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Alte Schatten

The Curse Of The Heirs - Every Darkness Has An Origin — www.fanfiktion.de · All chapters

Alte Schatten

Hallo, meine Lieben :) Neue Woche – neue Abenteuer. Es geht weiter in Hogwarts und heute steigen wir mit unserer lieben Ruby ein. Denn sowohl sie als auch Lucinda werden von „Alten Schatten“ eingeholt, die eine Menge für die Hexen bereithalten. Ich wünsche euch viel Spaß beim Weiterlesen.

Liebe Grüße,

eure Melody

~~~

17

Alte Schatten

Ruby PoV

Es war eine ausgesprochen schlechte Idee. Das wusste ich. Ich wusste es, als ich das Schloss durch einen wenig benutzten Seitenausgang verließ. Ich wusste es, als ich meinen Umhang enger um mich zog und darauf achtete, dass niemand meinen Weg über die Ländereien beobachtete. Und ich wusste es erst recht, als die Heulende Hütte zwischen den kahlen Ästen vor mir auftauchte.

Trotzdem beschleunigte ich meine Schritte. Vernunft war eine wunderbare Sache. Normalerweise hielt ich ausgesprochen viel von ihr. Heute konnte sie mich mal. Ich erreichte die Hütte und blieb einen Moment vor der verwitterten Tür stehen. Mein Herz schlug viel zu schnell. Es war gefährlich. Für mich. Vor allem für ihn.

Sirius wurde noch immer gesucht. In den Augen der magischen Welt war er ein entflohener Mörder, dessen Gesicht seit Monaten auf Steckbriefen prangte. Sollte irgendjemand erfahren, dass er sich erneut in der Nähe von Hogwarts aufhielt, würden die Dementoren vermutlich schneller zurückkehren, als Dumbledore protestieren konnte. Sirius wusste das. Ich wusste es. Und trotzdem war er hier.

Langsam öffnete ich die Tür. >>Sirius?<<

Zunächst hörte ich nichts. Dann knarrte irgendwo eine Diele. Eine Gestalt trat aus dem Schatten. Mein Atem stockte. Er war dünner, als ich ihn in Erinnerung hatte. Sein schwarzes Haar fiel ihm unordentlich ins Gesicht und seine Kleidung hatte eindeutig bessere Tage gesehen. Aber seine Augen...diese Augen hätte ich überall erkannt. >>Ruby.<<

Mehr brauchte es nicht. Ich ließ meine Tasche fallen. Sirius kam mir bereits entgegen. Im nächsten Moment lagen seine Arme um mich. Ich klammerte mich an ihn. Fest. Viel zu fest. Und es war mir vollkommen egal.

>>Du verdammter Idiot<<, flüsterte ich gegen seine Schulter.

Seine Arme schlossen sich noch enger um mich. >>Hallo auch.<<

Ich lachte unter Tränen. >>Was machst du hier?<<

>>Dich offenbar verärgern.<<

>>Sirius.<<

Er löste sich gerade weit genug von mir, um mich ansehen zu können. Sein Lächeln verschwand. >>Ich musste dich sehen.<<

Damit war mein gesamter Zorn dahin. >>Du hättest nicht kommen dürfen.<<

>>Ich weiß.<<

>>Es ist gefährlich.<<

>>Ich weiß.<<

>>Wenn dich jemand erkennt—<<

>>Ruby.<< Seine Hände lagen an meinen Wangen. >>Ich weiß.<<

Ich schwieg. Sirius sah mich lange an. Fast so, als müsste er sich vergewissern, dass ich tatsächlich vor ihm stand. >>Ich konnte es nicht mehr aushalten.<<

Meine Kehle wurde eng. >>Was?<<

>>Nicht zu wissen, was dort passiert. Nicht zu wissen, ob Harry in Sicherheit ist. Nicht zu wissen, wie es dir geht.<< Er schluckte. >>Und diese Sache mit dem Turnier ...<<

Natürlich. Harry. Ich legte meine Hände auf seine. >>Es geht ihm gut.<<

>>Er ist vierzehn und muss an einem Turnier teilnehmen, bei dem Schüler sterben können.<<

>>Ich weiß.<<

>>Jemand hat seinen Namen in diesen verdammten Kelch geworfen.<<

>>Ich weiß.<<

>>Dann sag mir nicht, es gehe ihm gut.<<

Seine Stimme brach beinahe. Ich sah den Schmerz in seinem Gesicht. Die Hilflosigkeit. Sirius hatte Harry gerade erst wiedergefunden. Und nun musste er erneut aus der Ferne zusehen, während sein Patensohn in Gefahr geriet. Ich zog ihn wieder an mich. Diesmal war er es, der sich für einen Moment einfach festhalten ließ. >>Wir passen auf ihn auf<<, flüsterte ich.

