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Die Facetten von Stolz und Ehrgeiz

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Die Facetten von Stolz und Ehrgeiz

Guten Abend, meine Lieben :) Zur neuen Woche gibt es natürlich auch ein neues Kapitel und das beleuchtet vor allem Stolz und Ehrgeiz sehr genau. Deshalb wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen ;)

Liebe Grüße,

eure Melody

~~~

27

Die Facetten von Stolz und Ehrgeiz

Lucinda PoV

Das Erste, was ich wahrnahm, war der Geruch. Saubere Bettwäsche. Kräuter. Desinfektionstränke. Und dieser unverkennbare Hauch verschiedener Heilmittel, der mir sofort verriet, dass ich mich nicht in meinem Schlafsaal befand.

Ich öffnete die Augen. Zumindest versuchte ich es. Meine Lider fühlten sich an, als hätte jemand kleine Gewichte daran befestigt. Erst beim zweiten Versuch gelang es mir, sie einen Spalt weit zu öffnen. Weiß. Sehr viel Weiß.

Ich blinzelte. Die verschwommenen Umrisse über mir wurden langsam schärfer. Eine hohe Decke. Lange Fenster. Tageslicht. Krankenflügel. Oh. Das war vermutlich kein gutes Zeichen.

Ich versuchte mich aufzurichten. Ein Fehler. Kaum hob ich den Kopf, begann sich der gesamte Raum zu drehen. >>Nicht.<< Eine Hand drückte mich entschieden zurück auf das Kissen.

Ich blinzelte erneut. Blonde Haare. Müde Augen. Ein Gesicht, das gleichzeitig erleichtert und ausgesprochen verärgert aussah. >>Ruby?<< Meine Stimme klang schrecklich. Trocken. Heiser. Kaum mehr als ein Krächzen.

Rubys Gesicht veränderte sich. Für einen winzigen Augenblick verschwand der Ärger vollkommen. >>Oh, Merlin sei Dank.<< Ihre Hand schloss sich um meine.

Ich wollte etwas sagen, doch in diesem Moment erklangen schnelle Schritte. Madam Pomfrey erschien an meinem Bett. >>Miss Stonefield? Können Sie mich hören?<<

Ich hob eine Augenbraue. Zumindest glaubte ich, dass ich es tat. >>Sie...sprechen ziemlich laut.<<

Ruby stieß ein Geräusch aus, das verdächtig nach einem erstickten Lachen klang. Pomfrey hingegen lächelte tatsächlich. Das beunruhigte mich fast mehr als alles andere. >>Gut. Sehr gut.<< Ihr Zauberstab erschien. Bevor ich protestieren konnte, glitt ein Diagnosezauber über meinen Körper. >>Puls stabil. Temperatur ebenfalls.<< Sie betrachtete mich aufmerksam. >>Schwindel?<<

>>Ein wenig.<<

>>Übelkeit?<<

Ich dachte kurz darüber nach. >>Nein.<<

>>Schmerzen?<<

>>Mein Kopf.<<

>>Das ist zu erwarten.<< Sie wirkte erleichtert. Nicht nur zufrieden. Erleichtert.

Langsam begann sich ein unangenehmes Gefühl in meinem Magen auszubreiten. >>Was ist passiert?<<

Ruby und Pomfrey tauschten einen Blick. Das gefiel mir überhaupt nicht. >>Sie erinnern sich nicht?<<, fragte Pomfrey.

Ich schloss die Augen. Bilder tauchten auf. Die Große Halle. Tanzunterricht. Daphne. Mir war warm gewesen. Schwindel. Rons Stimme. Professor Snape.

Dann—

>>Ich bin zusammengebrochen.<<

>>Das ist eine ausgesprochen harmlose Zusammenfassung<<, murmelte Ruby.

Ich sah zu ihr. Pomfrey zog meine Decke etwas höher. >>Sie sollten sich noch nicht anstrengen. Ihr Körper hat eine erhebliche Belastung hinter sich.<<

>>Welche Belastung?<< Wieder dieser Blick. >>Madam Pomfrey.<<

Sie seufzte. >>Sie wurden vergiftet.<<

Ich starrte sie an. Vergiftet. Plötzlich erinnerte ich mich an etwas anderes. Bitter. Der Kürbissaft. >>Oh.<<

Ruby schnaubte. >>Oh?<<

Ich sah zu ihr. >>Was soll ich denn sonst sagen?<<

>>Vielleicht etwas mit ein bisschen mehr Entsetzen?<<

>>Ruby—<<

>>Du wärst beinahe gestorben!<<

Stille. Mein Blick wanderte zu Pomfrey. Ihre Miene bestätigte jedes einzelne Wort. Das war...unerwartet. >>Wie lange war ich bewusstlos?<<

>>Bis heute Morgen.<<

Ich sah zum Fenster. Tageslicht. Tatsächlich. Pomfrey trat einen Schritt zurück. >>Ich muss Professor Snape informieren. Er hat ausdrücklich darum gebeten, sofort benachrichtigt zu werden, sobald Sie wieder bei Bewusstsein sind.<<

Ich runzelte die Stirn. >>Professor Snape?<<

Ruby warf mir einen seltsamen Blick zu. >>Ja. Professor Snape.<<

Bevor ich fragen konnte, weshalb sie das so betonte, schnippte Pomfrey mit den Fingern. Mit einem leisen Plopp erschien ein Hauself. >>Tilly, bitte richten Sie Professor Snape aus, dass Miss Stonefield aufgewacht ist.<<

Die großen Augen des Hauselfen wanderten zu mir. >>Miss Stonefield ist wieder wach!<<

>>Offensichtlich.<<

Tilly strahlte. >>Tilly sagt es Professor Snape sofort!<< Plopp. Verschwunden.

