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Im Unterschlupf der Schlange

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Im Unterschlupf der Schlange

Hallo, alle zusammen :) Wir teilen die Woche, aber nicht unser Abenteuer, denn es geht weiter. Und auch heute bleibt es aufregend in Hogwarts für Lucinda, Ruby und Co. Deshalb wünsche ich euch viel Spaß beim Weiterlesen und wir sehen uns dann Samstag wieder ;)

Liebe Grüße,

eure Melody

~~~ 21

Im Unterschlupf der Schlange

Lucinda PoV

Es war bereits dunkel, als ich Hogwarts verließ.

Die Fenster des Schlosses warfen goldene Lichtflecken auf das Gelände, während ein kühler Wind über die Wiesen strich. Weiter unten am Rand des Verbotenen Waldes brannte Licht in Hagrids Hütte.

Ich hatte den ganzen Tag überlegt, ob ich wirklich zu ihm gehen sollte. Eigentlich gab es keinen vernünftigen Grund, es nicht zu tun. Hagrid wusste, wer ich war. Neben Dumbledore und Professor McGonagall gehörte er zu den wenigen Menschen in Hogwarts, vor denen ich meine Vergangenheit nicht verbergen musste. Und im Gegensatz zu den meisten anderen hatte Hagrid mich bereits gekannt, bevor mein Name zu etwas geworden war, das ich lieber verschwieg. Vielleicht war genau das der Grund, weshalb ich mich so schwer damit tat.

Ich klopfte. Drinnen polterte etwas. Dann bellte Fang. >>Ja, ja, ich komm ja schon!<< Die Tür wurde aufgerissen. Hagrid füllte beinahe den gesamten Rahmen aus. >>Lucinda!<< Sein Gesicht hellte sich augenblicklich auf. >>Komm rein. Is' viel zu kalt draußen.<<

Ich lächelte schwach und trat ein. Fang begrüßte mich mit der Begeisterung eines Wesens, das offenbar vergessen hatte, dass wir uns noch gar nicht kannten. Seine riesige Schnauze drückte sich gegen meine Hand. >>Hallo, Fang.<<

Sein Schwanz schlug gegen einen Stuhl. Hagrid schob einen Kessel vom Herd und deutete auf den Tisch. >>Tee?<<

>>Gern.<<

>>Hab auch Felsenkekse.<<

Mein Blick wanderte zu dem Teller. Ich erinnerte mich noch gut genug daran, was Hagrid unter einem Keks verstand. >>Der Tee genügt.<<

>>Sicher?<<

>>Vollkommen.<<

Er zuckte mit den Schultern und goss zwei Tassen ein. Ich setzte mich. Eine Weile sagte ich nichts. Hagrid bemerkte es natürlich. >>Alles in Ordnung?<<

>>Ja.<< Er sah mich an. Ich seufzte. Warum funktionierte diese Antwort eigentlich bei niemandem? >>Nein.<<

Hagrid setzte sich mir gegenüber. Der Stuhl ächzte bedrohlich. >>Was is' los?<<

Ich umfasste meine Tasse mit beiden Händen. >>Ich habe heute jemanden getroffen.<<

>>Wen denn?<<

>>Myrte.<<

Hagrids Gesicht erstarrte. Für einen Moment war es vollkommen still. Selbst Fang schien zu spüren, dass sich etwas verändert hatte.

>>Maulende Myrte?<<, fragte Hagrid schließlich. Ich nickte. Sein Blick sank auf den Tisch. >>Hab sie lange nich' mehr gesehen.<<

>>Ich glaube, die meisten Menschen meiden ihr Badezimmer.<<

>>Ja.<<

Er schwieg wieder. Ich beobachtete ihn. Plötzlich sah ich nicht mehr den riesigen Wildhüter vor mir. Ich sah einen Jungen. Den Schüler, den Tom beschuldigt hatte. Den Jungen, dessen Zauberstab zerbrochen worden war. Der Hogwarts hatte verlassen müssen. Wegen meines Bruders.

>>Hagrid...<< Er hob den Kopf. >>Es tut mir leid.<<

Seine Stirn legte sich in Falten. >>Was?<<

>>Was damals passiert ist.<<

Er brauchte keine weitere Erklärung. Sein Gesicht wurde ernst. >>Lucinda—<<

>>Ich hätte Tom aufhalten müssen.<<

>>Nein.<<

Die Antwort kam sofort. Ich sah ihn überrascht an. >>Hagrid—<<

>>Nein.<<, wiederholte er.

>>Du weißt nicht einmal, was ich sagen wollte.<<

>>Doch. Weiß ich.<< Er beugte sich etwas vor. >>Und du wirst dir nich' die Schuld dafür geben, was dein Bruder gemacht hat.<<

Ich senkte den Blick. >>Ich habe ihn gekannt.<<

>>Natürlich. War dein Bruder.<<

>>Mein Zwilling.<< Meine Finger schlossen sich fester um die Tasse. >>Ich kannte ihn besser als jeder andere. Ich wusste, wann er log. Ich wusste, wenn er etwas verschwieg. Und trotzdem habe ich viel zu lange weggesehen.<<

Hagrid schüttelte den Kopf. >>Du hast nich' weggesehen.<<

>>Doch.<<

>>Du hast an deinen Bruder geglaubt. Das is' was anderes.<<

>>Das Ergebnis war dasselbe.<<

>>Nein.<< Seine Stimme war erstaunlich bestimmt. Ich sah auf. >>Tom hat die Kammer geöffnet. Tom hat das Monster kontrolliert. Tom hat Myrte getötet und mich beschuldigt.<< Jedes einzelne Wort traf. Hagrid ließ mir trotzdem keine Möglichkeit auszuweichen. >>Nicht du.<<

Ich schluckte. >>Aber wenn ich früher—<<

>>Wenn, wenn, wenn.<< Er schnaubte. >>Damit kannste dich dein ganzes Leben verrückt machen. Wenn ich Aragog nich' gehalten hätte. Wenn Professor Dippet mir geglaubt hätte. Wenn Tom nie nach Hogwarts gekommen wäre.<< Er schüttelte den Kopf. >>Ändert nix.<< Ich schwieg. >>Du warst immer gut zu mir, Lucinda.<< Meine Augen brannten. >>Schon damals. Die anderen haben über mich gelacht, weil ich größer war und ständig irgendwelche Tiere angeschleppt hab.<< Ein kleines Lächeln erschien auf seinem Gesicht. >>Du nich'.<<

>>Ich mochte deine Tiere.<<

>>Eben.<<

>>Aragog war allerdings gewöhnungsbedürftig.<<

Hagrid sah beinahe beleidigt aus. >>Aragog war ein wunderbares Tier.<<

