Eine Spur aus Lügen
Eine Spur aus Lügen
Hallo, meine Lieben :) Neue Woche – neues Kapitel. Unser magisches Abenteuer geht weiter und heute begeben wir uns auf eine „Spur aus Lügen“. Ich wünsche euch viel Spaß beim Weiterlesen und habt einen guten Start in die neue Woche.
Liebe Grüße,
eure Melody
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Eine Spur aus Lügen
Ruby PoV
Es gab Tage, an denen Hogwarts ein Ort uralter Magie, verborgener Geheimnisse und ehrwürdiger Traditionen war. Und dann gab es Tage, an denen die gesamte Schule darüber diskutierte, ob ein Niffler in Lucinda verliebt war. Ich persönlich bevorzugte die zweite Variante.
>>Ich sage ja nur, dass sein Verhalten ungewöhnlich ist.<<
Anthony hatte die Stirn gerunzelt und starrte auf die Stelle am Ravenclaw-Tisch, an der noch vor wenigen Minuten ein silberner Knopf gelegen hatte. Niemand wusste, woher Midas ihn gestohlen hatte. Lucinda hatte ihn dem Niffler abgenommen, ihn streng ermahnt und anschließend einem vorbeikommenden Vertrauensschüler mit der Bitte übergeben, seinen Besitzer ausfindig zu machen. Midas hatte daraufhin ausgesehen, als hätte Lucinda sein Lebenswerk beleidigt.
>>Ungewöhnlich?<<, wiederholte ich. >>Anthony, er ist in ihren Zaubertrankunterricht eingebrochen, hat Professor Snape bestohlen und Lucinda seine Beute wie einen Heiratsantrag vor die Füße gelegt.<<
Anthony hob einen Finger. >>Das beweist meinen Standpunkt.<<
>>Welchen? Dass er verliebt ist?<<
>>Vielleicht.<< Ich starrte ihn an. Anthony zuckte mit den Schultern. >>Oder er verfolgt irgendein anderes Ziel.<<
>>Er ist ein Niffler.<<
>>Ein ausgesprochen hartnäckiger Niffler.<<
>>Das wiederum kann ich nicht bestreiten.<<
Ich musste grinsen. Seit Midas beschlossen hatte, Lucinda zu seinem persönlichen Lebensmittelpunkt zu erklären, war Hogwarts um eine Attraktion reicher geworden. Überall wurde getuschelt. Die Geschichten wurden mit jedem Erzähler absurder. Inzwischen hatte ich gehört, Midas hätte Lucinda einen Ring gestohlen, ihr eine komplette Silberkanne gebracht und Professor Snape persönlich in dessen Büro angegriffen. Letzteres hätte ich zugegebenermaßen gerne gesehen. Lucinda weniger.
Sie hatte die vergangenen Tage hauptsächlich damit verbracht, möglichst unauffällig durch die Korridore zu gehen und jeden Schüler mit einem Blick zu bedenken, der es wagte, das Wort Niffler in ihrer Gegenwart auch nur zu flüstern. Natürlich machte genau das alles nur schlimmer.
Ich hingegen hatte ganz andere Sorgen. Das Tagebuch lag vor mir. Und es verspottete mich. Zumindest kam es mir so vor. >>Na schön<<, murmelte ich und strich mit dem Finger über den dunklen Einband. >>Dann wollen wir mal sehen, was du vor mir versteckst.<<
Ich saß an einem abgelegenen Tisch der Bibliothek. Mehrere Pergamente lagen um mich herum, darauf Symbole, Zahlenreihen und alchemistische Formeln. Drei Bücher hatte ich bereits geöffnet, ein viertes lag auf meinem Schoß. Das Tagebuch blieb unbeeindruckt.
Ich hatte inzwischen herausgefunden, dass Lucinda mit ihrer Vermutung recht gehabt hatte. Es war versiegelt. Nur war versiegelt beinahe eine Beleidigung für das, was Tom Riddle mit diesem Buch angestellt hatte.
Eine gewöhnliche magische Versiegelung hätte ich vermutlich innerhalb einiger Stunden knacken können. Vielleicht eines Tages, wenn der Zauber besonders raffiniert gewesen wäre. Aber das hier?
Ich legte die Fingerspitzen auf den Einband und ließ vorsichtig einen Hauch meiner Magie darüber gleiten. Sofort antwortete etwas. Nicht aggressiv. Aber deutlich. Mehrere feine Linien erschienen für den Bruchteil einer Sekunde auf dem Leder. Eine schimmerte silbern, eine zweite dunkelrot, eine dritte beinahe bläulich. Dann verschwanden sie wieder.
Ich zog meine Hand zurück. >>Du kleines Miststück.<<
Madam Pince hob am anderen Ende der Bibliothek den Kopf. Ich lächelte unschuldig. Sie musterte mich misstrauisch, wandte sich aber wieder ihren Büchern zu. Langsam beugte ich mich erneut über das Tagebuch.
Das Problem war nicht ein einzelner Zauber. Es waren mehrere. Sie lagen übereinander. Magie auf Magie. Mechanismus auf Mechanismus.
Ein Teil reagierte offenbar auf Berührung. Ein anderer auf magische Energie. Wieder ein anderer schien mit etwas verbunden zu sein, das ich bislang nicht einmal identifizieren konnte. Blut? Zeit? Mondphasen? Emotionen? Oder etwas völlig anderes?
