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Giftanschlag

The Curse Of The Heirs - Every Darkness Has An Origin — www.fanfiktion.de · All chapters

Giftanschlag

Hallo, meine Lieben :) Schon wieder haben wir Wochenende und es geht turbulent weiter in Hogwarts. Wünsche euch daher viel Spaß mit dem brandneuen Kapitel und habt ein schönes Wochenende.

Liebe Grüße,

eure Melody

~~~

26

Giftanschlag

Severus PoV

Der Weg zum Krankenflügel kam Severus länger vor als gewöhnlich. Madam Pomfrey eilte neben ihm her, während Dumbledore ihnen mit einigen Schritten Abstand folgte. Keiner von ihnen sprach. Es gab nichts zu sagen, solange Severus nicht wusste, womit sie es zu tun hatten.

Lucinda lag vollkommen reglos in seinen Armen. Das gefiel ihm nicht. Überhaupt nicht.

Noch in der Großen Halle hatte ihr Herz viel zu schnell geschlagen. Jetzt konnte er den Puls an ihrem Hals kaum noch erkennen. Ihre Atmung war flacher geworden und zwischen den einzelnen Atemzügen lagen Abstände, die mit jedem Schritt länger zu werden schienen.

>>Poppy.<< Madam Pomfrey sah sofort zu ihm. >>Ihr Puls fällt.<<

Mehr musste er nicht sagen. Die Hexe beschleunigte ihre Schritte und riss bereits aus der Entfernung die Türen des Krankenflügels mit ihrem Zauberstab auf. >>Das erste Bett.<<

Severus trat an das Bett und legte Lucinda vorsichtig darauf. Ihr Kopf sank kraftlos zur Seite. Sofort war Pomfrey über ihr. Ihr Zauberstab glitt über Lucindas Körper, während mehrere Diagnosezauber nacheinander aufleuchteten.

Severus blieb dicht daneben stehen. Gelb. Blau. Ein kurzes Aufflackern von Rot.

Pomfreys Stirn legte sich in tiefe Falten. >>Ihr Kreislauf bricht zusammen.<<

>>Das sehe ich.<<

>>Severus.<<

Er ignorierte ihren tadelnden Ton und griff selbst nach Lucindas Handgelenk. Der Puls war schwach. Unregelmäßig. Viel zu langsam im Vergleich zu wenigen Minuten zuvor. Sein Blick glitt über ihr Gesicht. Die geweiteten Pupillen. Kalter Schweiß. Blasse Haut. Die anfängliche Tachykardie, die nun in einen rapiden Kreislaufabfall überging. Und der bittere Geschmack.

Er kannte Hunderte Gifte. Dutzende davon konnten diese Symptome hervorrufen. Nur wenige wirkten derart schnell.

>>Wie lange ist die Einnahme her?<<, fragte Pomfrey.

Severus' Blick hob sich. Frühstück. Er hatte ihre Bemerkung selbst gehört. >>Mehrere Stunden.<<

Pomfrey sah ihn irritiert an. >>Dann hätte sie bei einem schnell wirkenden Gift längst Symptome zeigen müssen.<<

>>Nicht zwingend.<<

Severus' Gedanken arbeiteten fieberhaft. Manche Substanzen wurden erst durch Bewegung beschleunigt. Andere durch erhöhte Körpertemperatur. Wieder andere verblieben über Stunden nahezu wirkungslos im Magen, bevor sie in den Blutkreislauf gelangten.

Tanzunterricht. Körperliche Anstrengung. Beschleunigter Kreislauf. Seine Augen verengten sich. >>Eine Blutprobe. Sofort.<<

Pomfrey zögerte nicht. Während sie alles vorbereitete, trat Dumbledore näher. Bislang hatte der Schulleiter schweigend am Fußende des Bettes gestanden. >>Sie sind sicher, dass es Gift ist?<<

>>Nein.<< Severus' Stimme blieb kühl. >>Aber ich werde nicht warten, bis Miss Stonefield stirbt, um Gewissheit zu bekommen.<<

Dumbledores Gesicht wurde ernst. Severus sah bereits wieder zu Lucinda. Keine Bewegung. Nicht einmal ein Zucken. Pomfrey nahm die Probe und reichte ihm das schmale Glasröhrchen. In dem Augenblick, in dem Severus es entgegennahm, verschwand alles andere. Die Große Halle. Moody. Dumbledore. Die Fragen. Es gab nur noch das Gift. Und seine Aufgabe, es zu finden.

>>Ich brauche Silbernitrat. Gemahlene Mondsteinessenz. Bezoarpulver. Und die kleine Phiole mit der blauen Kennzeichnung aus Ihrem Giftschrank.<<

Pomfrey setzte sich augenblicklich in Bewegung.

Severus zog seinen Zauberstab. >> Specialis Revelio .<<

Das Blut im Röhrchen begann schwach zu schimmern. Keine eindeutige Reaktion. Verdammt. Er fügte einen Tropfen Silbernitrat hinzu. Das Blut verdunkelte sich. Severus beobachtete es. Braun. Nicht schwarz. Damit schieden mindestens sechs Substanzen aus. >>Mondstein.<<

Pomfrey reichte ihm die Phiole. Zwei Tropfen. Das Blut nahm einen matten violetten Schimmer an. Severus' Stirn legte sich in Falten. Das engte es ein. Er kannte diese Reaktion. Woher?

Seine Gedanken rasten durch Jahrzehnte an Wissen. Bücher. Rezepturen. Gegengifte. Verbotene Substanzen. Seltene Pflanzenextrakte.

Pomfrey sprach hinter ihm. >>Ihre Atmung wird schwächer.<<

Severus reagierte nicht. Violett nach Mondstein. Bitterer Geschmack. Kreislaufversagen. Verzögerte Wirkung. Geweitete Pupillen. Es gab etwas. Er wusste es.

>>Severus.<<

>>Still.<<

Dumbledore warf Pomfrey einen kurzen Blick zu. Sie schwieg. Severus starrte auf das Röhrchen. Er hatte davon gelesen. Vor Jahren. Eine Abhandlung über kaum noch verwendete Pflanzengifte aus Osteuropa. Eine Substanz, die aus den Wurzeln einer magischen Nachtschattenart gewonnen wurde.

Selten. Schwer zu beschaffen. Und— Sein Blick schnellte zu Lucinda. Tödlich. >>Nein.<< Das Wort war kaum mehr als ein Flüstern. Er griff nach der blauen Phiole.

>>Was?<<, fragte Pomfrey.

