Das Attentat der Weintrauben
Das Attentat der Weintrauben
Hallo, meine Lieben :) Unser magisches Abenteuer geht wieder weiter. Ich hoffe, ihr hattet alle eine angenehme Woche und könnt euch jetzt etwas entspannen. Ich wünsche euch viel Spaß beim Weiterlesen ;)
Liebe Grüße,
eure Melody
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18 Das Attentat der Weintrauben
Lucinda PoV
Ich saß mit einem Buch auf dem Schoß im Gemeinschaftsraum von Slytherin und versuchte, mich auf den Text zu konzentrieren. Der grünliche Schein des Sees fiel durch die hohen Fenster und tauchte die steinernen Wände in ein gespenstisches Licht. Um mich herum unterhielten sich einige Slytherins über das bevorstehende Quidditch-Training, während Draco Malfoy wie gewohnt mit Crabbe und Goyle am Kamin saß.
Ich blätterte eine Seite um, ohne wirklich zu lesen. Meine Gedanken schweiften ohnehin ständig ab. Ein leises Kratzen ließ mich aufhorchen. Ich hob den Kopf. Das Geräusch kam aus der Wand hinter einem der Bücherregale. Noch einmal. Kratz... kratz. Niemand schien es zu bemerken.
Plötzlich bewegte sich ein loser Stein ein winziges Stück zur Seite. Ich blinzelte.
Zwischen den Fugen erschien ein schmaler grüner Ast. Nein...Eine winzige Hand. Kurz darauf kletterte ein Bowtruckle durch den schmalen Spalt, gefolgt von einem zweiten...und einem dritten. Ich musste unwillkürlich lächeln. >>Na, ihr drei...<<
Die kleinen Baumwächter liefen erstaunlich zielstrebig auf mich zu. Ihre schwarzen Knopfaugen wirkten ungewöhnlich ernst. Draco bemerkte sie als Erster. >>Was zum...?<<
Crabbe beugte sich vor. >>Das sind doch diese laufenden Äste!<<
>>Die sehen ja lächerlich aus!<<, prustete Goyle los.
Draco verzog spöttisch den Mund. >>Stonefield, selbst das Ungeziefer sucht mittlerweile deine Gesellschaft.<<
Die drei brachen in schallendes Gelächter aus. Normalerweise hätten die Bowtruckles darauf empört reagiert. Heute nicht. Keiner der drei sah auch nur zu den Jungen. Sie blickten ausschließlich mich an. Und genau das ließ mein Lächeln verschwinden. >>Was ist los?<<
Der vorderste Bowtruckle piepste aufgeregt, sprang auf meinen Schoß und zog mit erstaunlicher Kraft an meinem Ärmel. Der zweite zeigte hektisch Richtung Ausgang. Der dritte lief nervös im Kreis. >>Ihr wollt, dass ich mitkomme?<<
Alle drei nickten gleichzeitig. Mir wurde augenblicklich klar, dass etwas passiert sein musste. Ich klappte das Buch zu. >>Ich bin gleich wieder da.<<
>>Als ob uns das interessiert!<<, rief Malfoy hinterher.
Ich schenkte ihm nicht einmal einen Blick. Die Bowtruckles führten mich durch die Kerker, vorbei an den Gewächshäusern und schließlich hinaus auf das Gelände. Erst als wir den Rand des Verbotenen Waldes erreichten, verlangsamten sie ihr Tempo. Sie liefen zwischen den Wurzeln hindurch, bis wir eine kleine Lichtung erreichten. Dort blieb ich abrupt stehen.
Mindestens ein Dutzend Bowtruckles hatte sich versammelt. In ihrer Mitte lag einer ihrer Artgenossen. Er hielt sein linkes Bein dicht an den Körper gezogen. Schon beim ersten Blick erkannte ich die unnatürliche Stellung.
>>Oh nein...<< Sofort kniete ich mich zu ihm. >>Ganz ruhig, ich tue dir nichts.<<
Der kleine Baumwächter zitterte am ganzen Körper. Vorsichtig streichelte ich über seinen schmalen Rücken. >>Zeig mal.<< Kaum berührte ich das verletzte Bein, zuckte er schmerzerfüllt zusammen. >>Es tut sehr weh, nicht wahr?<<
Ein leises Piepsen war Antwort genug. Ich untersuchte das Bein sorgfältig. Kein offener Bruch. Aber vermutlich verstaucht oder angebrochen.
>>Ihr habt alles richtig gemacht.<< Ich sah zu den drei Bowtruckles auf. >>Danke, dass ihr mich geholt habt.<<
Sie schienen etwas ruhiger zu werden. Ich sprach einen einfachen Heilzauber. Ein sanftes grünes Licht legte sich über das Bein. Doch kaum erlosch der Zauber, blieb die Verletzung bestehen.
Ich biss mir auf die Lippe. >>Das reicht nicht...<< Der Kleine wimmerte erneut. Mein Herz zog sich zusammen. >>Es tut mir leid.<<
Ich dachte angestrengt nach. Bei Menschen hätte Madam Pomfrey problemlos helfen können. Aber bei Bowtruckles...
Da fiel mir plötzlich jemand ein. Professor Snape. Als Zaubertränkemeister besaß er mit Sicherheit zahlreiche Heiltränke. Ob er allerdings bereit wäre, einer Schülerin wegen eines verletzten Bowtruckles zu helfen...
Ich war mir alles andere als sicher. Trotzdem hob ich den kleinen Baumwächter behutsam hoch. >>Keine Sorge.<< Er klammerte sich sofort an meinen Umhang. >>Wir finden Hilfe.<< ***
Nach Unterrichtsschluss stand ich schließlich vor der schweren Tür des Kerkers. Mein Herz klopfte schneller. Nicht aus Angst. Eher aus Unsicherheit. Ich hob die Hand. Klopf. Klopf.
