Der Frauenheld und die Slytherin
Der Frauenheld und die Slytherin
Hallo, meine Lieben :) Ich hoffe, ihr hattet eine schöne Woche und seid bereit für das neue Kapitel. Denn unser magisches Abenteuer geht weiter. Und es bleibt aufregend in Hogwarts. Denn wie der Titel schon sagen dürfte, treffen Stonefield und Thornbloom mal wieder aufeinander xD Viel Spaß beim Lesen.
Liebe Grüße,
eure Melody
~~~ 16 Der Frauenheld und die Slytherin
Lucinda PoV
Der Morgen war ungewöhnlich kühl.
Feiner Nebel lag über den Ländereien von Hogwarts und bedeckte das Gras mit winzigen Wassertropfen, die im schwachen Licht der aufgehenden Sonne glitzerten. Ich zog meinen Umhang enger um mich und folgte dem schmalen Pfad hinunter zum Rand des Verbotenen Waldes.
Eigentlich hätte ich beim Frühstück sitzen sollen. Eigentlich. Aber nach den Ereignissen des gestrigen Tages brauchte ich einen Moment für mich. Oder zumindest für mich und ein paar kleine grüne Waldbewohner.
>>Ich bin da<<, murmelte ich, als ich die vertraute Baumgruppe erreichte. Zunächst geschah nichts. Ich blieb stehen. >>Ihr könnt rauskommen.<<
Ein leises Rascheln erklang über mir. Dann bewegte sich ein Zweig. Ein kleiner grüner Kopf lugte zwischen den Blättern hervor. Ich lächelte. >>Guten Morgen.<<
Der Bowtruckle legte den Kopf schief. Wenige Sekunden später erschien ein zweiter. Dann ein dritter. Und plötzlich kamen sie von überall. Aus Astlöchern. Hinter Blättern. Zwischen den Wurzeln.
Einer kletterte bereits an meinem Umhang hoch, bevor ich überhaupt reagieren konnte. >>Na schön. Offenbar habt ihr mich auch vermisst.<<
Ein zufriedenes Fiepen erklang. Ich setzte mich auf eine der großen Wurzeln und ließ den kleinen Kerl auf meine Schulter klettern. Ein weiterer ließ sich auf meinem Knie nieder. >>Ihr habt gestern wirklich etwas verpasst.<<
Mehrere schwarze Knopfaugen richteten sich auf mich. Ich musste bereits beim Gedanken daran grinsen. >>Rita Kimmkorn war hier.<< Keine Reaktion. >>Eine Journalistin.<< Noch immer nichts. >>Eine sehr anstrengende Journalistin.<<
Einer der Bowtruckles gab ein empörtes Fiepen von sich. Ich nickte ernst.
>>Ganz genau. So ungefähr hat Professor Snape auch reagiert.<<
Das Bild vom gestrigen Unterricht erschien vor meinem inneren Auge. Ruby. Snape. Castor. Der explodierende Kessel. Existenz? Ich presste die Lippen zusammen. Nein. Nicht schon wieder. Doch es war zwecklos. Ein Lachen entwich mir.
Einer der Bowtruckles sprang erschrocken von meinem Knie. >>Entschuldigung.<< Ich fing ihn vorsichtig auf. >>Es war nur...<< Wieder musste ich lachen. >>Ihr hättet dabei sein müssen.<<
Natürlich verstanden sie vermutlich kein Wort von dem, was ich erzählte. Das hatte mich allerdings noch nie davon abgehalten, mit ihnen zu sprechen. Vielleicht war gerade das einer der Gründe, weshalb ich ihre Gesellschaft so schätzte. Sie stellten keine Fragen. Sie verlangten keine Erklärungen. Sie wollten nicht wissen, weshalb ich manchmal nachts nicht schlafen konnte.
Warum ich beim Anblick bestimmter Menschen zusammenzuckte. Warum ich Dumbledore mit einer Vertrautheit begegnete, die für eine vierzehnjährige Schülerin vollkommen unangemessen war. Sie interessierten sich nicht dafür, wer Lucinda Stonefield wirklich war. Für sie war ich einfach ich.
Ich strich mit einem Finger vorsichtig über den schmalen Kopf des Bowtruckles auf meiner Schulter. >>Gestern war schön<<, sagte ich leise. Die Worte überraschten mich selbst. Ich blickte hinaus über die Ländereien. >>Wirklich schön.<<
Wann hatte ich das zuletzt sagen können? Nicht, dass es in den vergangenen Jahrzehnten keine guten Momente gegeben hätte. Natürlich hatte es die gegeben. Ruby hatte dafür gesorgt. Dumbledore manchmal ebenfalls. Und doch war immer etwas geblieben. Eine unsichtbare Last. Tom. Mein Tod. Der Fluch. Harry.
Die Gewissheit, dass irgendwo dort draußen mein Bruder existierte und irgendwann zurückkehren würde. Selbst in meinen glücklichsten Augenblicken hatte diese Wahrheit wie ein Schatten über mir gelegen. Gestern nicht.
Gestern hatte ich beim Frühstück gesessen und über Severus Snape gelacht, der vermutlich die Hälfte von Hogwarts hatte verfluchen wollen. Ich hatte mit Ruby einen Trank gebraut. Castor hatte sich mit einem Kessel angelegt und verloren. Und für ein paar Stunden...war ich einfach nur Lucinda gewesen.
Keine Tote. Keine Schwester von Tom Riddle. Keine wandelnde Versicherung für Voldemorts endgültigen Untergang. Keine Beschützerin von Harry Potter. Nur ein Mädchen in Hogwarts. Ich schluckte. >>Ich hatte vergessen, wie sich das anfühlt.<< Der Bowtruckle auf meiner Schulter berührte mit seiner winzigen Hand meine Wange. Mein Lächeln wurde weicher. >>Keine Sorge. Mir geht es gut.<< Er schien mir nicht zu glauben. >>Wirklich.<< Sein Blick blieb skeptisch. >>Ihr verbringt eindeutig zu viel Zeit mit mir.<<
Ein leises Fiepen. Ich schmunzelte. Dann atmete ich tief durch. >>So schön gestern gewesen war...heute musste ich zurück in die Realität. Genug davon.<<
Vorsichtig setzte ich den Bowtruckle von meiner Schulter auf den Ast neben mir. >>Ich habe schließlich Arbeit zu erledigen.<< Mehrere Köpfe legten sich gleichzeitig schief. >>Harry Potter.<< Das sagte ihnen vermutlich genauso wenig wie Rita Kimmkorn. Mir dafür umso mehr.
