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Der Weihnachtsball

The Curse Of The Heirs - Every Darkness Has An Origin — www.fanfiktion.de · All chapters

Der Weihnachtsball

Hallo, meine Lieben :) Es geht wieder weiter. Ich bedanke mich für den siebten Stern und die neuen Favoriteneinträge *-* Und mit der neuen Woche wartet auch ein neues Kapitel auf uns. Mal sehen, was der Weihnachtsball so mit sich bringt ;) Viel Spaß beim Lesen. Bin gespannt auf eure Feedbacks. Habt einen guten Start in die neue Woche.

Magische Grüße,

eure Melody

~~~

30

Der Weihnachtsball

Lucinda PoV

Ich betrachtete mein Spiegelbild ein letztes Mal. Für einen Moment erkannte ich mich selbst kaum wieder. Das dunkelgrüne Kleid schmiegte sich elegant an meine Figur. Silberne, filigrane Stickereien zogen sich wie verschlungene Ranken über den Stoff und glitzerten im warmen Licht der Kerzen. Die transparenten Ärmel verliehen dem Kleid etwas Leichtes, beinahe Elfenhaftes, während meine dunklen Haare locker hochgesteckt waren. Einige feine Strähnen hatten sich gelöst und umrahmten mein Gesicht.

Langsam drehte ich mich vor dem Spiegel. >>Also...<<, murmelte ich unsicher. >>Ich hoffe wirklich, dass Anthony nicht erwartet, ich würde heute Abend tanzen wie eine Weltmeisterin.<<

Ein leises Kichern ließ mich herumfahren. Oder vielmehr fünf leise Kicherer. Auf meinem Bett saßen meine kleinen Baumwächter. Fünf Bowtruckles hatten es sich zwischen Kissen und Bettdecke gemütlich gemacht und beobachteten mich mit ihren schwarzen Knopfaugen. >>Na, was meint ihr?<<

Sofort sprang einer der Kleinsten auf. Er klatschte begeistert seine winzigen Ästchenhände zusammen und deutete mit übertriebenen Bewegungen auf mein Kleid. Ein zweiter hüpfte auf meine Bettdecke, breitete beide Ärmchen aus und tat so, als würde er in Ohnmacht fallen.

Ich musste lachen. >>So schlimm?<<

Empörtes Kopfschütteln. Dann zeigte er begeistert beide Daumen nach oben.

>>Ach...<< Ich schüttelte schmunzelnd den Kopf. >>Ihr seid wirklich keine große Hilfe.<<

Einer der Bowtruckles kletterte flink an meinem Kleid hinauf, blieb auf meiner Schulter sitzen und legte vorsichtig eine kleine Hand an meine Wange. Ich lächelte automatisch. >>Danke.<< Behutsam setzte ich ihn wieder auf das Bett zurück. >>Aber hört mir jetzt gut zu.<<

Fünf Paar schwarze Augen richteten sich erwartungsvoll auf mich.

>>Ich bin nur ein paar Stunden weg.<< Alle nickten. >>Und solange ich nicht da bin...<< Jetzt wurden sie verdächtig still. >>...stellt ihr keinen Unsinn an.<<

Ein Bowtruckle hob unschuldig beide Hände. Ein anderer pfiff demonstrativ zur Decke. >>Ich meine das ernst.<< Nun nickten alle gleichzeitig. >>Keine Streiche. Keine geklauten Zauberstäbe. Keine explodierenden Tränke. <<Etwas zögerlicheres Nicken. Ich verschränkte die Arme. >>Und ganz besonders keine Besuche in Professor Snapes Vorratskammer.<< Alle fünf sahen plötzlich aus, als hätten sie überhaupt keine Ahnung, wovon ich sprach. >>Natürlich nicht...<<, murmelte ich trocken. >>Ihr seid ja alle völlig unschuldig.<<

Ich musste unweigerlich schmunzeln. Diese kleinen Geschöpfe schafften es wirklich jedes Mal, meine Sorgen ein wenig leichter werden zu lassen. Langsam griff ich nach meinem Umhang. >>Ich freue mich sogar ein kleines bisschen.<< Die Worte überraschten mich selbst. >>Anthony ist ein guter Freund.<< Mehr nicht. Er war freundlich, humorvoll und schaffte es immer wieder, mich zum Lächeln zu bringen. Aber mein Herz schlug deswegen nicht schneller. Warum sollte es auch?

Ich verdrängte den Gedanken sofort wieder. Heute Abend wollte ich einfach nur versuchen, einen schönen Abend zu verbringen. Nicht mehr. Nicht weniger.

Vor der Großen Halle herrschte bereits reges Treiben. Überall standen Schülerinnen und Schüler in festlichen Gewändern, lachten, unterhielten sich oder warteten auf ihre Tanzpartner. >>Luce!<<

Ich drehte mich um. Ruby kam auf mich zu. Mir blieb regelrecht die Luft weg.

Sie trug ein helles, champagnerfarbenes Kleid, das mit unzähligen silbernen Sternen bestickt war. Ihr blondes Haar fiel in sanften Locken über ihre Schultern und war teilweise kunstvoll zurückgesteckt. Im Kerzenschein wirkte sie beinahe wie eine Sternschnuppe.

>>Ruby...<< Ich lächelte ehrlich. >>Du siehst wunderschön aus.<<

Sie blieb vor mir stehen und betrachtete mich einige Sekunden schweigend. Dann lächelte sie breit. >>Das könnte ich genauso zurückgeben.<< Sie nahm meine Hände. >>Dieses Kleid steht dir unglaublich.<<

>>Findest du?<<

>>Lucinda...<< Sie schüttelte lachend den Kopf. >>Anthony wird heute Abend vergessen, wie man spricht.<<

Ich verdrehte die Augen. >>Bitte hör auf.<<

>>Nein.<<

>>Ruby...<<

>>Ganz bestimmt nicht.<<

Ich musste lachen. >>Du bist unmöglich.<<

>>Und du viel zu bescheiden.<<

Gerade wollten wir weiterreden, als sich plötzlich das Stimmengewirr um uns herum etwas legte. Die Lehrkräfte kamen. Professor McGonagall schritt wie immer mit aufrechter Haltung durch die Menge. Neben ihr ging Professor Dumbledore, dessen Augen bereits bei unserem Anblick zu funkeln begannen.

>>Miss Stonefield. Miss Chadwick.<< Wir begrüßten beide höflich. Dumbledore betrachtete uns mit einem warmen Lächeln. >>Ich muss gestehen, meine Damen...<< Er strich sich nachdenklich über den Bart. >>...Hogwarts hat heute Abend viele elegante Schülerinnen hervorgebracht.<< Er deutete nacheinander auf Ruby und mich. >>Doch Sie beide gehören ohne Zweifel zu den schönsten Erscheinungen des heutigen Abends.<<

Ich spürte, wie mir die Wangen warm wurden. >>Vielen Dank, Professor.<<

>>Dem kann ich mich nur anschließen<<, sagte Professor McGonagall mit einem ungewohnt sanften Lächeln. >>Ihre Kleider sind ausgesprochen geschmackvoll gewählt.<< Sie musterte mich einen Moment länger. >>Besonders das Grün steht Ihnen ausgezeichnet, Miss Stonefield.<<

>>Vielen Dank.<<

>>Und Sie, Miss Chadwick...<< McGonagall nickte Ruby anerkennend zu. >>...erinnern heute beinahe an einen Sternenhimmel.<<

Ruby errötete leicht. >>Das freut mich sehr, Professor.<<

>>Dann wünsche ich Ihnen beiden einen unvergesslichen Abend.<<

Mit einem freundlichen Nicken gingen die beiden weiter. Ich bemerkte erst jetzt, dass Professor Snape während des gesamten Gesprächs schweigend daneben gestanden hatte. Wie immer wirkte sein schwarzer Festumhang schlicht und beinahe düster zwischen all den festlichen Farben.