Ich sah Pomfrey an. >>Warum muss Professor Snape sofort erfahren, dass ich wach bin?<<

Ruby lehnte sich zurück. >>Weil Professor Snape der Grund ist, weshalb du überhaupt noch aufwachen konntest.<<

Ich verstummte. Pomfrey sah kurz zu Ruby. Dann nickte sie. >>Professor Snape hat das Gift identifiziert und das Gegengift hergestellt.<<

Etwas in mir wurde still. Mein letzter Eindruck vor der Bewusstlosigkeit kehrte zurück. Schwarze Augen. Ein ungewöhnlich blasses Gesicht über mir. Seine Stimme. Stonefield.

>>Er hat mich gerettet?<<

>>In letzter Sekunde<<, sagte Ruby. Pomfrey warf ihr einen mahnenden Blick zu. >>Was?<< Ruby hob die Hände. >>Sie sollte wissen, wie knapp es war.<<

>>Miss Stonefield braucht Ruhe.<<

>>Miss Stonefield braucht gelegentlich auch jemanden, der ihr sagt, dass sie nicht unsterblich ist.<<

Ich verzog das Gesicht. >>Technisch gesehen—<<

Ruby drehte langsam den Kopf zu mir. Ich verstummte. Dieser Blick. Ich kannte diesen Blick. >>Sag es nicht.<<

>>Was?<<

>>Genau das, was du gerade sagen wolltest.<<

Pomfrey sah zwischen uns hin und her. >>Ich lasse Sie beide für einen Moment allein.<< Sehr kluge Frau.

Kaum war sie außer Hörweite, beugte Ruby sich vor. >>Du bist beinahe gestorben.<<

>>Ruby—<<

>>Nein.<< Ihre Stimme war leise. Das war schlimmer, als wenn sie geschrien hätte. >>Dein Herz hat beinahe aufgehört zu schlagen. Professor Snape hat das Gegengift buchstäblich in letzter Sekunde fertigbekommen. Pomfrey wusste zeitweise nicht, ob dein Kreislauf noch lange genug durchhält, damit es überhaupt wirken kann.<<

Ich schwieg. Ruby hatte dunkle Schatten unter den Augen. >>Hast du überhaupt geschlafen?<<

>>Wechsel nicht das Thema.<<

>>Das war eine normale Frage.<<

>>Nein.<<

Sie hatte also nicht geschlafen. Natürlich nicht. Ich drückte schwach ihre Hand. >>Ruby. Mir geht es gut.<<

>>Jetzt.<<

>>Und das wird auch so bleiben.<<

Ihre Augen wurden schmal. Ich wusste, dass sie nicht hören wollte, was ich als Nächstes sagte. Aber es war nun einmal die Wahrheit. >>Du weißt, dass ich nicht einfach sterben kann.<< Rubys Gesicht erstarrte. Ich senkte die Stimme. >>Solange Tom lebt, bin ich an ihn gebunden.<<

Ihr Blick wanderte augenblicklich durch den Krankenflügel. Niemand war in Hörweite. >>Sprich seinen Namen nicht so laut aus.<<

>>Ich habe ihn kaum geflüstert.<<

>>Das ist nicht der Punkt.<<

Ich seufzte. >>Du weißt, was ich meine. Der Fluch hätte mich nicht sterben lassen.<<

Ruby starrte mich an. >>>Das weißt du nicht.<<

>>Doch. Dafür haben wir ihn erschaffen.<<

>>Nein.<< Ihre Antwort kam so entschieden, dass ich überrascht innehielt. Ruby rückte näher. >>Wir haben ihn erschaffen, damit dein Leben an seines gebunden ist. Damit dein Tod nicht endgültig sein kann, solange er lebt. Aber wir haben niemals ausprobiert, was passiert, wenn dein Körper durch ein hochpotentes Gift vollständig versagt.<<

>>Aus naheliegenden Gründen.<<

>>Lucinda.<< Jeglicher Humor verschwand aus meiner Stimme. Ruby sah mich ernst an. >>Es gab diesen Fluch vorher nicht.<< Ich schwieg. >>Nicht in irgendeinem Buch. Nicht in alten Aufzeichnungen. Nicht einmal in den verbotenen Schriften, die wir damals gefunden haben. Wir haben etwas erschaffen, das es vorher nicht gab.<<

Das wusste ich. Natürlich wusste ich es. >>Wir kennen seine Regeln<<, sagte ich.

>>Wir kennen die Regeln, die wir ihm gegeben haben.<< Rubys Finger schlossen sich fester um meine Hand. >>Das bedeutet nicht, dass wir seine Grenzen kennen.<<

Ich sah sie an. Zum ersten Mal bemerkte ich etwas hinter ihrem Ärger. Angst. Nicht die Angst von gestern. Etwas Älteres. Tieferes.

>>Du hast damals überlebt<<, sagte sie leise. >>Aber wir wissen nicht, wie oft der Fluch deinen Körper zurückholen kann. Wir wissen nicht, was geschieht, wenn dein Herz zu lange stillsteht. Wir wissen nicht, ob er jedes Gift überwinden kann. Wir wissen nicht einmal, ob—<< Sie brach ab.

>>Ob was?<<

Ruby sah auf unsere Hände. >>Ob es Dinge gibt, die selbst unsere Magie nicht reparieren kann.<<

Ich hatte keine Antwort darauf. Und das ärgerte mich. Nicht weil Ruby unrecht hatte. Sondern weil sie recht haben könnte. >>Ich wollte dir keine Angst machen<<, sagte ich schließlich.

Ruby lachte einmal bitter auf. >>Ein bisschen spät dafür.<<

>>Es tut mir leid.<<

Sie hob den Blick. >>Versprich mir einfach, dass du aufhörst, diesen Fluch wie eine Garantie zu behandeln.<<

Ich wollte widersprechen. Tat es aber nicht. >>Ich versuche es.<<

>>Das ist kein Versprechen.<<

>>Mehr bekommst du im Moment nicht.<<

Ruby verdrehte die Augen. Aber ihre Hand blieb in meiner. Dann fiel mein Blick auf meine rechte Hand. Etwas fühlte sich merkwürdig an. Nicht schmerzhaft. Eher wie ein feines Kribbeln unter der Haut. Ich bewegte das Handgelenk.