Irgendjemand hatte Harrys Namen in den Feuerkelch geworfen. Jemand, der wusste, was er tat. Der Feuerkelch ließ sich nicht mit einem simplen Trick überlisten. Dumbledore hatte eine Alterslinie gezogen. Außerdem hätte Harry sich niemals freiwillig für dieses Turnier gemeldet. Jemand hatte ihn hineingebracht. Absichtlich. Und je länger ich darüber nachdachte, desto weniger gefiel mir die Sache.
Harry war vierzehn. Die anderen Champions waren älter. Erfahrener. Dieses Turnier war gefährlich. Tödlich gefährlich. Wenn jemand Harry schaden wollte, hatte er sich eine ausgesprochen elegante Methode ausgesucht. Keine direkte Attacke. Kein offensichtlicher Mordversuch. Ein Turnier. Ein Unfall konnte schnell passieren.
Mein Gesicht wurde ernst. >>Ich muss herausfinden, wer dahintersteckt.<< Ein Bowtruckle fiepte. >>Ja. Und diesmal lasse ich mich nicht ablenken.<<
Das Schicksal musste diesen Satz gehört haben. Anders konnte ich mir nicht erklären, was ungefähr zwanzig Minuten später geschah. Ich hatte den Waldrand verlassen und war auf dem Weg zurück zum Schloss, als ich eine vertraute Stimme hörte. >>Stonefield!<<
Ich blieb stehen. Schloss die Augen. Nein. Bitte nicht.
>>Stonefield!<< Vielleicht konnte ich so tun, als hätte ich ihn nicht gehört. >>Lucinda!<<
Verdammt. Langsam drehte ich mich um. Castor Thornbloom kam auf mich zu. Natürlich sah er aus, als wäre der gestrige Tag nie passiert. Kein explodierter Kessel. Kein grüner Schleim. Kein wütender Professor Snape. Nichts.
Sein rotblondes Haar saß perfekt, seine Robe ebenfalls und auf seinem Gesicht lag dieses selbstgefällige Lächeln, das vermutlich schon mehrere Schülerinnen dazu gebracht hatte, ihren eigenen Namen zu vergessen. Bei mir löste es hauptsächlich den Wunsch aus, weiterzugehen. >>Thornbloom.<<
>>Du warst früh unterwegs.<<
>>Beeindruckende Beobachtung.<<
Er grinste. >>Ich habe dich beim Frühstück vermisst.<<
>>Ich dich nicht.<<
Das Grinsen blieb. Bemerkenswert. Andere Männer hätten vielleicht irgendwann begriffen, dass ihre Bemühungen aussichtslos waren. Castor betrachtete Ablehnung offenbar als Motivation. >>Du bist heute wieder ausgesprochen freundlich.<<
>>Ich gebe mir Mühe.<<
Er schloss zu mir auf. Ich ging weiter. Er ebenfalls. Natürlich. >>Wo warst du?<<
>>Draußen.<<
>>Das sehe ich.<<
>>Dann verstehe ich die Frage nicht.<<
Castor lachte. Ich seufzte. Am liebsten hätte ich mich direkt wieder zu den Bowtruckles zurückgezogen. >>Du machst es einem wirklich nicht leicht, Stonefield.<<
>>Das ist Absicht.<<
>>Genau das gefällt mir an dir.<<
Ich blieb stehen. Castor ebenfalls. >>Thornbloom.<<
>>Hm?<<
>>Ich versuche seit Wochen, dir etwas begreiflich zu machen.<<
Er lehnte sich lässig gegen eine steinerne Säule. >>Dass du mich heimlich unwiderstehlich findest?<<
Ich starrte ihn an. >>Nein.<<
>>Schade.<<
>>Dass ich kein Interesse an dir habe.<<
>>Noch nicht.<<
>>Nein. Allgemein.<<
>>Kann sich ändern.<<
>>Du kennst mich kaum<<, gab ich zurück, doch er nahm es gelassen.
>>Das, was ich kenne, reicht mir vollkommen.<< Sein Grinsen wurde breiter.
Merlin. War das irgendeine Krankheit?
>>Du bist wirklich die einzige Hexe in diesem Schloss, die derart mit mir redet.<<
>>Vielleicht solltest du daraus etwas lernen.<<
>>Tue ich.<<
Ich hob eine Augenbraue. >>Was?<<
Er stieß sich von der Säule ab und kam einen Schritt näher. >>Dass du interessant bist.<<
Ich wich keinen Zentimeter zurück. >>Und du bist hartnäckig.<<
>>Eine meiner besten Eigenschaften.<<
>>Eine deiner anstrengendsten.<<
>>Du findest mich also anstrengend?<<
>>Unter anderem.<<
>>Was noch?<<
Ich dachte kurz nach. >>Eitel.<< Sein Grinsen schwankte. >>Selbstverliebt.<< Jetzt verschwand es ein wenig. >>Überheblich.<<
>>Stonefield—<<
>>Aufdringlich.<<
>>Ich glaube, ich habe das Prinzip verstanden.<<
>>Hervorragend. Dann war dieses Gespräch doch nicht vollkommen sinnlos.<<
Ich wollte weitergehen. Castor stellte sich mir erneut in den Weg. >>Ein Abend.<<
Ich blinzelte. >>Was?<<
>>Gib mir einen Abend.<<
>>Nein.<<
>>Du weißt noch nicht einmal, was ich vorschlagen wollte.<<
>>Doch.<<
>>Ach ja?<<
>>Du willst mit mir ausgehen.<<
>>Vielleicht.<<
>>Nein.<<
>>Du könntest wenigstens darüber nachdenken.<<
>>Habe ich.<<
>>Das waren zwei Sekunden.<<
>>Eine davon war bereits großzügig.<<
Hinter uns erklang ein ersticktes Kichern. Ich drehte mich um. Oh. Großartig. Einige Slytherin-Schülerinnen standen wenige Meter entfernt. Und beobachteten uns. Natürlich.
Drei von ihnen sahen mich an, als hätte ich gerade verkündetet, Schokolade sei widerlich. Eine Blonde flüsterte ihrer Freundin etwas zu. Die andere starrte Castor an. Dann mich. Dann wieder Castor. Vollkommen fassungslos.
Ich kannte diesen Blick. Wie kann sie nur?
