Ein Niffler für Lucinda
Ein Niffler für Lucinda
23 Ein Niffler für Lucinda
Lucinda PoV
Es gab Probleme, die ließen sich mit Geduld lösen. Andere verlangten nach einem guten Plan. Und dann gab es jene Sorte Problem, bei der man nach mehreren Stunden in der Bibliothek irgendwann ernsthaft darüber nachdachte, den Kopf so lange gegen ein Bücherregal zu schlagen, bis entweder eine Eingebung kam oder Madam Pince einen hinauswarf. Mein Problem gehörte eindeutig zur dritten Kategorie.
Ich starrte auf die Pergamente vor mir. Namen. Zeiten. Aussagen. Vermutungen. Nichts. Absolut gar nichts.
Ich hatte mittlerweile beinahe jeden halbwegs brauchbaren Hinweis verfolgt, der mir eingefallen war. Wer hatte Zugang zum Feuerkelch gehabt? Wer konnte Dumbledores Alterslinie überwinden? Wer hatte überhaupt einen Grund, Harry in das Turnier zu schleusen?
Die letzte Frage war gleichzeitig die wichtigste. Denn ich glaubte nicht eine Sekunde daran, dass jemand Harrys Namen aus einem dummen Scherz heraus in den Feuerkelch geworfen hatte. Dahinter steckte eine Absicht.
Ich kannte diese Art von Spielen. Tom liebte sie. Man brachte Figuren in Stellung, ohne dass sie bemerkten, dass sie längst Teil eines größeren Plans waren. Man zwang Menschen auf ein Spielfeld und ließ sie glauben, sie hätten selbst entschieden, dort zu stehen. Genau deshalb machte mir Harrys Teilnahme solche Sorgen. Und genau deshalb brachte es mich beinahe um den Verstand, dass ich nichts fand.
Seufzend ließ ich die Feder fallen.
>>Wenn du das Pergament noch länger anstarrst, gesteht es vielleicht freiwillig.<<
Ich hob den Kopf.
Ruby saß mir gegenüber und hatte ihr Kinn auf eine Hand gestützt.
>>Sehr witzig.<<, brummte ich, doch sie grinste nur.
>>Danke.<<
>>Das war kein Kompliment.<<
>>Ich habe beschlossen, es trotzdem als eines zu betrachten.<<
Ich verdrehte die Augen und sammelte meine Aufzeichnungen zusammen. >>Es ergibt keinen Sinn. Jemand muss Harrys Namen hineingeworfen haben. Und zwar jemand, der mächtig genug ist, den Kelch zu täuschen.<<
Ruby wurde ernster. >>Das wissen wir.<<
>>Aber wir wissen nicht, wer.<<
>>Noch nicht.<<
Dieses kleine Wort sollte vermutlich beruhigend wirken. Tat es nicht. Ich stopfte die Pergamente in meine Tasche. Seit Tagen versuchte ich, etwas herauszufinden, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Was zunehmend schwieriger wurde. Vor allem wegen Professor Snape.
Seine Blicke waren mir nicht entgangen. Im Unterricht. In der Großen Halle. Auf den Korridoren. Nie lange genug, dass jemand anderes etwas bemerkt hätte. Aber ich bemerkte es. Natürlich bemerkte ich es. Ich wusste nur nicht, was genau er beobachtete. Mich? Mein Verhalten? Meine Gespräche mit Ruby? Oder hatte Dumbledore ihn längst auf mich angesetzt?
Der Gedanke gefiel mir überhaupt nicht. Ich musste vorsichtiger werden. Unauffälliger. Keine Zwischenfälle. Keine unnötige Aufmerksamkeit. Keine Schlagzeilen. Einfach Lucinda Stonefield. Slytherin. Vierzehn Jahre alt. Vollkommen uninteressant. Ein hervorragender Plan.
Er hielt ungefähr bis zur nächsten Unterrichtsstunde.
>>Heute habe ich euch was Besonderes mitgebracht!<<
Hagrid strahlte. Das allein hätte mich warnen müssen. Wir standen am Rand des Verbotenen Waldes und ich genoss die kühle Luft, welche mir wenigstens ein wenig den Kopf freimachte. Der Boden war vom Regen der vergangenen Nacht noch feucht und Draco hatte bereits mehrfach lautstark darauf hingewiesen, dass seine Schuhe vermutlich mehr kosteten als Hagrids Hütte.
Hagrid ignorierte ihn. Neben ihm stand eine Holzkiste. Sie bewegte sich.
>>Was ist da drin?<<, fragte Ruby neben mir.
>>Wenn wir Glück haben, nichts mit Zähnen.<<
Draco, der vor uns stand, drehte sich um. >>Bei Hagrid? Träum weiter.<<
Hagrid öffnete die Kiste. Ein schwarzes Fellknäuel schoss heraus. Pansy kreischte. Draco sprang zurück. Ich blinzelte.
Das Wesen landete auf allen vieren, richtete sich auf und sah sich mit glänzenden schwarzen Augen um. Meine Anspannung war mit einem Schlag vergessen. >>Ein Niffler.<<
Hagrid grinste. >>Ganz genau!<<
Der kleine Kerl schnupperte aufgeregt in der Luft und betrachtete uns nacheinander. Dabei wirkte er weniger wie eine gefährliche magische Kreatur und mehr wie ein überaus neugieriger Besucher, der bereits abschätzte, welcher von uns die wertvollsten Besitztümer bei sich trug.