Er sagte kein einziges Wort. Nicht zu Dumbledore. Nicht zu McGonagall. Und schon gar nicht zu mir. Als die anderen Lehrer weitergingen, blieb er jedoch für den Bruchteil einer Sekunde stehen. Seine dunklen Augen trafen meine. Diesmal war es kein flüchtiger Blick. Er ruhte einen Moment länger auf mir. Als würde er jedes Detail meines Erscheinungsbildes unwillkürlich wahrnehmen.

Dann senkte er kaum merklich den Kopf. Nicht einmal ein angedeutetes Lächeln. Keine Bemerkung. Gar nichts. Er setzte seinen Weg fort.

Ich sah ihm kurz nach, bis seine schwarze Gestalt zwischen den anderen Lehrkräften verschwand. >>Na?<< Ruby stieß mich sanft mit dem Ellbogen an.

>>Was?<<

Sie grinste. >>Professor Fledermaus hat gerade ungefähr fünf Sekunden länger hingesehen als sonst.<<

Ich hob eine Augenbraue. >>Du interpretierst zu viel hinein.<<

>>Ach wirklich?<<

>>Ja.<<

>>Lucinda...<< Sie verschränkte die Arme. >>Ich kenne diesen Mann inzwischen gut genug.<<

>>Ruby...<<

>>Er hätte genauso gut ein Schild hochhalten können.<<

Ich lachte leise. >>Ein Schild?<<

Sie nickte vollkommen überzeugt. >>Darauf hätte gestanden: 'Ich sage zwar nichts... aber Merlin, sieht sie heute wunderschön aus.' <<

>>Ruby!<< Ich konnte nicht verhindern, dass ich rot wurde.

Sie lachte zufrieden. >>Na also.<<

Ich schüttelte nur den Kopf. >>Du hast eindeutig zu viel Fantasie.<<

>>Oder...<< Sie zwinkerte verschwörerisch. >>...ich habe einfach gelernt, Professor Snape zu lesen.<<

Ich schüttelte nur schmunzelnd den Kopf. >>Du denkst wirklich viel zu viel in diesen Blick hinein.<<

Ruby hob gespielt empört die Hände. >>Ich? Niemals.<<

>>Doch.<<

>>Ganz bestimmt nicht.<<

Ich musste lachen. >>Ruby, Professor Snape ist mein Lehrer.<<

>>Das weiß ich.<<

>>Er ist fast doppelt so alt wie ich.<<

Sie zog nur eine Augenbraue hoch. >>Äußerlich vielleicht.<<

Ich verdrehte die Augen. >>Jetzt fang bitte nicht damit an.<<

>>Warum denn nicht?<<

Ich seufzte leise. >>Weil es Unsinn ist.<<

Ruby verschränkte die Arme und musterte mich mit diesem Blick, der meist bedeutete, dass sie gleich eine ihrer gefährlich logischen Argumentationsketten auspacken würde. >>Lucinda...<< Sie lächelte milde. >>Du vergisst da einen winzigen Umstand.<<

>>Welchen?<<

>>Dass du offiziell sechzehn bist.<<

>>Bin ich ja auch.<<

>>Äußerlich.<<

Ich verzog das Gesicht. >>Innerlich habe ich inzwischen beinahe sieben Jahrzehnte hinter mir.<<

>>Eben.<< Sie grinste. >>Wenn wir es genau nehmen, bist du sogar älter als Severus.<<

Ich starrte sie einen Moment sprachlos an. >>Das... war jetzt wirklich das schlechteste Argument, das du je gebracht hast.<<

>>Finde ich gar nicht.<<

>>Ruby.<<

>>Na gut.<< Sie hob beschwichtigend die Hände. >>Dann anders.<< Sie trat einen halben Schritt näher. >>Du bist zwar seine Schülerin...<< Ich nickte. >>...aber nur auf dem Papier.<<

>>Ich gehe trotzdem in seinen Unterricht.<<

>>Ja.<<

>>Er bewertet meine Tränke.<<

>>Auch das.<<

>>Er zieht mir Hauspunkte ab.<<

>>Manchmal verdient.<<

>>Ruby! <<

Sie lachte. >>Ich wollte nur sagen...<< Sie sah mich einen Moment ernst an. >>Euer tatsächlicher Altersunterschied ist erheblich kleiner, als jeder in Hogwarts glauben würde.<<

Ich schüttelte den Kopf. >>Das ändert trotzdem nichts daran, dass Severus Snape keinerlei romantisches Interesse an mir hat.<<

>>Natürlich.<<

>>Hat er nicht.<<

>>Ganz bestimmt nicht.<<

>>Ruby.<<

>>Dieser Mann hat dich eben angesehen, als hätte er vergessen weiterzugehen.<<

>>Er hat mich angesehen wie immer.<<

>>Mehr als sonst.<<

>>Vielleicht fand er nur das Kleid passend.<<

>>Oder die Frau darin.<<

Ich spürte, wie meine Wangen erneut warm wurden. >>Du gibst wirklich nicht auf.<<

>>Nein.<<

>>Warum eigentlich?<<

Ruby lächelte sanft. >>Weil ich dich kenne.<<

Ich wollte gerade etwas erwidern, entschied mich dann aber für einen anderen Angriff. >>Interessant.<<

>>Was?<<

>>Ausgerechnet du hältst hier Vorträge über Gefühle.<<

>>Natürlich.<<

>>Dabei würdest du heute Abend doch selbst viel lieber mit Sirius tanzen.<<

Zum ersten Mal verschwand ihr verschmitztes Grinsen. Sie blickte für einen Augenblick an mir vorbei. >>Ja...<< Ihre Stimme wurde leiser. >>Das würde ich.<< Für einen Moment lag Wehmut in ihren braunen Augen. >>Ich hätte wirklich gern erlebt, wie er sich in einen Festumhang zwängt.<<

Ich musste lachen. >>Das wäre vermutlich schon die größte Herausforderung des Abends gewesen.<<

>>Ganz sicher.<< Ruby schmunzelte wieder. >>Und nach spätestens zehn Minuten hätte er die Fliege irgendwohin geworfen und behauptet, sie würde ihn erwürgen.<<

>>Das klingt tatsächlich nach Sirius.<<

>>Nicht wahr?<< Sie lächelte liebevoll. >>Aber...<< Sie atmete einmal tief durch. >>...er hätte gewollt, dass ich heute Spaß habe.<<

Ich legte ihr kurz eine Hand auf den Arm. >>Den werden wir.<<

>>Versprochen?<<

>>Versprochen.<<

>>Dann halte ich mich daran.<<

>>Lucinda?<<

Ich drehte mich um. Anthony Goldstein kam auf uns zu und wirkte ungewöhnlich nervös. Neben ihm lief ein Ravenclaw-Schüler mit dunkelbraunen Haaren, den ich flüchtig aus einigen Unterrichtsstunden kannte. Anthony lächelte erleichtert. >>Ich hoffe, wir haben euch nicht zu lange warten lassen.<<

>>Ganz und gar nicht<<, antwortete Ruby freundlich.

Anthony räusperte sich. >>Darf ich vorstellen? Mein bester Freund Daniel.<<

Der Ravenclaw verneigte sich übertrieben. >>Freut mich sehr.<<

>>Ruby Chadwick.<< Sie reichte ihm lächelnd die Hand. >>Ebenso.<<

Anthony wandte sich wieder an mich. >>Bereit?<<

Ich erwiderte sein Lächeln. >>Ich denke schon.<<

>>Dann sollten wir hineingehen.<<

Gemeinsam betraten wir die festlich geschmückte Große Halle. Sie war kaum wiederzuerkennen. Über den Tischen schwebten unzählige schimmernde Eiskristalle, tausende Kerzen tauchten den Saal in warmes Licht und die geschmückten Tannenbäume funkelten, als wären Sterne zwischen ihren Zweigen gefangen worden.