Offenbar galt es unter einem beträchtlichen Teil der weiblichen Hogwarts-Bevölkerung als Naturgesetz, Castor Thornbloom attraktiv zu finden. Bedauerlicherweise hatte niemand mich über dieses Gesetz informiert.
>>Die schauen schon wieder<<, murmelte ich.
Castor warf einen Blick über die Schulter. Sein Selbstbewusstsein kehrte augenblicklich zurück. >>Eifersüchtig.<<
>>Auf dich?<<
>>Auf dich.<<
Ich musste lachen. >>Natürlich.<<
>>Du könntest vermutlich jede von ihnen fragen und sie würden sofort mit mir ausgehen.<<
>>Dann haben wir doch die Lösung.<< Ich deutete auf seine Verehrerinnen. >>Such dir eine aus.<<
Castor sah mich an. >>Ich will aber keine von ihnen.<<
>>Das klingt nach einem persönlichen Problem.<<
Eine der Schülerinnen sah aus, als hätte ich sie persönlich beleidigt. Castor schüttelte amüsiert den Kopf. >>Du bist unmöglich.<<
>>Und trotzdem stehst du immer noch hier.<<
>>Vielleicht mag ich unmöglich.<<
>>Vielleicht brauchst du ein Hobby.<<
>>Ich habe eins.<<
Ich betrachtete ihn misstrauisch. Sein Grinsen genügte. >>Nein.<<
>>Ich habe noch gar nichts gesagt.<<
>>Wenn dein Hobby darin besteht, mich zu überzeugen, such dir ein neues.<<
Er lachte. >>Irgendwann sagst du Ja.<<
>>Nein.<<
>>Das werden wir sehen.<<
>>Das sehen wir bereits. Ich sage Nein. Du ignorierst es. Wir wiederholen dieses Gespräch in regelmäßigen Abständen.<<
>>Traditionen sind wichtig.<<
Ich starrte ihn an. Dann musste ich gegen meinen Willen schmunzeln. Nur ganz kurz. Leider bemerkte Castor es sofort. Seine Augen leuchteten triumphierend auf. >>Du hast gelächelt.<<
Mein Gesicht wurde augenblicklich wieder ernst. >>Nein.<<
>>Doch.<<
>>Ein Muskelkrampf.<<
>>Natürlich.<<
>>Tragischer medizinischer Zwischenfall.<<
>>Stonefield—<<
>>Thornbloom.<< Ich trat an ihm vorbei. >>Ich habe zu tun.<<
>>Was denn?<<
Ich blieb kurz stehen. Das war eine Frage, die ich keinesfalls ehrlich beantworten würde. Ich suche denjenigen, der Harry Potter vermutlich in Lebensgefahr bringen will. Nein. >>Bibliothek.<<
Castors Gesicht verzog sich. Perfekt. >>Freiwillig?<<
>>Ja.<<
>>Warum?<<
>>Bücher.<<
>>Was ist mit ihnen?<<
>>Man liest sie.<<
>>Ich weiß, was Bücher sind.<<
>>Dann bin ich beruhigt.<<
Ich setzte meinen Weg fort. Hinter mir hörte ich ihn lachen. >>Ich bekomme mein Date noch, Stonefield!<<
Ohne mich umzudrehen, hob ich eine Hand. >>Träum weiter, Thornbloom!<<
Sofort begann hinter mir aufgeregtes Getuschel. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, welche Blicke mir seine Verehrerinnen gerade hinterherwarfen. Vielleicht hielten sie mich für verrückt. Vielleicht für arrogant. Vielleicht verstanden sie tatsächlich nicht, wie eine Hexe gegen Castor Thornblooms angeblich legendären Charme immun sein konnte. Mir war es gleich. Ich hatte größere Probleme. Sehr viel größere.
Kaum hatte ich das Schloss betreten, verschwand das kleine Lächeln endgültig aus meinem Gesicht. Harry. Der Feuerkelch. Dumbledores Alterslinie. Der unbekannte Täter. Ich musste irgendwo anfangen. Und wenn derjenige Harrys Namen tatsächlich absichtlich eingeschleust hatte, musste er Zugang zum Feuerkelch gehabt haben. Er musste gewusst haben, wie man Dumbledores Schutzmaßnahmen umging. Und er musste mächtig genug gewesen sein, den Kelch selbst zu täuschen.
Das schränkte den Kreis ein. Zumindest theoretisch. Ich bog in Richtung Bibliothek ab. Gestern hatte ich gelacht. Heute würde ich suchen. Denn so sehr ich mir manchmal wünschte, tatsächlich nur Lucinda Stonefield sein zu dürfen, konnte ich mir diesen Luxus nicht dauerhaft erlauben.
Nicht solange Harry in Gefahr war. Nicht solange mein Bruder irgendwo dort draußen auf seine Rückkehr wartete. Und ganz sicher nicht, solange ich keine Ahnung hatte, wer in Hogwarts gerade sein eigenes Spiel spielte.
Ich beschleunigte meine Schritte. Der gestrige Tag hatte mir etwas geschenkt, das ich beinahe vergessen hatte. Ein wenig Leichtigkeit. Heute erinnerte ich mich wieder daran, weshalb ich überhaupt hier war. Und diesmal würde mich nichts davon abbringen. Hoffentlich. Bei meinem Glück lauerte vermutlich bereits hinter der nächsten Ecke Castor Thornbloom mit Blumen.
***
Meine Hoffnung, Castor Thornbloom für den Rest des Vormittags erfolgreich abgeschüttelt zu haben, erfüllte sich tatsächlich. Zumindest vorerst.
Ich verbrachte einen Großteil der freien Zeit in der Bibliothek und arbeitete mich durch alles, was ich über den Feuerkelch finden konnte. Wirklich weiter brachte mich das nicht. Der Kelch war alt. Mächtig. Und vor allem nicht dumm.
Wer Harrys Namen hineingeworfen hatte, musste ihn irgendwie davon überzeugt haben, dass es einen vierten Teilnehmer gab. Einen weiteren Champion, der nicht Hogwarts, Beauxbatons oder Durmstrang angehörte. Das erforderte Magie. Keine gewöhnliche. Und ganz sicher keine Magie, die irgendein Schüler nebenbei ausprobiert hatte.
Als ich meine Bücher schließlich zuschlug, war ich kaum schlauer als vorher. Dafür hatte ich Kopfschmerzen. Ein hervorragender Tausch.