>>Er war eine Acromantula.<<

>>Hat doch niemand behauptet, dass er perfekt war.<< Ich musste lachen. Leise. Aber ehrlich. Hagrid lächelte zufrieden. >>Siehste. Schon besser.<<

Ich schüttelte den Kopf. Dann wurde ich wieder ernst. >>Myrte hat mir von Harry erzählt.<<

>>Von der Kammer?<<

Ich nickte. >>Vom Basilisken. Davon, dass Harry ihn getötet hat. Und davon, dass Tom dort unten gewesen ist. Zumindest eine jüngere Erscheinung von ihm.<<

Hagrid verzog das Gesicht. >>Hab damals gewusst, dass Harry irgendwie dahinterkommt. Der Junge steckt seine Nase überall rein.<<

>>Das scheint eine Potter-Eigenschaft zu sein.<<

>>Kann sein.<<

Eine kurze Stille entstand. Ich nahm einen Schluck Tee. Mein Blick fiel auf die Flammen. Eigentlich hatte ich noch etwas anderes fragen wollen. Etwas wesentlich Harmloseres. Zumindest theoretisch. >>Hagrid?<<

>>Hm?<<

>>Was hältst du von Professor Snape?<<

Hagrid verschluckte sich beinahe an seinem Tee. Ich hob eine Augenbraue. >>Das war keine besonders komplizierte Frage.<<

>>Nee.<< Er räusperte sich. >>Kam nur unerwartet.<<

>>Warum?<<

>>Na ja...<< Er kratzte sich am Bart. >>Warum willst du das wissen?<<

>>Weil ich ihn nicht einschätzen kann.<< Das war sogar die Wahrheit. Nur vermutlich nicht die ganze. Rubys Bemerkungen hatte ich erfolgreich ignoriert. Meistens. Fast. >>Manchmal scheint er mich zu beobachten, als würde er nur darauf warten, dass ich einen Fehler mache. Dann hilft er mir wiederum, obwohl er keinen Grund dazu hätte. Und bei Castor...<< Ich brach ab.

Hagrid grinste. >>Die Rosen.<<

Ich schloss die Augen. >>Bitte nicht du auch noch.<<

>>Ganz Hogwarts redet drüber.<<

>>Bedauerlicherweise.<<

Er lachte. >>Snape mit 'nem Strauß Rosen. Hätt' gern sein Gesicht gesehen.<<

>>Es war beeindruckend.<<

Hagrid lachte noch lauter. Ich konnte ein Grinsen nicht verhindern. Dann wurde er nachdenklich. >>Snape is' schwierig.<<

>>Das ist mir aufgefallen.<<

>>Kann ziemlich gemein sein. Vor allem zu Schülern, die er nich' leiden kann. Und freundlich is' er auch nich' gerade.<<

>>Eine erschütternde Enthüllung.<<

>>Aber...<< Ich wurde aufmerksam. Hagrid strich über seinen Bart. >>Dumbledore vertraut ihm.<< Natürlich.

>>Und das genügt dir?<<

>>Meistens schon.<< Er zuckte mit den Schultern. >>Dumbledore sieht Dinge in Menschen, die andere nich' sehen. Hat er bei mir auch gemacht.<< Das konnte ich nicht bestreiten. >>Snape hat seine Fehler. Jede Menge sogar.<< Ich musste schmunzeln. >>Aber ich glaub nich', dass er ein schlechter Mensch is'.<< Hagrid sah mich ernst an. >>Wenn's wirklich drauf ankommt, macht er meistens das Richtige. Vielleicht meckert er dabei. Vielleicht sieht er aus, als würd' er lieber überall sonst sein. Aber er macht's.<<

Ich dachte an den verletzten Bowtruckle. An Castor. An die Rosen. An die Art, wie Professor Snape mich manchmal ansah, als versuchte er, ein Rätsel zu lösen.

>>Warum fragste?<<

>>Nur aus Interesse.<<

Hagrid hob eine Augenbraue. Ich starrte ihn an. >>Nicht du auch.<<

>>Was? Hab doch gar nix gesagt.<<

>>Dein Gesicht schon.<< Er grinste. Unfassbar. Ich erhob mich. >>Ich sollte zurück.<<

>>Wahrscheinlich. Bevor Filch dich erwischt.<<

Ich zog meinen Umhang enger um mich. Hagrid begleitete mich zur Tür. Bevor ich hinaustrat, legte er mir eine riesige Hand auf die Schulter. >>Lucinda?<< Ich sah zu ihm auf. Sein Gesicht war ernst. >>Lad dir nich' zu viel davon auf.<<

>>Wovon?<<

>>Schuld.<< Mein Lächeln verschwand. >>Man gewöhnt sich dran, sie zu tragen. Irgendwann merkt man gar nich' mehr, wie schwer sie geworden is'.<< Ich schluckte. >>Tom hat genug von deinem Leben genommen.<< Seine Stimme wurde leiser. >>Gib ihm nich' freiwillig noch mehr.<<

Ich brachte für einige Sekunden keine Antwort hervor. Dann legte ich meine Hand auf seine. >>Ich versuche es.<<

>>Versuchen reicht fürs Erste.<<

Ich nickte. Dann trat ich hinaus in die Nacht. Während ich zum Schloss zurückging, dachte ich noch lange über seine Worte nach. Über Tom. Über Myrte. Über Schuld. Und zu meinem eigenen Ärger auch über Professor Snape.

Wenn es wirklich darauf ankommt, macht er meistens das Richtige.

Vielleicht war genau das der Grund, weshalb ich ihn nicht einschätzen konnte. Weil ich zu sehr auf das achtete, was er zeigte. Und zu wenig auf das, was er tat. Bevor ich Hogwarts jedoch erreichte, erklang hinter mir noch einmal die Stimme von Hagrid. >>Lucinda, warte kurz. <<, rief er und ich drehte mich zu ihm um.

>>Hagrid? <<

Er kam auf mich zu und blieb direkt vor mir stehen. >>Hätt’s beinahe vergessen, aber ich würde dich gerne um einen Gefallen bitten.<<

>>Sicher, Hagrid. Worum geht es?<<

Er zögerte kurz, doch dann gab er sich einen Ruck. >>Um Harry. Und die erste Aufgabe.<<

***

Ruby PoV

Es gab Aufgaben, die verlangten Intelligenz. Andere verlangten Mut. Und manche verlangten die Fähigkeit, Harry Potter nach dem geheimen Eingang zu einem jahrhundertealten unterirdischen Verlies zu fragen, ohne dass Harry Potter bemerkte, dass man den geheimen Eingang zu einem jahrhundertealten unterirdischen Verlies suchte. Leider hatte Lucinda mir die dritte Variante überlassen.

