Die Rückkehr nach Hogwarts
Die Rückkehr nach Hogwarts
3 Die Rückkehr nach Hogwarts
Gedankenverloren starrte ich aus dem Fenster, wo die Landschaft an mir wie ein Film vorbeizog und ich spürte das unbehagliche Gefühl, welches sich in meinem angespannten Körper immer mehr ausbreitete, je näher wir unserem Ziel kamen. Mir war nicht wohl bei dem Gedanken, schon bald in Hogwarts zu sein und fragte mich, ob es wirklich so eine gute Idee gewesen war dorthin zurückzukehren.
Aber ich hatte Sirius mein Wort gegeben und er nagelte mich darauf fest. Ein Jahr war es jetzt schon her, seit Ruby und ich ihm zur Flucht aus Askaban verholfen hatten und noch immer fristete er sein Dasein widerwillig im Exil, weil seine Mission „Peter Pettigrew“ grenzenlos gescheitert war. Dieser hatte, nachdem er Lily und James Potter damals an Voldemort verriet, seinen Tod vorgetäuscht, es wie einen kaltblütigen Mord durch die Hand von Sirius aussehen lassen, und dann zwölf Jahre lang als Ratte bei der Familie Weasley zugebracht, während Sirius als Sündenbock herhalten musste und dafür in Askaban gelandet war. Zumindest, bis zu seinem erfolgreichen Ausbruch. Sirius und auch Remus Lupin, der im vergangenen Jahr in Hogwarts als Lehrer unterrichtet hatte, konnten Pettigrew dort entlarven und auch stellen, aber der Werwolffluch von Remus sollte das Blatt wenden und das nicht zum Besseren.
Nun befand sich die verräterische Ratte Pettigrew erneut auf der Flucht und würde, mit ziemlich großer Sicherheit, den Weg irgendwie zurück zu seinem Herrn finden. Und obgleich der Dunkle Lord seit geschlagenen dreizehn Jahren verschwunden war, so spürte ich ganz deutlich, dass er noch irgendwo da draußen lauerte und nur auf den geeigneten Zeitpunkt für seine Rückkehr wartete.
Auch Sirius ahnte dies, weshalb er mich auf Knien förmlich angefleht hatte, seinen Patensohn Harry zu schützen und Ruby hatte ihm unsere Hilfe prompt zugesichert. Aber kein Wunder. Sie war Sirius Black ganz und gar verfallen und ich freute mich wirklich für die beiden, aber wahrte Distanz gegenüber ihrer romantischen Beziehung. Nach so etwas stand mir gar nicht der Sinn, zumal mein Schicksal ohnehin besiegelt war und ich hatte wichtigere Dinge zu tun.
Meine Mission lautete nun jedenfalls Harry Potter und Sirius hatte sich mit niemand geringerem als Albus Dumbledore in Verbindung gesetzt. In der Hoffnung, dieser hätte eine gute Idee, wie ich ein wachsames Auge auf den Jungen, der einst überlebte, werfen könnte. Und der mächtige Zauberer hatte tatsächlich eine, wobei ich diese eher mit Argwohn betrachtete und nach wie vor Zweifel hegte, ob dies zu den klügsten Einfällen zählte, welche der Schulleiter von Hogwarts bislang getroffen hatte.
Mich und Ruby eben in jene Schule einzuschleusen, von wo aus wir ganz in der Nähe von Harry waren, und als Schulwechsler zu präsentieren, entbehrte einer gewissen Ironie, wo ich meine schulische Laufbahn doch längst hinter mir hatte. Zumindest fast, wenn man mal davon absah, dass ich es immerhin bis zum sechsten Schuljahr geschafft hatte.
Nun saßen Ruby und ich hier. In einem verlassenen Abteil vom Hogwarts-Express, der vor gut einer knappen Stunde in London aufgebrochen war und seinen Weg nach Hogwarts antrat. Die Schienen zerschnitten die idyllische Landschaft von Wäldern, Bergen und Tälern, was so ziemlich das Einzige war, das mich in diesem Augenblick erheiterte. Ich war enorm angespannt, meine Gedanken rotierten aufgrund der baldigen Ankunft in Hogwarts und ich verspürte sogar ein wenig Furcht angesichts dessen, bald von unzähligen Schülern umgeben zu sein. Viel zu lange war es her, dass ich unter Menschen gekommen war. Die meiste Zeit hatte ich nur Ruby um mich und gelegentlich Sirius, aber ansonsten zog ich mich zurück und wahrte Distanz. Aber kein Wunder. Immerhin galt ich bereits seit über vierzig Jahren offiziell als tot.