>>Wow...<<, murmelte Ruby.

>>Beeindruckend, oder?<<, fragte Daniel.

>>Und wie.<<

Anthony führte uns zu einem freien Tisch, von dem aus wir eine ausgezeichnete Sicht auf die Tanzfläche hatten. Kaum hatten wir Platz genommen, verstummten die Gespräche. Professor McGonagall trat nach vorne und kündigte den traditionellen Eröffnungstanz der Champions an.

Unter höflichem Applaus betraten Cedric Diggory und Cho Chang die Tanzfläche. Kurz darauf folgten Viktor Krum und Hermine Granger. Dann Fleur Delacour mit Roger Davies. Als Letzter erschien Harry. Neben ihm schritt Parvati Patil.

Die Musik setzte ein. Cedric bewegte sich erstaunlich elegant. Fleur schwebte beinahe über das Parkett. Selbst Viktor meisterte die ersten Schritte ordentlich. Harry hingegen…trat Parvati bereits nach wenigen Sekunden versehentlich auf den Fuß.

>>Autsch!<<, hörten wir sie selbst bis zu unserem Tisch rufen.

Harry murmelte hektisch eine Entschuldigung. Beim nächsten Schritt verlor er beinahe das Gleichgewicht. >>Oh nein...<<, flüsterte ich und musste mir auf die Lippe beißen.

Anthony hustete auffällig. Daniel starrte demonstrativ zur Decke. Ruby presste beide Hände vor den Mund. Harry drehte sich in die falsche Richtung. Parvati musste ihn kurzerhand wieder herumziehen. Das war zu viel.

Ruby prustete los. Ich versuchte ernst zu bleiben. Wirklich. Aber als Harry im nächsten Moment beinahe mit Viktor Krum zusammenstieß und nur durch einen hastigen Ausfallschritt einen Zusammenprall verhinderte, konnte auch ich mein Lachen nicht länger unterdrücken.

Anthony schüttelte grinsend den Kopf. >>Der Arme.<<

>>Er schlägt sich tapfer<<, sagte ich lachend.

>>Definitiv mutiger als bei jedem Drachen.<<

>>Und deutlich gefährlicher<<, ergänzte Ruby mit tränenden Augen und Daniel schnitt eine Grimasse.

>>Zumindest für die Füße seiner Tanzpartnerin.<<

Unser kleiner Tisch brach endgültig in schallendes Gelächter aus, während Harry sich mit bemerkenswerter Hartnäckigkeit weiter über das Parkett kämpfte – fest entschlossen, den Eröffnungstanz irgendwie bis zum Ende durchzustehen.

Ich hatte gerade beschlossen, dass der Weihnachtsball möglicherweise doch weniger anstrengend werden könnte als erwartet, als Anthony plötzlich vor mir stand. Er lächelte. Nicht dieses selbstgefällige Grinsen, das Castor Thornbloom offenbar bereits bei seiner Geburt perfektioniert hatte. Einfach ein ehrliches, etwas unsicheres Lächeln. Dann hielt er mir die Hand hin. >>Darf ich bitten?<<

Ich sah zuerst seine Hand an. Dann ihn. >>Du möchtest tanzen?<<

Anthony hob eine Augenbraue. >>Das ist für gewöhnlich der Sinn eines Balls.<<

>>Ich hatte gehofft, dekorativ am Rand stehen zu dürfen.<<

>>Das klingt ausgesprochen langweilig.<<

>>Es klingt sicher.<<

Er lachte. >>Komm schon, Lucinda. Ein Tanz.<<

Ich warf einen Blick zur Tanzfläche. Mehrere Paare drehten sich bereits im Takt der Musik durch die Große Halle. Über ihnen schwebten silbrige Lichtpunkte unter der verzauberten Decke, während die Weihnachtsbäume an den Wänden glitzerten. Eigentlich hatte ich keinen Grund abzulehnen.

Anthony war mein Begleiter. Und er war nett. Aufmerksam. Vollkommen harmlos.

Also legte ich schließlich meine Hand in seine. >>Ein Tanz.<<

Sein Lächeln wurde breiter. >>Damit kann ich arbeiten.<<

Er führte mich auf die Tanzfläche. Kaum hatte ich meine freie Hand auf seine Schulter gelegt, bemerkte ich allerdings seinen überraschten Gesichtsausdruck. >>Was?<<

>>Nichts.<<

>>Anthony.<<

>>Ich hatte nur nicht erwartet, dass du weißt, wie man Walzer tanzt.<<

Ich starrte ihn an. >>Wie bitte?<<

>>Das war nicht beleidigend gemeint!<<

>>Wie genau war es denn gemeint?<<

Er geriet sichtbar ins Schwimmen. >>Du wirkst einfach nicht wie jemand, der...<<

>>Der was?<<

>>...tanzt.<<

Ich hob langsam eine Augenbraue. >>Du solltest dringend lernen, Komplimente zu machen.<<

>>Ich arbeite daran.<<

Ich schüttelte amüsiert den Kopf. Was Anthony selbstverständlich nicht wissen konnte, war, dass ich bereits getanzt hatte, als seine Großeltern vermutlich noch Kinder gewesen waren. Manches vergaß man nicht. Selbst nach fünfzig Jahren. Als die Musik einsetzte, überließ ich ihm zunächst die Führung. Eins, zwei, drei. Eins, zwei, drei. Nach wenigen Schritten verschwand die anfängliche Unsicherheit.

Anthony konnte tatsächlich hervorragend tanzen. Und offenbar bemerkte er dasselbe bei mir. >>Du kannst das wirklich.<<

>>Überrascht?<<

>>Ein bisschen.<<

>>Beleidigend.<<

>>Beeindruckt.<<, korrigierte er sofort.

>>Besser.<<

Wir drehten uns zwischen den anderen Paaren hindurch. Mein Kleid schwang leicht um meine Beine und für einen erstaunlichen Moment vergaß ich alles andere. Den Feuerkelch. Harry. Moody. Tom. Sogar Professor Snapes zunehmend sonderbare Blicke. Ich war einfach nur...Lucinda. Ein Mädchen auf einem Weihnachtsball. Der Gedanke war beinahe erschreckend schön.

>>Oh nein.<<, murmelte Anthony plötzlich.

>>Was?<<

Er nickte an mir vorbei. Ich folgte seinem Blick. Ruby und Daniel standen am Rand der Tanzfläche. Ruby grinste. Dieses Grinsen kannte ich. >>Nein.<<

Sie konnte mich unmöglich hören. Trotzdem schien sie meine Gedanken zu verstehen. Denn ihr Grinsen wurde noch breiter. Daniel hielt ihr bereits die Hand hin. >>Ruby...<< Zu spät.

Sie ließ sich von ihm auf die Tanzfläche führen. Wenige Augenblicke später befanden sich die beiden direkt neben uns. >>Sieh einer an.<<, sagte Ruby fröhlich. >>Du tanzt freiwillig.<<

>>Anthony hat mich gezwungen.<<

>>Verleumdung!<<, protestierte dieser.

Daniel lachte. >>Ich habe eindeutig gesehen, wie sie freiwillig mitgekommen ist.<<

Ich sah ihn streng an. >>Niemand mag Zeugen, Daniel.<<

>>Das merke ich mir.<<

Ruby lachte. Dann wechselte die Musik. Der Takt wurde schneller. Mehrere Paare mussten ihre Schritte neu sortieren. Anthony zog mich geschickt herum, während Daniel dasselbe mit Ruby tat. Plötzlich befanden wir uns zu viert beinahe auf einer Linie. Ruby sah mich an. Ich sah Ruby an. Oh nein. Ich kannte diesen Blick.