Ruby wartete bereits vor dem Klassenzimmer für Verteidigung gegen die dunklen Künste auf mich. >>Und?<<
Ich schüttelte den Kopf. >>Nichts.<<
>>Gar nichts?<<
>>Nur die Bestätigung, dass unser Täter ziemlich genau wusste, was er tat.<<
Ruby verzog das Gesicht. >>Das wussten wir vorher.<<
>>Deshalb bin ich so begeistert.<<
Sie musterte mich. >>Und Thornbloom?<<
>>Was ist mit ihm?<<
>>Hat er dich wieder belästigt?<<
>>Er nennt es Flirten.<<
>>Natürlich tut er das.<<
>>Offenbar bin ich die einzige Hexe in Hogwarts, die seinen Charme nicht erkennt.<<
Ruby legte den Kopf schief. >>Vielleicht bist du immun.<<
>>Gibt es dagegen einen Trank?<<
>>Gegen Thornbloom?<<
>>Ja.<<
Sie dachte kurz nach. >>Gift.<<
Ich prustete. >>Ruby!<<
>>Du hast gefragt.<<
Die Tür öffnete sich. Professor Moody stand darin. Sein magisches Auge rotierte einmal vollständig und blieb dann ausgerechnet bei uns stehen. Mein Lächeln verschwand. >>Rein mit euch.<<
Ruby und ich wechselten einen kurzen Blick. Dann betraten wir den Raum. Seit unserer ersten Begegnung hatte ich versucht, mein Unbehagen gegenüber Alastor Moody rational zu erklären.
Er war ein ehemaliger Auror. Ein Mann, der jahrelang dunkle Zauberer gejagt hatte. Paranoia gehörte bei ihm vermutlich zur Berufsbeschreibung. Seine Art, jeden Raum zu kontrollieren, jede Bewegung zu beobachten und selbst durch Wände hindurch nach möglichen Gefahren zu suchen, war vielleicht schlicht das Ergebnis eines Lebens, in dem ein Moment der Unachtsamkeit tödlich sein konnte. Das erklärte vieles. Nur nicht alles. Und genau das störte mich.
Ich setzte mich neben Ruby. Moodys magisches Auge folgte mir. Schon wieder. Ich öffnete meine Tasche. Das Auge blieb auf mir. Ich holte Pergament heraus. Es blieb. Ich nahm meine Feder. Immer noch.
>>Er beobachtet dich<<, murmelte Ruby.
>>Ich weiß.<<
>>Sehr unauffällig.<<
>>Vielleicht glaubt er, sein Auge sei unsichtbar.<<
>>Stonefield.<< Ich erstarrte. Moody stand mit dem Rücken zu uns. Sein normales Auge blickte zur Tafel. Das magische direkt zu mir. >>Möchten Sie etwas mit der Klasse teilen?<<
>>Nein, Professor.<<
>>Dann sparen Sie sich das Geflüster.<<
>>Selbstverständlich.<<
Das Auge drehte sich wieder weg. Ruby schrieb auf ihr Pergament. Unheimlich. Ich nahm ihre Feder und ergänzte darunter: Verdächtig.
Sie sah mich an. Ich tippte auf das Wort. Ruby nickte kaum merklich. Moody drehte sich um. >>Bücher weg.<< Gemurmel entstand. >>Heute wird nicht gelesen.<<
Das Gemurmel wurde lauter. Moody humpelte vor die Klasse. >>Dunkle Magie wartet nicht darauf, dass ihr Kapitel sieben beendet habt. Ein Fluch interessiert sich nicht dafür, ob ihr eure Hausaufgaben gemacht habt. Und ein Angreifer wird euch nicht vorher sagen, welchen Zauber er verwendet.<< Er zog seinen Zauberstab. >>Also finden wir heute heraus, wie gut ihr reagiert.<<
Das gefiel mir nicht. Überhaupt nicht.
>>Verteidigungszauber<<, erklärte Moody. >>Ich greife an. Ihr verteidigt euch.<<
Ein Hufflepuff hob vorsichtig die Hand. >>Sie greifen uns an?<<
Moodys Mund verzog sich. >>Wenn ich euch wirklich angreife, Junge, merkt ihr den Unterschied.<< Beruhigend. Ausgesprochen beruhigend. >>Wir beginnen einfach. Protego. Schildzauber. Wer ihn nicht beherrscht, lernt ihn heute.<<
Die ersten Schüler mussten nach vorn. Moodys Angriffe waren kontrolliert. Schnell, aber kontrolliert. Ein Ravenclaw verlor seinen Zauberstab. Eine Slytherin wurde mehrere Schritte zurückgeschoben. Draco Malfoy schaffte immerhin einen brauchbaren Schild, wirkte danach jedoch, als hätte er gerade persönlich einen Drachen besiegt.
Dann traf Moodys Blick mich. Ich wusste es. Noch bevor er meinen Namen sagte. >>Stonefield.<< Natürlich.
Ich erhob mich. Ruby griff kurz nach meinem Ärmel. >>Vorsicht<<, murmelte sie.
Ich nickte. Dann ging ich nach vorn. Moody betrachtete mich. Sein magisches Auge rotierte. >>Zauberstab.<< Ich zog ihn. >>Sie kennen den Schildzauber?<<
>>Ja.<<
>>Zeigen Sie es.<< Er griff an.
>>Protego!<<
Mein Schild fing den Zauber problemlos ab. Moody wartete keine Sekunde. Ein zweiter folgte. Ich blockte. Ein dritter. Wieder. Die Klasse wurde stiller. Moody erhöhte das Tempo. Ich merkte es sofort. Das hier war nicht mehr dasselbe, was er bei den anderen gemacht hatte.
>>Protego!<< Der nächste Zauber prallte ab. Noch einer. Ich wich aus.
Moodys Mundwinkel hob sich. >>Schneller, Stonefield!<<
Ein roter Lichtblitz raste auf mich zu. Ich drehte mich zur Seite. Er verfehlte mich. Noch einer. Schild. Noch einer. Ausweichen. Mein Puls beschleunigte sich. Nicht vor Angst. Vor Ärger. Er testete mich. Nicht meine Kenntnisse. Mich.
Er wollte sehen, wie weit ich gehen konnte. Wie schnell ich war. Welche Reflexe ich besaß. Was ich konnte, wenn ich unter Druck geriet. Warum?