Sirius atmete schwer aus. >>Wie?<<

>>So gut wir können.<< Ich löste mich etwas von ihm. >>Lucinda sucht bereits nach dem Verantwortlichen.<<

Seine Augen verengten sich. >>Natürlich tut sie das.<<

>>Du kennst sie.<<

>>Leider.<<

Ich schlug ihm gegen die Brust. >>He.<<

Zum ersten Mal lächelte er wieder. >>Sie besitzt einen erschreckenden Mangel an Selbsterhaltungstrieb.<<

>>Sagt der entflohene Askaban-Häftling, der sich gerade neben Hogwarts versteckt.<<

Sirius öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. >>Das ist etwas anderes.<<

>>Natürlich.<<

>>Ich habe Gründe.<<

>>Lucinda auch.<<

>>Das macht ihre Gründe nicht vernünftiger.<<

Ich hob eine Augenbraue. Sirius seufzte. >>In Ordnung. Punkt für dich.<<

>>Wie immer.<<

>>Übertreib es nicht.<< Ich lächelte. Merlin, ich hatte dieses Geplänkel vermisst. >>Sie hat bislang allerdings keine konkrete Spur<<, sagte ich wieder ernster. >>Wer Harrys Namen eingeworfen hat, wusste genau, wie man den Feuerkelch täuscht. Das war kein Schülerstreich.<<

Sirius' Gesicht verhärtete sich. >>Jemand will Harry in diesem Turnier haben.<<

>>Ja.<<

>>Warum?<<

>>Das wissen wir noch nicht.<<

Er begann unruhig durch den Raum zu laufen. >>Ich sollte ins Schloss.<<

>>Nein.<<

>>Ruby—<<

>>Nein.<<

>>Ich könnte—<<

>>Sirius Black.<< Er blieb stehen. >>Du wirst keinen Fuß nach Hogwarts setzen.<<

>>Harry ist mein Patensohn.<<

>>Und genau deshalb wirst du nicht dafür sorgen, dass du wieder in Askaban landest.<<

Sein Kiefer spannte sich an. >>Ich soll also einfach hier sitzen?<<

>>Du sollst mir vertrauen.<<

Stille. Das traf. Sirius sah mich an. Ich trat zu ihm. >>Harry ist nicht allein. Dumbledore ist dort. McGonagall. Professor Snape.<<

Sirius verzog augenblicklich das Gesicht. >>Das sollte mich beruhigen?<<

Ich musste beinahe lachen. >>Snape würde einen Schüler nicht absichtlich sterben lassen. Auch Harry nicht.<<

>>Severus würde vermutlich erst fünfzig Punkte von Gryffindor abziehen und ihn dann retten.<<

>>Möglich.<<

>>Und ihn anschließend dafür bestrafen, dass er gerettet werden musste.<<

>>Ebenfalls möglich.<<

Sirius schnaubte. Ich nahm seine Hand. >>Und Lucinda und ich sind dort.<<

Sein Blick wurde wieder ernst. >>Versprich mir, dass ihr vorsichtig seid.<< Ich zögerte. >>Ruby.<<

>>Ich kann dir versprechen, dass ich vorsichtig bin.<<

>>Und Lucinda?<<

Ich verzog das Gesicht. >>Ich kann dir versprechen, dass ich versuchen werde, sie dazu zu bringen.<<

>>Das beruhigt mich überhaupt nicht.<<

>>Mich auch nicht.<<

Einen Moment sahen wir einander an. Dann lachte Sirius leise. Seine Stirn legte sich gegen meine. >>Ich habe dich vermisst.<<

Alle Anspannung verschwand aus mir. >>Ich dich auch.<<

Diesmal küsste ich ihn zuerst. Keine Angst. Keine Vorsicht. Nur Sirius. Seine Arme legten sich um meine Taille und für einige kostbare Augenblicke existierten weder Harry noch das Turnier noch Askaban. Nur wir.

Als wir uns voneinander lösten, blieb ich dicht bei ihm. >>Du musst trotzdem bald wieder verschwinden.<<

>>Ich weiß.<<

>>Und du kommst nicht heimlich nach Hogwarts.<<

>>Ruby—<<

>>Versprich es.<<

Er seufzte. >>Ich verspreche, nicht heimlich nach Hogwarts zu kommen.<<

Ich verengte die Augen. >>Warum klingt das nach einer Formulierung mit Schlupfloch?<<

>>Keine Ahnung, wovon du sprichst.<<

>>Sirius.<<

Er küsste mich erneut. Betrüger. Und leider funktionierte es.

***

Lucinda PoV

>> Protego!<<

Der Zauber traf meinen Schild mit solcher Wucht, dass mein Arm zurückgerissen wurde. Ich stolperte. Gelächter erklang. Nicht Moodys Klassenzimmer. Nicht Hogwarts im Jahr 1994.

Hogwarts. Aber früher. Sehr viel früher. Ich sah an mir hinunter. Ravenclaw. Blau und Bronze. Meine Hände waren kleiner. Mein Atem ging schneller. >> Na komm, Schwesterchen.<<

Mein Blut gefror. Ich hob den Kopf. Tom stand mir gegenüber. Jung. Makellos. Dunkles Haar. Dunkle Augen. Und dieses Lächeln. Dieses verdammte Lächeln. >> Zeig ihnen, was du kannst.<<

Wir standen im Unterricht für Verteidigung gegen die dunklen Künste. Unsere Mitschüler hatten einen Kreis um uns gebildet. Der Professor beobachtete uns. Eine einfache Übung. Angriff und Verteidigung. Eigentlich.

Nur war für Tom nichts einfach, sobald ich beteiligt war. >> Mr Riddle<<, warnte der Professor. >>Kontrollieren Sie Ihre Zauber.<<

Tom lächelte. >> Natürlich, Professor.<< Lügner. Sein Zauberstab schnellte hoch. >> Expelliarmus!<< >> Protego!<< Ich blockte. Der Zauber prallte ab. Tom griff sofort erneut an. Schneller. Härter. >> Protego!<<

Wieder hielt mein Schild. Gemurmel erklang. Tom hörte es. Das war der Fehler. Nicht meiner. Der der anderen. Sie waren beeindruckt. Von mir. Und Tom Riddle ertrug vieles. Aber niemals, dass jemand anderes mehr Aufmerksamkeit bekam als er. Vor allem nicht seine eigene Schwester.

Seine Augen wurden kälter. >> Nicht schlecht<<, sagte er.