Unwillkürlich musste ich lächeln. Magische Wesen hatten schon immer etwas Beruhigendes auf mich ausgeübt. Vielleicht weil sie nicht urteilten.
Ihnen war vollkommen egal, welchen Nachnamen man trug, welchem Haus man angehörte oder welches Blut durch die eigenen Adern floss.
>>Wie heißt er?<<, fragte ich.
Hagrid kratzte sich am Bart. >>Midas.<<
Ich hob eine Augenbraue. >>Wie König Midas?<<
>>Jep. Passt doch, oder? Alles, was glänzt, muss ihm gehören.<<
Der Niffler quiekte zustimmend. Ruby grinste. >>Zumindest scheint er seinen Namen zu mögen.<<
>>Oder er plant bereits den nächsten Raubzug.<<, pflichtete ich bei.
Midas schnupperte. Sein Kopf schnellte herum. Seine schwarzen Augen fixierten mich. Ich erstarrte. >>Warum sieht er mich so an?<<
Ruby betrachtete mich. >>Keine Ahnung. Besonders viel Schmuck trägst du jedenfalls nicht.<<
Das stimmte. Absichtlich. Je unauffälliger ich aussah, desto besser. Midas schien das allerdings nicht zu interessieren. Er kam auf mich zu. Langsam. Schnuppernd. >>Lucinda<<, sagte Ruby.
>>Ich sehe es.<<
Midas blieb unmittelbar vor meinen Schuhen stehen. Er richtete sich auf. Dann streckte er beide Vorderpfoten nach mir aus. Ich sah Hagrid an. >>Was möchte er?<<
>>Schwer zu sagen.<<
Sehr hilfreich. Vorsichtig ging ich in die Hocke. >>Hallo, Kleiner.<<
Midas schnupperte an meinen Fingern. Ich ließ ihn gewähren. Dann legte er eine winzige Pfote in meine Hand. Mein Lächeln wurde breiter. >>Du bist ja niedlich.<<
Draco schnaubte. >>Bis er dir die Taschen ausräumt.<<
Ich warf ihm einen Blick über die Schulter zu. >>Vielleicht erkennt er einfach Menschen mit schlechtem Charakter und beschränkt seine Diebstähle auf sie.<<
Ruby hustete verdächtig. Draco verzog das Gesicht. Midas quiekte. Dann kletterte er kurzerhand an meinem Arm hinauf. >>Oh.<< Über meine Schulter.
>>Ähm…<< Und schmiegte sich schließlich an meinen Hals.
Ruby grinste. >>Er mag dich.<<
>>Offenbar.<< Ich strich vorsichtig über sein weiches Fell. Midas gab ein zufriedenes Geräusch von sich.
Hagrid betrachtete uns geradezu gerührt. >>Hab ich mir gedacht.<<
Ich sah ihn an. >>Was?<<
>>Dass ihr euch verstehen würdet. Tiere merken sowas.<<
Seine Worte berührten mich mehr, als ich zeigen wollte. Also konzentrierte ich mich wieder auf Midas. >>Solange du mir nichts klaust, werden wir ausgezeichnet miteinander auskommen.<< Der Niffler blinzelte.
Ruby legte den Kopf schief. >>Warum habe ich das Gefühl, dass du das gerade bereuen wirst?<<
Ich ignorierte sie. Ein Fehler. Ein gewaltiger Fehler.
Denn bereits am nächsten Morgen fand ich eine Münze in meiner Schultasche. Nicht meine. Beim Frühstück lag plötzlich eine goldene Manschettenknopfnadel neben meinem Teller. Ebenfalls nicht meine. Nach Verwandlung entdeckte ich zwei Sickel, einen glänzenden Knopf und etwas, das verdächtig nach dem Verschluss einer Ravenclaw-Schülertasche aussah, in meiner Manteltasche.
Ich blieb mitten im Korridor stehen. >>Ruby.<<
>>Hm?<<
Ich hielt ihr meine Beute hin. >>Warum finde ich überall glänzende Dinge?<<
Sie betrachtete meine Hand. Dann mich. Dann wieder meine Hand. Langsam breitete sich ein Grinsen auf ihrem Gesicht aus. >>Du hast einen Verehrer.<<
>>Ruby.<<
>>Einen kleinen, pelzigen Verehrer.<<
Ich schloss die Augen. >>Midas.<<
>>Midas.<<
Ich brachte alles zu Hagrid zurück. Damit hielt ich die Angelegenheit für erledigt. Ein Fehler. Midas hatte offenbar beschlossen, dass meine Ablehnung seiner bisherigen Geschenke nur bedeuten konnte, dass er sich mehr Mühe geben musste. Und so kam der silberne Löffel. Ausgerechnet im Unterricht von Professor Snape.
Der Kerker war still. Unnatürlich still. Professor Snape hatte heute eine seiner besonders liebenswerten Stimmungen. Also jene Sorte, bei der selbst Draco Malfoy zweimal darüber nachdachte, bevor er den Mund aufmachte.
Wir brauten einen Stärkungstrank und ich konzentrierte mich verbissen auf meinen Kessel. Nicht nur wegen des Tranks. Professor Snape beobachtete mich wieder. Ich spürte seinen Blick gelegentlich im Rücken und zwang mich jedes Mal, nicht darauf zu reagieren. Keine Auffälligkeiten. Keine Fehler. Keine Aufmerksamkeit.
Ich schnitt gerade eine Wurzel, als irgendwo ein Kratzen ertönte. Kratz. Meine Hand hielt inne. Kratz. Professor Snape hob den Kopf. Sämtliche Schüler verstummten. Kratz.
