Die dunkle Seele des Fluches
Die dunkle Seele des Fluches
Hallo, meine Lieben :) Mitte der Woche und es gibt ein neues Kapitel. Unsere Lucinda ist dem Tod ja, mal wieder, von der Schippe gesprungen. Aber dennoch bleibt es auch weiterhin spannend in Hogwarts ;) Viel Spaß beim Weiterlesen!
Liebe Grüße,
eure Melody
~~~ 28 Die dunkle Seele des Fluches
Severus PoV
Seit dem Giftanschlag waren einige Tage vergangen. Lucinda Stonefield hatte den Krankenflügel längst verlassen. Madam Pomfrey hatte sie für ausreichend genesen erklärt, um wieder am Unterricht teilzunehmen, und Lucinda selbst schien fest entschlossen, den Vorfall als unangenehme Unterbrechung ihres Schulalltags abzuhaken. Severus gelang das weniger gut. Nicht, dass er sich das eingestanden hätte.
Es bestand schließlich kein Grund, sich weiterhin Gedanken über ihren Gesundheitszustand zu machen. Das Gegengift hatte gewirkt. Die letzten Rückstände des Velmoria waren aus ihrem Körper verschwunden. Pomfrey hatte ihm persönlich versichert, dass keine bleibenden Schäden zu erwarten waren. Damit war die Angelegenheit medizinisch betrachtet erledigt. Medizinisch.
Severus verzog missmutig den Mund. Der Täter war noch immer nicht gefunden.
Der vergiftete Becher lag sicher verwahrt. Die Hauselfen hatten nichts Verdächtiges beobachtet. Und auch die Gespräche mit Dumbledore hatten bislang keine neuen Erkenntnisse gebracht. Sein Verdacht gegen Moody bestand weiterhin. Mehr als das war er jedoch nicht. Ein Verdacht. Und solange Severus keinen Beweis besaß, blieb ihm nichts anderes übrig, als aufmerksam zu sein.
Vielleicht war genau das der Grund, weshalb sein Blick in der Großen Halle inzwischen häufiger als gewöhnlich zum Slytherin-Tisch wanderte. Nur um sicherzustellen, dass Stonefield beim Frühstück tatsächlich etwas zu sich nahm.
Natürlich. Es hatte nichts damit zu tun, dass er überprüfen wollte, ob sie noch immer ungewöhnlich blass war. Oder dass ihm auffiel, wenn sie ihren Kürbissaft zunächst misstrauisch betrachtete, bevor sie davon trank. Es war Vorsicht. Nichts weiter.
Jemand hatte versucht, eine Schülerin seines Hauses zu ermorden. Solange der Täter nicht gefasst war, wäre es geradezu fahrlässig gewesen, sie nicht im Auge zu behalten. Severus hatte für sich beschlossen, diese Erklärung nicht weiter zu hinterfragen. Sie war ausgesprochen zweckmäßig. Bedauerlicherweise machte Lucinda selbst es ihm nicht leicht.
Bereits am zweiten Tag nach ihrer Entlassung aus dem Krankenflügel hatte er sie dabei erwischt, wie sie eine Treppe hinaufgeeilt war, obwohl Pomfrey ausdrücklich körperliche Schonung angeordnet hatte. Auf seinen Hinweis, dass ein erneuter Zusammenbruch vermutlich wenig zur Verbesserung ihrer schulischen Leistungen beitragen würde, hatte sie ihn lediglich angesehen und erklärt: >>Dann werde ich mich bemühen, nur noch in Freistunden zusammenzubrechen.<<
Severus hatte fünf Punkte von Slytherin abgezogen. Nicht wegen der Bemerkung. Wegen ihrer mangelnden Vernunft. Zumindest redete er sich das ein. Seitdem schien Lucinda endgültig zu der Überzeugung gelangt zu sein, dass ihr Körper wieder vollkommen funktionierte.
Sie besuchte jeden Unterricht. Erledigte ihre Aufgaben. Diskutierte mit ihren Mitschülern. Und produzierte bereits wieder Zaubertränke, bei denen Severus mit zunehmendem Missfallen feststellen musste, dass ihm kaum etwas zu kritisieren blieb. Kurz gesagt: Sie verhielt sich, als hätte niemand versucht, sie umzubringen.
Severus verstand es nicht. Er hatte genug Menschen erlebt, die nach einem Angriff verändert zurückblieben. Manche wurden misstrauisch. Andere schreckhaft. Einige paranoid. Lucinda Stonefield hingegen schien lediglich beschlossen zu haben, künftig ihren Kürbissaft genauer zu betrachten. Es war entweder bemerkenswerte Stärke oder bemerkenswerte Dummheit. Bei ihr vermutlich eine irritierende Mischung aus beidem.
An diesem Nachmittag saß Severus in seinem Büro und versuchte, sich auf die Korrektur eines Aufsatzes über die Eigenschaften von Mondstein zu konzentrieren. Er scheiterte. Nicht am Thema. An Mr. Goyles offensichtlicher Überzeugung, dass Rechtschreibung lediglich eine unverbindliche Empfehlung darstellte.
Severus legte die Feder beiseite. Seine Augen schmerzten. Die Luft in den Kerkern erschien ihm plötzlich ungewöhnlich stickig. Ein Spaziergang würde seine Gedanken ordnen. Mehr nicht.
Wenige Minuten später durchquerte er den Innenhof. Der Wind war kühl, doch angenehm. Die Sonne brach zwischen einzelnen Wolken hervor und tauchte das Gelände von Hogwarts in spätes goldenes Licht. Severus ging ohne bestimmtes Ziel. Zumindest behauptete er das vor sich selbst.
Sein Weg führte ihn an den Gewächshäusern vorbei und schließlich in Richtung Hagrids Hütte. Er dachte an den Becher. An Moody. An Dumbledores Warnung, nichts Unüberlegtes zu tun. Und unwillkürlich wieder an jene Minuten im Krankenflügel. Lucindas kaum wahrnehmbaren Puls unter seinen Fingern. Ihre erschreckend blasse Haut. Die Sekunden nach der Verabreichung des Gegengiftes, in denen nichts geschehen war.