Severus antwortete nicht. Ein Tropfen. Das Blut im Röhrchen wurde augenblicklich schwarz. Vollkommen schwarz. Für einen Moment bewegte sich niemand. Dann stellte Severus das Röhrchen mit solcher Härte auf den Tisch, dass Glas auf Holz klirrte. >>Verdammt.<<

Dumbledore trat näher. >>Severus?<<

>>Velmoria.<<

Pomfrey erbleichte. >>Das ist unmöglich.<<

>>Offensichtlich nicht.<<

Dumbledore blickte zwischen ihnen hin und her. >>Was ist Velmoria?<<

Severus wandte sich bereits dem Arzneischrank zu. >>Ein äußerst seltenes Gift. Nahezu geschmacklos, abgesehen von einem bitteren Nachgeschmack. In geringen Mengen verursacht es zunächst Übelkeit, Schwindel und Herzrasen. Sobald es vollständig in den Blutkreislauf gelangt, greift es das Nervensystem an.<< Er riss mehrere Türen auf.

>>Wie lange?<<

Severus hielt inne. Pomfrey wusste genau, was Dumbledore meinte.

>>Bei dieser Dosierung?<< Sein Blick wanderte zu Lucinda. >>Minuten.<<

Stille. Dumbledores Gesicht verlor jede Spur seiner sonstigen Gelassenheit. >>Das Gegengift?<<

>>Existiert.<<

Severus suchte weiter. Dann erstarrte er. Nicht hier. Natürlich nicht. Velmoria war so selten, dass kein gewöhnlicher Krankenflügel ein entsprechendes Gegengift lagerte. Pomfrey begriff es ebenfalls. >>Ich habe keines.<<

>>Das weiß ich.<<

>>Severus—<<

>>Ich kann es herstellen.<<

>>Wie lange?<<

Er antwortete nicht.

Pomfrey trat einen Schritt auf ihn zu. >>Wie lange?<<

>>Normalerweise fünfzehn Minuten.<<

Ihr Blick wanderte zu Lucinda. >>Die hat sie nicht.<<

Severus' Kiefer spannte sich an. >>Dann brauche ich keine fünfzehn.<< Er zog seinen Umhang aus und warf ihn achtlos über den nächstgelegenen Stuhl. >>Poppy. Kessel. Sofort.<< Madam Pomfrey reagierte augenblicklich. >>Albus, Alraunenessenz aus meinem persönlichen Vorrat. Unterste Schublade meines Schreibtisches. Silberne Phiole.<<

Dumbledore verschwand, ohne eine einzige Frage zu stellen. Severus begann zu arbeiten. Seine Hände waren ruhig. Vollkommen ruhig. Er maß die erste Zutat ab. Drei Gramm. Nicht mehr. Nicht weniger. Ein Fehler würde Lucinda töten. Er zermahlte einen Bezoar, während Pomfrey neben Lucinda blieb und unablässig ihren Zustand überwachte. Erhitzte Wasser. Zwei weitere Zutaten folgten.

Dann hielt Severus inne. Die Alraunenessenz. Ohne sie konnte er nicht weitermachen. Sein Blick schnellte zur Tür. >>Wo bleibt er?<<

Pomfrey sah kurz zu ihm, sagte jedoch nichts. Severus wusste selbst, dass Dumbledore erst vor wenigen Augenblicken verschwunden war. Trotzdem kam ihm jede einzelne Sekunde wie eine Verschwendung vor.

>>Ihr Puls fällt weiter<<, sagte Pomfrey.

>>Wie weit?<<

>>Unter fünfzig.<<

Severus' Kiefer spannte sich an. Sein Blick wanderte erneut zur Tür. Komm schon, Albus.

Als hätte der Schulleiter ihn gehört, flogen die Türen des Krankenflügels auf. Dumbledore kam mit schnellen Schritten herein. Von seiner sonst so gemächlichen Ruhe war nichts zu erkennen. In seiner Hand hielt er eine kleine silberne Phiole. >>Severus.<<

Severus streckte lediglich die Hand aus. Dumbledore legte ihm die Phiole hinein.

>>Unterste Schublade Ihres Schreibtisches<<, sagte er. >>Wie beschrieben.<<

Severus zog den Verschluss heraus, prüfte die Essenz mit einem einzigen Blick und gab exakt drei Tropfen in den Kessel. Die Flüssigkeit zischte. Ein dünner weißer Dampf stieg auf.

>>Wie lange noch?<<, fragte Dumbledore.

>>Wenn Sie mich weiter fragen, länger.<<

Dumbledore schwieg augenblicklich. Unter anderen Umständen hätte Severus die Tatsache vielleicht genossen. Heute nicht.

Er rührte zweimal im Uhrzeigersinn. Pause. Noch einmal. Seine Bewegungen waren präzise und schnell, ohne jemals hektisch zu werden.

>>Puls fällt weiter<<, sagte Pomfrey.

Severus' Hand hielt für den Bruchteil einer Sekunde inne. Dann arbeitete er weiter. >>Wie weit?<<

>>Vierzig.<<

Dumbledores Blick schnellte zu Lucinda. Severus sagte nichts. Das Gegengift musste durchsichtig werden. Noch war es grau. Zu früh. Er senkte die Temperatur. >>Komm schon<<, murmelte er.

Es war kaum hörbar. Pomfrey blickte zu ihm. Dumbledore ebenfalls. Severus bemerkte keinen von beiden. Sein Blick lag ausschließlich auf dem Kessel. Grau. Silbrig. Noch nicht.

Hinter ihm erklang plötzlich ein scharfes Keuchen. Lucinda rang nach Luft. Severus fuhr herum. Ihr Körper hatte sich schwach angespannt. Pomfrey war sofort über ihr, während Dumbledore unwillkürlich einen Schritt auf das Bett zumachte. >>Lucinda?<<

Keine Reaktion. Dann erschlaffte sie wieder. Pomfreys Finger fanden ihren Puls. Ihre Miene veränderte sich. >>Severus.<<

Er wollte es nicht hören. >>Noch eine Minute.<<

>>Severus—<<

>>Eine Minute!<< Seine Stimme schnitt durch den Krankenflügel.

Dumbledore sagte nichts. Auch er wusste, dass es nichts gab, was sie jetzt tun konnten. Alles hing von Severus ab. Er wandte sich wieder dem Kessel zu. Silber. Noch immer Silber. Zu langsam.

Sein Blick sprang zur kleinen Sanduhr neben dem Kessel. Nur wenige Körner waren seit seinem letzten Blick hindurch gerieselt. Trotzdem fühlte es sich an wie eine Ewigkeit. >>Puls?<<

>>Achtunddreißig.<<

Severus' Finger schlossen sich fester um den Glasstab. Nicht hinsehen. Er durfte jetzt nicht zu ihr sehen. Jede Sekunde, die er Lucinda betrachtete, war eine Sekunde, in der er nicht auf den Trank achtete. Er kannte die Rezeptur. Er kannte die Reaktionen der einzelnen Zutaten. Er wusste genau, wann sich die Konsistenz verändern musste. Silber. Ein kaum wahrnehmbarer bläulicher Schimmer erschien darin. Fast. Severus senkte die Flamme um eine winzige Nuance.