Langsam drehte er sich zur Tür. Diese bewegte sich. Nur einen winzigen Spalt. Eine schwarze Schnauze erschien. Mir wurde eiskalt. Nein. Bitte nicht. Nicht hier. Midas quetschte sich durch die Tür. Ruby sog scharf die Luft ein.
Draco flüsterte: >>Ist das nicht…<<
>>Kein Wort<<, zischte ich.
Zu spät. Midas sah mich. Seine Augen leuchteten. Er quiekte begeistert. Professor Snape folgte seinem Blick. Dann sah er mich an. Ich wollte im Erdboden versinken. >>Miss Stonefield.<<
>>Professor.<<
>>Warum sieht dieses Tier Sie an?<<
Eine ausgezeichnete Frage. >>Ich weiß es nicht, Sir.<< Midas raste los. >>Midas!<<
Der Niffler schoss durch den Kerker und kam vor meinem Tisch zum Stehen. Dann richtete er sich auf. Und zog mit triumphierender Geste einen silbernen Löffel aus seinem Beutel. Stille. Absolute Stille. Er hielt ihn mir entgegen.
Ich starrte den Löffel an. Dann Midas. >>Nein.<< Quiek. >>Midas, wir haben darüber gesprochen.<<
Professor Snapes Stimme erklang hinter mir. >>Sie haben mit ihm gesprochen?<<
Ich schloss kurz die Augen. >>Nicht über einen Löffel, Sir.<<
Ruby gab ein ersticktes Geräusch von sich. Midas schob mir das Besteck entgegen. >>Ich möchte ihn nicht.<< Quiek. >>Er gehört jemand anderem.<<
Der Niffler sah mich an, als hätte ich gerade seine gesamte Existenz beleidigt. Professor Snape trat näher. Sein Blick wanderte auf den Löffel. >>Aus der Großen Halle.<<
Natürlich. Woher sonst? Ich atmete tief durch. >>Midas, gib ihn mir.<<
Er reichte ihn mir sofort. Ruby hob überrascht eine Augenbraue. Ich ebenfalls.
>>Danke. Und jetzt bringe ich ihn zurück.<< Midas' Gesicht fiel förmlich in sich zusammen. >>Diebstahl ist kein Geschenk.<< Empörtes Quieken. >>Doch.<< Quiek. >>Nein.<< Quiek! >>Du kannst diskutieren, so viel du möchtest.<<
Professor Snape beobachtete unseren Wortwechsel mit einem Ausdruck, den ich nicht deuten konnte. >>Miss Stonefield.<<
Ich blickte zu ihm auf. >>Ja, Professor?<<
>>Warum schenkt Ihnen ein Niffler Besteck?<<
Hinter mir brach jemand in Gelächter aus. Ich weigerte mich herauszufinden, wer. >>Das wüsste ich ebenfalls gerne.<<
Snape streckte die Hand aus. >>Den Löffel.<<
Ich wollte ihn ihm geben. Midas fauchte. Professor Snape sah ihn an. Midas sah zurück. Oh nein. Es entstand eine Pattsituation zwischen dem Meister der Zaubertränke und einem Niffler. >>Wage es nicht<<, sagte Snape gefährlich leise.
Midas sprang. >>Midas!<<
Der Niffler landete auf Snapes Pult. Drei Phiolen fielen herunter. Eine zerbrach. Grüner Rauch stieg auf. Pansy kreischte. Draco sprang zurück. >>STONEFIELD!<<
>>ICH HABE NICHTS GEMACHT!<<
Midas schnappte sich den Löffel. Er raste zwischen den Tischen hindurch.
>>Fangen Sie dieses Tier!<<, zischte Snape, als ich mich auch schon erhob.
>>Ich versuche es!<<
Ich jagte ihm hinterher. Midas wich Crabbe aus. Goyle stolperte über dessen Fuß. Draco sprang zur Seite und stieß gegen einen Tisch. Ruby lachte mittlerweile so sehr, dass sie sich am Kessel festhalten musste.
>>Das ist nicht lustig!<<
>>Doch!<<, brachte sie hervor.
>>Midas! Komm sofort her!<<
Der Niffler stoppte. Er drehte sich um. Dann rannte er tatsächlich zu mir. Er sprang in meine Arme und drückte mir erneut den Löffel entgegen.
Ich starrte ihn an. >>Du bist eine Katastrophe.<<
Midas schmiegte sich zufrieden an mich. Langsam hob ich den Blick. Professor Snape stand mitten im verwüsteten Kerker. Grüner Rauch zog hinter ihm durch den Raum. Sein Gesicht war vollkommen ausdruckslos. Das war schlimmer als Zorn. >>Professor…<<
>>Kein. Wort.<<
Ich schloss den Mund. Sein Blick fiel auf Midas. >>Hagrid.<< Dann auf mich. >>Sofort.<<
Ich nickte. >>Ja, Sir.<< Ich wollte gehen.
>>Miss Stonefield.<< Ich blieb stehen. >>Der Löffel.<<
Ich sah hinunter. Midas hielt ihn noch immer fest. >>Gib ihn her.<< Er klammerte sich daran. >>Midas.<< Quiek. >>Sofort.<< Knurren. >>Du bekommst ihn nicht zurück.<<
Er zog. Ich zog. Midas zog stärker. Plötzlich ließ er los. Ich taumelte rückwärts. Ruby fing mich auf. Ich legte den Löffel wortlos auf Professor Snapes Pult.