Severus' Schritte wurden langsamer. Er verdrängte die Erinnerung. Stonefield lebte. Das war alles, was zählte.
Unweit von Hagrids Hütte blieb er unvermittelt stehen. Jemand war dort. Lucinda. Sie kniete im Gras. Allein. Oder zumindest beinahe.
Mehrere Bowtruckles hatten es sich auf ihren Schultern, Armen und sogar in ihren dunklen Haaren bequem gemacht. Ein besonders kleiner klammerte sich an ihren Zeigefinger und piepste leise.
Severus blieb stehen. Lucinda hatte ihn nicht bemerkt. >>Na, ihr kleinen Räuber<<, sagte sie leise. >>Habt ihr schon wieder Hunger?<<
Sie öffnete einen kleinen Stoffbeutel. Sofort setzte Bewegung ein. Die Bowtruckles kletterten aufgeregt an ihren Armen entlang, und Lucinda lachte.
Severus erstarrte. Es war ein helles, ehrliches Lachen. Nicht das höfliche Lächeln, das sie Mitschülern schenkte. Nicht ihre schlagfertige Belustigung, wenn sie glaubte, eine Diskussion gewonnen zu haben. Und auch nicht jene kontrollierte Gelassenheit, hinter der sie sich gewöhnlich verbarg. Sie lachte einfach. Unbeschwert. Lebendig.
Etwas in Severus' Brust löste sich. So plötzlich, dass es ihn ärgerte. Er hatte nicht bemerkt, dass dort überhaupt noch Anspannung gewesen war.
Ein Bowtruckle versuchte offenbar, besonders schnell an den Inhalt des Beutels zu gelangen. Er verlor das Gleichgewicht und purzelte kopfüber in Lucindas Schoß. Ihr Lachen wurde noch heller. >>Das war wohl nichts.<<
Behutsam nahm sie das kleine Wesen zwischen ihre Hände und setzte es zurück auf einen niedrigen Ast. >>Versuch's noch einmal. Aber vielleicht diesmal mit etwas weniger Begeisterung.<< Der Bowtruckle piepste empört. >>Beschwer dich nicht bei mir. Du bist gefallen.<<
Severus beobachtete sie schweigend. Vor wenigen Tagen hatte sie reglos auf dem Boden gelegen. Er hatte ihren Puls kaum noch fühlen können. Und jetzt saß dieselbe junge Frau im Gras und diskutierte mit einem Bowtruckle über dessen mangelndes Gleichgewicht. Es war absurd.
Und doch war Severus in diesem Augenblick zum ersten Mal seit dem Giftanschlag vollkommen überzeugt, dass es ihr tatsächlich gut ging. Nicht weil Pomfrey es gesagt hatte. Nicht weil sämtliche medizinischen Untersuchungen unauffällig gewesen waren. Sondern weil Lucinda Stonefield dort saß und lachte.
Er hätte weitergehen sollen. Stattdessen blieb er. Severus hatte in den vergangenen Wochen viele Seiten dieser jungen Frau kennengelernt. Die schlagfertige Slytherin. Die außergewöhnlich begabte Schülerin. Die verschlossene Einzelgängerin, die Fragen mit Gegenfragen beantwortete und Geheimnisse hinter einem freundlichen Lächeln verbarg. Doch diese Seite kannte er kaum. Hier war keine Vorsicht. Kein Misstrauen. Keine Maskerade. Nur Lucinda.
Ein weiterer Bowtruckle kletterte auf ihre Schulter und zog neugierig an einer Strähne ihres Haares. >>Hey.<< Sie versuchte ihn abzuwehren. >>Die bleiben dran.<<
Severus' Mundwinkel zuckte. In diesem Moment knackte ein Ast unter seinem Stiefel. Lucinda fuhr herum. Ihre Augen wurden groß. >>Professor Snape.<<
Severus verfluchte den Ast. >>Miss Stonefield.<<
Für einen kurzen Moment sahen sie einander an. Dann bemerkte Severus etwas Bemerkenswertes. Die Bowtruckles verschwanden nicht. Normalerweise reagierten die kleinen Geschöpfe ausgesprochen empfindlich auf fremde Menschen. Doch obwohl mehrere von ihnen Severus neugierig betrachteten, machte keiner Anstalten zu fliehen.
Lucinda folgte seinem Blick. Ein kleines Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. >>Sie sind neugierig.<<
Severus hob eine Augenbraue. >>Auf mich?<<
>>Offenbar.<<
>>Bedauerlicher Mangel an Selbsterhaltungstrieb.<<
Lucinda lachte leise. Wieder dieses Lachen. Severus beschloss, dass es höchste Zeit war weiterzugehen. Seine Füße waren offenbar anderer Meinung. Er trat näher. >>Ich wollte Sie nicht stören.<<
>>Das tun Sie nicht.<< Lucinda streichelte einem der Bowtruckles vorsichtig über den winzigen Kopf. >>Die meisten Menschen glauben, sie seien scheu.<<
>>Sind sie das nicht?<<
>>Doch.<< Sie nickte. >>Aber sie spüren, wenn ihnen niemand etwas Böses will.<<
Severus betrachtete die kleinen Geschöpfe. >>Offenbar mögen sie Sie.<<
Lucindas Blick wurde weich. >>Sie urteilen nicht.<<
Diese Antwort ließ ihn aufhorchen. >>Wie meinen Sie das?<<
Sie zuckte leicht mit den Schultern. >>Für sie spielt keine Rolle, wer man ist.<< Ein Bowtruckle kletterte auf ihre Hand. Lucinda lächelte ihn an. >>Nur, wie man mit ihnen umgeht.<<
Severus schwieg. Und zum ersten Mal fragte er sich nicht, was Lucinda Stonefield vor ihnen verbarg. Sondern weshalb eine junge Frau wie sie offenbar glaubte, dass es etwas gab, wofür andere sie verurteilen könnten.