>>Severus.<< Pomfreys Stimme. Er reagierte nicht. >>Ihr Puls wird unregelmäßig.<<

Seine Kiefermuskeln spannten sich an.

>>Wie lange?<<, fragte Dumbledore leise.

>>Noch nicht.<<

>>Severus—<<

>>Noch nicht!<<

Diesmal blickte er auf. Nur einen Augenblick. Und bereute es sofort. Lucinda lag vollkommen reglos zwischen den weißen Laken. Die ohnehin blasse Haut hatte inzwischen beinahe jede Farbe verloren. Ihr Brustkorb hob sich kaum noch. Etwas zog sich schmerzhaft in seiner Brust zusammen. Nein.

Severus wandte sich wieder dem Kessel zu. >>Sie werden mir jetzt nicht wegsterben, Stonefield<<, murmelte er so leise, dass er selbst kaum wusste, ob die anderen ihn verstanden hatten.

Pomfrey sah zu Dumbledore. Der Schulleiter sagte nichts. Severus hob den Glasstab. Die Flüssigkeit war fast klar. Fast. Aber fast genügte nicht. Ein unfertiges Gegengift konnte ebenso tödlich sein wie das Gift selbst.

Seine Gedanken rasten durch die Rezeptur. Alraune. Bezoar. Temperatur. Reihenfolge. Alles stimmte. Warum dauerte es—

Sein Blick fiel auf die Oberfläche. Eine einzige silbrige Schlierenbildung zog sich noch durch die Flüssigkeit. Natürlich. Severus griff nach der verbliebenen Alraunenessenz.

Pomfrey bemerkte die Bewegung. >>Noch mehr?<<

>>Ein Tropfen.<<

>>Die Rezeptur verlangt drei.<<

>>Die Rezeptur geht von einem vollständig ausgewachsenen Opfer aus.<< Seine Stimme war wieder vollkommen ruhig. >>Stonefield wiegt erheblich weniger. Das Verhältnis stimmt nicht.<<

Er ließ einen einzigen Tropfen in den Kessel fallen. Die Flüssigkeit zischte. Für einen Moment geschah nichts. Dann verschwand die letzte silberne Schlierenbildung. Das Gegengift wurde vollkommen klar. Severus erstarrte. Fertig.

Er riss den Kessel vom Feuer. >>Phiole.<<

Pomfrey reichte ihm bereits eine. Severus füllte eine kleine Menge ab. Seine Hand zitterte nicht. Nicht einen Millimeter. Er hätte nicht sagen können, wie.

>>Wie viel?<<, fragte Pomfrey.

>>Zunächst fünf Milliliter. Mehr könnte ihr Kreislauf nicht verkraften.<<

Er trat zum Bett. Dumbledore wich zur Seite. Severus setzte sich an Lucindas Seite und schob eine Hand vorsichtig unter ihren Nacken. Ihr Kopf lag schwer und vollkommen kraftlos in seiner Hand. >>Stonefield.<<

Keine Reaktion. Natürlich nicht. Trotzdem sagte er ihren Namen noch einmal.

>>Miss Stonefield.<< Nichts. Severus hob ihren Kopf ein wenig an. >>Poppy.<<

Pomfrey öffnete behutsam Lucindas Mund. Severus setzte die Phiole an ihre Lippen. >>Langsam<<, warnte Pomfrey.

Als müsste man ihm das sagen. Er ließ nur eine geringe Menge zwischen Lucindas Lippen laufen. Nichts. Sie schluckte nicht. Severus wartete. >>Kommen Sie schon.<<

Keine Reaktion. Ein weiterer Tropfen. Dann noch einer. Lucindas Kehle bewegte sich kaum merklich. Severus hielt inne. >>Noch einmal<<, sagte Pomfrey.

Er gab ihr eine weitere kleine Menge. Diesmal schluckte sie. Kaum wahrnehmbar. Aber sie schluckte. >>Gut.<< Das Wort entwich ihm, bevor er darüber nachdenken konnte.

Pomfreys Blick huschte kurz zu ihm. Severus ignorierte sie. Er verabreichte den Rest der vorgesehenen Dosis und legte Lucindas Kopf vorsichtig zurück auf das Kissen.

Dann begann das Warten. Eine Sekunde. Zwei. Drei. Nichts. Pomfrey tastete nach ihrem Puls. Severus beobachtete ihr Gesicht. >>Nun?<< Keine Antwort.

>>Poppy.<<

>>Warten Sie.<<

Severus' Blick schnellte zu Lucinda. Nichts. Keine Veränderung. Ihre Atmung blieb erschreckend flach. >>Warum wirkt es nicht?<<, fragte Dumbledore.

>>Es muss erst in den Blutkreislauf gelangen.<< Severus wusste selbst, wie wenig beruhigend diese Erklärung war.

Zehn Sekunden. Fünfzehn. Zwanzig. Pomfreys Finger lagen noch immer an Lucindas Hals. Dann veränderte sich ihr Gesicht. >>Der Puls fällt weiter.<<

Severus erstarrte. >>Wie weit?<< Pomfrey antwortete nicht sofort. Das genügte.

>>Poppy.<<

>>Zweiunddreißig.<<

Nein. Severus griff erneut nach der Phiole. Pomfrey hielt seine Hand fest. >>Nein.<<

Seine dunklen Augen schnellten zu ihr. >>Lassen Sie mich los.<<

>>Sie haben selbst gesagt, dass eine höhere Dosis ihren Kreislauf überfordern könnte.<<

>>Wenn das Gegengift nicht wirkt, spielt ihr Kreislauf in wenigen Minuten überhaupt keine Rolle mehr.<<

>>Severus.<< Dumbledores Stimme war ruhig. Viel zu ruhig. Severus sah ihn an. >>Geben Sie dem Gegengift Zeit.<<

>>Zeit ist exakt das, was sie nicht hat!<<

Stille. Die Worte hallten durch den Krankenflügel. Severus bemerkte erst danach, wie laut er geworden war. Dumbledore betrachtete ihn schweigend. Pomfrey ebenfalls. Es war Severus gleich. Sein Blick fiel wieder auf Lucinda. Einunddreißig. Vielleicht dreißig. Vielleicht—

Lucindas Körper zuckte. Severus war augenblicklich über ihr. >>Stonefield?<<

Ihre Stirn zog sich schwach zusammen. Dann sog sie plötzlich scharf Luft ein. Ein tiefer, keuchender Atemzug. Pomfrey griff nach ihrem Handgelenk. >>Der Puls steigt.<< Severus bewegte sich nicht. >>Dreiunddreißig.<< Ein weiterer Atemzug. >>Sechsunddreißig.<<

Lucindas Lippen öffneten sich leicht. Ein kaum hörbares Geräusch entwich ihr, bevor ihre Gesichtszüge wieder erschlafften. >>Vierzig.<< Severus starrte sie an. >>Fünfundvierzig.<< Pomfreys Schultern sanken ein Stück. >>Es wirkt.<< Niemand antwortete. >>Severus.<< Er hob langsam den Blick. Pomfrey lächelte schwach. >>Das Gegengift wirkt.<<

Erst jetzt schien die Bedeutung der Worte wirklich bei ihm anzukommen. Lucinda würde nicht sterben. Nicht heute.