>>Fünf Punkte Abzug für Slytherin.<<
Mein Mund fiel auf. >>Aber Professor!<<
>>Zehn.<<
Ich presste die Lippen zusammen. Midas quiekte empört. Professor Snape hob eine Augenbraue. >>Möchte Ihr Verehrer die Verhandlungen fortsetzen?<<
Ruby brach endgültig zusammen.
***
Leider blieb es nicht bei dem Löffel. Midas brachte mir eine Taschenuhr. Eine Brosche. Vier Münzen. Einen goldenen Schnürsenkelverschluss. Einen silbernen Fingerhut. Eine kleine Glocke. Und – bis heute wusste niemand, wie er das geschafft hatte – Professor Flitwicks Brillengestell.
Hogwarts liebte es. Ich nicht. Denn innerhalb von drei Tagen wusste die gesamte Schule davon. Wenn ich einen Korridor betrat, hörte ich:
>>Da ist sie!<<
>>Stonefield! Wo ist dein Niffler?<<
>>Hat er dir heute schon was geschenkt?<<
Ich wollte unsichtbar sein. Stattdessen wurde ich zum wandelnden Niffler-Magneten. Und dann kam Castor Thornbloom. Natürlich.
Es war nach dem Mittagessen. Ruby und ich liefen durch den Innenhof, als Castor vor uns auftauchte. Er schenkte mir sein charmantestes Lächeln.
>>Lucinda.<<
>>Nein.<<
Er blinzelte. >>Ich habe noch gar nichts gesagt.<<
>>Ich spare uns Zeit.<<
Ruby grinste. Castor ließ sich nicht beirren. >>Ich wollte fragen, ob du vielleicht später mit mir…<<
Ein tiefes Knurren erklang. Wir erstarrten. Ich kannte dieses Knurren inzwischen. Langsam sah ich nach unten. Midas saß zwischen meinen Füßen. >>Wo kommst du denn her?<<
Der Niffler ignorierte mich. Er starrte Castor an. Castor starrte zurück. >>Warum sieht er mich so an?<<
>>Vielleicht mag er dich nicht.<<
Ruby verschränkte die Arme. >>Ich glaube, er ist eifersüchtig.<<
Ich sah sie entgeistert an. >>Auf Castor?<<
Midas knurrte erneut. Ruby deutete auf ihn. >>Ich nehme alles zurück. Er ist definitiv eifersüchtig.<<
Castor schnaubte. >>Das ist lächerlich.<<
Er trat näher. Midas fauchte. >>Midas<<, warnte ich.
Castor grinste. >>Keine Sorge, Lucinda. Ich komme mit einem kleinen…<< Midas sprang. >>…Tier klar!<<
Zu spät. Der Niffler landete auf Castors Brust. >>RUNTER!<<
Midas krallte sich an seiner Robe fest. >>Midas!<< Ich versuchte ihn zu packen.
Er wich aus. Castor drehte sich hektisch im Kreis. >>MACH DAS DING WEG!<<
>>Bleib stehen!<<
>>ES KRABBELT IN MEINE ROBE!<<
Ruby lehnte mittlerweile an einer Säule und bekam kaum noch Luft. >>Lucinda… ich kann nicht…<<
>>Das ist nicht lustig!<<
>>Doch!<<
Castor sprang auf und ab. Plötzlich kam Midas wieder zum Vorschein. Mit etwas Goldenem zwischen den Zähnen. Castor erstarrte. >>Meine Uhr.<< Midas sprang zu Boden. >>Meine Uhr!<<
Der Niffler raste zu mir. Castor hinterher. Midas versteckte sich hinter meinen Beinen. >>Gib sie zurück.<< Der Niffler schüttelte den Kopf. >>Midas. Sie gehört Castor.<<
Midas sah Castor an. Dann mich. Dann stopfte er die Uhr demonstrativ in seinen Beutel. Ruby rutschte an der Säule hinunter. >>Er… akzeptiert… keine Konkurrenz…<<
>>Ruby!<< Castor zeigte empört auf das Tier. >>Er hat meine Uhr gestohlen!<<
>>Ich habe es gesehen.<<
>>Dann tu etwas!<<
Ich stemmte die Hände in die Hüften. >>Midas. Gib. Die. Uhr. Zurück.<< Er duckte sich. >>Sofort.<<
Langsam griff er in seinen Beutel. Er holte etwas heraus. Und legte es in meine Hand. Ich sah hinunter. Ein Sickel. >>Das ist nicht die Uhr.<< Midas legte noch einen Sickel dazu. >>Du kannst mich nicht bestechen.<< Eine goldene Münze. Ruby heulte inzwischen vor Lachen.
>>Midas!<<
Er quiekte beleidigt. Dann holte er endlich Castors Uhr hervor. Ich reichte sie ihm. Castor nahm sie entgegen. Sein Blick wanderte zwischen mir und dem Niffler hin und her. >>Ich wollte dich eigentlich nach Hogsmeade einladen.<<
Midas fauchte. Castor hob beide Hände. >>Vergiss es.<<
Er ging. Ruby und ich sahen ihm hinterher. Dann blickte ich zu Midas. Der Niffler kletterte an meiner Robe hinauf und setzte sich zufrieden auf meine Schulter.
>>Das war Absicht.<< Quiek. >>Du warst eifersüchtig.<< Quiek.
