Das versiegelte Tagebuch
Das versiegelte Tagebuch
Hallo, meine Lieben :) So, ich hoffe, ihr hattet alle eine schöne Woche und seid in Leselaune. Heute geht es auch nochmal mit einem Doppelkapitel weiter, nächste Woche dann ganz gewohnt wieder mit einem Kapitel :) Ich wünsche euch viel Spaß beim Weiterlesen und habt ein schönes Wochenende.
Liebe Grüße,
eure Melody
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Das versiegelte Tagebuch
Ruby PoV
Es gab Tage, an denen ich mich fragte, ob Harry Potter ein geradezu unheimliches Talent dafür besaß, sich in Situationen wiederzufinden, in denen jeder vernünftige Mensch schreiend die Flucht ergriffen hätte. Heute war definitiv einer dieser Tage.
Ich ging neben ihm her, während wir uns dem Zelt näherten, in dem die Champions auf den Beginn der ersten Aufgabe warten sollten. Schon von Weitem drangen die Stimmen der Zuschauer über das Gelände. Hunderte Schüler saßen dort draußen auf den Tribünen und warteten gespannt darauf, dass irgendetwas Spektakuläres geschah.
Sie wussten nur noch nicht, dass dieses Spektakel aus vier Schülern bestand, die sich mit ausgewachsenen Drachen herumschlagen sollten. Manchmal fragte ich mich ernsthaft, ob Hogwarts unter »Sicherheit« etwas anderes verstand als der Rest der Welt.
Harry sah aus, als würde er jeden Moment umdrehen und in den Verbotenen Wald fliehen. >>Du wirst das schaffen<<, sagte ich.
Er warf mir einen Seitenblick zu. >>Das sagst du jetzt schon zum dritten Mal.<<
>>Und ich werde es noch mindestens fünfmal sagen, wenn du weiter so aussiehst.<<
>>Wie sehe ich denn aus?<<
Ich musterte ihn. >>Als würdest du gerade überlegen, ob ein Leben als Einsiedler irgendwo in den schottischen Highlands nicht doch eine vernünftige Alternative zu Hogwarts wäre.<<
Ein kurzes Lächeln huschte über sein Gesicht. Immerhin. Genau das hatte ich erreichen wollen. Ich stieß ihn leicht mit dem Ellenbogen an. >>Du weißt, was du tun musst. Du hast geübt. Du kannst fliegen wie kaum jemand anderes an dieser Schule. Und falls alles schiefgeht, stehen da draußen genug Lehrer, um einzugreifen.<<
Harry hob eine Augenbraue. >>Das sollte mich beruhigen?<<
>>Eigentlich schon.<<
>>Tut es nicht.<<
>>Dann vergiss den letzten Teil.<<
Diesmal lachte er tatsächlich leise. Doch mein eigenes Lächeln hielt nicht lange. Denn so sehr ich versuchte, Harry Mut zu machen, kreisten meine Gedanken nicht ausschließlich um ihn. Lucinda.
Ich wusste, wo sie in diesem Augenblick war. Oder zumindest hoffte ich, dass sie dort war, wo sie sein wollte. Tief unter Hogwarts. In der Kammer des Schreckens. Allein der Gedanke ließ mir einen kalten Schauer über den Rücken laufen.
Nach ihrer Begegnung mit Myrte und den wenigen Hinweisen, die sie gefunden hatte, war Lucinda überzeugt gewesen, dass ihr Bruder etwas in der Kammer zurückgelassen haben könnte. Etwas, das seit Jahrzehnten dort verborgen lag.
Ich hatte versucht, sie davon abzubringen. Nicht besonders erfolgreich.
Wenn Lucinda sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, hätte vermutlich selbst Dumbledore persönlich sie nur schwer davon überzeugen können, es sein zu lassen. Und heute bot sich die perfekte Gelegenheit. Fast die gesamte Schule war wegen der ersten Aufgabe draußen. Kaum jemand würde bemerken, wenn eine einzelne Slytherin-Schülerin fehlte. Zumindest hatte Lucinda das behauptet. Ich hielt es für erstaunlich optimistisch. Vor allem, weil diese einzelne Slytherin-Schülerin ein geradezu bemerkenswertes Talent dafür besaß, früher oder später die Aufmerksamkeit bestimmter Menschen auf sich zu ziehen. Ich konnte nur hoffen, dass sie wusste, was sie tat. Und dass sie ihren Ausflug nicht bereuen würde.
>>Ruby?<< Ich blinzelte. Harry sah mich an. >>Alles in Ordnung?<<
>>Natürlich.<< Sein Blick sagte deutlich, dass er mir kein Wort glaubte. Ich setzte mein überzeugendstes Lächeln auf. >>Ich denke nur gerade darüber nach, dass ich heute vermutlich gleich um zwei Menschen gleichzeitig bangen darf.<<
>>Lucinda?<< Ich nickte. Harry wusste nicht alles. Aber genug. Genug, um zu verstehen, dass Lucinda etwas vorhatte. >>Sie kann auf sich aufpassen<<, sagte er.
Ich sah ihn an. Ausgerechnet Harry Potter versuchte gerade, mich zu beruhigen. >>Das sagt der Junge, der gleich einem Drachen gegenübersteht.<<
>>Guter Punkt.<<
Wir erreichten das Zelt. Ich blieb stehen. >>Harry.<< Er drehte sich noch einmal zu mir um. Jetzt war nichts mehr von meinem scherzhaften Tonfall übrig. >>Vergiss die Zuschauer. Vergiss die anderen Champions. Vergiss die Punkte. Konzentrier dich nur auf das, was vor dir liegt. Einen Schritt nach dem anderen.<< Er nickte langsam. >>Und Harry?<<
>>Ja?<<
Ich lächelte. >>Du wirst das schaffen.<<
>>Das war Nummer vier.<<
>>Siehst du? Nur noch viermal.<<
Dann verschwand er im Zelt.
Ich hatte mir vorgenommen, ruhig zu bleiben. Dieser Vorsatz hielt ungefähr so lange, bis ich den ersten Drachen sah. Danach beschloss ich, dass Panik vollkommen angemessen war.
Ich saß zwischen den anderen Ravenclaws auf der Tribüne und verfolgte die Aufgabe mit angehaltenem Atem. Cedric Diggory trat gegen einen Schwedischen Kurzschnäuzler an. Fleur Delacour musste sich einem Gemeinen Walisischen Grünling stellen. Viktor Krum bekam es mit einem Chinesischen Feuerball zu tun. Und dann kam Harry. Ich wusste bereits, welchen Drachen er gezogen hatte. Trotzdem hoffte irgendein vollkommen irrationaler Teil von mir bis zuletzt, dass jemand einen Fehler gemacht hatte. Dann wurde der Ungarische Hornschwanz auf das Gelände gebracht. >>Oh, verdammt<<, murmelte ich.