Für einen Moment sagte keiner etwas. Der Wind spielte mit den Blättern der Bäume. >>Sie sollten sich eigentlich noch ausruhen<<, bemerkte Severus schließlich. >>Madam Pomfrey würde mir zustimmen.<<
>>Wahrscheinlich.<<
>>Und trotzdem sitzen Sie hier.<<
Lucinda nickte. >>Im Krankenflügel fühlt man sich wie ein Patient.<< Sie hob den Blick zum Himmel. >>Hier fühle ich mich lebendig.<<
Severus musterte sie aufmerksam. >>Sie scheinen erstaunlich ruhig zu sein.<<
>>Sollte ich das nicht?<<
>>Jemand hat versucht, Sie zu töten.<<
Die Worte hingen schwer zwischen ihnen.
Lucindas Blick wurde weich. >>Ja.<<
>>Und dennoch wirken Sie nicht verängstigt.<<
Sie schwieg einen Moment. Dann lächelte sie traurig. >>Angst verändert nichts.<<
Severus runzelte leicht die Stirn. >>Vorsicht hingegen schon.<<
>>Deshalb passe ich künftig besser auf.<< Sie blickte wieder zu den Bowtruckles. >>Aber ich weigere mich, mein Leben nach jemandem auszurichten, der mir schaden will.<<
Ein kleiner Bowtruckle kletterte auf ihre Schulter und schmiegte sich an ihre Wange. Lucinda lachte leise. >>Sehen Sie?<< Sie deutete auf das kleine Wesen. >>Dem ist völlig egal, was passiert ist.<<
Severus sah sie lange an. Sie hätte verbittert sein können. Misstrauisch. Voller Angst. Doch stattdessen fand sie Trost darin, sich um Geschöpfe zu kümmern, die kaum größer waren als ihre Hand. >>Sie sind…ungewöhnlich, Miss Stonefield.<<
Sie sah ihn überrascht an. >>Ist das ein Kompliment?<<
Er ließ sich einen Moment Zeit. Dann antwortete er trocken: >>Gewöhnen Sie sich nicht daran.<<
Sie musste lachen. Und zu seiner eigenen Überraschung, zuckte für den Bruchteil einer Sekunde auch einer seiner Mundwinkel. So flüchtig, dass er selbst nicht sicher war, ob es wirklich geschehen war.
Lucinda bemerkte es nicht. Sie hatte ihre Aufmerksamkeit bereits wieder den kleinen Bowtruckles geschenkt. Severus hingegen ging langsam weiter. Mit einer Erkenntnis, die ihm nicht gefiel. Je mehr Zeit verging, desto weniger erschien ihm Lucinda Stonefield wie eine gewöhnliche Schülerin. Und desto entschlossener wurde er, herauszufinden, wer versucht hatte, ihr dieses unbeschwerte Lachen für immer zu nehmen.
***
Lucinda PoV
Die Begegnung mit Professor Snape ging mir länger nach, als ich zugeben wollte. Nicht, weil er besonders freundlich gewesen wäre. Das wäre nun wirklich eine Sensation gewesen. Nein. Es war etwas anderes.
Für einen kurzen Augenblick hatte ich das Gefühl gehabt, dass hinter seiner kalten Fassade tatsächlich so etwas wie ehrliche Sorge gesteckt hatte. Nur einen Moment. Dann war sie wieder verschwunden. Vielleicht hatte ich sie mir auch nur eingebildet.
Die Bowtruckles schienen jedenfalls anderer Meinung zu sein. Seit dem Giftanschlag wichen sie kaum noch von meiner Seite. Sobald ich nach dem Unterricht ein paar freie Minuten hatte, fand ich sie irgendwo auf dem Gelände. Es genügte, mich ins Gras zu setzen, und schon tauchten die ersten neugierigen Köpfe zwischen den Ästen auf. Sie fragten nicht nach dem Gift. Sie fragten nicht danach, wer mich töten wollte. Für sie war ich einfach…Lucinda.
Und genau das tat gut. Es half mir, nicht ständig an den Anschlag zu denken. Denn wenn ein Bowtruckle versuchte, kopfüber an meinem Ärmel entlang zu klettern und dabei regelmäßig herunter purzelte, blieb kaum Zeit für düstere Gedanken.
Ein paar Tage später endete die Doppelstunde Zaubertränke. Die Schüler packten ihre Sachen zusammen und verließen lärmend den Kerker. Ich blieb noch einen Augenblick. Professor Snape sortierte gerade einige Phiolen auf seinem Pult. >>Professor?<<
Er sah nicht auf. >>Miss Stonefield.<<
Ich trat näher. >>Ich wollte mich nochmal bedanken.<<
Nun blickte er doch zu mir. >>Wofür?<<
>>Dafür, dass Sie so schnell erkannt haben, dass mit dem Gift etwas nicht stimmt.<<
Er schwieg einen Moment. >>Madam Pomfrey und ich haben lediglich unsere Pflicht erfüllt.<<
>>Trotzdem.<< Ich lächelte leicht. >>Ohne Ihr Wissen über Gifte wäre es vermutlich deutlich schlechter für mich ausgegangen.<<
Sein Blick ruhte einen Augenblick auf mir. >>Sie überschätzen meinen Anteil. <<
>>Das glaube ich nicht.<<
Er schnaubte hörbar. >>Falls Sie vorhaben, sich künftig erneut vergiften zu lassen, Miss Stonefield…<< Ich blinzelte. >>…würde ich Ihnen raten, darauf zu verzichten.<<
Ich musste lachen. >>Ich werde mein Bestes geben, Professor.<<
>>Tun Sie das.<<
Damit wandte er sich wieder seinen Phiolen zu. Das Gespräch war beendet. Zumindest nach Professor Snapes Maßstäben. Als ich den Kerker verließ, musste ich dennoch lächeln. Für jeden anderen klang das vermutlich wie eine ziemlich schroffe Verabschiedung. Aber von Professor Snape…war das beinahe schon fürsorglich gewesen.