Ich kannte ihn. Das war kein Lob. >> Danke.<< >> Aber du hältst dich zurück.<< >> Wir sollen uns verteidigen, Tom. Nicht gegenseitig umbringen.<<

Einige Schüler lachten. Sein Gesicht veränderte sich. Nur minimal. Ich sah es trotzdem. >> Mr Riddle<<, sagte der Professor erneut. >>Noch ein Angriff. Dann wechseln wir.<<

Tom nickte. Sein Blick blieb auf mir. >> Bereit?<<

Ich hob meinen Zauberstab. >> Immer.<<

Seine Augen blitzten. Der nächste Zauber war kein einfacher Entwaffnungszauber. Ich wusste es sofort. Zu schnell. Zu aggressiv. Ich riss meinen Zauberstab hoch. >> Protego!<<

Der Aufprall erschütterte meinen Schild. Ich hielt dagegen. Tom ebenfalls. Die Magie knisterte zwischen uns. Mein Arm begann zu zittern. Tom lächelte. Er wollte, dass ich nachgab. Nein. Nicht heute.

Ich verlagerte mein Gewicht. Konzentrierte mich. Und drückte zurück. Sein Zauber wurde abgelenkt. Tom musste einen Schritt zur Seite machen. Stille. Vollkommene Stille. Dann sagte jemand: >> Merlin ...<<

Tom sah mich an. Sein Lächeln war verschwunden. >> Genug!<<, rief der Professor.

Ich senkte meinen Zauberstab. Tom nicht. >> Tom.<<

Seine Augen lagen auf mir. Dunkel. Wütend. >> Mr Riddle!<< Langsam senkte er den Zauberstab. Der Professor trat zwischen uns. >> Ausgezeichnete Verteidigung, Miss Riddle. Zehn Punkte für Ravenclaw.<<

Oh nein. Ich sah Tom an. Sein Gesicht blieb vollkommen ruhig. Aber seine Augen ...Ich kannte diesen Blick. Später. Er würde mich später dafür bestrafen. Nicht unbedingt mit einem Fluch. Tom war subtiler. Ein Wort. Eine Bemerkung. Ein kleiner grausamer Akt, den niemand mit ihm in Verbindung bringen konnte. Irgendetwas. Weil ich es gewagt hatte, ihm standzuhalten. Weil jemand mich gelobt hatte. Weil ich für einen kurzen Augenblick nicht in seinem Schatten gestanden hatte. >> Glückwunsch, Schwesterchen<<, sagte er.

Ich schluckte. >> Danke.<<

Er trat dicht an mir vorbei. Seine Schulter streifte meine. >> Genieß es.<<

Leise. Nur für mich. Dann ging er. Ich sah ihm nach. Und plötzlich blieb er stehen. Sein Kopf drehte sich. Aber als er mich wieder ansah, war er nicht mehr Tom. Das Gesicht veränderte sich. Narben. Ein magisches Auge. Moody. >> Zu gut, Stonefield.<<

Ich wich zurück. >> Nein.<< >> Was versteckst du?<<

Der Klassenraum wurde dunkel. >> Nein.<<

Moodys magisches Auge drehte sich. Dann wurde aus seiner Stimme wieder Toms. >> Zeig ihnen, was du kannst, Schwesterchen.<<

Grünes Licht erfüllte den Raum. Ich schrie. Und wachte auf.

Keuchend fuhr ich hoch. Dunkelheit. Mein Bett. Der Schlafsaal. Hogwarts. 1994. Nicht damals. Heute. Ich presste eine Hand gegen meine Brust. Mein Herz raste. Für einige Sekunden wusste ich nicht, wo ich war. Dann hörte ich die ruhigen Atemzüge der anderen Mädchen. Daphne. Pansy. Beide schliefen. Ich schob die Decke zurück und setzte mich auf die Bettkante. Meine Hände zitterten.

>>Verdammt<<, flüsterte ich. Ich fuhr mir über das Gesicht. Moody hatte etwas aufgerissen. Eine Erinnerung, von der ich nicht einmal gewusst hatte, dass sie noch so deutlich in mir steckte.

Tom hatte mich schon damals getestet. Immer wieder. Er hatte wissen wollen, was ich konnte. Wie stark ich war. Wo meine Grenzen lagen. Nicht aus Interesse. Aus Konkurrenz. Kontrolle. Vielleicht war genau deshalb gestern jede Warnung in mir angesprungen. Moodys Verhalten hatte sich ähnlich angefühlt. Nicht gleich. Aber ähnlich genug.

Ich stand auf und trat ans Fenster. Der Himmel begann bereits heller zu werden. Schlafen würde ich ohnehin nicht mehr. Also blieb ich dort stehen. Und dachte nach. Ich hatte gestern einen Fehler gemacht. Nicht damit, Moody zu misstrauen. Dieses Gefühl war stärker denn je. Aber ich hatte ihm gezeigt, dass ich ihn verdächtigte. Dumm. Impulsiv. Und gefährlich.

Wenn er tatsächlich etwas verbarg, wusste er nun, dass ich genauer hinsah. Damit hatte ich ihm einen Vorteil verschafft. >>Großartig gemacht, Lucinda<<, murmelte ich.

Tom hätte sich darüber amüsiert. Der Gedanke allein genügte, um meinen Trotz zu wecken. Nein. Ich würde nicht denselben Fehler machen wie früher. Tom hatte mich oft provoziert, weil er wusste, dass ich irgendwann reagierte. Er hatte Aufmerksamkeit gewollt. Eine Reaktion. Einen Beweis dafür, dass er mich treffen konnte. Moody wollte ebenfalls etwas von mir.

Welche Fähigkeiten ich besaß. Was ich wusste. Wer ich war. Dann würde er ab jetzt nichts mehr bekommen. Ich lächelte schwach. Wenn Professor Moody spielen wollte ...bitte. Aber wir würden nicht nach seinen Regeln spielen.