Tom Riddle war vieles gewesen. Aber dumm war er nie gewesen. Und genau das machte dieses Tagebuch gefährlich. >>Das wird dauern<<, murmelte ich.
Zum ersten Mal seit Langem verspürte ich bei einem alchemistischen Rätsel nicht nur Begeisterung. Sondern Respekt. Vielleicht sogar ein wenig Ehrfurcht. Es war eine Herausforderung. Eine echte. Und irgendwo tief in mir regte sich bereits jener hartnäckige Teil meines Wesens, der bei einem scheinbar unlösbaren Problem nur eine einzige Antwort kannte: Dann löse ich es eben trotzdem.
Ein Rascheln neben mir ließ mich aufblicken. Eine Eule war durch eines der geöffneten Fenster hereingeflogen. Mein Herz machte einen Sprung. Ich erkannte sie sofort. >>Na, komm her.<<
Sie landete vor mir und streckte das Bein aus. Der Brief daran war klein. Unauffällig. Aber die Handschrift auf der Vorderseite hätte ich überall erkannt. Meine Finger wurden plötzlich unruhig. Sirius. Ich löste das Pergament und wartete kaum, bis die Eule davongeflogen war. Dann brach ich das Siegel.
Seine Zeilen waren nicht lang. Er schrieb, dass er erleichtert war.
Erleichtert darüber, dass Harry die erste Aufgabe überstanden hatte. Er hatte davon erfahren, wie Harry dem Drachen entkommen war, und zwischen seinen Worten konnte ich beinahe hören, wie stolz er auf seinen Patensohn war. Doch die Erleichterung hielt nicht lange. Bleib wachsam, Ruby. Meine Augen blieben an diesem Satz hängen. Jemand hat Harry in dieses Turnier gebracht. Solange wir nicht wissen, wer und warum, ist nichts vorbei. Bitte pass auf ihn auf. Und pass auf dich auf. Ich schluckte. Typisch Sirius. Selbst irgendwo auf der Flucht machte er sich mehr Sorgen um andere als um sich selbst.
Meine Finger glitten über seine Unterschrift. Plötzlich war die Bibliothek sehr still. Ich vermisste ihn. Merlin, wie sehr ich ihn vermisste. Es gab Augenblicke, in denen dreizehn Jahre wie eine Zahl klangen. Und dann gab es Augenblicke, in denen sie sich wie ein ganzes Leben anfühlten. Dreizehn Jahre.
Dreizehn Jahre, die niemand uns zurückgeben konnte. Meine Hand schloss sich um den Brief. Und ehe ich es verhindern konnte, war ich wieder dort. An jenem Tag. An jenem verdammten Tag, an dem meine Welt auseinandergebrochen war.
Das Versteck war kalt gewesen. Oder vielleicht hatte nur ich gefroren. Ich wusste es nicht mehr. Ich erinnerte mich lediglich daran, dass ich auf einem Stuhl saß und meine Hände nicht aufhören wollten zu zittern.
Dumbledore stand einige Schritte von mir entfernt. Er hatte mich zurückgebracht. Zurück an jenen Ort, an dem Lucinda und ich lebten, wenn wir nicht unterwegs waren. Einen Ort, den kaum jemand kannte. Einen Ort, der sicher sein sollte. Ich hatte mich noch nie weniger sicher gefühlt. >>Ruby.<< Ich reagierte nicht. >> Ruby, Sie müs sen versuchen, sich auszuruhen.<<
Ich lachte. Es war ein schreckliches Geräusch. >>Ausruhen?<< Dumbledore schwieg. Ich sprang auf. >> Sie h aben ihn nach Askaban gebracht!<< Meine Stimme überschlug sich. >> Ohne Prozess! Ohne überhaupt richtig zu untersuchen, was passi ert ist! Sie haben ihn einfach—<<
Meine Stimme brach. Askaban. Allein das Wort ließ mich kaum atmen. >>Er hat es nicht getan.<<
Dumbledore betrachtete mich ruhig. >> Ich weiß, dass Sie davon überzeugt sind.<<
>> Ich bin nicht davon überzeugt !<< Ich starrte ihn an. >>Ich weiß es.<< Meine Augen brannten. >> Sirius würde James niemals verraten. Niemals. Er würde eher sterben.<< Dumbledore antwortete nicht sofort. Und sein Schweigen tat beinahe mehr weh als jedes Wort. >>Sie glauben mir nicht.<<
>> Ich glaube, dass noch v iele Fragen unbeantwortet sind.<<
>>Dann beantworten Sie sie!<<
Er ließ meinen Ausbruch über sich ergehen. >>Ruby—<<
>>Nein.<< Ich schüttelte den Kopf. >> Nein. Sagen Sie mir nicht, ich soll vernünftig sein. Sagen Sie m ir nicht, dass ich warten soll.<< Meine Hände zitterten. >>Er sitzt dort.<< Meine Stimme war plötzlich nur noch ein Flüstern. >>Ganz allein.<<
Die Tür öffnete sich. Ich fuhr herum. Lucinda stand im Eingang. Ihre Haare waren zerzaust. Erde klebte an ihrem Mantel, und in ihrem Gesicht lag eine Erschöpfung, die mir augenblicklich verriet, dass sie seit Stunden unterwegs gewesen war.
