Dingen widmen.
Wie der Frage, wer Harrys Namen in den Feuerkelch geworfen hatte. Ich hätte wissen müssen, dass dieser Optimismus bestraft werden würde.
Als ich die Große Halle betrat, fiel mir sofort auf, dass irgendetwas nicht stimmte. Überall lagen Zeitungen. Das allein wäre noch nicht ungewöhnlich gewesen. Der Tagesprophet gehörte für viele Schüler schließlich genauso zum Frühstück wie Kürbissaft und Toast.
Ungewöhnlich war vielmehr, dass kaum jemand die Zeitung tatsächlich las. Die meisten lachten. Am Gryffindor-Tisch hatten Fred und George Weasley ihre Köpfe zusammengesteckt und schienen kurz davor zu sein, unter den Tisch zu fallen. Lee Jordan schlug begeistert mit der Hand auf die Tischplatte. Selbst Hermine Granger verbarg ihr Gesicht hinter einer Ausgabe des Tagespropheten, wobei ihre zuckenden Schultern verrieten, dass sie keineswegs konzentriert las.
Am Ravenclaw-Tisch sah es nicht besser aus. Ruby bemerkte mich. Unsere Blicke trafen sich. Sie hob langsam ihre Zeitung. Dann deutete sie auf den Lehrertisch.
Ich folgte ihrem Blick. Oh.
Minerva saß steif wie ein Brett auf ihrem Platz. Ihre Lippen waren derart fest zusammengepresst, dass sie kaum noch existierten. Daneben frühstückte Dumbledore mit einer Gelassenheit, die ich ihm keine Sekunde abnahm. Und Severus? Severus hielt den Tagespropheten vor sich. Regungslos. Beängstigend regungslos.
Ich kannte diesen Gesichtsausdruck inzwischen gut genug. Jemand würde heute leiden.
>>Stonefield!<< Pansys Stimme riss mich aus meinen Gedanken.
Ich setzte meinen Weg zum Slytherin-Tisch fort und kaum hatte ich mich neben Daphne gesetzt, wurde mir eine Zeitung unter die Nase gehalten. >>Du musst das lesen!<<, verkündete Pansy begeistert.
>>Offenbar muss ich gar nichts, wenn ich mir den Lehrertisch ansehe.<<
Daphne grinste. >>Doch. Glaub mir. Das willst du lesen.<<
>>Eigentlich wollte ich frühstücken.<<
>>Danach willst du das nicht mehr.<<
Das klang bedrohlich. Ich nahm ihr widerwillig die Zeitung ab. Und mir fielen beinahe die Augen aus dem Kopf. Quer über der Titelseite prangte eine Schlagzeile in derart großen Buchstaben, als hätte Rita Kimmkorn persönlich den Untergang der magischen Welt aufgedeckt.
HOGWARTS HINTER VERSCHLOSSENEN TÜREN!
Darunter folgte:
Furcht, Geheimnisse und eine mysteriöse Schülerin – was verschweigt das berühmteste Lehrerkollegium Großbritanniens?
>>Oh nein<<, murmelte ich.
Pansy strahlte. >>Lies weiter.<<
>>Ich möchte nicht.<<
>>Doch.<<
>>Parkinson.<<
>>Stonefield.<<
Daphne griff nach einem Toast. >>Ich würde es tun. Spätestens beim Frühstück spricht sowieso die ganze Schule darüber.<<
Ich warf ihr einen vernichtenden Blick zu und begann zu lesen. Natürlich eröffnete Rita ihren Artikel mit einer dramatischen Beschreibung ihrer gestrigen Begegnung mit mir. Angeblich war ich eine geheimnisvolle Slytherin-Schülerin mit auffallend selbstbewusstem Auftreten , die sich geweigert hatte, Fragen über ihre Vergangenheit zu beantworten. Immerhin hatte sie meinen Abgang nicht völlig verfälscht.
Meine Antwort auf die Frage nach meiner Identität hatte sie sogar wortwörtlich abgedruckt. Ich bin... weg.
Darunter stand:
Miss Stonefield verließ unmittelbar darauf fluchtartig das Büro des Schulleiters. Welche Geheimnisse die junge Hexe zu verbergen versucht, bleibt vorerst ungeklärt.
Ich hob eine Augenbraue. Fluchtartig?
Ich hatte die Situation strategisch verlassen. Das war ein Unterschied.
>>Der interessante Teil kommt erst noch<<, flüsterte Pansy.
Ich las weiter. Und verstand plötzlich, weshalb halb Hogwarts kurz vor einem Lachanfall stand.
Nachdem Rita bei mir keinen Erfolg gehabt hatte, hatte sie sich offenbar ausführlich meinen drei zurückgelassenen Opfern gewidmet. Professor Dumbledore beschrieb sie noch vergleichsweise harmlos als charmant, jedoch auffällig ausweichend . Damit war er eindeutig am besten davongekommen.
Minerva weniger.
MINERVA McGONAGALL – DIE EISERNE HAND VON HOGWARTS
Auf die Frage nach der jungen Miss Stonefield reagierte Professor McGonagall auffällig einsilbig. Dreimal bezeichnete sie ihre Schülerin lediglich als „eigenständig“, während sie weiterführende Fragen nach deren rebellischer Natur konsequent vermied.
Darunter folgte tatsächlich eine kleine Aufzählung.
Eigenständig?
Rebellisch?
Aufmüpfig?
Schwer kontrollierbar?
Und darunter in kursiver Schrift:
Wo genau Professor McGonagall persönlich die Grenze zwischen diesen Eigenschaften zieht, wollte sie nicht erläutern.
Ich presste die Lippen aufeinander. Nein. Ich würde nicht lachen. Auf gar keinen Fall. Minerva hatte das nicht verdient. Dann hörte ich Fred Weasleys Stimme vom Gryffindor-Tisch. >>George, würdest du mich als eigenständig bezeichnen?<<
>>Außerordentlich eigenständig, Fred.<<
>>Danke. Das bedeutet mir viel.<<
Mehrere Gryffindors brachen in Gelächter aus. Mein Blick wanderte automatisch zum Lehrertisch. Minerva legte langsam ihr Besteck ab. Fred verstummte. George ebenfalls. Beide beschäftigten sich augenblicklich ausgesprochen intensiv mit ihrem Frühstück.
Ich senkte hastig den Blick auf die Zeitung. Das war knapp gewesen. Dann erreichte ich Severus' Abschnitt. Und wusste augenblicklich, weshalb Pansy mich unbedingt hatte weiterlesen lassen. Die Überschrift allein war ein Kunstwerk.
SEVERUS SNAPE – DER MANN, DEN SEINE SCHÜLER FÜRCHTEN SOLLEN?
Oh. Oh, das würde böse enden. Ich las.
Professor Severus Snape, Hauslehrer von Slytherin und Meister der Zaubertränke, zeigte sich gegenüber meinen Fragen zunächst auffällig verschlossen. Auf die direkte Frage, ob seine Schüler ihn als einschüchternd empfänden, antwortete der Professor ohne Zögern:
„Ja.“
Ich biss mir auf die Innenseite meiner Wange. Neben mir prustete Daphne los.
>>Es wird besser<<, versicherte Pansy.
Natürlich.
Auf meine anschließende Frage, ob Professor Snape Freude daran empfinde, seine Schüler einzuschüchtern, reagierte dieser mit den bemerkenswerten Worten:
„Im Augenblick zunehmend.“
Ich erstarrte. Dann entwich mir ein Geräusch. Irgendetwas zwischen Husten und Lachen. >>Stonefield!<<, zischte Draco gegenüber von mir. >>Beherrsch dich.<<
Ich funkelte ihn an. >>Du grinst selbst.<<
Sein Grinsen verschwand sofort. Ich las weiter. Das hätte ich nicht tun sollen. Rita hatte nämlich auch Severus' letzte Warnung aufgenommen.