>>Professor<<, sagte ich ruhig, >>ich glaube, das Prinzip ist angekommen.<<
>>Bei mir noch nicht.<<
Der nächste Zauber kam. Ich blockte ihn. Ruby saß vollkommen regungslos auf ihrem Platz. Unsere Blicke trafen sich. Sie hatte es ebenfalls verstanden. Moody wollte mehr. Und er würde nicht aufhören, solange ich es ihm gab. Also musste ich ihm etwas anderes geben.
Ich ließ meinen nächsten Schild absichtlich zu spät entstehen. Der Zauber traf ihn schräg. Die Barriere brach. Ich stolperte zurück. Nicht viel. Gerade genug.
Moody hielt inne. >>Langsam geworden?<<
>>Offenbar.<<
Sein magisches Auge fixierte mich. Er glaubte mir nicht. Gut. Sollte er ruhig zweifeln. Solange er nichts beweisen konnte. >>Noch einmal.<<
>>Professor?<<
>>Noch einmal.<<
Er hob den Zauberstab. Bevor er angreifen konnte, ertönte plötzlich Rubys Stimme. >>Professor Moody?<<
Er drehte den Kopf. >>Was?<<
>>Müssten wir nicht lernen, einen Gegner ebenfalls zu entwaffnen?<<
Moodys Auge wanderte zu ihr. >>Später.<<
>>Warum?<<
>>Weil wir Verteidigung üben.<<
Ruby lächelte unschuldig. >>Ist Entwaffnung keine Verteidigung?<<
Ich musste mir ein Grinsen verkneifen. Gut gespielt. Moody knurrte etwas. >>Chadwick. Nach vorn.<<
Ruby erhob sich. >>Sehr gerne.<< Sie trat neben mich.
Moody blickte zwischen uns hin und her. >>Sie wollen Entwaffnung?<<
>>Nur aus pädagogischem Interesse.<< Ich senkte den Kopf. Ruby Chadwick würde uns beide irgendwann umbringen.
>>Dann zeigen Sie mir, was Sie können.<<
Ruby zog ihren Zauberstab. Moody hob seinen. >> Expelliarmus !<<
Ruby blockte. Moody griff erneut an. Ruby wich aus. Ich trat zur Seite. Sein magisches Auge blieb trotzdem bei mir. Ruby bemerkte es. Natürlich bemerkte sie es. Sie ließ ihren nächsten Schild entstehen. Der Zauber prallte daran ab. Direkt auf mich zu. Ich hob meinen Zauberstab. >>Protego!<<
Der Lichtblitz änderte erneut die Richtung. Er schoss quer durch den Raum.
>>Runter!<<, rief jemand. Der Zauber traf einen Stapel Bücher. Sie flogen auseinander.
Seamus Finnigan sprang erschrocken zurück. Dabei stieß er gegen seinen Tisch. Sein Zauberstab rutschte ihm aus der Hand. Er griff danach. >>Seamus, nicht—<<
Zu spät. Ein Lichtblitz schoss aus seiner Spitze. Er traf irgendeine Substanz, die Moody für eine spätere Demonstration aufgestellt hatte. Eine Sekunde lang geschah nichts. Dann: BOOM!
Die Explosion erschütterte den Raum. Ich duckte mich. Ruby warf sich neben mich. Eine Wolke aus grauem Rauch breitete sich aus. Jemand schrie. Draco fluchte. Ein Tisch kippte um.
Aus der Rauchwolke erklang Moodys Stimme. >>FINNIGAN!<<
Ich hob langsam den Kopf. Seamus stand mitten im Chaos. Sein Gesicht war schwarz. Seine Haare standen in sämtliche Richtungen. >>Entschuldigung, Professor.<<
Ich starrte ihn an. Ruby ebenfalls. >>Castor muss sich mehr anstrengen<<, flüsterte sie.
Ich biss mir auf die Lippe. >>Das waren mindestens drei Kessel.<<
>>Vier.<<
>>Stimmt.<<
Seamus hustete eine kleine Rauchwolke aus. Ich verlor den Kampf. Ein Lachen entwich mir. Ruby folgte. Innerhalb weniger Sekunden lachte die halbe Klasse. Selbst einige Schüler, die gerade noch auf dem Boden gelegen hatten. Moody hingegen sah aus, als würde er überlegen, ob Finnigan möglicherweise selbst eine Form dunkler Magie darstellte. >>Ruhe!<<
Das Lachen verebbte. Langsam. Sehr langsam. Ich nutzte das Chaos und kehrte zu meinem Platz zurück. Ruby folgte. >>Danke<<, flüsterte ich.
>>Wofür?<<
>>Du weißt genau wofür.<<
Sie wurde ernst. >>Er wollte dich provozieren.<<
>>Ja.<<
>>Warum?<<
Ich sah zu Moody. Sein magisches Auge war wieder auf mich gerichtet. >>Das würde ich ebenfalls gerne wissen.<<
Der Rest der Stunde verlief vergleichsweise ruhig. Vergleichsweise bedeutete in diesem Fall, dass nichts mehr explodierte. Als Moody uns schließlich entließ, packte ich meine Sachen schneller als gewöhnlich. Ich wollte raus. Abstand. Nachdenken.
Ruby und ich verließen gemeinsam das Klassenzimmer. >>Wir müssen reden<<, sagte sie leise.
>>Später.<<
>>Luce—<<
>>Nicht hier.<<, entschied ich und sie nickte.
Am Ende des Korridors trennten sich unsere Wege. Ruby musste zu Professor Flitwick. Ich wollte in die Bibliothek zurück. Zumindest war das der Plan.
>>Stonefield.<<
Ich blieb stehen. Mein Magen zog sich zusammen. Langsam drehte ich mich um. Moody stand hinter mir. Allein. >>Professor.<<
>>Einen Moment.<<
Ich wartete. Er kam näher. Das dumpfe Klacken seines Holzbeins hallte durch den Korridor. Klack. Klack. Klack. Sein magisches Auge rotierte ununterbrochen. >>Sie sind gut.<<
>>Danke.<<
>>Zu gut.<< Ich schwieg. Moody blieb wenige Schritte vor mir stehen. >>Wo haben Sie das gelernt?<<
>>Was?<<
>>Diese Reflexe.<<
>>Unterricht.<<
>>Unsinn.<<
Meine Finger schlossen sich fester um den Riemen meiner Tasche. >>Sie haben mich etwas gefragt. Ich habe geantwortet.<<
>>Sie haben gelogen.<<
Ich hob eine Augenbraue. >>Das ist eine interessante Anschuldigung gegenüber einer Schülerin.<<
>>Ich war lange genug Auror, um zu erkennen, wenn jemand Fähigkeiten versteckt.<<
Mein Herz schlug schneller. Ich ließ mir nichts anmerken. >>Vielleicht überschätzen Sie sich.<<
Sein normales Auge verengte sich. Das magische blieb starr auf mich gerichtet. >>Und vielleicht unterschätzen Sie mich, Stonefield.<<
Da war es. Wieder. Dieser Ton. Nicht der eines Lehrers. Nicht einmal der eines misstrauischen Aurors. Etwas anderes. Ich wusste nicht, was. Aber jeder Instinkt in mir schrie inzwischen Alarm.