Ruby legte mir eine Hand auf die Schulter. >>Ich fürchte, du bist vergeben.<<
>>An einen Niffler?<<
>>Er macht dir Geschenke, vertreibt andere Verehrer und folgt dir überallhin. Ehrlich gesagt gibt er sich mehr Mühe als die meisten Jungen in Hogwarts.<<
Ich musste lachen. Ich wollte es nicht. Aber ich konnte nicht anders. Midas schmiegte seine Schnauze an meine Wange. Und für einen Moment waren der Feuerkelch, Harry, meine Erinnerungen und sogar Professor Snapes misstrauische Blicke weit weg.
Vielleicht war genau das der Grund, weshalb Hogwarts Midas so schnell ins Herz schloss. Die vergangenen Wochen waren angespannt gewesen. Das Turnier. Harrys unerwartete Teilnahme. Die Gerüchte. Die Angst. Überall schienen Fronten zu entstehen.
Doch wenn ein kleiner schwarzer Niffler durch die Große Halle raste, Professor Flitwick seine Brille zurückbringen musste und Draco beim Anblick des Tieres vorsorglich sämtliche Wertsachen festhielt, lachten plötzlich Gryffindors neben Slytherins. Ravenclaws wetteten darauf, was Midas mir als Nächstes bringen würde. Hufflepuffs fertigten eine Liste der gestohlenen Gegenstände an.
Selbst einige Lehrer schienen Mühe zu haben, ernst zu bleiben. Professor Snape gehörte nicht dazu. Zumindest behauptete er das.
Ich war mir ziemlich sicher, einmal gesehen zu haben, wie sein Mundwinkel zuckte, als Midas Draco mitten beim Frühstück die silberne Gabel aus der Hand gezogen hatte. Aber das würde ich niemals beweisen können. Leider bemerkte noch jemand die Geschichte. Rita Kimmkorn. Natürlich.
***
Drei Tage später landete eine Sonderausgabe des Tagespropheten auf meinem Frühstücksteller. Ich sah mein eigenes Gesicht. Daneben Midas. Groß. Sehr groß.
Ich schloss die Augen. >>Nein.<<
Ruby griff nach der Zeitung. Ihre Augen wurden riesig. Dann begann sie zu lachen.
>>Nein.<<, wiederholte ich.
>>Lucinda…<<
>>Lies es nicht vor.<<
>>Aber…<<
>>Ruby.<<
Sie räusperte sich dramatisch. > › ‘ Liebe kennt keine Grenzen – Slytherin-Schönheit ero bert das Herz eines Nifflers! ‘‹<
Ich ließ die Stirn auf den Tisch sinken. Um uns herum begann Gelächter. >>Ich hasse mein Leben.<<
Ruby las weiter. > › ‘ Während Hogwarts vom Trimagischen Turnier erschüttert wird, sorgt eine ungewöhnliche Romanze für Gesprächsstoff. Lucinda Stonefield, die geheimnisvolle Slytherin-Schülerin, scheint einen besonders hartnäckigen Verehrer gefunden zu haben. ‘‹<
>>Ich bringe sie um.<<
>>‘ Der kleine Niffler überschüttet seine Auserwählte mit kostbaren Geschenken und verteidigt ihre Gunst offenbar sogar gegen menschliche Konkurrenz.‘<<
Ich hob langsam den Kopf. Am Slytherin-Tisch lachte Draco so sehr, dass er beinahe an seinem Kürbissaft erstickte. Castor hingegen sah aus, als wolle er im Boden versinken. Gut. Wenigstens litt ich nicht allein.
Ruby drehte die Zeitung um. >>Oh, es gibt ein Foto.<<
>>Natürlich gibt es ein Foto.<<
Es zeigte mich im Innenhof. Midas saß auf meiner Schulter und drückte seine Schnauze gegen meine Wange. Ich sah auf dem Bild aus, als hätte ich gerade aufgegeben, mein Leben noch irgendwie unter Kontrolle bekommen zu wollen.
Darunter stand:
DAS NEUE TRAUMPAAR VON HOGWARTS?
Ich legte beide Hände vors Gesicht. >>Dumbledore wird mich umbringen.<<
>>Dumbledore wird lachen.<<
>>Professor Snape wird mich umbringen.<<
Ruby sah zum Lehrertisch. Ich folgte ihrem Blick. Professor Snape hielt ebenfalls eine Ausgabe des Tagespropheten in der Hand. Unsere Blicke trafen sich. Ich sank tiefer auf meinen Platz. Er faltete die Zeitung sehr langsam zusammen. Sein Gesicht verriet nichts. Dann wanderte sein Blick über meine Schulter.
Ich spürte etwas an meinem Haar. >>Oh nein.<<
Ruby grinste. Midas kletterte auf meine Schulter. In seinen Pfoten hielt er etwas Glänzendes. Ich betrachtete es. Eine kleine silberne Schnalle. >>Wo hast du die her?<<
Midas quiekte stolz. Am Lehrertisch stand Professor Snape abrupt auf. Mein Herz blieb stehen. Sein Blick lag auf der Schnalle. Dann sah ich seine Robe an. Genauer gesagt den Verschluss seines Umhangs. Eine Stelle war leer.
Ich sah Midas an. Midas sah mich an. >>Nein<<, flüsterte ich.
Ruby brach neben mir zusammen. Professor Snape kam auf uns zu. Langsam. Bedrohlich. Midas stopfte die Schnalle in meinen Schoß. >>Nimm sie zurück!<<
Er sprang vom Tisch. >>Midas!<<
Der Niffler raste davon. Snape blieb vor mir stehen. Ich hielt seine silberne Schnalle in beiden Händen. Die Große Halle war mucksmäuschenstill.