Ich beobachtete Harry über den Rand meines Buches hinweg. Er saß einige Tische weiter hinten in der Bibliothek. Allein. Das war in den letzten Tagen kein ungewöhnlicher Anblick geworden. Seit der Feuerkelch seinen Namen ausgespuckt hatte, hatte sich etwas verändert. Die Blicke folgten ihm überallhin. Manche Schüler hielten ihn für einen Betrüger, andere für einen Aufschneider und wieder andere schienen einfach nur darauf zu warten, dass er beim Turnier spektakulär scheiterte. Und selbst Ron Weasley, der sonst praktisch an Harrys Seite festgewachsen zu sein schien, war nirgends zu sehen.

Das machte meine Aufgabe einerseits leichter. Andererseits tat mir Harry leid. Er saß über einem aufgeschlagenen Buch, doch selbst aus der Entfernung erkannte ich, dass er seit mindestens fünf Minuten dieselbe Seite betrachtete. Perfekt. Nur musste ich irgendwie an ihn herankommen. Und dann beiläufig fragen: Sag mal, Harry, wie genau öffnet man eigentlich die Kammer des Schreckens? Rein akademisches Interesse. Vollkommen unauffällig. Ich hasste Lucinda manchmal. Nicht wirklich. Aber manchmal.

Ich schlug eine weitere Seite meines Buches um. Nichts darauf hatte ich gelesen. Schließlich gab ich auf. Ich nahm mein Buch und ging zu Harry hinüber. >>Ist hier noch frei?<<

Harry blickte überrascht auf. >>Ruby.<< Sein Blick wanderte zu dem leeren Stuhl. >>Äh...ja. Natürlich.<<

Ich setzte mich ihm gegenüber. >>Du siehst aus, als würdest du dieses Buch gleich verfluchen.<<

Harry betrachtete die aufgeschlagene Seite. >>Ich überlege noch.<<

>>Falls du es tust, warne mich vorher. Madam Pince hält mich wahrscheinlich für mitschuldig.<<

Ein kurzes Lächeln huschte über sein Gesicht. Immerhin. >>Recherche fürs Turnier?<<, fragte ich.

Das Lächeln verschwand wieder. >>Mehr oder weniger.<<

Ich nickte nur. Kein Mitleid. Ich hatte inzwischen begriffen, dass Harry Potter Mitleid ungefähr so sehr mochte wie Lucinda öffentliche Aufmerksamkeit. Also zog ich mein eigenes Buch heran. >>Falls du etwas darüber findest, wie man ein Trimagisches Turnier überlebt, sag Bescheid. Könnte irgendwann nützlich sein.<<

Harry schnaubte leise. >>Mach ich.<<

Einige Minuten lang herrschte tatsächlich Ruhe zwischen uns. Das war gut. Ich wollte nicht den Eindruck erwecken, nur deshalb gekommen zu sein, um ihn auszufragen. Dann fiel mein Blick auf eine Abbildung in meinem Buch. Ein alter Grundriss von Hogwarts. Ich hielt inne. Oh. Danke, Merlin.

>>Eigentlich erstaunlich, wie viele Geheimnisse dieses Schloss haben soll.<<

Harry sah auf. >>Was?<<

Ich drehte das Buch etwas in seine Richtung. >>Geheimgänge. Verborgene Räume. Angeblich gibt es sogar Bereiche, die seit Jahrhunderten niemand mehr betreten hat.<<

Harrys Mundwinkel hob sich leicht. >>Ein paar davon gibt es wirklich.<<

>>Natürlich weißt ausgerechnet du das.<<

>>Ich habe ein Talent dafür, Dinge zu finden, die ich besser nicht finden sollte.<<

>>Das ist mir aufgefallen.<<

Er grinste. Perfekt. Ich blätterte scheinbar gedankenverloren weiter. >>Die Kammer des Schreckens dürfte wohl schwer zu übertreffen sein.<<

Harrys Gesicht wurde etwas ernster. >>Wahrscheinlich.<<

>>Ich verstehe bis heute nicht, wie ihr die überhaupt gefunden habt.<<

Er zuckte mit den Schultern. >>Myrte.<<

Ich zwang mich, nicht zu interessiert auszusehen. >>Maulende Myrte?<<

>>Ja. Sie ist in dem Badezimmer gestorben, in dem der Eingang versteckt war.<<

>>Im Badezimmer?<<

Harry nickte. >>Unter einem Waschbecken.<<

Ich starrte ihn an. Dann musste ich tatsächlich lachen. >>Das ist jetzt nicht dein Ernst. Jahrhunderte suchen Menschen nach der legendären Kammer Salazar Slytherins und sie liegt unter einem Waschbecken?<<

>>Im Grunde schon.<<

>>Wie öffnet man so etwas überhaupt? Einen bestimmten Hahn dreimal nach links?<<

Harry schüttelte den Kopf. >>Parsel.<<

Mein Lächeln blieb. Innerlich wurde ich vollkommen still. >>Parsel?<<

>>Ich musste die Schlange auf dem Wasserhahn ansprechen.<<

Da war es. Die Information, die Lucinda brauchte. >>Und dann geht das Waschbecken einfach auf?<<

>>Mehr oder weniger. Die Waschbecken bewegen sich und darunter kommt ein Tunnel zum Vorschein.<<

Ich nickte interessiert. Nicht zu interessiert. Parsel. Natürlich. Salazar Slytherin hatte seine Kammer so geschützt, dass nur jemand mit seiner seltenen Begabung sie öffnen konnte.

Tom hatte Parsel gesprochen. Lucinda war seine Zwillingsschwester. Dass sie viele magische Anlagen miteinander teilten, wusste ich besser als fast jeder andere. Wenn sie auch diese geerbt hatte...dann würde sie hineinkommen. Dieser Gedanke gefiel mir überhaupt nicht.

>>Und unten war tatsächlich der Basilisk?<<

Harrys Gesicht veränderte sich. >>Ja.<<

>>Du hast ihn wirklich gesehen?<<

>>Ja.<< Er schwieg kurz. >>Und getötet.<<

Ich musterte ihn. >>Mit Gryffindors Schwert, oder?<<

Harry wirkte beinahe unangenehm berührt. >>Fawkes hat mir geholfen. Ohne ihn wäre ich wahrscheinlich tot gewesen.<<

Typisch Harry. Andere hätten vermutlich noch Jahre später mit einer solchen Heldentat geprahlt. Er stellte als Erstes klar, wem er Hilfe verdankte. >>Myrte hat Lucinda erzählt, dass dort noch jemand gewesen ist.<<

Harry runzelte die Stirn. >>Lucinda hat mit Myrte gesprochen?<<

Verdammt. >>Sie ist ihr zufällig begegnet. Myrte hat ihr ein bisschen von damals erzählt.<< Nicht einmal gelogen. Nur strategisch gekürzt.