Mach mit. Ich schüttelte kaum merklich den Kopf. Ihr Blick wurde eindringlicher. Lucinda. Nein. Lucinda. Ich seufzte. Na schön.

Beim nächsten Takt wechselten Anthony und Daniel beinahe gleichzeitig die Richtung. Ruby und ich drehten uns voneinander weg, wurden von unseren Tanzpartnern aufgefangen und fanden wenige Sekunden später wieder nebeneinander. Anthony lachte überrascht. >>War das geplant?<<

>>Jetzt schon.<<, erwiderte Ruby.

Von diesem Moment an wurde aus unserem Walzer etwas, das verdächtig nach einer kleinen Vorführung aussah. Nicht absichtlich. Zumindest redete ich mir das ein. Wir wechselten die Positionen, drehten uns umeinander und fanden jedes Mal exakt im Takt wieder zusammen. Anthony erwies sich als ausgesprochen sicherer Tänzer. Daniel ebenfalls. Und Ruby...

Nun. Ruby und ich hatten schon vor Jahrzehnten miteinander getanzt. Unsere Körper erinnerten sich offenbar besser daran als wir selbst. Als Anthony mich unter seinem Arm hindurch drehte und Daniel gleichzeitig dasselbe mit Ruby tat, erklang irgendwo Applaus. Ich blinzelte. >>Warum klatschen die?<<

Anthony grinste. >>Weil wir ziemlich gut sind.<<

Ich warf einen Blick um mich. Tatsächlich hatten einige Schüler am Rand aufgehört zu tanzen und sahen uns zu. Fred und George Weasley applaudierten vollkommen übertrieben. Hermine klatschte lachend mit. Professor Flitwick strahlte. Sogar Professor McGonagall beobachtete unsere kleine Darbietung mit einem anerkennenden Lächeln.

Ich hätte vermutlich nervös werden sollen. Normalerweise hasste ich Aufmerksamkeit. Doch diesmal...war es anders. Niemand starrte mich an, weil ich verdächtig war. Niemand fragte sich, wer Lucinda Stonefield wirklich war. Niemand suchte nach Geheimnissen. Sie sahen einfach vier Schüler, die Spaß hatten. Und vielleicht war es genau deshalb in Ordnung.

Ich musste lachen. Ein echtes Lachen. Ruby bemerkte es. Natürlich bemerkte sie es. Für einen Moment wurde ihr Blick weich. Dann drehte Daniel sie erneut herum und der Augenblick war vorbei. Die Musik näherte sich ihrem Höhepunkt.

Anthony zog mich ein letztes Mal näher, wir drehten uns gemeinsam, während Ruby und Daniel spiegelverkehrt dieselbe Bewegung ausführten. Und dann—

>>WHOA!<<

Ein erschrockener Ruf erklang. Die gesamte Aufmerksamkeit wanderte schlagartig von uns fort. Ich folgte den Blicken. Und erstarrte. Castor Thornbloom befand sich wenige Meter entfernt.

Offenbar hatte unser werter Frauenheld beschlossen, ebenfalls zu demonstrieren, weshalb sämtliche Hexen Hogwarts seiner Meinung nach von ihm begeistert sein sollten. Leider hatte er dabei eine Kleinigkeit vergessen. Seine eigenen Füße.

Castor drehte seine Tanzpartnerin schwungvoll herum. Zu schwungvoll. Sie wich erschrocken zurück. Castor verlor das Gleichgewicht. Seine Arme ruderten durch die Luft. Direkt hinter ihm stand ein langer Tisch. Auf diesem Tisch stand eine gewaltige silberne Schale mit Punsch.

Ich sah das Unheil kommen. Ruby ebenfalls. >>Nein...<<, flüsterte sie.

Castor taumelte rückwärts. >>Nein...<<, murmelte ich.

Noch ein Schritt. Sein Hintern berührte bereits den Tisch. Die Punschschale wackelte gefährlich. Castors Augen wurden riesig. Für einen winzigen Augenblick herrschte vollkommene Stille. Dann gelang es ihm tatsächlich, sich am Tisch festzuhalten. Die Schale schwankte. Links. Rechts. Links.

Castor erstarrte. Die gesamte Große Halle hielt den Atem an. Schließlich kam die Schale zum Stillstand. Keine Katastrophe. Castor atmete erleichtert aus.

>>Ha!<< Er grinste triumphierend. >>Alles unter Kontrolle.<<

In genau diesem Moment löste sich hinter ihm die Tischdecke. Castor rutschte ab. >>OH—!<< PLATSCH. Sein rechter Arm verschwand bis zum Ellenbogen im Punsch.

Für eine Sekunde sagte niemand etwas. Dann brach die Große Halle in schallendes Gelächter aus. Ruby klammerte sich sofort an Daniel. >>Ich kann nicht mehr!<<

Anthony hatte sämtliche Mühe, seine Fassung zu bewahren. Ich presste beide Lippen aufeinander. Es half nichts. Ein Lachen entwich mir. Castor zog langsam seinen Arm aus der Schale. Punsch tropfte von seinem Ärmel. Eine Orangenscheibe klebte an seiner Schulter.

Fred Weasley sprang begeistert auf. >>Zehn Punkte für die Landung!<<

>>Nur sieben!<<, widersprach George. >>Er ist nicht vollständig eingetaucht!<<

Das Gelächter wurde noch lauter. Ich wagte einen Blick zum Lehrertisch. Professor Dumbledores Augen funkelten verdächtig amüsiert. Professor McGonagall hatte eine Hand vor den Mund gelegt. Und Professor Snape...

Professor Snape saß vollkommen regungslos auf seinem Platz. Sein Blick ruhte auf Castor. Dann auf der Punschschale. Dann wieder auf Castor. Langsam schloss er die Augen. Und schüttelte den Kopf. Nur einmal. Sehr langsam. Als würde er sich ernsthaft fragen, welche Entscheidungen seines Lebens ihn an diesen Punkt geführt hatten.

Ich lachte noch stärker. Ruby folgte meinem Blick. >>Oh Merlin.<<

>>Was?<<, fragte Daniel.

Sie deutete unauffällig zum Lehrertisch. >>Professor Snape sieht aus, als würde er gerade überlegen, ob er Castor nachträglich nach Gryffindor versetzen kann.<<

Ich verschluckte mich beinahe an meinem eigenen Lachen.

Anthony grinste. >>Kann ein Hauslehrer so etwas?<<

>>Wenn Professor Snape einen ausreichend schlechten Abend hat, findet er bestimmt einen Weg.<<

Castor zog unterdessen würdevoll die Orangenscheibe von seiner Schulter. Zumindest versuchte er es. Seine Würde hatte allerdings ungefähr in dem Moment aufgegeben, als sein Arm im Punsch gelandet war. Die Musik setzte erneut ein.

Anthony wandte sich wieder mir zu. >>Wo waren wir?<<

Ich betrachtete seine ausgestreckte Hand. Dann Ruby und Daniel. Ruby lächelte mich an. Und ich merkte plötzlich, dass ich diesen Augenblick nicht beenden wollte. Noch nicht. Also legte ich meine Hand wieder in Anthonys. >>Ich glaube, wir waren gerade dabei, Castor Thornbloom zu zeigen, wie man tanzt.<<

Anthony grinste. >>Eine schwierige Aufgabe.<<

>>Manche Fälle sind hoffnungslos.<<

Wir kehrten zu viert auf die Tanzfläche zurück. Und während die Musik erneut durch die festlich geschmückte Große Halle erklang, erlaubte ich mir für einige wenige Minuten etwas, das ich viel zu lange vergessen hatte. Einfach glücklich zu sein. Nur für diesen Abend. Nur für diesen Tanz. Und ohne zu ahnen, dass genau dieser Abend noch ganz anders enden würde, als er begonnen hatte.