Ich trat einen halben Schritt näher. Nicht zurück. Näher. >>Das würde ich niemals tun, Professor.<<
Moody lächelte schief. >>Gut.<<
>>Allerdings würde ich Ihnen denselben Rat geben.<<
Das Lächeln verschwand. Stille. >>Was soll das heißen?<<
Ich wusste, dass ich jetzt gehen sollte. Einfach umdrehen. Keine Provokation. Keine unnötige Aufmerksamkeit. Dumbledore hatte mir oft genug eingebläut, wie wichtig meine Tarnung war. Ruby hätte mir vermutlich ebenfalls geraten, den Mund zu halten. Leider war Ruby nicht hier. Und ich hatte genug davon, dass dieser Mann mich behandelte wie ein Versuchstier. >>Sie beobachten mich seit meiner Ankunft.<< Moody sagte nichts. >>Sie stellen Fragen. Sie testen meine Fähigkeiten. Heute haben Sie versucht, mich gezielt aus der Reserve zu locken.<<
>>Vielleicht bilde ich Sie lediglich aus.<<
>>Vielleicht.<< Ich hielt seinem Blick stand. >>Aber wissen Sie, was ich in meinem Leben gelernt habe, Professor?<<
Sein magisches Auge zuckte. >>Was?<<
Meine Stimme wurde leiser. >>Menschen, die zu viel Zeit damit verbringen herauszufinden, was andere verbergen, tun das erstaunlich oft, weil sie verhindern wollen, dass jemand genauer auf ihre eigenen Geheimnisse schaut.<<
Vollkommene Stille. Moodys Gesicht erstarrte. Da. Nur einen Augenblick. Aber ich sah es. Etwas war in seinem Blick aufgeblitzt. Nicht Ärger. Nicht Verwunderung. Alarm.
Mein Herz begann schneller zu schlagen. Ich hatte getroffen. Wo auch immer seine wunde Stelle lag...ich hatte getroffen.
>>Eine gefährliche Behauptung<<, sagte er schließlich.
>>Ich habe niemanden beschuldigt.<<
>>Nein?<<
>>Nein.<< Ich lächelte kühl. >>Ich teile lediglich meine Beobachtungen.<<
Moody kam einen Schritt näher. >>Vorsicht, Stonefield. Neugier kann gefährlich werden.<<
Mein Lächeln verschwand. Und plötzlich dachte ich an Tom. An das Waisenhaus. An all die Menschen, die geglaubt hatten, Drohungen würden mich zum Schweigen bringen. An meinen eigenen Tod. Wenn Moody glaubte, mich damit einzuschüchtern, kannte er mich tatsächlich schlecht. >>Das weiß ich besser, als Sie glauben.<< Sein magisches Auge fixierte mich. Ich hätte jetzt gehen sollen. Stattdessen hörte ich mich sagen: >>Aber falls Sie tatsächlich etwas zu verbergen haben, Professor...<< Ich machte eine kurze Pause. >>...sollten Sie hoffen, dass ich nicht neugierig werde.<<
Moodys Gesicht wurde vollkommen ausdruckslos. Er sagte nichts. Ich ebenfalls nicht. Für einige Sekunden standen wir uns einfach gegenüber. Lehrer und Schülerin. Zumindest äußerlich. Dann trat ich zurück. >>Einen angenehmen Tag noch, Professor.<<
Ich drehte mich um. Meine Schritte blieben ruhig. Nicht schneller werden. Nicht umdrehen. Nicht zeigen, wie sehr mein Herz raste. Erst als ich um die nächste Ecke bog, atmete ich aus. Merlin.
Was hatte ich da gerade getan? Ich lehnte mich kurz gegen die kalte Steinwand. >>Großartig, Lucinda<<, murmelte ich. >>Wirklich hervorragend. Unauffälliger ging es kaum.<<
Dumbledore würde begeistert sein. Ruby würde mich erwürgen. Und Professor Snape…nein. Ich wollte überhaupt nicht wissen, was Snape dazu sagen würde. Vermutlich würde er mir einen Vortrag darüber halten, dass man einen ehemaligen Auror nicht auf einem leeren Korridor provozierte. Und ausnahmsweise hätte er damit sogar recht.
Doch etwas hatte sich verändert. Bis heute hatte ich Moody lediglich misstraut. Jetzt war ich mir sicher. Dieser Mann verbarg etwas. Und noch wichtiger: Er wusste, dass ich es bemerkt hatte.
***
Severus PoV
Severus Snape hatte nicht die Absicht gehabt, das Gespräch zu belauschen. Zumindest nicht ursprünglich. Er war auf dem Weg zu Professor Flitwick gewesen, als Stimmen aus dem angrenzenden Korridor seine Aufmerksamkeit geweckt hatten. Eine davon gehörte Alastor Moody. Die andere kannte Severus inzwischen gut genug, um sie augenblicklich zu erkennen. Stonefield.
Er verlangsamte seine Schritte. >>Sie haben mich etwas gefragt. Ich habe geantwortet.<< Severus blieb stehen.
Etwas an Lucindas Stimme ließ ihn aufhorchen. Sie klang ruhig. Zu ruhig. Er trat nicht um die Ecke. Noch nicht.
>>Sie haben gelogen<<, hörte er Moody sagen.
Severus' Gesicht verfinsterte sich. Was zum Teufel ging dort vor?