Beim Frühstück erzählte ich Ruby nichts von meinem Traum. Noch nicht. Sie kam ungewöhnlich spät in die Große Halle und sah gleichzeitig erschöpft und ausgesprochen zufrieden aus. Ich musterte sie.

Sie bemerkte meinen Blick. >>Was?<<, fragte sie und setzte sich mal wieder an unseren Tisch, als würde sie Ravenclaw nur Teilzeit besuchen.

>>Nichts.<<

>>Du guckst.<<

>>Ich beobachte.<<

Ruby griff nach einem Toast. >>Dann hör auf damit.<<

Ich hob eine Augenbraue. Interessant. >>Wo warst du gestern Nachmittag?<<

Ihre Hand hielt inne. Nur eine Sekunde. Aha. >>Unterwegs.<<

>>Unterwegs.<<

>>Ja.<<

>>Wie präzise.<<

>>Danke.<<

Ich betrachtete sie. Ruby bestrich ihren Toast mit Marmelade. Viel zu konzentriert. Langsam grinste ich. >>Du hast Sirius gesehen.<<

Das Messer rutschte ihr beinahe aus der Hand. >>Psst!<<

Ich lachte leise. >>Ich wusste es.<<

>>Woher?<<

>>Ich kenne dich seit über fünfzig Jahren.<<

Ruby sah sich hastig um. >>Leiser.<<

Mein Lächeln verschwand etwas. >>Geht es ihm gut?<<

Sie nickte. >>Er macht sich Sorgen um Harry.<<

>>Natürlich.<<

>>Ich habe ihm gesagt, dass wir aufpassen.<<

Ich griff nach meinem Kürbissaft. >>Dann sollten wir besser dafür sorgen, dass du nicht gelogen hast.<<

Ruby betrachtete mich. >>Was hast du vor?<<

Mein Blick wanderte unwillkürlich zum Lehrertisch. Moody saß dort. Sein magisches Auge rotierte. Für einen kurzen Moment blieb es bei mir stehen. Gestern hätte ich zurückgestarrt. Heute nicht. Ich nahm ruhig einen Schluck.

>>Nichts.<<

Ruby sah mich misstrauisch an. >>Lucinda.<<

>>Genau das ist der Plan.<<

>>Ich verstehe nicht.<<

Ich stellte meinen Becher ab. >>Ich habe Moody gestern wissen lassen, dass ich ihm misstraue. Das war dumm.<<

>>Ausgesprochen.<<

>>Danke für die Unterstützung.<<

>>Immer gern.<<

Ich verdrehte die Augen. >>Ab jetzt halte ich mich zurück. Keine Provokationen. Keine direkten Fragen. Keine kleinen Machtspiele auf Korridoren.<<

Ruby blinzelte. >>Wer bist du und was hast du mit Lucinda gemacht?<<

>>Sehr witzig.<<

>>Ich frage aus berechtigtem Interesse.<<

>>Ich werde ihn beobachten. Mehr nicht.<<

Ruby wurde ernst. >>Unauffällig?<<

>>Unauffällig.<<

>>Und wenn du etwas findest?<<

Ich sah wieder nach vorn. Moody unterhielt sich mit Dumbledore. Neben ihnen saß Snape und wirkte wie gewöhnlich, als hätte der Morgen ihn persönlich beleidigt. Mein Blick blieb einen Moment an ihm hängen. Dann wieder bei Moody.

>>Dann überlegen wir gemeinsam, was wir damit machen.<<

Ruby musterte mich. >>Versprochen?<< Ich zögerte. >>Luce.<<

>>Versprochen.<<

Sie nickte zufrieden. Ich widmete mich wieder meinem Frühstück. Zumindest äußerlich. Innerlich arbeitete mein Verstand bereits. Moody wollte herausfinden, wer ich war. Gut. Sollte er es versuchen. Dieses Mal würde ich ihm keine Antworten liefern.

Keine Fähigkeiten demonstrieren, die eine Viertklässlerin nicht besitzen sollte. Keine verdächtigen Reaktionen. Keine Drohungen. Ich würde einfach Lucinda Stonefield sein. Vierzehn Jahre alt. Slytherin. Schülerin. Vollkommen gewöhnlich. Ich musste beinahe über den Gedanken lachen. Gut. Den letzten Teil würde vermutlich niemand glauben. Aber ich konnte es zumindest versuchen.

Mein Blick wanderte ein letztes Mal zum Lehrertisch. Moodys magisches Auge war wieder auf mich gerichtet. Ich lächelte freundlich. Dann biss ich in meinen Toast.

Manchmal bestand die beste Verteidigung nicht darin, einen Angriff abzuwehren. Sondern den Gegner glauben zu lassen, man hätte längst aufgehört, ihn als Gefahr zu betrachten. Tom hatte mir diese Lektion vor langer Zeit beigebracht. Ausgerechnet mein Bruder. Vielleicht konnte wenigstens eine seiner Lektionen irgendwann etwas Gutes bewirken.

***

Der restliche Schultag verlief erstaunlich ereignislos. Keine Explosionen. Keine bedrohlichen Gespräche mit Professor Moody. Keine Journalisten. Und vor allem kein Castor Thornbloom. Ich begann beinahe zu glauben, Hogwarts hätte beschlossen, mir einen ruhigen Tag zu gönnen. Natürlich hätte ich es besser wissen müssen.

Ruby und ich waren nach dem Unterricht gerade auf dem Weg zur Bibliothek, als uns jemand entgegenkam. Sehr schnell. >>Ist das Goldstein?<<, fragte ich.