Neben mir wurde es plötzlich sehr still. Der Hornschwanz war riesig. Schwarz. Stachelig. Und allem Anschein nach ausgesprochen schlecht gelaunt. Irgendwo hinter mir jubelte jemand. Ich hätte die betreffende Person am liebsten gefragt, ob sie noch alle Kessel im Schrank hatte.
Harry betrat das Gelände. Er wirkte klein. Viel zu klein. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. >>Na komm schon<<, murmelte ich. >>Du weißt, was du tun musst.<<
Harry hob seinen Zauberstab. >> Accio Feuerblitz! <<
Sekunden vergingen. Nichts geschah. Ich umklammerte die Kante der Tribüne. >>Komm schon…<<
Der Hornschwanz bewegte sich. Harry wich zurück. Dann hörte ich es. Ein leises Rauschen. Es wurde lauter. Und plötzlich schoss ein Besen über die Tribünen hinweg. Harry fing ihn auf. Ich sprang beinahe auf. >>Ja!<<
Er stieg auf. Und von diesem Augenblick an veränderte sich alles.
Harry war nicht mehr der vierzehnjährige Junge, der einem ausgewachsenen Drachen gegenüberstand. Er war ein Sucher. Er schoss in die Höhe, wich den Flammen aus und zwang den Hornschwanz dazu, ihm zu folgen. Ich hatte Harry noch niemals fliegen sehen. Er war ein Naturtalent.
Der Drache schnappte nach ihm. Ich hielt den Atem an. Harry riss den Besen herum. Ein Stachel verfehlte ihn nur knapp. >>Harry!<<
Natürlich konnte er mich unmöglich hören. Das hielt mich nicht davon ab, seinen Namen zu rufen. Der Hornschwanz breitete seine Flügel aus. Für einen Moment glaubte ich wirklich, mein Herz würde stehen bleiben. Doch Harry wusste genau, was er tat. Er lockte ihn fort. Weiter. Immer weiter. Und dann sah ich es.
Das goldene Ei. Harry stürzte hinab. Der Hornschwanz bemerkte es zu spät.
Harry streckte die Hand aus—und bekam es zu fassen.
Die Tribünen explodierten förmlich. Jubel brandete über das Gelände. Ich sprang auf. >>Er hat es!<<
Um mich herum schrien und klatschten die Schüler. Ich lachte erleichtert und merkte erst jetzt, wie sehr meine Hände zitterten. Harry hatte es geschafft. Er lebte. Er hatte das Ei. Und für einige Sekunden erlaubte ich mir einfach nur, erleichtert zu sein.
Dann schoss mir ein anderer Gedanke durch den Kopf. Lucinda. Meine Freude wurde augenblicklich gedämpft. Harry hatte seine Aufgabe überstanden. Jetzt musste ich nur noch herausfinden, ob meine beste Freundin ihre ebenfalls überlebt hatte.
Als wir später nach Hogwarts zurückkehrten, hielt ich sofort Ausschau nach ihr. Ich entdeckte Lucinda in einem der Korridore. Und blieb stehen. >>Bei Merlin.<< Sie sah aus, als hätte sie sich persönlich mit der gesamten Kanalisation von Hogwarts angelegt. Ihre Robe war verdreckt. An einer Seite hing ein Stück Stoff lose herab. Ihre Haare waren zerzaust, und auf ihrer Wange befand sich ein dunkler Schmutzstreifen.
Lucinda sah mich an. >>Sag nichts.<<
>>Ich habe noch gar nichts gesagt.<<
>>Dein Gesicht reicht.<<
Ich ging zu ihr. >>Was ist passiert?<<
>>Ich bin in die Kammer gegangen.<<
>>Das weiß ich.<<
>>Dann bin ich wieder herausgekommen.<<
>>Auch das sehe ich.<<
Sie verzog den Mund. >>Dazwischen war es kompliziert.<<
Ich musterte sie eindringlich. >>Bist du verletzt?<<
>>Nein.<<
>>Lucinda.<<
>>Ein paar Kratzer.<<
>>Lucinda.<<
>>Ruby.<<
Wir starrten uns an. Schließlich seufzte ich. >>Du bist unmöglich.<<
>>Das wurde mir schon öfter gesagt.<<
>>Von mir.<<
>>Unter anderem.<< Dann veränderte sich ihr Gesicht. Die Erschöpfung blieb. Aber darunter lag etwas anderes. Triumph. Lucinda griff unter ihre Robe. >>Es hat sich gelohnt.<<
Sie zog einen Gegenstand hervor. Ein Buch. Nein. Ein Tagebuch. Es war alt. Der dunkle Einband war von Jahrzehnten gezeichnet, doch das Merkwürdigste daran war etwas anderes. Feine magische Linien zogen sich über den Einband. Wie ein Netz. Wie ein Siegel. Ich starrte es an. >>Ist das…?<<
Lucinda nickte. >>Es gehörte Tom.<<
Für einen Moment brachte ich kein Wort heraus. Mein Blick wanderte von dem Tagebuch zu ihr. >>Du hast es in der Kammer gefunden?<<
>>Versteckt.<< Sie strich mit den Fingern über den Einband. Das Siegel flackerte schwach auf. >>Und ich bekomme es nicht auf.<<
Ich sah erneut auf das Buch. Dann auf Lucinda. >>Du bist in die Kammer des Schreckens eingebrochen, hast dort ein über fünfzig Jahre altes Tagebuch deines größenwahnsinnigen Zwillingsbruders gefunden und dein größtes Problem ist jetzt, dass du es nicht öffnen kannst?<<
Lucinda dachte kurz darüber nach. >>Wenn du es so formulierst, klingt es tatsächlich etwas absurd.<<
Ich schloss für einen Moment die Augen. >>Natürlich tut es das.<< Doch dann nahm ich vorsichtig das Tagebuch entgegen. Schon bei der Berührung spürte ich die Magie darin. Alt. Komplex. Und verschlossen. Meine Neugier war augenblicklich geweckt. >>Interessant.<<
Lucinda hob eine Augenbraue. >>Das ist dein Alchemisten-Gesicht.<<
>>Ich habe kein Alchemisten-Gesicht.<<
>>Doch.<<
>>Wie sieht es aus?<<
>>Als würdest du am liebsten sofort ein Labor anzünden.<<
>>Das war ein einziges Mal.<<
Lucinda lächelte. Und trotz allem musste ich ebenfalls lächeln. Harry hatte das goldene Ei gefunden. Lucinda hatte das Tagebuch gefunden. Vielleicht war dieser Tag doch erfolgreicher verlaufen, als ich befürchtet hatte. Dann erklang hinter uns eine Stimme. >>Miss Chadwick. Miss Stonefield.<<
Wir erstarrten. Langsam drehten wir uns um. Filch stand am Ende des Korridors. Mrs Norris saß neben seinen Füßen. Er betrachtete Lucindas verdreckte Robe. Dann das Tagebuch in meinen Händen. Dann wieder uns. Sein Gesicht nahm einen ausgesprochen zufriedenen Ausdruck an. >>Der Schulleiter möchte Sie beide sehen.<<
Lucinda sah mich an. Ich sah Lucinda an. >>Vielleicht<<, murmelte ich, >>war meine Einschätzung etwas voreilig.<<
***
Lucinda PoV
Ich hätte duschen sollen. Dieser Gedanke beschäftigte mich auf dem gesamten Weg zum Büro des Schulleiters. Filch lief vor uns, als würde er zwei Schwerverbrecher zu ihrer Hinrichtung führen, während Mrs Norris dicht neben ihm herstolzierte. Ruby ging neben mir.