Ich machte einen Schritt auf sie zu. Dann blieb ich stehen. Unsere Blicke trafen sich. Lucinda sagte nichts. Und damit wusste ich alles. >>Nein.<<
Sie schloss die Tür hinter sich. >>Ruby—<<
>>Nein.<< Ich ging auf sie zu. >>Du hast etwas gefunden.<< Lucindas Lippen pressten sich zusammen. >> Sag mi r, dass du etwas gefunden hast.<< Stille. >> Lucind a.<<
>> Ich habe den Ort untersucht. << Ihre Stimme war leise. >> Jed e Spur, die noch vorhanden war.<<
Mein Herz raste. >>Und?<<
Sie sah mich an. Diese blaugrünen Augen. Ich kannte diesen Blick. Ich hasste ihn. >>Nichts.<<
Dieses eine Wort zerstörte mich. Ich schüttelte den Kopf. >>Nein.<<
>>Ruby—<<
>>Peter.<<
>>Ich weiß.<<
>>Peter lebt.<<
>>Ich weiß.<< >> Er muss leben! << Meine Stimme wurde lauter. >> Sirius hat ihn nicht getötet. Peter hat irgendetwas getan. Er muss— er mus s eine Spur hinterlassen haben.<<
>>Ich habe gesucht.<<
>> Dann hast du nicht richtig gesucht!<< In dem Moment, in dem die Worte meinen Mund verlassen hatten, bereute ich sie.
Lucinda zuckte nicht einmal. Sie wurde nicht wütend. Sie sah mich nur an. Und das machte es schlimmer. >>Es tut mir leid<< , flüsterte ich. Dann brach etwas in mir. Ich presste eine Hand auf meinen Mund. >>Es tut mir leid.<<
Lucinda war sofort bei mir. Ihre Arme legten sich um mich. Ich klammerte mich an sie. >>Er ist unschuldig<< , schluchzte ich. >>Ich weiß.<<
>>Niemand glaubt es.<<
>>Ich glaube es.<<
>> Sie haben ihn einfach weggebracht.<<
>>Ich weiß.<<
>>Lucinda…<< Ich konnte kaum sprechen. >> Was, wenn wir es niemals beweisen können?<<
Ihre Umarmung wurde fester. Für einige Sekunden sagte sie nichts. Dann löste sie sich gerade weit genug von mir, dass sie mich ansehen konnte. >>Dann suchen wir weiter.<<
Ich schüttelte verzweifelt den Kopf. >>Wie lange?<<
Lucindas Blick wurde entschlossen. Jener Blick, den ich schon damals kannte. Jener Blick, der bedeutete, dass sie eine Entscheidung getroffen hatte und weder Vernunft noch Gefahr noch irgendein verdammter dunkler Zauberer sie davon abbringen würde. >>So lange es nötig ist.<< Ich starrte sie an. >> Peter Pettigrew ist irgendwo. << Ihre Stimme war ruhig. >> Vielleicht finden wir ihn morgen. Vielleicht in einem Jah r. Vielleicht dauert es länger.<< Ihre Hände lagen auf meinen Schultern. >> Aber eines Tages finden wir die Wahrheit.<<
Meine Lippen bebten. >>Und Sirius?<<
Etwas Schmerzhaftes huschte über Lucindas Gesicht. >> Eines Tages“, sagte sie, „werd en wir seine Unschuld beweisen.<<
Hinter ihr stand Dumbledore schweigend im Raum. Und ich wollte Lucinda glauben. Mehr als alles andere. Also tat ich es.
>>Miss Chadwick?<<
Ich blinzelte. Die Bibliothek kehrte zurück. Madam Pince stand einige Meter entfernt und betrachtete mich argwöhnisch. >>Alles in Ordnung?<<
Ich bemerkte erst jetzt, dass ich Sirius' Brief so fest umklammert hielt, dass das Pergament zerknittert war. >>Ja.<< Meine Stimme klang rau. Ich räusperte mich. >>Ja. Natürlich.<<
Sie musterte mich noch einen Augenblick und ging weiter. Langsam strich ich das Pergament glatt. Lucinda hatte recht behalten. Nicht mit allem. Noch nicht. Aber Sirius war frei. Zumindest frei genug, um nicht mehr hinter den Mauern Askabans zu sitzen.
Peter Pettigrew lebte. Wir wussten inzwischen, was geschehen war. Nur die Welt wusste es nicht. Für das Ministerium war Sirius Black weiterhin ein Mörder. Ein Verräter. Ein entflohener Sträfling. Dreizehn Jahre hatte ich darauf gewartet, dass er Askaban verlassen konnte. Jetzt wartete ich darauf, dass er seinen Namen zurückbekam.
Ich faltete den Brief vorsichtig zusammen. >>Eines Tages<<, murmelte ich.
Dann fiel mein Blick auf das versiegelte Tagebuch. Tom Riddles Tagebuch. Harry. Der Feuerkelch. Sirius. Peter. Für einen kurzen Moment musste ich beinahe lachen. Offenbar hatte ich ein Talent dafür, mich mit Problemen zu beschäftigen, die andere Menschen für unlösbar hielten.