>>Lucinda!<<
Ich drehte mich um. Anthony kam den Korridor entlang auf mich zugelaufen. Er wirkte erleichtert. >>Merlin sei Dank, dir geht es wirklich wieder gut.<<
>>Fast.<< Ich lächelte. >>Madam Pomfrey behauptet jedenfalls, ich sei eine schreckliche Patientin.<<
Anthony lachte. >>Das überrascht mich nicht.<<
>>Warum nicht?<<
>>Weil du vermutlich schon am zweiten Tag wieder aufstehen wolltest.<<
Ich hob unschuldig die Schultern. >>Vielleicht.<<
>>Lucinda…<< Sein Lächeln wurde etwas unsicher. >>Ich habe mir wirklich Sorgen gemacht.<<
Seine Worte trafen mich mehr, als ich erwartet hatte. >>Danke.<<
Einen Moment herrschte Schweigen. Anthony schien mit sich zu ringen. Dann holte er tief Luft. >>Darf ich dich etwas fragen?<<
>>Natürlich.<<
Er fuhr sich nervös durch die Haare. >>Der Weihnachtsball…<<
>>Oh.<<
>>…würdest du…vielleicht…mit mir hingehen?<<
Ich sah ihn überrascht an. Anthony war freundlich. Aufrichtig. Und einer der wenigen Menschen, bei denen ich das Gefühl hatte, sie wollten etwas von mir, außer meiner Gesellschaft. Zwar war ich ja eigentlich nicht auf den Weihnachtsball erpicht gewesen, aber jemand hatte mich umbringen wollen. Da sollte man wohl feiern, dass ich dem entgangen war.
Ein warmes Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus. >>Ja.<<
Er blinzelte. >>Ja?<<
Ich nickte. >>Sehr gern.<<
Für einen Augenblick sah er mich an, als hätte ich gerade verkündet, Weihnachten fände zweimal im Jahr statt. Dann strahlte er. >>Wirklich?<<
>>Wirklich.<<
>>Das ist…großartig.<<
Ich musste lachen. >>Ich freue mich auch.<<
Mit einem strahlenden Lächeln verabschiedete sich Anthony und ich schüttelte lachend den Kopf. Während er beinahe pfeifend den Gang entlanglief, trat Ruby neben mich. Sie grinste von einem Ohr zum anderen. >>Na, na…<<
>>Was?<<
>>Du hast da gerade jemanden sehr glücklich gemacht.<<
>>Anthony ist nett.<<
>>Das stimmt.<< Sie legte den Kopf schräg. >>Aber Anthony ist gerade nicht der Interessante.<<
Ich runzelte die Stirn. >>Wie meinst du das?<<
Ruby nickte unauffällig den Korridor hinunter. >>Schau mal nach links.<<
Ich tat ihr den Gefallen. Ein Stück entfernt stand Castor Thornbloom. Offenbar hatte er die ganze Szene beobachtet. Sein sonst so selbstsicheres Grinsen war verschwunden. Stattdessen blickte er Anthony hinterher. Dann zu mir. Und schließlich ballte er unmerklich die Hände.
Einen kurzen Moment lang begegneten sich unsere Blicke. Dann drehte er sich wortlos um und verschwand. Ich sah ihm irritiert nach. >>Was ist denn mit dem los?<<
Ruby konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen. >>Lucinda…<<
>>Was?<<
>>Ich glaube, du hast gerade den Ehrgeiz eines gewissen Frauenhelden bis ins Unermessliche gesteigert.<<
>>Ach, was.<<
>>Doch. << Sie hakte sich bei mir unter. >>Der Kerl hat gerade festgestellt, dass er Konkurrenz hat.<<
>>Anthony ist doch keine Konkurrenz.<<
Rub zwinkerte. >>Für Castor schon.<<
Ich verdrehte die Augen. >>Er wird es überleben.<<
Ruby lachte. >>Da wäre ich mir nicht so sicher.<<
Ich schüttelte nur den Kopf. Manchmal hatte ich wirklich das Gefühl, Ruby sah Dinge, die anderen verborgen blieben. Und wenn ich ehrlich war hoffte ich sehr, dass sie sich diesmal irrte.
***
Ruby und ich schlenderten noch ein wenig über das Gelände von Hogwarts. Der Wind war kühl geworden, und ich zog meinen Umhang etwas enger um mich.
Eigentlich hatten wir über den Feuerkelch sprechen wollen. Eigentlich. Stattdessen lief Ruby seit geraumer Zeit mit diesem merkwürdigen Lächeln neben mir her. Ich ignorierte es zunächst.