Lucinda Marilyn Riddle war zumindest gestorben. Ermordet von ihrem eigenen Bruder, Tom Riddle, der sich anschließend als Lord Voldemort erhob und zum mächtigsten schwarzen Magier aller Zeiten wurde. Bis zu jenem schicksalhaften Tag, an dem ein kleiner Junge namens Harry Potter seiner Macht trotzte und den Dunklen Lord überlebte. Seitdem war Voldemort wie vom Erdboden verschluckt, doch ganz fort war er niemals. Immer wieder gab es Zeichen, dass der Dunkle Lord im Schatten lauerte und es würde nur eine Frage der Zeit sein, bis seine Rückkehr unvermeidlich war. Auch heute bedauerte ich noch, weil ich viel zu spät erkannte, was für ein Monster mein Bruder wirklich war und mehr denn je hielt ich an meiner selbsterlegten Aufgabe fest, für die ich überhaupt zurückgekehrt war: seine endgültige Vernichtung.
Ruby, die mir gegenüber auf der Sitzbank saß und ihren Blick bislang auf eins der unzähligen Bücher aus ihrem Handgepäck gerichtet hatte, hob nun den Kopf und musterte mich eingehend. Aus dem Augenwinkel heraus, bemerkte ich ihre prüfende Mimik und ihr konnte meine Anspannung keineswegs entgehen. Vor allem, da ich seit London kein einziges Wort mehr von mir gab und über alle Maße verschlossen auf sie wirken musste. Deshalb klappte sie nun ihr Buch zu und brach das eiserne Schweigen, welches unser Abteil bislang ausfüllte. >>Zeit, deinen Vorsatz zu brechen, Lucinda<<, ließ sie verlauten, woraufhin ich irritiert die Stirn runzelte. >>Reden ist Silber – Schweigen ist Gold, scheint eine durchaus faszinierende Redewendung der Muggle zu sein, aber du musst sie nicht perfektionieren. Weshalb ziehst du ein Gesicht, als würdest du zu deiner persönlichen Hinrichtung gebracht werden?<<, hakte sie nach, doch blieb ich ernst.
>>Ich fühle mich einfach nicht wohl dabei, nach Hogwarts zurückzukehren. Was ist, wenn uns da jemand erkennt? Dann habe ich die vergangenen Jahre umsonst meine Existenz verschleiert.<<
>>Dumbledore wollte sich doch darum kümmern und Sirius hat mir mehrfach versichert, dass wir ihm auf jeden Fall vertrauen können. Außerdem kennen wir Dumbledore doch von früher. Er würde nichts tun, was unsere Sicherheit gefährdet. Vor allem deine<<, versicherte mir meine beste Freundin, aber besänftigten tat mich das noch lange nicht.
>>Trotzdem. Aus dem Schatten zu treten, stand nicht gerade oben auf meiner To-Do-Liste.<<
Vermutlich hatte ich mich einfach zu sehr ans Dasein im Exil gewöhnt, sodass mir dieser Schritt nun sogar Angst einjagte. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete und genau das gefiel mir am wenigsten an der Situation. Jedoch blieb Ruby zuversichtlich – wie immer, was auch für düstere Stimmung aufkommen mochte.
>>Gemeinsam kriegen wir das hin. Ach, bevor ich es vergesse. Hier sind die wichtigsten Informationen für deine neue Identität. Dein Vorname ist gleich geblieben.<< Sie reichte mir einen kleinen Zettel, doch bei der Überschrift wanderten meine Augenbrauen bereits zum Haaransatz.
>>Lucinda Stonefield. Ernsthaft?<<
Sie zuckte mit den Schultern. >>Was Besseres fiel mir auf die Schnelle nicht ein und so langsam wird es echt anstrengend. Ist immerhin nicht das erste Mal, dass wir uns falsche Namen zulegen.<<
Nachvollziehbar, wo wir die vergangenen Jahre im Verborgenen gelebt hatten. An der Kreativität von Ruby zweifelte ich zumindest nicht, auch wenn es leicht befremdlich war, von nun an den Nachnamen Stonefield zu tragen. Es weckte mein Interesse darüber, mit wem ich es im Format meiner besten Freundin nun zu tun bekam.