Ruby reagierte sofort. Zu schnell.

Mein Blick wanderte zu ihr. >>Was hast du gemacht?<<

>>Nichts.<<

>>Ruby.<<

>>Später.<<

Meine Augen wurden schmal. Dann verstand ich. Das Symbol. Natürlich. Pomfrey hatte mich untersucht. Professor Snape hatte mich behandelt. Mein Blick schnellte zu meinem rechten Handgelenk. Nichts. Nur blasse Haut.

Ich atmete auf. >>Blendungszauber?<<

Ruby nickte kaum merklich. >>Solange du hier liegst.<<

>>Danke.<<

>>Bedank dich lieber damit, künftig nicht mehr beinahe zu sterben.<<

>>Ich werde sehen, was sich machen lässt.<<

>>Lucinda.<< Ich lächelte schwach.

Da flog die Tür des Krankenflügels auf. Ruby und ich verstummten gleichzeitig. Professor Snape trat herein. Sein schwarzer Umhang wehte hinter ihm her, sein Gesicht war so undurchdringlich wie immer. Fast.

Ich wusste nicht, ob ich es mir einbildete, aber für einen winzigen Augenblick schien etwas in seinen Augen aufzuleuchten, als er sah, dass ich tatsächlich wach war. Er blieb stehen. Sein Blick wanderte über mich. Gesicht. Augen. Haltung. Hände. Als würde er sich persönlich davon überzeugen, dass Madam Pomfreys Nachricht der Wahrheit entsprach.

>>Miss Stonefield.<< Seine Stimme war vollkommen neutral.

Ich schluckte. >>Professor.<<

Dann bemerkte ich, dass er nicht allein gekommen war. Professor McGonagall trat hinter ihm in den Krankenflügel. Ihr Gesicht war ernst, aber die Anspannung darin löste sich sichtbar, als sie mich wach im Bett sitzen sah. >>Merlin sei Dank.<< Das kam so spontan, dass ich überrascht blinzelte.

Und schließlich erschien Dumbledore. Er trat langsamer ein als die anderen. Seine blauen Augen ruhten zunächst auf mir. Dann auf Ruby. Für einen kurzen Augenblick begegneten sich ihre Blicke. Etwas wurde zwischen ihnen ausgetauscht. Etwas, das ich nicht verstand.

Ich runzelte die Stirn. >>Ich habe irgendwie das Gefühl, dass ich Ärger bekomme.<<

McGonagall hob eine Augenbraue. >>Sie wurden vergiftet und waren beinahe vierundzwanzig Stunden bewusstlos, Miss Stonefield. Und Ihre erste Sorge gilt möglichen schulischen Konsequenzen?<<

>>Erfahrung.<<

Ruby schnaubte. Dumbledores Mundwinkel zuckten. Nur Professor Snape zeigte keinerlei Reaktion. Er trat an mein Bett. >>Wie fühlen Sie sich?<<

Ich blinzelte. Die Frage allein war schon ungewöhnlich genug. >>Gut.<<

Drei Menschen sahen mich gleichzeitig an. Ruby. Pomfrey, die gerade aus ihrem Büro zurückgekehrt war. Und Professor Snape. Ich seufzte. >>Den Umständen entsprechend gut.<<

>>Besser<<, murmelte Ruby.

Professor Snape ignorierte sie. Sein Blick blieb auf mir. Unangenehm lange. >>Schwindel?<<

>>Ein wenig.<<

>>Übelkeit?<<

>>Nein.<<

>>Schmerzen?<<

>>Kopfschmerzen.<<

Er nickte knapp. Dann griff er ohne Vorwarnung nach meinem rechten Handgelenk. Mein Herz blieb stehen. Ruby erstarrte neben mir. Seine Finger legten sich genau auf die Stelle, an der sich das Zeichen des Fluches befand. Oder befinden sollte. Für einen schrecklichen Augenblick war ich vollkommen sicher, dass er etwas bemerken würde.

Professor Snape fühlte lediglich meinen Puls. Nichts weiter. Der Blendungszauber hielt. >>Stabil<<, murmelte er.

Er ließ mich wieder los. Ruby atmete neben mir so leise aus, dass es vermutlich niemand außer mir bemerkte. Ich hätte beinahe gelacht. Beinahe.

Dann richtete Professor Snape sich auf. Und irgendetwas an seinem Gesicht sagte mir, dass der unangenehme Teil meines Morgens gerade erst begann.

>>Nun<<, sagte Dumbledore und trat näher an das Bett. Seine Stimme war freundlich. Seine Augen waren es nicht. Sie waren viel zu aufmerksam. >>Da wir erfreulicherweise festgestellt haben, dass es Ihnen besser geht, Miss Stonefield, sollten wir uns vielleicht darüber unterhalten, was gestern geschehen ist.<<

Mein Blick wanderte zu Ruby. Ruby sah zu mir. Professor Snape bemerkte es. Natürlich bemerkte er es. Seine Augen wurden schmal. Oh nein. Das konnte interessant werden.

Dumbledore zog sich einen Stuhl heran und nahm am Fußende meines Bettes Platz. Professor McGonagall blieb neben ihm stehen, während Professor Snape offenbar beschlossen hatte, dass Sitzen für Menschen erfunden worden war, die nicht gleichzeitig einschüchternd wirken mussten. Er stand mit verschränkten Armen am Bett. Und sah mich an. Ich mochte diesen Blick nicht.

>>Nun<<, begann Dumbledore ruhig. >>Vielleicht erzählen Sie uns zunächst, woran Sie sich erinnern.<<

Ich ließ meinen Kopf wieder etwas tiefer ins Kissen sinken. Das war eine ausgezeichnete Frage. Vor allem, weil ich sehr genau wusste, woran ich mich erinnerte. An unseren Plan. An die gefälschten Aufzeichnungen. An unsere bewusst gestreuten Hinweise. Und daran, dass Ruby und ich möglicherweise einen Menschen provoziert hatten, der bereit war, einen vierzehnjährigen Jungen in ein tödliches Turnier zu schicken.