Harry sah mich einen Moment lang merkwürdig an. Dann nickte er. >>Tom Riddle.<<

Obwohl ich wusste, wer Tom war, jagte mir sein Name einen kalten Schauer über den Rücken. >>Wie meinst du das?<<

Harry senkte automatisch die Stimme. >>Ginny hatte ein altes Tagebuch gefunden. Es gehörte Tom Riddle. Irgendwie konnte er dadurch mit ihr sprechen und sie beeinflussen.<< Meine Finger lagen regungslos auf der Buchseite. >>Und am Ende war er in der Kammer.<<, fuhr Harry fort. >>Nicht so, wie er später aussah. Er sah ungefähr sechzehn aus. So, wie er damals in Hogwarts gewesen sein muss.<<

Das gefiel mir noch weniger. >>Eine jüngere Erscheinung von ihm?<<

Harry nickte. >>Er hat mir gezeigt, wie Hagrid damals beschuldigt wurde. Ich dachte zuerst sogar, Riddle hätte geholfen, die Kammer zu schließen.<<

Ich hätte beinahe bitter gelacht. Tom. Natürlich. Selbst Jahrzehnte später schaffte dieser Mann es noch, Menschen mit einer sorgfältig inszenierten Lüge zu täuschen. >>Später hat er dir die Wahrheit gesagt?<<

Harry nickte. >>Dass er der Erbe Slytherins war. Dass er damals die Kammer geöffnet hatte.<<

Ich schwieg. Lucinda hatte recht. Verdammt. Ich hasste es, wenn sie mit ihren gefährlichen Ideen recht hatte. Wenn Tom einen Ort in Hogwarts gehabt hatte, der vollkommen ihm gehörte, dann war es diese Kammer. Und Harry hatte dort bereits eine magische Hinterlassenschaft von ihm angetroffen. Was, wenn noch etwas dort unten lag?

Ich klappte mein Buch zu. >>Danke.<<

Harry sah verwundert aus. >>Wofür?<<

>>Für die Geschichte.<<

Er musterte mich kurz. >>Du stellst ziemlich viele Fragen.<<

Oh. Ich lächelte vollkommen unschuldig. >>Ich bin Ravenclaw. Das gehört praktisch zur Hausordnung.<<

Harry lachte tatsächlich. >>Stimmt wahrscheinlich.<<

Ich erhob mich und nahm mein Buch. >>Viel Glück bei der Recherche.<<

Sein Blick fiel wieder auf die Unterlagen vor ihm. >>Danke. Kann ich brauchen.<<

Für einen Moment zögerte ich. Allein an diesem Tisch wirkte er plötzlich wieder erschreckend jung. Vierzehn. Ein vierzehnjähriger Junge, den irgendjemand absichtlich in ein Turnier gesteckt hatte, das selbst für volljährige Schüler gefährlich war. Lucinda hatte recht damit, sich Sorgen zu machen.

>>Harry?<<

Er sah auf. >>Ja?<<

>>Lass dir von den anderen nicht einreden, dass du dir das selbst eingebrockt hast.<<

Seine Miene veränderte sich. >>Du glaubst mir?<<

Ich nickte. >>Dass du deinen Namen nicht in den Feuerkelch geworfen hast? Ja.<<

Harry schwieg einen Moment. >>Danke.<< Diesmal klang das Wort anders. Ernst.

Ich schenkte ihm ein kleines Lächeln. >>Bis später.<<

Als ich zu meinem Platz zurückkehrte, war meine gute Laune allerdings verschwunden. Parsel. Tom Riddle. Die Kammer. Ein Basilisk. Und Lucinda wollte dort hinunter. Allein.

Ich kannte meine beste Freundin lange genug, um genau zu wissen, was als Nächstes passieren würde. Ich würde ihr sagen, dass es gefährlich war. Sie würde mir zustimmen. Ich würde ihr sagen, dass sie es nicht tun sollte. Sie würde mir vermutlich auch dabei zustimmen. Und anschließend würde sie es trotzdem tun. Wunderbar.

Ich fand Lucinda später am Waldrand. Natürlich saß sie nicht allein. Drei Bowtruckles hatten sich um sie versammelt. Einer hockte auf ihrem Knie, ein anderer auf ihrer Schulter und der dritte untersuchte ausgesprochen interessiert eine Schnalle an ihrer Tasche.

Ich blieb vor ihr stehen. >>Du bist wirklich nicht in der Lage, irgendwo allein zu sitzen, ohne von magischen Geschöpfen adoptiert zu werden, oder?<<

Lucinda sah auf. >>Ich kann nichts dafür, dass ich sympathisch bin.<< Der Bowtruckle auf ihrer Schulter piepste zustimmend.

>>Verräter.<<, murmelte ich.

Lucinda wurde sofort ernst. >>Du hast mit Harry gesprochen.<<

>>Ja.<<

Sie richtete sich auf. >>Und?<<

Ich setzte mich neben sie. >>Myrte hatte recht. Das Waschbecken ist der Eingang.<<

>>Wie öffnet man ihn?<<

Ich sah sie an. >>Parsel.<<

Lucinda wurde vollkommen still. Nur der Bowtruckle auf ihrem Knie bewegte sich und spielte mit einem Faden ihres Umhangs. >>Parsel.<<, wiederholte sie und ihr Blick verlor sich kurz in der Ferne. >>Genau wie Myrte sagte.<<

>>Harry musste die Schlange am Wasserhahn ansprechen. Dann öffnete sich der Zugang.<<

Lucindas Blick wanderte ins Leere. Ich kannte diesen Ausdruck. Sie dachte nach. >>Kannst du es?<<, fragte ich.