>>Herein.<<
Ich öffnete vorsichtig die Tür. Professor Snape saß über mehreren Pergamentrollen und hob nur flüchtig den Blick. >>Miss Stonefield.<< Seine Stimme war gewohnt kühl. >>Falls Sie mir erklären möchten, weshalb Ihre Hausaufgaben noch kreativer ausgefallen sind als sonst, sparen Sie sich die Mühe.<<
>>Nein, Professor.<< Ich trat näher. >>Ich...wollte Sie um Hilfe bitten.<<
Er legte die Feder beiseite. >>Tatsächlich.<< Sein Blick wurde misstrauisch. >>Und wobei?<<
Ich räusperte mich. >>Besitzen Sie zufällig einen Heiltrank für magische Waldwesen?<<
Er zog eine Augenbraue hoch. >>Das ist eine...ungewöhnlich präzise Frage.<<
Langsam öffnete ich den Umhang. Der kleine Bowtruckle lugte vorsichtig hervor und hielt sich mit seinen winzigen Händen an meinem Pullover fest. Snapes Blick fiel auf ihn. Dann auf das verletzte Bein. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich augenblicklich. Der Argwohn verschwand vollständig.
>>Ich verstehe.<< Er erhob sich wortlos. >>Legen Sie ihn dort auf den Tisch.<<
Er deutete auf eine freie Arbeitsfläche. Behutsam setzte ich den kleinen Baumwächter ab. Sofort begann dieser nervös mit seinen Fingern über das Holz zu trommeln.
>>Ganz ruhig.<< Ich strich ihm beruhigend über den Kopf. >>Professor Snape hilft dir.<<
Snape öffnete bereits mehrere Schränke. Fläschchen klirrten. Schließlich zog er eine kleine grüne Phiole hervor. >>Das dürfte genügen.<< Er stellte sie neben mich. >>Ein paar Tropfen reichen vollkommen.<< Er musterte das Bein kurz. >>Glücklicherweise keine komplizierte Fraktur.<<
Ich atmete erleichtert aus. >>Vielen Dank.<<
Vorsichtig ließ ich drei Tropfen auf die Verletzung fallen. Der Trank begann sofort zu wirken. Ein sanfter grüner Schimmer legte sich um das Bein. Der Bowtruckle piepste überrascht. Langsam streckte er das Bein wieder aus. Belastete es vorsichtig. Dann sprang er probeweise einmal auf und ab.
Ich musste lächeln. >>Na also.<<
Er sah zuerst sein Bein an. Dann mich. Schließlich kletterte er blitzschnell an meinem Ärmel hoch und schmiegte sein winziges Gesicht an meine Wange.
Ich lachte leise. >>Ich glaube, das bedeutet Danke.<<
>>Davon gehe ich ebenfalls aus.<<
Ich blickte überrascht zu Professor Snape. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte ich, ein kaum sichtbares Schmunzeln in seinem Gesicht zu erkennen. Es verschwand jedoch so schnell, dass ich mir nicht sicher war, ob ich es mir nur eingebildet hatte.
>>Ich würde ihn gern heute Nacht bei mir behalten<<, sagte ich schließlich. >>Nur zur Sicherheit.<<
Snape nickte knapp. >>Eine vernünftige Entscheidung.<< Er verschloss die übrigen Phiolen wieder sorgfältig. >>Morgen sollte er sich vollständig erholt haben.<<
Ich nahm den kleinen Bowtruckle erneut auf den Arm. >>Vielen Dank, Professor.<<
>>Miss Stonefield.<< Ich blieb in der Tür stehen. >>Es ist...erfreulich zu sehen, dass sich jemand die Mühe macht, auch den Geschöpfen zu helfen, die von den meisten übersehen werden.<< Seine Stimme war leise. Fast nachdenklich.
Ich lächelte warm. >>Sie haben heute ebenfalls einem kleinen Geschöpf geholfen.<<
Für einen kurzen Moment begegneten sich unsere Blicke. Dann nickte er kaum merklich. >>Einen schönen Abend.<<
>>Ihnen ebenfalls, Professor.<<
Als ich das Büro verließ, reckte der kleine Bowtruckle neugierig den Kopf über meine Schulter. Und ich hätte schwören können, dass er sich noch einmal kurz zu Snape umdrehte, als wolle er sich auch auf seine ganz eigene Art von ihm verabschieden.
***
Am nächsten Morgen fühlte ich mich so ausgeruht wie schon lange nicht mehr. Nicht etwa, weil das Bett im Slytherin-Schlafsaal besonders bequem gewesen wäre, sondern weil mein kleiner Gast die halbe Nacht zusammengerollt auf meinem Kopfkissen geschlafen hatte. Hin und wieder war ich davon wach geworden, dass er im Schlaf leise vor sich hin piepste oder sich ein Stück näher an mich kuschelte. Sein verletztes Bein schien ihm inzwischen keine Probleme mehr zu bereiten.
Als ich aufstand, streckte er sich ausgiebig. >>Na, ausgeschlafen?<< Der Bowtruckle nickte eifrig. >>Dann wollen wir mal sehen, ob du heute wieder nach Hause kannst.<<
Statt einer Antwort kletterte er flink an meinem Ärmel empor und ließ sich schließlich auf meiner rechten Schulter nieder. >>Ach so...<< Ich musste lachen.
>>Du hast offenbar andere Pläne.<< Er verschränkte demonstrativ seine dünnen Ärmchen. >>Das werte ich jetzt einfach mal als Nein.<<
Als wir die Große Halle betraten, dauerte es keine drei Sekunden, bis sämtliche Blicke auf uns ruhten. Genauer gesagt...auf den kleinen grünen Baumwächter, der ausgesprochen zufrieden auf meiner Schulter thronte, als würde ihm Hogwarts gehören. Ich setzte mich zwischen Daphne und Pansy. Beide starrten meinen Begleiter mit großen Augen an.
>>Ist der... echt?<<, fragte Pansy vorsichtig.
>>Natürlich.<< Der Bowtruckle hob eine Hand und winkte ihr freundlich zu.
Pansy lächelte unwillkürlich. >>Wie niedlich!<<
>>Ich wusste gar nicht, dass die so zutraulich sein können<<, meinte Daphne und beugte sich etwas näher.