Severus atmete langsam aus. Er hatte gar nicht bemerkt, dass er die Luft angehalten hatte. Seine Hand lag noch immer neben Lucindas Kopf auf dem Kissen. Für einen kurzen Moment wanderte sein Blick zu ihrem Gesicht.

Die Farbe war noch nicht zurückgekehrt. Sie war noch immer bewusstlos. Noch immer geschwächt. Aber sie atmete. Gleichmäßig. Lebendig.

Etwas löste sich in seiner Brust. Eine Anspannung, deren Ausmaß ihm erst jetzt bewusst wurde. Severus zog seine Hand zurück und richtete sich auf. Die Mauern waren augenblicklich wieder da. >>Sie benötigt in zwanzig Minuten eine zweite, wesentlich geringere Dosis<<, erklärte er sachlich. >>Danach alle zwei Stunden eine Kontrolle ihrer Blutwerte. Das Gift kann Rückstände hinterlassen.<<

Pomfrey hob eine Augenbraue. >>Das weiß ich, Severus.<<

>>Dann erspare ich Ihnen weitere Erläuterungen.<<

>>Wie großzügig.<<

Dumbledores Mundwinkel bewegte sich beinahe unmerklich. Severus bemerkte es. >>Was?<<

>>Nichts.<<

>>Dann sehen Sie mich nicht so an.<<

Dumbledore senkte tatsächlich den Blick. Zumindest für ungefähr zwei Sekunden. Severus ignorierte ihn. Er trat zurück an den Arbeitstisch und nahm das Röhrchen mit Lucindas Blut. Die schwarze Verfärbung war noch immer deutlich sichtbar. Velmoria.

Seine Erleichterung verschwand. An ihre Stelle trat etwas anderes. Kälter. Vertrauter. Zorn. Jemand hatte Lucinda diese Substanz verabreicht. Jemand hatte dafür gesorgt, dass sie heute beinahe gestorben wäre. Und wäre Severus nur wenige Minuten später gewesen...

Seine Finger schlossen sich fester um das Röhrchen. Er beendete den Gedanken nicht. Hinter ihm atmete Lucinda ruhig weiter. Das genügte. Für den Moment. Denn sobald Severus sicher sein konnte, dass sie außer Lebensgefahr war, würde er sich einer anderen Frage widmen.

Wer hatte versucht, Lucinda Stonefield zu töten?

Und wesentlich wichtiger: Warum?

***

Ruby PoV

Ich wusste nicht, wie lange ich vor dem Krankenflügel gewartet hatte. Vielleicht waren es zehn Minuten gewesen. Vielleicht eine Stunde. Zeit hatte irgendwann aufgehört, eine Bedeutung zu besitzen.

Anthony war bei mir geblieben, bis Madam Pomfrey schließlich die Tür geöffnet hatte. Er hatte nicht gefragt, was ich vorhin gemeint hatte. Nicht nach den Aufzeichnungen. Nicht nach unserem Fehler. Dafür war ich ihm dankbar gewesen.

Aber als Pomfrey meinen Namen genannt hatte, war ich aufgesprungen. >>Sie können zu ihr.<<

Mehr brauchte ich nicht. Ich schlüpfte an ihr vorbei in den Krankenflügel und blieb nach wenigen Schritten abrupt stehen. Lucinda. Mein Herz setzte aus.

Sie lag in einem der Betten, zugedeckt bis zur Brust. Ihre langen dunklen Haare lagen über dem weißen Kissen. Ihre Augen waren geschlossen. Und sie war blass.

Merlin, sie war so blass.

Für einen schrecklichen Moment sah ich nicht Hogwarts. Ich sah ein anderes Zimmer. Ein anderes Bett. Einen leblosen Körper. Blut. Das Riddle-Anwesen.

>>Nein...<<

>>Miss Chadwick.<< Madam Pomfreys Stimme holte mich zurück.

Ich blinzelte. Hogwarts. Krankenflügel. Lucinda atmete. Ich konnte es sehen. Das schwache, aber gleichmäßige Heben und Senken ihrer Brust. >>Sie lebt.<< Es war keine Frage.

Pomfreys Gesicht wurde weicher. >>Ja. Und sie wird auch weiterleben.<<

Meine Knie fühlten sich plötzlich erschreckend instabil an. >>Sie ist außer Gefahr?<<

>>Das Gift hat ihren Körper stark belastet, aber das Gegengift wirkt. Ihr Kreislauf stabilisiert sich.<<

Gift. Obwohl ich es längst vermutet hatte, traf mich das Wort mit voller Wucht. Ich trat langsam näher. Professor Dumbledore stand am Fußende des Bettes. Sein Gesicht war ungewöhnlich ernst. Professor Snape befand sich einige Schritte entfernt an einem Tisch, auf dem Phiolen, Zutaten und ein kleiner Kessel standen. Er sah ebenfalls aus, als hätte jemand beschlossen, ihm persönlich den Krieg zu erklären.

Mein Blick fiel wieder auf Lucinda. >>Welches Gift?<<

>>Velmoria<<, antwortete Snape.

Ich sah zu ihm. >>Nie gehört.<<

>>Das überrascht mich nicht. Es ist selten.<< Seine Stimme war ruhig. Zu ruhig. >>Bereits eine geringe Menge kann tödlich sein.<<

Mein Magen zog sich zusammen. >>Wie knapp?<<

Stille. Pomfrey beschäftigte sich plötzlich auffallend intensiv mit einer Phiole. Dumbledore sagte nichts. Snape sah mich lediglich an. Das genügte.

>>Oh.<< Mehr brachte ich nicht heraus.