Ich erinnerte mich an ausgesprochen viel. Bedauerlicherweise durfte ich davon fast nichts erzählen. >>Nicht besonders viel<<, sagte ich deshalb.

Professor Snapes Augen wurden augenblicklich schmal. Natürlich. >>Wie überraschend.<<

Ich ignorierte ihn. >>Ich war beim Tanzunterricht. Mir wurde schwindelig. Dann bin ich offenbar zusammengebrochen.<<

>>Davor<<, sagte Professor McGonagall.

Ich sah zu ihr. >>Beim Frühstück?<<

>>Oder in den vergangenen Tagen. Ist Ihnen irgendetwas Ungewöhnliches aufgefallen?<<

Ja. Wo sollte ich anfangen? Bei Moody? Bei unserer Falle? Bei der Tatsache, dass wir jemanden absichtlich glauben ließen, ich könnte ihn als Manipulator des Feuerkelchs identifizieren? >>Nein.<<

Ruby bewegte sich neben mir. Nur ganz leicht. Ich sah sie nicht an. Besser so.

Professor Snape hingegen bemerkte natürlich alles. >>Nein?<<

>>Nein.<<

>>Sie wurden mit einem äußerst seltenen Gift beinahe umgebracht, Miss Stonefield.<< Seine Stimme war gefährlich ruhig. >>Verzeihen Sie mir daher meine Zweifel an der Vorstellung, dass dem keinerlei ungewöhnliche Ereignisse vorausgegangen sein sollen.<<

>>Vielleicht hat der Täter vergessen, mich vorher darüber zu informieren.<<

McGonagall schloss kurz die Augen. Ruby biss sich auf die Lippe. Dumbledores Bart bewegte sich verdächtig. Nur Professor Snape fand es erwartungsgemäß überhaupt nicht amüsant. >>Ihre Neigung zu geistreichen Bemerkungen scheint jedenfalls keinen bleibenden Schaden genommen zu haben.<<

>>Das beruhigt mich ebenfalls.<<

Ruby trat mir gegen den Fuß. Nicht besonders fest. Aber eindeutig. Ich warf ihr einen beleidigten Blick zu. Sie erwiderte ihn mit einem, der deutlich sagte: Benimm dich.

Verräterin.

Dumbledore rettete mich vor einem weiteren Schlagabtausch. >>Lucinda.<<

Ich sah zu ihm. Die Verwendung meines Vornamens ließ mich augenblicklich aufmerksamer werden. >>Jemand hat gestern versucht, Sie zu töten. Wir müssen herausfinden, wer dafür verantwortlich ist. Jede noch so unbedeutend erscheinende Beobachtung könnte uns helfen.<<

Seine Stimme war freundlich. Aber ich kannte ihn. Das war keine beiläufige Bitte.

Ich schwieg einen Augenblick. >>Ich weiß wirklich nicht, wer mich vergiftet haben könnte.<< Das war nicht einmal gelogen. Ich wusste es tatsächlich nicht. Ich hatte lediglich einen Verdacht. Einen ziemlich beunruhigenden.

>>Haben Sie Feinde?<<, fragte McGonagall.

Ich hob eine Augenbraue. >>Ich bin seit September hier. Ich hoffe doch nicht.<<

Ruby räusperte sich. Ich sah sie an. >>Was?<<

>>Nichts.<<

>>Du klingst, als hättest du Einwände.<<

>>Ich sage nur, dass du ein gewisses Talent dafür besitzt, Menschen gegen dich aufzubringen.<<

>>Danke.<<

>>Jederzeit.<<

>>Ich habe keine Ahnung, wer mich vergiftet hat<<, wiederholte ich. >>Und niemand hat mir in den vergangenen Tagen angekündigt, mich ermorden zu wollen.<<

>>Wie ausgesprochen rücksichtslos vom Täter<<, murmelte Snape.

>>Fand ich auch.<<

McGonagall atmete hörbar durch die Nase aus. Dumbledore hingegen sah mich lange an. Zu lange. Ich wusste, dass er wusste, dass ich nicht alles sagte. Und er wusste vermutlich ebenso gut, warum. Schließlich nickte er. >>Dann werden wir Sie vorerst nicht weiter damit belasten.<<

Professor Snape drehte den Kopf zu ihm. >>Albus—<<

>>Lucinda ist gerade erst wieder zu Bewusstsein gekommen.<<

>>Was meine Fähigkeit zu sprechen erstaunlicherweise nicht beeinträchtigt hat<<, bemerkte ich. Vier Köpfe drehten sich zu mir. >>Ich wollte nur helfen.<<

Ruby legte sich eine Hand vors Gesicht. Dumbledore erhob sich. >>Sollte Ihnen noch etwas einfallen, möchte ich, dass Sie unverzüglich mit einem von uns sprechen.<<

>>Natürlich.<<

Professor Snape sah aus, als hielte er mein Natürlich für ungefähr so glaubwürdig wie einen Niffler, der freiwillig Schmuck zurückgab.