***

Severus PoV

Severus Snape betrat gemeinsam mit Albus Dumbledore und Minerva McGonagall die Vorhalle der Großen Halle. Wie jedes Jahr herrschte geschäftiges Treiben. Festlich gekleidete Schülerinnen und Schüler unterhielten sich angeregt, während gedämpftes Lachen durch die steinernen Gänge hallte. Ein Anblick, der ihn für gewöhnlich ebenso wenig interessierte wie die alljährliche Euphorie rund um den Weihnachtsball. Er war hier, weil es seine Pflicht war. Nicht mehr. Nicht weniger.

Sein schwarzer Festumhang unterschied sich kaum von seiner üblichen Kleidung und ließ ihn zwischen all den schimmernden Farben beinahe wie einen Schatten wirken. Dumbledore hingegen schien die ausgelassene Stimmung sichtlich zu genießen.

>>Ah...<<, sagte der Schulleiter mit einem zufriedenen Lächeln. >>Es scheint, als hätten sich unsere Schülerinnen und Schüler dieses Jahr besonders viel Mühe gegeben.<<

Minerva nickte zustimmend. >>Das haben sie in der Tat.<<

Severus hörte nur mit halbem Ohr zu. Sein Blick glitt routiniert über die wartenden Schüler…bis er unvermittelt innehielt. Lucinda Stonefield.

Sie stand gemeinsam mit Ruby Chadwick vor dem Eingang zur Großen Halle. Für den Bruchteil einer Sekunde schien alles andere in den Hintergrund zu treten.

Er hatte Lucinda bislang ausschließlich in ihrer Schuluniform oder schlichten Alltagskleidung gesehen. Nun wirkte sie vollkommen anders.

Das dunkle Grün ihres Kleides ließ ihre blaugrünen Augen beinahe leuchten. Die silbernen Stickereien erinnerten ihn unwillkürlich an feine Ranken oder verschlungene Trankdämpfe, die sich elegant über den Stoff zogen. Ihre dunklen Haare waren locker hochgesteckt, wodurch einige feine Strähnen ihr Gesicht umspielten. Merkwürdig... Sie wirkte jünger. Und gleichzeitig...reifer.

Severus konnte nicht einmal erklären, weshalb ihm dieser Gedanke kam. Vielleicht lag es an ihrer Haltung. Lucinda trug das Kleid nicht mit dem selbstverliebten Stolz vieler anderer Schülerinnen. Vielmehr schien sie sich darin beinahe unsicher zu fühlen, als wäre sie sich selbst noch nicht ganz bewusst, wie elegant sie aussah.

Unwillkürlich musste er an den Krankenflügel denken. An ihren reglosen Körper. An die fahle Gesichtsfarbe. An den kaum wahrnehmbaren Puls unter seinen Fingern, als er den Giftanschlag diagnostiziert hatte. Ein paar Tage...

Nur wenige Tage lagen zwischen jenem Moment und dem heutigen Abend. Er war erleichtert, sie wieder gesund zu sehen. Diese Erkenntnis missfiel ihm. Er schob sie augenblicklich beiseite.

>>Miss Stonefield. Miss Chadwick.<< Dumbledores freundliche Stimme holte ihn zurück. Die beiden jungen Frauen begrüßten das Lehrerkollegium höflich.

>>Ich muss gestehen<<, begann Dumbledore mit einem warmen Schmunzeln, >>Sie beide gehören heute Abend ohne Zweifel zu den schönsten Erscheinungen unseres Weihnachtsballs.<<

Lucinda errötete leicht. >>Vielen Dank, Professor.<<

Minerva lächelte ungewöhnlich herzlich. >>Dem schließe ich mich an. Miss Stonefield, das Grün steht Ihnen ausgezeichnet.<<

Lucinda neigte dankbar den Kopf. >>Vielen Dank.<<

>>Und Sie, Miss Chadwick<<, fuhr Minerva fort. >>Ihr Kleid erinnert beinahe an einen Sternenhimmel.<<

Ruby lächelte verlegen. >>Das freut mich sehr.<<

Während Dumbledore und Minerva noch einige freundliche Worte wechselten, schwieg Severus. Wie immer. Er hatte nie verstanden, weshalb Lehrer ihre Schülerinnen mit Komplimenten überschütten mussten. Dennoch...

Sein Blick ruhte noch einen Augenblick auf Lucinda. Sie bemerkte ihn. Ihre Augen begegneten seinen. Keiner von beiden sagte etwas. Es war nur ein kurzer Moment. Dann wandte Severus sich ohne ein weiteres Wort ab und schritt an ihnen vorbei in die Große Halle. So war es besser. Professionell. Distanziert. Genau so, wie es sein musste.

Die Große Halle erstrahlte in winterlichem Glanz. Eiskristalle schwebten unter der hohen Decke, tausende Kerzen spendeten warmes Licht und die festlich geschmückten Tannen erfüllten den Raum mit einer beinahe märchenhaften Atmosphäre. Severus nahm seinen Platz am Lehrertisch ein.

Die Eröffnung verlief reibungslos. Professor McGonagall kündigte die Champions an. Cedric Diggory. Fleur Delacour. Viktor Krum. Harry Potter.

Severus beobachtete den Eröffnungstanz mit derselben ausdruckslosen Miene wie gewöhnlich. Harry Potter hingegen schien sich redlich Mühe zu geben, seiner Tanzpartnerin sämtliche Zehen zu brechen. Mehrfach musste Parvati ihn korrigieren. Aus verschiedenen Ecken der Halle erklang unterdrücktes Gelächter. Selbst Severus verspürte für den flüchtigen Bruchteil einer Sekunde den Impuls, den Mundwinkel zu verziehen. Er unterdrückte ihn augenblicklich.

Severus hatte nie verstanden, weshalb Menschen freiwillig tanzten. Es gab genügend Möglichkeiten, einen Abend zu verbringen, ohne sich im Kreis zu drehen, anderen Menschen auf die Füße zu treten und dabei so zu tun, als handele es sich um gesellschaftliche Kultiviertheit. Der Weihnachtsball bestätigte ihn in dieser Ansicht.

Seit beinahe einer Stunde stand er am Lehrertisch und beobachtete Schüler dabei, wie sie entweder zu viel Punsch tranken, sich gegenseitig anstarrten oder verzweifelt versuchten, den Mut aufzubringen, jemanden zum Tanz aufzufordern. Er hätte seinen Abend sinnvoller verbringen können. Kessel reinigen. Aufsätze korrigieren. Flobberwurmschleim sortieren. Selbst ein Gespräch mit Filch über die sachgemäße Pflege mittelalterlicher Folterinstrumente erschien ihm inzwischen verlockender.

Sein Blick wanderte erneut durch die Große Halle. Und blieb hängen. Natürlich. Lucinda Stonefield. Severus bemerkte es inzwischen selbst. Zu häufig. Viel zu häufig. Ganz gleich, wie sehr er sich vornahm, seine Aufmerksamkeit anderen Dingen zuzuwenden, irgendwann fand sein Blick sie wieder.

Heute Abend war das besonders ärgerlich. Vielleicht lag es an dem Kleid. Vielleicht daran, dass sie vollkommen anders wirkte als im Unterricht. Oder vielleicht daran, dass sie seit ihrer Ankunft in Hogwarts wie ein Rätsel vor ihm stand, dessen einzelne Teile einfach nicht zusammenpassen wollten.

Lucinda stand einige Meter von der Tanzfläche entfernt und unterhielt sich mit Anthony Goldstein. Goldstein. Severus musterte den Ravenclaw kurz. Zumindest schien er über ausreichend Verstand zu verfügen, sich in Lucindas Gegenwart nicht vollkommen lächerlich zu machen. Eine Eigenschaft, die offenbar nicht jedem jungen Mann in Hogwarts gegeben war.