„Sollten Sie diese Worte noch einmal aussprechen, Miss Kimmkorn, werde ich Ihnen demonstrieren, wie flexibel die Definition von ‚eine letzte Frage‘ ausgelegt werden kann.“
Darunter hatte sie geschrieben:
Ob Professor Snape damit eine konkrete Drohung aussprach, überlasse ich meinen geschätzten Lesern. Diese Reporterin jedenfalls entschied sich dazu, auf eine weitere Nachfrage zu verzichten.
Jetzt konnte ich nicht mehr. Ich legte die Zeitung auf den Tisch, presste eine Hand vor den Mund und kämpfte verzweifelt darum, meine Gesichtszüge unter Kontrolle zu bringen. >>Nicht<<, brachte ich hervor.
Pansy sah mich verwundert an. >>Was?<<
>>Mich zum Lachen bringen.<<
>>Ich sage doch gar nichts.<<
>>Dein Gesicht reicht.<<
Daphne hatte inzwischen Tränen in den Augen. Und wir waren keineswegs die Einzigen. Der gesamte Saal summte vor unterdrückter Heiterkeit. Überall wurden einzelne Passagen vorgelesen.
>>Im Augenblick zunehmend<<, zitierte irgendwo ein Hufflepuff.
Seine Freunde lachten.
>>Eigenständig<<, erwiderte jemand vom Ravenclaw-Tisch.
Noch mehr Gelächter. Ich riskierte erneut einen Blick nach vorn. Dumbledore bestrich seelenruhig ein Stück Toast mit Marmelade. Verdächtig seelenruhig.
Minerva hatte inzwischen offenbar beschlossen, jeden Schüler persönlich zu ermorden, der noch einmal das Wort eigenständig benutzte. Und Severus ...
Severus blickte direkt zu mir. Mein Lachen starb. Sofort. Ich saß kerzengerade.
Seine schwarzen Augen bohrten sich über die gesamte Große Halle hinweg in meine. Langsam hob er eine Augenbraue. Ich schluckte.
Ich habe nichts getan , formte ich lautlos mit den Lippen. Sein Blick wanderte auf die Zeitung vor mir. Dann wieder zu mir. Wirklich nichts. Keine Reaktion.
Pansy bemerkte unseren stummen Austausch und beugte sich neugierig zu mir. >>Warum schaut Snape dich so an?<<
>>Weil Professor Snape grundsätzlich aussieht, als würde er jemanden verfluchen wollen.<<
>>Aber er schaut eindeutig dich an.<<
>>Parkinson, wenn dir dein Leben lieb ist, wechselst du jetzt das Thema.<<
Sie grinste. Ich nahm demonstrativ meinen Kürbissaft. Natürlich war die Sache damit nicht beendet. >>Professor!<< Eine Stimme erklang vom Gryffindor-Tisch.
Die Große Halle wurde schlagartig ruhiger. Ich drehte mich um. George Weasley hatte tatsächlich den Arm gehoben. Oh nein. Sein Zwillingsbruder sah ihn begeistert an.
Severus blickte langsam zu ihm. >>Was, Weasley?<<
George setzte seine unschuldigste Miene auf. >>Nur aus journalistischem Interesse: Empfinden Sie im Augenblick noch immer zunehmend Freude daran, Schüler einzuschüchtern?<<
Totenstille. Ich schloss die Augen. Dieser Junge hatte mit seinem Leben abgeschlossen. Als ich wieder hinsah, erhob sich Snape langsam von seinem Platz. Sein schwarzer Umhang fiel hinter ihm herab. >>Zehn Punkte Abzug für Gryffindor.<<
George nickte ernst. >>Verstehe. Das werte ich als Ja.<<
Fred sackte lachend auf den Tisch. Die Große Halle explodierte. Selbst einige Slytherins konnten sich nicht mehr halten. Ich vergrub mein Gesicht in meinen Händen. >>Weitere zehn Punkte<<, verkündete Severus eisig.
>>Für was?<<, brachte Fred hervor.
>>Existenz.<<
Jetzt war es endgültig vorbei. Ich lachte. Ich wollte es nicht. Wirklich nicht. Aber ich lachte. Und ausgerechnet in diesem Moment traf mich erneut Severus' Blick. Mist.
Ich räusperte mich sofort und griff wahllos nach meinem Toast, als wäre ich seit fünf Minuten ausschließlich mit meinem Frühstück beschäftigt. Am Lehrertisch erhob sich nun auch Minerva. >>Und sollte ich heute noch ein einziges Mal das Wort eigenständig in einem unpassenden Zusammenhang hören, werde ich persönlich dafür sorgen, dass der Betreffende seine Eigenständigkeit bei einer Woche Nachsitzen unter Beweis stellen darf.<<
Stille. Dumbledore nahm einen Schluck Tee. >>Eine ausgesprochen eigenständige Entscheidung, Minerva.<<
Ich erstarrte. Die gesamte Große Halle erstarrte. Minerva drehte langsam den Kopf zu ihm. Dumbledore stellte seine Tasse ab. >>Verzeihung.<<
Ich konnte nicht mehr. Mein Kopf sank auf den Tisch. >>Das ist nicht wahr<<, murmelte ich und lachte gegen meine Arme.
Daphne klopfte mir auf den Rücken. >>Ich mag Kimmkorn.<<
Sofort richtete ich mich auf. >>Nimm das zurück.<<
>>Warum?<<
Ich deutete auf die Titelseite. >>Weil diese Frau gestern versucht hat, mein gesamtes Leben in eine Schlagzeile zu verwandeln.<<
Pansy nahm mir die Zeitung aus der Hand. >>Dafür hat sie heute unser Frühstück gerettet.<<
Ich wollte widersprechen. Wirklich. Aber dann sah ich wieder zum Lehrertisch. Minerva brachte Dumbledore vermutlich gerade mit Blicken um. Severus sah aus, als würde er ernsthaft darüber nachdenken, den Tagespropheten künftig im Schloss zu verbieten. Dumbledore hingegen widmete sich bereits wieder vollkommen ungerührt seiner Marmelade. Und plötzlich musste ich an gestern denken. Ich bin... weg.
Vielleicht war das tatsächlich meine beste Entscheidung der gesamten Woche gewesen. Rita Kimmkorn hatte ihr Opfer gesucht. Und weil ich rechtzeitig das Weite gesucht hatte, hatte sie sich eben andere ausgesucht. Ein kleines, schuldbewusstes Grinsen schlich sich auf mein Gesicht. Armer Severus. Arme Minerva.
Ich griff nach meinem Toast. Andererseits ...
Mein Blick fiel erneut auf die Passage.
„Im Augenblick zunehmend.“
Ich prustete wieder los. Nein. Ein bisschen waren sie auch selbst schuld.
***
Der Vormittag hätte eigentlich nicht mehr schlimmer werden können. Zumindest für Professor Snape. Für mich hingegen entwickelte er sich zunehmend zu einer ausgesprochen unterhaltsamen Angelegenheit.
Als Ruby und ich gemeinsam die Kerker betraten, war die Stimmung bereits angespannt. Die Slytherins saßen auf der einen Seite des Klassenraums, die Ravenclaws auf der anderen und ungewöhnlich viele Schüler hatten ihre Plätze bereits eingenommen. Vor allem waren sie ungewöhnlich still. Das lag vermutlich daran, dass Severus hinter seinem Pult stand. Und uns anstarrte. Alle. Gleichzeitig.
Ich setzte meine unschuldigste Miene auf. >>Guten Morgen, Professor.<<
Seine Augen wanderten augenblicklich zu mir. Fehler. Eindeutig ein Fehler.
>>Stonefield.<<
>>Professor.<<
Ruby stieß mir den Ellenbogen in die Seite. Ich ignorierte sie. Snape musterte mich noch einen Augenblick, bevor sein Blick zur Zeitung wanderte, die irgendein besonders lebensmüder Ravenclaw offenbar unter seinem Tisch hervor lugen ließ.