>>Und wer bist du?<<
>>Ruby Chadwick<<, verkündete sie feierlich mit einem Grinsen. >>Irgendwie gefiel mir der Nachname. Klingt zumindest melodischer als Lightwood.<<
Ich schüttelte schmunzelnd den Kopf. >>Deine Probleme möchte ich mal haben, Ruby.<<
Zumindest erschienen mir diese um ein Vielfaches einfacher zu bewältigen als es meine eigenen waren. Immerhin wandelte ich nur noch auf Erden, weil mein Leben an das jener Person gebunden war, die ich am wenigsten ausstehen konnte. Es hatte mich und auch Ruby viel dunkle Magie gekostet, mich vor dem Tode zu bewahren und mein Bruder hatte als persönlicher Anker dafür hergehalten – ohne es zu wissen.
Tom dachte auch heute noch, er hätte mich damals getötet. Ermordet im Anwesen unserer Familie, da ich mich geweigert hatte, ihm zu folgen und bedingungslose Loyalität zu schwören. Stattdessen hatte ich mir selbst einen Schwur auferlegt und zwar den, die endgültige Vernichtung von Voldemort voranzutreiben. Erst, wenn mein Bruder Geschichte war, würde mein eigenes Leben enden und dann konnte ich auch meinen Frieden finden. Die Linie Riddle würde enden, sobald Tom und ich gemeinsam unter der Erde lagen. Ohne jegliche Chance auf Wiederkehr.
Ruby beobachtete mich, als würde sie bereits ahnen, welch düstere Gedanken mich wieder verfolgten. Sie war stets darum bemüht, mir die schönen Seiten des Lebens näherzubringen und schien konsequent vergessen zu wollen, welchen Preis ich für den Fluch zahlte, den ich mir selbst auferlegt hatte. Zeit hatte ich gewinnen können, aber der Tod kam mich früher oder später holen, so viel war mal sicher.
Ich beschloss, das eiserne Schweigen wieder zu brechen. >>Konnte Sirius schon etwas über die Ereignisse bei der Quidditch-Weltmeisterschaft in Erfahrung bringen?<<
>>Er wartet auf eine Nachricht von Harry. Immerhin war der vor Ort und genau das bereitet Sirius Sorgen. Vor unserer Abreise war er das reinste Nervenbündel. Ich musste ihm mehrfach versichern, dass Harry nichts zustoßen wird<<, entgegnete Ruby, was mir ein Brummen entlockte.
>>Wo das ja auch so einfach ist. Dieser Junge scheint die Gefahren magisch anzuziehen und ich weiß nicht, ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen ist. Jedenfalls befürchte ich, dein Freund hat ein bisschen zu viel Vertrauen in mich, wenn man meine Verwandtschaft mit Voldemort bedenkt.<<
Ruby schnaubte empört. >>Wage es bloß nicht, dich mit diesem Monster zu vergleichen. Du hast selbst gesagt, dein Bruder wäre längst gestorben. Voldemort und dich verbindet gar nichts – ausgenommen unser heimtückischer Fluch, der schon Beweis genug für deine Selbstlosigkeit ist, Lucinda.<<
War ich das wirklich? Selbstlos? Scharfsinnig auf jeden Fall, deshalb war ich damals auch im Haus Ravenclaw gelandet und dort Ruby begegnet. Die Bande unserer Freundschaft waren binnen kürzester Zeit geschmiedet worden, noch am Abend unserer Einschulung und sie währte bis heute. Ohne Ruby würde ich gar nicht hier sitzen, weshalb ich ihr unendlich viel verdankte.
Als mutig könnte ich mich womöglich auch noch bezeichnen, würde ein Feigling sich doch keineswegs mutwillig in den Tod stürzen, nur um dann als verfluchte Seele wiederzukehren und eines Tages erneut zu sterben. Aber Selbstlosigkeit war ein hohes Gut, welches unglaublich kostbar war und ich wollte mich nicht selbst als solch eine Person bezeichnen. Auch wenn ich durchaus für das Gute kämpfte und mich darum bemühte, so viele Seelen wie möglich vor Unheil zu bewahren, welches durch Voldemort heraufbeschworen wurde.
Meine beste Freundin, die sich ihre blonden langen Haare zurückstrich, versuchte das Thema zu wechseln. >>Ich bin jedenfalls schon gespannt, was uns in Hogwarts erwartet. Es ist viel Zeit vergangen, seit wir unsere Schulzeit dort verbracht haben.<<
>>Vielleicht schaffe ich diesmal meinen Abschluss<<, meinte ich, was ein kleiner Lichtblick war und Ruby grinste.