Zehn Schritte. Zwanzig. Dreißig. Dann reichte es mir. >>Was?<<
>>Nichts.<<
Ich sah sie von der Seite an. Ihre blonden Haare bewegten sich leicht im Wind. >>Du lächelst.<<
>>Darf ich das nicht?<<
>>Nicht so.<<
>>Wie denn?<<
>>Als wüsstest du etwas, das ich nicht weiß.<<
Ruby grinste. Das bestätigte meinen Verdacht. >>Anthony.<<
Ich blieb beinahe stehen. >>Nein.<<
>>Ich habe noch gar nichts gefragt.<<
>>Musst du auch nicht. Die Antwort lautet trotzdem nein.<<
Ruby lachte leise. Wir gingen weiter. >>Du weißt nicht einmal, worauf.<<
>>Du hast Anthony gesagt.<<
>>Vielleicht wollte ich nur seinen Namen erwähnen.<<
>>Natürlich. Völlig zusammenhanglos während eines Spaziergangs.<<
>>Anthony Goldstein.<<
Ich warf ihr einen Blick zu. >>Willst du testen, ob ich irgendwann aufhöre zu reagieren?<<
>>Ein wenig.<<
Ich schüttelte den Kopf. >>Er ist mein Freund.<<
>>Das weiß ich.<<
>>Ein guter Freund.<<
>>Auch das.<<
>>Und dabei bleibt es.<< Ruby schwieg. Ich kannte sie lange genug, um zu wissen, dass dieses Schweigen nichts Gutes bedeutete. >>Was?<<
>>Schon wieder nichts.<<
>>Ruby.<<
Sie steckte die Hände in die Taschen ihres Umhangs. >>Ich frage mich lediglich, ob Anthony das genauso sieht.<<
Meine Schritte wurden etwas langsamer. >>Das ist nicht meine Entscheidung.<<
>>Nein.<< Ich sah sie an. Ihr Gesicht war noch immer amüsiert, aber längst nicht mehr so sehr wie zuvor. >>Aber du weißt, dass er dich mag.<<
Ich seufzte. >>Ich vermute es.<<
Ruby hob eine Augenbraue. >>Gut. Ich weiß es.<<
>>Danke.<<
>>Wofür?<<
>>Dass du mich dazu zwingst, Dinge auszusprechen, die wir beide längst wissen.<<
>>Jeder braucht ein Talent.<<
Ich verdrehte die Augen. Vor uns ragten bereits die Türme des Schlosses in den Himmel. >>Und?<<, fragte Ruby.
>>Und was?<<
>>Was empfindest du für ihn?<<
Ich atmete langsam aus. >>Ich mag Anthony. Sehr sogar. Er ist klug, respektvoll und einer der wenigen Menschen hier, bei denen ich nicht ständig darüber nachdenken muss, welche meiner Antworten irgendwann gegen mich verwendet werden könnten.<<
Ruby sah mich vielsagend an. >>Das klang bis gerade eben ausgesprochen vielversprechend.<<
>>Aber ich bin nicht in ihn verliebt.<<
Damit verschwand ihr Lächeln. Nicht aus Enttäuschung. Eher, weil sie begriff, dass ich es ernst meinte. >>Dann ist das so<<, sagte sie.
Ich blinzelte. >>Das war alles?<<
>>Was hast du erwartet?<<
>>Einen Vortrag darüber, dass ich ihm eine Chance geben soll.<<
>>Warum? Du kannst dich schlecht dazu zwingen, jemanden zu lieben.<<
Das überraschte mich nicht wirklich. Ruby war vieles. Aber sie würde mich niemals in etwas drängen, nur weil es in ihren Augen bequem oder vernünftig erschien. >>Falls er tatsächlich mehr für dich empfindet, solltest du allerdings ehrlich zu ihm sein<<, fügte sie hinzu.
Ich nickte. >>Das werde ich.<<
Damit hätte das Thema beendet sein können. Ich hätte es bevorzugt. Eine Weile gingen wir schweigend weiter. Das Gras raschelte unter unseren Schuhen. Einige Schüler kamen uns entgegen, grüßten kurz und liefen an uns vorbei in Richtung Hagrids Hütte.
Erst als sie außer Hörweite waren, sprach Ruby wieder. >>Du weißt aber schon, dass Anthony nicht der einzige Mann auf der Welt ist?<<
Ich schloss die Augen. >>Und da ist er doch.<<
>>Was?<<
>>Der Vortrag.<<
Ruby lachte. >>Das ist kein Vortrag.<<
>>Noch nicht.<<
>>Ich sage lediglich, dass du dich nicht für den Rest deines Lebens vor solchen Dingen verstecken kannst.<<
>>Ich verstecke mich nicht.<<
>>Lucinda.<<
>>Was?<<
>>Du weichst dem Thema aus, sobald es auch nur ansatzweise persönlich wird.<<
>>Vielleicht habe ich einfach kein Interesse an einer Beziehung.<<
>>An Anthony nicht. Das verstehe ich.<< Ihre Stimme wurde ruhiger. >>Aber willst du wirklich überhaupt niemanden an dich heranlassen?<<
Meine Schritte verlangsamten sich. Da war sie. Die eigentliche Frage. Ich blickte geradeaus zum Schloss. >>Darüber müssen wir nicht sprechen.<<
>>Das bedeutet bei dir normalerweise, dass wir genau darüber sprechen sollten.<<
>>Seit wann bist du so weise?<<
>>Seit ich mit dir befreundet bin. Irgendjemand musste es schließlich werden.<<
Ein schwaches Lächeln huschte über mein Gesicht. Es verschwand schnell wieder. Wir hatten inzwischen den belebteren Teil des Weges verlassen. Ruby schlug beinahe automatisch einen schmaleren Pfad ein, der am Rand des Sees entlangführte. Weniger Schüler. Weniger Ohren. Ich folgte ihr.
>>Es hat nichts mit Anthony zu tun<<, sagte ich schließlich.
>>Das weiß ich.<<
Natürlich wusste sie es. Ruby kannte mich zu gut. Ich stieß einen kleinen Stein mit der Schuhspitze vom Weg. >>Eine Beziehung passt einfach nicht in mein Leben.<<
Ruby verzog das Gesicht. >>Das klingt, als würdest du über einen zusätzlichen Wahlkurs sprechen.<<
>>Du weißt, was ich meine.<<
>>Nein. Eigentlich nicht.<<
Ich schwieg. Ruby drängte mich nicht. Sie ging einfach neben mir her. Das war fast schlimmer. Denn sie wusste genau, dass ich dieses Schweigen irgendwann selbst brechen würde. >>Mein Leben ist kompliziert.<<
>>Das ist eine beeindruckende Untertreibung.<<
>>Eben.<< Meine Hände verschwanden in den Taschen meines Umhangs. >>Ich kann niemandem die Wahrheit sagen. Nicht darüber, wer ich bin. Nicht darüber, warum ich hier bin. Nicht über meinen Bruder.<<
Rubys Gesicht wurde ernst. >>Das musst du auch nicht jedem erzählen.<<
>>Aber jemandem, mit dem ich mein Leben teilen soll?<<
Darauf antwortete sie nicht. Wir gingen weiter. Langsamer als zuvor.