Ruby kniff die Augen zusammen. >>Sieht so aus.<<

Anthony Goldstein marschierte mit einem Tempo durch den Korridor, das irgendwo zwischen entschlossenem Gehen und panischer Flucht lag. Sein Gesicht war hochrot. Seine blonden Haare standen leicht ab. Und als er uns entdeckte, veränderte sich sein Gesichtsausdruck derart erleichtert, als hätte er gerade zwei Auroren gefunden. >>Chadwick! Stonefield!<<

Ruby und ich blieben stehen. >>Anthony?<<

Er erreichte uns. Keuchend. Dann packte er Ruby an den Schultern. >>Rettet mich.<<

Ich blinzelte. Ruby ebenfalls. >>Wovor?<<, fragte sie.

Anthony sah über seine Schulter. >>Vor allem.<<

Ich sah ebenfalls den Korridor hinunter. Nichts. >>Das grenzt die Sache kaum ein.<<

>>Vor ihr!<<

>>Vor wem?<<

Anthony sah mich an. Seine Augen waren weit aufgerissen. >>Rita Kimmkorn.<<

Oh. Ich nickte langsam. >>Das ist tatsächlich ein Notfall.<<

Ruby löste Anthonys Hände von ihren Schultern. >>Was will Rita von dir?<<

>>Ein Interview.<<

>>Warum?<<

>>Weil ich etwas gesehen habe.<<

Ich hob eine Augenbraue. Anthony schwieg. Sein Gesicht wurde noch röter. Ruby und ich sahen einander an. Dann wieder ihn. >>Anthony<<, sagte ich langsam. >>Was hast du gesehen?<<

>>Nichts.<<

>>Du hast gerade gesagt, du hättest etwas gesehen.<<

>>Ich wünschte, ich hätte nichts gesehen.<<

Das wurde interessant. Sehr interessant. Ich verschränkte die Arme. >>Jetzt musst du es erzählen.<<

>>Nein.<<

>>Doch.<<

>>Nein.<<

Ruby legte ihm eine Hand auf den Arm. >>Anthony.<<

>>Was?<<

>>Wir können dich nur retten, wenn wir wissen, wovor.<<

Er betrachtete sie misstrauisch. >>Du willst es doch auch nur wissen.<<

>>Natürlich.<<

Wenigstens war sie ehrlich. Anthony stöhnte und lehnte sich gegen die Wand. >>Ich bin vorhin durch den Innenhof gegangen.<<

>>Das klingt bislang wenig traumatisch<<, bemerkte ich.

Er ignorierte mich. >>Ich wollte eigentlich nur zurück zum Ravenclaw-Turm. Dann habe ich Stimmen gehört.<<

Ruby hob die Augenbrauen. >>Und?<<

>>Dann bin ich um die Ecke gegangen.<< Pause.

>>Und?<<, wiederholte ich.

Anthony schloss die Augen. >>Da war Thornbloom.<<

Ich wartete. Ruby ebenfalls. >>Das erklärt dein Trauma noch nicht<<, sagte ich.

>>Er war nicht allein.<<

Oh. Langsam begann ich zu verstehen. >>Mit wem?<<

Anthony sah aus, als würde er am liebsten im Boden versinken. >>Mit einer Gryffindor.<<

Ruby und ich sahen einander an. >>Welche?<<, fragte sie sofort.

>>Keine Ahnung!<<

>>Wie kannst du nicht wissen, wer es war?<<

>>Weil ich nicht nach ihrem Namen gefragt habe!<<

>>Unhöflich<<, stellte ich fest.

Anthony starrte mich an.>>Lucinda.<<

>>Entschuldigung.<< Ich war nicht im Geringsten entschuldigt.

>>Was haben die beiden gemacht?<<, fragte Ruby.

Anthony wurde wieder rot. Sehr rot. Oh. Oh nein. Ich biss mir bereits auf die Innenseite meiner Wange. >>Sie haben sich geküsst<<, presste er hervor.

Ruby blinzelte. >>Das ist alles?<<

Anthony sah sie empört an. >>Das war kein normaler Kuss!<<

Ich hob beide Augenbrauen. >>Es gibt Kategorien?<<

>>Lucinda<<, warnte Ruby.

>>Ich frage aus wissenschaftlichem Interesse.<<

Anthony fuhr sich über das Gesicht. >>Sie hingen praktisch aneinander!<<

Das Bild entstand gegen meinen Willen in meinem Kopf. Castor. Irgendeine Gryffindor. Ein offenbar vollkommen überforderter Anthony Goldstein. Ich begann zu grinsen. >>Und du bist einfach stehen geblieben?<<

>>Ich stand unter Schock!<<

Ruby presste die Lippen zusammen. >>Natürlich.<<

>>Hör auf zu lachen!<<

>>Ich lache nicht.<< Ihre Schultern bebten.

>>Du lachst eindeutig.<<

>>Nur innerlich.<<

>>Dein Inneres ist ziemlich laut.<<

Ich schnaubte. Anthony deutete anklagend auf uns. >>Das Schlimmste kommt noch.<<

Mein Grinsen verschwand. >>Was kann daran noch schlimmer werden?<<

Sein Gesicht wurde todernst. >>Rita Kimmkorn.<<

Stille. >>Nein<<, sagte ich.

Anthony nickte. >>Doch.<<

>>Sie war dabei?<<

>>Nicht beim Küssen!<<

>>Das wäre auch merkwürdig gewesen.<<

>>Lucinda!<<

>>Schon gut.<<

Er atmete tief durch. >>Ich weiß nicht, wo sie herkam. Plötzlich stand sie da.<<

Das glaubte ich sofort. Rita Kimmkorn besaß offenbar die bemerkenswerte Fähigkeit, überall dort spontan zu materialisieren, wo sich ein Skandal entwickeln könnte. >>Mit der grünen Feder?<<, fragte Ruby.