>>In Zaubertränke sicher als Klassenbeste. Bis heute ist mir schleierhaft, was du an diesem Fach findest.<<
Beleidigt reckte ich das Kinn etwas. >>Hey, als Alchemistin dürftest du dich gar nicht beklagen. Du bist im Brauen von Tränken ebenfalls sehr gut, Ruby.<<
>>Ja, aber du bist ein Ass. Ich kenne nicht eine Person, die so ein Talent dafür hat. Ausgenommen Horace Slughorn vielleicht, aber der war ja auch hin und weg von dir.<<
Nun musste ich selbst grinsen. Ja, Slughorn war schon ein komischer Kauz und dennoch hatte ich seinen Unterricht damals gerne besucht. Nur um seinen schrägen Club, für den er besondere Schüler auswählte, hatte ich einen großen Bogen gemacht und es reichte schon, dass Tom Mitglied gewesen war. Jede Möglichkeit, die Umlaufbahn meines Bruders zu meiden, hatte ich damals ausgenutzt und wäre ich ebenso von dunklen Künsten fasziniert wie er, hätte ich früher sicher schon mit dem Gedanken gespielt, Tom mit einem Zaubertrank zu vergiften. Vielleicht wäre das auch besser gewesen, zumindest hätte es vielen Menschen Leid erspart.
Ruby bedauerte die Tatsache, unseren ehemaligen Lehrer nicht wiederzusehen. >>Schade, dass Slughorn bereits im Ruhestand ist. Wäre schön gewesen, wieder von ihm unterrichtet zu werden.<<
>>Wohl eher kaum. Er weiß, wer wir wirklich sind und das würde unsere Undercover-Mission ruinieren<<, gab ich zurück, weshalb Ruby sich in die Polster zurücklehnte und den Blick zur Decke des Abteils wandern ließ.
>>Musst du immer nur das Negative sehen, Luce? Das ist wahrlich deprimierend.<<
Ich konnte ihr nicht widersprechen. In der Tat blendete ich sämtliche positive Aspekte aus, was aber vermutlich auch daran lag, dass ich keinen Lichtblick in meinem Leben hatte. Natürlich war Ruby meine beste Freundin und ich würde alles für sie tun, aber ich wusste, sie käme auch ohne mich zurecht. Zumal sie bestimmt schon erfolgreiche Alchemistin und mit Sirius verheiratet wäre, wenn ich sie damals nicht für meinen dunklen Fluch eingespannt hätte. Zwar hatte ich ihr freigestellt, danach ihren eigenen Weg zu gehen und dennoch hatte sich Ruby dazu entschlossen, an meiner Seite zu bleiben – bis Voldemort vernichtet war.
Ihr Geheimnis, wie sie ihr junges Erscheinungsbild bewahrte und auch eigenes Leben verlängerte, hatte sie mir bis heute nicht verraten und ich wollte es auch gar nicht wissen. Die einzige Hoffnung von mir war nur, dass sie dafür nicht auch dunkle Magie angewandt hatte. Es genügte, diese Grenze für den Fluch überschritten zu haben.
>>Tut mir leid. Ich wollte die Stimmung nicht wieder runterziehen<<, sagte ich, doch Ruby nahm es gelassen.
>>Ach, schon gut. Hab ja genug Zeit mit dir verbracht, um deine Charakterzüge hinzunehmen. Ich hoffe trotzdem, du findest eines Tages etwas, für das es sich zu leben lohnt.<<
Meine Stirn legte sich in Falten. >>Eher unwahrscheinlich, da ich durch den Fluch mit dem Ableben von Voldemort ziemlich sicher sterben werde.<<
Warum Ruby diese Tatsache immer wieder ausblendete, war mir absolut schleierhaft. Aber so war sie eben. Versuchte in allem das Gute zu sehen und zeigte sich anderen gegenüber aufgeschlossen, während ich Vorsicht walten ließ und mit Vertrauen so meine Schwierigkeiten hatte. Aber bei meinem Lebenslauf war das auch nicht verwunderlich. Im Waisenhaus war ich schon eine Außenseiterin gewesen, obwohl ich mich freundlich zeigte, und sogar Tom hatte mich spüren lassen, dass unsere Zwillingsbande für ihn keinerlei Bedeutung symbolisierten. Er sah mich nie als seine Schwester, eher als eine Art Besitz und dagegen hatte ich mich stets händeringend gewehrt. Ich war kein Objekt, dessen er sich habhaft machen konnte und ich würde mich niemals seinem Willen unterwerfen. Eher, ihm kräftig in den Hintern treten. Vielleicht sollte ich das auch tun, bevor ich das Zeitliche segnete. Einfach, um ihm meinen Standpunkt noch einmal richtig deutlich zu machen, bevor er in der Hölle landete. Wäre zumindest ein kleiner Lichtblick für mich.