Ich setzte mich auf den Stuhl neben Lucindas Bett. Meine Hand fand ihre. Warm. Sie war warm. Ich schloss für einen Augenblick die Augen. Danke. Wem auch immer. Merlin. Dem Schicksal. Severus Snape. Vermutlich vor allem Severus Snape. >>Professor...<< Meine Stimme versagte beinahe. Ich räusperte mich. >>Sie haben sie gerettet?<<

Snape verzog keine Miene. >>Ich habe ein Gegengift hergestellt.<<

Natürlich. Als wäre das nicht dasselbe. Ich sah ihn einen Moment lang an. >>Danke.<<

Etwas flackerte in seinen dunklen Augen. So schnell, dass ich es beinahe übersehen hätte. >>Bedanken Sie sich, wenn Miss Stonefield wieder bei Bewusstsein ist.<<

Typisch Snape. Ich wandte mich wieder Lucinda zu. Meine Finger lagen noch immer um ihre Hand. Dann hörte ich Schritte. Snape trat näher. >>Miss Chadwick.<< Ich hob den Kopf. Sein Blick war unangenehm aufmerksam. >>Sie stehen Miss Stonefield ausgesprochen nahe.<<

Das war keine Frage. >>Ja.<<

>>Dann können Sie mir vielleicht etwas erklären.<<

Mein Körper spannte sich an. Dumbledores Blick wanderte zu Severus. >>Was?<<, fragte ich vorsichtig.

Snape verschränkte die Arme. >>Wer möchte sie tot sehen?<< Die Frage traf mich wie ein Schlag. Ich schwieg. >>Das Gift ist nicht frei erhältlich<<, fuhr er fort. >>Es ist selten, teuer und schwierig zu beschaffen. Der Täter wusste außerdem genug über die Substanz, um eine Dosierung zu wählen, die Miss Stonefield nicht unmittelbar nach der Einnahme zusammenbrechen ließ.<< Seine Augen wurden schmal. >>Das war kein Zufall.<< Das wusste ich. >>Jemand hat versucht, sie zu töten.<< Ich sah auf Lucinda hinunter. Sag nichts . >>Und ich habe den deutlichen Eindruck<<, sagte Snape langsam, >>dass Sie nicht so überrascht darüber sind, wie Sie sein sollten.<<

Verdammt. Ich hob den Blick. >>Meine beste Freundin wurde gerade vergiftet. Wie genau soll ich Ihrer Meinung nach reagieren?<<

>>Mit einer Antwort wäre ein hervorragender Anfang.<<

>>Ich weiß nicht, wer es war.<<

Das war zumindest wahr. Snape ließ mich nicht aus den Augen. >>Aber Sie haben eine Vermutung.<< Ich antwortete nicht. Sein Blick wurde schärfer. >>Miss Chadwick.<<

Wieder Schweigen. Ich konnte es ihm nicht sagen. Nicht ohne erklären zu müssen, weshalb Lucinda und ich überhaupt Nachforschungen über den Feuerkelch anstellten. Nicht ohne weitere Fragen aufzuwerfen. Fragen über Lucindas Interesse an Harry. Und früher oder später würde Severus Snape die falschen Fragen stellen.

Mein Blick wanderte zu Dumbledore. Er sah mich bereits an. Nur einen Augenblick. Doch es genügte. Er wusste es. Nicht unbedingt, was wir getan hatten. Aber er wusste, dass ich schwieg, weil die Antwort gefährlich war. Dumbledore senkte kaum merklich den Kopf.

Ich sah wieder zu Snape. >>Ich weiß nicht, wer Lucinda vergiftet hat.<<

Sein Gesicht blieb vollkommen ausdruckslos. >>Eine bemerkenswert präzise Antwort auf eine Frage, die ich so nicht gestellt habe.<<

Mist. Selbst jetzt musste dieser Mann jedes einzelne Wort auseinandernehmen.

>>Severus<<, sagte Dumbledore ruhig. Snape sah zu ihm. >>Miss Chadwick hat Ihnen geantwortet.<<

>>Nein. Sie ist meiner Frage ausgesprochen geschickt ausgewichen.<<

Ich hätte mich unter anderen Umständen über das indirekte Kompliment gefreut. Heute nicht. Snape musterte mich noch einige Sekunden. Dann glitt sein Blick zu Lucinda. Und etwas veränderte sich in seinem Gesicht. Kaum sichtbar.

Aber ich kannte Snape inzwischen genug, um Zorn zu erkennen, wenn ich ihn sah. >>Nun gut.<< Er wandte sich ab.

>>Was haben Sie vor?<<, fragte Dumbledore.

Snape griff nach seinem Umhang. >>Herauszufinden, wer Zugang zu Velmoria besitzt.<<

>>Severus—<<

>>Jemand hat innerhalb dieser Schule versucht, eine Schülerin meines Hauses zu ermorden.<< Seine Stimme war leise. Gefährlich leise. >>Ich habe nicht vor, darauf zu warten, dass derjenige einen zweiten Versuch unternimmt.<<

Ich blickte zu Lucinda. Und dabei fiel mein Blick auf ihre rechte Hand. Mein Herz machte einen Satz. Das Handgelenk. Verdammt. Das Symbol.

Im Moment war es vom Ärmel ihres Oberteils verdeckt. Doch Madam Pomfrey würde Lucinda weiter untersuchen. Blut abnehmen. Ihren Puls kontrollieren. Und wenn der Stoff nur wenige Zentimeter verrutschte—

Ich bewegte mich, bevor ich weiter darüber nachdenken konnte. Meine linke Hand schloss sich scheinbar beiläufig um Lucindas rechte. Mit den Fingern umfasste ich ihr Handgelenk. Niemand beachtete mich. Snape sprach mit Dumbledore. Pomfrey räumte einige Phiolen zusammen.

Ich senkte den Blick. Nur eine kleine Bewegung meines Daumens. Keine Worte. Die Magie floss nahezu lautlos durch meine Finger. Ein einfacher Blendungszauber. Nicht stark. Nicht dauerhaft. Gerade genug. Das Symbol des Fluches verschwand unter einer hauchdünnen Schicht Magie. Für jeden anderen würde dort nur unversehrte Haut zu sehen sein. Ich atmete leise aus. Eine Sorge weniger. Vorerst.

>>Miss Chadwick.<<

Ich fuhr beinahe zusammen. Snape stand bereits an der Tür. Sein Blick lag auf mir. Hatte er etwas gesehen? Nein. Sein Gesicht verriet nichts.

>>Sollte Miss Stonefield erwachen, bevor ich zurückkehre, möchte ich davon erfahren.<<

Ich hob eine Augenbraue. >>Sie könnten Madam Pomfrey darum bitten.<<

>>Das habe ich bereits.<<

Natürlich hatte er das. >>Dann warum sagen Sie es mir?<<

Sein Blick wanderte kurz zu Lucinda. >>Damit es wenigstens zwei Menschen tun.<<

Bevor ich darauf antworten konnte, rauschte er aus dem Krankenflügel. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Ich starrte ihm nach. Dann sah ich zu Dumbledore. >>Er ist wütend.<<

>>Das ist Professor Snape häufig.<<

Ich schüttelte den Kopf. >>Nicht so.<<

Ein kaum wahrnehmbares Lächeln erschien auf Dumbledores Gesicht. >>Nein<<, sagte er leise. >>Nicht so.<<

Madam Pomfrey kam zu uns. >>Sie braucht Ruhe. Und Sie beide vermutlich ebenfalls.<< Sie sah Dumbledore bedeutungsvoll an. >>Ich muss ohnehin noch einige Dinge vorbereiten.<< Dann verschwand sie in ihrem Büro.