Sie sah mich an. >>Was?<<

>>Parsel sprechen.<<

Eine lange Pause. >>Ich weiß es nicht.<<

Das überraschte mich. >>Tom konnte es.<<

>>Ja.<<

>>Ihr seid Zwillinge.<<

>>Das bedeutet nicht, dass wir jede magische Fähigkeit teilen.<<

>>Aber viele.<<

Sie schwieg. Genau das meinte ich. >>Ich habe es nie bewusst versucht.<<, sagte sie schließlich. >>Tom hat schon als Kind mit Schlangen gesprochen. Ich...<< Sie runzelte die Stirn. >>Manchmal habe ich sie verstanden. Zumindest glaubte ich das.<<

Ich starrte sie an. >>Lucinda.<<

>>Was?<<

>>Das wäre eine Information gewesen, die du vielleicht hättest erwähnen können.<<

>>Wann? Beim Frühstück?<<

Ich funkelte sie an. Sie lächelte unschuldig. >>Da ist noch etwas.<<

Ihr Lächeln verschwand. >>Was?<<

>>Harry ist Tom in der Kammer begegnet.<<

Sofort wurde ihr Gesicht blass. >>Das weiß ich von Myrte.<<

>>Aber Harry hat mir mehr erzählt.<<

Ich berichtete ihr vom Tagebuch. Von Ginny. Davon, wie Tom sie beeinflusst hatte. Von seiner jüngeren Erscheinung. Lucinda sagte kein Wort. Je länger ich sprach, desto angespannter wurde sie. >>Er sah sechzehn aus?<<, fragte sie schließlich.

>>Ungefähr.<<

Ihr Blick sank. Ich wusste, was sie vermutlich sah. Nicht Voldemort. Nicht das entstellte Gesicht ihres Bruders. Sondern Tom Riddle, wie sie ihn selbst gekannt hatte. >>Das macht deine Idee nicht besser.<<, sagte ich.

>>Nein.<<

>>Im Gegenteil.<<

>>Ich weiß.<<

>>Harry hat dort unten beinahe sein Leben verloren.<<

>>Der Basilisk ist tot.<<

>>Das heißt nicht, dass Tom keine anderen Sicherungen eingebaut hat.<<

>>Das weiß ich.<<

Ich starrte sie an. >>Hör auf, mir ständig recht zu geben, wenn du sowieso nicht auf mich hören wirst.<<

Ein schwaches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. >>Entschuldigung.<<

>>Das war schon wieder Zustimmung.<<

>>Soll ich widersprechen?<<

>>Ja!<<

>>Aber du hast recht.<<

Ich schloss die Augen. Sechsundfünfzig Jahre Freundschaft. Und manchmal fragte ich mich wirklich, warum. Der Bowtruckle auf ihrer Schulter legte den Kopf schief. >>Du bist keine Hilfe.<<, sagte ich zu ihm.

Er piepste empört. Lucinda strich ihm über den Kopf. >>Ich muss dort hinunter, Ruby.<<

Jetzt war jeder Humor verschwunden. >>Warum?<<

>>Weil Tom dort etwas zurückgelassen haben könnte.<<

>>Oder nicht.<<

>>Dann weiß ich es wenigstens.<< Ich schwieg. >>Wir suchen nach Antworten.<<, fuhr sie fort. >>Seit wir hier sind. Über Tom. Über das, was er getan hat. Über das, was er vorbereitet haben könnte. Und wir finden kaum etwas.<< Ihre Augen wurden dunkler. >>Ich habe ihn einmal zu spät durchschaut. Diesmal ignoriere ich keine Spur, nur weil ich Angst davor habe, wohin sie führt.<<

Da war er. Der eigentliche Grund. Nicht Neugier. Schuld. Hagrids Worte hätten ihr vermutlich gefallen. Mir weniger. >>Wann?<<, fragte ich schließlich.

Lucinda blinzelte. >>Was?<<

>>Wann willst du gehen?<<

Sie antwortete sofort. Viel zu schnell. >>Während der ersten Aufgabe.<<

Ich starrte sie an. >>Du hast das bereits geplant.<<

>>Möglicherweise.<<

>>Lucinda.<<

>>Fast die gesamte Schule wird draußen sein. Schüler. Lehrer. Gäste. Niemand achtet auf das Schloss.<<

Verdammt. Das war tatsächlich klug. >>Und Harry?<<

Lucindas Gesicht wurde ernst. >>Du bleibst bei ihm.<<

Ich runzelte die Stirn. >>Was?<<

>>Hagrid hat herausgefunden, was die Champions erwartet.<<

>>Und?<<

Sie sah mich an. >>Drachen.<<

Ich brauchte einen Moment. >>Drachen?<<

>>Vier ausgewachsene.<<

>>Sind die vollkommen wahnsinnig geworden?<<

>>Offensichtlich.<<

Ich sprang beinahe auf. >>Und Harry weiß davon?<<

>>Noch nicht. Wir müssen dafür sorgen, dass er vorbereitet ist, ohne Hagrid zu verraten.<<

Mein Blick wanderte zum Schloss. Dann wieder zu Lucinda. Langsam verstand ich. >>Du willst also in die Kammer gehen, während Harry gegen einen Drachen kämpft.<<

>>Ja.<<

>>Und ich soll draußen bleiben.<<

>>Bei Harry.<<

>>Damit ich dich nicht aufhalten kann.<< Lucinda schwieg. >>Lucinda.<<

>>Auch.<<

Wenigstens war sie ehrlich. >>Nein.<<

>>Ruby—<<

>>Du steigst in die Kammer des Schreckens hinab und ich soll gemütlich auf einer Tribüne sitzen?<<

>>Du sollst auf Harry aufpassen.<<

>>Er kämpft gegen einen Drachen! Was genau soll ich machen? Ihn auffangen?<<

>>Ihm vorher beistehen. Darauf achten, dass nichts Ungewöhnliches passiert. Beobachten, wer sich wie verhält.<<

Das brachte mich zum Schweigen. Natürlich. Wir hatten Harrys Namen im Feuerkelch nicht vergessen. Jemand wollte ihn in diesem Turnier. Vielleicht sogar tot. Lucinda nahm meine Hand. >>Ich vertraue dir Harry an.<<

Ich sah sie an. Das war unfair. Und sie wusste es. >>Das ist emotionale Erpressung.<<

>>Ein bisschen.<<

>>Du bist schrecklich.<<

>>Das wurde mir schon gesagt.<<

>>Von mir. Mehrfach.<<

>>Dann muss etwas dran sein.<<

Ich seufzte. >>Und wenn du Parsel nicht sprechen kannst?<<

>>Dann komme ich zurück.<<

>>Wenn du den Eingang öffnen kannst?<<

Sie zögerte. >>Dann gehe ich hinunter.<<

>>Allein.<<

>>Ruby.<<

>>Du hast mir versprochen, keine Alleingänge zu unternehmen.<<

Sie verzog das Gesicht. >>Ich hatte gehofft, du hättest das vergessen.<<

>>Ich vergesse nie etwas.<<

>>Eine deiner unangenehmsten Eigenschaften.<<

>>Danke.<<

>>Das war kein Kompliment.<<

>>Ich weiß.<<

Wir sahen uns an. Dann musste Lucinda lächeln. Ich wollte nicht. Wirklich nicht. Aber irgendwann gab ich auf und schüttelte lachend den Kopf. >>Du wirst sowieso gehen.<<

>>Ja.<<

>>Egal, was ich sage.<<

>>Vermutlich.<<

>>Dann verlang wenigstens nicht von mir, dass ich es gut finde.<<

Ihr Lächeln verschwand. >>Das tue ich nicht.<<

Ich drückte ihre Hand. >>Sei vorsichtig.<<

>>Immer.<<

Ich starrte sie an. >>Das war die dreisteste Lüge, die du mir jemals erzählt hast.<< Sie lachte. Der Bowtruckle auf ihrer Schulter piepste. >>Sogar er stimmt mir zu.<<

>>Ihr seid beide gegen mich.<<

>>Weil wir vernünftig sind.<<

Lucinda hob eine Augenbraue. >>Ein Bowtruckle und eine Frau, die mit Sirius Black zusammen ist, erklären mir Vernunft?<<

Ich zeigte mit dem Finger auf sie. >>Das war unter der Gürtellinie.<<

Sie grinste. Doch dann glitt ihr Blick zum Schloss. Hogwarts erhob sich dunkel gegen den Abendhimmel. Irgendwo tief darunter lag die Kammer des Schreckens. Und vielleicht etwas, das Tom Riddle vor mehr als fünfzig Jahren dort zurückgelassen hatte. Mir gefiel der Gedanke überhaupt nicht. Aber ich kannte Lucinda. Wenn ihre Vergangenheit nach ihr rief, konnte ich sie nicht davon abhalten, ihr entgegenzugehen. Ich konnte nur dafür sorgen, dass sie einen Grund hatte, wieder zurückzukommen.