>>Eigentlich sind sie sehr scheu.<< Ich strich dem kleinen Kerl über den Rücken. >>Wenn sie jemandem vertrauen, zeigen sie das aber ziemlich deutlich.<< Der Bowtruckle piepste zustimmend.
>>Er scheint dich wirklich zu mögen.<<, merkte Daphne an und ich lächelte.
>>Das beruht auf Gegenseitigkeit.<<
Während wir frühstückten, spürte ich plötzlich einen Blick auf mir ruhen. Ich hob den Kopf. Professor Dumbledore saß am Lehrertisch. Als sich unsere Blicke trafen, erschien auf seinen Lippen dieses ganz bestimmte Schmunzeln. Ein wissendes. Fast nostalgisches. Ich konnte mir denken, woran er dachte.
Vor über fünfzig Jahren hatte er mich ebenfalls mehr als einmal mit Bowtruckles auf den Schultern oder in den Haaren durchs Schloss laufen sehen. Damals hatte Professor Dippet regelmäßig behauptet, ich würde den halben Verbotenen Wald mit in die Große Halle bringen. Offenbar hatte sich manche Gewohnheit nie geändert. Ich erwiderte sein Lächeln kaum merklich.
Der Bowtruckle bemerkte Dumbledores Blick ebenfalls und legte neugierig den Kopf schief. >>Keine Sorge<<, flüsterte ich. >>Er ist ein Freund.<<
Der kleine Baumwächter schien die Antwort zu akzeptieren und widmete sich stattdessen einer Weintraube auf meinem Teller. Gerade wollte ich sie ihm geben, als eine vertraute Stimme die friedliche Stimmung zerstörte.
>>Na wunderbar.<< Draco Malfoy verzog angewidert das Gesicht. >>Jetzt schleppt Stonefield schon das Ungeziefer aus dem Wald mit an den Frühstückstisch.<<
Crabbe und Goyle prusteten los. >>Vielleicht hält sie das Ding für ein Haustier.<<
>>Oder für Verwandtschaft.<< Gelächter ertönte am Slytherin-Tisch.
Ich verdrehte innerlich nur die Augen. >>Lass gut sein, Draco.<<
>>Wieso?<< Er lehnte sich grinsend zurück. >>Vielleicht sollten wir Hagrid informieren. Dem fehlt bestimmt noch ein laufender Ast für seine Sammlung.<<
Ich seufzte und wandte mich an den Bowtruckle. >>Ignorier ihn einfach...<<
Zu spät. Mein kleiner Begleiter hatte jedes Wort verstanden. Langsam nahm er die Weintraube aus meiner Hand. Ich dachte zunächst, er wolle sie essen. Stattdessen stand er auf meiner Schulter auf. Holte mit seinem winzigen Arm erstaunlich weit aus...und schleuderte die Weintraube mit beeindruckender Präzision quer durch die Große Halle. Platsch!
Die Traube traf Draco mitten auf der Stirn. Einen Augenblick herrschte absolute Stille. Malfoy blinzelte irritiert. Die Weintraube rutschte langsam über seine Nase...und fiel schließlich direkt in seinen Kürbissaft. Plopp.
Ich biss mir sofort auf die Lippe. Nein. Nein, Lucinda. Nicht lachen. Auf keinen Fall.
Draco sprang empört auf. >>WER WAR DAS?!<<
Der Bowtruckle verschränkte unschuldig die Arme. Dann griff er nach der nächsten Weintraube. >>Oh nein...<< Ich kam gar nicht mehr dazu, ihn aufzuhalten.
Platsch! Die zweite Traube traf Malfoy diesmal an der Wange. Jetzt brach die Große Halle endgültig in schallendes Gelächter aus. Besonders laut lachten die Gryffindors. Fred Weasley klopfte begeistert auf den Tisch. >>Das war der beste Wurf des Jahres!<<
George rief quer durch die Halle: >>Zehn Punkte für den kleinen Kerl!<<
Lee Jordan hielt sich bereits den Bauch. Selbst Harry musste sich ein Lachen verkneifen, während Ron völlig ungehemmt losprustete. Hermine schüttelte zwar den Kopf, konnte sich ein Schmunzeln aber ebenfalls nicht verkneifen.
Am Lehrertisch hustete Professor McGonagall auffällig in ihren Kelch. Ich war mir ziemlich sicher, dass sie damit lediglich ihr eigenes Lachen überspielte. Professor Flitwick lachte sogar ganz offen.
Hagrid strahlte übers ganze Gesicht. >>Braves Kerlchen!<<, murmelte er stolz.
Und selbst Professor Snape...
Ich wagte einen flüchtigen Blick zum Lehrertisch. Sein Gesicht blieb wie gewohnt unbewegt. Doch als sich unsere Augen für den Bruchteil einer Sekunde trafen, meinte ich zu sehen, wie sich ein Mundwinkel minimal hob. Gerade so weit, dass man es beinahe übersehen hätte.
>>STONEFIELD!<<, empörte sich Draco. >>Bring dieses Vieh sofort unter Kontrolle!<<
Ich hob entschuldigend die Hände. >>Das würde ich ja gern.<< Ich sah zu meinem kleinen Begleiter. >>Aber ich fürchte...<< Der Bowtruckle griff bereits nach der dritten Weintraube. >>...er hat sich seine eigene Meinung über dich gebildet.<<
In diesem Moment ließ der kleine Baumwächter die dritte Weintraube langsam in seiner Hand auf und ab hüpfen und fixierte Draco mit seinen schwarzen Knopfaugen. Malfoy wurde schlagartig blass. >>Wag es bloß nicht!<<
Der Bowtruckle piepste zufrieden. Dann legte er die Weintraube demonstrativ zurück auf den Teller. Offenbar war seine Botschaft angekommen.
Die gesamte Halle lachte erneut, während Draco sich wutschnaubend setzte und den Rest des Frühstücks kein einziges Wort mehr sagte. Ich kraulte meinem kleinen Begleiter lächelnd den Kopf. >>Das war nicht besonders höflich.<< Er legte unschuldig den Kopf schief. >>Aber zugegeben<<, flüsterte ich mit einem kaum hörbaren Schmunzeln, >>deine Treffsicherheit ist wirklich beeindruckend.<<
***
Ich ließ den kleinen Bowtruckle nach dem Frühstück noch eine Weile auf meiner Schulter sitzen, ehe wir gemeinsam den Weg zurück zum Verbotenen Wald einschlugen.