>>Angenommen, ich lasse tatsächlich jemanden an mich heran<<, fuhr ich leise fort. >>Jemanden, der mir wirklich etwas bedeutet. Was soll ich ihm erzählen? Dass mein Name nicht Lucinda Stonefield ist? Dass ich eigentlich Jahrzehnte älter bin, als ich aussehe? Dass der gefährlichste dunkle Zauberer unserer Zeit mein Zwillingsbruder ist?<<
>>Lucinda—<<
>>Und dann ist da noch der Fluch.<< Ruby verstummte. Meine Finger wanderten unbewusst zu meinem rechten Handgelenk. >>Solange Tom lebt, lebe ich.<<
>>Das haben wir gerade erst im Krankenflügel besprochen. So einfach ist es nicht.<<
>>Darum geht es nicht.<<
Ich blieb stehen. Ruby tat es ebenfalls. Der See lag ruhig neben uns. >>Es geht darum, wie es endet.<<
Ihr Gesicht veränderte sich. Sie wusste genau, was ich meinte. >>Du weißt nicht, was passiert, wenn Tom stirbt.<<
>>Nein.<<
>>Dann hör auf, so zu tun, als wüsstest du es.<<
>>Ich habe mich darauf eingestellt.<< Ruby schwieg. >>Vielleicht ist das der Unterschied zwischen uns<<, sagte ich. >>Für dich ist noch offen, was am Ende dieses Fluches geschieht. Für mich war es das nie.<<
>>Weil du beschlossen hast, dass du mit ihm sterben wirst.<<
>>Weil ich damit rechnen muss.<<
>>Das ist nicht dasselbe.<<
>>Es fühlt sich aber genauso an.<< Der Wind strich über das Wasser und erfasste Rubys blonde Haare. Eine Weile sagte keine von uns etwas. Dann fragte sie leise:
>>Also ist das dein Plan?<<
>>Welcher Plan?<<
>>Niemanden lieben.<<
Ich lachte leise auf. Selbst für meine Ohren klang es wenig überzeugend. >>Liebe lässt sich vermutlich nicht planen.<<
>>Endlich sagst du mal etwas Vernünftiges.<< Ich sah sie an. Ruby lächelte nicht. >>Aber man kann dafür sorgen, dass niemand nahe genug kommt.<<
Darauf hatte ich keine Antwort. Denn genau das tat ich. Seit Jahren. Seit Jahrzehnten.
>>Und wenn trotzdem jemand kommt?<<, fragte Ruby.
Ich wollte etwas Schlagfertiges erwidern. Irgendetwas, das dieses Gespräch wieder leichter machte. Doch diesmal fand ich nichts. Mein Blick wanderte über den See.
Ich dachte an meinen wirklichen Namen. Riddle. An Tom. An das Blut, das wir teilten. An all das, was dieser Name inzwischen bedeutete. Was würde ein Mensch sehen, wenn er irgendwann die Wahrheit über mich erfuhr? Lucinda? Oder nur ihn?
Ich zog meinen Umhang enger um mich. Und als ich schließlich sprach, war meine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. >>Wer könnte die Zwillingsschwester von Voldemort lieben?<< Ich schloss meine Augen. >>Niemand kennt die Dunkelheit, die ich in mir trage. Alle kennen nur die Hälfte von mir. Die andere würden sie auch gar nicht kennenlernen wollen.<<
Ruby trat einen Schritt auf mich zu. >>Ich würde das niemals denken.<<
Ich lächelte sie dankbar an. >>Ich weiß.<<
Sie war meine beste Freundin. Sie kannte mich besser als jeder andere. Doch die übrige Welt? Die würde nur eines sehen. Den Namen Riddle. Ich holte tief Luft und setzte meinen Weg fort. >>Komm. Wir sollten gehen.<<
Ruby folgte mir schweigend. Sie sagte nichts mehr. Und ich ebenfalls nicht. Denn manche Wahrheiten waren zu schwer für Worte. Während über Hogwarts langsam die Nacht hereinbrach, war ich felsenfest überzeugt, dass wahre Liebe für andere bestimmt war. Nicht für mich. Nicht für Lucinda Marilyn Riddle.
***
Ruby PoV
Ich hatte in dieser Nacht kaum geschlafen. Immer wieder gingen mir Lucindas Worte durch den Kopf. "Sobald Tom vernichtet wird… werde ich mit ihm sterben."
Ich wusste das. Schließlich hatten wir den Fluch gemeinsam erschaffen. Und doch traf es mich jedes Mal aufs Neue, wenn Lucinda es so nüchtern aussprach. Als hätte sie sich längst mit ihrem eigenen Tod abgefunden. Fast noch mehr schmerzte mich allerdings etwas anderes.
"Wer könnte jemals die Zwillingsschwester von Voldemort lieben?"
Ich kannte Lucinda seit unserer Kindheit. Ich wusste, wie sehr sie Tiere liebte. Wie sie selbst verletzte Bowtruckles noch mit nach Hause schleppte. Wie sie immer zuerst an andere dachte. Und ausgerechnet dieser Mensch glaubte, keine Liebe zu verdienen.
Sie hatte sich bereits aufgegeben. Nicht äußerlich. Aber innerlich. Anthony würde daran nichts ändern. Er war ein guter Mensch. Doch Lucinda sah in ihm nur einen Freund. Und Castor...
Nun ja. Castor war Castor. Seine Chancen standen ungefähr so gut wie die eines Flubberwurms bei einem Besenrennen. Ich seufzte. Vielleicht musste ich mich einfach damit abfinden, dass Lucinda niemals jemanden lieben würde.