Die Tür des Abteils öffnete sich, wo die Dame mit ihrem Servierwagen stand und uns erwartungsvoll absah. >>Ihr Lieben, etwas vom Servierwagen?<<, bot sie an und ich wollte schon ablehnen, als Ruby schaltete.
>>Zwei Schokofrösche bitte.<<
Die Dame nickte und suchte entsprechende Süßwaren heraus, während Ruby die Münzen hervorzog und das Geschäft abschloss. Der Servierwagen zog weiter, Ruby drückte mir einen Schokofrosch in die Hand und ließ sich wieder auf ihrer Sitzbank nieder.
>>Hier, das verschafft dir vielleicht ein bisschen Lebensfreude. Macht deine Gesellschaft zumindest etwas erträglicher.<<
Der sarkastische Unterton sprach Bände, weshalb ich schmunzelte und meine beste Freundin zwinkerte mir zu. Und in der Tat musste ich amüsiert grinsen, als ich den Schokofrosch öffnete und mir der verzauberte Kerl fast entgegensprang. Jedoch schnippte ich einmal mit dem Finger und er erstarrte, unterdessen ich einen Blick auf die Karte warf.
Räuspernd präsentierte ich sie Ruby. >>Dumbledore scheint mich bereits jetzt zu verfolgen<<, sagte ich und sie hielt mir ihre Karte unter die Nase. >>Nicolas Flamel. Na, das passt ja zu dir.<<
Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass Ruby entfernt mit dem bekannten Alchemisten verwandt war? Ihr lag die Faszination für dieses Gebiet demnach von Geburt an im Blut und sie besaß ein großes Talent dafür. Schon früh hatte sie mir ihren Wunsch offenbart, eines Tages so eine angesehene Alchemistin wie Flamel zu werden und ich wünschte mir von Herzen, ihr Traum würde sich eines Tages noch erfüllen. Zumindest würde ich keineswegs zulassen, dass der Kampf gegen Voldemort Ruby das Leben kostete. Sie musste um jeden Preis überleben und sollte mit Sirius glücklich werden. Der hatte durch seine Zeit in Askaban schon genug gelitten, weshalb ich ihm und Ruby das Glück vorbehaltlos gönnte.
Dennoch verspürte ich wieder ein mulmiges Gefühl angesichts der bevorstehenden Ankunft in Hogwarts. Wer wusste schon, was uns dort alles erwartete und auch, wenn Dumbledore sicher Vorkehrungen für unsere Ankunft traf, so konnte man nicht mit gänzlicher Sicherheit sagen, unsere Anwesenheit würde keine Konsequenzen mit sich bringen.
Ich teilte meine Bedenken mit Ruby. >>Ich hoffe, wir tun das Richtige, Ruby<<, sprach ich offen aus, doch sie lächelte zuversichtlich.
>>Bestimmt. Keine Sorge, Luce. Gemeinsam meistern wir alle Hindernisse und wenn wir erstmal wieder in Hogwarts sind, wirst du dich bestimmt ganz schnell wieder wie zu Hause fühlen.<<
Ruby schien überzeugt zu sein. Ich hoffte, sie möge recht behalten und sah wieder aus dem Fenster, wo sich dunkle Wolken am Himmel langsam zusammenzogen. Es hatte fast den Anschein, als würde sich etwas zusammenbrauen und genau das sagte mir auch mein Instinkt. Irgendwas kam auf uns zu und ich wusste, dass es nichts Gutes sein würde. ***
Kurze Zeit später erreichte der Hogwarts-Express sein Ziel. Ruby und ich verließen zuerst den Zug, um einen kleinen Vorsprung zu ergattern und trafen direkt auf Hagrid. Wieder einmal musste ich den Kopf in den Nacken legen, um zu dem Halbriesen mit buschiger Haarpracht aufsehen zu können, den ich schon aus meiner früheren Schulzeit kannte. Eine Schande, dass Tom damals für seinen Rauswurf gesorgt hatte, indem er Hagrid die Schuld am Öffnen der Kammer des Schreckens gab. Dabei war er doch selbst der Übeltäter gewesen, wie Harry Potter in seinem zweiten Schuljahr auch endlich ans Licht gebracht hatte. Jedenfalls hatte er dies Sirius in einem der vielen Briefe berichtet und ich war froh, dass die erneute Öffnung der Kammer diesmal kein Todesopfer gefordert hatte.
Hagrid erkannte mich natürlich sofort wieder und zeigte sich überaus erfreut über unser Wiedersehen. >>Bei Merlin, Lucinda. Du bist wirklich hier und am Leben. Konnte es kaum glauben, als Albus es mir erzählte<<, krächzte er mit seiner Baritonstimme und ich lächelte freundlich.