>>Ich glaube, deine Mission in Hogwarts ist hiermit beendet.<< Er piepste leise. >>Und bevor du auf die Idee kommst, noch weitere Weintrauben auf Draco Malfoy zu werfen, bringen wir dich lieber wieder nach Hause.<<
Der kleine Baumwächter senkte den Kopf – zumindest glaubte ich, dass er sich tatsächlich ein wenig schuldig fühlte. >>Ach, ganz so schlimm war es nun auch wieder nicht.<< Ein leises Kichern entwich mir. >>Verdient hatte er es wahrscheinlich sogar.<< Der Bowtruckle richtete sich augenblicklich wieder auf. Ich schüttelte lachend den Kopf. >>Das habe ich nicht gesagt.<<
Gemeinsam erreichten wir den Waldrand. Kaum betraten wir die kleine Lichtung vom Vortag, raschelte es überall zwischen den Ästen. Aus allen Richtungen kamen Bowtruckles herbeigelaufen. Der Kleine auf meiner Schulter piepste begeistert auf und sprang mit einem Satz auf einen niedrigen Ast. Sofort wurde er von seinen Artgenossen umringt. Sie piepsten durcheinander, klopften ihm auf den Rücken und untersuchten neugierig sein inzwischen vollständig geheiltes Bein. Einer der älteren Bowtruckles hob sogar feierlich beide Arme in die Höhe. Die anderen antworteten mit einem vielstimmigen Zirpen, das beinahe wie Jubel klang.
Ich musste lächeln. >>Na also.<<
Der kleine Patient hüpfte demonstrativ von Ast zu Ast. Kein Hinken mehr. Keine Schmerzen. Nur überschäumende Freude. Anschließend drehte er sich noch einmal zu mir um. Mit seinen winzigen Händen legte er sie kurz an seine Brust und verneigte sich tief.
>>Gern geschehen.<< Ich erwiderte die kleine Verbeugung. >>Pass künftig besser auf dich auf.<< Er piepste zustimmend.
Kurz darauf verschwand die gesamte Gruppe zwischen den Bäumen. Innerhalb weniger Sekunden war die Lichtung wieder still. Ich blieb noch einen Moment stehen. Es erfüllte mich jedes Mal mit tiefer Zufriedenheit, wenn ich den Bowtruckles helfen konnte. Sie verlangten nichts, urteilten nicht über Herkunft oder Hauszugehörigkeit. Sie schenkten Vertrauen einzig demjenigen, der es sich verdiente.
>>Du scheinst sie wirklich zu mögen.<<
Die Stimme hinter mir ließ mich zusammenfahren. Ich drehte mich erschrocken um. Harry Potter stand einige Meter entfernt zwischen den Bäumen. Seine Hände steckten in den Taschen seiner Umhangsrobe. >>Du...bist mir gefolgt?<<
Er zuckte leicht mit den Schultern. >>Nicht absichtlich.<< Ein verlegenes Lächeln huschte über sein Gesicht. >>Na gut...vielleicht doch ein bisschen.<< Ich sah ihn fragend an. >>Nach der Sache heute Morgen wollte ich wissen, wohin du mit dem Bowtruckle gehst.<<
Für einen Augenblick sagte keiner von uns etwas. Ich bemerkte, dass Harry mich anders ansah als sonst. Nicht mehr misstrauisch. Eher... neugierig. >>Ich hätte ehrlich gesagt nicht gedacht<<, begann er schließlich, >>dass jemand aus Slytherin sich so um magische Wesen kümmert.<<
Ich lächelte schwach. >>Vorurteile funktionieren in beide Richtungen.<<
Harry nickte langsam. >>Vermutlich.<< Er sah noch einmal zu den Bäumen, in denen die Bowtruckles verschwunden waren. >>Sie scheinen dir wirklich zu vertrauen.<<
>>Das tun sie.<< Ich strich gedankenverloren über die raue Rinde eines nahen Baumes. >>Vertrauen lässt sich nicht erzwingen.<<
>>Nein.<< Harry schwieg einen Moment. >>Weißt du...ich glaube, ich habe dich falsch eingeschätzt.<<
Diese Worte trafen mich unerwartet. Einen kurzen Augenblick meldete sich der Wunsch, ihm die Wahrheit zu sagen. Dass ich ihn beschützte. Dass ich ihn keineswegs verachtete. Dass ich jeden einzelnen Tag dafür kämpfte, ihm das Schicksal zu ersparen, das meine Familie einst zerstört hatte.
Aber genau das durfte niemals geschehen. Je weniger Harry über mich wusste, desto sicherer war er. Ich zwang mich zu einem ruhigen Lächeln. >>Ich habe keinerlei Abneigung gegen dich, Harry.<<
Er wirkte überrascht, dass ich seinen Namen aussprach. >>Wirklich nicht?<<
Ich schüttelte den Kopf. >>Nein.<< Meine Stimme wurde leiser. >>Manchmal... sind die Dinge eben komplizierter, als sie auf den ersten Blick erscheinen.<<
Er runzelte die Stirn. >>Was meinst du damit?<<
Ich senkte kurz den Blick. >>Nur, dass man nicht jeden Menschen nach seinem Haus beurteilen sollte.<<
Harry nickte langsam. >>Das hat Hermine auch schon gesagt.<<
>>Dann solltest du vielleicht auf sie hören.<<
Ein leichtes Schmunzeln huschte über sein Gesicht. >>Kommt nicht oft vor, dass jemand das empfiehlt.<< Ich musste ebenfalls lächeln.
Für einen flüchtigen Moment wirkte alles erstaunlich... normal. Fast so, als könnten wir tatsächlich einfach zwei Schüler sein, die sich zufällig im Wald begegnet waren. Doch genau dieser Gedanke ließ mein Herz schwer werden. Ich durfte diese Nähe nicht zulassen. Nicht bei Harry. Nicht bei dem Jungen, dessen Leben wichtiger war als mein eigenes.