Wir waren allein. Das Lächeln verschwand aus Dumbledores Gesicht. Ich wartete, bis Pomfreys Tür vollständig geschlossen war. Dann ließ ich Lucindas Hand los. >>Wir haben einen Fehler gemacht.<<

Dumbledore trat näher. >>Was haben Sie getan?<<

Ich schluckte. Jetzt gab es keinen Grund mehr zu schweigen. >>Lucinda und ich haben versucht, denjenigen aus der Reserve zu locken, der Harrys Namen in den Feuerkelch geworfen hat.<<

Dumbledores Gesicht wurde augenblicklich ernst. >>Wie?<<

>>Wir haben ein Gerücht verbreitet.<< Ich sah zu Lucinda. Sie lag noch immer vollkommen ruhig da. >>Wir haben behauptet, wir hätten eine Möglichkeit gefunden, die magische Signatur desjenigen zu identifizieren, der den Feuerkelch manipuliert hat.<< Dumbledore schwieg. >>Es gibt diese Analyse nicht<<, fügte ich schnell hinzu. >>Zumindest nicht so, wie wir es behauptet haben. Die Aufzeichnungen waren gefälscht. Wir wollten, dass der Täter glaubt, Lucinda hätte etwas gefunden.<<

Langsam verstand er. Ich sah es in seinem Gesicht. >>Sie wollten ihn dazu bringen, nach den Unterlagen zu suchen.<<

Ich nickte. >>Oder Lucinda zu beobachten. Sie abzufangen. Fragen zu stellen. Irgendetwas. Wir hatten die Tasche geschützt. Die Pergamente präpariert. Wir waren vorbereitet.<< Meine Stimme wurde leiser. >>Dachten wir zumindest.<<

Dumbledores Blick wanderte zu Lucinda. Ich musste plötzlich wieder an ihren leblosen Körper auf dem Boden denken. >>Er wollte die Aufzeichnungen nicht.<< Meine Stimme brach.

>>Ruby...<<

>>Er wollte sie.<< Ich schluckte schwer. >>Wir haben die ganze Zeit darauf gewartet, dass der Verschwörer auf unsere Falle reagiert. Und vielleicht hat er genau das getan.<<

Dumbledores Gesicht war nun vollkommen ernst. >>Sie glauben, der Giftanschlag war seine Reaktion.<<

>>Ich weiß es nicht.<< Endlich sprach ich die Worte aus, die mich seit der Großen Halle verfolgten. >>Aber wenn Lucinda recht hat und jemand Harry absichtlich in dieses Turnier gebracht hat, dann steckt ein Plan dahinter. Und wenn dieser Mensch anschließend hört, dass Lucinda angeblich Beweise besitzt...<< Ich brauchte den Satz nicht zu beenden.

Dumbledore tat es für mich. >>Dann wird sie zu einer Gefahr.<<

Ich nickte. Stille. Meine Finger schlossen sich erneut um Lucindas Hand. >>Wir wollten ihn provozieren.<< Ich sah meine beste Freundin an. >>Und ich fürchte, genau das haben wir getan.<<

Dumbledore schwieg lange. Dann fiel sein Blick auf Lucindas rechte Hand, die noch immer in meiner lag. Für einen winzigen Moment hatte ich das Gefühl, dass seine Augen genau auf ihrem Handgelenk ruhten. Auf der Stelle, an der unter meinem Zauber das Zeichen des Fluches verborgen lag. Er sagte nichts. Natürlich nicht.

Ich hob den Blick. >>Professor Snape darf davon nichts erfahren.<<

Dumbledores Augen begegneten meinen. >>Vom Fluch?<<

>>Von allem, was ihn zu Lucindas wirklicher Identität führen könnte.<<

Ich blickte zur Tür, durch die Severus verschwunden war. Ausgerechnet er machte mir inzwischen Sorgen. Nicht weil ich ihm misstraute. Sondern weil er aufmerksam war. Viel zu aufmerksam. Und nach dem heutigen Tag würde er Fragen stellen. >>Er wird nicht aufhören<<, sagte ich.

Dumbledore sah ebenfalls zur Tür. >>Nein<<, erwiderte er ruhig. Dann wanderte sein Blick zurück zu Lucinda. >>Das wird er vermutlich nicht.<<

Und zum ersten Mal wusste ich nicht, ob mich dieser Gedanke beruhigen sollte. Oder beunruhigen.

***

Severus PoV

Kaum hatte Severus den Krankenflügel verlassen, änderte er seine Richtung. Er ging nicht in die Kerker. Nicht in sein Büro. Stattdessen führte ihn sein Weg durch die langen Korridore von Hogwarts direkt zur Küche. Seit Lucindas Zusammenbruch ließ ihn ein Detail nicht mehr los. Der Kürbissaft.

Bereits in der Großen Halle hatte er sich an ihre beiläufige Bemerkung beim Frühstück erinnert. Der schmeckt heute irgendwie bitter.

Zu dem Zeitpunkt hatte er dem keine größere Bedeutung beigemessen. Jetzt wusste er, dass genau darin die Antwort liegen konnte. Wenn das Gift tatsächlich über den Kürbissaft verabreicht worden war, hatte der Täter möglicherweise eine Spur hinterlassen.

Severus beschleunigte seine Schritte. Wenige Minuten später erreichte er den verborgenen Eingang zu den Küchen. Nachdem er die Birne auf dem Gemälde gekitzelt hatte, schwang die Tür auf. Augenblicklich eilten mehrere Hauselfen auf ihn zu.