>>Sollte ich während dieser Unterrichtsstunde auch nur eine einzige Ausgabe des Tagespropheten sehen<<, begann Severus gefährlich leise, >>werde ich persönlich dafür sorgen, dass der betreffende Schüler den gesamten Inhalt dieses Klassenraums katalogisiert. Einschließlich sämtlicher eingelegter Organe.<<
Die Zeitung verschwand. Sofort. >>Und sollte irgendjemand<<, fuhr er fort, >>das Bedürfnis verspüren, journalistische Aussagen über meine Person zu diskutieren, darf er sich ebenfalls angesprochen fühlen.<<
Ruby beugte sich zu mir. >>Er empfindet offenbar zunehmend Freude daran.<<
Ich erstarrte. >>Ruby!<<, zischte ich. Zu spät.
>>Chadwick.<<
Ruby richtete sich auf. >>Professor?<<
>>Fünf Punkte Abzug für Ravenclaw.<<
>>Wofür?<< Severus' Augen verengten sich. Ruby überlegte kurz. >>Existenz?<<
Ich presste beide Hände auf meinen Mund. Es war vorbei. Vollkommen vorbei. Mehrere Schüler brachen in Gelächter aus. Sogar Draco musste sich wegdrehen.
Severus sah aus, als würde er ernsthaft darüber nachdenken, den Unterricht abzubrechen und stattdessen eine Demonstration Unverzeihlicher Flüche anzubieten. >>Zehn Punkte.<<
Ruby nickte ergeben. >>Verstanden.<<
>>Und wenn Sie noch ein Wort sagen, Chadwick—<<
>>Kein Wort.<<
Ich packte sie am Ärmel und zog sie zu unserem Arbeitsplatz. >>Du bist wahnsinnig<<, flüsterte ich.
>>Das war es wert.<<
>>Nein.<<
>>Doch.<<
>>Ruby.<<
>>Luce.<<
Ich sah sie an. Sie grinste. Verdammt. Ich grinste ebenfalls.
>>Ruhe!<<
Sofort wurden wir ernst. Mehr oder weniger. Snape rauschte mit wehendem Umhang vor die Tafel. >>Da Sie offenbar alle über bemerkenswert viel überschüssige Energie verfügen, werden wir diese heute sinnvoll einsetzen.<<
Das klang nicht gut. Überhaupt nicht. Mit einer Bewegung seines Zauberstabs erschienen mehrere Zeilen an der Tafel. Mein Grinsen verschwand.
Ruby sog scharf die Luft ein. >>Oh<<, murmelte sie.
>>Ja.<<
>>Das ist gemein.<<
>>Ausgesprochen.<<
Vor uns stand die Anleitung für einen hochkomplizierten Trank, dessen Herstellung selbst für deutlich ältere Schüler eine Herausforderung gewesen wäre. Mehrere Zutaten mussten parallel vorbereitet werden. Die Temperatur durfte während der ersten Phase nur minimal schwanken. Die Mondsteinlösung musste exakt zum richtigen Zeitpunkt hinzugefügt werden. Und wer die Asphodelwurzel auch nur wenige Sekunden zu lange erhitzte, konnte im Grunde von vorne beginnen.
Severus drehte sich zu uns um. Sein Gesicht war vollkommen ausdruckslos. >>Sie arbeiten heute zu zweit.<< Stöhnen erfüllte den Raum. >>Da offenbar Gesprächsbedarf besteht, möchte ich Ihre sozialen Bedürfnisse keineswegs einschränken.<<
Ruby sah mich an. Ich sah Ruby an. >>Er ist nachtragend<<, flüsterte sie.
>>Überraschend, nicht wahr?<<
>>Stonefield.<<
Ich schloss die Augen. >>Ja, Professor?<<
>>Zwanzig Punkte.<< Empörtes Gemurmel erklang vom Slytherin-Tisch.
Ich blinzelte. >>Zwanzig?<<
>>Möchten Sie dreißig?<<
>>Zwanzig sind ausgesprochen großzügig. Vielen Dank.<<
Ruby senkte den Kopf. Ihre Schultern bebten. Ich trat ihr gegen den Fuß. Dann begannen wir. Und innerhalb weniger Minuten veränderte sich die Stimmung. Zumindest bei mir. Zaubertränke hatten schon immer diese Wirkung auf mich gehabt.
Die Gespräche verschwanden. Die anderen Schüler verschwanden. Selbst Snape verschwand beinahe aus meiner Wahrnehmung. Es gab nur noch den Kessel. Die Zutaten. Die Temperatur. Die Reihenfolge. Magie war in vielen Bereichen eine Frage des Willens. Man richtete einen Zauberstab auf etwas, sprach eine Formel und zwang die Magie gewissermaßen dazu, dem eigenen Wunsch zu folgen.
Zaubertränke funktionierten anders. Man musste zuhören. Beobachten. Reagieren.
>>Mondstein<<, sagte ich.
Ruby reichte mir das Pulver, ohne aufzusehen. >>Noch nicht.<<
Ich hielt inne. Sie beobachtete die Oberfläche. Eine kleine Blase stieg auf. Dann eine zweite. >>Jetzt.<<
Ich gab das Pulver hinein. Der Trank färbte sich augenblicklich von einem matten Grau zu tiefem Violett. >>Temperatur runter.<<
Ruby drehte die Flamme zurück. Ich begann gegen den Uhrzeigersinn zu rühren. Einmal. Zweimal. Dreimal. Pause. Zweimal im Uhrzeigersinn.
>>Asphodel?<<
>>Sieben Sekunden.<<
Ruby nahm die Wurzel aus der erhitzten Lösung. >>Sechs.<<
Ich sah sie an. >>Sieben.<<
>>Sechs Komma acht.<<
>>Streberin<<, raunte ich ihr zu, doch sie revanchierte sich.
>>Perfektionistin.<<
>>Dasselbe.<<
Sie grinste. Ich ebenfalls. Wir arbeiteten weiter. Es fühlte sich beinahe an wie früher. Wir mussten kaum miteinander sprechen. Nach all den Jahrzehnten wusste Ruby meist schon, was ich brauchte, bevor ich danach fragte.
Dann explodierte rechts von uns etwas. Ich zuckte zusammen. Eine Wolke aus gelbem Rauch schoss in die Höhe. >>Thornbloom!<<
Oh. Ich sah auf. Castor stand vor seinem Kessel. Oder vielmehr vor dem, was davon noch übrig war. Eine klebrige gelbliche Masse lief über den Rand und tropfte auf den Boden. Snape kam langsam näher. Sehr langsam. Gefährlich langsam. >>Mr Thornbloom.<<
Castor grinste schief. >>Kleine Fehlkalkulation.<<
>>Offensichtlich.<<
>>Kann jedem passieren.<<
Severus blickte auf den Kessel. Dann auf Castor. >>Sie haben die Baldrianwurzel nicht geschnitten.<<
>>Doch.<<
>>Sie haben sie halbiert.<<
>>Das ist technisch gesehen geschnitten.<<
Ich schloss kurz die Augen. Castor. Nein. Nicht heute. Severus' Gesicht wurde vollkommen ausdruckslos. Das war schlimmer, als wenn er wütend wurde. >>Zwanzig Punkte Abzug für Slytherin.<<
Castors Grinsen verschwand. >>Zwanzig?! Stonefield hat gerade auch—<<
Oh nein. Warum? Warum musste dieser Mann permanent Entscheidungen treffen, die seine Lebenserwartung reduzierten?
Snape wandte langsam den Kopf zu ihm. >>Möchten Sie Ihren Satz beenden?<<
Castor sah zu mir. Ich schüttelte kaum merklich den Kopf. Tu es nicht.
Natürlich tat er es. >>Ich wollte lediglich anmerken, dass Stonefield für eine dumme Bemerkung zwanzig Punkte verloren hat und ich jetzt ebenfalls zwanzig verliere, obwohl mir lediglich ein kleiner Fehler unterlaufen ist.<<
Severus blickte auf die gelbe Masse, die mittlerweile Castors Schuhe erreicht hatte. >>Klein.<<
>>Vergleichsweise.<<
>>Thornbloom<<, murmelte ich.