Ich trat einen kleinen Schritt zurück. >>Ich muss zum Unterricht.<<
Harry nickte verständnisvoll. >>Ich auch.<<
Bevor ich mich umdrehte, hielt ich noch einmal inne. >>Harry?<<
>>Ja?<<
Ich sah ihn ein letztes Mal an. In seine grünen Augen. Augen, in denen so viel Verlust und dennoch Hoffnung lagen. Und mich gleichzeitig daran erinnerten, was mein Bruder ihm alles genommen hatte. Ein flüchtiges Schuldgefühl legte sich auf mein Herz. >>Ich wünsche dir viel Erfolg beim Trimagischen Turnier.<<
Er blinzelte überrascht. >>Danke.<<
>>Pass auf dich auf.<<
>>Mach ich.<<
Ich nickte ihm noch einmal zu und wandte mich schließlich ab. Während ich den Weg zurück nach Hogwarts einschlug, spürte ich seinen Blick noch eine ganze Weile in meinem Rücken. Vielleicht hätte zwischen uns unter anderen Umständen tatsächlich eine Freundschaft entstehen können. Vielleicht.
Doch dieses Vielleicht durfte niemals Wirklichkeit werden. Denn solange ich Lucinda Riddle war, blieb Harry Potter in der Nähe von mir ein Ziel für Voldemort. Und dieses Risiko würde ich niemals eingehen. Lieber würde ich seine Distanz und Vorurteile ertragen, als ihn durch meine Nähe in Gefahr zu bringen.
***
Als Ruby und ich den Klassenraum für Zaubertränke betraten, herrschte bereits reges Gemurmel. Ich ließ mich wie gewohnt an meinem Platz nieder, während Ruby sich auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes zwischen die Ravenclaws setzte. Kaum hatte ich meine Bücher ausgepackt, spürte ich einen bohrenden Blick. Ich musste nicht einmal aufsehen. >>Wenn du mich weiter so anstarrst, Draco, bekomme ich noch das Gefühl, du interessierst dich für meinen Stundenplan.<< Ein unterdrücktes Kichern ging durch den Raum.
Malfoy verschränkte die Arme. >>Ich starre nicht dich an.<<
>>Ach nein?<<
>>Sondern dieses...Ding.<<
Ich folgte seinem Blick. Auf meiner Schulter saß tatsächlich der Bowtruckle von heute Morgen. Er hatte sich wohl unbemerkt an mich geheftet, als ich den Wald verlassen hatte. >>Du schon wieder?<< Der kleine Baumwächter piepste fröhlich und ich seufzte ergeben. >>Du weißt schon, dass Hogwarts kein offizieller Wohnsitz für Bowtruckles ist?<< Er ignorierte diese Bemerkung vollständig und machte es sich stattdessen auf meiner Schulter bequem.
>>Da siehst du!<<, rief Draco empört. >>Er verfolgt mich!<<
Der Bowtruckle drehte langsam den Kopf. Seine schwarzen Knopfaugen fixierten Malfoy. Draco wich tatsächlich einen halben Schritt zurück. >>Habt ihr das gesehen?<<
Crabbe nickte hastig. >>Der schaut richtig böse!<<
>>Der plant bestimmt wieder einen Angriff!<<, ergänzte Goyle.
Ich betrachtete den kleinen Baumwächter. Er saß vollkommen regungslos da. >>Ich glaube, ihr überschätzt seine strategischen Fähigkeiten.<<
>>Überschätzen?<< Draco zeigte mit ausgestrecktem Finger auf ihn. >>Der hat mich heute Morgen zweimal bombardiert!<<
>>Mit Weintrauben<<, warf ich trocken ein.
>>Das war ein Attentat!<<
>>Ein außergewöhnlich vitaminreiches.<<
Diesmal lachten sogar einige Hufflepuffs. Draco lief rot an. >>Warte nur, bis mein Vater davon erfährt!<<
In diesem Moment legte Ruby ihre Feder zur Seite und sah quer durch den Raum. >>Natürlich.<< Ihre Stimme troff vor Sarkasmus. >>Lucius Malfoy wird sicher sofort einen internationalen Fahndungsbefehl gegen einen dreißig Zentimeter großen Bowtruckle beantragen.<<
Einige Schüler prusteten los. Ruby fuhr unbeirrt fort. >>Vielleicht setzt das Ministerium sogar eine Sonderkommission ein. ›Operation Weintraube‹ klingt schließlich nach einer Angelegenheit von nationaler Bedeutung.<<
Gelächter erfüllte den Klassenraum. Selbst einige Slytherins mussten grinsen.
Draco hingegen kochte vor Wut. >>Mach dich ruhig lustig!<<
Ruby lächelte höflich. >>Das übernimmst du doch bereits hervorragend für mich.<<
>>Du—<<
In diesem Augenblick flog die Klassenzimmertür mit einem kräftigen Schwung auf. Schlagartig wurde es still. Professor Snape trat mit wehendem schwarzen Umhang ein. Sein Blick glitt einmal durch den Raum. >>Setzen.<<
Niemand hatte sich überhaupt erhoben. Dennoch setzte sich Goyle vorsichtshalber noch einmal. Snape stellte seine Unterlagen auf das Pult. >>Heute brauen Sie den Schwellungstrank. Wer seinen Kessel zur Explosion bringt, darf den Kerker eigenhändig reinigen.<<
Kaum hatte er ausgesprochen, schoss Draco die Hand in die Höhe. >>Professor!<<
Snape hob nicht einmal den Blick. >>Mr. Malfoy.<<
>>Ich möchte Beschwerde einlegen.<<
>>Wie...überraschend.<<
>>Stonefield hat ihren gefährlichen Bowtruckle wieder mitgebracht!<< Der kleine Baumwächter reckte neugierig den Kopf über meine Schulter. >>Er hat mich heute Morgen angegriffen!<< Snape schwieg. >>Er hat mich mit Weintrauben beworfen!<< Noch immer keine Reaktion. >>Ich finde, Stonefield sollte dafür bestraft werden!<<
Jetzt sah Snape endlich auf. Sein schwarzer Blick ruhte erst auf Draco. Dann auf mir. Dann auf dem Bowtruckle. Dieser hob freundlich eine winzige Hand. Für den Bruchteil einer Sekunde meinte ich zu sehen, wie Professor Snapes Mundwinkel beinahe zuckten.