>>Das ist eine interessante Anschuldigung gegenüber einer Schülerin.<<
>>Ich war lange genug Auror, um zu erkennen, wenn jemand Fähigkeiten versteckt.<<
Stille. Severus bewegte sich keinen Zentimeter. Seine Aufmerksamkeit war nun vollkommen auf das Gespräch gerichtet. Fähigkeiten versteckt. Sofort dachte er an den gestrigen Zaubertrank. An Stonefields ungewöhnliche Sicherheit. Ihre Reflexe kannte er weniger gut. Offenbar hatte Moody heute Gelegenheit gehabt, sie kennenzulernen. Und offenbar war ihm dasselbe aufgefallen wie Severus. Lucinda Stonefield war nicht das, was sie vorgab zu sein. Nur gefiel Severus überhaupt nicht, wie Moody versuchte, diese Erkenntnis aus ihr herauszupressen.
>>Vielleicht überschätzen Sie sich.<<
Severus' Augenbraue hob sich. Bei Merlin. Dieses Mädchen besaß entweder Nerven aus Stahl oder keinerlei Überlebensinstinkt. Vermutlich beides.
>>Und vielleicht unterschätzen Sie mich, Stonefield.<<
Die Worte ließen Severus' Miene schlagartig erstarren. Das war keine gewöhnliche Unterhaltung mehr. Keine Zurechtweisung. Keine neugierige Nachfrage eines Lehrers. Der Tonfall war falsch. Bedrohlich.
Severus kannte Drohungen. Offene. Versteckte. Und jene besonders gefährliche Art, die so formuliert wurde, dass man sie jederzeit als Missverständnis abtun konnte. Moody hatte gerade eine ausgesprochen. Severus' Hand glitt langsam in Richtung seines Zauberstabs.
Dann erklang Lucindas Stimme. Unverändert ruhig. >>Das würde ich niemals tun, Professor. Allerdings würde ich Ihnen denselben Rat geben.<<
Severus blinzelte. Was? Er trat einen halben Schritt näher an die Ecke.
>>Was soll das heißen?<<
>>Sie beobachten mich seit meiner Ankunft. Sie stellen Fragen. Sie testen meine Fähigkeiten. Heute haben Sie versucht, mich gezielt aus der Reserve zu locken.<<
Severus' Finger schlossen sich um seinen Zauberstab. Moody beobachtete sie? Seit ihrer Ankunft? Warum?
>>Vielleicht bilde ich Sie lediglich aus.<<
>>Vielleicht.<< Eine Pause. Dann sprach Lucinda weiter. >>Aber wissen Sie, was ich in meinem Leben gelernt habe, Professor? Menschen, die zu viel Zeit damit verbringen herauszufinden, was andere verbergen, tun das erstaunlich oft, weil sie verhindern wollen, dass jemand genauer auf ihre eigenen Geheimnisse schaut.<<
Severus erstarrte. Sein Blick wurde hart. Das war keine spontane Bemerkung. Das war eine Warnung. Lucinda Stonefield hatte gerade einen ehemaligen Auror gewarnt. Und schlimmer noch: Sie hatte es mit einer Selbstverständlichkeit getan, die Severus einen kalten Schauer über den Rücken jagte.
Kein Zittern. Kein nervöses Lachen. Kein Zurückweichen. Nichts. Als hätte sie solche Gespräche schon dutzende Male geführt. Als wüsste sie genau, wie man jemandem gegenüberstand, von dem möglicherweise Gefahr ausging.
Vierzehn Jahre. Severus' Kiefer spannte sich an. Unsinn. Vielleicht war Stonefield tatsächlich vierzehn. Ihr Verhalten war es nicht.
>>Eine gefährliche Behauptung<<, sagte Moody.
>>Ich habe niemanden beschuldigt.<<
>>Nein?<<
>>Nein. Ich teile lediglich meine Beobachtungen.<<
Severus hätte unter anderen Umständen beinahe Anerkennung für diese Antwort empfunden. Beinahe. Im Augenblick überwog jedoch etwas anderes. Alarm.
Dann erklang Moodys Stimme erneut. Leiser diesmal. >>Vorsicht, Stonefield. Neugier kann gefährlich werden.<<
Severus zog seinen Zauberstab vollständig aus dem Ärmel. Genug. Wenn Moody jetzt auch nur einen Schritt—
>>Das weiß ich besser, als Sie glauben.<<
Severus hielt inne. Etwas an diesen Worten traf ihn. Nicht ihre Bedeutung. Die Art, wie Lucinda sie ausgesprochen hatte. Kein jugendlicher Trotz. Keine Prahlerei. Gewissheit. Sie wusste es tatsächlich.
Woher? Was war diesem Mädchen widerfahren? Severus spürte, wie sich sein Unbehagen verstärkte. Er hätte jetzt hervortreten sollen. Das Gespräch beenden. Moody fragen, weshalb er eine Schülerin allein auf einem Korridor derart unter Druck setzte. Doch dann sprach Lucinda erneut.
>>Aber falls Sie tatsächlich etwas zu verbergen haben, Professor...<<
Severus hielt unwillkürlich den Atem an. Nein. Stonefield. Tu es nicht.
>>...sollten Sie hoffen, dass ich nicht neugierig werde.<<
Severus schloss für einen Moment die Augen. Bei Merlin. Sie hatte es tatsächlich getan. Vollkommen unverhohlen. Eine Vierzehnjährige hatte Alastor Moody praktisch mitgeteilt, dass sie ihm nachspionieren würde und er besser hoffen sollte, dass sie nichts fand.
Severus wusste nicht, ob er beeindruckt sein oder sie persönlich am Kragen zu Dumbledore schleifen sollte. Wahrscheinlich beides. Es folgte eine lange Stille. Severus wartete. Seine Hand lag fest um seinen Zauberstab.
Dann hörte er Lucindas Stimme. >>Einen angenehmen Tag noch, Professor.<<
Schritte. Sie kamen näher. Severus steckte seinen Zauberstab zurück und trat einige Schritte in einen Seitengang. Lucinda erschien. Ihr Gesicht war vollkommen ruhig. Für ungefähr drei Sekunden.
Dann bog sie um die Ecke, blieb stehen und lehnte sich gegen die Steinwand. Severus konnte sie von seiner Position aus sehen. Sie atmete tief aus.
>>Großartig, Lucinda<<, murmelte sie. >>Wirklich hervorragend. Unauffälliger ging es kaum.<<
Severus' Augen wurden schmal. Interessant. Also war sie doch nicht so unberührt, wie sie Moody hatte glauben lassen. Das beruhigte ihn. Ein wenig.
