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Ein Dorn im Auge

The Curse Of The Heirs - Every Darkness Has An Origin — www.fanfiktion.de · All chapters

Ein Dorn im Auge

Hallo, alle zusammen :) Unsere Geschichte geht weiter und bleibt spannend. Denn unsere Hexen setzen ihre Mission fort und das dürfte einigen ein Dorn im Auge sein ;) Ob der Köder anbeißt? Es gibt nur einen Weg das herauszufinden. Ich wünsche euch viel Spaß beim Weiterlesen.

Liebe Grüße,

eure Melody

~~~

25

Ein Dorn im Auge

Lucinda PoV

Die Nachricht vom Weihnachtsball verbreitete sich in Hogwarts schneller als ein Lauffeuer. Innerhalb weniger Tage schien es kein anderes Gesprächsthema mehr zu geben. In den Gängen tuschelten die Schülerinnen miteinander, diskutierten über Kleider, Frisuren und vor allem über die alles entscheidende Frage, wer sie zum Ball einladen würde.

Normalerweise hätte ich all das ignoriert. Heute kam es mir sogar entgegen. Je mehr Hogwarts über den Weihnachtsball sprach, desto leichter ließ sich beobachten, wer sich für etwas ganz anderes interessierte.

Seit drei Tagen wartete ich. Drei Tage, seit Ruby und ich begonnen hatten, unsere kleine Lüge in Hogwarts zu verbreiten. Eine magische Signatur. Ein Abdruck des Zaubers, mit dem der Feuerkelch manipuliert worden war. Eine angebliche Möglichkeit, denjenigen zu identifizieren, der Harrys Namen hineingeworfen hatte. Nichts davon war wahr.

Zumindest nicht in der Form, in der wir es verbreitet hatten. Aber das wusste der Täter nicht. Und gestern hatten wir den letzten Teil unserer Falle ausgelegt.

Die Analyse ist abgeschlossen. Seitdem wartete ich darauf, dass irgendjemand einen Fehler machte. Bislang vergeblich.

Ich saß beim Frühstück am Slytherin-Tisch und ließ meinen Blick scheinbar beiläufig durch die Große Halle schweifen. Schüler. Lehrer. Gäste. Niemand verhielt sich auffällig. Mein Blick blieb für einen Augenblick am Lehrertisch hängen. Moody unterhielt sich mit Professor Sprout. Sein normales Auge war auf sie gerichtet. Das magische hingegen rotierte wie gewöhnlich in seinem Kopf.

Ich sah schnell wieder weg. Nicht starren. Nicht verraten, dass ich beobachtete. Vielleicht war es ohnehin nicht Moody. Genau deshalb gab es die Falle. Irgendjemand musste reagieren. Eine Frage stellen. Versuchen, meine Unterlagen zu stehlen. Mich beobachten. Irgendetwas.

>>Lucinda?<<

Ich blinzelte. Pansy Parkinson sah mich an. >>Was?<<

>>Hast du überhaupt zugehört?<<

>>Natürlich.<<

Daphne hob eine Augenbraue. >>Worüber haben wir gesprochen?<<

Ich schwieg. Pansy verdrehte die Augen. >>Über den Weihnachtsball.<<

Natürlich. Der Weihnachtsball. Eine unnötige Veranstaltung, die kostbare Zeit verschlang, welche ich wesentlich sinnvoller hätte nutzen können.

Leider zeigte sich das Schicksal wenig kooperativ. Denn Dumbledore hatte beschlossen, dass sämtliche Schüler der vierten Klassen und älter verpflichtend Tanzunterricht erhalten sollten. Ein Umstand, der bei den männlichen Schülern ungefähr dieselbe Begeisterung hervorrief wie eine freiwillige Nachhilfestunde bei Professor Snape.

Pansy jammerte bereits seit zehn Minuten darüber, dass Draco Malfoy sie bislang nicht gefragt hatte. >>Vielleicht wartet er auf den richtigen Augenblick<<, versuchte Daphne sie zu beschwichtigen.

>>Oder er sucht nach einer besseren Option<<, warf ich trocken ein.

Pansy starrte mich entsetzt an. >>Du bist manchmal wirklich grausam.<<

>>Nein. Realistisch.<<

Daphne unterdrückte ein Lachen. >>Du interessierst dich wirklich überhaupt nicht für den Ball, oder?<<

>>Nicht im Geringsten.<< Während ich antwortete, wanderte mein Blick erneut durch die Halle. Nichts. Verdammt. Vielleicht hatte der Täter unsere Geschichte nicht geglaubt. Oder er war vorsichtiger, als ich angenommen hatte.