>>Mr. Malfoy.<< Seine Stimme war gewohnt ruhig. >>Wenn ich richtig informiert bin...<< Er legte den Kopf minimal schief. >>...leben Sie noch.<<
Ein vereinzeltes Lachen erklang. Draco blinzelte irritiert. >>Ja... aber—<<
>>Dann scheint das sogenannte Attentat bemerkenswert ineffektiv gewesen zu sein.<<
Jetzt hielt es kaum noch jemand aus. Seamus Finnigan und Ron Weasley bogen sich bereits vor Lachen. Draco wurde dunkelrot. >>Aber Professor—<<
>>Ich sehe weder verletzte Schüler...<< Snape ließ den Blick demonstrativ über Draco gleiten. >>...noch zerstörtes Inventar.<< Er nahm ein Fläschchen vom Lehrertisch. >>Folglich sehe ich auch keinerlei Anlass für eine Bestrafung.<<
>>Aber dieser Bowtruckle—<<
>>Ist erheblich besser erzogen als manch anderer Anwesender.<<
Für einen Moment herrschte völlige Stille. Dann brach erneut Gelächter aus. Draco stand sprachlos da. Snape wandte sich bereits wieder seinem Pult zu.
>>Da wir dieses überaus dramatische Kapitel nun abgeschlossen haben...<< Er zog seinen Zauberstab. >>...würde ich es begrüßen, wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit wieder den Zaubertränken widmen würden.<< Seine dunklen Augen glitten kurz zu mir. >>Miss Stonefield.<<
>>Ja, Professor?<<
>>Sorgen Sie lediglich dafür...<< Ein kaum wahrnehmbarer Blick fiel auf den Bowtruckle. >>...dass Ihr kleiner Begleiter heute keine weiteren Lebensmittel als Wurfgeschosse zweckentfremdet.“<<
Ich senkte leicht den Kopf. >>Selbstverständlich, Professor.<< Der Bowtruckle piepste leise, als hätte auch er diese Anweisung verstanden.
Snape nickte knapp. >>Ausgezeichnet.<<
Damit war die Angelegenheit für ihn offensichtlich erledigt. Während Draco fassungslos auf unseren Hauslehrer starrte, beugte ich mich unauffällig zu meinem kleinen Begleiter. >>Hast du gehört?<< Ich flüsterte kaum hörbar. >>Keine Weintrauben mehr.<<
Der Bowtruckle nickte mit ernster Miene. Dann deutete er mit seinem winzigen Finger auf den Obstkorb am Lehrerpult. Ich musste mir ein Lachen verkneifen.
>>Nein.<< Er ließ enttäuscht die Schultern hängen. >>Auch keine Äpfel.<<
Professor Snape hatte kaum den ersten Arbeitsschritt erklärt, da fiel mir bereits auf, dass Draco Malfoy heute einen ungewöhnlich großen Abstand zu meinem Tisch hielt. Normalerweise suchte er jede Gelegenheit, mir einen spöttischen Kommentar entgegenzuwerfen oder demonstrativ dicht an meinem Arbeitsplatz vorbeizugehen. Heute hingegen...machte er einen regelrechten Bogen um mich. Oder vielmehr um den Bowtruckle.
Der kleine Baumwächter saß nach wie vor auf meiner Schulter und beobachtete mit sichtlichem Interesse den Unterricht. Jedes Mal, wenn Draco auch nur einen Schritt in unsere Richtung machte, drehte der Bowtruckle langsam den Kopf. Daraufhin machte Draco sofort wieder einen Schritt zurück. Ich konnte nicht verhindern, dass sich ein Schmunzeln auf mein Gesicht schlich.
>>Er wird dich nicht angreifen.<<
>>Woher willst du das wissen?<<, murmelte Draco misstrauisch.
Der Bowtruckle piepste. Draco zuckte zusammen. >>Siehst du?!<<
>>Er hat lediglich geatmet.<<
>>Das war eindeutig bedrohlich!<<
Ich beschloss, jede weitere Diskussion aufzugeben. Auf der anderen Seite des Raumes kämpfte Ruby inzwischen sichtbar gegen einen Lachanfall. Jedes Mal, wenn sie zu Draco hinübersah, musste sie sich auf die Lippe beißen. Schließlich beugte sie sich zu Anthony Goldstein hinüber. >>Ich hätte nie gedacht...<<, flüsterte sie hörbar. >>...dass Lucinda einmal einen persönlichen Leibwächter bekommt.<<
Anthony grinste. >>Der scheint seinen Job ziemlich ernst zu nehmen.<<
>>Offensichtlich.<< Ruby warf mir einen verschwörerischen Blick zu. >>Vielleicht sollte sie ihn künftig zu jeder Unterrichtsstunde mitbringen.<<
Ich verdrehte gespielt die Augen. >>Ich habe euch gehört.<<
>>Das war durchaus beabsichtigt.<<
Am Ende der Stunde verließen wir gemeinsam den Kerker. Der Bowtruckle reckte stolz die Brust heraus. Offenbar hatte sich seine kleine Heldentat inzwischen im ganzen Schloss herumgesprochen. Kaum betraten wir den Korridor, hörte ich bekannte Stimmen.
>>Da ist er!<< Ron Weasley zeigte begeistert auf meine Schulter. >>Das ist der kleine Kerl von heute Morgen!<<
Harry und Hermine blieben ebenfalls stehen. Hermine lächelte freundlich. >>Er ist wirklich niedlich.<<
Der Bowtruckle richtete sich sofort ein paar Zentimeter größer auf. Wenn das bei seiner Größe überhaupt möglich war. Ron grinste breit. >>Vor allem hat er einen ausgezeichneten Geschmack.<<
>>Wieso?<<, fragte ich amüsiert.