Ich zog ein frisches Pergament heran. >>Na schön.<< Ich sah das Tagebuch an. >>Du und ich werden noch sehr viel Zeit miteinander verbringen.<<
***
Lucinda PoV
Es dauerte erstaunlich lange, bis Hogwarts das Interesse an Midas verlor. Genauer gesagt: Es verlor das Interesse überhaupt nicht. Es fand lediglich neue Dinge, über die es reden konnte. Was für mich bereits eine erhebliche Verbesserung darstellte. Ich konnte wieder durch einen Korridor gehen, ohne dass irgendwo jemand flüsterte: >>Da ist sie.<<
Ich konnte frühstücken, ohne dass mindestens drei Schüler unter den Tisch blickten, weil sie erwarteten, dass Midas jeden Augenblick zwischen meinen Füßen hervorkriechen könnte. Und vor allem konnte ich Professor Snapes Unterricht betreten, ohne dass Castor Thornbloom demonstrativ seine Taschen kontrollierte. Wobei Letzteres vermutlich auch daran lag, dass Professor Snape ihm beim letzten Mal einen Blick zugeworfen hatte, der deutlich gemacht hatte, dass jeder weitere Kommentar über Niffler mit einem erheblichen Verlust an Hauspunkten enden würde.
Langsam kehrte so etwas wie Normalität ein. Zumindest redete ich mir das ein. Denn eine Sache ließ mich nicht los. Professor Snapes Umhangschnalle. Nicht die Schnalle selbst. Die hatte ich ihm selbstverständlich sofort zurückgegeben.
Sein Gesichtsausdruck dabei würde mir vermutlich trotzdem noch eine ganze Weile im Gedächtnis bleiben. Geschenk?
Allein bei der Erinnerung daran verzog ich das Gesicht. Von allen glänzenden Dingen, die Midas in diesem Schloss hätte stehlen können, hatte er sich ausgerechnet etwas vom Umhang des Meisters der Zaubertränke ausgesucht. Und es mir gebracht. Warum? Diese Frage beschäftigte mich weitaus mehr, als sie sollte.
Midas mochte glänzende Gegenstände. Das war keine bahnbrechende Erkenntnis. Er hatte Münzen gestohlen, Besteck, Schmuck, eine Taschenuhr und sogar Professor Flitwicks Brillengestell. Seine Definition von Eigentum war bestenfalls großzügig. Aber seine Geschenke für mich schienen selten vollkommen zufällig zu sein. Bei Castor hatte er sich eindeutig eingemischt.
Er hatte dessen Uhr gestohlen, ihn angefaucht und jeden weiteren Annäherungsversuch behandelt, als müsse er mich persönlich vor einer Naturkatastrophe bewahren. Und dann Professor Snape. Ausgerechnet Professor Snape. Midas hatte ihm etwas gestohlen und mir gebracht. Ich verstand nicht, was in diesem kleinen pelzigen Kopf vorging. Vermutlich wollte ich es auch gar nicht wissen. >>Du denkst schon wieder darüber nach.<<
Ich hob den Kopf. Ruby stand vor mir und sah mich mit diesem Blick an.
Diesem ganz bestimmten Blick, den ich seit Jahrzehnten kannte und der grundsätzlich bedeutete, dass sie bereits wusste, was ich dachte, und lediglich darauf wartete, dass ich es zugab. >>Worüber?<<
>>Midas.<<
>>Nein.<<
>>Die Schnalle.<<
Ich verengte die Augen. Ruby grinste. >>Ganz bestimmt nicht.<<
>>Natürlich.<<
>>Ich frage mich lediglich, weshalb er sie ausgerechnet mir gebracht hat.<<
>>Das ist praktisch die Definition davon, darüber nachzudenken.<<
>>Ruby.<<
Sie hob unschuldig die Hände. >>Ich habe nichts gesagt.<<
>>Dein Gesicht sagt genug.<<
>>Dann solltest du vielleicht aufhören, es anzusehen.<<
Ich schnaubte und beschloss, das Thema endgültig zu beenden. >>Wie läuft es mit dem Tagebuch?<< Das genügte.
Ihr Grinsen verschwand augenblicklich. >>Dieses verdammte Ding.<<
Ich hob eine Augenbraue. >>So schlimm?<<
>>Schlimmer.<< Sie ließ sich rückwärts auf den Stuhl fallen. >>Tom hat es nicht einfach versiegelt. Er hat offenbar beschlossen, jedem Menschen, der versucht, es zu öffnen, persönlich den Verstand zu rauben.<<
Ich drehte mich zu ihr. >>Was hast du herausgefunden?<<
Ruby setzte sich wieder auf. >>Mehrere Mechanismen.<< Ihre Stimme wurde ernster. >>Sie liegen übereinander. Manche reagieren auf Magie. Andere auf Berührung. Ich glaube, mindestens einer davon hat mit einem Element zu tun, aber ich weiß noch nicht mit welchem. Und da ist noch etwas.<<
>>Was?<<
>>Keine Ahnung.<< Das war selten. Ruby sagte selten keine Ahnung . >>Ich müsste einzelne Schichten voneinander trennen, ohne die anderen auszulösen.<<
>>Kannst du das?<<
Sie sah mich beleidigt an. >>Natürlich.<<
Ich lächelte schwach. >>Wie lange?<<
Ihre Empörung verschwand. >>Das ist das Problem.<< Ich wartete. >>Wochen.<< Ich schwieg. >>Vielleicht länger.<<
Mein Blick wanderte zum Fenster. Draußen lag Hogwarts unter einem grauen Himmel. Schüler liefen über das Gelände. Von irgendwoher hörte ich Gelächter. Wochen. Wir hatten dieses Tagebuch gefunden und zum ersten Mal seit Langem geglaubt, etwas in den Händen zu halten, das uns meinem Bruder näherbringen konnte. Aber wir hatten noch ein anderes Problem.