>>Aber irgendjemand wird dich bestimmt fragen.<<

Ich griff nach meinem Kürbissaft. >>Dann werde ich ablehnen.<< Ich nahm einen Schluck. Bitter. Meine Stirn legte sich kurz in Falten. Merkwürdig. Ich betrachtete den Kelch.

>>Jeden einzelnen?<<, fragte Daphne.

Meine Aufmerksamkeit wanderte bereits wieder zu den Menschen um uns herum. Ein Hufflepuff stand auf. Zwei Ravenclaws gingen an unserem Tisch vorbei. Am Lehrertisch erhob sich Professor Snape mit einem Stapel Pergamente. Nichts.

>>Wenn nötig<<, antwortete ich.

>>Du bist hoffnungslos.<<

Vielleicht. Ich nahm noch einen kleinen Schluck und verzog erneut das Gesicht. Der Kürbissaft schmeckte tatsächlich anders als sonst. Etwas bitterer. Vielleicht hatte man heute Morgen eine andere Mischung verwendet. Vielleicht war mein Geschmackssinn durcheinander. Vielleicht hatte ich schlicht schlecht geschlafen. Es gab ungefähr ein Dutzend belanglose Erklärungen dafür.

Also stellte ich den Kelch zurück. Ich hatte Wichtigeres zu tun. Irgendwo in dieser Halle saß möglicherweise ein Mensch, der glaubte, dass ich seinen Namen kannte. Und ich wollte sehen, ob er mich ansah.

Professor Snape schritt mit seinem üblichen wehenden Umhang den Mittelgang entlang. Unter dem Arm trug er einen Stapel Pergamente. Wie nicht anders zu erwarten, herrschte augenblicklich Ruhe am Slytherin-Tisch. >>Die Ergebnisse Ihres letzten Tests<<, verkündete er knapp. >>Ich gehe davon aus, dass einige von Ihnen künftig mehr Zeit mit dem Studium und weniger mit belanglosen Unterhaltungen verbringen werden.<<

Er begann, die Pergamente auszuteilen. Draco warf nur einen flüchtigen Blick auf seine Note und nickte zufrieden. Pansy hingegen verzog enttäuscht das Gesicht. >> Ein ‚Erwartungen erfüllt‘? Das muss ein Irrtum sein.<<

Professor Snape schenkte ihr nicht einmal einen Blick. >>Der Irrtum bestand darin, Miss Parkinson, zu glauben, Ihre Antworten hätten Hand und Fuß.<<

Vereinzeltes Kichern ging durch die Reihen. Schließlich blieb er vor mir stehen. Für einen kurzen Moment trafen sich unsere Blicke. Und sofort fragte ich mich:

Weiß er etwas? Der Gedanke war absurd. Professor Snape wusste vermutlich nicht einmal, was Ruby und ich verbreitet hatten. Oder doch?

Hogwarts besaß eine beeindruckende Geschwindigkeit, wenn es um Gerüchte ging. Ich suchte in seinem Gesicht nach irgendeiner Reaktion. Nichts. Natürlich. Es war Professor Snape. Man hätte ihm vermutlich mitteilen können, dass Hogwarts in Flammen stand, und er hätte lediglich gefragt, welcher Schüler dafür verantwortlich war.

Wortlos legte er das Pergament vor mich. Ein großes, sauber geschriebenes „Ohnegleichen“ prangte über meiner Arbeit. Darunter stand lediglich: Präzise. Fehlerfrei. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger. Ich erlaubte mir ein kaum merkliches Lächeln.

>>Na sieh mal einer an<<, staunte Daphne und beugte sich neugierig zu mir. >>Bestnote! Ich wusste doch, dass du uns alle abhängst.<<

>>Darauf müssen wir anstoßen!<<, verkündete Pansy.

Bevor ich widersprechen konnte, hob sie ihren bereits gefüllten Kelch. Daphne tat es ihr gleich. >>Auf unsere wandelnde Zaubertrank-Enzyklopädie.<<

Ich schmunzelte und griff erneut nach meinem Kürbissaft. >>Danke.<<

Die drei Kelche stießen mit einem leisen Klirren aneinander. Ich nahm einen Schluck. Wieder dieser Geschmack. Bitter. Diesmal deutlicher. Fast metallisch.

Ich blickte irritiert in den Kelch.

>>Alles in Ordnung?<<, fragte Daphne.

>>Der Kürbissaft …<< Meine Stirn legte sich in Falten. Für einen Moment konzentrierte ich mich tatsächlich darauf. >>Schmeckt eurer heute auch irgendwie seltsam? Bitter, meine ich.<<

Pansy nahm einen prüfenden Schluck. >>Nein. Meiner schmeckt wie immer.<<

>>Meiner auch<<, bestätigte Daphne.