Das Tagebuch hielt sie inzwischen wieder unter ihrer Robe verborgen. >>Glaubst du, er weiß es?<<, flüsterte ich.
Ruby warf mir einen Blick zu. >>Lucinda, du bist während der ersten Aufgabe verschwunden und siehst aus, als hättest du dich durch die Grundmauern von Hogwarts gegraben.<<
>>Das beantwortet meine Frage nicht.<<
>>Ja.<<
>>Oh.<<
>>Außerdem reden wir von Dumbledore.<<
>>Guter Punkt.<<
Filch warf uns einen misstrauischen Blick über die Schulter zu. Wir schwiegen. Wenig später standen wir vor der steinernen Wendeltreppe zum Büro des Schulleiters. Als wir eintraten, saß Professor Dumbledore hinter seinem Schreibtisch. Fawkes ruhte auf seiner Stange.
Der Schulleiter betrachtete uns über seine Halbmondbrille hinweg. Oder genauer gesagt: Er betrachtete mich. Sein Blick wanderte langsam über meine verdreckte Robe. Ich widerstand dem Impuls, den Schmutz von meinem Ärmel zu klopfen. Das hätte vermutlich nichts mehr gerettet. >>Lucinda.<<
>>Professor.<<
>>Ich habe dich heute bei der ersten Aufgabe vermisst.<< Natürlich hatte er das.
>>Ich war verhindert.<<
Neben mir gab Ruby ein Geräusch von sich, das verdächtig nach einem unterdrückten Husten klang. Dumbledores Augen funkelten. >>Das sehe ich.<<
Ich seufzte. Es hatte ohnehin keinen Sinn. >>Ich war in der Kammer.<<
Sein Gesicht veränderte sich kaum. Doch die Aufmerksamkeit in seinen Augen wurde augenblicklich schärfer. >>In der Kammer des Schreckens?<<
Ich nickte. Ruby zog das Tagebuch hervor und reichte es mir. Ich legte es auf Dumbledores Schreibtisch. >>Ich habe das gefunden.<<
Er sah darauf hinab. Für einige Sekunden herrschte vollkommene Stille. Dann nahm er es vorsichtig in die Hand. >>Ein Tagebuch.<<
>>Von meinem Bruder.<<
Jetzt sah er mich an. >>Bist du sicher?«
>>Ja.<<
Ich war mir sicher. Ich wusste nicht, was darin stand. Ich wusste nicht einmal, weshalb Tom es dort versteckt hatte. Aber ich wusste, dass es ihm gehört hatte. Vielleicht war es töricht. Vielleicht war es nur ein altes Buch. Vielleicht würde darin nichts stehen, was uns weiterhalf. Doch etwas in mir sagte mir, dass Tom dieses Tagebuch nicht ohne Grund verborgen hatte.
Dumbledore versuchte, es zu öffnen. Das Siegel erschien. Feine Linien aus Magie breiteten sich über dem Einband aus und verschwanden wieder. Seine Brauen hoben sich leicht. >>Bemerkenswert.<<
>>Es ist versiegelt<<, sagte ich.
>>Das hatte ich vermutet.<<
>>Ich habe verschiedene Zauber versucht. Keiner funktioniert.<<
Ruby trat näher. >>Vielleicht ist es keine gewöhnliche Versiegelung.<<
Dumbledore sah sie interessiert an. >>Sie haben eine Vermutung, Miss Chadwick?«
Ruby beugte sich über das Tagebuch. >>Noch nicht. Aber Magie lässt sich auf unterschiedliche Weise binden. Manche Siegel reagieren nicht auf Zaubersprüche, sondern auf bestimmte Stoffe, Symbole oder magische Eigenschaften.<< Sie sah mich an. Ich wusste sofort, was in ihrem Kopf vorging. Alchemie.
>>Kannst du es öffnen?<<, fragte ich.
Ruby verzog leicht das Gesicht. >>Frag mich das noch einmal, wenn ich herausgefunden habe, was genau dein Bruder damit angestellt hat.<<
>>Das klingt nicht besonders optimistisch.<<
>>Ich habe nicht gesagt, dass ich es nicht kann.<<
Natürlich nicht. Ruby Chadwick betrachtete Schwierigkeiten grundsätzlich als persönliche Beleidigung. >>Ich werde es versuchen<<, versprach sie.
Ich nickte. Mehr brauchte ich nicht. Wenn irgendjemand dieses Siegel lösen konnte, dann Ruby. Dumbledore übergab ihr das Tagebuch. >>Dann würde ich vorschlagen, dass Sie äußerst vorsichtig damit umgehen.<<
>>Natürlich, Professor.<<
Er sah sie über seine Brille hinweg an. >>Und dass Sie mir Bescheid geben, bevor Sie etwas ausprobieren, das einen Teil des Schlosses in die Luft sprengen könnte.<<
Ruby blinzelte. Ich musste mir auf die Lippe beißen. >>Das war ein einziges Mal<<, murmelte sie.
Dumbledores Mundwinkel zuckten. Kurz darauf entließ er sie. Ruby blieb an der Tür noch einmal stehen und sah mich an. Ich nickte ihr zu. Dann verschwand sie. Die Tür schloss sich. Plötzlich war es sehr still. Ich betrachtete Fawkes. Der Phönix betrachtete mich. Aus irgendeinem Grund hatte ich das Gefühl, dass er mich beurteilte.
>>Du weißt, dass ich dir eigentlich Punkte abziehen müsste«, sagte Dumbledore.