Er sah zu mir. >>Was?<<
>>Hör auf zu reden.<<
>>Ich komme allein klar.<<
>>Offensichtlich.<<
Ruby prustete. Severus schloss kurz die Augen. >>Weitere zehn Punkte für Slytherin.<<
Castors Mund fiel auf. >>Aber—<<
>>Zwanzig.<<
>>Professor!<<
>>Dreißig.<<
Castor verstummte. Endlich. Ich wandte mich wieder unserem Kessel zu. >>Manchmal frage ich mich, wie er es bis ins vierte Schuljahr geschafft hat<<, murmelte Ruby.
>>Beharrlichkeit.<<
>>Oder Glück.<<
>>Viel Glück.<<
Wir konzentrierten uns wieder. Unsere Flüssigkeit hatte inzwischen exakt den silbrigen Schimmer angenommen, den sie zu diesem Zeitpunkt haben sollte. Ich beugte mich näher. >>Jetzt kommt der schwierige Teil.<<
Ruby nickte. Die nächste Phase erforderte absolute Präzision. Während eine von uns rührte, musste die andere in genau festgelegten Abständen jeweils einen Tropfen der Essenz hinzufügen. Zu früh – verdorben. Zu spät – ebenfalls.
>>Bereit?<<, fragte ich und sie nickte entschlossen.
>>Immer.<<
Ich begann zu rühren. Ruby hielt die Pipette über den Kessel. >>Jetzt.<<
Ein Tropfen. Rühren. >>Jetzt.<< Zweiter Tropfen. Die Oberfläche kräuselte sich.
>>Warte.<<
Ruby hielt inne. Drei Sekunden. Vier. Die Farbe wurde heller.
>>Jetzt.<<
Der dritte Tropfen fiel. Silberner Dampf stieg auf. Ich lächelte. Perfekt. >>Noch zwei.<<
>>Ich weiß.<<
>>Ich wollte es nur sagen.<<
>>Du vertraust mir nicht.<<
>>Ich habe dich meine Seele verfluchen lassen. Ich glaube, das beantwortet die Frage.<<
Ruby warf mir einen scharfen Blick zu. Mist. Das hätte ich nicht sagen dürfen. Nicht hier. Ich räusperte mich. >>Also...hypothetisch<<, pflichtete ich noch bei und sie nickte nur.
>>Natürlich.<<
Wir schwiegen. Zum Glück schien niemand etwas gehört zu haben. Hoffte ich. Als ich aufblickte, begegnete ich jedoch schwarzen Augen. Snape stand einige Tische entfernt. Und sah zu uns. Mein Herz setzte einen Schlag aus. Hatte er es gehört? Sein Gesicht verriet nichts. Dann wanderte sein Blick zu unserem Kessel. Und blieb dort.
Ich zwang mich, weiterzuarbeiten. >>Konzentrier dich<<, flüsterte Ruby.
>>Tue ich.<<
>>Nein.<<
>>Ruby.<<
>>Kessel. Nicht Professor Fledermaus.<< Ich trat ihr erneut gegen den Fuß. >>Autsch.<<
>>Verdient.<<
Wenige Minuten später nahm ich die Flamme vollständig weg. Silbriger Dampf schwebte über unserem Kessel. Die Flüssigkeit selbst war vollkommen klar geworden. Nur wenn das Licht darauf fiel, schimmerte sie leicht perlmuttfarben. Ruby und ich betrachteten unser Werk. >>Fertig<<, sagte sie.
Ich nickte. >>Fertig.<<
Und wir waren die Ersten. Mit Abstand. Um uns herum herrschte noch hektisches Treiben. Einige Tränke waren braun. Andere grün. Einer entwickelte gerade eine Konsistenz, die mich entfernt an Haferschleim erinnerte.
Castor hatte inzwischen einen neuen Kessel bekommen. Der qualmte. Ich beschloss, nicht hinzusehen. Ruby hob die Hand. >>Professor?<<
Snape blickte zu uns. >>Was?<<
>>Wir sind fertig.<<
Stille. Mehrere Köpfe drehten sich zu uns. Snape sah auf die Uhr. Dann auf uns. Dann wieder auf die Uhr. >>Unmöglich.<<
Ich hob eine Augenbraue. >>Das ist ein wenig verletzend.<<
Sein Blick traf mich. Ich schwieg. Snape kam zu unserem Tisch. Plötzlich wurde ich nervös. Was vollkommen lächerlich war. Ich wusste, dass der Trank gelungen war. Ruby wusste es ebenfalls. Trotzdem beobachtete ich jede seiner Bewegungen, als er sich über unseren Kessel beugte.
Er prüfte die Farbe. Die Konsistenz. Den Dampf. Nahm schließlich mit einer kleinen silbernen Kelle etwas Flüssigkeit heraus und ließ sie zurück in den Kessel laufen. Sein Gesicht veränderte sich nicht. Natürlich nicht. Severus Snape hätte vermutlich selbst beim Anblick Merlins lediglich eine Augenbraue gehoben.
Dann blickte er mich an. Anschließend Ruby. >>Wer von Ihnen hat die Temperatur während der zweiten Phase kontrolliert?<<
>>Ruby.<<
>>Und die Asphodelwurzel?<<
>>Ebenfalls Ruby.<<
>>Sechs Komma acht Sekunden<<, ergänzte sie.
Snapes Augenbraue hob sich. Ich grinste. >>Ich sagte sieben.<<
>>Es waren sechs Komma acht.<<
>>Das ist praktisch sieben.<<
>>Mathematisch vielleicht. Alchemistisch nicht.<<
Severus sah zwischen uns hin und her. >>Und wer hat gerührt?<<
>>Ich.<<
>>Die Mondsteinlösung?<<
>>Gemeinsam.<< Er schwieg. Unangenehm lange. >>Professor?<<, fragte ich schließlich.
Snape richtete sich auf. >>Der Trank ist fehlerfrei.<<
Mein Grinsen wurde breiter. Ruby strahlte. Aus Richtung der Ravenclaws ertönte anerkennendes Gemurmel. >>Nicht lediglich akzeptabel<<, fuhr Severus fort. >>Fehlerfrei. Farbe, Konsistenz und Bindung entsprechen exakt dem gewünschten Ergebnis.<<
Das war...Wow. Ein echtes Lob. Von Severus Snape. Ich sah Ruby an. Sie sah mich an. Wir grinsten wie zwei Idiotinnen.
>>Zehn Punkte für Ravenclaw<<, sagte Severus. Ruby blinzelte. Dann sah er mich an. >>Und zehn Punkte für Slytherin.<<
Jetzt fiel mir beinahe die Kelle aus der Hand. >>Sie geben mir Punkte?<<
Seine Augen verengten sich. >>Soll ich sie wieder abziehen?<<
>>Nein.<< Ich schüttelte sofort den Kopf. >>Auf keinen Fall. Ich wollte lediglich sicherstellen, dass ich mich nicht verhört habe.<<
Ein kaum sichtbares Zucken ging durch seinen Mundwinkel. >>Ihre akustische Wahrnehmung scheint einwandfrei zu funktionieren, Stonefield.<<
>>Danke, Professor.<<
>>Das war kein Kompliment.<<
>>Ich nehme heute, was ich bekommen kann.<<
Ruby hustete auffällig. Ich ignorierte sie. Snape wollte sich gerade abwenden, als hinter uns erneut ein bedrohliches Zischen erklang. Wir drehten uns um. Castors Trank begann Blasen zu werfen. Große Blasen. Sehr große.
>>Thornbloom<<, sagte Snape.
Castor starrte in seinen Kessel. >>Das gehört so.<<
>>Nein.<<
>>Vielleicht bei meiner Variante.<<
>>Es gibt keine Variante.<<
>>Innovation, Professor.<<
Snape schloss die Augen. Ruby griff nach meinem Arm. Ich wusste genau, warum. Wir durften nicht lachen. Auf keinen Fall. >>Mr Thornbloom<<, sagte Severus nach einigen Sekunden mit bemerkenswert ruhiger Stimme, >>entfernen Sie sich von Ihrem Kessel.<<
>>Ich habe das im Griff.<<
Der Kessel machte blubb . >>Thornbloom.<< Blubb. >>Sofort.<< BLUBB.