Seltsam. Ich betrachtete meinen Kelch. Dann entstand einige Meter entfernt Bewegung. Mein Kopf schnellte herum. Jemand war hinter Professor Snape vorbeigegangen. Moody. Mein Blick folgte ihm sofort. Er ging weiter. Kein Blick zu mir. Keine ungewöhnliche Reaktion. Nichts. Verdammt.

>>Lucinda?<<

>>Hm?<< Daphne deutete auf meinen Kelch. Ach ja. >>Vielleicht ist irgendetwas hineingeraten.<<

Ich schob ihn von mir. Damit war die Sache für mich erledigt. Nur wenige Schritte entfernt war sie das für jemand anderen nicht. Professor Snape hatte meine Bemerkung gehört. Ich bemerkte, wie seine Hand für den Bruchteil einer Sekunde auf dem nächsten Pergament verharrte. Dann ging er weiter. Ich dachte mir nichts dabei. Mein Blick lag bereits wieder auf Moody.

***

Wenig später fand die erste Tanzstunde statt.

Die Große Halle war für diesen Zweck umgestaltet worden. Mehrere Tische waren verschwunden und die freie Fläche wurde nun von Hunderten Schülern bevölkert, die allesamt aussahen, als würden sie lieber gegen einen ausgewachsenen Drachen antreten. Besonders die Jungen.

Ich hingegen hatte ein anderes Problem. Meine Falle hatte noch immer nichts ergeben. Und langsam wurde ich ungeduldig. Ich stand neben Daphne und ließ meinen Blick über die Halle schweifen. Professor McGonagall. Professor Snape. Moody. Schüler. Türen. Zugänge. Niemand schenkte mir ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit. Niemand versuchte, mich abzufangen. Niemand stellte Fragen.

Meine Tasche hatte ich vor Beginn des Unterrichts absichtlich für wenige Minuten unbeaufsichtigt gelassen. Natürlich geschützt. Niemand hatte sie berührt. Die gefälschten Aufzeichnungen lagen weiterhin darin. Unversehrt.

Ich biss die Zähne aufeinander. Entweder war unser Gegner ausgesprochen vorsichtig. Oder unser Plan war gescheitert. >>Du suchst ihn.<<

Ich fuhr herum. Ruby stand plötzlich neben mir. >>Wen?<< Sie sah mich nur an. Ich seufzte. >>Vielleicht.<<

>>Du machst das seit dem Frühstück.<<

>>Und?<<

>>Und du siehst inzwischen jeden Menschen an, als würdest du überlegen, ob er heimlich den Feuerkelch manipuliert hat.<<

>>Das ist eine grobe Übertreibung.<< Ruby warf einen Blick auf einen vorbeilaufenden Zweitklässler. Ich hatte ihn tatsächlich beobachtet. >>Gut. Vielleicht ein bisschen.<<

Ihr Gesicht blieb ernst. >>Lucinda, du musst aufpassen.<<

>>Das tue ich.<<

>>Nein.<< Sie trat näher. >>Du konzentrierst dich so sehr darauf, dass jemand auf deine Falle reagiert, dass du überhaupt nichts anderes mehr wahrnimmst.<<

Ich wollte widersprechen. In diesem Moment zog sich mein Magen zusammen. Nur kurz. Ich verzog das Gesicht. Ruby bemerkte es sofort. Natürlich. >>Was war das?<<

>>Nichts.<<

>>Lucinda.<<

>>Mir ist nur ein bisschen unwohl.<<

Ihre Augen wurden schmal. >>Seit wann?<<

>>Seit gerade eben.<< Das stimmte nicht ganz. Aber der bittere Geschmack am Morgen hatte schließlich nichts mit meinem Magen zu tun. Zumindest sah ich keinen Zusammenhang.

>>Hast du etwas Falsches gegessen?<<

>>Vermutlich.<<

Ruby musterte mich. >>Du bist blass.<<

>>Ich bin immer blass.<<

>>Nicht so.<<

Ich verdrehte die Augen. >>Ruby, mir geht es gut.<<

Sie glaubte mir kein Wort. Leider blieb keine Zeit für weitere Diskussionen. >>Partner finden!<<, verkündete Professor McGonagall. Ein kollektives Stöhnen ging durch die Halle.

Ruby musste zurück zu den Ravenclaws und warf mir beim Weggehen noch einmal einen besorgten Blick zu. Ich ignorierte ihn. Ein Fehler. Aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Daphne trat kurzerhand an meine Seite. >>Du tanzt mit mir.<<

Ich verspürte Erleichterung. >>Eine hervorragende Entscheidung.<<

>>Sie rettet uns beiden den Tag.<<

>>Auch wieder wahr.<<

Wir stellten uns gegenüber auf. McGonagall begann die ersten Schritte zu demonstrieren. Daphne gab sich Mühe. Ich ebenfalls. Trotzdem fühlte ich mich fehl am Platz. Mein Kopf war ganz woanders.