Ich wandte mich ihm zu. >>Wie viele?<<
>>Für das unerlaubte Betreten eines verbotenen Bereiches?<<
>>Wenn Sie es so ausdrücken, klingt es schlimmer.<<
>>Wie würdest du es ausdrücken?<<
Ich dachte kurz nach. >>Historische Recherche.<<
Dumbledore lächelte. Ich konnte nicht anders. Auch ich musste kurz lächeln. Doch es verschwand schnell wieder. Mein Blick sank auf meine Hände. Dort klebte immer noch der Schmutz aus der Kammer. >>Es war seltsam.<< Dumbledore schwieg. >>Dort unten zu sein<<, fuhr ich leise fort. >>Zu wissen, dass Tom dort gewesen ist.<<
Die Bilder waren noch immer in meinem Kopf. Die steinernen Schlangen. Die Dunkelheit. Die gewaltige Kammer. Und meine eigene Stimme. Diese fremdartigen Laute, die dennoch vollkommen natürlich über meine Lippen gekommen waren. Parsel. Ich ballte die Finger zusammen. >>Ich musste Parsel sprechen, um hineinzukommen.<<
>>Das überrascht mich nicht.<<
>>Mich schon.<< Ich hob den Kopf. >>Ich wusste, dass ich es eventuell kann. Aber es tatsächlich zu benutzen…<< Ich verstummte.
Wie sollte ich erklären, was es mit mir gemacht hatte? Wie vertraut es sich angefühlt hatte. Und gerade das hatte mir Angst gemacht. >>Es klang wie er.<<
Dumbledores Blick wurde sanfter. >>Tom.<<
Ich nickte. >>Für einen Moment hatte ich das Gefühl, wieder dieses Mädchen zu sein, das neben ihm sitzt und ihm zuhört. Als würde diese Sprache zu ihm gehören.<< Meine Kehle wurde eng. >>Vielleicht gehört sie auch zu mir.<<
>>Das tut sie.<< Ich sah ihn an. Dumbledore erhob sich langsam. >>Aber ich vermute, dass genau dieser Gedanke dir Unbehagen bereitet.<<
>>Sollte er das nicht?<<
>>Warum?<<
Ich lachte freudlos. >>Weil mein Bruder der mächtigste dunkle Zauberer unserer Zeit ist und dieselbe Fähigkeit besitzt.<<
>>Harry Potter besitzt sie ebenfalls.<< Ich schwieg. >>Eine Fähigkeit<<, fuhr Dumbledore ruhig fort, >>ist weder gut noch böse, Lucinda. Entscheidend ist, wofür wir sie einsetzen.<<
Mein Blick sank wieder. >>Tom hat sie benutzt, um die Kammer zu öffnen.<<
>>Und du?<< Ich antwortete nicht sofort. Dumbledore tat es für mich. >>Du hast dieselbe Tür geöffnet, um etwas zu finden, das uns vielleicht dabei helfen kann, ihn eines Tages aufzuhalten.<< Ich hob langsam den Kopf. >>Dass du Parsel sprechen kannst, macht dich nicht zu einer dunklen Hexe.<<
>>Es verbindet mich mit ihm.<<
>>Du bist seine Schwester. Ihr teilt dieselbe Herkunft. Dass gewisse Gemeinsamkeiten zwischen euch bestehen, ist unvermeidlich.<< Seine Stimme blieb ruhig. >>Aber Gemeinsamkeiten bestimmen nicht, wer wir sind.<<
Ich dachte an Tom. An unsere Kindheit. An all die Momente, in denen wir uns ähnlich gewesen waren. Und an den Augenblick, an dem sich unsere Wege endgültig getrennt hatten. >>Du hast heute etwas getan, das eine beträchtliche Menge Mut erforderte<<, sagte Dumbledore.
Ich schnaubte leise. >>Oder Dummheit.<<
>>Diese beiden Eigenschaften liegen gelegentlich erstaunlich dicht beieinander.<<
Ich musste lächeln. >>Du hättest nicht allein gehen sollen.<< Da war es. Ich wusste, dass es kommen würde.
>>Ich konnte niemanden mitnehmen.<<
>>Du wolltest niemanden gefährden.<< Ich schwieg. Dumbledore kannte mich eindeutig zu gut. >>Die Bereitschaft, andere zu schützen, ist ehrenhaft<<, sagte er. >>Aber sie bedeutet nicht, dass du jede Gefahr allein tragen musst.<<
Seine Worte trafen mich unangenehm genau. Ich wandte den Blick ab. >>Ruby wäre mitgekommen.<<
>>Daran zweifle ich keine Sekunde.<<
>>Genau deshalb habe ich es ihr verboten.<<
Dumbledore lächelte leicht. >>Und sie hat auf dich gehört?<<
Ich dachte an Ruby. >>Erstaunlicherweise.<<
>>Dann war die Situation offenbar tatsächlich ernst.<<
Diesmal lachte ich. Nur kurz. Aber ehrlich. Dann blickte ich zur Tür. Irgendwo dahinter war Ruby inzwischen mit dem Tagebuch unterwegs. Mit Toms Tagebuch.
Vielleicht enthielt es nichts. Vielleicht enthielt es Antworten. Oder vielleicht würde ich am Ende wünschen, ich hätte es niemals gefunden. Doch eines wusste ich.
Nach all den Jahren hatte mein Bruder etwas zurückgelassen. Und diesmal würde ich seine Geheimnisse nicht ruhen lassen. Ich würde herausfinden, was er verborgen hatte. Selbst wenn mir die Wahrheit nicht gefiel.
***
Severus PoV
Severus Snape hasste Jubel.
Er hasste ihn besonders, wenn er durch die steinernen Mauern von Hogwarts hallte, von irgendeinem vollkommen überbewerteten Ereignis herrührte und hauptsächlich von Schülern verursacht wurde, die offenbar der Meinung waren, Lautstärke sei eine angemessene Form der Anerkennung. Und heute hasste er ihn ganz besonders.
Potter hatte den Ungarischen Hornschwanz überlebt. Mehr noch – er hatte es tatsächlich geschafft, das goldene Ei an sich zu bringen, ohne dabei gefressen, verbrannt oder anderweitig dauerhaft verstümmelt zu werden. Eine beachtliche Leistung. Severus würde eher einen Kessel voller Bubotubler-Eiter trinken, als das laut auszusprechen.
Seit dem Ende der ersten Aufgabe schien ganz Hogwarts vollkommen den Verstand verloren zu haben. Wohin er auch ging, hörte er aufgeregte Stimmen.
>>Hast du gesehen, wie er geflogen ist?<<
>>Der Hornschwanz hätte ihn beinahe erwischt!<<
>>Potter war unglaublich!<<
Potter hier. Potter dort. Potter überall.