Severus' Blick wanderte automatisch weiter. Castor Thornbloom befand sich ebenfalls auf der Tanzfläche. Natürlich. Wo sonst?

Thornbloom bewegte sich mit jener selbstgefälligen Überzeugung, die nur Menschen besaßen, die noch nie auf die Idee gekommen waren, dass ihre eigene Einschätzung ihrer Fähigkeiten möglicherweise nicht mit der Realität übereinstimmte.

Severus verzog kaum merklich den Mund. Dieser Junge hatte ihm in den vergangenen Wochen genug Nerven gekostet. Rosen. Hauselfen. Eine Harfe. Eine öffentliche Liebeserklärung. Und anschließend ein Artikel von Rita Kimmkorn, der Severus Snape tatsächlich mit einem Strauß Rosen abgebildet hatte. Allein die Erinnerung daran genügte.

Sein Blick verfinsterte sich. Thornbloom hatte Glück, dass Severus Punkte nur einmal abziehen konnte. Zumindest für denselben Vorfall. Dann bemerkte er eine Bewegung. Goldstein hielt Lucinda die Hand hin. Severus' Blick wurde unwillkürlich schärfer. Lucinda schien zunächst abzulehnen. Natürlich. Das überraschte ihn nicht. Seit Wochen beobachtete er, wie sorgfältig sie Abstand hielt. Nicht nur zu ihm. Zu fast allen Menschen. Selbst ihre Freundlichkeit besaß Grenzen.

Eine unsichtbare Mauer, die niemand überschreiten durfte. Mit Ausnahme vielleicht von Ruby Chadwick. Und magischen Geschöpfen. Bowtruckles offenbar eingeschlossen. Doch Goldstein sagte etwas. Lucinda hob eine Augenbraue. Dann lächelte sie. Und legte ihre Hand in seine.

Severus wusste nicht, weshalb ihn das störte. Also beschloss er, dass es ihn nicht störte. Eine ausgezeichnete Lösung. Goldstein führte sie auf die Tanzfläche. Severus griff nach seinem Kelch. Sein Blick blieb trotzdem dort.

Die ersten Schritte waren ruhig. Ein klassischer Walzer. Nichts Bemerkenswertes. Bis Lucinda sich bewegte.

Severus hielt inne. Sie konnte tanzen. Nicht einfach nur gut genug, um einem anderen Schüler nicht auf die Füße zu treten. Sie konnte tanzen .

Ihre Bewegungen waren sicher, elegant und vollkommen selbstverständlich. Keine Unsicherheit. Kein angestrengtes Zählen der Schritte, wie er es bei zahlreichen anderen Schülern beobachten konnte. Goldstein schien ebenfalls überrascht.

Lucinda sagte etwas. Anthony lachte. Und dann lachte auch sie.

Severus' Finger blieben um seinen Kelch geschlossen. Dieses Lachen. Er hatte es bereits gehört. Selten. Viel zu selten. Meistens zeigte Lucinda dieses kontrollierte kleine Lächeln, das niemals ihre Augen erreichte. Höflich. Beherrscht. Perfekt geeignet, um andere Menschen auf Abstand zu halten.

Das hier war anders. Sie wirkte...jung. Der Gedanke traf ihn unerwartet. Vierzehn. Zumindest für alle anderen Menschen in diesem Raum.

Doch Severus wusste inzwischen genug, um zu begreifen, dass hinter Lucinda Stonefield wesentlich mehr verborgen lag. Manchmal vergaß er trotzdem, wie sehr sie äußerlich zu all den anderen Schülern gehörte. Jetzt wirkte sie tatsächlich wie eine von ihnen.

Keine geheimnisvolle Schülerin. Kein Rätsel. Kein Mädchen, das bei jeder falschen Frage eine Mauer um sich errichtete. Einfach Lucinda.

>>Sie tanzt ausgezeichnet.<<

Severus wandte langsam den Kopf. Dumbledore. Natürlich.

>>Wer?<<, fragte Severus tonlos.

Der Schulleiter sah ihn über den Rand seiner Brille hinweg an. Dieses verdammte Funkeln in seinen Augen. >>Ich glaube, Sie wissen genau, wen ich meine.<<

>>Dann war Ihre Frage überflüssig.<<

Dumbledore lächelte. Severus ignorierte ihn. Zumindest versuchte er es.

Denn nun erschienen Chadwick und Daniel ebenfalls auf der Tanzfläche. Lucinda sah ihre Freundin. Chadwick grinste. Lucinda schüttelte sofort den Kopf. Severus hob minimal eine Augenbraue. Offenbar fand zwischen den beiden Frauen gerade ein vollständiges Gespräch statt, ohne dass auch nur ein einziges Wort gesprochen wurde. Wenig später tanzten alle vier. Und plötzlich veränderte sich etwas.

Aus zwei Paaren wurde beinahe eine kleine Formation. Ruby und Lucinda bewegten sich mit einer Vertrautheit, die Severus aufmerksam werden ließ.

Ein Schritt. Drehung. Partnerwechsel. Wieder zurück. Keine Absprache. Kein Zögern. Als hätten sie das schon früher getan.

Severus' Augen verengten sich. Interessant.

Goldstein und Daniel hielten erstaunlich gut mit. Lucinda wurde herumgeführt, wechselte mit Ruby die Position und landete exakt im nächsten Takt wieder an Goldsteins Seite. Applaus erklang.

Professor Flitwick begann begeistert zu klatschen. McGonagall lächelte. Mehrere Schüler blieben stehen und sahen dem Quartett zu. Severus hingegen beobachtete ausschließlich Lucinda. Etwas an der Art, wie sie tanzte, beschäftigte ihn. Nicht die Eleganz. Die Selbstverständlichkeit.

Als würde sie sich an etwas erinnern, anstatt etwas auszuführen, das sie irgendwann einmal gelernt hatte. Und dann lächelte sie Ruby an. Ruby erwiderte es. Für einen kurzen Moment lag etwas zwischen ihnen, das Severus nicht einordnen konnte. Vertrautheit. Aber eine ungewöhnlich tiefe. Fast...alt.

Severus' Blick wurde nachdenklicher. Wieder eines dieser kleinen Details. Wieder ein weiteres Puzzlestück, das nicht recht zu Lucinda Stonefield passen wollte. Dann erklang ein erschrockener Ruf. >>WHOA!<<

Severus schloss die Augen. Er wusste es. Er musste nicht einmal hinsehen. Irgendwo war Thornbloom. Als er die Augen wieder öffnete, bestätigte sich seine Vermutung. Castor Thornbloom taumelte rückwärts über die Tanzfläche. Offenbar hatte er versucht, seine Tanzpartnerin besonders eindrucksvoll herumzuwirbeln. Und ganz offenbar hatte die Schwerkraft beschlossen, ihm eine Lektion in Bescheidenheit zu erteilen.

Severus beobachtete wortlos, wie Thornbloom rückwärts gegen den Tisch mit dem Punsch stieß. Die große silberne Schale begann zu wackeln. Links. Rechts. Links. Thornbloom ruderte mit den Armen. Mehrere Schüler hielten den Atem an. Severus nicht. Er dachte lediglich: Fall hinein. Ein vollkommen unangemessener Gedanke für einen Lehrer. Aber verständlich.

Leider fing Thornbloom sich. >>Ha!<<, rief er triumphierend. >>Alles unter Kontrolle!<<

Severus' Gesicht blieb ausdruckslos. Natürlich musste er es sagen. Dann rutschte Thornbloom erneut ab. Sein Arm verschwand bis zum Ellenbogen im Punsch. Platsch.