Bei Harry. Beim Feuerkelch. Bei Moody. Bei der Falle. Bei der Frage, warum verdammt noch einmal niemand darauf reagierte. Ein unangenehmes Ziehen breitete sich erneut in meinem Magen aus. Ich runzelte die Stirn. Vielleicht hätte ich beim Frühstück weniger essen sollen.

Ich versuchte es auszublenden. Konzentrierte mich auf die Tanzschritte und Anweisungen von McGonagall, obwohl diese nur gedämpft durch die Menge der Schüler zu mir durchdrangen. Das Gefühl verschwand jedoch nicht. Im Gegenteil. Es wurde stärker. Eine leichte Übelkeit setzte ein. Ich blinzelte mehrmals.

Die Halle wirkte auf einmal ungewöhnlich warm.

>>Lucinda?<< Daphnes Stimme klang seltsam fern. >>Alles in Ordnung?<<

Wie ferngesteuert nickte ich. >>Natürlich.<<

Die Antwort fiel knapper aus als beabsichtigt. Ich versuchte mich erneut auf die Tanzschritte zu konzentrieren. Doch mein Gleichgewicht begann zu schwanken. Merkwürdig. Sehr merkwürdig. Mein Herz schlug plötzlich schneller. Zu schnell.

Ein kalter Schauer lief über meinen Rücken. Gleichzeitig begann sich mein Sichtfeld leicht zu verengen.

>>Lucinda?<< Diesmal klang Daphne deutlich besorgter.

Ich wollte antworten. Doch meine Zunge fühlte sich schwer an. Die Stimmen um mich herum verschwammen. Die Schüler. Die Musik. Das Klappern von Schuhen. Alles vermischte sich zu einem undeutlichen Rauschen. Ich hörte nur, wie McGonagall Ron Weasley für seine katastrophale Leistung rügte.

>>Stellen Sie sich nicht so an, Mr Weasley. Ein bisschen Haltung und Würde hat noch niemandem geschadet.<<

>>Ich gebe mein Bestes, Professor<<, erwiderte Ron angestrengt.

Eine kurze Pause. Dann Professor Snape, trocken wie immer: >>Selbst ein betrunkener Troll hätte mehr Anmut als Sie, Weasley.<<

McGonagall ließ sich davon nicht beeindrucken. >>Denken Sie immer an Grazie und Haltung, Mr Weasley.<<

Ron schnaubte frustriert. >>Das ist pure Folter. Außerdem bin ich nicht der einzige mit Haltungsschwierigkeiten. Stonefield sieht zumindest aus, als würde sie gleich umkippen.<<

Ich hörte die Worte. Aber sie schienen plötzlich von weit wegzukommen. Am Rand der Halle stand Professor Snape noch immer neben McGonagall. Sein gelangweilter Blick glitt über die Reihen der Schüler, ehe er plötzlich innehielt. Für einen kurzen Augenblick trafen sich unsere Blicke. Seine Stirn zog sich leicht zusammen. Offenbar war selbst ihm nicht entgangen, dass etwas nicht stimmte. Ich musste inzwischen ungewöhnlich blass aussehen. Noch dazu die Bemerkung von Weasley.

Doch bevor ich mir darüber Gedanken machen konnte, krampfte sich mein Magen erneut zusammen. Ein schmerzhafter Schwindel erfasste mich. Die Halle schwankte. >>Lucinda!<< Daphnes Stimme klang nun alarmiert.

Ich versuchte, einen Schritt nach vorne zu machen. Stattdessen knickten meine Knie weg. Überraschte Rufe erklangen. Daphne griff nach meinem Arm. Zu spät.

Die Welt begann sich zu drehen. Schwarze Flecken tanzten vor meinen Augen. Ich hörte jemanden meinen Namen rufen. Dann noch jemanden. Plötzlich entstand Unruhe in der Halle. Panik. Verwirrung. Entsetzte Stimmen.

Und mitten durch das Chaos hörte ich schnelle Schritte. Professor Snape hatte sich bereits in Bewegung gesetzt. Die Menge wich erschrocken auseinander, als er auf uns zukam. >>Zur Seite!<< Seine Stimme schnitt durch die Halle. Innerhalb weniger Sekunden kniete er neben mir. >>Stonefield.<<

Zum ersten Mal klang seine Stimme nicht genervt oder spöttisch, sondern ungewöhnlich scharf. Fast besorgt. Ich versuchte den Kopf zu heben. Vergeblich. Mein letzter verschwommener Eindruck war Snapes blasses Gesicht, das über mir auftauchte, während seine dunklen Augen jede Regung aufmerksam musterten. Dann verschwand die Welt vollständig. Und ich fiel in die Finsternis.