Anthony sah sie entsetzt an. >>Mit der grünen Feder.<< Oh, der arme Kerl. >>Sie hat mich gesehen<<, fuhr er fort. >>Und plötzlich war Thornbloom vollkommen egal. Sie kam direkt auf mich zu und wollte wissen, was ich beobachtet hätte.<<

Ich konnte Ritas Stimme beinahe hören. Mr Goldstein! Als unmittelbarer Augenzeuge dieses leidenschaftlichen Zusammentreffens – wie würden Sie die emotionale Intensität beschreiben?

>>Was hast du gesagt?<<, wollte ich wissen, woraufhin Anthony ausatmete.

>>Nichts! Ich bin gegangen.<<

>>Gegangen?<<

Anthony sah mich an. >>Gerannt.<<

Jetzt brach Ruby endgültig zusammen. Sie drehte sich zur Wand und lachte.

>>Das ist nicht lustig!<<

>>Doch<<, brachte sie hervor. >>Ein bisschen.<<

>>Sie ist mir hinterhergelaufen!<<

Das machte es schlimmer. Viel schlimmer. Ich stellte mir Anthony vor, wie er durch Hogwarts floh, während Rita Kimmkorn mit giftgrüner Feder hinter ihm her rannte. >>Hat sie Fragen gerufen?<<, fragte ich. Anthony schwieg. Das genügte als Antwort. >>Was hat sie gefragt?<<

>>Das sage ich nicht.<<

>>Anthony.<<

>>Nein.<<

>>Bitte.<<

>>Lucinda, nein.<<

Ruby wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. >>Jetzt musst du es erzählen.<<

Anthony blickte zwischen uns hin und her. Dann ergab er sich. >>Sie wollte wissen, ob Thornblooms angeblich ›ungezügelte Leidenschaft‹ bereits vorher erkennbar gewesen sei.<<

Ich biss mir auf die Lippe. >>Und dann?<<

>>Ob die Gryffindor freiwillig beteiligt gewesen sei.<< Ruby gab ein ersticktes Geräusch von sich. >>Und dann wollte sie wissen, ob ich während des Kusses ›romantische Funken‹ gesehen hätte.<<

Vorbei. Ich lehnte mich gegen die Wand und lachte.

>>Es ist nicht lustig!<<

>>Anthony ...<< Ich rang nach Luft. >>Es tut mir leid. Wirklich.<<

>>Nein, tut es nicht.<<

>>Überhaupt nicht.<<

Ruby klopfte ihm mitfühlend auf die Schulter. >>Du hast das Richtige getan.<<

>>Danke.<<

>>Rita niemals antworten.<<

Ich nickte. >>Die Frau kann aus einem Niesen eine heimliche Verlobung machen.<<

Anthony sah den Korridor hinunter. >>Kann ich mit euch kommen?<<

>>In die Bibliothek?<<

>>Mir egal. Hauptsache, sie findet mich nicht.<<

Ruby grinste. >>Natürlich.<<

Wir nahmen ihn mit. Für ungefähr drei Stunden glaubte Anthony tatsächlich, die Sache überstanden zu haben. Dann kam die Abendpost.

Ich saß beim Abendessen zwischen Daphne und Pansy. Pansy diskutierte gerade mit Draco über irgendeine vollkommen belanglose Angelegenheit, während ich versuchte, herauszufinden, ob Kartoffelpüree als vollständiges Abendessen durchging. Da flogen die Eulen herein. Ich schenkte ihnen zunächst keine Beachtung. Bis ein Bündel Zeitungen auf mehrere Tische fiel. Dann noch eines. Und noch eines.

Ich hielt inne. >>Nein<<, murmelte ich.

Anthony saß am Ravenclaw-Tisch. Auch er hatte es bemerkt. Unsere Blicke trafen sich quer durch die Halle. Sein Gesicht verlor sämtliche Farbe. Eine Zeitung landete direkt vor Daphne. Sie griff danach. >>Abendausgabe?<<

Mein Magen zog sich zusammen. >>Daphne.<<

>>Hm?<<

>>Gib sie mir.<<

Zu spät. Sie entfaltete die Zeitung. Ihre Augen wurden groß. Dann noch größer. >>Oh mein Gott.<<

Pansy beugte sich herüber. >>Was?<<

Daphne drehte die Zeitung. Und ich sah die Titelseite. Ich verschluckte mich. Dort war Castor. Natürlich. Eine bewegte Aufnahme zeigte ihn mit einer Gryffindor, deren Arme um seinen Hals lagen. Sie küssten sich. Ausführlich. Sehr ausführlich. Das Foto wiederholte die Szene immer wieder.

Aber das war nicht das Problem. Am Rand des Bildes stand Anthony Goldstein. Mit weit aufgerissenen Augen. Vollkommen erstarrt. Der Fotograf hatte exakt den Moment erwischt, in dem Anthony offenbar begriffen hatte, was er da gerade beobachtete. Darüber prangte in riesigen Buchstaben:

THORNBLOOMS FEURIGE ROMANZE!

Darunter:

Verbotene Leidenschaft in Hogwarts – schockierter Augenzeuge enthüllt pikante Begegnung!

Ich starrte darauf. >>Schockierter Augenzeuge?<<

Ruby, die vom Ravenclaw-Tisch zu mir gekommen war, beugte sich über meine Schulter. Ihre Augen wanderten zur Überschrift. Dann zum Foto. Dann zu Anthony. >>Oh nein.<<

Ich sah ebenfalls hinüber. Anthony hatte inzwischen eine eigene Ausgabe erhalten. Er las. Sein Mund fiel auf. >>Ich habe gar nichts enthüllt!<<

Seine Stimme hallte durch die Große Halle. Stille. Für ungefähr eine Sekunde. Dann brach die Halle in Gelächter aus.