>>Und bis wir wissen, wer dafür verantwortlich ist<<, fuhr McGonagall fort, >>werden Sie besonders vorsichtig sein. Sie nehmen keine Speisen oder Getränke entgegen, deren Herkunft Sie nicht kennen.<<

>>Das dürfte beim Abendessen kompliziert werden.<<

>>Miss Stonefield.<<

>>Ich werde vorsichtig sein.<<

McGonagall nickte zufrieden. Professor Snape hingegen noch lange nicht. >>Und Sie unterlassen es, auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen.<<

Ich blinzelte. >>Ich stelle überhaupt keine Nachforschungen an.<<

Neben mir verschluckte Ruby sich beinahe an ihrer eigenen Luft. Ich drehte langsam den Kopf zu ihr. Sie hustete. >>Entschuldigung.<<

Professor Snape sah erst Ruby an. Dann mich. Seine Augen wurden zu schmalen Schlitzen. >>Natürlich nicht.<<

Ich lächelte unschuldig. Er glaubte mir kein Wort. Das beruhte zumindest auf Gegenseitigkeit. Bevor die Situation unangenehmer werden konnte, erschien Madam Pomfrey erneut. >>Genug.<< Sie trat mit der Autorität einer Frau zwischen uns, die vermutlich selbst Voldemort aus dem Krankenflügel geworfen hätte, wenn dieser die Ruhezeiten störte. >>Miss Stonefield ist wach, aber keineswegs genesen.<<

Ich setzte mich etwas aufrechter. >>Mir geht es eigentlich schon wesentlich besser.<<

Pomfrey sah mich an. Ich sank wieder zurück. >>Sie bleiben heute im Bett.<<

>>Heute?<<

>>Den gesamten Tag.<<

Ich starrte sie an. >>Das ist doch nicht nötig.<<

>>Doch.<<

>>Ich kann laufen.<<

>>Das werden wir heute nicht überprüfen.<<

>>Aber—<<

>>Bettruhe.<<

Ich blickte hilfesuchend zu Dumbledore. Er lächelte. Verräter. McGonagall hob lediglich eine Augenbraue. Noch eine Verräterin. Mein Blick wanderte zu Professor Snape. Warum ich ausgerechnet von ihm Hilfe erwartete, wusste ich selbst nicht. Er betrachtete mich einen Augenblick. >>Madam Pomfrey hat recht.<< Natürlich. >>Sie waren gestern beinahe tot.<<

>>Das wird allmählich erstaunlich häufig erwähnt.<<

>>Offenbar noch nicht häufig genug, um bei Ihnen Eindruck zu hinterlassen.<<

Ruby nickte heftig. >>Danke!<<

Ich sah sie empört an. >>Auf wessen Seite bist du eigentlich?<<

>>Auf der Seite, auf der du am Leben bleibst.<< Das nahm mir für einen Moment den Wind aus den Segeln. Ruby verschränkte die Arme. >>Du bleibst liegen.<<

>>Ruby—<<

>>Nein.<<

>>Ich habe Unterricht.<<

>>Du wurdest vergiftet.<<

>>Ich verpasse Zaubertränke.<<

Professor Snape hob eine Augenbraue. Ruby deutete auf ihn. >>Ich bin sicher, Professor Snape wird persönlich dafür sorgen, dass Hogwarts nicht zusammenbricht, weil Lucinda Stonefield einmal nicht an seinem Unterricht teilnimmt.<<

Sein Mundwinkel zuckte. Nur ganz kurz. Ich sah es trotzdem. >>Slytherin wird den Verlust vermutlich verkraften<<, sagte er trocken.

Unverschämtheit. >>Und meine Aufzeichnungen?<<

>>Bekommst du.<<

>>Hausaufgaben?<<

>>Auch.<<

>>Meine Bücher?<<

>>Bringe ich dir.<< Ich verengte die Augen. Ruby lächelte triumphierend. >>Dir gehen die Argumente aus.<<

>>Mir gehen niemals die Argumente aus.<<

>>Dann kannst du den Rest des Tages darüber nachdenken, welche du morgen verwenden möchtest.<<

Pomfrey sah Ruby mit unverhohlener Zustimmung an. Das war eine Verschwörung. Ganz eindeutig. >>Außerdem<<, fügte Ruby hinzu und beugte sich etwas näher zu mir, >>werde ich persönlich dafür sorgen, dass du dieses Bett nicht verlässt.<<

>>Du kannst nicht den ganzen Tag hier sitzen.<<

>>Beobachte mich.<<

Ich sah sie an. Die Müdigkeit stand ihr noch immer ins Gesicht geschrieben. Sie hatte die gesamte Nacht hier verbracht. Wegen mir. Mein Widerstand verlor schlagartig einiges an Kraft. >>Du solltest schlafen.<<

Ihre Miene wurde weicher. >>Später.<<

>>Ruby.<<

>>Lucinda.<<

Ich seufzte. >>Fein.<< Ihre Augen leuchteten triumphierend auf. >>Ich bleibe liegen.<<

>>Den ganzen Tag.<<

>>Jetzt übertreib es nicht.<<

>>Lucinda.<<

>>Ja, den ganzen Tag!<<

>>Ausgezeichnet<<, sagte Pomfrey.

Ich ließ mich demonstrativ tiefer in die Kissen sinken. >>Ich fühle mich hier zunehmend unterdrückt.<<

>>Sie überleben es<<, sagte Professor Snape.

Ich sah zu ihm. Für einen kurzen Moment begegneten sich unsere Blicke. Seine Bemerkung war trocken gewesen. Fast beiläufig. Doch etwas in seinem Gesicht passte nicht dazu. Etwas Ernstes lag darin. Etwas, das mich an Rubys Worte erinnerte. In letzter Sekunde.

Er hatte mich gerettet. Und plötzlich erschien mir meine Beschwerde über einen Tag Bettruhe ein wenig lächerlich. >>Professor?<< Er hielt bereits auf die Tür zu, blieb jedoch stehen. Ich zögerte. >>Danke.<<

Keine scherzhafte Bemerkung diesmal. Keine Ausflucht. Nur dieses eine Wort. Snape sah mich lange an. >>Sorgen Sie dafür, dass es nicht noch einmal notwendig wird.<< Dann wandte er sich ab. Sein schwarzer Umhang verschwand hinter ihm durch die Tür.

McGonagall folgte kurz darauf, nicht ohne mir noch einmal einzuschärfen, mich an Pomfreys Anweisungen zu halten. Dumbledore blieb als Letzter zurück. Sein Blick wanderte von mir zu Ruby. Nur für einen Moment. Ich bemerkte es trotzdem.

Da war etwas. Etwas, worüber die beiden gesprochen hatten, während ich bewusstlos gewesen war. Ich würde Ruby später danach fragen. Dumbledore wandte sich wieder mir zu. >>Ruhen Sie sich aus, Lucinda.<<

>>Das scheint heute ohnehin jeder von mir zu verlangen.<<

>>Gelegentlich lohnt es sich, auf die Mehrheit zu hören.<< Damit verließ auch er den Krankenflügel.