>>Na ja...<< Ron deutete grinsend auf Draco, der in sicherem Abstand hinter uns vorbeihuschte. >>Er sucht sich seine Ziele ziemlich sorgfältig aus.<<
Harry musste lachen. >>Ich glaube, ganz Hogwarts spricht inzwischen über den Weintraubenangriff.<<
Der Bowtruckle piepste stolz. Anschließend stemmte er die winzigen Hände in die Hüften. >>Ich fürchte...<< Ich schüttelte schmunzelnd den Kopf. >>...er bildet sich inzwischen wirklich etwas darauf ein.<<
Hermine betrachtete ihn aufmerksam. >>Er scheint außergewöhnlich zutraulich zu sein.<<
>>Das ist er normalerweise gar nicht.<< Ich kraulte ihn sanft unter dem Kinn. >>Bowtruckles schenken ihr Vertrauen nur sehr wenigen Menschen.<< Der Kleine nickte eifrig, als wolle er meine Aussage bestätigen. >>Und heute hat er beschlossen, ganz Hogwarts kennenzulernen.<<
>>Offenbar.<<
>>Na, wen haben wir denn da?<<
Die tiefe Stimme ließ uns alle herumfahren. Hagrid kam mit seiner riesigen Armbrust über der Schulter den Korridor entlang. Kaum entdeckte er den Bowtruckle, strahlte er übers ganze Gesicht. >>Merlins Bart! Is' das nich' einer von den Kleinen aus'm Wald?<<
Der Bowtruckle winkte ihm begeistert zu. >>Hallo, Hagrid.<<
>>Na, du bist ja'n richtiger kleiner Berühmtheit geworden!<<
Ich lächelte erleichtert. >>Hagrid, ich hätte eine kleine Bitte.<<
>>Immer raus damit.<<
Ich hob den Bowtruckle vorsichtig von meiner Schulter. >>Könntest du ihn zurück in den Verbotenen Wald bringen?<< Der kleine Baumwächter sah mich überrascht an. >>Für heute hast du wirklich genug Aufsehen erregt.<< Er ließ leicht die Schultern hängen. >>Und ich glaube, deine Familie fragt sich inzwischen schon, wo du schon wieder geblieben bist.<<
Hagrid hielt behutsam seine riesige Hand hin. >>Komm her, Kleiner.<< Der Bowtruckle zögerte einen Moment. Dann sprang er auf Hagrids ausgestreckten Finger. >>Ich bring dich heim.<< Hagrid lächelte liebevoll. >>Da kannste deinen Kumpels erzählen, wie du ganz Hogwarts auf Trab gehalten hast.<< Der kleine Baumwächter piepste voller Stolz.
Ron lachte. >>Das wird ihm garantiert niemand glauben.<<
>>Oh doch<<, erwiderte Hagrid grinsend. >>Bei Bowtruckles werden solche Geschichten immer größer, je öfter sie erzählt werden.<<
Ich musste schmunzeln. >>Dann wird aus zwei Weintrauben vermutlich bald ein ganzer Obstkorb.<< Der Bowtruckle nickte begeistert, als gefiele ihm diese Version deutlich besser.
>>Siehst du?<<, sagte Hagrid lachend. >>Hab ich doch gesagt.<<
Ich streichelte dem kleinen Baumwächter ein letzztes Mal über den schmalen Kopf. >>Mach's gut.<<
Er legte seine winzige Hand kurz gegen meinen Finger, ehe er sich auf Hagrids Schulter setzte. Von dort oben winkte er uns noch einmal fröhlich zu.
>>Auf Wiedersehen<<, sagte Hermine lächelnd.
>>Lass künftig ein paar Weintrauben für uns übrig!<<, rief Ron hinterher.
Harry hob ebenfalls kurz die Hand zum Abschied. Der Bowtruckle piepste noch einmal zufrieden, bevor Hagrid mit seinem ungewöhnlichen Begleiter in Richtung Verbotener Wald davonging. Ich sah ihnen einen Moment nach. Dann atmete ich tief durch. >>So...<< Ich lächelte. >>Ich glaube, für einen einzigen Bowtruckle war das mehr als genug Abenteuer für einen Tag.<<
***
Am nächsten Morgen betrat ich die Große Halle mit dem beruhigenden Gefühl, dass sich die Aufregung um den Bowtruckle endlich gelegt hatte. Keine kleinen Baumwächter auf meiner Schulter. Keine Weintrauben. Keine empörten Rufe von Draco Malfoy. Endlich wieder ein ganz normaler Schultag.
>>Du wirkst erstaunlich entspannt<<, bemerkte Ruby, als sie neben mir auftauchte, während ich mich an den Slytherin-Tisch setzte.
>>Weil ich davon ausgehe, dass selbst Draco irgendwann einsehen musste, wie lächerlich die ganze Geschichte war.<<
Ruby hob eine Augenbraue, während sie am Tisch stehen blieb. >>Wir sprechen von Draco Malfoy.<<
Ich hielt kurz inne. >>...Stimmt.<<
>>Er wird garantiert noch irgendeinen Unsinn daraus machen.<<
>>So viel Fantasie besitzt nicht einmal er.<<
Kaum hatte ich den Satz ausgesprochen, öffneten sich die Fenster der Großen Halle. Dutzende Eulen flogen herein. >>Die Post!<<
Schüler streckten bereits die Arme aus. Eine Schleiereule landete direkt vor mir und ließ eine zusammengerollte Zeitung auf meinen Teller fallen. Eine zweite setzte vor Ruby auf. Eine dritte vor Harry. Eine vierte...vor Professor McGonagall. Eine fünfte...vor Professor Snape.
Innerhalb weniger Sekunden hielt praktisch jeder in der Großen Halle dieselbe Zeitung in den Händen. Ich runzelte die Stirn. >>Eine Sonderausgabe?<<
Ruby entrollte ihr Exemplar. >>Oh nein...<<
>>Was?<<
Sie drehte die Zeitung langsam zu mir. Auf der Titelseite prangte in riesigen Buchstaben:
EXKLUSIV!