Castor trat zurück. Der Kessel explodierte. Eine Fontäne aus grünem Schleim schoss bis zur Decke. Mehrere Schüler schrien auf. Ruby und ich duckten uns. Snape hingegen bewegte lediglich seinen Zauberstab. Ein Schutzschild fing den größten Teil der Masse ab. Stille.
Ein einzelner grüner Tropfen löste sich von der Decke. Er fiel. Direkt auf Castors Kopf. Platsch. Ich starrte ihn an. Ruby starrte ihn an. Castor stand vollkommen regungslos da. Grüner Schleim lief ihm über die Stirn.
>>Kein<<, sagte Severus gefährlich leise, >>einziges<< ... Ruby begann neben mir zu zittern. >>...Wort.<<
Ich biss mir so fest auf die Lippe, dass es wehtat. Castor wischte sich über das Gesicht. >>Ich wollte eigentlich nur—<<
>>Raus.<<
>>Aber Professor—<<
>>RAUS!<<
Castor schnappte seine Tasche und marschierte unter dem schallenden Gelächter des gesamten Kurses aus dem Raum. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Snape stand vollkommen still. Dann wandte er sich langsam der Klasse zu. Sofort herrschte Ruhe. >>Sollte irgendjemand von Ihnen auf die absurde Idee kommen, Thornblooms Vorgehensweise als Inspiration zu betrachten, werde ich persönlich dafür sorgen, dass Sie bis zum Ende dieses Schuljahres Flubberwurmschleim sortieren. Mit bloßen Händen.<<
Niemand sagte etwas. Snapes Blick wanderte durch den Raum. Blieb kurz bei mir hängen. Ich setzte meine unschuldigste Miene auf. Seine Augen verengten sich. Dann wandte er sich ab.
Ruby beugte sich langsam zu mir. >>Er empfindet zunehmend Freude daran.<<
Ich stieß ein ersticktes Geräusch aus. >>Ruby!<<
Snape fuhr herum. >>CHADWICK!<<
Jetzt brach der gesamte Kurs zusammen. Und diesmal...konnte selbst ich mich nicht mehr retten.
***
Severus PoV
Severus Snape hatte viele Talente. Er konnte einen komplizierten Trank allein anhand seines Geruchs beurteilen. Er konnte Schüler mit einem einzigen Blick zum Schweigen bringen. Er konnte Lord Voldemort belügen, ohne mit der Wimper zu zucken. Und er konnte normalerweise selbst in den absurdesten Situationen seine Beherrschung bewahren. Castor Thornbloom stellte diese Fähigkeit zunehmend auf eine harte Probe.
Severus saß spät am Abend an seinem Schreibtisch und blickte mit finsterer Miene auf einen Stapel Pergamente, ohne auch nur eines davon wirklich wahrzunehmen. Vor ihm stand eine Tasse Tee. Kalt. Natürlich. Er hatte sie vor ungefähr zwei Stunden eingeschenkt.
Seitdem war er nicht dazu gekommen, auch nur einen Schluck davon zu trinken, weil er zuerst einen Erstklässler hatte davon abhalten müssen, eine giftige Tentacula als Dekoration für den Schlafsaal zu verwenden, anschließend hatte Filch ihn wegen irgendeines angeblichen Zwischenfalls im zweiten Stock aufgehalten und schließlich hatte Draco Malfoy beschlossen, ihm ausführlich zu erklären, warum es vollkommen gerechtfertigt gewesen war, einem Gryffindor einen Fluch auf den Umhang zu legen. Ein gewöhnlicher Tag in Hogwarts. Beinahe.
Severus lehnte sich zurück. Sein Blick wanderte zu einem kleinen Fläschchen auf der rechten Seite seines Schreibtisches. Die Flüssigkeit darin war vollkommen klar. Nur wenn das Licht der Kerzen darauf fiel, schimmerte sie leicht perlmuttfarben. Seine Miene verfinsterte sich. Stonefield. Chadwick.
Er hätte die Probe längst in sein Vorratslager bringen können. Eigentlich hätte er sie entsorgen können. Er hatte genügend davon. Und dennoch stand sie dort. Seit Stunden.
Severus griff nach dem Fläschchen und hielt es gegen das Licht. Fehlerfrei. Dieses Wort benutzte er selten. Aus gutem Grund. Fehlerfrei war ein gefährliches Wort. Es suggerierte Perfektion, wo meistens nur mangelnde Aufmerksamkeit des Prüfers vorlag. Ein guter Tränkemeister fand immer etwas.
Eine minimale Abweichung der Farbe. Eine geringfügig falsche Konsistenz. Eine Spur zu viel Asphodel. Ein kaum wahrnehmbarer Fehler bei der Temperatur. Irgendetwas. Bei diesem Trank hatte Severus nichts gefunden. Gar nichts.
Und das ärgerte ihn beinahe genauso sehr wie Thornbloom. Fast.
Er stellte das Fläschchen wieder ab. Seine Gedanken wanderten zurück zum Unterricht. Stonefield und Chadwick hatten bereits ungewöhnlich schnell gearbeitet. Das allein hätte ihn nicht sonderlich beeindruckt. Geschwindigkeit war bei Zaubertränken kein Qualitätsmerkmal. Im Gegenteil. Viele Schüler glaubten, ein möglichst schnelles Vorgehen würde Kompetenz beweisen. Meist bewies es lediglich, dass Severus anschließend neue Kessel bestellen musste.
Thornbloom hatte diese Theorie heute eindrucksvoll demonstriert.
Severus' Kiefer spannte sich an. Innovation, Professor. Allein die Erinnerung daran ließ etwas hinter seiner Stirn pochen. Innovation. Der Junge hatte eine Baldrianwurzel halbiert. Halbiert!
Severus hatte die Anweisung persönlich an die Tafel geschrieben. Fein schneiden. Nicht halbieren. Nicht zerdrücken. Nicht enthusiastisch in den Kessel werfen. Fein schneiden. Und Thornbloom hatte ihn mit vollkommen ernstem Gesicht darüber informiert, dass Halbieren technisch gesehen ebenfalls Schneiden sei.
Severus rieb sich über die Nasenwurzel. Vielleicht war Minerva bereit, Häuser zu tauschen. Nur für ein Jahr. Oder einen Monat. Eine Woche würde ihm vermutlich schon reichen. Sie bekam Thornbloom. Er bekam Granger. Ein durchaus akzeptabler Handel.
Severus hielt inne. Nein. Granger stellte zu viele Fragen. Vielleicht Longbottom. Er schloss die Augen. Nein. Definitiv nicht Longbottom. Dann lieber Thornbloom.
Severus griff nach seiner kalten Tasse und nahm einen Schluck. Sein Gesicht verzog sich augenblicklich. Widerlich. Passend zum Tag. Er stellte die Tasse wieder ab. Und erneut fiel sein Blick auf das Fläschchen. Das eigentliche Problem war nicht Chadwick gewesen. Ihre Leistung überraschte ihn nicht vollkommen.
Das Mädchen war eindeutig außergewöhnlich begabt. Schon nach wenigen Unterrichtsstunden hatte Severus erkannt, dass sie Zusammenhänge verstand, für die andere Schüler mehrere Erklärungen benötigten. Chadwick arbeitete analytisch. Präzise. Fast pedantisch. Sechs Komma acht Sekunden.
Severus' Mundwinkel zuckte. Natürlich. Er hätte von einer Ravenclaw nichts anderes erwarten sollen. Stonefield hingegen...
Severus' Ausdruck wurde nachdenklich. Bei ihr war es anders. Sie arbeitete nicht lediglich nach Anleitung. Sie verstand den Trank. Das war ein Unterschied, den kaum jemand begriff. Selbst gute Schüler folgten Rezepten. Hervorragende Schüler verstanden, weshalb sie ihnen folgten. Stonefield hatte heute kaum auf die Tafel gesehen. Sie hatte beobachtet. Den Dampf. Die Farbe. Die Oberfläche.