>>Ich freue mich auch, dich zu sehen, Hagrid. Aber dir ist hoffentlich klar, dass niemand erfahren darf, wer ich wirklich bin.<<
>>Natürlich<<, gab er zurück, war aber zutiefst ergriffen. >>Albus hat mir das Versprechen bereits abgenommen, niemanden einzuweihen. Bin einfach nur froh über deine Rückkehr. Die Nachricht deines Todes war entsetzlich.<<
Sicher hätte Hagrid in ein Taschentuch geschnieft, hätte er soeben eins zur Hand gehabt und nicht die große Lampe, mit der er sicher die Erstklässler gleich zu den Booten geleiten würde. Ruby schien das ebenfalls bewusst zu werden, da sie einen prüfenden Blick über ihre Schulter warf und den wachsenden Zeitdruck registrierte.
>>Ich unterbreche eure Wiedersehensfreude ja nur ungern, aber wir sollten los, Lucinda. Die Schüler steigen bestimmt gleich aus und wir sollten Dumbledore doch treffen, bevor der ganze Spaß um die Einschulung losgeht.<<
Hagrid stimmte ihr zu. >>Geht nur. Albus sollte man nicht warten lassen. Eure Kutsche steht schon bereit. Habe sie extra für euch reserviert.<<
>>Danke, Hagrid<<, sagte ich und kam nicht umhin zu bewundern, welch ein Herz aus Gold der Wildhüter besaß. Dumbledore hatte ihm diesen Posten zu Recht verliehen und wenn man den Worten von Sirius Glauben schenkte, war Hagrid inzwischen sogar Professor für Magische Kreaturen und das ließ mich dieses Fach als deutlich vorfreudiger empfinden.
Gemeinsam mit Ruby trat ich den Weg zur Kutsche an, während Hagrid seiner Pflicht nachkam und die Schüler empfing. Wir mussten so schnell wie möglich von hier verschwinden, bevor uns jemand von denen zu Gesicht bekam. Immerhin war unser Ziel Diskretion und Aufsehen zu erregen, würde dem sogleich einen Strich durch die Rechnung machen.
Noch immer traf mich die unbändige Freude von Hagrid, da ich von den Toten auferstanden war und obwohl er nun erwachsen war, sah ich in ihm noch immer den zurückhaltenden Jungen mit einer Vorliebe für magische Geschöpfe. Wusste ich durch meine Zeit im Waisenhaus nur zu gut, wie man sich als Außenseiter fühlte und hatte mich schnell mit Hagrid angefreundet. Er hatte mich nie als Schwester von Tom gesehen, da er unsere Gegensätze sofort erkannt hatte und er hegte eine große Bewunderung für Dumbledore, der ihn niemals benachteiligte. Im Gegenteil. Er gab Hagrid immer das Gefühl, ein vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft zu sein. Eine Eigenschaft, die ich sehr an dem Schulleiter schätzte.
Wir erreichten unsere Kutsche, die im Abseits stand und Ruby öffnete die Tür. Mein Blick wanderte zu dem Thestral, der uns nach Hogwarts bringen würde. Zu Beginn meiner Schulzeit hatte ich sie nicht sehen können, aber nachdem ich den toten Körper der Schülerin Myrte damals erblickte, hatte sich der Schleier gehoben. Leider fürchteten sich viele Menschen vor diesen sanften Wesen, da ihr Erscheinungsbild gerne das Trugbild eines skelettartigen Pferdes erweckte.
Widerwillig riss ich den Blick von dem Geschöpf los, um zu Ruby in die Kutsche zu steigen. Die Tür schloss sich automatisch und schon setzte sich die Kutsche in Bewegung, direkt auf den Weg nach Hogwarts. Schon bald würden wir im Schloss sein und dann gab es kein Zurück mehr, was mein ungutes Gefühl erneut befeuerte. Wir gingen ein großes Risiko mit dieser Mission ein, die uns hoffentlich gelingen würde. Im Grunde hatten wir ja auch nur zwei Aufgaben: Harry Potter Schutz gewähren und die Geheimnisse von Voldemort entschlüsseln, um diesen endgültig zu vernichten.
Womöglich konnte ich mich von Rubys Optimismus anstecken lassen. Es konnte ja nicht so schwer sein, unser Ziel in die Tat umzusetzen und den Schulalltag in Hogwarts zu überstehen. Wir mussten uns einfach nur von Schwierigkeiten fernhalten und durften keinerlei Aufmerksamkeit erregen. Aber wer sollte sich auch schon für zwei unscheinbare Hexen interessieren, die von einer Privatschule ins vierte Schuljahr von Hogwarts wechselten?