***

Ruby PoV

Für einen Augenblick verstand ich nicht, was passiert war. Die Musik verstummte. Schüler wichen zurück. Daphne schrie Lucindas Namen. Und Lucinda lag auf dem Boden. Reglos. Ich stand einfach nur da.

Um mich herum entstand ein einziges Chaos. Stimmen überschlugen sich, Schüler drängten nach vorne, andere wurden von Professor McGonagall zurückgedrängt. Professor Snape bahnte sich bereits einen Weg durch die Menge. >>Zur Seite!<<

Seine Stimme schnitt durch die Große Halle. Ich hörte sie. Ich sah, wie er neben Lucinda auf die Knie ging. Wie Daphne mit kreidebleichem Gesicht zurückwich. Wie McGonagall hinzukam. Aber nichts davon schien wirklich bei mir anzukommen. Ich konnte nur Lucinda ansehen.

>>Ruby?<< Jemand berührte meinen Arm. Ich reagierte nicht. >>Ruby.<<

Anthony. Seine Hand schloss sich fester um meinen Unterarm.

>>Sie ist zusammengebrochen<<, flüsterte ich.

Eine vollkommen unsinnige Feststellung. Natürlich war sie zusammengebrochen. Ich hatte es gesehen. Ich hatte wenige Minuten zuvor noch mit ihr gesprochen.

Du bist blass. Ich bin immer blass. Nicht so. Merlin.

>>Ich wusste, dass etwas nicht stimmt.<<

Anthony trat vor mich, sodass ich ihn ansehen musste. >>Du konntest das nicht wissen.<<

>>Doch.<< Meine Stimme zitterte. >>Ich habe es gesehen.<< Ich wollte zu ihr. Mein Körper setzte sich in Bewegung, bevor ich überhaupt darüber nachdenken konnte.

Anthony hielt mich zurück. >>Ruby.<<

>>Lass mich los.<<

>>Die Lehrer kümmern sich um sie.<<

>>Ich muss zu ihr.<<

>>Ruby—<<

>>Ich muss zu ihr!<<

Mehrere Schüler drehten sich zu uns um. Es war mir egal. Ich riss meinen Arm los und drängte mich durch die Menge. Oder versuchte es zumindest. Professor McGonagall hatte die Schüler inzwischen zurückbeordert.

>>Abstand! Sofort! Geben Sie Professor Snape Platz!<<

Ich blieb stehen. Lucinda lag noch immer am Boden. Professor Snape hatte zwei Finger an ihren Hals gelegt. Ich konnte sein Gesicht nicht richtig erkennen. Aber seine Haltung genügte mir. Etwas stimmte ganz und gar nicht.

Mein Herz raste. Anthony war wieder neben mir. Diesmal fasste er mich nicht an. Er blieb einfach da. >>Sie wird wieder aufstehen<<, sagte er leise.

Ich antwortete nicht. Weil Anthony etwas nicht wusste. Etwas, das außer Lucinda und mir niemand in dieser Halle wusste. Die Analyse ist abgeschlossen.

Die Worte schossen mir durch den Kopf. Unsere Lüge. Unsere verdammte Lüge.

Ich hörte wieder Lucindas Stimme. Wir brauchen eine Reaktion.

Und meine eigene. Das gefällt mir nicht.

Ich hatte gewusst, dass es gefährlich war. Natürlich hatte ich es gewusst. Aber wir hatten mit etwas anderem gerechnet. Gestohlenen Aufzeichnungen. Einem Einbruch. Jemandem, der Lucinda beschattete. Vielleicht sogar einer offenen Konfrontation. Wir hatten Fallen vorbereitet. Schutzzauber. Gefälschte Pergamente. Wir hatten darüber diskutiert, wie wir reagieren würden, wenn jemand versuchte, an die vermeintlichen Ergebnisse zu gelangen. Nur an eine Möglichkeit hatten wir nicht gedacht.

Mein Blick fiel wieder auf Lucinda. Nein. Mein Magen zog sich zusammen.

>>Ruby?<< Anthony hatte bemerkt, dass sich etwas verändert hatte. >>Was ist?<<

Ich hörte ihn kaum. Wir haben ihn aus der Reserve gelockt. Plötzlich fühlte sich die Große Halle eisig an. Das war die Reaktion. Die ganze Zeit hatten wir darauf gewartet. Und jetzt lag sie direkt vor mir. >>Oh nein.<<

Anthony runzelte die Stirn. >>Was?<<

Ich schüttelte den Kopf. >>Nein.<<

>>Ruby, was ist los?<<

Ich konnte ihm nichts sagen. Nicht hier. Nicht vor all den anderen. Und schon gar nichts über unsere Ermittlungen. Meine Hände begannen zu zittern. Ich ballte sie zu Fäusten. >>Wir haben einen Fehler gemacht.<<

Anthony sah mich verständnislos an. >>Wer ist wir?<<

Ich antwortete nicht. Professor Flitwick eilte inzwischen durch die Menge. Sprout folgte ihm. Moody ebenfalls. Mein Blick blieb an ihm hängen. Alastor Moody.