Die Große Halle explodierte vor Gelächter. Severus starrte ihn an. Punsch tropfte von Thornblooms Ärmel. Eine Orangenscheibe klebte auf seiner Schulter. Fred und George Weasley kommentierten den Vorfall bereits mit einer Punktwertung. Professor McGonagall presste die Lippen aufeinander. Dumbledore hustete auffällig. Und Severus...schloss langsam die Augen.

Bei Salazar. Das war ein Slytherin. Sein Slytherin. Rosen. Hauselfen. Harfen. Öffentliche Liebeserklärungen. Und nun Punsch.

Severus schüttelte langsam den Kopf. Als er wieder zur Tanzfläche sah, lachte Lucinda. Nicht nur ein wenig. Sie lachte so sehr, dass sie sich kurz an Anthony festhalten musste. Ruby schien ebenfalls kaum noch stehen zu können.

Und Severus ertappte sich bei einem Gedanken, den er sofort wieder verdrängen wollte. Vielleicht war Thornbloom wenigstens für irgendetwas zu gebrauchen. Wenn auch nur dafür, Lucinda zum Lachen zu bringen.

Dann nahm Anthony erneut ihre Hand. Das Quartett kehrte auf die Tanzfläche zurück. Die Musik setzte wieder ein. Severus beobachtete, wie Lucinda noch einmal zu Ruby sah. Wie beide lächelten. Wie sie sich drehten. Wie ihr Kleid über den Boden glitt. Keine Angst. Keine Anspannung. Keine Schatten. Nur für diesen einen Augenblick.

>>Sie wirkt glücklich.<< Dumbledores Stimme war leise geworden.

Diesmal antwortete Severus nicht sofort. Sein Blick blieb auf Lucinda. >>Ja.<<

Nur dieses eine Wort. Dumbledore sagte nichts mehr. Kluger Mann. Denn Severus wusste selbst nicht, weshalb dieser Anblick etwas in ihm auslöste, das gleichermaßen beruhigend wie schmerzhaft war.

Vielleicht weil er zunehmend begriff, wie selten Lucinda sich erlaubte, einfach glücklich zu sein. Vielleicht weil er ahnte, dass hinter ihrer kontrollierten Fassade mehr Schmerz verborgen lag, als irgendein vierzehnjähriges Mädchen tragen sollte. Oder vielleicht...

Severus unterbrach den Gedanken. Nein. Er griff nach seinem Kelch und zwang seinen Blick von der Tanzfläche fort. Zehn Sekunden später sah er wieder hin. Und stellte mit wachsendem Ärger fest, dass Dumbledore lächelte.

>>Kein Wort, Albus.<<

>>Ich habe nichts gesagt.<<

>>Sie denken zu laut.<<

Dumbledores Lächeln wurde breiter. Severus beschloss, dass der Weihnachtsball tatsächlich eine vollkommen überflüssige Tradition war. Und Castor Thornbloom würde morgen fünf Punkte für Slytherin gewinnen müssen.

Mindestens. Allein schon als Entschädigung für die Orangenscheibe.

***

Severus blieb nicht länger als nötig in der Großen Halle. Die Musik, das Lachen und die ausgelassene Stimmung gingen ihm ohnehin gegen den Strich. Heute jedoch kam noch etwas hinzu. Er wusste nur nicht, was.

Mit ruhigen Schritten verließ er den festlich geschmückten Saal und trat hinaus auf den Korridor. Die eisige Winterluft, welche durch ein geöffnetes Fenster hereinwehte, war ihm deutlich lieber als die stickige Wärme der Feier.

Vor allem brauchte er Abstand. Abstand von einer gewissen Schülerin.

Missbilligend verzog er das Gesicht. Seit dem Giftanschlag schien sein Verstand ihn immer häufiger im Stich zu lassen. Er ertappte sich dabei, wie er ungewollt nach Lucinda Stonefield Ausschau hielt, ihren Gesundheitszustand beobachtete oder sich fragte, weshalb ausgerechnet sie ihn derart beschäftigte.

Es war unerquicklich. Sie war eine Schülerin seines Hauses. Nicht mehr. Nicht weniger. Mit diesem Gedanken im Kopf trat Severus hinaus in den Innenhof.

Einige Schülerinnen und Schüler hatten sich ebenfalls nach draußen begeben. Paare spazierten durch den verschneiten Hof oder standen auffallend eng beieinander. Severus schnaubte leise. Natürlich.

Kaum entzog man Jugendlichen die Aufsicht für wenige Minuten, glaubten sie, sämtliche Schulregeln außer Kraft setzen zu können. Mit wehendem Umhang schritt er über den Hof. Ein Hufflepuff-Junge hatte gerade den Arm um die Taille einer Beauxbatons-Schülerin gelegt. >>Fünf Punkte Abzug für Hufflepuff.<<

Die beiden fuhren erschrocken auseinander. >>Professor Snape!<<

>>Sollte ich Sie daran erinnern müssen, dass Hogwarts kein Ort für derartige... Zurschaustellungen ist?<<

>>N-Nein, Sir.<<

>>Dann dürfte die Botschaft angekommen sein.<<

Die beiden verschwanden eilig. Severus setzte seinen Rundgang fort. Ein paar Meter weiter sprang ein Durmstrang-Schüler beinahe erschrocken von einer Steinbank, als Snape plötzlich hinter ihm auftauchte. >>Zurück in die Große Halle.<<

Der Junge nickte hastig. Kaum war wieder Ruhe eingekehrt, erklang hinter ihm eine bekannte Stimme. >>Severus.<<

Er musste sich nicht umdrehen. >>Karkaroff.<<

Langsam wandte er sich seinem ehemaligen Schulleiter zu. Igor Karkaroff wirkte ungewöhnlich blass. Seine Augen huschten nervös über den Innenhof, als fürchte er, jeden Augenblick beobachtet zu werden. >>Wir müssen reden.<<

>>Müssen wir das?<<

>>Ja.<<

Severus verschränkte die Arme. >>Dann sprechen Sie.<<

Karkaroff trat näher. >>Er kommt zurück.<<

Severus verzog keine Miene. >>Diese Behauptung kursiert inzwischen häufiger.<<

>>Das ist keine Behauptung!<< Igors Stimme wurde hektischer. >>Du weißt genau, wovon ich rede.<< Severus schwieg. Karkaroff fuhr sich fahrig durchs Haar. >>Das Dunkle Mal...<< Er schluckte schwer. >>Es wird stärker.<<

Für einen flüchtigen Augenblick wanderte Severus' Aufmerksamkeit unwillkürlich zu seinem linken Unterarm. Unter mehreren Stoffschichten spürte er das vertraute Brennen. Schwach. Aber vorhanden. Natürlich hatte auch er die Veränderung bemerkt. Nur würde Karkaroff dies niemals erfahren.

>>Sie steigern sich in etwas hinein.<<

>>Unsinn!<< Karkaroff trat noch näher. >>Du warst einer von uns.<<

>>Das war ich.<<

>>Dann musst du es ebenfalls spüren!<<

>>Ich spüre lediglich Ihre Nervosität.<<

Igor schüttelte verzweifelt den Kopf. >>Er wird uns rufen.<<

Severus begegnete seinem Blick mit eisiger Ruhe. >>Dann werden wir sehen, ob Ihre Befürchtungen berechtigt waren.<<

>>Nein.<< Karkaroffs Stimme wurde beinahe flehend. >>Zeig es mir.<<

Severus hob eine Augenbraue. >>Wie bitte?<<

>>Deinen Arm.<< Einen Augenblick lang herrschte absolute Stille. >>Wenn das Mal ebenfalls dunkler geworden ist...<< Er griff plötzlich nach Severus' linkem Ärmel. >>...dann wissen wir—<<

Doch noch bevor seine Finger den Stoff richtig zu fassen bekamen, hatte Severus seinen Arm mit einer schnellen Bewegung zurückgezogen. Seine schwarzen Augen wurden schmal. >>Ich würde Ihnen dringend davon abraten, mich ungefragt anzufassen.<<

Karkaroff erstarrte. >>Severus...<<

>>Das Gespräch ist beendet.<<

>>Aber—<<

>>Sollten Sie weiterhin unbegründete Panik verbreiten, werde ich Professor Dumbledore darüber informieren.<<

Igor wich einen Schritt zurück. >>Du verstehst nicht...<<

>>Doch.<< Severus' Stimme blieb kalt. >>Ich verstehe sehr gut.<<

Ohne ein weiteres Wort ließ er den ehemaligen Todesser im Innenhof zurück. Erst als die Türen zur Großen Halle wieder hinter ihm zufielen, erlaubte er sich einen kaum hörbaren Atemzug. Das Brennen unter seinem Ärmel schien stärker geworden zu sein. Oder bildete er sich das nur ein?