Eines, das unmittelbar vor uns lag. Harry Potter. Der Feuerkelch. Jemand hatte seinen Namen hineingeworfen. Jemand wollte, dass er an diesem Turnier teilnahm. Und während Ruby und ich uns mit einem jahrzehntealten Tagebuch beschäftigten, lief diese Person weiterhin frei durch Hogwarts.
>>Dann lassen wir es vorerst.<<
Ruby blinzelte. >>Was?<<
>>Nicht ganz.<< Ich stand auf. >>Du untersuchst es weiter. Aber nicht als unsere Hauptaufgabe.<<
Sie richtete sich auf. >>Du willst wieder beim Feuerkelch ansetzen.<<
>>Ja.<< Ich trat ans Fenster. >>Die erste Aufgabe ist vorbei.<<
Harry hatte überlebt. Aber Sirius' Warnung, Dumbledores Vorsicht und mein eigenes Gefühl sagten mir dasselbe: Damit war nichts beendet. Im Gegenteil.
>>Jemand hat Potter in dieses Turnier gebracht<<, sagte ich. >>Und wir wissen noch immer nicht, wer.<<
Ruby trat neben mich. >>Oder warum.<<
>>Genau.<< Ich verschränkte die Arme. >>Das Tagebuch ist wichtig. Vielleicht wichtiger, als wir momentan begreifen. Aber Tom ist seit dem Tod der Potters verschwunden.<< Ein bitteres Gefühl zog durch meine Brust. >>Derjenige, der Harrys Namen in den Feuerkelch geworfen hat, ist wahrscheinlich hier.<<
Ruby schwieg. Wir sahen beide hinaus auf Hogwarts. Auf die Türme. Die Fenster. Die Schüler. Die Lehrer. Hunderte Menschen. Und irgendwo darunter vielleicht die Person, die wir suchten. >>Also zurück auf Anfang?<<, fragte Ruby.
>>Nicht ganz.<< Ich sah sie an. >>Wir wissen inzwischen einiges. Dass jemand den Feuerkelch manipulieren konnte. Und dass diese Person Zugang zu Hogwarts hatte.<<
Ruby nickte langsam. >>Genug magisches Wissen, um Dumbledores Alterslinie zu umgehen.<<
>>Und einen Grund, Harry Potter in Lebensgefahr zu bringen.<<
Sie verzog das Gesicht. >>Das grenzt den Kreis in dieser Schule erschreckend wenig ein.<<
Ich musste beinahe lächeln. >>Deshalb fangen wir anders an.<<
>>Wie?<<
Ich dachte nach. Nicht an Tom. Nicht an das Tagebuch. Nicht an Midas. Sondern an den Abend, an dem der Feuerkelch Harry Potters Namen ausgespuckt hatte. An die Gesichter. Die Reaktionen. Die Menschen, die anwesend gewesen waren.
>>Wir gehen alles noch einmal durch.<<
Ruby betrachtete mich. >>Von Anfang an?<<
Ich nickte. >>Jede Kleinigkeit. Wer wusste wann was? Wer hatte Zugang? Wer verhielt sich auffällig? Wer hatte überhaupt die Fähigkeiten dazu?<<
Rubys Augen begannen auf jene Weise zu funkeln, die mir nur allzu vertraut war. >>Eine Liste.<<
>>Eine sehr lange Liste.<<
>>Mit Kategorien.<<
>>Ruby.<<
>>Was? Kategorien sind wichtig.<<
Ich schüttelte den Kopf. Sie grinste. Für einen kurzen Moment glaubte ich tatsächlich, wir hätten einen Plan. Dann verbrachten wir beinahe zwei Stunden damit, unsere bisherigen Erkenntnisse zusammenzutragen. Und stellten fest, dass wir keinen hatten. Zumindest keinen guten.
Ich starrte auf den Tisch. Mehrere Pergamente lagen um mich herum. Namen, Beobachtungen, Zeitangaben, Vermutungen. Karkaroff. Bagman. Crouch. Die Lehrer. Moody. Mein Blick blieb einen Moment länger auf seinem Namen liegen.
Ich hatte ihn bereits früher verdächtigt. Sein Verhalten gefiel mir nicht. Er wusste zu viel, tauchte auffällig häufig im richtigen Moment auf und schien manchmal mehr zu beobachten, als ein gewöhnlicher Lehrer sollte. Allerdings war Alastor Moody ein ehemaliger Auror. Beobachten war praktisch seine Berufsbeschreibung. Ich konnte ihm schlecht vorwerfen, sich wie Alastor Moody zu verhalten. >>Wir kommen nicht weiter.<<
Ruby ließ ihre Feder sinken. >>Das sagst du jetzt zum fünften Mal.<<
>>Weil es beim fünften Mal immer noch stimmt.<<
>>Vielleicht solltest du es ein sechstes Mal versuchen.<<
Ich warf ihr einen Blick zu. >>Sehr hilfreich.<<
>>Gern geschehen.<<
Ich lehnte mich zurück und starrte auf die Pergamente. Irgendetwas störte mich. Nicht an unseren Aufzeichnungen. An unserer Vorgehensweise. Seit Harrys Name aus dem Feuerkelch gekommen war, liefen wir hinter jemandem her, der uns immer einen Schritt voraus war. Wir suchten. Wir beobachteten. Wir überprüften. Und unser Gegner?