Lucinda hatte ihn beobachtet. Immer wieder. Sie hatte ihn verdächtigt. Aber wir hatten keine Beweise. Noch immer nicht. Und selbst das hier bewies nichts. Ich wusste nicht einmal, was mit Lucinda geschehen war. Vielleicht war sie krank. Vielleicht war es ihr Fluch. Vielleicht—

Nein. Ich wusste es besser. Ich wollte es nur nicht wissen. >>Das war nicht der Plan<<, flüsterte ich.

Anthony beugte sich etwas zu mir. >>Was war nicht der Plan?<<

Ich sah ihn an. Seine braunen Augen waren voller Sorge. Nicht nur um Lucinda. Auch um mich. Aber ich konnte es ihm nicht erklären. Also schüttelte ich lediglich den Kopf. >>Ich kann es dir nicht sagen.<<

Er schwieg kurz. Dann nickte er. Keine Fragen. Kein Drängen. Nur ein leises: >>In Ordnung.<<

Ich hätte ihn dafür umarmen können. Stattdessen sah ich wieder zu Lucinda. Professor Snape sagte irgendetwas zu McGonagall. Ich verstand die Worte nicht. Dann erschien Dumbledore. Madam Pomfrey. Immer mehr Lehrer. Und mit jeder Person, die sich um Lucinda versammelte, wurde meine Angst größer.

>>Warum wacht sie nicht auf?<<

Diesmal klang meine Stimme kaum noch nach mir. Anthony stellte sich näher neben mich. Seine Schulter berührte meine. >>Sie kümmern sich um sie.<<

>>Das beantwortet meine Frage nicht.<<

>>Ich weiß.<<

Meine Augen brannten. Ich blinzelte heftig. Nicht hier. Nicht jetzt. Lucinda würde wieder aufwachen. Natürlich würde sie das. Sie hatte Schlimmeres überlebt. Viel Schlimmeres. Ich wusste das besser als jeder andere Mensch in diesem Raum. Aber genau das machte mir Angst. Denn wenn jemand wusste, wer Lucinda wirklich war—

Ich brach den Gedanken ab. Nein. Das konnte niemand wissen. Dumbledore hatte darauf geachtet. Wir hatten darauf geachtet. Ihre Identität war sicher. Das hier hatte nichts mit Tom zu tun. Es hatte mit Harry zu tun. Mit dem Feuerkelch. Mit unserer Falle.

Ich spürte, wie mir übel wurde. >>Er wollte die Aufzeichnungen gar nicht.<<

Anthony sah mich von der Seite an. Ich hatte die Worte ausgesprochen. Verdammt. >>Welche Aufzeichnungen?<<

Ich schloss kurz die Augen. >>Vergiss es.<<

>>Ruby—<<

>>Bitte.<<

Er schwieg. Wieder. Ich atmete zittrig aus. Natürlich. Warum waren wir davon ausgegangen, dass der Täter nach den Aufzeichnungen greifen würde? Weil es für uns logisch gewesen war. Beweise waren gefährlich. Also vernichtete man die Beweise. Aber wenn nur ein einziger Mensch behauptete, diese Beweise gefunden zu haben…

Meine Augen öffneten sich. Dann musste man nicht an die Pergamente gelangen. Man musste nur verhindern, dass dieser Mensch erzählte, was darauf stand. Mir wurde kalt. >>Lucinda, du verdammte Idiotin<<, flüsterte ich.

Meine Stimme brach beim letzten Wort. Und sofort hasste ich mich dafür. Sie war keine Idiotin. Der Plan war gut gewesen. Ich hatte ihm zugestimmt. Wir hatten ihn gemeinsam ausgearbeitet. Und er hatte funktioniert. Das war das Schlimmste daran. Er hatte funktioniert.

Der Täter hatte sich bedroht gefühlt. Er hatte reagiert. Nur nicht so, wie wir erwartet hatten. Plötzlich setzte sich Professor Snape in Bewegung. Ich sah, wie er Lucinda auf seine Arme nahm. Etwas in mir riss. >>Nein.<<

Ich machte einen Schritt nach vorne. Anthony griff diesmal nach meiner Hand. Nicht fest. Nur genug, dass ich wusste, dass er da war. Ich hätte mich losreißen können. Tat es aber nicht.