Anthony sprang auf. >>ICH HABE KEIN INTERVIEW GEGEBEN!<<

Das machte es nur schlimmer. Fred und George Weasley applaudierten. Mehrere Hufflepuffs lachten. Am Slytherin-Tisch schlug Draco mit der Hand auf den Tisch. Selbst einige ältere Ravenclaws konnten sich kaum halten.

Ich zog die Zeitung näher. >>Oh Merlin.<<

Ruby las über meine Schulter. >>Was?<<

Ich deutete auf den Artikel. >>Hör dir das an.<< Ich las leise: >› Der sichtlich erschütterte Anthony Goldstein wurde unmittelbar nach dem leidenschaftlichen Zwischenfall am Tatort angetroffen. Sein bleiches Gesicht und seine überstürzte Flucht sprechen eine deutlichere Sprache als Worte.‹<

Ruby erstarrte. Dann legte sie die Stirn auf den Tisch. Ihre Schultern bebten. >>Sie hat seine Flucht als Aussage verwendet.<<

>>Natürlich hat sie das.<<

Anthony hatte uns inzwischen entdeckt. >>CHADWICK!<<

Ruby hob den Kopf. >>Was?<<

>>DU HAST GESAGT, WENN ICH NICHTS SAGE, KANN SIE NICHTS SCHREIBEN!<<

Ruby rief zurück: >>DAS WAR EINE FEHLEINSCHÄTZUNG!<<

Er sah mich an. >>STONEFIELD!<<

Ich hob beschwichtigend beide Hände. >>Ich habe nie behauptet, Rita Kimmkorn würde sich von Fakten behindern lassen!<<

Er ließ sich auf seinen Platz fallen. Ich hatte Mitleid mit ihm. Wirklich. Dann bewegte sich das Foto erneut. Castor und die Gryffindor küssten sich. Anthony erschien im Hintergrund. Seine Augen wurden riesig. Er machte einen Schritt rückwärts. Das Bild wiederholte sich. Ich begann wieder zu lachen.

>>Das arme Schwein<<, murmelte Daphne.

Pansy betrachtete die Aufnahme. >>Wer ist das Mädchen?<<

>>Keine Ahnung.<<

>>Ich kenne sie<<, sagte Daphne. >>Fünfte Klasse. Gryffindor.<<

Mehrere Slytherin-Mädchen hatten inzwischen ebenfalls die Zeitung entdeckt. Ihre Reaktionen waren bemerkenswert. Eine sah entsetzt aus. Eine andere beleidigt. Eine dritte zerknüllte ihre Ausgabe.

Ich hob die Augenbrauen. >>Beeindruckend.<<

Ruby folgte meinem Blick. >>Seine Anhängerschaft scheint Verluste zu erleiden.<<

>>Tragisch.<<

>>Bist du eifersüchtig?<<

Ich sah sie an. Lange. >>Ruby.<<

>>Ich frage nur.<<

>>Gestern Morgen wollte dieser Mann noch mit mir ausgehen.<<

Sie grinste. >>Und jetzt küsst er eine Gryffindor.<<

>>Das bestätigt lediglich, dass meine Entscheidung hervorragend war.<<

>>Nicht einmal ein bisschen?<<

>>Ruby.<<

>>Gar nicht?<<

Ich nahm meine Gabel. >>Wenn du nicht aufhörst, steckt sie gleich in deiner Hand.<<

>>Verstanden.<<

Am Lehrertisch schien man inzwischen ebenfalls auf die Abendlektüre aufmerksam geworden zu sein. Professor McGonagall hielt eine Ausgabe in der Hand. Ihr Gesichtsausdruck war unbezahlbar. Sie las. Dann nahm sie langsam ihre Brille ab.

Dumbledore saß neben ihr und betrachtete den Artikel über ihre Schulter. Seine Augen funkelten verdächtig. Er amüsierte sich. Schon wieder. Professor Flitwick schien ebenfalls Mühe zu haben, sein Lächeln zu verbergen. Und Snape ...

Oh nein. Ich grinste. Snape hatte die Zeitung vor sich liegen. Er las den Artikel. Sein Gesicht war vollkommen ausdruckslos. Zu ausdruckslos.

Dann wanderte sein Blick langsam zum Slytherin-Tisch. Direkt zu Castor. Ich folgte ihm. Castor saß einige Plätze entfernt. Und zum ersten Mal, seit ich ihn kannte, wirkte er tatsächlich etwas verlegen. Nur etwas.

Draco hielt ihm bereits die Zeitung unter die Nase. >> ›Ungezügelte Leidenschaft‹, Thornbloom?<<

Gelächter. Castor griff nach der Zeitung. >>Gib her.<<

Draco zog sie weg. >>Nein, nein. Der beste Teil kommt noch.<< Er räusperte sich theatralisch. >> › Während der junge Slytherin seine geheimnisvolle Gryffindor offenbar vollkommen in seinen Bann gezogen hat —‹ <<

>>Malfoy.<<

>> ›—bleibt abzuwarten, wie viele gebrochene Herzen dieser verbotenen Verbindung folgen werden.‹ <<

Der Tisch explodierte vor Gelächter. Castor fuhr sich über das Gesicht. Ich biss mir auf die Lippe. Dann traf sein Blick meinen. Oh. Seine Augen verengten sich. Ich hob unschuldig die Augenbrauen. >>Kein Wort, Stonefield.<<

Ich legte eine Hand auf meine Brust. >>Ich?<<

>>Kein. Wort.<<

>>Ich wollte überhaupt nichts sagen.<<

>>Gut.<<

Pause. Ich versuchte es. Wirklich. >>Freut mich aber, dass du so schnell über meine Ablehnung hinweggekommen bist.<<

Der gesamte Bereich um uns herum verstummte. Ruby schloss die Augen.