Sie hatte auf Veränderungen reagiert, bevor diese vollständig sichtbar geworden waren. Fast so, als würde sie—
Severus runzelte die Stirn. Als würde sie das seit Jahren machen. Unmöglich. Sie war vierzehn. Zumindest behauptete sie das. Severus' Augen verengten sich. Da war es wieder. Dieses Gefühl. Er konnte es nicht benennen.
Seit Stonefield nach Hogwarts gekommen war, störte etwas an ihr sein gewohntes Bild. Nicht auf unangenehme Weise. Das wäre leichter gewesen. Sie passte schlicht nicht. Nicht zu ihrem Alter. Nicht vollständig zu Slytherin. Nicht zu dem Bild einer gewöhnlichen Schülerin.
Ihre Zurückhaltung konnte er nachvollziehen. Ebenso ihren Wunsch, Abstand zu den anderen Slytherins zu halten. Aber manchmal sagte sie Dinge...
Manchmal sah sie Menschen an...
Und manchmal bewegte sie sich durch dieses Schloss mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte sie jeden Winkel davon schon gekannt, bevor sie überhaupt hier angekommen war.
Severus hatte gelernt, seinem Misstrauen zu vertrauen. Es hatte ihn am Leben gehalten. Stonefield verbarg etwas. Davon war er überzeugt. Die Frage war nur, was.
Sein Blick glitt erneut zum Trank. Heute hatte sie ihre Deckung zumindest für einige Minuten vergessen. Das war interessant gewesen. Während der restlichen Unterrichtsstunde war sie frech gewesen. Unverschämt.
Chadwick noch schlimmer. Existenz?
Severus schloss kurz die Augen. Dieses Mädchen würde noch herausfinden, wie weit seine Geduld tatsächlich reichte. Aber sobald Stonefield vor dem Kessel gestanden hatte, war etwas mit ihr geschehen. Die ironischen Bemerkungen waren verstummt. Die Umgebung hatte offenbar aufgehört zu existieren. Vollständige Konzentration. Ruhige Hände. Keine Unsicherheit. Kein hektischer Blick auf die Anleitung. Und Chadwick hatte sich ihr angepasst. Nein. Das war falsch.
Sie hatten sich einander angepasst. Das war noch merkwürdiger gewesen. Sie hatten kaum gesprochen. Ein Wort hatte genügt. Ein Blick. Eine Handbewegung.
Stonefield hatte nach einer Zutat gegriffen und Chadwick hatte sie ihr bereits gereicht. Chadwick hatte die Temperatur verändert, noch bevor Stonefield etwas sagen musste. Dieses Zusammenspiel entstand nicht innerhalb weniger Wochen. Dafür musste man sich kennen. Lange. Sehr lange.
Severus' Stirn legte sich in Falten. Was zum Teufel verbargen diese beiden Mädchen? Er würde es herausfinden. Nicht heute. Nicht morgen. Aber irgendwann. Severus Snape war ein geduldiger Mann. Meistens.
Vielleicht sollte er für heute aufhören, über Stonefield und Chadwick nachzudenken. Eine vernünftige Entscheidung. Eine ausgesprochen vernünftige Entscheidung. Sein Blick fiel erneut auf das kleine Fläschchen mit ihrem Trank. Er nahm es in die Hand. Fehlerfrei. Noch immer. Als hätte sich das Ergebnis innerhalb der vergangenen zehn Minuten auf wundersame Weise verändern können.
Severus schnaubte leise über sich selbst und stellte die Probe zurück. Stonefield war eine Schülerin. Eine ungewöhnliche Schülerin seines Hauses, gewiss. Eine, die zu viele Fragen aufwarf und für seinen Geschmack deutlich zu geschickt darin war, ihnen auszuweichen. Aber eine Schülerin.
Seine Aufmerksamkeit galt ihr ausschließlich deshalb, weil er als Hauslehrer verpflichtet war, Auffälligkeiten zu registrieren. Und Lucinda Stonefield war zweifellos auffällig. Mehr nicht.
Severus zog das oberste Pergament seines Stapels zu sich. Eigenschaften des Bezoars und seine Verwendung bei Vergiftungen , lautete die Überschrift.
Er begann zu lesen. Drei Sätze später wusste er nicht mehr, was darin stand.
Vor seinem inneren Auge erschien stattdessen wieder Stonefield vor ihrem Kessel. Die konzentrierte Falte zwischen ihren Augenbrauen. Ihre ruhigen Hände. Die Art, wie sie nicht einfach Zutaten hinzugefügt, sondern jede Veränderung des Tranks beobachtet hatte. Und anschließend dieses vollkommen ungebremste Strahlen, nachdem er ihre Arbeit gelobt hatte. Sie geben mir Punkte?
Severus verzog den Mund. Als wäre das ein Naturereignis gewesen. Gut. Vielleicht verteilte er Punkte nicht gerade inflationär. Aber herausragende Leistung verdiente Anerkennung. Selbst wenn sie von einer Schülerin kam, die ihm noch am selben Morgen zwanzig Punkte gekostet hatte.
Sein Mundwinkel zuckte. Ich nehme heute, was ich bekommen kann.
Unverschämt. Eindeutig unverschämt.
Severus griff nach seiner Feder. Er setzte sie auf das Pergament. Hielt inne. Dann wanderte sein Blick wieder zu dem Fläschchen. >>Verdammt, Stonefield.<<
Er stellte die Feder ab. Das eigentliche Problem war nicht ihr Talent. Talent konnte man erklären. Manche Schüler besaßen schlicht ein außergewöhnliches Gespür für bestimmte Bereiche der Magie. Das Problem war ihre Selbstverständlichkeit.
Stonefield hatte heute nicht gewirkt, als würde sie einen schwierigen Trank zum ersten Mal brauen. Sie hatte gewirkt, als würde sie etwas Vertrautes tun. Etwas, das sie schon hundertmal getan hatte. Und Chadwick...
Bei ihr war es ähnlich. Vielleicht sogar noch auffälliger. Sechs Komma acht Sekunden. Severus schüttelte kaum merklich den Kopf. Diese beiden Mädchen kannten sich nicht erst seit wenigen Wochen. Das war unmöglich.
Ihr Zusammenspiel verriet Jahre. Blindes Vertrauen. Gewohnheit. Erfahrung. Und Dumbledore wusste etwas. Davon war Severus inzwischen überzeugt.
Der Schulleiter hatte Stonefields Ankunft mit einer Gelassenheit behandelt, die im Nachhinein beinahe verdächtig wirkte. Severus kannte Albus lange genug. Wenn der alte Mann behauptete, etwas sei vollkommen harmlos, war meistens besondere Vorsicht geboten. Er würde ihn darauf ansprechen. Nicht direkt.
Dumbledore würde ohnehin ausweichen. Aber Severus konnte warten. Beobachten. Stonefield würde irgendwann einen Fehler machen. Jeder machte Fehler. Severus blickte auf die makellose Probe ihres Tranks. Fast jeder.
Ein dumpfes Geräusch aus dem Korridor unterbrach seine Gedanken. Dann Stimmen. Severus schloss die Augen. Nein. Er wollte nicht wissen, was dort draußen geschah. Heute nicht mehr. Er hatte genug.
Die Stimmen wurden lauter. >>Aber ich habe doch gar nichts gemacht!<<
Severus' Augen öffneten sich. Thornbloom. Natürlich. Wer sonst?
Er erhob sich langsam. Sehr langsam. Sein Stuhl schabte über den Steinboden. Wenn dieser Junge innerhalb weniger Stunden einen dritten Kessel gesprengt hatte, würde Severus ihn persönlich an Professor Sprout verschenken. Vielleicht konnte sie ihn als Dünger verwenden.
Severus riss die Tür auf. Castor Thornbloom stand mitten im Korridor. Neben ihm ein Erstklässler. Auf dem Boden lagen mehrere Bücher. Und Castor hielt einen Zauberstab in der Hand.