Severus zog seinen schwarzen Umhang enger um sich und bog in einen ruhigeren Korridor ein. Wenigstens hier schien sich noch kein spontaner Potter-Fanclub gebildet zu haben. Er brauchte Ruhe. Dringend. Am besten mehrere Stunden davon. Vielleicht auch mehrere Tage.
Seine Schritte hallten gleichmäßig über den Steinboden, während die Geräusche der feiernden Schüler allmählich hinter ihm verklangen. Die meisten hielten sich ohnehin noch auf dem Gelände oder in ihren Gemeinschaftsräumen auf. Selbst einige Lehrer hatten sich von der allgemeinen Begeisterung anstecken lassen.
Severus verstand nicht, was daran so faszinierend sein sollte. Potter war geflogen. Potter flog ständig. Diesmal hatte lediglich ein feuerspeiender Drache versucht, ihn umzubringen. Ein gewöhnlicher Dienstag im Leben von Harry Potter also.
Severus wollte gerade um die nächste Ecke biegen, als ein leises Schaben seine Aufmerksamkeit erregte. Er blieb stehen. Der steinerne Wasserspeier einige Meter vor ihm setzte sich langsam in Bewegung. Severus' Augen verengten sich. Jemand kam aus Dumbledores Büro. Wenige Sekunden später trat eine Gestalt hinter dem Wasserspeier hervor. Lucinda Stonefield.
Severus' ohnehin finstere Miene veränderte sich augenblicklich. Nicht wegen ihrer bloßen Anwesenheit. Sondern wegen ihres Zustandes.
Ihre sonst tadellos sitzende Schulrobe war mit Staub und Erde bedeckt. Am unteren Saum klebte etwas, das verdächtig nach getrocknetem Schlamm aussah. Eine Seite ihres Umhangs war aufgerissen, und auf ihrer linken Wange zog sich ein dünner Kratzer bis beinahe zum Kiefer. An ihren Händen entdeckte er weitere kleine Schürfwunden.
Stonefield blieb abrupt stehen, als sie ihn bemerkte. Für einen winzigen Moment spiegelte sich etwas in ihrem Gesicht. Überraschung. Dann war es verschwunden. Diese bemerkenswerte Selbstbeherrschung. Schon wieder. >>Professor Snape.<<
Severus antwortete nicht sofort. Sein Blick wanderte demonstrativ von ihren zerzausten Haaren über die verdreckte Robe bis zu ihren Händen.
Stonefield folgte seinem Blick. Und machte den Fehler, ihre Hände hinter dem Rücken zu verstecken. Severus hob langsam eine Augenbraue. >>Eine ausgesprochen wirkungsvolle Methode, um keinerlei Aufmerksamkeit auf Verletzungen zu lenken, Miss Stonefield.<<
Ihre Hände erschienen augenblicklich wieder. >>Es sind nur ein paar Kratzer.<<
>>Das sehe ich.<<
Er trat näher. Stonefield blieb stehen. Severus musterte sie genauer. Keine ernsthaften Verletzungen. Zumindest nichts, was auf den ersten Blick danach aussah. Einige oberflächliche Schürfwunden, der Kratzer an ihrer Wange und vermutlich noch ein paar blaue Flecken unter der Kleidung. Nichts Dramatisches. Und dennoch ergab es keinen Sinn.
Sein Blick glitt zum Wasserspeier. Dann zurück zu ihr. >>Ich nehme an, Professor Dumbledore hat neuerdings beschlossen, sein Büro mit einem Hindernisparcours auszustatten.<<
Stonefields Lippen zuckten. >>Nicht dass ich wüsste.<<
>>Bedauerlich. Das wäre zumindest eine Erklärung für Ihren Zustand gewesen.<<
Sie schwieg. Natürlich. Severus verschränkte die Arme. >>Wo waren Sie?<<
Ihre Augen richteten sich auf ihn. >>Professor?<<
>>Die erste Aufgabe.<< Keine Reaktion. Aber er sah es. Ein winziges Aufflackern in ihren blaugrünen Augen. >>Die gesamte Schule befand sich auf den Zuschauertribünen.<<, fuhr er ruhig fort. >>Mit Ausnahme einiger weniger Personen. Sie eingeschlossen.<<
>>Sie haben bemerkt, dass ich nicht dort war?<<
Die Frage kam schneller, als sie vermutlich beabsichtigt hatte. Severus' Miene verhärtete sich. >>Als Ihr Hauslehrer fällt es durchaus in meinen Aufgabenbereich zu wissen, ob meine Schüler anwesend sind.<<
Eine vollkommen vernünftige Erklärung. Eine ausgezeichnete sogar. Warum sie sich in seinem eigenen Kopf wie eine Rechtfertigung anhörte, ignorierte er. Stonefield senkte kurz den Blick. >>Ich hatte etwas zu erledigen.<<
>>Offensichtlich.<< Sein Blick fiel erneut auf ihre Robe. >>Etwas, das Erde, Staub und körperliche Verletzungen beinhaltete.<<
>>So dramatisch würde ich es nicht formulieren.<<
>>Dann überraschen Sie mich mit Ihrer weniger dramatischen Version.<<
Stille. Stonefield sah ihn an. Severus wartete. Sie schwieg. Natürlich schwieg sie. Dieses Mädchen beantwortete Fragen mit derselben Begeisterung, mit der Albus Dumbledore eindeutige Aussagen traf. >>Ich war unterwegs.<<
Severus blinzelte einmal. >>Eine überwältigende Fülle an Informationen.<<
>>Danke.<<
>>Das war kein Kompliment.<<
>>Das hatte ich vermutet.<<
Für den Bruchteil einer Sekunde musste Severus gegen den vollkommen unangemessenen Impuls ankämpfen, zu schmunzeln. Stattdessen musterte er sie noch eindringlicher. Da war es wieder. Dieses Rätsel. Lucinda Stonefield.
Seit ihrer Ankunft in Hogwarts hatte er versucht, sich ein klares Bild von ihr zu machen. Vergeblich. Im Unterricht war sie außergewöhnlich. Zu außergewöhnlich.
Ihre Fähigkeiten in Zaubertränke gingen weit über das hinaus, was er von einer Schülerin ihres Alters erwarten durfte. Sie arbeitete ruhig, präzise und mit einem Verständnis für Zutaten, das man nicht allein aus Lehrbüchern erwerben konnte. Manchmal korrigierte sie ihre Handgriffe beinahe instinktiv, als hätte sie bestimmte Tränke bereits dutzende Male gebraut.