>>Miss Chadwick.<<
Ich zuckte zusammen. >>Ja, Professor Binns?<<
>>Wenn Sie mit Ihren Gedanken fertig sind, könnten Sie uns vielleicht verraten, wann der Koboldaufstand stattfand?<<
>>1612.<<
Professor Binns nickte. >>Ausnahmsweise richtig.<<
Die Klasse lachte leise. Ich hingegen dachte immer noch an Lucinda.
Als wir wenig später den Kerker für Zaubertränke betraten, ließ ich mich neben ihr nieder. Sie wirkte erstaunlich entspannt. >>Guten Morgen.<<
>>Morgen. Gut geschlafen?<<
Sie lächelte. >>Wie ein Stein.<<
Ich erwiderte das Lächeln. Sie log. Ich kannte sie gut genug. In diesem Moment betrat Professor Snape den Raum. Sofort wurde es still. Wie immer.
Er legte seine Unterlagen auf das Pult. >>Seite zweihundertdreiundzwanzig.<<, ordnete er an, ehe er uns auch noch auftrug, den entsprechenden Zaubertrank umgehend anzufertigen.
Die Klasse begann umgehend zu arbeiten. Ich ebenfalls. Oder zumindest tat ich so. Denn plötzlich fiel mir etwas auf. Snape ging langsam zwischen den Tischen hindurch. Wie immer. Er kontrollierte Zutaten. Kritisierte Kessel. Verteilte bissige Kommentare.
>>Mr. Goyle, selbst ein Troll würde sorgfältiger arbeiten.<<
>>Mr. Finnigan, Ihr Trank riecht nach verbranntem Kohl. Das sollte er nicht.<<
>>Miss Bulstrode, wenn Sie weiterhin derart grob umrühren, können Sie den Kessel auch gleich aus dem Fenster werfen.<<
Alles völlig normal. Dann blieb er bei Lucinda stehen. >>Miss Stonefield.<<
>>Professor.<<
Er warf einen kurzen Blick in ihren Kessel. >>Die Silberdistel erst nach dem Mondtau.<<
>>Natürlich.<<
Nicht einmal zwei Sekunden später ging er weiter. Ich runzelte die Stirn. Moment. Das...war ungewöhnlich. Sehr ungewöhnlich. Normalerweise hätte Snape sie wegen eines solchen Fehlers mindestens drei Minuten lang vor der gesamten Klasse auseinandergenommen. Stattdessen hatte er sie lediglich korrigiert. Fast höflich.
Ich beobachtete weiter. Eine Viertelstunde später ließ Neville versehentlich seinen Mörser fallen. >>Longbottom!<< Snape fuhr herum. >>Wenn Ihre Tollpatschigkeit irgendwann als Zaubertrankzutat zugelassen wird, stehen Ihnen glänzende Berufsaussichten bevor!<<
Neville wurde knallrot. Wieder ganz der alte Snape. Ich ließ den Blick zu Lucinda wandern. Sie arbeitete konzentriert weiter. Und plötzlich erinnerte ich mich. An den Giftanschlag. Snape hatte praktisch keine Sekunde gezögert. Er hatte sofort erkannt, dass etwas nicht stimmte. In dem Moment hatte ich gedacht, das läge einfach daran, dass er Professor für Zaubertränke war. Aber...
War das wirklich alles gewesen? Noch eine Erinnerung drängte sich in den Vordergrund. Castors Liebeserklärung. Die Rosen. Die Hauselfen. Der Artikel von Rita Kimmkorn. Snape war außer sich gewesen. Zu Recht. Castor hatte er vor der gesamten Klasse bloßgestellt. Fünfzehn Seiten Strafarbeit. Eine öffentliche Standpauke.
Und Lucinda? Ich blinzelte. Moment mal. Lucinda hatte ihm den verdammten Rosenstrauß in die Arme gedrückt. Vor der ganzen Schule. Eigentlich hätte sie mindestens genauso Ärger bekommen müssen. Vielleicht sogar mehr. Aber...
Nichts. Gar nichts. Nicht einmal ein Punktabzug. Ich spürte, wie sich die Puzzleteile langsam zusammensetzten. Da war noch mehr.
Snape stellte Lucinda schwierige Fragen. Ja. Aber niemals mit der Boshaftigkeit, die er anderen Schülern entgegenbrachte. Er schien ihre Antworten tatsächlich hören zu wollen. Und Lucinda...
Sie hatte sich nach dem Giftanschlag ausdrücklich bei ihm bedankt. Ausgerechnet bei Professor Snape. Sie hatte danach sogar gelächelt. Ein echtes Lächeln. Nicht dieses höfliche, das sie sonst jedem schenkte. Ich starrte abwechselnd zu den beiden. Nein. Oder? Unmöglich...oder vielleicht doch?
>>Miss Chadwick.<< Ich fuhr erschrocken hoch. Snape stand direkt vor meinem Tisch. >>Falls Sie Ihre Aufmerksamkeit wieder dem Unterricht widmen könnten...<<
>>J-ja, Professor.<<
Er musterte mich einen Augenblick. Dann ging er weiter. Ich wartete, bis er außer Hörweite war. Anschließend beugte ich mich langsam zu Lucinda hinüber. >>Sag mal...<<
Sie blickte von ihrem Kessel auf. >>Hm?<<
Ich betrachtete sie einen Moment. Dann Professor Snape. Dann wieder Lucinda. >>Ist dir eigentlich schon mal aufgefallen...<<
>>Was denn?<<
Ich lächelte in mich hinein. >>Ach...vergiss es.<<
Nein. Das konnte kein Zufall sein. Vielleicht bildete ich mir alles nur ein. Vielleicht interpretierte ich viel zu viel in ein paar harmlose Situationen hinein. Aber zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich das Gefühl, dass Lucinda sich in einer Sache gewaltig irrte. Vielleicht gab es doch jemanden, der sie ansah, ohne ihren Schatten zu sehen. Und vielleicht...hatte ausgerechnet Lucinda selbst das noch überhaupt nicht bemerkt.