Severus betrachtete die Szene. Dann Castor. >>Thornbloom.<<
Castors Gesicht verlor augenblicklich an Farbe. >>Professor.<<
>>Erklären Sie mir, weshalb Sie mit gezogenem Zauberstab vor einem Erstklässler stehen.<<
>>Das ist ein Missverständnis.<<
Natürlich. Severus verschränkte die Arme. >>Erhellen Sie mich.<<
Castor deutete auf die Bücher. >>Er ist gegen mich gelaufen.<<
Der Erstklässler sah entsetzt zu Severus. >>Er hat gesagt, ich soll aufpassen, wo ich hinlaufe.<<
>>Das erscheint mir zunächst überraschend vernünftig.<<
Castor nickte sofort. >>Eben.<<
Der Junge schluckte. >>Dann hat er gesagt, sonst würde er mich an die Decke hängen.<<
Severus' Blick wanderte zurück zu Castor. Dieser lächelte schwach. >>Bildlich gesprochen.<< Severus schwieg. >>Professor?<<
>>Thornbloom.<<
>>Ja?<<
>>Geben Sie mir einen einzigen überzeugenden Grund, Ihnen heute nicht weitere zwanzig Punkte abzuziehen.<<
Castor dachte nach. Das allein war bereits ein Fehler. >>Weil Slytherin sonst ziemlich viele Punkte verliert?<< Severus starrte ihn an. Castor räusperte sich. >>War nur ein Vorschlag.<<
>>Dreißig Punkte.<<
>>Was?!<<
>>Vierzig.<<
Castor riss den Mund auf. Severus hob eine Augenbraue. Der Junge schloss ihn wieder. >>Eine weise Entscheidung.<< Severus wandte sich dem Erstklässler zu. >>Gehen Sie.<<
Der Junge sammelte hastig seine Bücher ein und verschwand. Castor blieb zurück. Severus betrachtete ihn. Lange. Sehr lange. >>Mr Thornbloom.<<
>>Professor?<<
>>Sie haben heute zwei Kessel zur Explosion gebracht.<< Castor nickte vorsichtig. >>Sie haben meine Anweisungen diskutiert.<< Noch ein Nicken. >>Sie haben versucht, mir zu erklären, dass eine halbierte Baldrianwurzel als fein geschnitten gelten könnte.<< Castor öffnete den Mund. Severus hob einen Finger. >>Wagen Sie es nicht.<< Der Mund schloss sich wieder. >>Und nun bedrohen Sie jüngere Schüler meines Hauses.<<
>>Ich habe ihn nicht wirklich bedroht.<<
Severus atmete ein. Langsam. Beherrscht. Er war ein erwachsener Mann. Ein Lehrer. Ein Meister der Selbstkontrolle. >>Thornbloom.<<
>>Ja?<<
>>Verschwinden Sie.<<
Castor zögerte keine Sekunde. Er verschwand. Severus blieb im Korridor zurück. Stille kehrte ein. Herrliche Stille. Er sah Castor hinterher. Vielleicht sollte er Dumbledore doch um eine Gehaltserhöhung bitten. Oder Minerva um Feuerwhisky. Viel Feuerwhisky.
Severus kehrte in sein Büro zurück und schloss die Tür. Sein Blick fiel augenblicklich wieder auf das kleine Fläschchen. Stonefield und Chadwick hatten heute einen Trank gebraut, der selbst Schüler aus seinem UTZ-Kurs gefordert hätte. Thornbloom hatte beinahe zwei Katastrophen innerhalb eines Tages verursacht.
Severus setzte sich. Vielleicht war das die natürliche Ordnung von Hogwarts. Für jeden außergewöhnlich begabten Schüler musste es irgendwo einen Thornbloom geben, der das Gleichgewicht wiederherstellte. Severus nahm das Fläschchen und stellte es sorgfältig in das Regal hinter seinem Schreibtisch.
Nicht zu den gewöhnlichen Schülerproben. Etwas höher. Dorthin, wo er seine gelungensten Exemplare aufbewahrte.
Er hielt inne. Betrachtete es. Dann schloss er die Schranktür. Morgen würde er Stonefield wieder beobachten. Rein aus fachlichem Interesse. Selbstverständlich. Und Thornbloom...
Severus ließ sich erschöpft zurücksinken. Den würde er ebenfalls beobachten. Aus Gründen der allgemeinen Sicherheit.
***
Ruby PoV
Als ich am späten Abend in den Schlafsaal zurückkehrte, lag ein Brief auf meinem Kopfkissen. Ich erkannte die Handschrift noch bevor ich überhaupt das Siegel gesehen hatte. Sirius.
Unwillkürlich breitete sich ein Lächeln auf meinem Gesicht aus. Mein Patronus hatte ihn also erreicht. Vor ein paar Tagen hatte ich den silbernen Fuchs zu ihm geschickt und Sirius um Informationen über Professor Snape gebeten. Eigentlich war es nur aus Neugier gewesen. Lucinda und mir war im Unterricht aufgefallen, dass unser werter Professor Fledermaus Harry gegenüber eine erstaunlich ausgeprägte Abneigung hegte. Und erstaunlich war noch freundlich ausgedrückt.
Snape konnte Harry offenbar kaum ansehen, ohne einen Grund zu finden, ihn zu kritisieren. Anfangs hatte ich geglaubt, dies läge schlichtweg an seinem Charakter. Der Mann behandelte schließlich einen Großteil seiner Schüler so, als wären sie persönlich dafür verantwortlich, dass er jeden Morgen aufstehen musste. Aber bei Harry war es anders. Persönlicher.
Ich setzte mich auf mein Bett und griff nach dem Umschlag. Wenn jemand wusste, was dahintersteckte, dann vermutlich Sirius. Immerhin waren er und Snape ungefähr zur selben Zeit in Hogwarts gewesen. Vielleicht konnte er ein wenig Licht ins Dunkel bringen. Ich brach das Siegel und faltete das Pergament auseinander.
Meine kleine Krähe,
zunächst einmal möchte ich festhalten, dass dein Patronus mich beinahe zu Tode erschreckt hat. Nicht wegen des Fuchses. Sondern weil ich bei deiner Nachricht für einen kurzen Moment dachte, etwas wäre passiert.
Wenn du das nächste Mal einen Patronus zu einem gesuchten Flüchtling schickst, fang vielleicht mit „Uns geht es gut“ an, bevor du anfängst, Fragen über Schniefelus zu stellen. Ja. Schniefelus. Du hast richtig gelesen. Und nein, ich werde ihn nicht Professor Snape nennen, solange er mich nicht hören kann.
Du willst also etwas über euren geschätzten Meister der Zaubertränke wissen.
Wo soll ich anfangen? Snape und ich waren gemeinsam in Hogwarts. Er war in Slytherin, ich in Gryffindor, und damit waren die Fronten eigentlich schon ziemlich früh geklärt.
Er war schon damals ein ausgesprochen angenehmer Zeitgenosse – sofern man unter angenehm versteht, dass jemand ständig aussieht, als würde er überlegen, welches Gift er einem unbemerkt ins Kürbissaftglas mischen könnte. Er war still, verschlossen, verdammt klug und ziemlich gut in Zaubertränke. Den letzten Teil hast du nicht von mir. Ich werde bestreiten, jemals etwas Positives über Severus Snape geschrieben zu haben.
Er konnte schon damals kaum jemanden leiden und hatte ein bemerkenswertes Talent dafür, sich Feinde zu machen. Allerdings muss ich fairerweise zugeben , dass wir ihm dabei gelegentlich geholfen haben. James und Snape konnten sich vom ersten Augenblick an nicht ausstehen. Und wenn ich sage nicht ausstehen , meine ich damit, dass man die beiden besser nicht mit gezogenen Zauberstäben allein in einem Raum ließ.
James war selbstbewusst, laut und hatte die unangenehme Angewohnheit, das auch jeden wissen zu lassen. Snape war stolz, nachtragend und ließ sich nichts gefallen. Eine hervorragende Mischung für eine lebenslange Freundschaft. Falls du den Sarkasmus nicht erkannt hast: Das war Sarkasmus.
Remus würde jetzt vermutlich behaupten, wir hätten uns damals alle nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Und wahrscheinlich hätte er damit sogar recht. Aber sag ihm bloß nicht, dass ich das geschrieben habe.