Tat nichts. Warum sollte er auch? Er hatte erreicht, was er wollte. Harry nahm am Trimagischen Turnier teil. Die erste Aufgabe war vorbei. Sein Plan lief. Solange niemand ihm gefährlich wurde, musste er keinen Finger rühren.
Ich richtete mich langsam auf. Ruby bemerkte es sofort. >>Was?<<
Ich antwortete nicht. Stattdessen zog ich eines der Pergamente zu mir. Oben schrieb ich einen einzigen Satz. Der Täter glaubt, dass wir nichts wissen.
Ruby beugte sich darüber. >>Das stimmt vermutlich.<<
Darunter schrieb ich: Also müssen wir das ändern.
Ruby schwieg. Dann sah sie mich an. >>Lucinda.<<
Ich kannte diesen Tonfall. >>Was?<<
>>Ich kenne diesen Gesichtsausdruck.<<
>>Welchen Gesichtsausdruck?<<
>>Den, den du immer hast, unmittelbar bevor du etwas ausgesprochen Gefährliches vorschlägst.<<
Ich legte die Feder hin. >>Das ist Unsinn.<<
>>Kammer des Schreckens.<<
Ich verzog das Gesicht. >>Das war etwas anderes.<<
>>Natürlich.<<
>>Ruby.<<
>>Was hast du vor?<<
Ich betrachtete wieder unsere Liste. Vielleicht bestand unser Fehler darin, nach Spuren zu suchen. Vielleicht mussten wir eine erschaffen. >>Wir brauchen keine weiteren Verdächtigen.<< Ruby runzelte die Stirn. >>Wir haben bereits mehr als genug.<<
>>Das sehe ich.<<
>>Wir brauchen eine Reaktion.<<
Nun schwieg sie. Ich konnte beinahe sehen, wie sie meinen Gedanken folgte. >>Du willst ihn provozieren.<<
>>Nein.<<
>>Gut.<<
>>Ich will ihm Angst machen.<<
Ruby schloss die Augen. >>Natürlich.<<
Ich griff nach einem neuen Pergament. >>Denk darüber nach. Derjenige, der Harrys Namen in den Feuerkelch geworfen hat, hält sich für sicher.<<
>>Vermutlich.<<
>>Niemand weiß, wie er den Kelch manipuliert hat. Niemand weiß, wann es passiert ist. Und vor allem weiß niemand, wer es getan hat.<<
>>Auch wir nicht.<<
>>Das muss er aber nicht wissen. <<
Ruby sah mich lange an. Dann wanderte ihr Blick zum Pergament. >>Oh nein.<<
Ein langsames Lächeln erschien auf meinem Gesicht. >>Oh doch.<<
>>Lucinda.<<
>>Wir erzählen ihm, dass wir etwas gefunden haben.<<
>>Was?<<
>>Nichts.<<
>>Das ist beruhigend.<<
>>Etwas, das gar nicht existiert.<< Ruby starrte mich an. Ich nahm meine Feder. >>Eine magische Signatur.“
>>Eine was?<<
>>Jeder Zauber hinterlässt Spuren.<<
>>Nicht genug, um Wochen später eindeutig festzustellen, wer ihn gesprochen hat<<, stellte sie klar.
>>Ich weiß.<<
>>Dann—<< Sie verstummte. Ich wartete. Ihre Augen wurden schmal. >>Du willst gar keine Signatur finden.<<
>>Nein.<<
>>Du willst behaupten, dass du es kannst.<< Ich lächelte. Ruby stieß langsam die Luft aus. >>Das ist wahnsinnig.<<
>>Danke.<<
>>Das war kein Kompliment.<<
>>Ich habe beschlossen, es trotzdem als eines zu betrachten.<< Sie funkelte mich an. Ich musste unwillkürlich grinsen. >>Wenn wir einfach herumlaufen und behaupten, wir hätten den Täter gefunden, glaubt uns niemand<<, erklärte ich. >>Vor allem nicht der Täter selbst.<<
>>Also erzählst du eine halbe Wahrheit.<<
>>Eine glaubwürdige Lüge.<<
>>Das klingt nicht besser.<<
>>Aber effektiver.<< Ich stand auf und begann, auf und ab zu gehen. Der Plan formte sich mit jedem Schritt deutlicher in meinem Kopf. >>Wir streuen unterschiedliche Informationen.<<
Ruby verschränkte die Arme. >>Erklär das.<<
>>Nicht jeder hört dasselbe.<< Jetzt hatte ich ihre Aufmerksamkeit. >>In der Bibliothek lasse ich fallen, dass wir Hinweise auf einen besonders komplexen Verwechslungszauber gefunden haben. Irgendwo anders erwähnen wir, dass der Feuerkelch möglicherweise einen magischen Abdruck seiner Manipulation bewahrt hat.<<
Ruby begann langsam zu verstehen. >>Und wenn eine bestimmte Information zu uns zurückkommt…<<
>>…wissen wir, wo sie gehört wurde<<, vollendete ich den Satz.