Ich wartete, bis die Tür geschlossen war. Dann drehte ich den Kopf zu Ruby. Sie sah mich bereits an. >>Nein.<<

Ich blinzelte. >>Ich habe noch gar nichts gesagt.<<

>>Du wolltest fragen, wann du aufstehen darfst.<<

>>Eigentlich wollte ich fragen, worüber du mit Dumbledore gesprochen hast.<<

Ruby verstummte. Aha. Ich lächelte schwach. >>Erwischt.<<

Ihre Augen verengten sich. >>Schlaf.<<

>>Ruby.<<

>>Bettruhe.<<

>>Das beantwortet meine Frage nicht.<<

Sie zog die Decke demonstrativ etwas höher über mich. >>Schlaf, Lucinda.<<

Ich starrte sie an. Ruby lächelte. Ich kannte dieses Lächeln. Da würde ich heute nichts mehr herausbekommen. Also schloss ich widerwillig die Augen.

Aber während mein Körper nur zu bereit war, Madam Pomfreys Anweisung zu folgen, arbeiteten meine Gedanken längst wieder. Jemand hatte versucht, mich zu töten. Ruby und ich hatten den Verschwörer provoziert. Vielleicht war mein Tag im Bett also doch nicht vollkommen nutzlos. Schließlich konnte niemand mir verbieten, im Liegen nachzudenken.

***

Severus PoV

Zwei Stunden waren vergangen, seit Severus den Krankenflügel verlassen hatte. Zwei Stunden, in denen er sich mehrfach eingeredet hatte, dass es keinen Grund gab, Dumbledore aufzusuchen. Lucinda war wieder bei Bewusstsein.

Dieser Umstand allein hatte eine Anspannung von ihm genommen, deren Ausmaß er erst bemerkt hatte, als er sie mit geöffneten Augen im Krankenbett vorgefunden hatte. Blass, geschwächt und mit der offenkundigen Absicht, Madam Pomfreys Anweisungen bei der erstbesten Gelegenheit zu missachten – aber lebendig. Und bereits wieder im Besitz ihrer unerträglichen Schlagfertigkeit.

Severus hätte erleichtert sein müssen. Er war es auch. Mehr, als ihm gefiel. Doch diese Erleichterung hatte nur wenige Minuten angehalten. Denn Lucindas Erwachen änderte nichts an der Tatsache, dass jemand versucht hatte, sie zu töten. Und Severus besaß einen Verdacht. Einen Verdacht, den er bislang für sich behalten hatte.

Der versiegelte Zinnbecher stand auf seinem Schreibtisch. Severus saß dahinter, die Hände vor sich verschränkt, und betrachtete das Gefäß seit mehreren Minuten, ohne es wirklich zu sehen. Alastor Moody.

Allein der Name genügte, um seine Miene zu verfinstern. Er hatte keine Beweise.

Das war das Problem. Ein merkwürdiges Interesse an Lucinda war kein Beweis. Eine Auseinandersetzung zwischen Lehrer und Schülerin war kein Beweis. Moodys wiederholte Blicke waren kein Beweis. Nicht einmal Severus' Instinkt war ein Beweis. Und normalerweise hätte er niemals einen Verdacht ausgesprochen, solange er nichts besaß, womit er ihn untermauern konnte. Schon gar nicht diesen.

Alastor Moody war nicht irgendein Lehrer. Er war ein ehemaliger Auror. Ein langjähriger Vertrauter Dumbledores. Ein Mann, den der Schulleiter persönlich nach Hogwarts geholt hatte. Severus wusste sehr genau, was eine Anschuldigung gegen ihn bedeutete. Deshalb hatte er geschwiegen. Im Krankenflügel. Gegenüber McGonagall. Gegenüber Pomfrey. Und insbesondere gegenüber Stonefield und Chadwick.

Doch seit zwei Stunden kehrte derselbe Gedanke immer wieder zurück. Was, wenn der Täter es noch einmal versucht?

Severus' Blick fiel auf den Becher. Beim ersten Mal war es beinahe gelungen. Ein paar Minuten später. Eine andere Dosierung. Ein anderer Ort. Ein Gift, das Severus nicht rechtzeitig identifizierte. Sein Kiefer spannte sich an. Nein.

Dieses Risiko würde er nicht eingehen. Wenn sein Verdacht falsch war, würde Dumbledore ihn zurückweisen. Wenn er richtig war und Severus schwieg—

Er stand abrupt auf.

Wenige Minuten später durchquerte er die Korridore von Hogwarts, den versiegelten Becher unter seinem Umhang verborgen. Er sagte sich, dass es eine rationale Entscheidung war. Ein möglicher Täter musste beobachtet werden.

Lucinda musste geschützt werden, bis die Gefahr gebannt war. Dass ihm bei dem Gedanken an einen zweiten Anschlag etwas ausgesprochen Unangenehmes durch den Magen fuhr, war vollkommen irrelevant.

Vor dem steinernen Wasserspeier blieb Severus stehen. >>Zitronenbrause.<<

Die Statue sprang zur Seite. Severus stieg die Wendeltreppe hinauf. Er würde Dumbledore seinen Verdacht mitteilen. Niemandem sonst.

Zwischen ihnen bestanden genügend Geheimnisse, die kein anderer Mensch in Hogwarts kannte. Wenn es überhaupt jemanden gab, gegenüber dem Severus einen unbelegten Verdacht gegen Alastor Moody aussprechen konnte, dann war es Dumbledore.

Trotzdem blieb seine Hand einen Moment vor der Tür zum Büro des Schulleiters liegen. Er verabscheute es, Vermutungen auszusprechen. Er verabscheute es noch mehr, wenn sie sich auf nichts als Beobachtungen und Instinkt stützten.

Dann sah er wieder Lucinda vor sich. Nicht die wache Lucinda von heute Morgen.

Die andere. Reglos. Beinahe ohne Puls. Severus klopfte.