Lucindas Kopf lag reglos an Snapes Schulter. Ihr Gesicht war beinahe vollkommen farblos. Ich hatte sie noch nie so gesehen. Nicht einmal—

Nein. Ich wollte nicht an damals denken. Nicht an das Riddle-Anwesen. Nicht an ihren leblosen Körper. Nicht jetzt.

>>Ruby.<< Anthonys Stimme holte mich zurück. Er stand dicht neben mir. >>Atme.<<

Ich merkte erst jetzt, dass ich es kaum noch tat. Ich sog Luft ein. Einmal. Noch einmal. Professor Snape trug Lucinda aus der Halle. Madam Pomfrey ging neben ihm. Dumbledore folgte. Ich sah ihnen nach, bis Lucindas dunkles Haar hinter den Türen verschwand. Erst dann löste sich eine Träne.

Ich wischte sie wütend weg. >>Ich hätte sie aufhalten sollen.<<

>>Wobei?<<

Ich schüttelte den Kopf. Anthony konnte es nicht verstehen. Noch nicht. Vielleicht niemals. Meine Finger schlossen sich fester um seine Hand. >>Wenn ihr etwas passiert …<< Weiter kam ich nicht.

>>Das wird es nicht.<<

Ich sah ihn an. Er konnte das nicht wissen. Das wussten wir beide. Trotzdem widersprach ich nicht. Für einen Augenblick stand ich einfach da und ließ zu, dass jemand anderes derjenige war, der mich festhielt. Dann blickte ich zur Tür des Krankenflügels, durch die Lucinda verschwunden war.

Meine Angst wich nicht. Aber etwas anderes mischte sich darunter. Wut. Kalt und scharf. Wer auch immer das getan hatte, hatte einen Fehler begangen. Einen gewaltigen. Denn Lucinda und ich hatten bislang versucht herauszufinden, ob jemand auf unsere Falle reagieren würde. Diese Frage war beantwortet.

Der Täter war hier. Er hatte unsere Lüge gehört. Und er hatte Lucinda für gefährlich genug gehalten, um sie aus dem Weg räumen zu wollen. Ich wusste noch nicht, wer er war. Aber ich würde es herausfinden. Und wenn Lucinda wieder die Augen öffnete, würden wir unsere Jagd fortsetzen. Diesmal allerdings würde niemand von uns vergessen, dass unser Gegner längst wusste, dass wir hinter ihm her waren.

***

Severus PoV

>>Außerdem bin ich nicht der einzige mit Haltungsschwierigkeiten. Stonefield sieht zumindest aus, als würde sie gleich umkippen.<<

Weasleys spöttische Bemerkung löste vereinzeltes Gelächter aus. Severus Snape lachte nicht. Sein Blick hatte Lucinda ohnehin schon seit einigen Sekunden nicht mehr verlassen. Irgendetwas stimmte nicht.

Zunächst hatte er angenommen, sie langweile sich lediglich, wie nahezu jeder Schüler in dieser Halle. Doch nun fiel ihm auf, wie ungewöhnlich blass ihr Gesicht geworden war. Die sonst so ruhigen Bewegungen wirkten fahrig, beinahe unkoordiniert. Selbst ihre Haltung hatte sich verändert.

Sie schwankte. Nur ganz leicht. Für die meisten Anwesenden kaum wahrnehmbar. Für einen Zaubertränkemeister jedoch nicht. Severus verengte die Augen. Nein. Das war keine Erschöpfung. Er setzte bereits einen Schritt nach vorne.

Im selben Augenblick hob Lucinda den Kopf, als wolle sie sich zusammenreißen. Ihr Blick wirkte glasig. Beinahe orientierungslos.

>>Lucinda?<<, hörte er Daphne Greengrass besorgt sagen.

Dann geschah es. Lucindas Knie gaben nach. Sie sackte förmlich in sich zusammen. >>Stonefield!<< Severus hatte sich bereits in Bewegung gesetzt.

Mit wenigen schnellen Schritten durchquerte er die Halle, während die Schüler erschrocken auseinanderwichen. McGonagall folgte ihm dicht auf den Fersen. >>Zur Seite!<<, befahl er scharf.

Die Umstehenden wichen augenblicklich zurück. Daphne kniete bereits neben Lucinda und versuchte vergeblich, sie festzuhalten. >>Ich … ich weiß nicht, was passiert ist<<, stammelte sie.

Severus reagierte nicht. Er kniete sich neben Lucinda und legte zwei Finger an ihren Hals. Der Puls raste. Viel zu schnell. Lucindas Atmung war flach und unregelmäßig. Ihre Haut fühlte sich auffallend kühl an, obwohl sich feine Schweißperlen auf ihrer Stirn gebildet hatten. >>Stonefield?<<

Keine Reaktion. Lediglich ein kaum hörbares, schmerzhaftes Atmen. Seine dunklen Augen glitten prüfend über ihr Gesicht. Die unnatürliche Blässe. Die geweiteten Pupillen. Der kalte Schweiß. Das beschleunigte Herz. Und plötzlich erinnerte er sich.