>>Miss Stonefield.<<
Ich schluckte. >>Professor.<< Sein Blick fiel auf meine Hände. Ich hielt ihm die Schnalle hin. >>Geschenk?<<
Irgendwo am Gryffindor-Tisch prustete jemand los. Professor Snape schloss kurz die Augen. >>Fünf Punkte Abzug für Slytherin.<<
>>Professor!<<
>>Zehn!<<
Ich schwieg. Er nahm die Schnalle. Ruby zitterte neben mir vor unterdrücktem Lachen.
Snape beugte sich ein kleines Stück zu mir. >>Und sorgen Sie dafür, dass dieses diebische Fellknäuel nie wieder meinen Kerker betritt.<<
>>Ja, Professor.<<
Er richtete sich auf. Dann blieb er noch einen Moment stehen. Seine dunklen Augen ruhten auf mir. Und da war es wieder. Dieses sonderbare Beobachten. Nur diesmal lag etwas anderes darin. Etwas, das ich nicht greifen konnte.
Fast, als hätte er mich zum ersten Mal seit Tagen nicht wie ein Rätsel betrachtet, sondern einfach nur als ein Mädchen, dessen Leben gerade von einem liebeskranken Niffler ruiniert wurde. Sein Mundwinkel zuckte. Ganz leicht.
Dann drehte er sich um. Ich starrte ihm hinterher.
>>Hast du das gesehen?<<, flüsterte Ruby.
>>Nein.<<
>>Er hat gelächelt.<<
>>Nein.<<
>>Lucinda…<<
>>Professor Snape lächelt nicht.<<
>>Offenbar schon, wenn ein Niffler dir seinen Umhangverschluss schenkt.<<
Ich griff nach dem Tagespropheten. Rollte ihn zusammen. Und schlug Ruby damit auf den Arm. Sie lachte. Ich schließlich auch. Midas hatte mir keine Antworten gebracht. Ich wusste noch immer nicht, wer Harrys Namen in den Feuerkelch geworfen hatte. Ich wusste nicht, welches Spiel in Hogwarts gespielt wurde. Und ich wusste erst recht nicht, warum Professor Snape mich in letzter Zeit so aufmerksam beobachtete. Aber zum ersten Mal seit Tagen fühlten sich diese Fragen nicht ganz so erdrückend an.
Vielleicht brauchte selbst Hogwarts manchmal keine Antworten. Vielleicht brauchte es manchmal einfach einen kleinen Niffler namens Midas, der Besteck stahl, Verehrer vertrieb und einen daran erinnerte, zwischendurch zu lachen. Auch wenn ich Rita Kimmkorn für die Bezeichnung ›Traumpaar‹ niemals verzeihen würde. Midas hingegen? Der war vermutlich stolz darauf.
***
Severus PoV
Severus rauschte durch die Korridore, den schwarzen Umhang wie eine drohende Gewitterwolke hinter sich herziehend. Zwanzig Punkte. Zwanzig Punkte hatte er Slytherin heute abgezogen. Wegen eines Nifflers.
Ein Gedanke, der allein schon ausreichte, seine ohnehin angespannte Miene noch finsterer werden zu lassen. Mehrere Schüler, die ihm entgegenkamen, machten instinktiv Platz. Gut. Wenigstens funktionierte sein Ruf noch zuverlässig.
Mit einem energischen Schwung öffnete er die Tür zu seinem Büro, trat ein und ließ sie hinter sich ins Schloss fallen. Erst dann blieb er stehen. Stille. Endlich.
Kein Gelächter. Kein aufgeregtes Quieken. Keine Lucinda Stonefield, die mit einer gestohlenen Silberschnalle in beiden Händen vor ihm saß und aussah, als würde sie am liebsten zwischen den Bodenplatten der Großen Halle verschwinden.
Severus schloss für einen kurzen Moment die Augen. Ein Fehler. Sofort tauchte das Bild wieder vor seinem inneren Auge auf. Lucinda. Der Niffler auf ihrer Schulter. Diese Mischung aus Fassungslosigkeit, Peinlichkeit und unterdrückter Verzweiflung in ihrem Gesicht. Und dann ihre vollkommen ernst gemeinte Frage.
Geschenk?
Severus öffnete die Augen wieder. Sein Blick fiel auf die silberne Schnalle, die er noch immer in der Hand hielt. Langsam legte er sie auf den Schreibtisch. Dieses Tier war eine Plage. Eine wandelnde Naturkatastrophe mit Fell. Und offenbar hoffnungslos vernarrt in Lucinda Stonefield.
Warum ausgerechnet sie? Diese Frage hatte er sich bereits im Unterricht gestellt. Natürlich wusste Severus, dass magische Geschöpfe gelegentlich ungewöhnliche Bindungen zu Menschen aufbauten. Manche Tiere reagierten sensibler auf Charakter, Magie oder Stimmung als jedes menschliche Gegenüber. Vielleicht hatte dieser Niffler schlicht erkannt, was auch Severus zunehmend auffiel. Dass Lucinda Stonefield nicht in das Bild passte, das sie nach außen hin zu verkörpern versuchte.
Slytherin. Vierzehn Jahre alt. Verschlossen. Distanzierte Haltung. Scharfer Verstand. Doch dahinter lag etwas anderes. Etwas Weicheres. Etwas, das sie mit aller Kraft vor der Welt verbarg.