Und während sie in den Unterschlupf ihres Bruders hinabstieg, würde ich meinen Teil erfüllen. Ich würde auf Harry Potter aufpassen. Was sollte bei einem Drachen schon schiefgehen?

***

Lucinda PoV

Zwei Tage später fand die erste Aufgabe des Trimagischen Turniers statt. Ganz Hogwarts schien seit dem frühen Morgen in Aufruhr zu sein. Schüler liefen aufgeregt durch die Korridore, überall wurde darüber spekuliert, welche Aufgabe die Champions wohl erwarten würde, und selbst einige Lehrer wirkten angespannter als sonst. Ich hingegen wusste längst, was Harry bevorstand.

Drachen. Vier ausgewachsene. Und einer davon würde für ihn bestimmt sein. Ein beunruhigender Gedanke. Aber Ruby würde bei ihm sein. Das war der einzige Grund, weshalb ich es überhaupt fertigbrachte, meinen eigenen Plan weiterzuverfolgen. Denn während fast die gesamte Schule nach draußen strömte, um die erste Aufgabe zu verfolgen, würde Hogwarts für einige Stunden beinahe leer sein. Perfekt. Gefährlich. Aber perfekt.

Ich saß im Gemeinschaftsraum zwischen Daphne und Pansy und bemühte mich darum, möglichst blass auszusehen. Was erstaunlich einfach war, wenn man wusste, dass man wenig später freiwillig in die Kammer des Schreckens hinabsteigen wollte. Pansy musterte mich besorgt. >>Du siehst nicht gut aus.<<

>>Danke.<<

>>Das war nicht böse gemeint.<<

>>Ich weiß.<<

Daphne legte ihre Hand auf meinen Unterarm. >>Bist du krank?<<

Ich schüttelte langsam den Kopf. >>Nur Kreislauf.<<

Das war zumindest halbwegs glaubwürdig. Ich hatte in den letzten Tagen wenig geschlafen. Und mein Kreislauf würde vermutlich spätestens beim Anblick eines Basiliskenskeletts tatsächlich entscheiden, seinen Dienst einzustellen.

>Du solltest vielleicht zu Madam Pomfrey gehen.<<, meinte Daphne.

>>Ich lege mich einfach ein bisschen hin.<<

Pansy sah mich entsetzt an. >>Du willst die erste Aufgabe verpassen?<<

Ich zuckte schwach mit den Schultern. >>Wenn ich dort umkippe, habe ich auch nichts davon.<<

>>Aber das ist das Trimagische Turnier!<<

>>Ich weiß.<<

Daphne sah mich weiterhin skeptisch an. >>Soll jemand bei dir bleiben?<<

Nein. Bloß nicht. >>Unnötig.<< Ich lächelte matt. >>Geht ruhig. Ich schlafe wahrscheinlich ohnehin.<<

Pansy wirkte unzufrieden. >>Wenn du sicher bist.<<

>>Bin ich.<<

Sie tauschten einen Blick. Dann standen beide auf. >>Wir erzählen dir später alles.<<, versprach Daphne.

>>Vor allem, wenn jemand Feuer fängt.<<, ergänzte Pansy.

>>Sehr tröstlich.<<

Sie gingen. Ich wartete. Eine Minute. Zwei. Dann drei. Erst als sich der Slytherin-Gemeinschaftsraum endgültig geleert hatte, setzte ich mich aufrecht hin. Die angeblichen Kreislaufbeschwerden waren verschwunden. Stattdessen schlug mein Herz jetzt schneller. Gut. Zeit zu gehen.

Der Weg zum Badezimmer der Maulenden Myrte war beinahe gespenstisch still. Normalerweise begegnete man in Hogwarts immer irgendjemandem. Heute nicht. Die meisten Schüler befanden sich draußen. Die Lehrer ebenfalls. Sogar die Geister schienen sich zur Aufgabe begeben zu haben.

Ich schob die Tür zum Badezimmer auf. >>Myrte?<< Keine Antwort. >>Myrte?<<

Ein leises Plätschern. Dann tauchte ihr Kopf aus einer Toilettenschüssel auf. >>Du bist wieder da!<<

Ich lächelte unwillkürlich. >>Ich habe es versprochen.<<

Sie schwebte vollständig heraus. Dann bemerkte sie offenbar meine Kleidung. >>Du gehst da runter.<<

Ich sah zum Waschbecken. >>Ich versuche es.<<

Myrte verzog das Gesicht. >>Ich hab dir gesagt, dass es da unten schrecklich ist.<<

>>Das glaube ich dir.<<

>>Und dunkel.<<

>>Auch das glaube ich dir.<<

>>Und eklig.<<

>>Myrte.<<

Sie verschränkte beleidigt die Arme. >>Ich wollte nur helfen.<<

Ich lächelte. >>Tust du auch.<<

Dann trat ich an das Waschbecken. Die kleine eingeritzte Schlange am Wasserhahn wirkte plötzlich größer als beim letzten Mal. Parsel. Harry hatte die Kammer damit geöffnet. Tom hatte Parsel gesprochen. Und ich?