>>Professor Snape, Sir!<<

>>Wie können wir helfen, Sir?<<

>>Ich benötige eine Auskunft.<< Die Elfen verstummten. >>Heute Morgen beim Frühstück wurden Kürbissaft und Tee ausgeschenkt. Sind die benutzten Becher bereits gereinigt worden?<<

Die Hauselfen sahen sich gegenseitig an. Schließlich trat eine kleine Elfe vor. >>Nein, Sir. Wir wollten gerade damit beginnen.<<

Zum ersten Mal seit Verlassen des Krankenflügels empfand Severus etwas, das entfernt an Erleichterung erinnerte. >>Dann wird niemand etwas davon anrühren.<<

Die Elfe riss erschrocken die Augen auf. >>Sir?<<

>>Zeigen Sie mir das Geschirr.<<

Keine Minute später stand Severus vor mehreren Holzkisten voller benutzter Becher. Hunderte. Er verzog keine Miene. Das würde dauern. >>Reinigen Sie in der Zwischenzeit nichts, was heute Morgen auf dem Slytherin-Tisch gestanden hat.<<

>>Natürlich, Professor Snape, Sir!<<

Severus zog seinen Zauberstab. Mit systematischer Präzision begann er, einen Becher nach dem anderen zu untersuchen. >> Revelio Toxicum.<<

Nichts. Der nächste. Keine Reaktion. Noch einer. Wieder nichts. Becher um Becher wanderte durch seine Hände. Seine Geduld wurde zunehmend auf die Probe gestellt, doch er zwang sich zur Gründlichkeit. Ein übersehener Rückstand konnte den Unterschied zwischen einer Vermutung und einem Beweis ausmachen. Dann hielt er inne.

Ein schlichter Zinnbecher lag in seiner Hand. Auf den ersten Blick unterschied er sich durch nichts von den übrigen. Doch am Boden haftete ein kaum sichtbarer kristalliner Rückstand. Severus' Augen wurden schmal. >> Revelio Toxicum.<<

Ein feiner violetter Schimmer breitete sich über den Boden des Bechers aus. Sein Gesicht verhärtete sich augenblicklich. Gift. Er wiederholte den Zauber. Dasselbe Ergebnis. Severus betrachtete die übrigen Becher. Keiner von ihnen hatte reagiert. Nur dieser. >>Wie erwartet...<<

Hinter ihm wechselten die Hauselfen erschrockene Blicke. >>Professor?<<

Severus stellte den Becher vorsichtig auf einer freien Arbeitsfläche ab. >>Niemand fasst diesen Becher an.<<

>>Nein, Sir!<<

Mit einer Bewegung seines Zauberstabes versiegelte er das Gefäß. Ein schwacher magischer Schimmer legte sich darum. Nun hatte er Gewissheit. Das Gift war über ein Getränk verabreicht worden. Und höchstwahrscheinlich über Lucindas Kürbissaft.

Severus betrachtete den versiegelten Becher. Velmoria war heimtückischer, als seine Geschwindigkeit vermuten ließ. In entsprechend geringer Dosierung konnten die ersten Anzeichen lange genug unscheinbar bleiben, um nicht unmittelbar Verdacht zu erregen. Übelkeit. Unwohlsein. Schwindel. Erst während der Tanzstunde war Lucindas Kreislauf durch die körperliche Anstrengung beschleunigt worden. Und danach war alles sehr schnell gegangen.

Severus' Gesicht wurde düster. Hatte der Täter damit gerechnet? Hatte er gewusst, dass an diesem Tag Tanzunterricht stattfinden würde? Wenn ja, war nicht nur die Wahl des Giftes geplant gewesen. Dann war der Zeitpunkt ebenso bewusst gewählt worden.

Lucinda hätte mitten unter Hunderten Schülern das Bewusstsein verloren. Ein Schwächeanfall. Vielleicht eine Erkrankung. Vielleicht Erschöpfung. Bis jemand erkannt hätte, was tatsächlich mit ihr geschah, wäre es zu spät gewesen.

Severus' Finger schlossen sich fester um den versiegelten Becher. Der Täter hatte nur einen Fehler gemacht. Er hatte nicht damit gerechnet, dass ein Zaubertränkemeister anwesend sein würde, der sich an eine beiläufige Bemerkung über bitteren Kürbissaft erinnerte.

Ein anderer Gedanke drängte sich in den Vordergrund. Lucinda. Moody. Ihre Auseinandersetzung vor geraumer Zeit. Severus erinnerte sich noch gut genug an die bedrohliche Atmosphäre zwischen ihnen. An Lucindas unverhohlene Warnung. An Moodys ungewöhnliches Interesse an ihr. Und an die Blicke des ehemaligen Aurors, die er seitdem mehrfach auf der Schülerin bemerkt hatte. Zu viele Zufälle.

Severus verließ die Küche. Seine Schritte führten ihn diesmal ohne Umwege zu Moodys Büro. Er klopfte nicht. Die Tür flog auf.

Alastor Moody blickte von seinen Unterlagen hoch. Sein normales Auge verengte sich, während sich das magische sofort auf Severus richtete. >>Na sieh mal einer an. Fallen Sie immer mit der Tür so ins Haus, Severus?<<

>>Ich verschwende keine Zeit mit Höflichkeiten.<<

>>Das überrascht mich jetzt wirklich.<<

Severus trat ein. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. >>Waren Sie es?<<

Moodys magisches Auge rotierte. >>Wie bitte?<<

Severus stellte den versiegelten Becher auf dessen Schreibtisch. >>Der Kürbissaft vom Frühstück.<<

Moody betrachtete das Gefäß. >>Interessant.<<

>>Darin befinden sich Rückstände eines Giftes.<<

Moodys Blick hob sich wieder. >>Dann scheint Ihre Vermutung also richtig gewesen zu sein. Stonefield wurde vergiftet.<<

Severus' Augen wurden schmal. >>Sie wussten bereits davon.<<

>>Nein.<<

>>Sie wirken nicht sonderlich überrascht.<<

Moody schnaubte. >>Ich habe jahrelang Menschen gejagt, die wesentlich Schlimmeres getan haben, als einer Schülerin Gift in den Kürbissaft zu mischen. Verzeihen Sie mir, wenn ich nicht vor Entsetzen vom Stuhl falle.<<

Severus trat einen Schritt näher. >>Sie hatten ein Motiv.<<

>>Ach?<<

>>Sie und Stonefield sind erst vor kurzer Zeit aneinandergeraten.<<

Moodys Gesicht blieb vollkommen unbewegt. >>Das stimmt.<<

>>Sie misstrauen ihr.<<

>>Ebenfalls richtig.<<

>>Sie beobachten sie.<<

Das magische Auge richtete sich nun vollkommen auf Severus. >>Ich beobachte jeden. Ständige Wachsamkeit. Schon vergessen?<<

>>Und dennoch behaupten Sie, mit ihrem Zustand nichts zu tun zu haben?<<

>>Ganz genau.<<

Einen Moment lang herrschte Schweigen. Dann stemmte Moody sich auf seinen Gehstock und erhob sich. >>Ich traue diesem Mädchen nicht.<< Severus blieb stumm. >>Sie verbirgt etwas.<<

>>Davon bin ich ebenfalls überzeugt.<<

>>Und ich würde ausgesprochen gerne wissen, was.<< Moody trat um seinen Schreibtisch herum. >>Aber eines sollten selbst Sie besser wissen.<<

Severus wartete. Moody sah ihm direkt in die Augen. >>Ich führe Verhöre.<< Eine kurze Pause. >>Ich vergifte keine Kinder.<<

Die Worte kamen ohne Zögern. So entschieden, dass Severus für einen Moment schwieg. Nicht weil er Moody glaubte. Aber weil ihm bewusst wurde, dass er nichts besaß, was ihn tatsächlich mit dem Becher verband. Ein Motiv. Ein Verdacht. Mehr nicht.