Sie schwieg. Dann setzte sie sich gerader hin. >>Das ist tatsächlich ziemlich gut.<<
Ich hob eine Augenbraue. >>Deine Überraschung beleidigt mich.<<
>>Deine Pläne enden normalerweise damit, dass irgendetwas explodiert.<<
>>Das stimmt überhaupt nicht.<< Ruby sah mich nur an. >>Meistens nicht.<< Ihr Blick blieb unverändert. >>Gelegentlich.<<
>>Lucinda.<<
>>Können wir beim Thema bleiben?<<
Sie schüttelte den Kopf. Doch ich sah bereits, dass sie nachdachte. >>Wir brauchen etwas Konkretes<<, sagte sie schließlich. >>Etwas, das bedrohlich genug klingt.<<
Genau. Ein Gerücht allein genügte nicht. Der Täter musste glauben, dass ihm die Zeit davonlief. Mein Blick fiel auf den Kalender an der Wand. Plötzlich hatte ich eine Idee. >>Drei Tage.<<
Ruby sah mich an. >>Was?<<
>>Wir behaupten, dass ich drei Tage brauche.<<
>>Wofür?<<
>>Um die Analyse abzuschließen.<<
Ihr Gesicht wurde ernst. >>Du setzt ihm eine Frist.<<
>>Ich gebe ihm einen Grund, nervös zu werden.<<
>>Und was erwartest du dann?<<
Darüber musste ich nicht lange nachdenken. >>Dass er einen Fehler macht.<<
Vielleicht würde jemand versuchen, unsere Unterlagen zu stehlen. Vielleicht würde jemand Fragen stellen. Vielleicht würde plötzlich eines unserer Zimmer durchsucht werden. Vielleicht würde sich jemand verdächtig häufig in unserer Nähe aufhalten. Was auch immer geschah – erstmals würde nicht mehr ich reagieren. Sondern er.
Ruby stand auf. >>Und wenn er keinen Fehler macht?<<
>>Dann haben wir nichts verloren.<<
>>Und wenn er einen macht?<<
Ich lächelte dünn. >>Dann haben wir ihn.<<
Ruby erwiderte mein Lächeln nicht. >>Das gefällt mir nicht.<<
>>Das muss es nicht.<<
>>Lucinda.<<
Ich kannte diesen Blick. Besorgt. Nicht ängstlich. Ruby hatte selten Angst. Aber sie kannte mich gut genug, um zu wissen, wann ich bereit war, ein Risiko einzugehen. >>Ich werde vorsichtig sein.<<
>>Das hast du vor der Kammer des Schreckens auch gesagt.<<
>>Und ich bin wieder herausgekommen.<<
>>Das ist eine erschreckend niedrige Messlatte.<<
Ich musste lachen. Ruby nicht. Schließlich seufzte ich. >>Wir können nicht ewig warten.<<
>>Das weiß ich.<<
>>Harry muss noch zwei Aufgaben überstehen.<<
Ihr Gesicht wurde ernster. >>Ich weiß.<<
>>Und wir haben keine Ahnung, was derjenige mit ihm vorhat.<<
Das war der entscheidende Punkt. Nicht meine Neugier. Nicht mein Stolz. Harry. Jemand hatte ihn bewusst in dieses Turnier gebracht. Und ich würde nicht tatenlos zusehen, bis ich erfuhr, weshalb. Ruby senkte schließlich den Blick. >>Keine Alleingänge.<<
>>Versprochen.<<
>>Keine spontanen Änderungen am Plan.<< Ich schwieg. >>Lucinda.<<
>>Na schön.<<
>>Und wenn irgendetwas seltsam wird, brechen wir ab.<<
>>Einverstanden.<< Sie hielt mir die Hand hin. Ich betrachtete sie. >>Was soll das?<<
>>Ich kenne dich.<<
>>Beleidigend.<<
>>Hand drauf.<<
Seufzend schlug ich ein. >>Zufrieden?<<
>>Nein.<<
>>Ausgezeichnet.<<
***
Zwei Tage später begann ich zu lügen. Nicht besonders viel. Das wäre auffällig gewesen. Eine gute Lüge musste nicht laut sein. Sie musste lediglich dort ausgesprochen werden, wo die richtigen Menschen sie hören konnten.
In der Bibliothek unterhielt ich mich mit Ruby etwas zu deutlich über alte Verwechslungszauber. Vor einem Unterricht ließ ich ein Pergament aus meiner Tasche rutschen. Darauf standen mehrere vollkommen bedeutungslose Formeln und die Worte: MAGISCHE RESONANZ – FEUERKELCH
Ein Ravenclaw hob es auf. Ich bedankte mich. Am Abend wusste vermutlich bereits ein Viertel der Schule davon. Hogwarts war in dieser Hinsicht bemerkenswert zuverlässig.
Am nächsten Morgen setzte ich nach. >>Wenn ich recht habe, hat der Kelch den Zauber nicht vollständig verloren<<, sagte ich zu Ruby, während wir durch einen gut gefüllten Korridor gingen.
>>Du meinst, er hat etwas gespeichert?<<
>>Eine Art Abdruck.<<
Zwei Hufflepuffs liefen an uns vorbei. Einer drehte sich um. Gut. >>Und damit kannst du herausfinden, wer es war?<<, fragte Ruby. Sie spielte ihre Rolle hervorragend.
>>Vielleicht.<< Ich senkte die Stimme gerade so weit, dass man sich anstrengen musste, um mich zu verstehen. Menschen liebten Geheimnisse besonders dann, wenn sie glaubten, sie seien nicht für ihre Ohren bestimmt. >>Ich brauche noch ein paar Tage.<<
>>Wie viele?<<
>>Drei.<<
Wir gingen weiter. Ich lächelte nicht. Aber innerlich begann ich zu zählen.