***
Drei Monate zuvor…
Ich erinnerte mich noch genau an den Abend, an dem Sirius von seiner Mission zurückkehrte.
Seit Dumbledores Nachricht hatte ich kaum noch einen klaren Gedanken fassen können. Er hatte uns mitgeteilt, dass Sirius nur knapp dem Kuss der Dementoren entkommen war. Allein diese Vorstellung ließ mir das Blut in den Adern gefrieren.
Ruby und ich warteten unruhig vor unserem Versteck. Mit jedem Rascheln im Wald horchten wir auf. Dann durchschnitt ein vertrauter Schrei die Stille. Ein Hippogreif.
Ich sprang auf. >>Ruby…<<
Sie hatte es ebenfalls gehört. Wenige Augenblicke später landete Seidenschnabel auf der kleinen Lichtung. Sein Gefieder glänzte im Abendlicht und auf seinem Rücken saß Sirius. Abgemagert. Erschöpft. Mit Schmutz bedeckt. Aber lebendig.
Noch bevor Seidenschnabel richtig zum Stehen gekommen war, rannte Ruby los. >>Sirius!<<
Sie fiel ihm regelrecht um den Hals und klammerte sich an ihn, als hätte sie Angst, ihn im nächsten Augenblick wieder zu verlieren. >>Du lebst…<<, schluchzte sie.
Sirius schloss die Augen und erwiderte die Umarmung. >>Ich lebe.<<
Ich blieb einen Moment stehen und beobachtete die beiden. Eine ungeheure Erleichterung breitete sich in mir aus. Er hatte es geschafft.
Als Ruby ihn widerwillig losließ, trat ich näher. >>Willkommen zurück.<<
Sirius schenkte mir ein müdes Lächeln. >>Danke, Lucinda.<< Doch seine Augen verrieten sofort, dass etwas nicht stimmte. >>Es ist schiefgelaufen.<<
Mein Herz wurde schwer. >>Pettigrew<<
Er nickte. >>Er ist entkommen.<<
Diese drei Worte ließen jede Hoffnung in sich zusammenbrechen. Sirius setzte sich erschöpft auf einen umgestürzten Baumstamm und fuhr sich durch die langen, ungepflegten Haare. >>Harry und seine Freunde haben alles versucht. Remus ebenfalls. Aber Peter konnte fliehen.<<
Ruby ließ sich neben ihn sinken. >>Das tut mir so leid.<<
Sirius schüttelte den Kopf. >>Mir tut Harry leid. Niemand wird mir glauben. Für die Zaubererwelt bin ich weiterhin der Verräter.<<
Eine bedrückende Stille legte sich über uns. Nach all den Jahren war Peter Pettigrew erneut verschwunden. Und Tom besaß somit noch immer seinen treuesten Diener. Ein Gedanke, der mir so ganz und gar nicht gefiel. Mein Bruder mochte zwar noch verschwunden und schwach sein, doch fühlte sich die Gewissheit, dass Pettigrew noch auf freiem Fuß war, überhaupt nicht gut an.
Schließlich hob Sirius den Blick. Ruby hatte eine Hand auf seine gelegt und seine grauen Augen ruhten auf mir. >>Lucinda. Du hast mir vor meiner Mission etwas versprochen.<<
Ich wusste sofort, was er meinte. Sirius hatte mir dieses Versprechen abgenommen, bevor er zu seiner Mission aufbrach. Sollte er scheitern, hatte ich ihm versichert, Harry zu beschützen. Und da Pettigrew erneut entkommen war, schwebte Harry womöglich in größerer Gefahr als jemals zuvor.
>>Bitte halte dieses Versprechen.<< Seine Stimme war ungewöhnlich leise. >>Beschütze ihn<<, bat Sirius und ich schluckte schwer.
>>Das werde ich.<<
>>Versprich es mir.<<
>>Ich verspreche es.<<
Doch kaum hatte ich die Worte ausgesprochen, wurde mir bewusst, dass ich keine Ahnung hatte, wie ich dieses Versprechen erfüllen sollte. Harry befand sich die meiste Zeit in Hogwarts. Wir lebten versteckt. Zwischen uns lagen Welten. Welten, die ich nicht so leicht miteinander verbinden konnte.