TERROR IN HOGWARTS!
SCHÜLER ÜBERLEBT BRUTALEN BOWTRUCKLE-ANSCHLAG!
Darunter befand sich ein übertrieben dramatisches Bild. Nicht von einem Bowtruckle. Sondern von Draco Malfoy, der sich theatralisch die Stirn hielt. Ich starrte die Schlagzeile einen Moment sprachlos an. Dann begann ich zu lesen.
Von Rita Kimmkorn
Hogwarts wird von einer neuen Gefahr heimgesucht!
Wie unsere Redaktion exklusiv erfahren hat, wurde der junge Draco Malfoy Opfer eines aggressiven Bowtruckles, welcher sich unter mysteriösen Umständen Zugang zur Schule verschaffte.
Der tapfere Schüler berichtet von einem "gezielten Attentat", bei dem mehrfach gefährliche Weintrauben auf ihn abgefeuert wurden.
Ich schloss kurz die Augen. >>Das...kann unmöglich ihr Ernst sein.<<
Ruby schnappte bereits nach Luft. >>Lies weiter.<<
Ich seufzte. >> Ich hatte Todesangst<< , be richtet Draco Malfoy exklusiv. >> Das Wesen fixierte mich mit einem eiskalten Blick. Ich wusste sofort, dass ich sein Ziel war. <<
Ruby legte die Zeitung weg. >>Todesangst...<< Sie presste die Lippen aufeinander. >>...vor Weintrauben.<<
Ich hielt es keine Sekunde länger aus. >>Das ist doch absurd.<<
Am Gryffindor-Tisch erklang plötzlich schallendes Gelächter. Ron hatte die Zeitung ebenfalls gelesen. >>Hört euch das an!<< Er sprang auf. >>Ich blickte dem Tod direkt ins Gesicht.<<
Fred verschluckte sich beinahe vor Lachen. George wischte sich Tränen aus den Augen. >>Der Tod...<< Fred rang nach Luft. >>..in Form einer Weintraube!<<
Die gesamte Gryffindor-Tafel brach in Gelächter aus. Selbst Hermine schüttelte nur noch ungläubig den Kopf. Harry grinste breit. >>Rita übertrifft sich wirklich jedes Mal selbst.<<
Am Hufflepuff-Tisch wurde ebenfalls gelacht. Sogar einige Ravenclaws lasen sich laut einzelne Stellen vor. >>Hier!<< Anthony Goldstein prustete los. >›Der Bowtruckle verfügte offenbar über militärische Präzision.<<
>>Militärische Präzision?<<, wiederholte Seamus Finnigan lachend. >>Mit Obst!<<
Ich konnte nur noch den Kopf schütteln. >>Unglaublich.<<
Mein Blick wanderte zum Lehrertisch. Professor Flitwick hatte seine Brille abgesetzt und lachte völlig ungehemmt. Professor Sprout musste sich an ihrem Kürbissaft verschluckt haben.
Hagrid las den Artikel kopfschüttelnd. >>Die spinnt doch...<<
Professor McGonagall presste sich demonstrativ die Lippen zusammen. Es half nichts. Auch sie musste schmunzeln. Mein Blick blieb schließlich bei Professor Snape hängen. Er hatte die Zeitung vollständig auseinandergefaltet. Sein Gesicht blieb vollkommen regungslos.
Nach einigen Sekunden faltete er sie wieder zusammen. Legte sie wortlos neben seinen Teller und widmete sich seinem Tee, als wäre nichts geschehen. Ich hätte alles dafür gegeben, zu wissen, was gerade in seinem Kopf vorging.
>>Na?<< Draco erhob sich sichtbar zufrieden. >>Jetzt wisst ihr wenigstens alle, was ich durchmachen musste!<<
Für einen kurzen Moment wurde es still. Draco sah sich erwartungsvoll um. Offenbar rechnete er mit Mitgefühl. Vielleicht sogar Bewunderung. Stattdessen meldete sich Fred Weasley. >>Malfoy!<<
>>Was?<<
>>Lebst du eigentlich nur noch von püriertem Essen?<<
Draco runzelte die Stirn. >>Wie bitte?<<
George übernahm grinsend. >>Na ja, nach so einem lebensgefährlichen Angriff...wäre Kauen vermutlich zu riskant.<<
Die Halle explodierte erneut vor Gelächter. >>Oder trägt deine Mutter jetzt einen Obstschutzzauber auf dich?<<, rief Lee Jordan.
>>Vielleicht bekommt er künftig einen Regenschirm gegen Weintrauben!<<, ergänzte Dean Thomas.
>>Nein<<, warf Ron ein. >>Einen Helm!<<
>>Mit eingebautem Obstkorb!<<
Jetzt lachten sogar zahlreiche Slytherins. Draco wurde knallrot. >>Ihr versteht das alle nicht!<<
>>Doch<<, meinte Harry trocken. >>Wir verstehen es sogar ausgesprochen gut.<<
Ich beobachtete die Szene schweigend. Gestern hatte Draco gehofft, als Opfer da zu stehen. Heute war er endgültig zur Lachnummer von Hogwarts geworden.
Ruby beugte sich zu mir. >>Weißt du...<< Sie grinste breit. >>Ich glaube, Rita hat ihm ausnahmsweise sogar einen Gefallen getan.<<
>>Wieso das?<<
>>Weil künftig niemand mehr von der Geschichte als dem Weintrauben-Attentat sprechen wird.<<
Ich konnte mir ein leises Lachen nicht verkneifen. >>Stimmt.<<
Ruby hob ihre Zeitung. >>Und ich bin mir ziemlich sicher...<< Sie deutete auf die Schlagzeile. >>...dass dieser Artikel Hogwarts noch viele Jahre verfolgen wird.<<
Ich seufzte ergeben. >>Der kleine Bowtruckle hätte sich niemals träumen lassen, dass ausgerechnet zwei Weintrauben ihn über Nacht zur berühmtesten Waldkreatur Großbritanniens machen würden.<<