Dann waren da ihre Reaktionen. Ihre Wachsamkeit. Die Art, wie sie Räume betrat und beinahe automatisch Fluchtwege registrierte. Wie sie Menschen beobachtete. Wie sie Fragen auswich. Wie sie sich gegenüber Moody verhielt. Wie sie manchmal für einen kurzen Augenblick überhaupt nicht wie ein vierzehnjähriges Mädchen wirkte. Und dann...
Severus erinnerte sich unwillkürlich an den Bowtruckle. An Stonefield, die vor seiner Bürotür gestanden hatte, einen verletzten kleinen Baumwächter vorsichtig an sich gedrückt. Keine Kälte. Keine geheimnisvolle Fassade. Keine außergewöhnliche Slytherin-Schülerin, die ihn mit jeder Antwort vor ein neues Rätsel stellte. Nur ein Mädchen. Besorgt um ein verletztes Wesen. Er erinnerte sich daran, wie behutsam sie mit dem Bowtruckle gesprochen hatte.
Ganz ruhig.
Wie erleichtert ihr Gesicht geworden war, als der Heiltrank Wirkung zeigte. Wie sie gelächelt hatte, als das kleine Geschöpf seine winzigen Arme um sie gelegt hatte. Und an ihre Worte. Sie haben heute ebenfalls einem kleinen Geschöpf geholfen. Das war dieselbe Person, die jetzt vor ihm stand. Und gleichzeitig schien sie es nicht zu sein.
Severus betrachtete sie schweigend. Es war beinahe, als existierten zwei verschiedene Lucinda Stonefields. Da war die eine. Das stille, rätselhafte Mädchen mit der bemerkenswerten Selbstkontrolle. Die Schülerin, die offensichtlich Geheimnisse vor ihm verbarg. Die Dumbledore kannte. Die Dinge wusste, die sie nicht wissen sollte. Die Fähigkeiten besaß, die sie nicht besitzen dürfte. Und dann gab es die andere.
Das Mädchen, das Bowtruckles heilte. Das über Rubys Bemerkungen lachte. Das Draco Malfoy trocken in seine Schranken wies. Das manchmal für wenige Augenblicke vollkommen unbeschwert wirkte. Welche davon war echt?
Severus spürte, wie ihn diese Frage zunehmend beschäftigte. Zu sehr. Deutlich zu sehr.
>>Professor?<< Stonefields Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.
Er bemerkte, dass er sie angestarrt hatte. Ausgezeichnet. >>Was?<<
Sie zog eine Augenbraue hoch. >>Sie sehen mich an.<<
>>Eine bemerkenswerte Beobachtungsgabe.<<
>>Schon ziemlich lange.<<
Severus' Blick wurde augenblicklich eisiger. >>Bilden Sie sich nichts darauf ein, Miss Stonefield.<<
Da war es. Dieses kleine Lächeln. Nicht spöttisch. Nicht arrogant. Einfach...amüsiert. Und zu seinem erheblichen Missfallen stellte Severus fest, dass er dieses Lächeln inzwischen erkannte. >>Das würde ich niemals wagen, Professor.<<
Natürlich nicht. Er trat einen weiteren Schritt näher und deutete auf ihre Wange. >>Was ist passiert?<<
Das Lächeln verschwand. >>Nichts.<<
>>Menschen ziehen sich für gewöhnlich keine Schürfwunden durch nichts zu.<<
>>Ich bin gestürzt.<<
Severus sah sie ausdruckslos an. Stonefield hielt seinem Blick stand. >>Sie sind gestürzt.<<
>>Ja.<<
>>Während die gesamte Schule die erste Aufgabe verfolgte.<<
>>Offenbar.<<
>>An einem Ort, den Sie mir nicht nennen möchten.<<
Kurzes Schweigen. >>Offenbar.<<
Severus presste die Lippen zusammen. Unmöglich. Dieses Mädchen war vollkommen unmöglich. Und doch...
Sein Blick glitt erneut über ihre Verletzungen. >>Kommen Sie.<<
Stonefield blinzelte. >>Wohin?<<
>>In meinen Kerker.<<
Sofort erschien Misstrauen auf ihrem Gesicht. >>Warum?<<
>>Weil ich einen Heiltrank besitze.<<
Sie sah auf ihre Hände. >>Das ist wirklich nicht notwendig.<<
>>Das war keine Einladung zu einer Diskussion.<<
>>Professor—<<
>>Miss Stonefield.<<
Stille. Schließlich seufzte sie. >>Ja, Professor.<<
Severus wandte sich um und setzte seinen Weg fort. Nach wenigen Sekunden hörte er ihre Schritte hinter sich. Er hätte sie einfach zu Madam Pomfrey schicken können. Das wäre die vernünftigste Lösung gewesen. Die professionellste. Stattdessen führte er sie persönlich in seinen Kerker.
Weil sie eine Schülerin meines Hauses ist. Selbstverständlich. Weil sie verletzt ist. Natürlich. Weil ich herausfinden möchte, was sie getan hat. Das war zumindest glaubwürdig.
Severus warf aus dem Augenwinkel einen Blick auf sie. Stonefield ging schweigend neben ihm her. Ihr Blick war nach vorne gerichtet, ihre Miene wieder vollkommen ruhig. Wieder diese Maske. Und plötzlich erinnerte er sich daran, wie anders sie ausgesehen hatte, als der geheilte Bowtruckle sich an ihre Wange geschmiegt hatte. Offen. Warm. Fast glücklich.
Severus wandte den Blick ab. Er wollte wissen, welche Seite von ihr die wahre war. Nein. Das stimmte nicht ganz. Er begann zu vermuten, dass beide wahr waren. Und genau das machte die Sache erheblich schlimmer.
Denn Geheimnisse konnte man aufdecken. Lügen konnte man entlarven. Widersprüche konnte man analysieren. Aber Lucinda Stonefield schien aus lauter Widersprüchen zu bestehen, die sich gegenseitig nicht aufhoben. Sie ergänzten einander.
Und Severus Snape stellte mit wachsendem Missfallen fest, dass aus seinem anfänglichen Misstrauen langsam etwas anderes wurde. Neugier.
Ein gefährliches Gefühl. Vor allem, wenn es sich auf einen Menschen richtete, von dem Dumbledore offensichtlich mehr wusste, als er preiszugeben bereit war. Severus' Miene verdüsterte sich. Er würde herausfinden, was Lucinda Stonefield verbarg. Nicht, weil sie ihn interessierte. Selbstverständlich nicht. Sondern weil Geheimnisse in Hogwarts gefährlich waren. Das war alles. Zumindest redete er sich das ein.