Zumindest besaß sie offenbar noch genügend Vernunft, um im Nachhinein zu erkennen, dass es keine besonders brillante Idee gewesen war, einen ehemaligen Auror zu provozieren.
Lucinda stieß sich von der Wand ab und verschwand den Korridor hinunter. Severus sah ihr nach. Er hätte sie aufhalten können. Vielleicht hätte er es tun sollen. Doch etwas anderes beschäftigte ihn. Moody.
Severus wartete einige Sekunden. Dann bewegte er sich lautlos zurück. Ein vorsichtiger Blick um die Ecke genügte. Alastor Moody stand noch immer dort. Regungslos. Sein magisches Auge drehte sich nicht. Es blickte in die Richtung, in der Lucinda verschwunden war.
Severus beobachtete ihn. Moodys Gesicht war angespannt. Nicht verärgert. Nicht belustigt. Angespannt. Das gefiel Severus überhaupt nicht.
Schließlich setzte Moody sich in Bewegung und verschwand in entgegengesetzter Richtung. Erst jetzt trat Severus vollständig aus seinem Versteck. Der Korridor lag leer vor ihm. Seine Gedanken überschlugen sich.
Moody beobachtete Stonefield. Stonefield misstraute Moody. Beide wussten es voneinander. Und aus irgendeinem Grund hatte ein gewöhnliches Verteidigungstraining zu einer Unterhaltung geführt, die eher an die Begegnung zweier Gegner als an ein Gespräch zwischen Lehrer und Schülerin erinnert hatte.
Severus' Gesicht verhärtete sich. Er mochte Alastor Moody nicht. Das war kein Geheimnis. Der ehemalige Auror hatte in seinem Leben genügend Menschen nach Askaban gebracht und besaß eine geradezu krankhafte Fixierung auf dunkle Zauberer. Severus selbst gehörte aufgrund seiner Vergangenheit zweifellos zu jenen Menschen, denen Moody niemals vollständig vertrauen würde. Das beruhte auf Gegenseitigkeit. Aber Moody war Dumbledores Mann. Zumindest sollte er das sein. Warum also interessierte er sich derart für Lucinda Stonefield?
Severus dachte an ihre Worte.
Menschen, die zu viel Zeit damit verbringen herauszufinden, was andere verbergen, tun das erstaunlich oft, weil sie verhindern wollen, dass jemand genauer auf ihre eigenen Geheimnisse schaut.
Woher kam dieser Verdacht? Hatte sie etwas bemerkt? Oder war es lediglich ihre instinktive Abneigung gegen jemanden, der ihr zu viele Fragen stellte?
Severus wusste es nicht. Und er hasste es, Dinge nicht zu wissen. Besonders wenn sie seine Schüler betrafen. Seine Schülerin.
Der Gedanke kam schneller, als er ihn verhindern konnte. Severus runzelte die Stirn. Stonefield war Slytherin. Damit fiel sie in seinen Verantwortungsbereich. Mehr war damit selbstverständlich nicht gemeint. Wenn Moody glaubte, eine Schülerin seines Hauses ohne triftigen Grund bedrängen zu können, würde er feststellen, dass Severus Snape ausgesprochen unangenehm werden konnte.
Andererseits...
Lucinda benötigte offenbar dringend jemanden, der ihr erklärte, dass furchtloses Verhalten nicht dasselbe war wie vernünftiges Verhalten. Severus schnaubte. Das würde ein erfreuliches Gespräch werden.
Stonefield, unterlassen Sie es künftig, ehemalige Auroren auf leeren Korridoren zu bedrohen.
Er konnte ihre Antwort beinahe hören. Ich habe ihn nicht bedroht, Professor. Ich habe lediglich meine Beobachtungen geteilt.
Severus verzog den Mund. Natürlich würde sie das sagen. Und vermutlich würde sie dabei diesen vollkommen unschuldigen Gesichtsausdruck aufsetzen, den er inzwischen als eindeutiges Warnsignal erkannt hatte. Nein.
Er würde sie zunächst nicht konfrontieren. Er wollte wissen, was sie tat. Und noch wichtiger: Er wollte wissen, was Moody tat. Severus setzte seinen Weg fort. Nach wenigen Schritten blieb er erneut stehen. Ein Gedanke hatte sich in seinem Kopf festgesetzt.
Gestern hatte Stonefield einen Trank gebraut, der weit über dem Niveau einer gewöhnlichen Viertklässlerin lag. Heute hatte sie sich einem erfahrenen Auror gegenübergestellt, ohne auch nur sichtbar mit der Wimper zu zucken. Und Dumbledore traf sich regelmäßig unter vier Augen mit ihr. Zu viele Auffälligkeiten. Zu viele Fragen.
Severus hatte gestern beschlossen, Lucinda Stonefield genauer zu beobachten. Offenbar war er nicht der Einzige. Und genau das beunruhigte ihn mehr als alles andere. Denn Severus kannte den Unterschied zwischen Neugier und Jagd. Moodys Verhalten erinnerte ihn zunehmend an Letzteres.
Seine Schritte wurden langsamer. Lucindas Gesicht erschien vor seinem inneren Auge. Diese unerschütterliche Ruhe. Die Art, wie sie Moody entgegengetreten war. Das weiß ich besser, als Sie glauben.
Wieder diese Worte. Severus' Miene verdüsterte sich. Was war ihr passiert?
Was hatte ein vierzehnjähriges Mädchen erlebt, um eine solche Antwort geben zu können? Er hatte gestern noch geglaubt, ihr Talent für Zaubertränke sei das größte Rätsel an ihr. Mittlerweile erschien ihm das beinahe lächerlich.
Stonefield war kein Rätsel. Sie war ein verdammtes Buch, aus dem irgendjemand die Hälfte der Seiten herausgerissen hatte. Und Dumbledore besaß vermutlich die fehlenden Kapitel. Severus würde mit ihm sprechen. Bald. Bis dahin würde er selbst genauer hinsehen. Auf Moody. Auf Stonefield. Und insbesondere darauf, was geschah, wenn die beiden erneut aufeinandertrafen.
Denn eines wusste Severus mit absoluter Sicherheit: Die Unterhaltung, die er gerade mit angehört hatte, war kein harmloser Wortwechsel zwischen Lehrer und Schülerin gewesen. Es war eine Warnung gewesen. Von beiden Seiten. Und Severus Snape hatte nicht vor, tatenlos zuzusehen, bis einer von ihnen beschloss, aus Worten Taten werden zu lassen.