>>Herein.<<

Er öffnete die Tür. Dumbledore saß hinter seinem Schreibtisch. Mehrere Pergamente lagen vor ihm, doch als Severus eintrat, legte er seine Feder augenblicklich beiseite. >>Severus.<<

>>Albus.<< Severus schloss die Tür.

Dumbledores Blick folgte ihm aufmerksam. >>Ich hatte eigentlich erwartet, dass Sie nach den Ereignissen der vergangenen Nacht einige Stunden Schlaf nachholen würden.<<

>>Dann sollten Sie Ihre Erwartungen überdenken.<<

Ein schwaches Lächeln erschien auf Dumbledores Gesicht. Severus ignorierte es. Er trat an den Schreibtisch und zog den versiegelten Zinnbecher hervor. Das Lächeln verschwand. Severus stellte ihn zwischen ihnen ab. >>Ich habe ihn in der Küche gefunden.<<

Dumbledore betrachtete das Gefäß. >>Lucindas Becher?<<

>>Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit.<< Severus zog seinen Zauberstab. >> Revelio Toxicum.<< Ein feiner violetter Schimmer legte sich über den kristallinen Rückstand am Boden.

Dumbledores Augen wurden ernst. >>Velmoria?<<

>>Die Rückstände stimmen mit der Substanz in ihrem Blut überein. Eine abschließende Analyse steht noch aus, aber ich habe wenig Zweifel.<< Severus nahm den Zauber zurück. >>Der Kürbissaft selbst war sauber. Ebenso sämtliche anderen Becher, die ich untersucht habe. Das Gift wurde gezielt in dieses Gefäß gegeben.<<

Dumbledore schwieg einen Moment. >>Dann war Lucinda zweifellos das beabsichtigte Opfer.<<

>>Das war sie bereits gestern. Jetzt kann ich es beweisen.<<

Dumbledore lehnte sich langsam zurück. >>Haben die Hauselfen etwas gesehen?<<

>>Nichts Brauchbares.<< Severus' Mund verzog sich. >>Während des Frühstücks befinden sich mehrere hundert Personen in der Großen Halle. Schüler stehen auf, verlassen ihre Plätze, unterhalten sich. Die Hauselfen achten darauf, dass die Tische versorgt sind, nicht darauf, wer sich welchem Becher nähert.<<

>>Es könnte also nahezu jeder gewesen sein.<<

>>Theoretisch.<<

Dumbledore bemerkte die Betonung. >>Aber Sie glauben das nicht.<<

Severus schwieg. Da war er. Der Moment, vor dem er sich seit zwei Stunden gedrückt hatte. Dumbledore wartete. Severus wandte sich vom Schreibtisch ab und ging einige Schritte durch das Büro. >>Ich habe einen Verdacht.<<

>>Auf wen?<<

Wieder zögerte er. Dann drehte er sich um. >>Moody.<<

Dumbledores Gesicht blieb vollkommen ruhig. Severus hatte nichts anderes erwartet. >>Alastor?<<

>>Ja.<<

>>Warum?<<

Severus trat wieder näher. >>Sein Verhalten gegenüber Stonefield.<< Dumbledore wartete. >>Ich habe ihn mehrfach dabei beobachtet, wie er sie musterte. Nicht so, wie er andere Schüler beobachtet. Sein Interesse an ihr ist ungewöhnlich ausgeprägt.<<

>>Alastor ist ein misstrauischer Mann.<<

>>Ich weiß, was Moody ist.<< Severus' Stimme wurde schärfer. >>Und ich weiß, wie er Menschen beobachtet. Bei Stonefield ist es anders.<< Dumbledores Finger verschränkten sich. >>Es gab außerdem die Auseinandersetzung zwischen ihnen<<, fuhr Severus fort. >>Sie hat ihn gewarnt. Unverhohlen. Seitdem hat sein Interesse nicht nachgelassen.<<

>>Sie glauben, Alastor Moody würde eine Schülerin vergiften, weil sie ihm widersprochen hat?<<

>>Nein.<< Die Antwort kam sofort. >>Ich glaube, dass zwischen ihnen etwas vorgefallen ist, dessen Bedeutung wir nicht kennen. Und ich glaube, dass Moody mehr über Stonefield wissen möchte, als er zugibt.<< Severus' Augen wurden schmal. >>Ob das genügt, um ihn zum Täter zu machen, weiß ich nicht.<<

Dumbledore musterte ihn. >>Deshalb haben Sie zwei Stunden gebraucht, um zu mir zu kommen.<<

Severus' Blick wurde kalt. Natürlich hatte er es bemerkt. >>Ich hatte gehofft, zunächst etwas Substanzielleres zu finden.<<

>>Aber Sie haben nichts gefunden.<<

>>Nicht genug.<<

Dumbledore nickte langsam. >>Und trotzdem erzählen Sie es mir.<<

Severus' Blick wanderte unwillkürlich zum Becher. >>Stonefield lebt, weil wir das Gift rechtzeitig identifiziert haben.<< Seine Stimme war plötzlich sehr ruhig. >>Der Täter weiß inzwischen vermutlich ebenfalls, dass sie überlebt hat.<<

Dumbledores Gesicht veränderte sich. Nur geringfügig. Aber Severus sah es. >>Sie befürchten einen zweiten Versuch.<<

>>Ich halte ihn für möglich.<<

>>Das war nicht meine Frage.<<

Severus' Kiefer spannte sich an. >>Ja.<< Das Wort fiel hart zwischen ihnen. >>Wenn derjenige einen Grund hatte, Stonefield zu beseitigen, ist dieser Grund mit ihrem Überleben nicht verschwunden.<< Er sah Dumbledore direkt an. >>Im Gegenteil. Der Täter weiß nun, dass sein erster Versuch gescheitert ist.<<

Stille. >>Und Sie wollen dieses Risiko nicht eingehen<<, sagte Dumbledore.