Der Kürbissaft … Schmeckt der für euch heute nicht irgendwie seltsam? Bitter, meine ich.

Die beiläufige Bemerkung beim Frühstück. Er hatte sie gehört. Und nun ergaben die einzelnen Bruchstücke ein erschreckendes Bild. Sein Gesicht wurde mit einem Mal noch blasser. Nein. Das durfte nicht sein.

>>Minerva<<, sagte er ungewöhnlich ruhig, obwohl seine Stimme eine gefährliche Schärfe angenommen hatte. >>Lassen Sie umgehend den Krankenflügel vorbereiten.<<

McGonagall erkannte an seinem Tonfall sofort den Ernst der Lage. >>Ist sie schwer verletzt?<<

Severus hob den Blick. >>Nein.<< Eine kurze Pause. >>Ich befürchte etwas weitaus Schlimmeres.<<

Noch bevor McGonagall weiterfragen konnte, eilten weitere Lehrkräfte herbei. Professor Flitwick kämpfte sich durch die Schülermenge. Sprout folgte unmittelbar hinter ihm. Moody bahnte sich mit seinem Holzbein den Weg und sein magisches Auge rotierte hektisch zwischen Lucinda und den umstehenden Schülern. Schließlich trat auch Albus Dumbledore durch den Kreis der Anwesenden. Mit einem einzigen Blick erkannte der Schulleiter, dass es sich nicht um einen gewöhnlichen Schwächeanfall handelte. Sein sonst so gelassenes Gesicht verlor einen Hauch seiner Ruhe. >>Severus?<<, fragte er leise.

Der Zaubertränkemeister löste den Blick keine Sekunde von Lucinda. >>Sie verliert zunehmend das Bewusstsein.<< Er legte vorsichtig eine Hand unter ihren Kopf, während er weiterhin jede kleinste Veränderung beobachtete. >>Sie hat beim Frühstück erwähnt, dass ihr Kürbissaft ungewöhnlich bitter geschmeckt hat.<<

Dumbledores Augen verengten sich. Severus sprach den Gedanken nicht laut aus. Noch nicht. Dafür fehlte ihm der endgültige Beweis. Doch sein Instinkt als Meister der Zaubertränke schrie ihm bereits die Wahrheit entgegen. Das hier war kein Zufall. Jemand hatte Lucinda Stonefield vergiftet.

Während Madam Pomfrey herbeieilte und McGonagall die aufgebrachten Schüler zurückdrängte, hob Severus den Blick. Für den Bruchteil einer Sekunde begegnete er dem magischen Auge von Alastor Moody. Der ehemalige Auror stand regungslos am Rand des Geschehens.

Sein normales Auge ruhte auf Lucinda, während das magische sich unablässig drehte. Sein Gesicht ließ keinerlei Gefühlsregung erkennen. Severus erinnerte sich augenblicklich an das Gespräch, das er vor wenigen Tagen zufällig mit angehört hatte. An Lucindas unverhohlene Warnung. An Moodys ungewöhnlich großes Interesse an ihr. Und nun lag sie vor ihm. Vergiftet.

Ein ungutes Gefühl breitete sich in ihm aus. Severus hielt Moodys Blick einen Moment lang fest. Zu lange. Moody erwiderte ihn, ohne mit der Wimper zu zucken. Erst als Madam Pomfrey Severus aufforderte, ihr beim Transport von Lucinda in den Krankenflügel zu helfen, löste er den Blickkontakt.

Schweigend erhob er sich und nahm Lucinda behutsam auf seine Arme. Sie war erschreckend leicht. Viel zu reglos. Für einen flüchtigen Moment zog sich etwas unangenehm in seiner Brust zusammen. Er ignorierte es. Jetzt war nicht der Zeitpunkt.

Er folgte Madam Pomfrey aus der Großen Halle. Doch während sich die Schüler hinter ihnen teilten und eine bedrückende Stille über den Raum gefallen war, arbeitete sein Verstand bereits. Der bittere Geschmack. Der Zusammenbruch. Moodys Interesse an Stonefield. Ihre eigenen Nachforschungen.

Severus wusste nicht, was Lucinda in den vergangenen Tagen getan hatte. Noch nicht. Aber eines wusste er inzwischen mit erschreckender Gewissheit. Das hier war kein Unfall. Lucinda Stonefield hatte Fragen gestellt. Offenbar Fragen, die jemand nicht beantwortet sehen wollte. Und wer auch immer dieser Jemand war, hatte heute Morgen eine Antwort gegeben. Eine ausgesprochen tödliche.