Severus setzte sich hinter seinen Schreibtisch. Er hatte sie beobachtet, als Hagrid das Tier zum ersten Mal mitgebracht hatte. Nicht offensichtlich. Natürlich nicht. Aber sehr genau.
Während andere Schüler Abstand gehalten, gelacht oder nach ihren Wertsachen gegriffen hatten, war Lucinda ohne Zögern zu dem Tier in die Hocke gegangen. Keine Scheu. Keine Abneigung. Keine herablassende Bemerkung. Nur Geduld. Und Güte. Sie hatte mit dem Niffler gesprochen, als wäre er ein gleichwertiges Wesen und nicht irgendeine kuriose Unterrichtsattraktion.
Das war Severus im Gedächtnis geblieben. Mehr, als es sollte. Er verschränkte die Hände vor sich. Dann war da noch Thornbloom. Allein bei dem Namen verzog sich sein Gesicht.
Castor Thornbloom besaß offenbar die Ausdauer eines besonders lästigen Fluchs. Dass Lucinda ihm regelmäßig einen Korb gab, schien seine Motivation nicht zu beeinträchtigen. Im Gegenteil. Je weniger Interesse sie zeigte, desto größer wurde offenbar sein Ehrgeiz. Töricht. Und durchschaubar.
Severus hatte Schüler wie ihn schon zuhauf erlebt. Junge Männer, die glaubten, Beharrlichkeit sei ein Ersatz für Charakter. Allerdings hatte selbst Severus zugeben müssen, dass die Reaktion des Nifflers auf Thornbloom bemerkenswert gewesen war. Das Tier hatte den Jungen tatsächlich als Rivalen betrachtet.
Bei Merlin. Severus rieb sich über die Stirn. Ein Niffler. Eifersüchtig auf Castor Thornbloom. Wegen Lucinda.
Normalerweise hätte er eine derartige Geschichte für so absurd gehalten, dass er dem Erzähler mindestens zwanzig Punkte wegen Zeitverschwendung abgezogen hätte. Und doch war es geschehen. Vor Zeugen. Im Innenhof. Anschließend hatte Midas Thornblooms Uhr gestohlen.
Severus musste zugeben, dass dieser Teil durchaus einen gewissen Unterhaltungswert besaß. Der Gedanke kam vollkommen unerwünscht. Noch unerwünschter war das leichte Ziehen an seinem Mundwinkel. Sofort zwang er seine Gesichtszüge wieder zur Ordnung. Lächerlich.
Er hatte wesentlich Wichtigeres zu tun, als sich mit den romantischen Besitzansprüchen eines Nifflers zu beschäftigen. Sein Blick fiel auf die Pergamente auf dem Schreibtisch. Unterrichtspläne. Bestellungen. Korrekturen. Ein Brief von Dumbledore.
Nichts davon interessierte ihn im Moment sonderlich. Stattdessen kehrten seine Gedanken erneut zu Lucinda zurück. Das war mittlerweile ein ausgesprochen ärgerliches Muster. Je häufiger er versuchte, sie zu ignorieren, desto öfter schien sie ihm aufzufallen. Und es war nicht einmal ihre offensichtliche Begabung in Zaubertränke , die ihn inzwischen am meisten beschäftigte. Es waren die Widersprüche.
Lucinda Stonefield konnte einem Mitschüler einen derart kalten Blick zuwerfen, dass selbst Draco Malfoy vorsichtiger wurde. Im nächsten Moment behandelte sie ein magisches Geschöpf mit einer Zärtlichkeit, die beinahe vollkommen unbewusst wirkte. Sie konnte Professor Moody offen widersprechen, obwohl sie damit unnötig Aufmerksamkeit auf sich zog. Und zugleich schien jede Form öffentlicher Beachtung ihr körperliches Unbehagen zu bereiten.
Die Schlagzeile von Rita Kimmkorn hatte dies eindrucksvoll bewiesen. Severus hatte genau gesehen, wie sie hinter der Zeitung beinahe verschwunden war. Keine Freude. Keine Eitelkeit. Nicht einmal diese typische geheuchelte Verlegenheit, mit der manche Schülerinnen insgeheim genossen, im Mittelpunkt zu stehen. Lucinda hatte tatsächlich gehofft, der Boden möge sich öffnen und sie verschlucken. Und ausgerechnet das machte die Sache schlimmer. Interessanter.
Severus lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Die meisten Menschen liebten Aufmerksamkeit. Vor allem Schüler. Sie wollten gesehen werden. Gelobt werden. Bewundert werden. Lucinda schien beinahe panische Angst davor zu haben.
Warum? Weil sie einfach zurückhaltend war? Nein. Dafür war ihr Verhalten zu konsequent. Sie kontrollierte sich. Ständig. Severus kannte diese Art von Selbstbeherrschung. Man entwickelte sie nicht ohne Grund.
Menschen, die nichts zu verbergen hatten, mussten nicht jede Bewegung überwachen. Sie mussten Gespräche nicht so vorsichtig führen. Mussten nicht ständig prüfen, wer sie beobachtete. Lucinda Stonefield spielte eine Rolle. Davon war er inzwischen überzeugt. Nur wusste er noch immer nicht, welche.
Ein leises Kratzen riss ihn aus seinen Gedanken. Severus erstarrte. Nein. Das Kratzen wiederholte sich. Direkt an seiner Bürotür. Langsam hob Severus den Blick. Sein Ausdruck verdunkelte sich. >>Das wagst du nicht.<<
Stille. Dann ein leises Quieken. Severus schloss die Augen. Midas. Natürlich.