Nein. Jetzt nicht. Er durfte sich keine Unsicherheit erlauben. Nicht gegenüber Karkaroff. Nicht gegenüber Dumbledore. Und erst recht nicht gegenüber dem Dunklen Lord.

***

Ruby PoV

Ich hatte mir vorgenommen, Professor Snape nicht mehr zu beobachten. Wirklich. Zumindest für den Rest des Abends. Meine bisherigen Erkenntnisse waren schließlich bereits umfangreich genug. Er hatte Lucinda vor der Großen Halle angesehen. Zu lange. Er hatte ihren Tanz mit Anthony verfolgt. Mehrfach.

Und jedes Mal, wenn Castor Thornbloom auch nur in ihre ungefähre Richtung geraten war, hatte Professor Snapes Gesicht einen Ausdruck angenommen, bei dem vermutlich selbst ausgewachsene Trolle freiwillig die Flucht ergriffen hätten. Die Beweislage war also durchaus interessant. Nicht eindeutig. Aber interessant.

Ich nahm einen Schluck Punsch.

>>Du machst es schon wieder<<, sagte Daniel neben mir.

Ich erstarrte. >>Was?<<

>>Starren.<<

>>Ich starre nicht.<<

>>Natürlich nicht.<<

Ich warf ihm einen Blick zu. >>Ich beobachte.<<

>>Das klingt überhaupt nicht verdächtig.<<

>>Ist es auch nicht.<<

Daniel folgte meinem Blick zum Lehrertisch. >>Wen beobachtest du überhaupt?<<

>>Niemanden.<<

>>Ruby.<<

>>Trink deinen Punsch.<<

Er schüttelte lachend den Kopf. Ich wollte mich gerade wieder Lucinda zuwenden, als mir eine Bewegung am Rand der Großen Halle auffiel. Professor Snape. Er verließ den Lehrertisch. Das allein wäre kaum bemerkenswert gewesen. Doch jemand folgte ihm. Igor Karkaroff.

Mein Lächeln verschwand. Der Schulleiter von Durmstrang sah sich kurz um, bevor er hinter Snape durch eine Seitentür verschwand. Merkwürdig. Sehr merkwürdig. >>Bin gleich wieder da<<, murmelte ich.

Daniel hob eine Augenbraue. >>Wo willst du hin?<<

>>Nur kurz raus.<<

>>Du weißt schon, dass normale Menschen auf einem Weihnachtsball tanzen?<<

>>Dann sei froh, dass du mit mir gekommen bist.<<

Bevor er antworten konnte, hatte ich mich bereits zwischen den Schülern hindurch geschoben. Ich hielt Abstand. Nicht weil ich glaubte, Professor Snape würde begeistert darauf reagieren, von einer Schülerin verfolgt zu werden. Sondern weil ich ziemlich sicher war, dass ich den folgenden Montag andernfalls nicht überleben würde.

Als ich die Seitentür erreichte, waren beide verschwunden. Ich trat hinaus. Der Korridor dahinter lag beinahe vollständig im Dunkeln. Für einen Moment hörte ich nichts. Dann Stimmen. Gedämpft. Ich ging einige Schritte weiter und blieb hinter einer steinernen Säule stehen. >>...stärker.<< Karkaroff.

Ich runzelte die Stirn. Seine Stimme klang anders als sonst. Keine Überheblichkeit. Keine Arroganz. Angst.

>>Das bilde ich mir nicht ein, Severus.<<

Severus. Nicht Professor Snape. Nicht Snape. Severus. Ich spähte vorsichtig um die Säule. Die beiden Männer standen einige Meter entfernt. Karkaroff wirkte angespannt. Sein Gesicht war blass. Professor Snape stand ihm gegenüber. Seine Miene konnte ich aus dieser Entfernung kaum erkennen.

Dann geschah etwas, das meine gesamte Aufmerksamkeit beanspruchte. Karkaroff griff nach seinem Ärmel. Er zog ihn zurück. Nur kurz. Ich konnte nicht erkennen, was sich darunter befand. Snape reagierte sofort. Er packte Karkaroffs Arm und zog den Stoff wieder darüber. Mein Atem stockte.

>>Nicht hier.<< Seine Stimme war kaum mehr als ein Zischen.

Karkaroff riss seinen Arm zurück. >>Du weißt genau, was das bedeutet.<<

>>Ich weiß wesentlich besser als Sie, was es bedeutet.<<

Karkaroff trat näher. >>Er kommt zurück.<<

Stille. Etwas Kaltes kroch meinen Rücken hinauf. Er? Wer?

Professor Snapes Gesicht war vollkommen ausdruckslos. >>Beherrschen Sie sich.<<

>>Wie kannst du so ruhig bleiben?<<

>>Panik war noch nie besonders hilfreich.<<

>>Wenn es stärker wird—<<

>>Genug.<<

Karkaroff verstummte. Professor Snape sah sich plötzlich um. Ich zog den Kopf augenblicklich zurück. Mein Herz schlug schneller. Merlin. Was war das? Ich wartete. Einige Sekunden später hörte ich Schritte. Ich presste mich dichter an die Säule. Karkaroff ging an mir vorbei. Er bemerkte mich nicht. Sein Gesicht war noch immer blass.

Kurz darauf folgte Professor Snape. Auch er blieb nicht stehen. Er verschwand wieder in Richtung Große Halle. Ich wartete trotzdem. Erst als beide außer Hörweite waren, trat ich hervor.

Meine Gedanken überschlugen sich. Karkaroff hatte ihm etwas an seinem Arm gezeigt. Etwas, das stärker wurde. Und Professor Snape hatte gewusst, was es war. Nicht nur das. Er hatte sofort verstanden, wovon Karkaroff sprach. Er kommt zurück.

Ich dachte an Lucinda. An ihre Vermutung. An den Verschwörer. An den Feuerkelch. An den Giftanschlag. Und plötzlich erschien mir meine kleine Beschäftigung mit Professor Snapes Blicken geradezu lächerlich.

Was wusste ich eigentlich über diesen Mann? Er war Hauslehrer von Slytherin. Zaubertränkemeister. Dumbledore vertraute ihm. Lucinda respektierte ihn. Und Ruby Chadwick hatte gerade beschlossen, aus einigen Blicken eine romantische Geschichte zu machen.

Ich verzog das Gesicht. Vielleicht hatte ich mich verrannt. Vielleicht hatte ich gesehen, was ich sehen wollte. Denn dieser Mann verbarg etwas. Etwas Großes. Und Karkaroff war darin verwickelt.

Ich blickte auf die Tür zur Großen Halle. Professor Snape befand sich bereits wieder darin. Als wäre überhaupt nichts geschehen. >>Interessant...<<, murmelte ich.

Zum ersten Mal an diesem Abend dachte ich nicht darüber nach, was Severus Snape womöglich für Lucinda empfand. Sondern darüber, wer Severus Snape eigentlich wirklich war.