Ich wusste es nicht. Oder vielleicht wollte ich es nicht wissen. Seit dem Gespräch mit Ruby hatte ich immer wieder versucht, mich an meine Kindheit zu erinnern. An Schlangen. An ihre Stimmen. An Momente, in denen ich glaubte, etwas verstanden zu haben. Aber Erinnerungen waren keine Beweise. Jetzt würde ich es herausfinden.

Ich legte meine Finger auf das kalte Porzellan. Nichts. Natürlich nicht. Ich starrte die Schlange an. Was sagte man zu einer Tür? Öffne dich wäre vermutlich hilfreich. Nur wusste ich nicht, wie das auf Parsel klang.

Ich schloss die Augen. Dachte an Tom. An seine Stimme. An die seltsamen zischenden Laute, die ich als Kind manchmal gehört hatte. Nicht gehört. Verstanden. Mein Atem stockte.

Da war etwas. Tief in meiner Erinnerung. Ein Gefühl. Keine Sprache, die man lernte. Etwas Instinktives. Etwas, das im Blut lag.

Ich öffnete die Augen. Die Schlange schien mich anzusehen. Und dann sprach ich. Ein leises Zischen verließ meine Lippen. Die Laute fühlten sich fremd an. Und gleichzeitig vollkommen natürlich. >>Öffne dich.<<

Die Wirkung kam sofort. Ein metallisches Knarren hallte durch den Raum. Ich wich zurück. Das Waschbecken begann sich zu bewegen.

Myrte quietschte begeistert. >>Du kannst es!<<

Ich dagegen starrte nur auf den Boden. Die Waschbecken schoben sich auseinander. Darunter öffnete sich ein dunkler Schacht. Mein Magen zog sich zusammen. Ich konnte Parsel. Wie Tom. Natürlich. Natürlich musste ausgerechnet diese Fähigkeit ebenfalls in mir stecken.

Myrte schwebte neben mich. >>Du siehst gar nicht glücklich aus.<<

>>Bin ich auch nicht.<<

>>Aber jetzt kannst du runter.<<

Ich sah in die Dunkelheit. >>Das ist nicht unbedingt beruhigend.<<

Myrte grinste. >>Harry ist auch einfach gesprungen.<<

>>Harry Potter besitzt einen erschreckenden Mangel an Selbsterhaltungstrieb.<<

>>Du willst aber genau dasselbe tun.<<

Ich schwieg. Verdammt. >>Das ist etwas anderes.<< Myrte hob eine Augenbraue. Ich seufzte. >>Nein. Ist es nicht.<<

Dann zog ich meinen Zauberstab. >>Lumos.<< Licht flammte auf. Ich sah noch einmal zu Myrte. >>Falls ich nicht zurückkomme—<<

>>Sag so etwas nicht!<< Ich blinzelte. Ihre Stimme war plötzlich ernst. >>Du kommst zurück.<<

Für einen Moment sagte ich nichts. Dann lächelte ich schwach. >>Ich gebe mir Mühe.<< Und bevor ich es mir anders überlegen konnte, stieg ich hinab.

Der Weg nach unten war schlimmer als erwartet. Feucht. Eng. Rutschig. Mehrmals musste ich mich an den steinernen Wänden abstützen. Spinnweben klebten an meiner Robe. Irgendwo tropfte Wasser. Und mit jedem Meter wurde die Luft kälter. Schließlich weitete sich der Tunnel. Ich blieb stehen.

Vor mir lag ein gewaltiger unterirdischer Gang. Steinerne Schlangen zogen sich an den Wänden entlang. Mein Licht warf lange Schatten. Alles wirkte verlassen. Tot. Und trotzdem hatte ich ständig das Gefühl, beobachtet zu werden.

Unsinn. Der Basilisk war tot. Tom war nicht hier. Zumindest hoffte ich das. Ich ging weiter. Langsam. Vorsichtig. Jeder Schritt hallte. Dann erreichte ich die große Halle. Und blieb abrupt stehen.

Mein Atem stockte. Das Skelett lag noch immer dort. Der Basilisk. Selbst tot war er gewaltig. Die langen Knochen zogen sich über den Boden. Der Schädel war so groß, dass ich mühelos darin hätte stehen können. Leere Augenhöhlen starrten mir entgegen. Ich fröstelte.

Also das war es. Das Monster aus meiner Vergangenheit. Das Wesen, wegen dessen Existenz Myrte gestorben war. Das Wesen, mit dem Tom Hogwarts terrorisiert hatte.

Ich trat näher. Langsam. Jeder Instinkt in mir schrie, Abstand zu halten. Obwohl nichts mehr von dem Basilisken übrig war als Knochen. Ich sah den Schädel an. Und plötzlich hörte ich wieder Toms Stimme. Du hättest es wissen müssen.

Ich schloss kurz die Augen. Nein. Nicht jetzt. Ich zwang mich weiter. Der Basilisk war tot. Tom war fort. Und ich war hier. Nicht das fünfzehnjährige Mädchen von damals. Nicht mehr.

Ich ging an dem Skelett vorbei. Der Boden knirschte unter meinen Schuhen. Mein Blick wanderte ständig über die Wände. Nischen. Steinplatten. Symbole. Schlangen. Überall Schlangen. Natürlich.

Ich begann systematisch zu suchen. Erst an den Wänden. Dann an den Statuen. Dann in den Seitengängen. Nichts. Staub. Alte Steine. Einige zurückgelassene Knochen. Nichts, was auf Tom hinwies.

Je länger ich suchte, desto größer wurde meine Frustration. Vielleicht hatte ich mich geirrt. Vielleicht war hier nichts. Vielleicht hatte Tom nie etwas zurückgelassen. Oder Harry hatte bereits alles zerstört. Ich biss mir auf die Lippe. Nein. Noch nicht aufgeben.

Ich ging tiefer in die Kammer. Mein Licht glitt über die gewaltige Statue Salazar Slytherins am anderen Ende des Raumes. Selbst jetzt wirkte sie einschüchternd. Das steinerne Gesicht ragte über mir auf, streng, kalt und unbewegt. Der Mund war geöffnet. Dahinter lag Dunkelheit. Myrtes Worte kamen mir wieder in den Sinn. Dort hatte der Basilisk geruht.