Was Harry betrifft, kann ich mir allerdings ziemlich gut vorstellen, weshalb Snape auf ihn reagiert, wie du es beschrieben hast. Harry sieht James verdammt ähnlich. Manchmal erschreckend ähnlich. Wenn Snape ihn ansieht, dürfte er wahrscheinlich nicht nur Harry Potter vor sich sehen, sondern gleichzeitig an James erinnert werden. U nd glaub mir, Ruby:
Severus Snape hasste James Potter.
Das beruhte übrigens auf Gegenseitigkeit. James konnte arrogant sein. Vor allem in unserer Schulzeit. Er wusste, dass er talentiert war, und ließ es gelegentlich etwas zu deutlich heraushängen. Snape wiederum war nicht gerade dafür bekannt, Beleidigungen einfach hinzunehmen. Die beiden provozierten sich gegenseitig, wann immer sich eine Gelegenheit bot.
Und ich? Nun. Sagen wir einfach, ich war James' bester Freund. Du kannst dir vermutlich denken, auf welcher Seite ich stand. Snape und ich werden in diesem Leben wahrscheinlich keine Weihnachtskarten mehr austauschen. Trotzdem solltest du ihn nicht unterschätzen.
Er ist intelligent. Sehr sogar. Er kennt sich mit Zaubertränken besser aus als fast jeder andere, den ich während meiner Zeit in Hogwarts kennengelernt habe, und wenn er etwas wissen will, kann er ausgesprochen hartnäckig werden.
Außerdem besitzt er ungefähr so viel Humor wie ein schlecht gelaunter Dementor. Falls Lucinda also vorhat, ihn mit ihrem üblichen Charme aus der Reserve zu locken, wünsche ich ihr viel Erfolg.
Obwohl... w enn ich darüber nachdenke, könnte das sogar ziemlich unterhaltsam werden. Aber jetzt zu dem Teil, bei dem ich ausnahmsweise ernst werde.
Wenn Snape Harry unfair behandelt, behalte es im Auge.
Ich kenne ihn lange genug, um zu wissen, dass er alte Feindschaften nicht besonders gut vergessen kann. Harry kann nichts dafür, dass er aussieht wie sein Vater, und ich hoffe sehr, dass Snape wenigstens genug Verstand besitzt, das irgendwann ebenfalls zu begreifen. Trotzdem glaube ich nicht, dass er Harry ernsthaft etwas antun würde.
Ihn schikanieren? Mit Sicherheit.
Ihm wegen irgendeiner Kleinigkeit Punkte abziehen? Ohne mit der Wimper zu zucken.
Ihn vor der gesamten Klasse bloßstellen? Klingt nach Schniefelus.
Aber absichtlich in Gefahr bringen? Nein.
So sehr es mich auch schmerzt, das zu schreiben: Selbst Snape hat Grenzen. Verlass dich trotzdem nicht blind auf meine Einschätzung. Wir sind keine Freunde. Waren wir nie. Und ich bin vermutlich der Letzte, der dir ein objektives Bild von diesem Mann vermitteln kann.
Beobachte ihn selbst. Du warst schon immer besser darin, Menschen zu durchschauen als ich. Und falls Lucinda ebenfalls misstrauisch geworden ist, soll sie vorsichtig sein. Snape ist vieles, aber ganz bestimmt kein Idiot. Wenn ihr beiden versucht, ihn auszuspionieren, wird er das wahrscheinlich bemerken, bevor ihr überhaupt angefangen habt. Vor allem Lucinda sollte sich zurückhalten.
Irgendetwas sagt mir, dass sie und Snape zusammen eine explosive Mischung ergeben könnten. Keine Ahnung, warum. Nenn es männliche Intuition.
Und jetzt genug über Schniefelus. Wie geht es dir ?
Du schreibst mir einen ganzen Patronus über Snape und verlierst kein Wort darüber, ob du vernünftig schläfst, genug isst oder dich wieder bis tief in die Nacht über irgendwelche alchemistischen Bücher beugst.
Ich kenne dich, Ruby. Pass auf dich auf. Und auf Lucinda. Und auf Harry.
Ich wünschte, ich könnte selbst bei euch sein. Mehr, als du dir vorstellen kannst. Aber solange das nicht möglich ist, muss ich mich wohl darauf verlassen, dass meine kleine Krähe in Hogwarts die Stellung hält. Schreib mir bald. Und schick beim nächsten Mal bitte zuerst ein Lebenszeichen, bevor du mich mit Professor Fledermaus belästigst.
Tatze
Ich las die letzten Zeilen zweimal. Dann ein drittes Mal. Das Lächeln ließ sich nicht verhindern. Typisch Sirius. Er konnte einen halben Brief damit verbringen, Severus Snape zu beleidigen, nur um am Ende so beiläufig zu fragen, wie es mir ging, dass es mich mehr berührte als jedes große Liebesgeständnis.
Ich strich mit dem Daumen über das Wort Tatze . Merlin, er fehlte mir. Manchmal so sehr, dass es körperlich wehtat. Am liebsten hätte ich auf der Stelle meinen Patronus gerufen und ihm geantwortet. Hätte ihm gesagt, dass es mir gut ging. Dass Lucinda und ich noch lebten. Dass Hogwarts nach all den Jahren gleichzeitig vertraut und vollkommen fremd wirkte. Und dass ich jeden Abend daran dachte, wie viel lieber ich gerade bei ihm wäre.
Doch dafür blieb später noch Zeit. Zunächst faltete ich den Brief wieder auseinander und konzentrierte mich auf den anderen Teil.
Severus Snape. Oder Schniefelus, wie Sirius offenbar mit geradezu kindlicher Begeisterung darauf bestand, ihn zu nennen. Einige Dinge ergaben nun tatsächlich Sinn.
Harry sah seinem Vater ähnlich. Wenn zwischen James Potter und Snape eine derart erbitterte Feindschaft bestanden hatte, erklärte das zumindest teilweise, weshalb der Professor so empfindlich auf Harry reagierte. Es entschuldigte sein Verhalten nicht. Aber es erklärte es.
Was mich allerdings nachdenklicher stimmte, war etwas anderes. Sirius hasste Snape offensichtlich. Daran bestand nach diesem Brief überhaupt kein Zweifel. Und trotzdem hatte er geschrieben, dass er nicht glaubte, Snape würde Harry absichtlich in Gefahr bringen. Ich zog die Beine aufs Bett und lehnte mich gegen das Kopfteil. Interessant.
Wenn selbst Sirius Black seinem ehemaligen Erzfeind eine gewisse Grenze zugestand, musste Severus Snape komplizierter sein, als er auf den ersten Blick wirkte. Ich musste an Lucinda denken. An die Art, wie Snape sie angesehen hatte. An sein merkwürdiges Interesse an uns. Und daran, dass Lucinda nach unserer ersten richtigen Begegnung mit ihm ungewöhnlich nachdenklich gewesen war.
Irgendetwas sagt mir, dass sie und Snape zusammen eine explosive Mischung ergeben könnten.
Ich schnaubte belustigt. >>Wenn du wüsstest, Tatze.<<
Noch gab es nichts, worüber ich mir ernsthaft Gedanken machen musste. Lucinda war Lucinda. Sie hatte eine Mission, einen dunklen Lord als Zwillingsbruder, dessen Geheimnisse sie entschlüsseln wollte, und ungefähr so viel Interesse an romantischen Verwicklungen wie ein Troll an gehobener Literatur.
Und Snape? Nun. Professor Fledermaus schien grundsätzlich mit der gesamten Menschheit auf Kriegsfuß zu stehen. Was sollte zwischen den beiden schon passieren?
Ich legte Sirius' Brief sorgfältig in meine Nachttischschublade. Morgen würde ich Lucinda davon erzählen. Zumindest von den wichtigen Dingen. Den Teil mit der explosiven Mischung würde ich mir vielleicht für einen geeigneten Moment aufheben. Allein ihr Gesicht wäre es wert.