Daphne sog scharf Luft ein. Draco starrte Castor an. Dann mich. >>Moment<<, sagte Pansy. >>Was?<<

Castor wurde rot. Ich lächelte freundlich. >>Oh. Habe ich das nicht erwähnt?<<

>>Stonefield<<, knurrte Castor.

>>Gestern Morgen wollte er noch ein Date mit mir.<<

Chaos. Absolutes Chaos.

>>WAS?!<< Mehrere Stimmen gleichzeitig. Eine seiner Verehrerinnen sah aus, als würde sie jeden Moment ohnmächtig werden.

Draco schlug erneut auf den Tisch. >>Thornbloom!<<

>>Halt die Klappe, Malfoy.<<

>>Nur einen Tag später?!<<

>>Es war morgens!<< Castor hielt inne. Sein Gesicht verriet, dass er gerade selbst bemerkt hatte, dass diese Verteidigung nicht besonders hilfreich war.

Ich legte den Kopf schief. >>Ah. Natürlich. Dann liegen ja mehrere Stunden dazwischen.<<

Ruby brach neben mir zusammen. Daphne klammerte sich an Pansy. Sogar Blaise Zabini, der sich bislang bemerkenswert erfolgreich aus allem herausgehalten hatte, senkte den Kopf und lachte.

Castor zeigte auf mich. >>Du bist grausam.<<

>>Das wurde mir schon öfter gesagt.<<

>>Ich werde mich dafür rächen.<<

>>Stell dich hinten an.<<

Ein Räuspern erklang. Nicht laut. Es musste auch nicht laut sein. Der gesamte Slytherin-Tisch wurde still. Langsam sahen wir zum Lehrertisch.

Snape blickte uns an. Genauer gesagt Castor. Dann mich. Dann wieder Castor. Seine Miene verriet nichts. >>Mr Thornbloom.<<

Castor schluckte. >>Professor?<<

>>Da Ihr Privatleben offenbar inzwischen genügend öffentliche Aufmerksamkeit genießt, um eine eigene Abendausgabe des Tagespropheten zu rechtfertigen, wäre ich Ihnen außerordentlich verbunden, wenn Sie wenigstens während der Mahlzeiten darauf verzichten könnten, es zum Gegenstand einer schulweiten Diskussion werden zu lassen.<<

Stille. Dumbledore senkte den Kopf. Seine Schultern bewegten sich. McGonagall warf ihm einen scharfen Blick zu. >>Ja, Professor<<, murmelte Castor kleinlaut.

Snapes Blick wanderte zu mir. >>Stonefield.<<

>>Professor?<<

>>Sie helfen nicht.<<

Ich setzte meine unschuldigste Miene auf. >>Das war nicht meine Absicht.<<

Seine Augen wurden schmal. >>Genau das beunruhigt mich.<<

Ich senkte schnell den Blick. Sonst hätte er mein Grinsen gesehen. Dann erklang vom Ravenclaw-Tisch wieder Anthonys verzweifelte Stimme. >>WARUM BIN ICH ÜBERHAUPT AUF DEM TITELBILD?!<<

Die Große Halle brach erneut in Gelächter aus. Ich legte meine Stirn auf Rubys Schulter. >>Der arme Kerl.<<

>>Du lachst.<<

>>Ich kann gleichzeitig Mitleid haben und lachen.<<

>>Offensichtlich.<<

Ich hob den Kopf und betrachtete noch einmal die Zeitung. Castor Thornblooms leidenschaftlicher Kuss. Eine unbekannte Gryffindor. Anthony Goldstein als unfreiwilliger Augenzeuge. Rita Kimmkorn. Vorgestern Professor Snape und Professor McGonagall. Heute Castor und Anthony.

Ich schüttelte den Kopf. >>Diese Frau ist eine Naturkatastrophe.<<

Ruby nahm einen Schluck Kürbissaft. >>Ich dachte, das wäre Thornbloom.<<

Ich sah zu Castor. Er hatte inzwischen den Kopf auf beide Hände gestützt, während Draco offenbar immer noch einzelne Passagen aus dem Artikel zitierte. Dann sah ich zu Anthony. Der versuchte gerade verzweifelt, sämtliche erreichbaren Ausgaben des Tagespropheten einzusammeln.

>>Nein<<, entschied ich. >>Castor ist lediglich eine lokale Katastrophe. Rita arbeitet überregional.<<

Ruby verschluckte sich an ihrem Kürbissaft. Und für einen kurzen Moment musste ich wieder daran denken, was ich mir erst heute Morgen vorgenommen hatte. Unauffällig bleiben. Moody beobachten. Meine Mission ernst nehmen. Keine unnötige Aufmerksamkeit. Ich betrachtete das Chaos in der Großen Halle.

Anthony jagte inzwischen einem Drittklässler hinterher, der seine Zeitung nicht herausgeben wollte. Castors Verehrerinnen diskutierten aufgebracht. Draco las noch immer laut vor. Dumbledore amüsierte sich prächtig. McGonagall sah aus, als würde sie Rita Kimmkorn am liebsten persönlich aus Hogwarts verbannen. Und Severus Snape massierte sich mit zwei Fingern die Nasenwurzel.

Ich lächelte. Nun ja. Niemand konnte behaupten, ich wäre heute das Problem.