Zunächst geschah nichts. Keine gestohlenen Pergamente. Niemand durchsuchte meine Sachen. Keine verdächtigen Fragen. Keine nächtlichen Besucher. Nichts. Nach zwei Tagen begann ich mich zu fragen, ob ich mich geirrt hatte. Vielleicht war der Täter längst nicht mehr in Hogwarts. Vielleicht hatte er Verbündete. Vielleicht interessierte ihn überhaupt nicht, was ich herausfand. Oder vielleicht hatte er meine Lüge schlicht durchschaut.
Ich hasste diese Möglichkeit. Am Nachmittag verließ ich die Bibliothek allein. Ruby war noch geblieben, um weiter an Toms Tagebuch zu arbeiten, während ich meine Bücher zurück in den Slytherin-Gemeinschaftsraum bringen wollte. Der Korridor war beinahe leer. Meine Schritte hallten über den Steinboden. Dann hörte ich das vertraute Klacken eines Stocks. Ich wurde langsamer.
Moody kam um die Ecke. Sein normales Auge lag auf mir. Das magische drehte sich einmal in seinem Kopf und blieb schließlich ebenfalls auf mir stehen. >>Stonefield.<<
>>Professor.<< Ich wollte an ihm vorbeigehen.
>>Fleißig gewesen, wie ich höre.<<
Meine Schritte stoppten. Langsam drehte ich mich zu ihm um. >>Sir?<<
Sein Mund verzog sich. Es war kein richtiges Lächeln. >>Feuerkelche.<<
Mein Herz schlug einmal hart gegen meine Rippen. >>Alte Magie.<<
Das magische Auge drehte sich. >>Gefährliches Zeug.<<
Ich zwang mich, vollkommen ruhig zu bleiben. >>Man hört erstaunlich viel in Hogwarts.<<
>>Das tut man.<< Sein Stock schlug einmal gegen den Boden. Klack. >>Besonders über Schüler, die ihre Nase in Dinge stecken, die sie nichts angehen.<<
Eine Warnung? Oder einfach Moody? Ich konnte es nicht sagen. Also lächelte ich. >>Dann sollte man vermutlich vorsichtig sein, was man glaubt.<<
Für einen Augenblick sagte er nichts. Das magische Auge betrachtete mich weiter. >>Ständige Wachsamkeit.<<
Ich neigte leicht den Kopf. >>Ganz meine Meinung, Professor.<<
Ich ging an ihm vorbei. Langsam. Nicht schneller werden. Nicht umdrehen. Nicht reagieren. Erst als ich um die nächste Ecke bog, atmete ich wieder richtig. Mein Herz raste. Das war etwas gewesen. Nur was?
Moody konnte das Gerücht von jedem Schüler gehört haben. Vielleicht hatte Dumbledore davon erfahren. Vielleicht war ihm lediglich aufgefallen, dass ich Nachforschungen anstellte. Vielleicht—
Ich blieb stehen. Nein. Keine voreiligen Schlüsse. Genau davor hatte Ruby mich gewarnt. Ich brauchte Beweise. Und die hatte ich nicht. Noch nicht.
Am Abend saßen Ruby und ich erneut über unseren Aufzeichnungen. >>Moody?<<
>>Moody.<<
>>Was genau hat er gesagt?<< Ich wiederholte jedes Wort. Ruby hörte schweigend zu. >>Das beweist nichts.<<
>>Ich weiß.<<
>>Er könnte es irgendwo gehört haben.<<
>>Ich weiß.<<
>>Und er ist paranoid.<<
>>Ruby.<<
>>Ich sage nur—<<
>>Ich weiß.<<
Frustriert stand ich auf. Unsere Falle hatte funktioniert. Vielleicht. Und genau dieses Vielleicht machte mich wahnsinnig. Ich trat ans Fenster. Draußen lag das Gelände im Dunkeln. >>Wir brauchen mehr Druck.<<
Hinter mir wurde es still. >>Nein.<<
Ich drehte mich um. >>Ruby.<<
>>Nein.<<
>>Hör wenigstens—<<
>>Ich kenne dich. Das genügt.<<
Ich verschränkte die Arme. >>Wir sagen morgen, dass ich fertig bin.<<
Rubys Gesicht veränderte sich. >>Lucinda.<<
>>Nicht, dass ich den Täter kenne.<<
>>Das macht es nicht besser.<<
>>Nur, dass die Analyse abgeschlossen ist.<<
>>Und dann?<<
Ich sah auf unsere Pergamente. Auf all die erfundenen Formeln. Die falschen Berechnungen. Die Lüge, die inzwischen durch Hogwarts wanderte. >>Dann warten wir.<<
>>Worauf?<<
Ich hob den Blick. >>Darauf, dass jemand versucht, an meine Ergebnisse zu kommen.<<
Ruby schwieg lange. >>Das ist der Teil, der mir nicht gefällt.<<
>>Mir auch nicht.<<
Das war gelogen. Nicht die Angst. Die war echt. Aber darunter lag etwas anderes. Das Gefühl, endlich nicht mehr vollkommen machtlos zu sein. >>Morgen<<, sagte ich.
Ruby schloss kurz die Augen. >>Morgen.<<