Der Weg zu den Kerkern verlief schweigend. Severus empfand das normalerweise als ausgesprochen angenehmen Zustand. Bei Lucinda Stonefield war Schweigen allerdings selten tatsächlich still. Er konnte förmlich spüren, wie das Mädchen neben ihm nachdachte. Vermutlich darüber, wie sie seinen Fragen entkommen konnte. Oder welche möglichst nichtssagende Erklärung sie ihm für ihren Zustand auftischen würde, falls er noch einmal danach fragte.
Ich war unterwegs.
Severus' Mundwinkel zuckte beinahe. Eine beeindruckende Auskunft. Wirklich. Er öffnete die Tür zu seinem Büro und trat zur Seite. >>Herein.<<
Stonefield blieb auf der Schwelle stehen. Ihr Blick wanderte in den Raum. Dann zu ihm. >>Keine Sorge, Miss Stonefield. Der Kerker ist weitgehend ungefährlich.<<
Ihre Augen verengten sich leicht. >>Weitgehend?<<
>>Treten Sie ein.<<
>>Das beantwortet meine Frage nicht.<<
>>Das war auch nicht meine Absicht.<< Da war wieder dieses kaum sichtbare Zucken ihrer Mundwinkel. Severus schloss die Tür hinter ihr. >>Setzen Sie sich.<<
Stonefield nahm auf dem Stuhl vor seinem Schreibtisch Platz, während Severus zu einem der verschlossenen Schränke ging. Er öffnete ihn. Reihen sorgfältig beschrifteter Phiolen kamen zum Vorschein. Seine Hand wanderte ohne Zögern zu einem kleinen Fläschchen mit blassblauer Flüssigkeit. Als er sich wieder umdrehte, betrachtete Stonefield seine Regale.
Nicht neugierig wie ein gewöhnlicher Schüler. Eher...fachkundig. Ihr Blick glitt über die Phiolen, blieb an einigen Zutaten hängen und wanderte weiter. Wieder etwas, das ihm auffiel. Natürlich. Inzwischen schien ihm bei diesem Mädchen grundsätzlich alles aufzufallen. Ärgerlich.
Severus stellte die Phiole vor ihr auf den Tisch. >>Trinken.<<
Stonefield betrachtete die Flüssigkeit. Dann ihn. >>Was ist das?<<
Severus hob langsam eine Augenbraue. >>Sie befinden sich im Büro des Lehrers für Zaubertränke und fragen mich ernsthaft, was sich in einer Phiole befindet, die ich Ihnen gerade gegeben habe?<<
>>Ein Heiltrank, nehme ich an.<<
>>Ihre Auffassungsgabe ist beeindruckend.<<
Sie nahm das Fläschchen in die Hand. Drehte es einmal zwischen den Fingern. Und roch daran. Severus starrte sie an. >>Glauben Sie ernsthaft, ich würde Sie vergiften?<<
Stonefield sah auf. >>Nein.<< Eine kurze Pause. >>Aber alte Gewohnheiten sind schwer abzulegen.<<
Severus wurde still. Das war wieder so ein Satz. Eine beiläufige Bemerkung, die aus dem Mund einer Vierzehnjährigen vollkommen falsch klang.
Alte Gewohnheiten. Welche alten Gewohnheiten?
Er wollte fragen. Natürlich wollte er fragen. Aber Stonefield setzte die Phiole bereits an die Lippen und trank. Ihr Gesicht verzog sich augenblicklich. >>Scheußlich.<<
Severus verschränkte die Arme. >>Es handelt sich um Medizin, nicht um Kürbissaft.<<
>>Man könnte trotzdem versuchen, den Geschmack weniger nach vergorenem Moos zu gestalten.<<
>>Die Wirksamkeit eines Trankes wird nicht anhand seiner geschmacklichen Qualität beurteilt.<<
>>Das sagen vermutlich nur Menschen, deren Tränke nach vergorenem Moos schmecken.<<
Stille. Stonefields Augen wurden einen Hauch größer. Offenbar hatte sie erst nach dem Aussprechen bemerkt, was sie gerade gesagt hatte. Severus sah sie an. Sie sah zurück. >>Miss Stonefield.<<
>>Professor.<<
>>Sie bewegen sich auf ausgesprochen dünnem Eis.<<
>>Dann sollte ich mich vermutlich nicht zusätzlich darauf setzen.<<
Severus schloss kurz die Augen. Bei Merlin. Dieses Mädchen. >>Geben Sie mir Ihre Hand.<<
Sie blinzelte. >>Warum?<<
>>Weil ich sehen möchte, ob der Trank wirkt.<<
Zögernd streckte sie ihm die rechte Hand entgegen. Severus nahm sie am Handgelenk. Die Haut war kühl. Über ihrem Handballen zogen sich mehrere oberflächliche Schürfwunden. Nichts Ernstes. Dennoch mussten einige davon schmerzhaft gewesen sein. Unter seinem Blick begannen sich die feinen Verletzungen bereits zu schließen. Gut.
Severus wollte ihre Hand loslassen. Tat es jedoch einen Moment zu spät. Nur einen Moment. Kaum merklich. Dann gab er sie frei. >>Die übrigen Verletzungen sollten innerhalb der nächsten Stunde verschwinden.<<
Stonefield betrachtete ihre Hand. >>Danke.<<
Diesmal lag keinerlei trockener Unterton in ihrer Stimme. Nur ehrliche Dankbarkeit. Und plötzlich sah Severus wieder das andere Mädchen. Das mit dem Bowtruckle in den Armen. Warm. Sanft. Vollkommen anders als die rätselhafte Schülerin, die ihm wenige Minuten zuvor mit ausdrucksloser Miene erklärt hatte, sie sei eben unterwegs gewesen.
Zwei Seiten. Nein. Das war falsch. Es waren keine zwei Personen. Langsam begann Severus genau das zu begreifen. Es war dieselbe. Und aus irgendeinem Grund machte diese Erkenntnis sie nicht weniger rätselhaft. Sondern erheblich interessanter. >>Miss Stonefield.<< Sie blickte auf. >>Was immer Sie heute getan haben...<< Ihre Haltung versteifte sich augenblicklich. Da war die Mauer wieder. Severus bemerkte es sofort. >>...ich würde Ihnen empfehlen, beim nächsten Mal zumindest zu bedenken, dass Hogwarts über eine Krankenstation verfügt.<<
Überraschung flackerte über ihr Gesicht. Offenbar hatte sie mit einer weiteren Befragung gerechnet. >>Das werde ich.<<
Severus glaubte ihr kein Wort. >>Natürlich.<<
Sie erhob sich. An der Tür hielt sie noch einmal inne. >>Professor?<<
>>Was?<<
>>Danke. Für den Trank.<<
Severus nickte knapp. >>Versuchen Sie lediglich, nicht morgen mit noch schwereren Verletzungen vor meiner Tür zu stehen.<<
Stonefield legte den Kopf leicht schief. >>Ich werde mir Mühe geben.<<
>>Das klingt wenig beruhigend.<<
>>Mehr kann ich Ihnen leider nicht versprechen.<<
Natürlich nicht. Severus deutete zur Tür. >>Hinaus.<<
Diesmal lächelte sie tatsächlich. Nur ganz kurz. Dann verschwand sie. Die Tür fiel ins Schloss. Severus blieb zurück. Sein Blick ruhte auf der leeren Phiole. Er hätte weiter nachfragen sollen. Er hätte wissen müssen, wo sie gewesen war.