***
Ich hatte einen Plan. Einen ziemlich gewagten Plan. Und falls Lucinda später herausfinden sollte, was ich da veranstaltet hatte, würde sie mich vermutlich eigenhändig erwürgen. Aber das war ein Problem für mein zukünftiges Ich.
Mit meinem Frühstückstablett betrat ich die Große Halle und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Ravenclaw. Gryffindor. Hufflepuff. Slytherin...
Da. Professor Snape stand am Slytherin-Tisch und verteilte gerade die korrigierten Zaubertranktests. Ganz in seiner Nähe saß Lucinda und unterhielt sich mit Daphne Greengrass. Perfekt.
Ich lächelte zufrieden. >>Oh nein<<, murmelte ich. >>Jetzt werde ich zur Detektivin.<<
Anstatt wie sonst zum Ravenclaw-Tisch zu gehen, marschierte ich schnurstracks auf den Slytherin-Tisch zu. Lucinda bemerkte mich sofort. >>Ruby?<<
Ich stellte mein Tablett demonstrativ direkt vor ihr ab und setzte mich ihr gegenüber. >>Guten Morgen!<<
Sie blinzelte. >>Du weißt schon, dass das hier der Slytherin-Tisch ist?<<
>>Natürlich.<<
>>Und du bist Ravenclaw.<<
>>Auch richtig.<<
>>Dann...warum sitzt du hier?<<
Ich lächelte unschuldig. >>Darf ich meine beste Freundin neuerdings nicht mehr besuchen?<<
Lucinda musterte mich. >>Ich kenne diesen Blick.<<, meinte sie, doch ich spielte die Unwissende.
>>Welchen Blick?<<
>>Den 'Ich habe irgendeinen Unsinn vor'-Blick.<<
>>Verleumdung.<<
>>Erfahrung.<<
Ich musste grinsen. Professor Snape war inzwischen nur noch wenige Schritte entfernt. Zeit für Phase eins. Ich beugte mich leicht über den Tisch. Nicht flüsternd. Ganz bewusst so laut, dass man uns ohne Mühe hören konnte.
>>Ach übrigens, Anthony hat mich gestern Abend noch abgefangen.<<
Lucinda sah auf. >>Wirklich?<<
>>Mhm.<< Ich nickte übertrieben begeistert. >>Er hat sich riesig gefreut, dass du mit ihm zum Weihnachtsball gehst.<<
Lucinda lächelte freundlich. >>Das freut mich für ihn.<<
>>Für ihn?<< Ich spielte die Schockierte. >>Lucinda, der Junge hat gestrahlt wie ein Weihnachtsbaum.<<
Sie wurde leicht rot. >>Jetzt übertreibst du.<<
>>Keineswegs.<<
Ich warf aus dem Augenwinkel einen Blick zu Snape. Er reichte gerade Blaise Zabini dessen Pergament. Keine Reaktion. Na schön. Ein bisschen deutlicher.
>>Ich glaube ehrlich, Anthony zählt schon die Tage bis zum Ball.<<
Lucinda schüttelte lachend den Kopf. >>Ruby...<<
>>Was denn?<<
>>Du machst aus einer Einladung gleich eine Lebensgeschichte.<<
>>Vielleicht ist sie das für ihn.<<
Genau in diesem Moment fiel mir etwas auf. Snape war gerade dabei, Draco Malfoy seinen Test zurückzugeben. Seine Hand blieb einen winzigen Augenblick in der Luft stehen. Kaum sichtbar. Dann legte er das Pergament etwas energischer auf den Tisch als nötig. Interessant. Sehr interessant. Ich musste mich beherrschen, nicht zu grinsen. Also weiter.
>>Anthony hat übrigens erzählt, dass er sich extra einen neuen Festumhang besorgen will.<<
Lucinda stöhnte leise. >>Ruby, bitte hör auf.<<
>>Warum denn?<<
>>Weil mir das langsam peinlich wird.<<
>>Ach was.<<
In dem Moment trat Professor Snape an uns heran. >>Miss Stonefield.<< Er legte ihren Test vor sie. >>Vierundneunzig Punkte.<< Lucinda nickte höflich. >>Danke, Professor.<<
>>Die Analyse der Mondtau-Eigenschaften war...bemerkenswert.<<
Das war's. Keine Kritik. Kein bissiger Kommentar. Nicht einmal ein spöttischer Nachsatz. Er wollte sich gerade wieder abwenden. Dann fiel sein Blick auf mich. Er hob eine Augenbraue. >>Miss Chadwick.<<
>>Professor?<<
>>Haben Sie sich am Tisch geirrt?<<
Ich lächelte freundlich. >>Nein, Professor.<<
Er wartete. Ich ebenfalls. Schließlich fügte ich mit gespielter Unschuld hinzu: >>Ich dachte nur, ein Frühstück in angenehmer Gesellschaft würde meinen Horizont erweitern.<< Lucinda trat mir unauffällig gegen das Schienbein. Autsch.
Snape sah mich einen Moment lang schweigend an. >>Dann hoffe ich für Ravenclaw, dass Ihr Horizont pünktlich zum Unterricht wieder an seinem angestammten Platz ist.<<
>>Selbstverständlich, Professor.<<
Er nickte knapp. Drehte sich um. Und ging. Ich wartete, bis er außer Hörweite war. Dann grinste ich breit.
Lucinda verschränkte die Arme. >>Also?<<
>>Also was?<<
>>Warum hatte ich gerade das Gefühl, dass ich Teil irgendeines Experiments war?<<
Ich setzte meine unschuldigste Miene auf. >>Ach, Lucinda...<<
>>Ja?<<
>>Du würdest staunen, was einem auffällt, wenn man einfach nur genau hinsieht. <<
Sie runzelte verwirrt die Stirn. Ich hingegen musste mir ein Grinsen verkneifen. Nein. Ich bildete mir das nicht ein. Mit Professor Severus Snape stimmte etwas ganz und gar nicht. Und ich war fest entschlossen, herauszufinden, was.