Er erhob sich. Mit wenigen Schritten war er an der Tür und riss sie auf. Der Korridor war leer. Fast. Direkt vor seinen Füßen saß der Niffler. Midas blickte zu ihm hoch. Severus blickte hinunter. >>Nein.<< Midas legte den Kopf schief. >>Unter keinen Umständen.<<
Der Niffler schnupperte. Dann griff er in seinen Beutel. Severus' Augen verengten sich. >>Was hast du diesmal gestohlen?<<
Midas holte etwas hervor. Eine einzelne Münze. Er hielt sie Severus entgegen. Severus starrte sie an. Dann das Tier. >>Ich lasse mich nicht bestechen.<<
Midas quiekte. >>Nein.<< Die Münze wurde näher an seine Hand geschoben. >>Du hast bereits zwanzig Punkte meines Hauses vernichtet.<< Quiek. >>Du bist in meinen Unterricht eingebrochen.<< Quiek. >>Du hast drei Phiolen zerstört.<< Der Niffler blinzelte. Severus atmete langsam durch die Nase aus. >>Und du hast meinen Umhang beschädigt.<<
Midas sah auf seine Vorderpfoten. Severus hob eine Augenbraue. War dieses Tier ernsthaft schuldbewusst? Dann fiel sein Blick auf die Münze. >>Woher stammt die?<<
Midas quiekte fröhlich. Keine Antwort. Natürlich nicht.
Severus griff schließlich danach. Nur um sie beschlagnahmen zu können. Keineswegs aus einem anderen Grund. Kaum hatte er die Münze genommen, strahlte Midas förmlich. >>Verschwinde.<< Der Niffler blieb sitzen. >>Sofort.<<
Midas schnupperte an seinem Umhang. Severus wich einen Schritt zurück. >>Denk nicht einmal daran.<<
Plötzlich ertönten Schritte am Ende des Korridors. Severus blickte auf. Lucinda erschien um die Ecke. Sie blieb augenblicklich stehen. Ihr Blick fiel auf ihn. Dann auf Midas. Dann auf die Münze in seiner Hand. Für einen Moment herrschte absolute Stille.
Severus wusste sofort, welchen Schluss sie zog. Lucindas Augen wurden groß. >>Professor…<<
Er hob warnend einen Finger. >>Kein Wort.<<
Ihre Lippen pressten sich aufeinander. Midas quiekte begeistert und raste zu ihr. Lucinda ging in die Hocke. >>Da bist du ja! Hagrid sucht dich schon überall.<<
Der Niffler kletterte sofort an ihr hoch. Severus beobachtete, wie sich ihre Haltung veränderte. Die Spannung wich aus ihren Schultern. Ihre Stimme wurde automatisch weicher. >>Du kannst doch nicht einfach ständig verschwinden.<<
Midas schmiegte sich an ihren Hals. Lucinda strich ihm über den Rücken. Dann sah sie wieder zu Severus. Genauer gesagt auf die Münze in seiner Hand. Er bemerkte das gefährliche Funkeln in ihren Augen. >>Miss Stonefield.<<
>>Ich sage nichts.<<
>>Gut.<<
Sie biss sich auf die Unterlippe. Severus kannte diesen Gesichtsausdruck. >>Unterstehen Sie sich.<<
Ihre Mundwinkel zuckten. >>Professor, ich würde niemals…<<
>>Stonefield.<<
Jetzt lachte sie. Nur kurz. Leise. Aber vollkommen echt. Severus verstummte.
Es war ein unerwartetes Geräusch. Nicht das spöttische Lachen, das er gelegentlich bei ihren Auseinandersetzungen mit Draco gehört hatte. Nicht das trockene Schnauben, wenn Ruby irgendeine Bemerkung machte. Einfach ehrliches Lachen.
Lucinda bemerkte seinen Blick und fing sich sofort wieder. >>Entschuldigung.<< Ihre Wangen färbten sich leicht. >>Ich bringe ihn zurück zu Hagrid.<<
Severus nickte. Sie wollte gerade gehen. >>Miss Stonefield.<<
Lucinda drehte sich noch einmal um. >>Ja?<<
Severus blickte auf Midas. Der Niffler saß zufrieden auf ihrer Schulter. Dann wieder zu ihr. >>Versuchen Sie künftig, Ihre Verehrer besser unter Kontrolle zu halten.<<
Lucinda starrte ihn an. Ihre Augen wurden erneut groß. >>Professor!<<
Midas quiekte. Severus wandte sich bereits ab. >>Guten Abend, Miss Stonefield.<<
Er trat zurück in sein Büro und schloss die Tür. Noch bevor sie ganz ins Schloss gefallen war, hörte er Lucindas empörte Stimme auf dem Korridor. >>Das hast du gehört, oder? Das ist alles deine Schuld!<< Midas quiekte fröhlich.
Severus blieb auf der anderen Seite der Tür stehen. Für einige Sekunden sagte er nichts. Dann glitt sein Blick auf die Münze in seiner Hand.
Ein Niffler. Ein gestohlener Löffel. Castor Thornbloom als romantischer Rivale. Rita Kimmkorn. Und Lucinda Stonefield, die am liebsten unsichtbar wäre und dadurch immer schwerer zu übersehen war.
Severus schüttelte kaum merklich den Kopf. Dieses Mädchen war ein Rätsel. Und zu seinem zunehmenden Ärger musste er sich eingestehen, dass er Rätsel schon immer nur schwer hatte ungelöst lassen können.