Warum sie während der ersten Aufgabe verschwunden war. Warum sie anschließend ausgerechnet aus Dumbledores Büro kam. Und weshalb sie aussah, als hätte sie mehrere Stunden in irgendeinem vergessenen Winkel dieses Schlosses verbracht. Vor allem hätte er Dumbledore fragen können.
Doch irgendetwas sagte Severus, dass Albus ihm ohnehin nur eines seiner unerträglich vielsagenden Lächeln schenken würde. Er nahm die leere Phiole.
Alte Gewohnheiten sind schwer abzulegen. Wieder dieser Satz.
Severus stellte das Fläschchen etwas energischer als nötig zurück in den Schrank. Nein. Er würde sich damit nicht beschäftigen. Lucinda Stonefield war eine Schülerin seines Hauses. Eine ungewöhnlich begabte Schülerin. Eine verdächtige Schülerin. Mehr nicht.
Dass er zunehmend wissen wollte, wer sich hinter all diesen Widersprüchen verbarg, war nichts weiter als professionelle Wachsamkeit. Severus hielt inne. Dann verzog er das Gesicht. Selbst in seinen eigenen Gedanken klang das inzwischen wenig überzeugend.
***
Lucinda PoV
Professor Snape war seltsam. Gut. Das war vermutlich keine besonders bahnbrechende Erkenntnis. Professor Snape war immer seltsam. Aber in letzter Zeit war er auf eine völlig neue Art seltsam.
Ich saß in einer abgelegenen Ecke der Bibliothek und betrachtete meine rechte Hand. Kein Kratzer mehr. Nicht einmal eine Rötung. Der Trank hatte ausgezeichnet gewirkt. Natürlich hatte er das. Er stammte schließlich von Professor Snape. Trotzdem verstand ich sein Verhalten nicht.
Er hatte bemerkt, dass ich bei der ersten Aufgabe gefehlt hatte. Allein das bereitete mir Unbehagen. Hunderte Schüler waren auf den Tribünen gewesen. Professor Snape hätte genug andere Dinge zu beobachten haben müssen.
Harry. Den Hornschwanz. Seine eigenen Schüler. Die anderen Champions. Und trotzdem hatte er registriert, dass ausgerechnet ich nicht dort gewesen war.
Warum? Ich zog ein Pergament zu mir. Nein. Darüber würde ich nicht nachdenken. Professor Snape war mein Hauslehrer. Natürlich achtete er auf seine Schüler. Das war vollkommen normal. Vermutlich. Dass er mich anschließend persönlich in sein Büro gebracht und mir einen Heiltrank gegeben hatte, gehörte sicherlich ebenfalls zu seinen Pflichten. Ganz bestimmt.
Und seine ständigen Blicke? Misstrauen. Eindeutig. Das ergab wenigstens Sinn. Ich hatte ihm schließlich genug Gründe geliefert, mich merkwürdig zu finden. Mein Wissen. Meine Leistungen in Zaubertränke. Moody. Meine gelegentlich etwas, ich verzog den Mund, ungeschickten Antworten. Vielleicht sollte ich in seiner Gegenwart einfach weniger reden. Das erschien mir vernünftig. Unwahrscheinlich, aber vernünftig.
Ich nahm meine Feder. Es gab ohnehin Wichtigeres als Professor Severus Snape und seine zunehmend merkwürdige Aufmerksamkeit. Vor mir lagen mehrere Pergamente. Namen. Zeiten. Aussagen. Vermutungen. Und bislang führte keine einzige Spur irgendwohin. Ich tunkte die Feder ins Tintenfass.
Wer hatte Zugang zum Feuerkelch gehabt? Wer war mächtig genug gewesen, Dumbledores Alterslinie zu überwinden? Und vor allem: Wer hatte einen Grund, Harry Potter in dieses Turnier zu zwingen? Das war die Frage, die mich nicht losließ.
Harry hatte die erste Aufgabe überlebt. Diesmal. Darauf durfte ich mich nicht verlassen. Jemand hatte seinen Namen in diesen Kelch geworfen. Jemand wollte ihn in diesem Turnier haben. Und ich glaubte nicht eine Sekunde daran, dass dahinter ein harmloser Scherz steckte.
Mein Blick wanderte zum leeren Platz mir gegenüber. Ruby war nicht hier. Sie hatte sich zurückgezogen, um sich mit einem ganz anderen Rätsel zu beschäftigen. Toms Tagebuch. Allein bei dem Gedanken daran zog sich etwas in meiner Brust zusammen.
Mehr als fünfzig Jahre hatte es in der Kammer gelegen. Versiegelt. Verborgen. Und jetzt lag es in Rubys Händen. Sie hatte mir versprochen, herauszufinden, welche Magie das Siegel schützte und ob es eine alchemistische Möglichkeit gab, es zu brechen. Ich vertraute ihr. Wenn jemand einen Weg fand, dann Ruby.
Also musste ich mich um das andere Problem kümmern. Harry. Den Feuerkelch. Denjenigen, der hinter all dem steckte.
Ich beugte mich wieder über meine Aufzeichnungen. Professor Snape konnte warten. Seine Blicke konnten warten. Seine Fragen konnten warten. Und dieses merkwürdige Gefühl, das sein Verhalten inzwischen in mir auslöste, konnte ganz besonders warten. Ich setzte die Feder aufs Pergament.
Verdächtige.
Darunter schrieb ich den ersten Namen.
Igor Karkaroff.
Dann den nächsten.
Ludo Bagman.
Meine Feder hielt inne. Langsam setzte ich sie wieder auf.
Alastor Moody.
Ich betrachtete den Namen. Irgendetwas stimmte mit diesem Mann nicht. Ich wusste nur noch nicht, was. Und diesmal würde ich nicht aufhören zu suchen, bis ich es herausgefunden hatte. Professor Snape wollte offenbar sein Rätsel lösen. Nun. Ich hatte mein eigenes.