Ich blieb stehen. Nein. Das konnte doch nicht ernsthaft der Ort sein, an dem ich weitersuchen musste. Ich hob meinen Zauberstab höher und ließ das Licht in den geöffneten Mund der Statue fallen. Dahinter führte ein schmaler, dunkler Hohlraum tiefer in den steinernen Kopf hinein.

Mein Magen zog sich zusammen. >>Natürlich.<<, murmelte ich.

Natürlich hatte Tom ausgerechnet dort etwas verstecken müssen. Nicht an einer Wand. Nicht unter einer losen Bodenplatte. Nein. Im Schlafplatz eines gigantischen Basilisken.

Ich trat näher. Der Eingang war groß genug, dass ich hindurch kam. Bequem war etwas anderes. Ich legte eine Hand an den kalten Stein und beugte mich vor. Sofort schlug mir modrige, abgestandene Luft entgegen. Ich verzog das Gesicht.

>>Widerlich.<<

Keine Antwort. Wenig überraschend. Ich setzte einen Fuß in die Öffnung. Dann den anderen. Schon nach wenigen Schritten wurde der Raum enger. Ich musste mich ducken. Noch weiter. Schließlich blieb mir nichts anderes übrig, als mich auf Hände und Knie sinken zu lassen.

Großartig. Lucinda Stonefield. Vierzehn Jahre alt. Angeblich vollkommen gewöhnliche Schülerin. Kroch freiwillig in den ehemaligen Unterschlupf eines Basilisken. Ruby würde mich umbringen. Falls der Ort es nicht vorher tat.

Ich bewegte mich langsam weiter. Meine Knie schrammten über rauen Stein. Über mir war die Decke so niedrig, dass ich den Kopf einziehen musste. Links und rechts zogen sich tiefe Kratzspuren durch das Gestein. Ich hielt inne.

Mein Licht wanderte darüber. Die Rillen waren breit. Zu breit für irgendein normales Tier. Ich musste nicht lange überlegen, woher sie stammten. Der Basilisk hatte hier gelegen. Sich hier bewegt. Geschlafen.

Vielleicht hatte Tom hier gestanden. Vielleicht mit ihm gesprochen. Vielleicht Befehle gegeben. Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. Für einen Moment wollte ich umdrehen. Einfach wieder hinaus.

Die Vorstellung, mich durch den Ort zu zwängen, an dem dieses Wesen jahrzehntelang verborgen gewesen war, fühlte sich falsch an. Als würde ich in etwas eindringen, das noch immer Tom gehörte. Ich zwang mich weiter. >>Es ist tot.<<, flüsterte ich. Meine eigene Stimme klang dumpf in dem engen Hohlraum. >>Der Basilisk ist tot. Tom ist nicht hier.<< Keine besonders überzeugende Beruhigung. Aber sie musste genügen.

Nach einigen weiteren Metern weitete sich der Hohlraum ein wenig. Endlich konnte ich mich wieder halb aufrichten. Ich ließ den Lichtschein über die steinernen Flächen wandern. Staub. Knochensplitter. Alte Schuppenreste. Nichts. Ich suchte die Wände ab. Den Boden. Jede Unebenheit. Nichts.

Frustration machte sich breit. Vielleicht hatte ich mich geirrt. Vielleicht war das hier wirklich nur der Ruheplatz des Basilisken. Vielleicht hatte Tom nie etwas zurückgelassen. Ich wollte mich bereits zurückziehen. Dann fiel mir etwas auf.

Eine gerade Linie im Stein. Zu gerade. Ich kniete mich hin und wischte mit der Hand den Staub beiseite. Eine Fuge. Mein Herz begann schneller zu schlagen. Darunter kam eine kleine Steinplatte zum Vorschein. Und darauf war eine Schlange eingraviert. Ich schloss kurz die Augen und schluckte. >>Das wäre zu einfach.<<, murmelte ich.

Dann sprach ich erneut Parsel. Die Platte bewegte sich. Mit einem tiefen Schleifen glitt sie zur Seite. Dahinter befand sich ein schmaler Hohlraum. Ich hielt den Atem an. Darin lag etwas. Schwarz. Flach. Ein Buch. Nein. Ein Tagebuch.

Mein Herz blieb beinahe stehen. Für mehrere Sekunden bewegte ich mich nicht. Tom. Ich wusste es. Ich wusste sofort, dass es ihm gehörte. Nicht wegen eines Namens. Nicht wegen einer Beschriftung. Wegen des Symbols auf dem Einband. Eine kleine silberne Schlange. Daneben ein kaum sichtbares Zeichen. Eines, das ich kannte. Ein Zeichen, das Tom manchmal als Jugendlicher verwendet hatte. Nur wir beide hatten dessen Bedeutung gekannt.

Meine Finger zitterten. >>Oh Tom...<<

Ich nahm das Tagebuch heraus. Es war überraschend schwer. Kalt. Unnatürlich kalt. Ich öffnete es. Oder versuchte es. Nichts. Der Einband bewegte sich keinen Millimeter. Ich zog stärker. Nichts.

>>Natürlich.<< Ich richtete meinen Zauberstab darauf. >> Alohomora .<< Keine Reaktion. >> Specialis Revelio .<< Nichts.

Ich probierte einen weiteren Offenbarungszauber. Wieder nichts. Mein Puls beschleunigte sich. Tom hatte es versiegelt. Nicht einfach abgeschlossen. Versiegelt. Mit Magie. Sehr mächtiger Magie.

Ich drehte das Tagebuch in meinen Händen. Warum? Was befand sich darin? Und warum hatte er es ausgerechnet hier versteckt? Im Unterschlupf des Basilisken. An einem Ort, den kaum jemand finden konnte. Noch weniger Menschen öffnen.

Mein Blick wanderte durch die dunkle Kammer. Plötzlich fühlte ich mich wieder beobachtet. Diesmal stärker. Ich drehte mich um. Nichts. Nur das Skelett. Nur Schatten. Nur Vergangenheit. Und trotzdem hatte ich das Gefühl, Tom hätte genau gewusst, dass irgendwann jemand dieses Tagebuch finden würde. Vielleicht sogar ich.

Der Gedanke ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Ich presste das Buch an meine Brust. >>Was hast du getan?<<, flüsterte ich.

Natürlich erhielt ich keine Antwort. Nur das Echo meiner eigenen Stimme. Ich sah noch einmal zum Basiliskenskelett. Dann zum versiegelten Tagebuch. Ein Geheimnis meines Bruders. Fünfzig Jahre verborgen. Und jetzt lag es in meinen Händen. Ich hatte eine Spur gesucht. Jetzt hatte ich eine gefunden. Und plötzlich war ich mir nicht mehr sicher, ob ich wirklich wissen wollte, wohin sie führte.