Die nächsten Tage vergingen still. Sirius blieb bei uns und erholte sich langsam von seiner Flucht. Ruby kümmerte sich um seine Verletzungen, bereitete stärkende Tränke zu und sorgte dafür, dass sogar Seidenschnabel ausreichend versorgt wurde. Ich hingegen konnte Sirius‘ Bitte nicht vergessen.
Immer wieder fragte ich mich, wie ich Harry beschützen sollte. Es gab keine Antwort. Bis einige Tage später unerwarteter Besuch auftauchte. Es war früher Nachmittag, als es an der Tür unseres Verstecks klopfte. Sirius öffnete.
Vor der Tür stand Albus Dumbledore. >>Darf ich eintreten?<<
Natürlich durfte er. Nachdem wir uns gesetzt hatten, sah Dumbledore jeden von uns der Reihe nach an. >>Ich glaube, ich habe eine Möglichkeit gefunden, wie wir Harry besser beschützen können.<<
Sirius richtete sich sofort auf. >>Welche?<<
>>Nun, Sie sind auf der Flucht, Sirius und so schnell wird sich daran wohl nichts ändern. Allerdings habe ich mir ein paar Gedanken gemacht und bin zu folgendem Entschluss gekommen: Lucinda und Ruby werden im kommenden Schuljahr nach Hogwarts zurückkehren.<<
Ruby blinzelte überrascht. >>Als Lehrerinnen?<<
>>Nein.<< Sein Blick wanderte zu mir. >>Als Schülerinnen.<<
Ich runzelte die Stirn. >>Schülerinnen<<
>>Niemand kennt euer wahres Alter<<, erklärte Dumbledore ruhig. >>Lucinda, dein Körper ist durch den Fluch in dem Alter geblieben, in welchem Tom dich tötete. Du siehst noch immer aus wie eine Sechzehnjährige.<<
Unwillkürlich strich ich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Er hatte recht. Obwohl Jahrzehnte vergangen waren, hatte der Fluch meinen Körper unverändert gelassen. Ruby bezeichnete diesen Zustand als „eingefroren“, da ich irgendwo zwischen Leben und Tod feststeckte.
>>Und Ruby<<, fuhr Dumbledore fort, >>verdankt ihr jugendliches Aussehen ihrem Wissen und Können der Alchemie. Sie wirkt wie eine Siebzehnjährige.<<
Ruby grinste schief. >>Hat auch Vorteile, ewig jung auszusehen.<<
Ich musste trotz der ernsten Lage lächeln.
>>Ihr werdet beide in Harrys Jahrgang eingeschleust<<, erklärte Dumbledore weiter. >>So könnt ihr unauffällig über ihn wachen.<<
Ich schwieg lange. Die Vorstellung, nach Hogwarts zurückzukehren…
An den Ort meiner schönsten und schmerzhaftesten Erinnerungen…
Sie machte mir Angst. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass ich mich seit meinem offiziellen Tod nicht aus dem Exil gewagt hatte. >>Ich weiß nicht, Albus<<, setzte ich an und zögerte noch, mich auf diesen Vorschlag einzulassen. >>Lucinda.<< Sirius trat vor mich. In seinen Augen lag eine Verzweiflung, wie ich sie selten gesehen hatte. >>Bitte . Ich kann Harry nicht beschützen. Nicht, solange ich gejagt werde.<< Seine Stimme zitterte. >>Aber du kannst es.<<
Ich schloss die Augen. Wie hätte ich ihm diesen Wunsch verweigern können? Ich sah zu Ruby. Sie nickte mir aufmunternd zu. >>Wir schaffen das.<<
Ich atmete tief durch. >>Einverstanden.<< Sirius‘ Schultern sanken vor Erleichterung herab. >>Aber nur unter eine Bedingung<<, sagte ich entschlossen und Dumbledore nickte. >>Niemand erfährt, wer wir wirklich sind.<<
>>Weder unsere Vergangenheit<<, ergänzte Ruby.
>>Noch unsere wahren Identitäten<<, sagte ich leise. >>Nicht einmal Harry. <<
Dumbledore neigte zustimmend den Kopf. >>Ihr habt mein Wort. Dann werde ich alles Nötige in die Wege leiten und eure Ankunft vorbereiten. Wenn es an der Zeit ist, schicke ich euch eine Eule mit den nötigen Informationen.<<
In diesem Moment wusste ich noch nicht, dass diese Entscheidung mein ganzes Leben verändern würde. Dass ich in Hogwarts nicht nur einen Auftrag erfüllen, sondern auch ganz neue Bekanntschaften machen würde. Und vor allem meine Vergangenheit sollte bei der Rückkehr nach Hogwarts eine überaus tragende Rolle spielen.