>>Nein.<<  Diesmal zögerte Severus nicht. Dumbledores Blick ruhte einen Augenblick länger auf ihm. Severus bemerkte es. >>Sparen Sie es sich.<<

Ein schwaches Funkeln erschien in den blauen Augen. >>Ich habe nichts gesagt.<<

>>Sie waren kurz davor.<<

>>Sie scheinen erstaunlich gut darin zu werden, meine Gedanken zu lesen.<<

>>Ihre sind selten besonders subtil.<< Dumbledores Mundwinkel zuckten. Severus dagegen blieb ernst. >>Ich erzähle Ihnen das nicht, weil ich überzeugt bin, dass Moody der Täter ist.<<

>>Das verstehe ich.<<

>>Ich erzähle es Ihnen, weil ich es für fahrlässig halte, einen möglichen Verdächtigen nicht zu beobachten, nur weil mir die Beweise fehlen, ihn anzuklagen.<<

>>Auch das verstehe ich.<<

Severus' Augen verengten sich. >>Sie sind heute ungewöhnlich zustimmend.<<

>>Genießen Sie es.<< Severus ignorierte die Bemerkung. Dumbledore wurde wieder ernst. >>Ich werde Alastor im Auge behalten.<<

>>Ich ebenfalls.<<

>>Unauffällig.<<

>>Albus.<<

>>Severus.<< Die beiden Männer sahen einander an. Dumbledore seufzte. >>Sie werden ihn nicht konfrontieren.<<

>>Solange ich keine Beweise habe, nein.<<

>>Gut.<<

Severus griff nach dem Becher. >>Allerdings gibt es noch etwas, das mir nicht gefällt.<<

>>Nur eines?<<

Severus bedachte ihn mit einem vernichtenden Blick. Dumbledore hob entschuldigend eine Hand. >>Stonefield.<< Das Amüsement verschwand wieder. >>Sie hat heute Morgen behauptet, keine Ahnung zu haben, wer sie vergiftet haben könnte.<<

>>Das hat sie.<<

>>Und sie hat nicht gelogen.<<

Dumbledore hob leicht die Augenbrauen. >>Sie glauben ihr?<<

>>In diesem Punkt.<< Severus stellte den Becher wieder ab. >>Sie weiß vermutlich tatsächlich nicht, wer das Gift in ihren Kürbissaft gegeben hat.<< Eine kurze Pause. >>Aber sie weiß mehr, als sie uns erzählt.<<

Dumbledore schwieg. Severus beobachtete ihn. Und plötzlich gefiel ihm dessen Schweigen überhaupt nicht. >>Sie wissen es ebenfalls.<<

>>Was genau?<<

>>Was Stonefield verschweigt.<<

>>Das ist eine bemerkenswert weit gefasste Behauptung.<<

>>>Bei Ihnen selten ein Nachteil.<<

Dumbledore lehnte sich zurück. >>Lucinda besitzt ihre Geheimnisse, Severus.<<

>>Das ist mir aufgefallen.<<

>>Nicht alle davon gehören mir, um sie weiterzugeben.<<

Severus' Gesicht verhärtete sich. >>Solange ihre Geheimnisse nur sie selbst betreffen, kann ich damit leben.<< Er deutete auf den Becher. >>Seit gestern tun sie das möglicherweise nicht mehr.<< Dumbledore sagte nichts. >>Jemand wollte sie tot sehen, Albus. Wenn der Grund dafür in einem Geheimnis liegt, das Sie kennen, wäre jetzt ein ausgesprochen geeigneter Zeitpunkt, Ihre übliche Verschwiegenheit zu überdenken.<<

Dumbledores Blick wurde nachdenklich. Doch Severus erkannte bereits, dass er keine Antwort erhalten würde. >>Es gibt Dinge<<, sagte Dumbledore schließlich, >>die Lucinda Ihnen selbst erzählen muss, wenn sie dazu bereit ist.<<

Severus lachte freudlos. >>Wie überaus hilfreich.<<

>>Ich kann Ihnen jedoch eines versichern: Ich werde nicht zulassen, dass sie ungeschützt bleibt.<<

Severus' Blick wurde scharf. >>Darauf werde ich mich nicht verlassen.<<

Die Worte waren heraus, bevor er darüber nachdenken konnte. Stille. Dumbledore sah ihn an. Severus bemerkte seinen Fehler augenblicklich. >>Was ich damit sagen wollte—<<

>>Ich weiß, was Sie damit sagen wollten.<<

Das machte es schlimmer. >>Albus.<<

>>Severus.<< Dieses Mal lag unverkennbar etwas Warmes in Dumbledores Augen.

Severus griff nach dem Becher. >>Dieses Gespräch ist beendet.<<

>>Natürlich.<< Er wandte sich zur Tür. >>Severus?<< Widerwillig blieb er stehen. >>Ich bin froh, dass Sie zu mir gekommen sind.<< Severus sah über die Schulter.

Dumbledores Gesicht war ernst geworden. >>Wenn Sie recht haben und jemand einen zweiten Versuch plant, können wir es uns nicht leisten, einen möglichen Hinweis zu ignorieren.<< Severus nickte knapp. Endlich etwas Vernünftiges. >>Und ich bin ebenfalls froh, dass Lucinda wieder wach ist.<<

Severus erstarrte für den Bruchteil einer Sekunde. Dann öffnete er die Tür. >>Guten Tag, Albus.<<

Hinter ihm hörte er ein leises Schmunzeln. Er schloss die Tür etwas fester als notwendig. Erleichtert. Natürlich war er erleichtert. Jeder Lehrer wäre erleichtert gewesen, wenn eine Schülerin einen Mordanschlag überlebte. Es bedeutete nichts.

Severus ging den Korridor entlang. Und falls seine Schritte ihn später am Tag rein zufällig noch einmal am Krankenflügel vorbeiführen sollten, würde auch das selbstverständlich nichts bedeuten. Schließlich musste irgendjemand überprüfen, ob Stonefield tatsächlich auf Madam Pomfrey hörte. Bei ihrer bisherigen Erfolgsbilanz war das schließlich eine vollkommen berechtigte Sorge.