Moody erkannte sein Zögern. >>Wissen Sie eigentlich, was Ihr Problem ist?<<

Severus' Miene verfinsterte sich. >>Ich bin sicher, Sie werden es mir gleich erklären.<<

>>Sie verlieren den Blick für die Tatsachen.<<

Severus verschränkte die Arme. >>Unsinn.<<

>>Ist das so?<< Moody musterte ihn einen Moment. >>Seit Stonefield bewusstlos im Krankenflügel liegt, handeln Sie nicht mehr wie ein Ermittler.<<

Severus' Blick wurde eisig. >>Sondern?<<

>>Wie jemand, für den die Sache persönlich geworden ist.<<

Stille. >>Sie ist eine Schülerin meines Hauses.<<

>>Das habe ich nicht bestritten.<<

>>Jemand hat versucht, sie innerhalb dieser Schule zu ermorden. Selbstverständlich nehme ich das ernst.<<

>>Ernst?<< Moody schnaubte. >>Sie haben sich nicht einen einzigen anderen Verdächtigen angesehen. Sie finden einen vergifteten Becher und marschieren geradewegs zu mir.<<

>>Weil Sie das stärkste Motiv besitzen.<<

>>Oder weil Sie jemanden brauchen, auf den Sie Ihre Wut richten und den Sie dafür verantwortlich machen können.<< Severus schwieg. Moody trat einen Schritt näher. Sein normales Auge ruhte auf Severus, während das magische ihn unerbittlich fixierte. >>Wenn es um dieses Mädchen geht, verlieren Sie die Kontrolle.<<

Für einen kurzen Moment herrschte vollkommene Stille. Severus' Gesicht wurde ausdruckslos. >>Unsinn.<<

Moody hob prüfend eine Augenbraue. >>Sie scheinen sich dessen gar nicht bewusst zu sein, dabei dürfte es inzwischen ziemlich offensichtlich sein, was Ihr eigentliches Problem ist.<<

Severus' Augen wurden schmal. >>Was soll das heißen?<<

>>Dass Sie ein hervorragender Zaubertränkemeister sind. Ein guter Beobachter. Und Sie besitzen ein überaus überzeugendes Pokerface.<< Eine kurze Pause. >>Aber bei Stonefield reicht das offenbar nicht. Sie bringt Ihre Selbstbeherrschung gehörig ins Wanken.<<

>>Meine Selbstbeherrschung ist vollkommen intakt.<<

Moodys magisches Auge wanderte demonstrativ zur Tür. Dann zurück zu Severus. >>Natürlich.<<

Severus' Blick hätte vermutlich einen schwächeren Mann in Brand gesetzt. Moody ließ sich davon nicht beeindrucken. >>Bringen Sie es unter Kontrolle. Was auch immer Sie gerade antreibt. Wut. Sorge. Verantwortungsgefühl. Nennen Sie es, wie Sie wollen.<<

>>Halten Sie sich da raus.<<

>>Dann hören Sie auf, sich wie jemand zu benehmen, dessen Schwachstelle gerade offen vor ihm liegt.<<

Etwas Kaltes glitt Severus über den Rücken. >>Ich habe keine Schwachstelle.<<

>>Vielleicht.<< Moody wandte sich wieder seinen Unterlagen zu. >>Aber Gefühle machen Menschen berechenbar, Severus. Und berechenbare Menschen sind leicht zu manipulieren.<<

Severus starrte ihn an. >>Sie wissen nicht, wovon Sie sprechen.<<

>>Dann haben Sie ja nichts zu befürchten.<<

Damit setzte Moody sich wieder. Für ihn schien das Gespräch beendet zu sein. Severus dagegen blieb noch einen Augenblick stehen. Dann nahm er den versiegelten Becher vom Schreibtisch. >>Sollte ich herausfinden, dass Sie mich belogen haben—<<

Moodys Mundwinkel verzog sich. >>Dann werden Sie sicherlich wieder ohne anzuklopfen hereinkommen.<<

Severus antwortete nicht. Er wandte sich um und verließ das Büro. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Seine Schritte hallten durch den verlassenen Korridor. Doch Moodys Worte folgten ihm. Persönlich. Unsinn.

Lucinda Stonefield war eine Schülerin seines Hauses. Eine ungewöhnliche, rätselhafte und mitunter ausgesprochen anstrengende Schülerin, gewiss. Eine Schülerin, deren Wissen nicht zu ihrem Alter passte. Die Geheimnisse mit sich herumtrug und offenbar die bemerkenswerte Fähigkeit besaß, sich in Angelegenheiten einzumischen, die sie in Lebensgefahr brachten. Aber dennoch seine Schülerin.

Jemand hatte versucht, sie unter seinem Dach zu ermorden. Selbstverständlich nahm er das persönlich. Das erklärte seine Wut. Seine Ungeduld. Die Tatsache, dass er Dumbledore im Krankenflügel innerlich für jede Sekunde verflucht hatte, die dieser für die Beschaffung der Alraunenessenz benötigt hatte.

Es erklärte, weshalb er jetzt durch Hogwarts lief, anstatt in sein Büro zurückzukehren. Es erklärte alles. Zumindest redete Severus sich das ein.

Seine Schritte wurden langsamer. Vor seinem inneren Auge erschien für einen unerwünschten Augenblick Lucindas Gesicht. Farblos. Reglos. Ihr kaum wahrnehmbarer Puls unter seinen Fingern. Sie werden mir jetzt nicht wegsterben, Stonefield.

Severus verdrängte die Erinnerung augenblicklich. Moodys Behauptung war absurd. Er würde den Täter finden, weil es seine Pflicht war. Nicht aus irgendeinem anderen Grund. Und dennoch blieb eine Frage zurück, die ihm ausgesprochen missfiel.

Warum hatte der bloße Gedanke, dass das Gegengift möglicherweise zu spät kommen könnte, etwas in ihm ausgelöst, das mit beruflicher Verantwortung nur noch erschreckend wenig zu tun gehabt hatte?

Severus' Gesicht verhärtete sich. Er setzte seinen Weg fort. Zum ersten Mal seit langer Zeit war Severus Snape nicht vollkommen sicher, ob sein Gesicht tatsächlich noch jede Regung verbarg. Und dieser Gedanke war gefährlicher als jede Vergiftung.